Transaktionskosten (Weltverbessererfehler)

In den Feri­en habe ich mich etwas mit Wirt­schafts­theo­rie, genau­er der Trans­ak­ti­ons­kos­ten­theo­rie beschäf­tigt. Dar­über könn­te man jetzt viel schrei­ben und eini­ge Zita­te brin­gen. Ich beschrän­ke mich dabei jedoch auf eini­ge Bei­spie­le, mit denen ich

  1. zei­gen will, was Trans­ak­tio­nen in Bezug auf Schu­le und Bera­tungs­sys­te­me sein könn­ten
  2. viel dar­über nach­ge­dacht habe, inwie­weit mei­ne Arbeit als Lehr­kraft und medi­en­päd­ago­gi­scher Bera­ter wirk­sam ist, bzw. wie sich die­se Wirk­sam­keit opti­mie­ren lässt

Die Gedan­ken dazu sind etwas kom­ple­xer, daher wird das min­des­tens ein zwei­tei­li­ger Arti­kel — also bit­te etwas Geduld, wenn nicht sofort auf die Ein­gangs­punk­te kom­me.

Ver­ein­facht neh­me ich ein­mal an, dass in mei­nem Umfeld Trans­ak­tio­nen vor allem mit „Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Abstim­mungs­be­darf” gleich­zu­set­zen sind.

 

Trans­ak­ti­ons­kos­ten und Hier­ar­chie

Der Zukunfts­for­scher Max Horx ver­deut­licht in sei­nem Buch des Wan­dels das Prin­zip der Trans­ak­ti­onkos­ten am Bei­spiel einer wach­sen­den Fir­ma.

Zuerst besteht die­se nur aus zwei Per­so­nen, die alles machen, sich schnell abstim­men und extrem fle­xi­bel auf Markt­an­for­de­run­gen und Wün­sche reagie­ren kön­nen. Bald gibt es jedoch so vie­le Kun­den, dass zwei Per­so­nen deren Betreu­ung nicht mehr allein zu rea­li­sie­ren ver­mö­gen.  Also wer­den mehr Mit­ar­bei­ten­de ein­ge­stellt. Der Geist der Fir­ma — die offe­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on (Kom­mu­ni­ka­ti­on ist eine Form der Trans­ak­ti­on) — soll aber erhal­ten blei­ben. Schon mit zwei wei­te­ren Mit­ar­bei­ten­den steigt dadurch der Zeit­auf­wand, um alle zu allen Details zeit­nah zu infor­mie­ren, solan­ge die Hier­ar­chie flach bleibt. Bald sind die bei­den ehe­ma­li­gen Grün­der einen Groß­teil ihrer Zeit nur noch damit beschäf­tigt, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ab­läu­fe für ihre Fir­ma zu rea­li­sie­ren — die Trans­ak­ti­ons­kos­ten stei­gen.

Eine stark aus­ge­präg­te (stei­le) Hier­ar­chie hin­ge­gen senkt genau die­se Trans­ak­ti­ons­kos­ten, da die Mit­ar­bei­ten­den eben „zu machen” und nicht abzu­stim­men haben. Nicht umsonst sind z.B. unse­re Not­stands­ge­set­ze nicht demo­kra­tisch aus­ge­rich­tet: Im Kata­stro­phen- oder Kriegs­fall sind Dis­kus­sio­nen oder Beneh­mens­her­stel­lungs­pro­zes­se viel zu lang­sam. Die Trans­ak­ti­ons­kos­ten müs­sen dann unter allen Umstän­den mini­miert wer­den. Auto­ri­tä­re Sys­te­me funk­tio­nie­ren hier am bes­ten, jedoch nur, wenn eine zwei­te Kom­po­nen­te mit ins Spiel kommt: Das Ver­trau­en.

 

Trans­ak­ti­ons­kos­ten und Ver­trau­en

Als Jugend­lei­ter bin ich ich ein­mal auf einem gro­ße däni­schen See in eine bedroh­li­che Lage gekom­men. Selbst einen schwer bela­de­nen Kana­di­er mit zwei Teil­neh­men­den an Bord als Steu­er­mann in mei­ner Ver­ant­wor­tung muss­te ich mit anse­hen, wie ein ande­res Boot mit zwei Jun­gen in schwe­rem Wel­len­gang zu ken­tern droh­te und auch schon Was­ser genom­men hat­te. Es war kalt, win­dig und die ande­ren Boo­te waren längst außer Sicht. Die bei­den Jun­gen woll­ten völ­lig ver­ängs­tigt aus dem Boot sprin­gen und an Land schwim­men (Sumpf­ge­biet). Ich hat­te nicht die Zeit für Trost, nur noch für Auto­ri­tät und sehr har­te Wor­te. Die Situa­ti­on ließ sich meis­tern, weil ich die Trans­ak­ti­ons­kos­ten sen­ken konn­te und weil die bei­den Jun­gen mir blind ver­traut haben — mehr als ihren eige­nen Gefüh­len und Kör­pern. Ich sage heu­te noch oft schmun­zelnd, dass ich damals mit lin­ken Anar­chis­ten kom­plett abge­sof­fen wäre.

