Projekt mit dem Waldkindergarten (reloaded)

Ich habe in diesem Jahr wieder einen polyvalenten Chemiekurs. Das ist ein etwas seltsames Konstrukt: Primär geht es um Chemie, jedoch sollen auch Inhalte anderer Naturwissenschaften einfließen und es darf nichts aus dem Oberstufencurriculum Chemie behandelt werden. Überhaupt ist dieser Kurs eine komplett curriculumsfreie Lehrkrafterholungszone. Er dient lediglich dazu, dass SuS, die bestimmte Oberstufenprofile gewählt haben, ihre Belegungspflichten für das Abitur erfüllen können – wir sagen dazu „Abdeckerkurs“. Gleichwohl sind Noten zu erteilen.

Ich habe den SuS vier Inhalte angeboten, u.a. eine Wiederbelebung meines alten Waldkindergartenprojektes, welches konkurrenzlos von allen präferiert wurde.

Da ich mit dem Ablauf damals nicht so ganz zufrieden war, lasse ich in diesem Jahr einige Elemente aus dem klassischen Projektmanagement und meine Erfahrungen mit Wikis aus dem letzten Jahr mit einfließen, aber nicht zu viel, um die Transaktionskosten möglichst erträglich zu halten – so gebe ich z.B. den angespeckten Projektablaufplan weitgehend vor.

Das sieht dann so aus:

Wochentag Doppelstunde Inhalt
Freitag 1 Experimentauswahl, Projektaufräge
Freitag 2 M1: Projektaufträge vorstellen, Material- und Geräteliste erstellen
Mittwoch 3 Experiment selbst durchführen, ggf. optimieren
Freitag 4 Feiertag
Freitag 5 Experiment selbst durchführen, ggf. optimieren
Mittwoch 6 Beschreibung zum Versuchsaufbau erstellen
Freitag 7 Beschreibung zum Versuchsaufbau erstellen
Freitag 8 M2: Abgabe Beschreibung zum Versuchsaufbau
Mittwoch 9 Präsentation für den Kurs Gruppe A
Freitag 10 Präsentation für den Kurs Gruppe B
Freitag 11 Präsentation für den Kurs Gruppe C
Freitag 12 Optimierung und Bezüge zu anderen Experimenten
Mittwoch 13 Optimierung und Bezüge zu anderen Experimenten
Freitag 14 M3: Waldkindergartenbesuch
Freitag 15 Auswertung und Feedback
Mittwoch 16 Überarbeitung Beschreibungen
Freitag 17 Überarbeitung, weihnachtlicher Abschluss
Mittwoch 18
Freitag 19
Mittwoch 20
Freitag 21
Freitag 22
Mittwoch 23

 

Zwei Doppelstunden hatten wir schon (normalerweise steht da ein Datum). Wer noch nie einen Projektauftrag gesehen hat, findet hier eine Vorlage. In Fettdruck sind die Meilensteine bezeichnet – diese geben mehr oder weniger vor, bis zu welchen Zeitpunkt ein Zwischenziel erreicht sein muss. Ein Projektauftrag ist eine gute Grundlage, um sich darüber klar zu werden, was man überhaupt mit einem Projekt erreichen möchte. Vor allem die Projektrisiken sind dabei für mich von besonderem Interesse – mögliche Risiken sind z.B.:

  • Motivationsverlust
  • Unterschiedliches Engagement in der Kleingruppe
  • fachliche Überforderung
  • […]

Man kann dann im Vorwege darüber reden, wie man den Risiken begegnet (die SuS haben viel Erfahrung mit gelungenen und weniger gelungenen Gruppenarbeitsprozessen).

Die in der ersten Phase zentrale Beschreibung des Versuches besitzt folgende Struktur:

  • Gruppenmitglieder
  • Projektauftrag (Verlinkung auf Datei)
  • Benötigte Geräte
  • Benötigte Chemikalien
  • Durchführung
  • Dokumentation der eigenen Durchführung
  • Theoretischer Hintergrund (gymnasial)
  • Warum ist das Experiment für Kinder geeignet?
  • Kindgerechte Erklärung
  • Was kann das Kind bei dem Experiment über Chemie lernen?

