Liebenswerte Störenfriede

Es gibt Haltungen und Ansätze, die mir meine Arbeit als medienpädagogischer Berater extrem erschweren.

Wir als Beratungssystem sind ständig lobbyistischer Einflussnahme ausgesetzt. Gähn. Kennen wir allmählich. Ich halte persönlich z.B. wenig von Calliope – da gibt es m.E. etabliertere Mikrocontroller (allerdings ohne Lobby dahinter)  und mehr von integrierten Ansätzen. Meine Kinder bekommen erst ein Smartphone ab 12 Jahren, ich bin gegen Coding in der Grundschule und ich erziehe meine Kinder so lange wie möglich außerhalb digitaler Sphären.

In den letzten Tagen ging dieser Kommentar durch Twitter. Die Autorin vertritt die Auffassung, dass Codingkenntnisse im Zeitalter der Arbeitsteilung nicht notwendig sind und es wird einmal mehr das gute, alte Autoargument angeführt: „Man muss keinen Motor verstehen, um Auto zu fahren.“ (mit diesem Argument wären eine ganze Reihe von jetzigen schulischen Inhalten übrigens nicht notwendig). Dann wird noch schnell der Digitalpakt mit dem Coden derart verknüpft, dass damit die Voraussetzungen geschaffen werden sollen, das „lobbyistische Coding““ endlich in die Schulen zu bringen. Und Steve Jobs sprach mit seinen Kindern über Literatur (Sagt das irgendwas darüber aus, wie in der Familie Jobs mit informatischer Bildung umgegangen worden ist?). Und am Schluss wird dann gutbürgerlicher Stoffkanon (dort übrigens kein Wort über Medienkompetenz) vor das Coden gestellt, Joseph Krauss ist der Retter des Schulsystems, wenn er fordert, Computer aus Grundschulen zu verbannen  und fertig.

Kann man so machen – muss man aber nicht. Von einem „Qualitätsmedium“ wie der F.A.Z. erwarte ich irgendwie mehr. Ich verstehe außerdem nicht, wogegen die Autorin agitiert – selbst der Umgang mit dem momentan sehr hippen Calliope hat zunächst nichts mit Coding zu tun – gar nichts, eher mit informatischen bzw. logischen Grundkonzepten (Ja, man kann mit dem Ding theoretisch logisches Denken lernen, aber eine quelloffene Plattform wie Scratch würde es zugegebenermaßen auch tun.).

Die in dem Kommentar auftretenden „Kausalketten“ höre ich dann wieder und wieder in Beratungsprozessen zu Medienbildungskonzepten. Jahaaa – Lesen, Schreiben, Rechnen, Literatur und kritisch Denken – so unvermeidliches Zeug wie Jugendmedienschutz sourcen wir dann aus an freie Medienpädagogen und ansonsten bleibt Schule halt so, wie sie bleibt.

Wer für das Coden in der Schule ist, der ist dem Lobbyismus verfallen. So einfach funktioniert zur Zeit die Denke in die Feuilletons und Feuilletons sind immer noch das, was der gebildete Lehrer von heute oft liest.

Für Internetgiganten und auch totalitäre Systeme könnte es nicht besser laufen: Je weniger das gemeine Volk von den Grundlagen informatischer Systeme versteht und das „Auto einfach nur möglichst lustbetont fährt“, desto besser und desto leichter lassen sich z.B. Algorithmen implementieren, die – wie Philippe Wampfler unlängst schrieb – „Freiheitsmomente […] in der höchsten Qualität“ anbieten. Ich stimme dem sogar zu, wenn ich von starken Demokratien ausgehe, deren politische Systeme für einen Interessenausgleich zwischen Datensammlern und Nutzern sorgen. Es läuft damit gerade nicht so super in China oder der Türkei.

Dummerweise sind starke Demokratien auf unserem Globus nicht unbedingt die Regel. Und auch in einer starken Demokratie wäre es für die Beurteilung von Algorithmen nicht ganz verkehrt, einiges darüber zu wissen als sich mit Kompetenzgeseier alte Weltbilder zu bestätigen.