 

Zwi­schen­fa­zit

  1. Trans­ak­ti­ons­kos­ten stei­gen mit der Grö­ße eines Sys­tems
  2. Trans­ak­ti­ons­kos­ten stei­gen, je fla­cher Hier­ar­chi­en sind
  3. Eine aus­ge­präg­te Hier­ar­chie senkt Trans­ak­ti­ons­kos­ten
  4. Ver­trau­en senkt Trans­ak­ti­ons­kos­ten

 

Bei­spie­le

  1. Die (Bundes-)Piratenpartei ist groß, strebt eine mög­lichst fla­che Hier­ar­chie an und ver­traut ihren Reprä­sen­tan­ten nicht oder nur wenig. Sie wird an ihren Trans­ak­ti­ons­kos­ten kol­la­bie­ren.
  2. Das Inter­net ist zunächst dazu geeig­net, Trans­ak­ti­ons­kos­ten (z.B. Zwi­schen­händ­ler­sys­te­me, Mei­nungs­ga­te­kee­per usw.) zu sen­ken, jedoch sehr groß und noch recht flach von sei­ner Hier­ar­chie her. Das mit dem Ver­trau­en schwankt so.

 

Trans­ak­ti­ons­kos­ten und Schu­le

Schu­le ist bezo­gen auf die­se Theo­rie sehr para­dox: Einer­seits haben wir eine deut­lich aus­ge­präg­te Hier­ar­chie in der Schul­struk­tur. Ander­seits ver­sucht gera­de die­ses Sys­tem, Aspek­te mit hohen oder schwer kal­ku­lier­ba­ren Trans­ak­ti­ons­kos­ten an die ein­zel­nen Schu­len selbst zu dele­gie­ren (z.B. Daten­schutz, Aus­ge­stal­tung der Cur­ri­cu­la, Qua­li­täts­ma­nage­ment, Inklu­si­on usw.). Das Ver­trau­en in die Kul­tus­bü­ro­kra­tie scheint mir dabei gleich­zei­tig nicht beson­ders hoch zu sein. Laut der Trans­ak­ti­ons­kos­ten­theo­rie müss­te die­ses Sys­tem also eigent­lich kol­la­bie­ren. Mir ist auch immer wie­der ein Rät­sel, war­um das nicht geschieht, aber im Kern scheint es etwas mit der grund­sätz­lich auto­kra­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on von Schul­struk­tu­ren zu tun zu haben.

Mei­ne Hypo­the­se ist, dass das Sys­tem Schu­le mitt­ler­wei­le zusätz­li­che Trans­ak­ti­ons­kos­ten zehn Mei­len gegen den Wind rie­chen kann und bestrebt ist, eben­die­se unter allen Umstän­den mög­lichst nied­rig zu hal­ten. Gleich­zei­tig bewahrt es bestehen­de Sys­te­me mit extrem hohen, aber eben durch die Jah­re kal­ku­lier­bar gewor­de­nen Trans­ak­ti­ons­kos­ten um fast jeden Preis, z.B. eine bestimm­te Kon­fe­renz­kul­tur, die im Wesent­li­chen oft nur Zeit ver­brennt.

Wer Ver­än­de­rungs­pro­zes­se initi­ie­ren möch­te, muss im Blick haben, dass er gleich­zei­tig neue, noch nicht kal­ku­lier­ba­re Trans­ak­ti­ons­kos­ten erzeugt („Ja, aber das mit den Medi­en muss aber in ein Gesamt­kon­zept!”), und gleich­zei­tig auch noch ande­re, von den Kos­ten her „sicher” kal­ku­lier­ba­re Sys­te­me bedroht („Ja, aber über Aus­hän­ge kom­mu­ni­ziert man doch total inef­fi­zi­ent!”). Dar­aus erge­ben sich für mich Kon­se­quen­zen für mein Ver­hal­ten als Bera­ter. (Fort­set­zung folgt)

 

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4 Kommentare

  • Der Gedan­ke, dass das Sys­tem eigent­lich kol­la­bie­ren müss­te, gefällt mir. Ich weiß aber nicht genau, was du meinst, wenn du als Erklä­rungs­an­satz von der „grund­sätz­lich auto­kra­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on von Schul­struk­tu­ren” sprichst. Auto­kra­tisch im Sinn, dass das jewei­li­ge Kult­u­mi­nis­te­ri­um auto­kra­tisch ist? Oder dass lau­ter klei­ne Auto­kra­ten an den Schu­len sit­zen?