Es wird im Unterricht immer ein festes Ritual in Form eines Plenums geben, in dem die Gruppen folgende Aspekte berichten:

  1. Was haben wir heute erreicht?
  2. Welche Probleme gab es dabei?
  3. Was ist in nächsten Zeit zu erledigen?

In der Präsentationsphase schlüpft das Plenum in die Rolle von Kindergartenkindern und Beobachtern, während jeweils ein Experiment tatsächlich durchgeführt wird. Dabei tauchen erfahrungsgemäß Probleme auf, an die auch ich vorher nicht gedacht hätte – vor allem auch Kooperationsmöglichkeiten zwischen Gruppen.

Nach dem Besuch der Kinder erfolgt eine letzte Reflexion, die folgende Elemente umfasst:

  • Rückmeldung der Kinder (muss auch vorbereitet werden)
  • Rückmeldung der Kursteilgebenden an mich und meinen Unterrichtsstil
  • Überlegungen zur Weiterarbeit, z.B. mit Grundschulkindern

Gesammelt und erledigt werden alle Arbeitsschritte in einem nichtöffentlichen DokuWiki. Uns stehen in der Chemie acht Laptops für die ernsthafte Arbeit und einige Nexus7-Tablets für Recherche und Zuarbeit zur Verfügung. Natürlich gibt es LAN- und WLAN-Versorgung, sodass auf Totholz weitgehend verzichtet werden kann.

 

 

 

Projekt mit dem Waldkindergarten

Ich unterrichte in diesem Schuljahr einen sogenannten polyvalenten Chemiekurs. Dieser Kurs ist notwendig, damit die Schülerinnen und Schüler ihre Belegungspflichten in der Profiloberstufe erfüllen, und er soll prinzipiell fachübergreifend innerhalb der Naturwissenschaften angelegt sein. Als Chemie-/Deutschlehrer tut man sich da selbstredend schwerer als jemand mit einer zweiten Naturwissenschaft als Beifach.

Da ich ja immer fixe Ideen habe (es gibt zu diesem Kurs kein Curriculum!) und es an unserer Schule schon Projekte gab, in denen Schülerinnen und Schüler Grundschülern die Chemie nähergebracht haben, habe ich dem Kurs vorgeschlagen, einen Schritt weiterzugehen und den örtlichen Waldkindergarten mit einzubinden, zu dem ich gute Kontakte haben und die beim Haus der kleinen Forscher mitmachen. Mein Kurs wollte und hat unter dem Rahmenthema „Farben“ einige Experimente ersonnen, aber gleichzeitig auch eine Didaktisierung für Kinder dieses Alters.

Schritt 1 – Planungsphase A:

Anhand von Material aus unserer Schule, z.B. den vom Kurs des letzten Jahres erstellten Reader für die Grundschüler, und anhand von Internetrecherchen wurden verschiedene Versuche von den sechs Teams ausgewählt. Schwerpunkt bildete dabei die Praxis – d.h. es musste Sicherheit um Umgang mit Geräten und Stoffen erworben werden. Ich habe mich nur bei wirklich sicherheitsrelevanten Aspekten eingeschaltet.  Hier eine Auswahl von Aufbauten – die Fotos sind von den SuS erstellt (der erfahrene Chemielehrer erkennt einige Klassiker, alle anderen seien auf das Dokumentationswiki verwiesen, welches wir im Kurs gerade befüllen – Link folgt):

 

Milchbild - Mit Zauberstab und Lebensmittelfarbe Muster zeichnen

 

Eine einfache Lavalampe - Salz reißt Öl mit...

