Schöne neue dokumentierte Schülerwelt

Hausaufgaben? Sammle ich oft mit pseudonymisierten und nicht öffentlichen Blogs ein. Das hat entscheidende Vorteile:

  • Ich weiß schon am Abend vorher, welche Fehlerschwerpunkte in der Lerngruppe auftreten und kann für die Stunde gezielt Übungsmaterial zusammenstellen.
  • Durch das Blog bin ich nicht an Dateiformate gebunden und kann querlesen – endlich kein x-faches Geklicke mehr in der Hoffnung, dass meine Textverarbeitung das aktuelle Microsoftformat frisst.
  • Durch den Beitragszähler bei den Autorennamen weiß ich ganz genau, wer in welchem Umfang gearbeitet, bzw. die Hausaufgabe überhaupt erledigt hat.
  • Gerade für stillere SuS ist von Vorteil, dass ihre Leistungen dokumentiert sind und für die Benotung der „sonstigen Leistung“ mit herangezogen werden können. So wird niemand dafür „bestraft“ im Unterricht still zu sein.
  • Durch die Sortierung nach Autoren entstehen nach und nach Portfolios, die auch dabei helfen, SuS Entwicklungen in ihren Schreibfertigkeiten aufzuzeigen.

Herr Riecken, zu Ihrer Bloggerei mit uns, muss ich Ihnen mal ein paar Dinge sagen. Immer wenn ich eine Hausaufgabe innerhalb des Blogs erledige, fühle ich mich genötigt, das besonders zeitaufwendig und gut zu machen, weil es eben für immer und ewig dort stehenbleibt. Das kostet mich Zeit und ist im Vergleich zum normalen Heft einfach unglaublich aufwändig. Außerdem werde ich ja immer „erwischt“, wenn ich etwas nicht erledigt habe. In einer normalen Unterrichtsstunde kann ich hoffen, einfach nicht dranzukommen – es gibt neben den ganzen Hausaufgaben schließlich immer noch sowas wie ein Leben – gerade in Zeiten von G8. Zu dieser ganzen Portfolio- und „Sonstige Leistungen“-Geschichte: Machen Sie das mit allen Ihren SuS? Um Klausuren zu korrigieren, brauche Sie doch jetzt schon eher Wochen als Tage. Sie schauen sich ernsthaft für alle Ihre Schülernnen und Schüler die „Schreibentwicklung“ an? Hallo? Wachen Sie mal auf und kommen Sie in der Realität an. Kriegen Sie mal Ihre tägliche Verwaltungsarbeit in den Griff, bevor Sie hier Ihr Traumtänzerzeug mit uns machen!

Hinweis: Diese Äußerung ist fiktiv und erdacht!

Also diese Lernplattformen – einfach Klasse. Was da alles mit möglich wird! Wenn man ein richtiges Konzept besitzt, dann…

  • können wir von der Grundschule an für die weitere Schullaufbahn dokumentieren, welche Inhalte schon behandelt worden sind.
  • erhalte ich durch standardisierte Testaufgaben individualierte Rückmeldungen zu den Stärken und Schwächen der einzelnen Schülerinnen und Schüler
  • kann ich exploratives Verhalten im Netz (Chat, Blog, Wiki usw.) in einem Schutzraum entwickeln, das ist gerade für jüngere SuS wichtig.
  • entsteht strukturiert über die Jahre ein Portfolio, welches mir hilft, auf individuelle Entwicklungen einzugehen
  • werden durch die Arbeit in der Plattform alle Mitglieder einer Lerngruppe gleichermaßen aktiviert, da ja alle arbeiten und niemand sich entziehen kann.

