Handyverbote an Schulen – ein Trend im Aufwind
In Bayern und Hessen ist die Nutzung von Handys an Schulen auf Ebene des Bundeslandes untersagt. Schulen können in ihrer jeweiligen Hausordnung die Art der möglichen Nutzung genauer regeln. In meinem Umfeld führen Schulen Handynutzungsverbote ein. Daran besteht seltsamerweise ein erhöhtes mediales Interesse. Es lässt sich also mit einer entsprechenden Nutzungsordnung Aufmerksamkeit generieren. Aufwind bekommt diese Strategie aus Skandinavien, wo in mehreren Ländern der bisherige Digitalkurs mehr und mehr kritisch gesehen, aber medial undifferenziert dargestellt wird, da z.B. Schweden bereits in der Grundschule einen rein(!) digitalen Weg beschritten hat, der mit dem bisherigen Weg in Deutschland nicht vergleichbar ist.
Handynutzungverbote an Schulen stoßen natürlich auch auf Widerspruch. Dieser ist im Gegensatz zur Argumentation der Befürworter eines Verbots meist wesentlich reflektierter und adressiert nicht selten strukturelle Herausforderungen im Schulsystem. Dazu gehört die Tatsache, dass Erwachsene und vor allem Lehrkräfte an Schulen wesentlich mehr zu sagen haben als Schüler:innen. Das ist im Kontext der Förderung einer demokratischen Haltung nicht immer hilfreich und nicht selten treten performative Widersprüche auf: Einerseits ist Demokratieförderung das höchste Ziel von Schule und rangiert in nahezu jedem Schulgesetz ganz oben. Anderseits werden die Mehrheitsverhältnisse in schulischen Gremien diesem Anspruch nicht im Entferntesten gerecht. Dieses Machtungleichgewicht zwischen Erwachsenen und Jugendlichen rangiert unter dem Begriff Adultismus.
Ich erlebe beide Seiten – Befürworter und Kritiker – mittlerweile als problematisch: Verbote sind immer Notbehelfe und setzen selten an den eigentlichen Ursachen an, erschaffen aber die Illusion, dass eine erfolgreiche Handlung vollzogen worden ist. Die Argumentation der Gegner von Handynutzungsverboten verharrt seit mehr als einem Jahrzehnt auf weitgehend gleichen Positionen ohne die zwischenzeitlichen gesellschaftlichen Entwicklungen angemessen aufzunehmen.
Die Gesellschaft ist zum Großteil digital nicht kompetent
Natürlich sind Beobachtungen aus dem eigenen Umfeld allenfalls immer von anekdotischer Evidenz. Es ist im Jahr 2025 aber immer noch nicht selbstverständlich, dass Lehrkräfte z.B. den Unterschied zwischen einer Bildschirmerweiterung und einer Bildschirmspiegelung kennen oder das Konzept der Formatvorlage innerhalb einer Textverarbeitung nutzen. Viele Fragen aus dem Bekanntenkreis zu IT-Themen sind von so basaler Natur – etwa zu unterschiedlichen Dateiformaten oder der Aktivierung von Peripherie wie Mikrofon oder Kamera in Videokonferenzen, dass die die Forderung nach mehr gesellschaftlicher Medienkompetenz in vielen Fällen gar nicht erst greift, weil grundlegende Bedienfähigkeiten fehlen oder das bloße rudimentäre Verständnis von Datenflüssen wie etwa die Unterscheidung zwischen WLAN- und Internetzugang. Und Forderungen oder Erwähnungen dieser Art werden nicht selten als „arrogant“ geframed, weil sie natürlich das Selbstbild von Menschen angreifen.