Schritt 2 – Erprobungphase:

Alle Versuche wurden im Unterrichtsraum an Stationen aufgebaut. Wir sind als ganze Lerngruppe von Station zu Station gezogen. Die zuständigen Teams haben SuS, die die Kinder „simulieren“ sollten, ihren Versuch vorgestellt bzw. durchführen lassen. In dieser Phase kam es auch zu spannenden Erkenntnissen auf beiden Seiten.

Schritt 3 – Planungsphase B:

Die Experimente wurde entsprechend der Erfahrungen (SuS geben erstaunlich realistische Kindergartenkinder ab, wenn man sie nur lässt…) vor allem unter diesen Fragestellungen überarbeitet:

  • Was kann ein Kind machen, was ich bisher vorgemacht habe?
  • Was kann alles schiefgehen und vermeide ich das durch einen geeigneten Versuchsaufbau?
  • Wie setze ich meinen Anspruch an die Vermittlung von Hintergründen zum Experiment kindgerecht um?
  • Was brauche ich noch für mein Vorhaben (Material, Hilfen)?

Schritt 4 – Durchführung:

Am 6. Mai war es dann soweit. Die SuS waren für das Projekt für die ersten beiden Stunden nebst Herrn Riecken freigestellt (in der 3./4. Stunde lag unser regulärer Unterricht). Da ich den Unterricht der KuK achte, gehe ich bei Projekten möglichst minimalstundenplaninvasiv vor. Meine regulären Klassen hatten zumindest zur Hälfte Aufgaben erhalten – gleichwohl wurde ich natürlich vertreten. Leider kann ich aus Datenschutzgründen keine Fotos veröffentlichen.

Ich habe selten so beteiligte und engagierte SuS erlebt – selbst Klogänge mit den Kindern wurden selbstbestimmt durchgeführt. Als ein Glückgriff erwies sich, dass Herr Riecken in der Aufregung die Kinder in fünf Gruppen statt in die notwendigen sechs aufgeteilt hatte – so blieb ein „Joker“ und es durfte an Station A auch einmal länger als an Station B dauern.

Schritt 5 – Reflexion:

Erstmal haben wir ca. 200 Fotos von diesem Tag am Beamer geschaut – die Erzieherinnen und Herr Riecken haben viel fotografiert… Dann ging es in den PC-Raum zu einem anonymen Feedback mit Moodle. Hier einige Ergebnisse, die für sich selbst sprechen:

Freitextfrage: Was hat mich bei der Durchführung positiv überrascht?

Kinder waren sehr engagiert.
Das Wissen das einige Kinder bereits mitbringen
Es war alles gut
Die Begeisterung der Kinder sowie die Ausdauer in Bezug auf diese.
Die Kinder waren sehr interessiert und haben viel nachgefragt. Zudem wollten sie viel selbst machen.
Meine eigene, und die Motivation der anderen
Kinder haben die Theorie oft schnell verstanden.
Das überaus starke Interesse der Kinder
nichts
einige Kindergartenkinder waren interessiert und wissbegierig.
Des Weiteren hatten einige der Kids viel Spaß.
Dass die Kinder teilweise gut mitgearbeitet haben und schon einiges verstanden haben
Die meisten Kids waren sehr engagiert dabei!

Wir haben übrigens sehr viel mit dem Kugelteilchenmodell gearbeitet. Das ist – auf jeder Chemiefortbildung zu hören – „wissenschaftlich nachgewiesen“ für Kinder bis zur 6. Klasse „viel zu abstrakt“ – Phänomene reichen aus. In der Physik hingegen ist es „wissenschaftlich erwiesen“, dass es in der 5. Klasse eingesetzt werden sollte, um Phänomene zu erklären, damit es nicht allein auf konsumierendes Gepütscher hinausläuft. Ich oute mich ja immer auf Chemiefortbildungen damit, nicht auf dem neuesten Stand der Wissenschaft zu sein. Die Frage nach Belegen reicht meist aber schon für eine entlarvende „Weilnunmaldasistnunmalso“-Argumentation, meist gepaart mit einem persönlichen Angriff – das nur am Rande.