Es geht mir als Berater gerade nicht darum, Internetgiganten kampflos das Feld zu überlassen, sondern ich denke, dass man Politik – ganz gleich ob es z.B. Umwelt-, Netz- oder Sozialpolitik ist – auf Basis von rudimentären Wissensbeständen nachhaltiger betreiben kann. Dazu sind Software und Geräte als Hilfsmittel unerlässlich und die muss irgendwer herstellen und entwickeln. Das sind i.d.R. Firmen und das ist genau so lange kein Problem, wie ebendiese keinen inhaltlichen Einfluss auf Schule nehmen oder so lange kein Problem, wie dieser Einfluss in Schule einen unabhängigen Konterpart hat. Es wäre schön, wenn das auf Dauer nicht allein die Medienberatung der Länder wäre, sondern informatische gebildete Schülerinnen und Schüler sowie natürlich auch Lehrkräfte.

Das halte ich aber noch für eine längeren Weg. Das ist ja genau das Problem: Lobbyismus trifft hier auf weitgehend unbestellte Felder, an denen derartige Kommentare nicht ganz unschuldig sind.

Ich bin mir nicht sicher, ob sich dieses Problem wirklich dadurch lösen lässt, Geräte aus den Schulen herauszuhalten – geht auch gar nicht, weil die in Form von Handys und wahrscheinlich bald auch in Form von Wearables schon da sind.

Die Antwort darauf kann nur Bildung sein und dazu gehört für mich im Zeitalter der Digitalisierung auch informatische Bildung. Möglichst früh. Geht auch ohne Gerät und unterstützt dann sogar Lesen, Schreiben, Rechnen und logisches Denken.

Es geht dabei – richtig angepackt – also schon um ein wenig mehr als darum, der IT-Industrie willfährige Programmierer zuzuführen. Leider bewegt sich die Debatte m.E. oft auf unterkomplexem Niveau.

 

 

 

Was bedeutet für mich Bildung?

Ich komme selten dazu, schlaue geisteswissenschaftliche Abhandlung zum Bildungsbegriff zu lesen. Ich kann mich nicht mit großem, fundiertem Wissen zu Bildungstheorien anderer schlauer Leute schmücken. Aber neulich kam mir ein Gedanke für eine Analogie, die meinen persönlichen, völlig unwissenschaftlichen Bildungsbegriff recht gut beschreibt, der sich aus privaten und beruflichen Quellen speist. Ich schaue dabei immer wieder auf meine Bildungshistorie und vor allem auf die Rolle von Schule und Universität.

Bildung hat für mich zwei wesentliche Komponenten. Struktur und Inhalte. Ich sehe diese beiden Komponenten einzeln als völlig wertlos an. Sieht man das Verhältnis zwischen beiden als dichotomisch an, so wird ein Schuh daraus.

Das ist ähnlich wie ein Lager (Struktur) mit Paketen (Inhalte). In einem Lager befinden sich Regale. Vielleicht fahren da auch Roboter hin und her, die von einem komplizierten Steuerungssystem betrieben werden. Vielleicht machen das Menschen – wir haben hier vor Ort einen Laden, bei dem man beim ersten Hinsehen nicht vermuten könnte, dass es eine Struktur gibt – aber sie ist vorhanden (und ermöglicht sogar das Auffinden eines Känguruh-Halfters nach Jahrzehnten). Unnötig zu erwähnen, dass dieser Laden ohne einen Internetauftritt auskommt.

In jedem Lager befinden sich Pakete, die innerhalb der Struktur einen Platz besitzen und meist auch irgendwann eine Funktion erfüllen. Wenn es keine Pakete gibt, ist der Betrieb des Lagers als Selbstzweck irgendwie doof. Wenn es keine Lagerstrukturen gibt, wird es mit der Verwertbarkeit der Pakete schnell schwierig. Lager und Pakete gehören also zusammen wie die zwei Seiten eines Blatts Papier – ein dichotomisches Verhältnis.

Ein modernes Lager organisiert sich heutzutage übrigens immer neu, besitzt also im Prinzip wenig feststehende Strukturen. Einzelne Pakete oder „Wissensartefakte“ sind da weniger dynamisch – wobei es natürlich immer auf das Wissensgebiet ankommt.