Herr Riecken – haben Sie sich eigentlich schonmal gefragt, ob ich ständig „aktiviert“ sein will? Also wenn alle LuL mit Ihrem Ansatz arbeiten, bin ich nach 90 Minuten echt durch mit der Welt. Soviel „Aktivierung“ hält doch niemand über einen Schultag aus. Kann ich bei der Arbeit mit einer Lernplattform aus dem Fenster schauen? Kann ich auch mal „abschalten“, ohne dass das gleich „dokumentiert“ wird, weil mein Text vielleicht im Vergleich zu anderen viel zu kurz ist? Außerdem schäme ich mich manchmal auch meiner Produkte: Ich kann es einfach nicht besser und es hilft mir dann nicht, dass ich zum xten-Mal sehe, dass Josephine schon wieder den Vogel mit ihrem Produkt abgeschossen hat. Meinen Werdegang in einer Lernplattform dokumentieren, damit Sie wissen, was ich schon alles gemacht habe? Ich will nicht, dass Sie das wissen. Und wissen Sie auch warum? Nur weil da steht, dass schon etwas behandelt worden ist, ist es doch noch lange nicht von mir verstanden worden. Ich will, dass Sie es mir noch einmal erklären – nicht weil Sie lesen, dass z.B. meine Berichte schon immer großer Mist waren, sondern weil Sie mein ehrlich fragendes Gesicht im Unterricht sehen. Ich will, dass Sie mich sehen und nicht meine „Statistiken“ und „Klickraten“ und „Besuchs- und Bearbeitungszeiten. Auf dieses E-Learningzeug habe ich oft genauso wenig Bock wie auf diese blöden Lektüren. Beides ist halt Schule – nur eben einmal Schule auf dem Computer. Meinen Sie, dass ich das nicht sehr bald raffe?

Hinweis: Diese Äußerung ist fiktiv und erdacht!

Und raus aus der literarische Aufarbeitung des Themas:

  • Wie viele Stimmen von Lernenden höre wir, wenn wir über Blogs, Wikis und Lernplattformen in z.B. Fachforen diskutieren?
  • Welche Interessen haben wir und welche Interessen haben die Lernenden?
  • Wie bewältigen wir unseren Anspruch, z.B. den Aufbau, die Begleitung und die Bewertung von Portfolios?
  • Wie können wir unseren Ansprüchen, die wir im Kontext von Blog-, Wiki- und Lernplattformarbeit im Kontext des bestehenden Systems genügen?
  • Mit welchem Eindruck verlassen Lernende unsere Lerngruppen nach der Web2.0-Arbeit?
  • Wie bekommen wir den „Mehrwert“ auch für die meisten Lernenden transportiert?
  • Welche Interessen und Motivation leiten uns neben dem Willen nach qualitativer Verbesserung von Unterricht?
  • Welche „heimlichen“ Hoffnungen gibt es bei uns in diesem Kontext?

Mein Fragenset für die Evaluation von Unterricht

… natürlich in dieser Form nur für die Oberstufe:

  1. Ich habe mich im Unterricht wohl gefühlt.
  2. Ich habe den Eindruck, dass Herr Riecken bestimmte SuS bervorzugt
  3. Die Hausaufgabenbelastung war in Ordnung.
  4. Ich fühle mich durch den Unterricht gut auf das Abitur vorbereitet.
  5. Ich habe im Fach Deutsch etwas bei Herrn Riecken gelernt.
  6. Ich finde, dass Herr Riecken im Vergleich zu den Parallelkursen zu hohe Ansprüche hat.
  7. Herr Riecken gibt sich Mühe, den Unterricht abwechslungsreich zu gestalten.
  8. Herr Riecken ist gut auf den Unterricht vorbereitet.
  9. Herr Riecken ist fachlich kompetent.
  10. Herr Riecken hält die notwendige Distanz (verbal & physisch) zu mir ein.
  11. Herr Riecken lässt sich leicht vom Unterrichtsgegenstand ablenken.
  12. Die Klausuren waren für mich zu anspruchsvoll.
  13. Die Rückmeldungen (Gutachten) zu den Klausuren waren für mich nachvollziehbar.
  14. Die Rückmeldungen (Gutachten) zu den Klausuren haben mir geholfen, mich zu verbessern.
  15. Die schriftlichen Noten sind nachvollziehbar.
  16. Herr Riecken gibt zu wenig Vorgaben für das Schreiben eines Textes.
  17. Die mündlichen Noten der anderen SuS fand ich gerechtfertigt.
  18. Meine eigenen mündlichen Noten fand ich gerechtfertigt.
  19. Herr Riecken sollte festhalten, wer Aufgaben erledigt und wer nicht.
  20. Im Vergleich zu anderen Kursen wird bei Herrn Riecken viel mit unterschiedlichen Medien gearbeitet.
  21. Der Medieneinsatz (Blog), Whiteboard stellt für mich einen Gewinn dar.
  22. Das Unterrichtsblog war mir eine Hilfe.
  23. Ich bedauere, dass die Protokolle im Blog irgendwann nicht mehr verfasst wurden.
  24. Ich habe mich im Unterricht im Rahmen meiner Möglichkeiten engagiert.
  25. Der Kurs war insgesamt sehr engagiert.
  26. Die Unterrichtsqualität hat zum Ende des Kurses nachgelassen.
  27. Ich habe nichts dagegen, dass Herr Riecken (Teil-)Ergebnisse dieser Umfrage anonym in seinem Blog veröffentlich.