Weiter mit den Evaluationsergebnissen:

Über den letzten Punkt kann man sich streiten – oder auch nicht, denn:

Freitextfrage: Folgendes würde ich bei einer Wiederholung des Projektes anders machen

eventuell einen anderen Versuch wählen
die Kinder mehr machen lassen.
einfachere Themen, die nicht chemisch erläutert werden müssen und vielleicht noch verständlicher sind.
Ich würde versuchen das Projekt noch strukturierter auszuführen
ein wenig mehr Zeit einplanen
gemeinsame Pause mit den Kindern
Eine längere Zeitspanne auswählen und Versuche wählen die ca. gleich lange Zeit benötigen.
Ich glaube, es wäre sinnvoll das Erklärungsmodell noch besser auf die Kids abzustimmen.
Experimente die die Kinder mehr begeistern
mehr Zeit in einzelne Versuche investieren

Im Anschluss habe ich verschiedene Tools für die Dokumentation der Ergebnisse/Erkenntnisse vorgestellt (Blog, Mahara, GoogleDocs, Wiki) – die Wahl fiel auf ein Wiki.

Schritt 6 – Dokumentation:

Zur Zeit gestalten wir gerade das Wiki – eine für mich und die SuS völlig neue Erfahrung, da wir alle noch nie mit so einem Tool gearbeitet haben – bisher war alles eher WYSIWYG. Wie gesagt – vielleicht verlinke ich es hier, wenn es fertig ist.

Fazit:

Das Projekt läuft ja noch – ich teile die Wahrnehmung vieler SuS nicht, dass wenig über Chemie gelernt wurde. Anhand der Fragen, die  in der Vorbereitungsphase gestellt worden sind, konnte ich im Beratungsprozess erkennen, dass da schon das eine oder andere geschehen ist, da fielen schon harte Fachbegriffe wie mobile oder stationäre Phase, Adhäsion usw..

Neben dem ganzen fachlichen Kram war es für mich eine Offenbarung, SuS weitgehend außerhalb systemisch vorgegebener Schülerrollen zu erleben, nämlich z.B. als zugewandte Lernbegleiter oder auch kompetente und umsichtige Experimentatoren, als authentisch neugierig Fragende, als „Wissen-Wollende“. Dafür sind Kinder aber auch sehr effiziente Induzierer… Viel effizienter als vielleicht Menschen mit vorhandener „classic“ Schulerfahrung.

Ich weiß nicht, wie oft zwischen Sammlung und Unterrichtsraum hin- und hergerannt bin, um etwas zu holen, vorzuschlagen, zu beraten, Möglichkeiten aufzuzeigen, zu korrigieren, nachzufragen… . Das war Arbeit – aber eine gänzlich andere, ziemlich fordernde. Der Aufwand „drumherum“ hielt sich in Grenzen, da das Material, was nicht in der Schule vorhanden war, von den SuS besorgt wurde. Ich musste nur Quittungen abrechnen.

Blogparade Partizipation

Jan Martin Klinge hat mit einem Artikel mit der Überschrift „Ich entscheide“ auf Twitter eine Debatte darüber losgetreten, inwieweit und auf welchen Feldern Schülerinnen und Schüler den Schulalltag mitgestalten können sollten. Zugespitzt sagt er, dass viele Entscheidungen Schülerinnen und Schüler schlicht überfordern und sie auch dankbar dafür sind, wenn sie klare, strukturierte Ansagen erhalten.

Dejan Mihajlovic – langjähriger Verbindungslehrer – hat an dem Artikel Anstoß genommen und eine Blogparade ins Leben gerufen. Grob gesagt wünscht Dejan sich Schule als demokratisches System, das alle Beteiligten (Schüler, Eltern, Lehrkräfte) mit gängigen politischen Methoden mitgestalten können, bis hinunter auf die Unterrichtsebene. Ich denke, dass Dejan vor allem auch den großen gesellschaftlichen Bogen sieht: Ich empfinde es selbst so, dass gesellschaftliche Partizipation auf dem Rückzug ist – die Ursachen sind vielfältig, aber Schule ist daran bestimmt nicht unbeteiligt.