Beispiele für Strukturerwerb

Ich habe früher mal Jugendarbeit gemacht, unter anderem auch Freizeitarbeit. Ich war in einem Jahr der Älteste und Erfahrenste in einem Team. Wenn es Regeln durchzusetzen galt, musste ich das machen. Ich hatte nach einer Woche das Gefühl, bei den Teilnehmenden völlig unten durch zu sein. In der abendlichen Reflexion mit anderen Teamern gab es dann eine interessante Hypothese: Die Teilnehmer hassten nicht mich, sondern das was ich tat. Ob es so war, weiß ich nicht. Ich habe in der Situation jedoch den Unterschied zwischen Rolle und Person begriffen und konnte diese Struktur dann später in mein „Lager“ als gundlegende Organisationsform integrieren. Sie hilft mir heute in meiner Tätigkeit als Lehrkraft wie auch in Beratungsprozessen – man kann vor dieser Folie Verhalten anders einordnen.

Weiterhin gibt es in der Chemie ein didaktisches Konzept namens „Donator-/Akzeptorprinzip“. Die grundsätzliche Struktur dabei ist, dass Teilchen von A nach B übertragen werden. Man kann mit diesem Konzept schon sehr früh beginnen. Im Laufe des Chemieunterrichts ändert sich eigentlich „nur“, dass der Aufbau von A, B und dem Teilchen immer komplizierter wird. Das Prinzip bzw. die Struktur „Donator/Akzeptor“ bleibt jedoch. Ohne diese Struktur müsste man jedes Paket einzeln in ein Regal tragen und würde gar nicht sehen, dass man sie ggf. platzsparend ineinanderstapeln kann und damit Mengen an intellektueller Kapazität blockieren.

Beispiele für den Paketerwerb

Es gibt manchmal die Situation, dass man bestimmte Pakete braucht bzw. besitzen muss, um die Notwendigkeit zu sehen, dass diese gelagert werden müssen oder um überhaupt einer Lagerungsstruktur entwickeln zu können.

Vokabeln einer Fremdsprache sind für mich so ein Beispiel. Wenn ich sie nicht kenne (erwerben kann ich sie freilich recht unterschiedlich), wird es mir schwerfallen, die Struktur einer Sprache zu erfassen. Der Spracherwerb von Kindern erfolgt ja oft über Worte, die dann in eine zu begreifende Struktur (Grammatik einer Sprache) zu integrieren sind, damit Kommunikation gelingt. Ob man eine Fremdsprache durch andere Unterrichtsformen erlernen kann, wird gerade hier in Niedersachsen durch ein neues Kerncurriculum Englisch ausprobiert. Im Prinzip versucht dieses so zu tun, als würde der Spracherwerb wie bei einem native Speaker erfolgen können – allerdings in Deutschland. Mal sehen, ob es klappt.

Ich mochte Geschichte als Schüler nie, bemerke aber, dass ich einzelne Wissenspakete jetzt in eine Verbindung bringen, d.h. Strukturen mit Hilfe vorhandener Inhalte aufbauen kann, von denen ich lange Zeit nicht wusste, wo ich sie im Lager hinstellen sollte. Die Pakete waren zur Schulzeit also vollkommen sinnfrei und haben irgendwo in einer Ecke des Lagers gestanden, wo sie verstaubt sind. Dass sie einmal wichtig werden würden, wusste ich damals nicht. Leider ist es schwer vorauszusehen, für welche Pakete das im Leben eines Menschen gelten wird. Daher beruht soetwas wie „Bildungskanon“ im Grunde auf einer breit gestreuten Spekulation.

Auseinandersetzungen um die „richtige“ Art von Bildung

Grob gesprochen gibt es für mich in der Bildungsdiskussion zwei Pole: Den der Inhalte und den der Strukturen. Streit gibt es oft darüber, wie man sich „richtig“ zwischen den Polen positioniert.

Extremposition 1:

Pakete, die man vorgesetzt bekommt, entspringen dem industriellen Zeitalter. Pakete sucht man sich selbst und baut damit seinen eigenen Strukturen. Eigentlich sind primär die Strukturen wichtig, da es eh viel zu viele Pakete in der Wissensgesellschaft gibt und zum anderen am Anfang der Schulzeit noch gar nicht klar sei kann, welche Pakete man später mal finden und ausliefern muss. Pakete liegen heute eh alle fertig in Digitalien herum. Finden und auspacken reicht eigentlich auch schon.