    In das Modell könn­test du noch auf­neh­men, dass es sich um einen, freund­lich aus­ge­drückt, kon­ti­nu­ier­li­chen Pro­zess han­delt. Es ist ja nicht so, dass ein­mal etwas ein­ge­führt wer­den soll und dass das dann so bleibt. Das führt dazu, dass man als aus­ge­führt mel­det, was als aus­ge­führt zu mel­den ist, und alle sind’s zufrie­den.

  • Auto­kra­tisch ist viel­leicht doch das fal­sche Wort. Ich mei­ne damit, dass es z.B. eine Hier­ar­chie mit aus­ge­präg­tem Wil­len zur Erfül­lung von For­ma­lis­men gibt — der For­ma­lis­mus ist dabei nach oben das eigent­lich Wich­ti­ge, was dahin­ter an Hand­lung steckt, dage­gen rela­tiv unin­ter­es­sant. Solan­ge mein Kurs das Abitur mit einem nor­ma­len Schnitt absol­viert, ist es den Obe­ren recht egal, wie und was ich unter­rich­tet habe — Haupt­sa­che, sie hat­ten durch mich gerin­ge Trans­ak­ti­ons­kos­ten. Zudem hält es der deut­sche Beam­te mit dem Gehor­sam dann wahr­schein­lich doch eher eng.

  • inter­es­sant! aber lie­ber nicht so sehr auf den win­di­gen Mat­thi­as (sic!) Horx bau­en, son­dern z.b. auf Mar­cel Weiss, der im deutsch­spra­chi­gen netz ver­mut­lich am ernst­haf­tes­ten die die neue­ren, vom netz inspi­rier­ten öko­no­mie-theo­ri­en auf­greift: http://netzwertig.com/2008/06/20/wie-das-internet-die-zusammenarbeit-von-unternehmen-veraendert/

    … oder gleich die eng­li­sche debat­te zu tran­sac­tion costs, die ja gera­de anläss­lich des inter­net auf­ge­flammt ist. (Coa­se hat das 1937 in sei­nem klas­si­schen auf­satz „The Natu­re of the Firm” ein­ge­führt, und jetzt sieht es eben so aus, dass orga­ni­sa­tio­nen, die aus den tech­nisch-media­len bre­schrän­kun­gen des 20. jahr­hun­derts her­aus ent­stan­den sind, ange­sichts der neu­en pro­jekt­be­zo­ge­nen, digi­tal unter­stütz­ten orga­ni­sa­ti­ons­for­men zu „teu­er” wer­den.) auch

    auch Clay Shir­ky benutzt das kon­zept in „Here Comes Ever­y­bo­dy”, und er äußert sich ja auch zu bil­dung: http://en.wikipedia.org/wiki/Here_Comes_Everybody

    das man immer sofort auf die ori­gi­nal-tex­te und den ursprung der debat­ten zugrei­fen kann, ist übri­gens ein phä­no­men, das illus­triert, war­um rie­si­ge & ver­schach­tel­te ver­mitt­lungs-appa­ra­te künf­tig in schwie­rig­kei­ten sein wer­den.

  • war­um rie­si­ge & ver­schach­tel­te ver­mitt­lungs-appa­ra­te künf­tig in schwie­rig­kei­ten sein wer­den.”

    Glau­be ich nicht so. Das ist eine Erwach­se­nen­sicht, die durch Lebens­er­fah­rung geprägt ist und bezo­gen auf Kin­der und Jugend­li­che das Feh­len bzw. gerin­ge­re Aus­ge­prägt­sein der­sel­ben negiert. Wis­sen muss man ja irgend­wo­hin auf­neh­men, es inte­grie­ren und ver­net­zen. Und zum Gerüst­bau und für Grund­aus­stat­tun­gen wer­den die­se Ver­mitt­lungs­ap­pa­ra­te immer sehr wich­tig blei­ben. Und auch neue Gerüs­te bau­en sich bes­ser und leich­ter, wenn man erst­mal einen Typus kennt.

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