Ich selbst habe im Rahmen von Personalratsarbeit eine Weile versucht, eine echte Arbeitnehmervertretung zu sein und politisch innerhalb eines Kollegiums zu arbeiten. Dieser Versuch ist relativ kläglich gescheitert, u.a. weil ich damals unterschätzt habe, dass Schule einfach kein demokratisches System ist.

Als Medienberater erlebe ich, dass „Digitalisierung“ dann an Schulen in der Breite ein Thema wird, wenn man es durch Vorgaben vorschreibt (und die Schulinspektion ansteht, die das mit in ihrem Kriterienkatalog hat). Diese Sprache versteht das System Schule: Wenn es „Vorgaben von oben sind“, dann muss man es ja machen. Aber im Sinne eines Partizipationsverständnisses ist ein solches Vorgehen eigentlich unterirdisch.

Ich habe Schülerinnen und Schüler erlebt, die im Rahmen von Projektunterricht ein halbes Jahr gebraucht haben, um zu begreifen, dass es im Projekt mit dem „Ist das auch so richtig, Herr Riecken?“ bei mir keine Antwort gab außer: „Probiere es aus – wenn es aus dem Ruder läuft, bin ich schon da.“

All das muss alarmieren. Dejan hat meiner Meinung nach absolut recht, was die Gestaltung des Systems Schule angeht. Auf der pädagogischen Ebene möchte ich mich genau wie Jan-Martin darauf momentan noch nicht nicht einlassen. Dazu später mehr.

Die Systemebene

Auf Systemebene haben wir in Niedersachsen mit dem Schulvorstand im Prinzip ein sehr mächtiges und m.E. oft unterschätztes Instrument für Partizipation – Eltern und Schüler: Hier ist der Hebel! Der Schulvorstand entscheidet z.B.

  • über die Besetzung von Schulleitungsstellen
  • die Ausgestaltung der Stundentafel
  • Grundsätze für die Außendarstellung der Schule
  • u.v.m.

Die Gesamtkonferenz ist dagegen absolut entwertet und im Wesentlichen nur noch „Benehmensmitteilungsempfänger“. Damit ist der Schulvorstand das Gremium überhaupt.

Meckern könnte man an seiner Zusammensetzung: Er besteht zur Hälfte aus Lehrkräften und zu je einem Viertel aus Eltern- und Schülervertretenden. Bei Stimmengleichheit entscheidet die Stimme des Schulleiters, der bzw. die auch immer mit dazugehört.

Als Schülervertreter muss ich mit also „nur“ mit den Eltern und einer Lehrkraft einig sein, um strukturell ganz erheblich Einfluss nehmen zu können. Dass man dieses Gremium nicht paritätisch besetzt, hat m.E. Gründe im Systemerhalt: Es würde den Schulfrieden erheblich stören, wenn Lehrerinnen und Lehrer Dinge umsetzen müssen, die sie nicht selbst bestimmen können bzw. bei denen sie überstimmt würden. Das ist schon doof an Demokratie, dass man eben auch zu Minderheiten gehören kann.

Dejan hat recht, da gibt es noch sehr viel zu tun. Jede Art von Einflussnahme auf die Arbeit von Kollegen führt wahrscheinlich schnell zu heftigsten Beißreflexen: Man stelle sich einmal vor, der Schulvorstand hier in Niedersachsen beschlösse tatsächlich an einer Schule die Beantragung des gebundenen Ganztagsbetriebs (und das käme dann durch) und diese Schule wäre traditionell eher auf Unterrichtschluss nach der 6. Stunde ausgelegt. In der Haut der Schulleitung würde ich dann nicht stecken wollen.