Die SuS müssen sich dann für jeweils eine der folgenden Antwortmöglichkeiten entscheiden:

  • trifft zu
  • trifft meistens zu
  • trifft weniger zu
  • trifft nicht zu

Wie man sieht, gibt es keine „Fluchtmöglichkeit“ zur Mitte hin. Die Fragen zum Blog beziehen sich auf diesen Artikel.

Technisch löse ich das mit dem Feedbackmodul von Moodle, da das sauber anonymisiert – selbst für den Administrator ist nicht nachvollziehbar, wer wie geantwortet hat. Zusätzlich gibt es immer einen Text, der sinngemäß mehr oder weniger so lautet:

Bitte nimm dir etwas Zeit für die folgenden Fragen. Es ist NICHT nachvollziehbar, wer welche Antworten gegeben hat, auch für den Administrator dieser Seite nicht.

Die Beantwortung macht nur Sinn, wenn du ehrlich antwortest. Weder solltest du aus Sympathiegründen „freundlich“, noch aus Aversionen heraus „unfreundlich“ bewerten.

Diese Evaluation kommt dir nicht mehr zugute, wohl aber den nachfolgenden Schülergenerationen.

In diesem Jahr gab es sehr wichtige und auch überraschende Ergebnisse zum Blogeinsatz – ich nehme da eine Menge für die „nächste Runde“ mit. Immer wieder treten Widersprüche auf, da ich einige Erwartungen mittlerweile bewusst auch enttäusche.

Im Vergleich zur einer vorherigen Evaluation habe ich mich in vielen Punkten zwar „verbessert“, trotzdem wiegen bei einigen Fragen unzufrieden machende 20% weitaus schwerer als zufrieden machende 80% – der nächste Qualitätsmanagementzyklus möge also beginnen.

Neu mit dabei ist die Frage nach der Distanz (10). Die Antworten auf diese Frage waren für mich mehr als eine Erleichterung, das sich anschließende Gespräch „aus dem Nähkästchen der Schulerfahrung“ gab hingegen viel Anlass zum Nachdenken .

Technologie allein löst und initiiert nichts

In der Chemie gibt es den Begriff des dynamischen Gleichgewichts. Damit ist nicht ein statisches Gleichgewicht auf einer Pendelwaage gemeint, sondern eines, dass sich durch ständige Veränderungen auszeichnet. Diese Veränderungen vollziehen sich jedoch auf der Mikroebene und sind für unsere Sinne nicht wahrnehmbar, so dass es in der Summe so scheint, als verändere sich nichts. Ein gutes Beispiel dafür ist eine geschlossene Sprudelflasche. Zwischen dem Sprudelwasser und der auch in der Flasche eingeschlossenen Luft besteht folgendes Gleichgewicht:

    \[ (1)\; HCO_{3(aq)}^- + H_3O^+_{(aq)} \rightleftharpoons CO_2_{(g)} + 2H_2O_{(l)} \]

Gelöste Kohlensäure (linke Seite) sprudelt aus der Flasche und zersetzt sich dabei in Kohlenstoffdioxid und Wasser. In einer verschlossenen Sprudelflasche steigt dadurch der Druck in der Gasphase unter dem Schraubdeckel. Mit höherem Druck läuft die Gleichung (1) wieder rückwärts, d.h. Kohlenstoffdioxid löst sind unter Bildung von Kohlensäure wieder im Sprudelwasser. Irgendwann pendelt sich das ein: In dem Maße wie Kohlenstoffdioxid entsteht löst es sich auch wieder. Sowohl der Druck in der Flasche als auch die Konzentration der Kohlensäure im Sprudel ändern sich nicht mehr – für uns sieht es dann so aus, als geschehe gar nichts mehr.

Kurzfassung:

Jemand, der von außen auf ein solches System schaut, sieht nichts, bzw. nimmt nichts wahr. Er weiß aber, dass mehrere Faktoren in der Flasche eine Rolle spielen: Kohlensäure, Kohlenstoffdioxid, Druck usw.. Wann immer er misst, verfeinert er nur seine Sinne – die Messung ändert am System selbst nichts.

Dynamische Gleichgewichte haben eine witzige Eigenschaft. Unser Außenstehender könnte jetzt auf die Idee kommen, z.B. einfach den Druck im System zu erhöhen, um eine Veränderung herbeizuführen. Wie reagiert das System darauf?