Die Oberflächen der großen Digitalkonzerne sind aber so einfach gestaltet, dass z.B. die konsumptive Teilnahme an Socialmedia das alles gar nicht mehr voraussetzt. Damit entsteht die Illusion von Kompetenz, die viele Erwachsene ihrerseits den Jugendlichen vorwerfen. Dieses Defizit kann damit kaum reflektiert, aber die Illusion der eigenen Kompetenz durch das „Ausperren“ von Geräten durch ein Verbot sehr wohl aufrecht erhalten werden. Wenn etwas „nicht mehr da ist“ entfällt u.a. der Druck, sich mit dieser Störung aktiv und den eigenen Defiziten auseinandersetzen zu müssen.
Kinder sind sehr viel früher mit dem Handy alleingelassen
Smartphones in Besitz von Kindern waren noch vor 10 Jahren an Grundschulen die Ausnahme, sind heutezutage aber eher die Regel. Eine Begleitung bei deren Nutzung findet nur in Ausnahmefällen statt. Kinder sind also wesentlich früher mit einem Gerät ausgestattet, welches Zugriff auf das gesamte digitale Angebot bietet, wobei sehr viele davon nicht kindgerecht gestaltet sind. Die üblichen Mechanismen des Jugendmedienschutzes greifen nicht. Während Pornohefte und selbst Rumtrauben-Nussschokolade(!) beim physischen Verkauf immer noch mit Altersbeschränkungen versehen sind, gelingt der Zugang zu harter Pornografie im Netz mühelos. Gleichzeitig entwickelt sich das Netz zunehmend algorithmusgetrieben mit kapitalistischem Betriebssystem. Wer Aufmerksamkeit generiert, erhält Mehreinnahmen durch u.a. Werbung. Diesem Sog sind junge Menschen naturgemäß viel mehr ausgesetzt als ältere mit mehr Lebenserfahrung. Die digitalen Kompetenzen haben sich gesellschaftlich nicht im gleichen Maß entwickelt wie die Möglichkeiten der Digitalindustrie, die Aufmerksamkeit von uns Nutzerinnen und Nutzern zu binden. Daher ist für mich die Idee, dass es z.B. Medienkompetenz alleine richten wird, mittlerweile aus der Zeit gefallen. Ein Verbot kann im Idealfall Räume schaffen, in dem dieses ständige Werben um Aufmerksamkeit zumindest für einen kurzen Zeitraum nicht greift. Sehr entscheidend wird aber sein, was in diesem Zeitraum geschieht. Und da habe ich Fragen.
Schule allein kann das Problem nicht lösen
Gegner der Handynutzungsverbote führen oft ins Feld, dass das Verbot der Nutzung in der Schule eine unzureichende Reaktion auf eine komplexes Problem ist. Dummerweise ist problematische Handynutzung ein gesellschaftliches Problem und damit seinerseits komplex. Kinder und Jugendliche lernen am Modell. Folgende Beobachtungen mache ich in meinem Umfeld und teilweise bei mir selbst: Das „erwachsene Modell“ nutzt digitale Geräte durchaus beim Familienessen, während der Autofahrt oder gar hinter dem Lehrkräftepult im Unterricht – dann natürlich nur zu wichtigen Zwecken, z.B. der Familienorganisation. Das erwachsene Modell „ortet“ die eigenen Kinder mit den Funktionen von Steuerungs-Apps oder einer Smartwatch und findet das zunehmend legitim, reagiert jedoch befremdet auf die Ortungsfunktion auf Snapchat für Freunde oder auf Vorschläge, das Smartphone auf der Klassenfahrt zu Hause zu lassen. Das erwachsene Modell organisiert das Vereinsleben ausschließlich über Messengergruppen eines Anbieters. Schule kann natürlich ihren Teil leisten, um problematische Nutzungsformen zu reflektieren und Alternativen anzubieten – zumindest theoretisch, da das Problem der defizitären Medienkompetenz vieler Akteure ja bleibt (s.o.).
Dieser Ansatz wird der Komplexität der Anforderung jedoch kaum gerecht: Das Problem wird zunehmend zivilgesellschaftlich gelöst werden müssen, indem sich Erwachsene stärker vernetzen und bei der Medienerziehung ihrer Kinder unterstützen. Darin liegen Chancen eines gemeinsamen Lernprozesses, aber auch das Risiko von geringem Problembewusstsein in Hinblick auf das eigene Verhalten als Erwachsener.