Oder stellen wir uns die Ungeheuerlichkeit vor, wenn der Schulvorstand außer bei Personalangelegenheiten verbindlich öffentlich tagen müsste und schulinterne Prozesse zarte Anklänge von öffentlicher Transparenz bekämen … Wieder ein Argument für die Förderung von Partizipation, die ohne Transparenz eigentlich undenkbar ist. Wer Partizipation fördern will, muss zuerst transparent werden.

(Deswegen ist das trojanische Pferd für mehr Partizipation bei Medienbildungsplänen der Punkt Informationsmanagement)

Auf der pädagogischen Ebene

Thomas Rau hat in seinem Artikel alles für mich Wichtige geschrieben. Zusammengefasst bin ich Fachmann für meine Fächer, habe sehr viel Unterrichtserfahrung und weiß, dass es effiziente und weniger effiziente Wege gibt, um Wissen und Kompetenzen zu erreichen. Da bin ich besser als meine Schülerinnen und Schüler und zusätzlich durch meine formale Rolle in einer Macht- sowie Verantwortungsposition. Diese Position ist im gegebenen System z.B. auch durch kompetenzorientierte Rückmeldungen  kaum zu entschärfen, denn am Schluss zählt momentan eh nur die Zahl, sodass Overlay-Kompetenzgeseier mit etwas Pech nur dafür sorgt, dass mein Gegenüber die Rückmeldung lediglich verarrogantiert wahrnimmt. Dennoch versuche auch ich wie Jan-Martin Unterricht stellenweise zu öffnen – hier im Blog sind auch einige Beispiele schon reflektiert. Das wird in einer fünften Klasse anders aussehen als in einem Abiturjahrgang.

Ich bemühe mich, einigermaßen transparent zu sein, in dem wie ich unterrichte und beurteile. Bei der Beurteilung gelingt mir das konstant nur für einen Teil der Schülerinnen und Schüler – mein großes Entwicklungsfeld.

Eigentlich ist die spannende Frage  – nicht nur, sondern auch beim Thema Partizipation – an welcher Stelle ich Schülerinnen und Schülern etwas zutrauen darf und muss und an welchen ich sie schlicht aufgrund ihrer Entwicklung her überfordere. Ich denke, dass die Kompetenzdidaktik oft zur Überforderung neigt  (weil sie z.B. von einer idealisierten Schüler- und Lehrerpersönlichkeit ausgeht).

Manchmal ist selbst die Fähigkeit „In der 7. Klasse ein Streichholz entzünden können“ schon ein zu hoher Anspruch. Gibt es bestimmt bald eine App für. Oder es wird wahlweise aufgrund des hohen Gefahrenpotentials verboten.

Schmerzen – für Administratoren

Wenn wir Administratoren von „Schmerzen“ reden, meinen wir damit oft Setups, die recht komplex sind und sich nur durch extrem viel Durchhaltevermögen realisieren lassen. Ein gutes Beispiel sind Verzeichnisdienste – durch meine Linuxnähe insbesondere openLDAP. Bei diesem Dienst hat man das Gefühl, als ob die Entwickler normales „Fußvolk“ gar nicht wollen.

Dennoch feiere ich hier einen Durchbruch nach dem anderen. Im Prinzip läuft das zunächst für mich darauf hinaus, dass ich Single-Sign-On (ein Passwort für alles) jetzt extrem ausweiten kann, z.B. meine Klassenblogs und -wikis jetzt auch recht sicher mit den Anmeldedaten nutzen kann, die die SuS auch im Schulnetzwerk verwenden. In Owncloud kann ich sogar Gruppen aus dem Schulnetzwerk übernehmen. Oder ein schulübergreifendes WLAN aufspannen. Davon mache ich nahezu nichts. Aber ich könnte jetzt schon auf eine Anforderung reagieren, die mit zieimlicher Sicherheit irgendwann kommen wird.

Wer meine „Schmerzen“ live erleben will, kann sich meine Dokumentation dazu zu Gemüte führen. Als Anwender muss man dafür schon sehr hart sein :o)… Vielleicht findet der eine oder andere technisch interessierte auch auf der Hauptseite etwas.