Extremposition 2:

Wenn man nie ein vorstrukturiertes Lager gesehen hat, bei dem man genötigt wurde, Pakete an vorgegebene Plätze zu stellen, d.h. wenn man nie ein Beispiel für ein Lager gesehen und erlebt hat, wird man kein eigenes Lager bauen können. Lehrjahre sind kein Herrenjahre. Und es gibt Menschen, die eben wissen, was gut und recht ist und was ein Staatsbürger eben so können muss. Das vorgebene Lager kann ja dann als Referenz- und Bezugspunkt für das eigene Lager dienen. Und wenn ich alle Pakete in Digitalien erst suchen muss, werde ich nicht effizient arbeiten können oder Strukturen entwickeln, die nicht effizient sind und intellektuelle Kapazitäten blockieren.

Zwischenfragen

  1. Es gibt Lageranordnungen, die sinnvoll und effzient sind, um möglichst viele Pakete in kurzer Zeit strukturiert abzulegen und abrufen zu können. Es gibt dazu bestimmt auch Alternativen, z.B. kann man klassisch schriftlich Multiplizieren oder eben auch ganz anders. Wann ist die eigene Suche nach Strukturen weniger effizient als die Adaption vorhandener?
  2. Das verfügbare Wissen der Welt wächst exponentiell. Der Anspruch, möglichst das für das eigene Leben relevante Wissen im Rahmen eines vorgegebenen Bildungskanons zu erwerben ist ein härer, kaum zu bewältigender. Wann ist die Aussage „Man kann nicht alles wissen!“ korrekt und wann negiert sie, dass es Strukturen gibt, auf denen sich Wissen besser oder schlechter aufbauen lässt?

Aktuell

Aktuell wird diskutiert, inwieweit Informatik ein Bestandteil von Unterricht sein sollte wie etwa Chemie, Physik oder Biologie, Die Gegner sagen: „Es will ja nicht jeder Computernerd werden!“ – Ich sage: „Soso. Aber jeder will Chemiker, Physiker oder Biologe werden!“ Nebenbei nehme ich wahr – wahrscheinlich als einziger – das die Informationstechnologie zunehmend unseren Alltag bestimmt, wir aber immer weniger von den zugrundeliegenden Strukturen wissen.

Wenn ein Kind keine Eiche mehr erkennt, ist das schade. Wenn ganze Gesellschaften unreflektiert informationstechnische Systeme bedienen, von deren Funktion oft das Leben abhängt, ist das völlig selbstverständlich. Das Wissen über diese Strukturen braucht keiner, weil es mühsam und belastend ist – über Chemie höre ich übrigens in der Rückschau ehemaliger Schüler mit entsprechender Chemielehrerbiographie gleiches.

Man könnte ja auch anders argumentieren: Weil informationstechnische Systeme unseren Alltag ebenso wie biologische, physikalische oder chemische Prozesse bestimmen, wäre eine Einführung in grundlegende Strukturen so doof nicht. Informatik – obwohl nicht „mein“ Fach – ist eine Wissenschaft rund um die Strukturen informationstechnischer Systeme. Programme und Hardware braucht man, um darüber etwas zu lernen. Sie sind aber austauschbare Pakete.

Weiterhin ist das „Projektlernen“ zurzeit ein neuer pädagogischer Modebegriff: Schülerinnen und Schüler suchen sich hier ihre Pakete und Strukturen selbst. Ich habe mit dem Projektlernen in der Regel nur dann sehr gute Erfahrungen gemacht, wenn bestimmte Strukturen bereits vorhanden waren. Dazu gehören fachliche, methodische Strukturen aber auch Persönlichkeitsmerkmale, die für das gewählte Projekt oder Thema dann konstituierend sind.

Fazit

Inhalt und Struktur gehen immer Hand in Hand. In der Diskussion um „gute Bildung“ wird mir momentan zu sehr polarisiert.

Zum Weiterdenken und -lesen

Zufällig arbeitet Jean-Pol Martin zurzeit an einem recht ähnlichen Gedanken mit jedoch etwas verschobenem Fokus, indem er  – um in meinem Bild zu bleiben – die erfolgreiche Integration von Paketen in eine Lagerstruktur sogar mit glücksbringenden Erfahrungen assoziiert – der Prozess der Einordnung („Konzeptualisierung“) als sinnstiftendes Moment unseres Lebens.

Warum NC-Lizenzen im Bildungsbereich?