Ich finde hier die Analogie mit den viel gescholtenen Elterntaxis recht treffend: Jeder bestreitet, seine Kinder mit dem Auto zur Schule zu fahren, aber dennoch herrscht morgens das Verkehrschaos rund um Schulen. Genauso begleitet vielleicht der ein oder andere sein Kind bei der Mediennutzung, wenn man sie oder ihn direkt anspricht.
Nicht bei Jugendlichen ansetzen
Das Problem einer problematische Nutzung digitaler Medien entsteht für mich nicht bei Kindern und Jugendlichen. Ich erlebe Kinder und Jugendliche momentan sogar in Teilen reflektierter als so manchen Erwachsenen, wenn es z.B. um Filterkompetenz geht. Sie bauen sich notgedrungen eigenständig Schutzräume und entwickeln Strategien zur Bewältigung des Informationsüberflusses. Den Eintritt in die digitale Welt ermöglichen aber letztlich Erwachsene.
Der Zugang zu Dauerschuldverträgen wie Handyverträgen ist in Deutschland sehr streng reguliert. Kinder und Jugendliche kommen an keinen Handyvertrag ohne die Unterschrift eines Erwachsenen. Erwachsene zeigen nach meiner Erfahrung oft das gleiche problematische Medienverhalten wie ihre Kinder (s.o.). Erwachsene sind weitgehend ahnungslos in Bezug auf die sozialen Dynamiken unter Jugendlichen auf Socialmedia, obwohl auch in ihrem Umfeld problematisches Medienverhalten durchaus vorkommt, wenngleich oft nicht in derart starker Präsenz. Trotzdem erlebe ich, dass die Einrichtung zusätzlicher Messengergruppen von Erwachsenen zunehmend skeptisch gesehen wird. Es rangiert die Sorge, noch mehr durch digitale Kontaktversuche gebunden zu werden. Die Möglichkeit, Notifications – also Pieptöne und Vibration – beim Eintreffen von Nachrichten zu deaktivieren kann oft schon auf der Bedienebene nicht umgesetzt werden und wird darüberhinaus gerne mit der Begründung abgelehnt, dass man dadurch wichtige Nachrichten ja nicht mehr wahrnehmen würde. Die gleichen Erwachsenen echauffieren sich nicht selten über das gefährliche Suchtpotential von Socialmedia bei Kindern und Jugendlichen. Es sind nicht sie: Wir Erwachsene müssen unser eigenes Medienverhalten reflektieren, bevor wir mit unseren Kindern in die Diskussion gehen. Wir müssen zunächst das Modell sein, von dem wir uns wünschen, dass Kinder und Jugendliche daran lernen.
Die Chance von Nutzungsverboten
Nutzungsverbote verschaffen Schulen und Kindern bzw. Jugendlichen im Idealfall etwas Raum zum Atmen, damit das, was in den letzten Jahren an informatischer Grundbildung und Medienkompetenzförderung versäumt worden ist, etwas hinterherkommen kann.
Es bleibt ein Notbehelf, um z.B. den lernförderlichen Umgang mit digitalen Arbeitsgeräten gezielt zu fördern – bei Lehrkräften ebenso wie bei Schülerinnen und Schülern. Auch für eine Reflexion des Medienverhaltens sollte dieser temporäre Schutzraum genutzt werden. Das Ziel sollte aber schlussendlich sein, dass man irgendwann auf diese Verbote verzichten kann.
Was nicht geschehen darf ist, dass dieser neue Schutzraum genutzt wird, um Schule so wie sie ist weiter zu erhalten. Das Rad wird sich in Schule nicht auf vordigitale Zeiten zurückdrehen lassen, wie es sich die ein oder andere Lehrkraft vielleicht wünschen mag.