Und sie waren tatsächlich da …

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Von dem Bild bekommt man einen guten Eindruck von dem Besuch der Kindergartenkinder bei uns im Chemiekurs (reiner Abdeckerergänzungskurs, kein Curriculum). Das Bild ist übrigens mit einer GOPRO-Actionkamera gemacht (sowas hält unser Medienzentrum für die aktive Medienarbeit in der Schule bereit).  Mein Kurs hat selbst Experimente für Kinder erarbeitet – dabei stand im Mittelpunkt, dass es nicht um die leider immer mehr didaktischen Raum einnehmende Phänomenologie gehen soll, sondern um Deutungen, die für Kinder verstehbar sind.

Adhäsion bei der Chromatographie kann man z.B. modellhaft durch Kinder erklären, die von anderen Kinder geschoben werden – mal auf einem Bein stehend, mal auf zwei Beinen stehend. Das Laufmittel (das schiebende Kind) kann das Farbstoffteilchen (das geschobenen Kind) unterschiedlich gut bewegen. In solchen vermeintlichen Details steckt sehr viel Denkarbeit (nicht meine!): Die Erklärung ist nicht über die Maßen simplifiziert, ermöglich aber trotzdem eine in Grundzügen korrekte Vorstellung von einem Teilbereich der sich tatsächlich abspielenden Vorgänge.

Neben der Schulleiterin waren auch Vertreter der örtlichen Lokalzeitungen zeitweise anwesend – die Interviews haben natürlich die Schülerinnen und Schüler selbst gegeben. Die resultierenden Artikel in den Zeitungen haben mir beide sehr gut gefallen. Für mich ist diese „Vermarktung“ relatives Neuland – die Aktion selbst ist ja schon ein Remake. Den Schülerinnen und Schülern war die Öffentlichkeit aber gar nicht so wichtig – zumindest hat das unsere kleine Evaluation hinterher ergeben. Die Atmosphäre während der Veranstaltung war so, dass fast alle Erwachsenen, die von außen kamen, lange geblieben sind – es gab unglaublich viel zu schauen, zu hören und zu erleben, z.B. sehr fokussierte und gespannte Kinder.

Ein Segen ist, dass ich Teilnehmende aus der Video-AG mit in meinem Kurs sitzen habe, die gemeinsam mit zusätzlich freigestellten Schülerinnen die Dokumentation übernommen habe. Vertikalfahrt? GOPRO auf der Kreideablage der Pylonentafel. Horizontalfahrt? GOPRO auf fahrbarem Overheadprojektor (zu etwas müssen sie ja gut sein). Wackler? „Die GOPRO macht 4K – das kann man genau wie die optische Verzerrung durch den extremen Weitwinkel herausrechnen, Herr Riecken!“

Und wie geht es weiter? Zunächst habe ich fast sowas wie einen didaktischen Kaperbrief bekommen. Das Niveau von vielen Erklärvideos (auch kommerziellen) gefällt meinen Schülerinnen und Schülern nicht. „Nä, das ist technisch nicht gut gemacht, Herr Riecken!“ „Die Idee ist ja schon nett, aber die dramaturgische Umsetzung … !“ Und ich: „Fachlich stimmt da und da aber etwas nicht!“. Der Kurs hat beschlossen, das besser zu können. Nun denn. Ein neues Projekt in einem neuen Halbjahr, diesmal aktive Medienarbeit gepaart mit erhöhtem fachlichen Anspruch. Ich weiß noch nicht ganz genau, wie ich das angehe. Ich könnte mir gut vorstellen, z.B. im Bereich der Kohlenhydrate – das eignet sich sehr gut für Erklärvideos – zunächst in einen Inputphase zu gehen, um inhaltliche Orientierung zu schaffen, um dann diesmal die SuS eigene Projektplanungen (Zeitraster, Milestones) entwickeln zu lassen. Aber das wird noch bis zum neuen Jahr reifen.

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