Zwischen den Feiertagen kommt es im Netz zu Diskussionen, inwiefern NC-Lizenzen, also der Ausschluss einer kommerziellen Nutzung freier Bildungsinhalte sinnvoll sind. Lesenswert ist der in diesem Zusammenhang häufig zitierte Artikel von Eric Möller. Auch hier im Blog ist das Thema in einem Kommentar, den ich bisher noch nicht angemessen realisiert habe. Visionen von einer neuen „Bildungscloud“ sind von Christian Füller in der TAZ zu lesen. Entscheidend für die Realisierung dieser Vision wird einerseits die Rechtefrage sein andererseits aber auch die Bereitschaft sowie die grundlegende Haltung der daran mitwirkenden Personen. Bei letzterem Aspekt hege ich Zweifel, inwiefern eine „Nicht-NC-Lizenz“ sich positiv auswirkt und das liegt an den besonderen Umständen des Bereichs „Bildung“ hier in Deutschland. Nehmen wir einmal nüchtern den Ist-Zustand:

  1. Bildungsinhalte im schulischen Bereich sind zu > 90% monopolisiert im kommerziellen Bereich (Schulbuchverlage)
  2. Ersteller von Bildungsinhalten sind zu einem nicht unerheblichen Anteil Lehrkräfte, die für z.B. einen Verlag arbeiten. Die Vertragsbedingungen wären für mich zurzeit zu schlecht, um so etwas auch zu machen. Viele Kollegen, die ich kenne, tun es auch mehr der eigenen Reputation willen.
  3. Es gibt Plattformen mit freien Inhalten. Nachhaltig werden diese Plattformen oft von einem personalisierten, harten Kern mit viel Liebe und Enthusiasmus getragen. Oft sind es „HTMLer der ersten Stunde“ und es gibt auch hier gelegentlich Nachwuchssorgen.
  4. Viele Inhalte liegen auf Einzelwebseiten, Blogs usw. weit verstreut im Netz herum – hier im Blog ja auch das eine oder andere. Es gibt Erschließungsversuche durch spezielle Suchmaschinen, die man (pluralis majestatis) aber hinsichtlich der Ergebnisqualität und -präsentation eigentlich eher nicht sinnvoll nutzen kann.
  5. Es ist im schulischen Bereich üblich, Material aus kommerziellen Quellen zusammenzukopieren ohne die Angabe einer Quelle. Wer eine Festplatte aus einem Schulkopierer ausbaut, wird wahrscheinlich nicht viele Quellenangaben finden. Deswegen gibt es eigentlich auch den Rahmenvertrag mit den Verlagen: Es geht darum, eine nicht legale Praxis in begrenztem Umfang zuzulassen, daran zu verdienen und hintergründig um das Eingeständnis, dass die bestehenden kommerziellen Lizenzmodelle eigentlich nicht praxistauglich sind.
  6. Weil das Verhalten unter 5 üblich ist, wird man seine öffentlich bereitgestellten Texte als Lehrkraft auch immer wieder in kommerziellen Produkten ohne Angabe der Quelle finden – das speisen wahrscheinlich die gleichen Lehrkräfte ein, die morgens ihren zusammengeschnippelten Zettel auf den Kopierer legen (wenn sie den nicht sogar erst vor Ort zusammenschnippeln)
  7. Es gibt einzelne, sorry vereinzelte, die Materialien heute schon in verschiedener Form (Blog, Wiki usw.) tauschen. Die Motivik scheint mir sehr unterschiedlich. Vielen ist gemein, dass sie diese individuelle Form der Selbstbestimmheit wegen wählen. Die Bereitschaft zur Schaffung gemeinsamer Projekte scheint mit doch recht gering. Das ist bei mir nicht anders. Dieses Blog dient klaren Zwecken bar jedweder altruistischen Ziele. Selbstverwirklichung ist nur einer. Diejenigen, die sich öffentlich im Netz präsentieren, sind gut vernetzt und berichten einander von neuen Inhalten und Materialien. Dadurch entsteht manchmal der Eindruck, dass das sehr viele Menschen sind. Das stimmt wahrscheinlich nicht. In der Mitte einer Schwarms von 100 Fischen sieht man den Rand nicht. Dazu muss man immer wieder aus dem Schwarm herausschwimmen. Gleichwohl bewegt dieser kleine Schwarm etwas, von dem ich mich zunehemend frage, was es denn genau ist. Mit nebulösen „Internet-Revolution-Ubergangsphänomen“-Geschnacke tue ich mir äußerst schwer.