Mehr Druck ist „unangenehm“ bzw. eine Störung. Also wird das System dafür sorgen, dass mehr gasförmiges Kohlenstoffdioxid gelöst wird und damit der äußere Druck kompensiert ist – in der Chemie sagt man, dass das System so ausweicht, dass die Auswirkungen eines äußeren Zwanges minimiert werden (Gesetz von Le Chatelier). Lässt der äußere Druck nach, justiert sich das System wieder auf den Ursprungszustand zurück.

Um das System zu ändern, muss ich nicht an einem Parameter drehen, sondern ich muss z.B. die Flasche aufschrauben. Das ist bei Sprudelflaschen begrenzt mühsam, da das Aufschrauben ja mit einer Druckentlastung verbunden ist und sich der Deckel dadurch recht leicht löst. Soziale Systeme halten ihren Deckel oft von innen fest.

Und jetzt zur Technologie

Technologie trifft immer auf ein soziales System. Wenn ich einer Schule einen Computerraum hinstelle, wird mit Computern gearbeitet werden. Es wird dabei einige wenige geben, die damit eine neue Methodik und Didaktik entwickeln. Es wird aber auch Menschen geben, die den impliziten Druck dadurch mindern, dass sie gewohnte Strukturen einfach digital abbilden. Mit einem iDingens kann ich z.B. eBooks lesen und vielleicht bald auch Schulbücher aufschlagen. Wenn es das ist, was ich damit primär mache, werde ich iDingens doof finden, weil die ja teuer und deren Akkus irgendwann alle sind. Das ist ein Buch ja viel besser. Das kann jedenfalls nicht kaputt gehen.

Haltung

Die Haltung ist idealer Weise so, dass sich der Deckel abschrauben lässt, das System sich dadurch öffnet und aus dem bisherigen Gleichgewicht kommt. Die Arbeit mit lokalen Apps z.B. halte ich für keinen großen Fortschritt, sondern lediglich für eine Digitalisierung von Bestehendem mit natürlich(!) berechtigtem Stellenwert. Das geht aber teilweise sogar so weit, dass real mögliche Experimente durch Apps ersetzt werden („gefährliche Versuche“ auf Youtube schauen, Fall- und Beschleunigungsexperimente per App). Die Ergebnisse sind dabei immer super und vorhersagbar – mit einem Experiment hat das aber nichts zu tun. Der Moment, in dem mir der Wasserschlauch damals vom Kühler gesprungen ist und mich von oben bis unten eingesaut hat, war wahrscheinlich derjenige, der einen chemischen Zusammenhang bei den SuS verfestigt hat (und mich seitdem Schlauchschellen verwenden lässt).

Jedes Experiment ist ein wenig Aufbruch ins Ungewisse – es kann etwas schief gehen, weil es in der Natur des Experiments liegt. Penicillin und Porzellan sind übrigens zwei Produkte von „schief gegangenen Experimenten“. Wenn aber schon ein neues Gerät, dann bitte auch die experimentelle Haltung, auch explorativ zu arbeiten. Das darf sich nicht nur(!) auf Apps beschränken, sondern muss m.E. auch und an zentraler Stelle als Fenster ins Netz realisiert sein (dafür braucht es übrigens kein teures Gerät, das geht tatsächlich auch mit eigenen Devices). Die Haltung dabei ist die gleiche, wie sie bei jedem neu geplanten Experiment ohnehin schon vorhanden ist. Technik oder ein bestimmtes Device haben damit erstmal nichts zu tun – mit einer Ausnahme: Für mich ist der Browser die Zukunft. Alles andere wird immer an den üblichen Barrieren scheitern.

Geister

In meiner Tätigkeit als medienpädagogischer Berater begegnen mir zur Zeit eine ganze Menge Geister, die ich frei nach Charles Dickens  hier einmal vorstellen möchte. Gemeinsam mit Dickens Geistern haben sie, dass sie mich zurzeit ganz stark in Grübeln bringen und vieles aus den letzten Jahren in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen.

Die Dämonen

Dämonen sind für einen Techniker ziemlich wichtig: Man sieht von ihnen nichts, aber sie lauschen unaufhörlich, ob Aufgaben anliegen, die sie immer oder auch zeitgesteuert abarbeiten. Ohne Dämonen kommt ein Unixsystem völlig zum Erliegen – die CPU bekommt keine Aufgaben, die Aufgaben keine Rechenzeit. Dämonen nimmt man als etwas Selbstverständliches hin – sie funktionieren halt.