Was wird oft als wünschenswerter Zustand formuliert?

  1. Christian Füller beschreibt es in seinem Artikel: Eine von Lehrern und Wissenschaftlern geschaffene Cloud, in der Inhalte für Forschung und Lehre frei sind. Strenggenommen müsste man dafür einen gewaltigen Schritt weiter gehen: Die Gesellschaft bezahlt mich nicht einmal schlecht dafür, dass ich Lehrer bin. Von mir in diesem Rahmen geschaffene Inhalte sind damit eigentlich konsequenterweise Eigentum der Gesellschaft – nicht meines. Genau wie die Inhalte öffentlich-rechtlicher Sender und Universitäten mit öffentlichen Geldern finanziert sind und damit gemeinfrei sein müssten (viele Kollegen denken das m.E. nicht konsequent zu Ende – bei den Öffentlich-Rechtlichen: „haben, haben, schnell haben!“, bei sich selbst: „Also das ist ja wohl ein Eingriff in meine Privatssphäre, dazu darf mich keiner zwingen!“). Jetzt bezahlt die Gesellschaft Lehrer, die Inhalte für Verlage schaffen, um diese Inhalte dann unter Lizenzen zurückzukaufen, die eine freie Verwendung erst nach Ablauf von Jahrzehnten ermöglichen – diese Art von „Nebentätigkeit“ gehört meist auch noch zu den gewünschten – ist das logisch?
  2. Idealerweise gibt es eine Reihe von Menschen, die bereit sind, Inhalte unter freien Lizenzen zu erstellen. Zurzeit erstellen und veröffentlichen  schätzungsweise von 100 Lehrern maximal zwei Materialien, die sich für den Einsatz im Bildungsbereich eignen und die unter freien Lizenzen stehen (das ist optimistisch). Das hat mit Rechtefragen nur am Rande zu tun. Eher mit Belastung und Zeit. Aber eben auch mit Haltung: „Dann können das ja andere kopieren. Ich will die gleiche Arbeit wieder schreiben können. Da könnten ja Fehler enthalten sein, die meine Reputation schädigen.“
  3. Idealerweise bezahlt der Staat Verlage für die Erstellung freier Materialien. Doof nur, dass es den Föderalismus und die Globalisierung gibt. Dann profitieren ja andere von den Ressourcen einer Volkswirtschaft. Ist ja nicht so, dass unsere Volkswirtschaft von Billiglöhnen und Ausbeutung anderer Völker profitiert.
  4. Niemand muss mehr fragen. Alles darf frei verwendet werden. Lizenzen gibt es nur noch in der Form (edit) CC-BY-SA. Das ist einerseits rechtlich sehr sicher, anderseits vor allen Dingen bequem.
  5. Ich würde mir ja wünschen, dass Folgendes passiert: Alle Twitter- und Blogger-Lehrer legen ihre Kraft in ein gemeinsames Projekt – vermarkten das in der Art und Weise einer digitalen Rampensau, nutzen alle Kontakte, um das in der Öffentlichkeit jenseits des kleinen Blogs zu präsentieren. Nur eine solche gemeinsame Arbeit mit konkreten Selbstverpflichtungen wird den bestehenden Strukturen etwas entgegensetzen können. Das wird nicht geschehen, weil niemand von uns altruistisch genug dafür ist, weil jedes zu planende Projekt an Grundsatzfragen wie „Welche Lizenz?“, „Welche Plattform?“, „Welche Farbe?“, „Welches Logo?“ usw. zerschellen würde.

Zusammenfassung

Auch 2012 werden Lehrer Lehrer bleiben und Menschen Menschen. Die Verlage werden weiter an einer Software schrauben lassen, die wahrscheinlich nie datenschutzkonform einsetzbar und technisch immens schwer zu realisieren sein wird. Lehrer werden weiter für Verlage arbeiten und Lehrer werden mit dem Copyright weiter so umgehen, wie sie mit dem Copyright umgehen. Unter den jetzigen Rahmenbedingungen ist für mich die NC-Lizenz so etwas ähnliches wie der Rahmenvertrag zur pauschalen Vergütung von Ansprüchen der Verlage: Sie verhindert nicht, dass Material kommerziell eingesetzt wird, aber sie zeigt ein bisschen moralisch auf, dass das nicht fair ist, genau wie die 10%-12-Seiten-Kopierregel moralisch de Zeigefinger hebt, dass das, was ich da morgens am Kopierer tue, eigentlich so nicht ganz in Ordnung ist – moralisch. Rechtlich immerhin in gewissen Grenzen schon.

Was ist der Unterschied zwischen Wissenschaft und stereotyper Kultuspolitik?

Wissenschaft entwirft ein Konzept, wählt eine repräsentative Stichprobe aus und testet es. Aus den Ergebnissen der Stichprobe werden Modifizierungen abgeleitet, ggf. erneut getestet. Dann erfolgt eine Verallgemeinerung bzw. breite Implementierung des Konzeptes. Konzepte, die sich in der Stichprobe nicht bewähren, werden nicht implementiert.

Stereotype Kultuspolitik erlässt Konzepte. Die Implementierung erfolgt sofort. In der Regel sind diese Konzepte per Definition intrinsisch korrekt, da formal ein Partizipationsangebot erfolgt ist. Konzepte, die sich nicht bewähren, werden durch neu erlassene Konzepte ersetzt.

Lernen mit neuen Medien bzw. Lernen in der Wissensgesellschaft droht in meinen Augen stereotyp kultuspolitische Züge zu tragen: In der Regel wird auch hier nicht anhand einer Stichprobe getestet, sondern es werden Setzungen und Annahmen vorgenommen, die eben nicht wissenschaftlichen Kriterien genügen, weil sehr oft empirische Belege und Untersuchungen, bzw. Verweise auf Studien fehlen. Ich nehme zunehmend wahr, dass wir uns darin gefallen „Metageseier“ zu produzieren, d.h. mit Potentionalitäten in sich selbst verstärkenden, ideologisch meist auf einer Wellenlänge liegenden Zirkeln sprachlich – rezeptiv oder deskriptiv – zu operieren.

Das gab es alles strukturell schon einmal: In der Gesamtschuldebatte der 70er Jahre. Der Umbau des Bildungssystems ist jedoch zu wichtig, als dass wir uns eine Wiederholung dieser Strukturen auf Dauer leisten könnten. Mir bereitet das Sorgen. Dieser Umbau darf nicht so enden wie das Konzept der Gesamtschule.

Patenkind in Namibia

Elisabeth, eine ehemalige Schülerin, die zur Zeit ein Jahr in Namibia verbringt, schreibt mir:

„Nach Absprache mit Sr. Elisabeth haben wir uns überlegt, ein Patenprojekt aufzubauen. Für viele Familien hier ist es schwierig das Schulgeld bzw. Geld für Hostel- und Schuluniformkosten aufzubringen, und es passiert, dass Kinder von der Schule genommen werden müssen, da die Kosten eine zu große Belastung für die Familie darstellen. Um den Kindern eine vollständige Schulausbildung ermöglichen zu können, haben Flo und ich uns überlegt, dass es eine gute Idee wäre, eine Art Patenprojekt aufzubauen. Das heißt, dass ein Pate in Deutschland die Kosten für das Hostel (ca. 56 Euro im Jahr), die Schuluniform (ca.20 Euro im Jahr) und Hygieneartikel für die Zeit im Hostel (Zahnbürste, Seife, etc.) übernehmen würde. Wir haben mit Sr. Elisabeth zusammen überlegt, dass 100 Euro im Jahr eine gute Summe für ein Patenkind wären. Natürlich könnt ihr dann auch per Brief oder Mail Kontakt zu eurem Patenkind aufnehmen und wir können euch Fotos schicken, damit ihr wisst bei wem eure Hilfe ankommt.

Wer Interesse an einer solchen Patenschaft hat oder Fragen, darf sich gerne per Mail bei mir melden (elisabeth.namibia[at]gmx.de) und ich schicke dann weitere Informationen über dieses Projekt.“

Ich kenne Elisabeth seit der 7. Klasse – sie ist mich bis zum Abitur nie als Lehrer „losgeworden“ – zwei Jahre Deutsch (7,8), zwei Jahre Chemie (9,10), ein Jahr Chemie (11), zwei Jahre Deutsch (12,13). Weil ich sie kenne, denke ich, dass das eine gute Sache werden könnte. Wir als Familie überlegen auch schon sehr lange, eine solche „Long-Distance-Patenschaft“ anzugehen. Ein persönlicher Kontakt nach Afrika ist da immer ein guter Anfang.

1 2 3