Jeder Lehrer erfüllt Dämonen-Aufgaben, die Schulleitung mehr, der normale Kollege weniger. Der Unix-Dämon braucht eigentlich nichts außer Updates (von anderen Dämonen gesteuert), eine Laufzeitumgebung oder Energie. Daran hapert es auf einem IT-System meist nicht. Stirbt ein Dämon, startet man ihn neu und er ist derselbe wie vorher – genau so belastbar, genauso effektiv, gefühlslos, nicht nachtragend.

Geben wir den menschlichen Dämonenaufgaben immer die Energie, die sie brauchen? Anerkennung – still oder offen? Haben sie eine Laufzeitumgebung, die ihnen gibt, was sie für ihre Funktion benötigen?

Geisterkonzepte

Wir produzieren in Niedersachsen an den Schule zurzeit viele Konzepte. Die Produktionsrate steigt im Vorfeld einer Inspektion dabei erheblich an. Viele davon sind schön geschrieben und voller Kompetenzbuzzwords. Wie viele werden gelebt? Wie misst man das Gelebtwerden von Konzepten durch z.B. eine Evaluation? Wie lebt man geschätzte 20 Konzepte gleichzeitig anm ein und derselben Schule? Ein nicht gelebtes Konzept ist halt so da – ein Produkt, was man vorzeigen kann. Es ist aber ohne die Handlung, die dichotomisch zu ihm gehören muss, wenn es einen Wert haben soll, nicht real. Es ist dann ein Geist. Für die einen ein guter, weil er die Inspektoren beglückt, für die anderen ein abgrundtief böser, weil er die Ressourcen Zeit und Wahrnehmung ohne Gegenleistung verschwendet. Drei wirklich gelebte Konzepte an einer Schule. Wäre das nicht eine Basis?

 Der Geist einer Schule

Es ist ziemlich verrückt und es klingt total eingebildet: Bei den bisherigen Schulen, die ich besucht habe, war mir schon nach wenige Metern im Gebäude klar, wie das sich anschließende Gespräch mit dem meist Schulleiter verlaufen würde. Die Mixtur als Geräuschen und Stille, aus Architektur, aus Geruch und Lichtstimmung spricht Bände bar jedweder Rationalität. Das Seltsame daran ist, dass ich den Geist meiner eigenen Schule am wenigsten von allen erlebten beschreiben kann- vielleicht weil alles schon viel zu gewohnt und vertraut ist.

Mir sind Äußerlichkeiten eigentlich immer recht egal gewesen, obwohl ich immer neidvoll in reich geschmückte Klassenzimmer gehe – ich denke dabei dann doch eher an: „Und wer räumt das alles wieder auf?“. Ich weiß, dass ich einen eigenen Raum möchte, den ich selbst gestalten kann, in dem mein Geist herrscht, in dem ich Lernangebote und -medien bereithalten kann, die mir eine weitere Öffnung des Unterrichts ermöglichen.

An diesen Ideen merke ich, wie sehr ich das, was Schule im Allgemeinen als Geist vorgibt, als unabänderlich hingenommen habe. Jetzt, wo die Mühle zwar noch läuft – aber an mindestens zwei verschiedenen Orten, begreife ich, was noch alles möglich ist und was schon anderswo tatsächlich gemacht wird. Viel zu lernen gibt es für mich an den Grundschulen.

Es ist, was den Geist angeht, aber bisher recht egal, was draußen an der Tür steht.

Bleibt noch dies:

Wer mir sagt, dass man Geister messen, beschreiben und allein durch diese beiden Operationen entwickeln kann, der hat ein Weltbild, das zu dem meinen nicht passt. Ich habe noch nie einen bösen Geist gesehen, der dadurch verschwand oder einen guten, der dadurch zum übermächtigen Dschinn wurde.

RAMBO (Riecken Arbeitet Mit Blogs Online) – Folge 6

Ich begleite in diesem Jahr einen Deutschkurs auf erhöhtem Niveau. Da in dem Unterrichtsraum ein SMART-Board (und keine weitere Tafel) vorhanden ist, lag es nahe, meine bisherigen Versuche, mit Blogs zu arbeiten (hier, hier, hier, hier und hier) etwas konsequenter auszuweiten und explizit durch GoogleDocs zu flankieren. Es geht dabei nicht primär um freie Unterrichtsformen – dafür sind die Vorgaben für das Fach Deutsch im neuen Kerncurriculum einfach zu umfassend – dort wird zwar von Kompetenzorientierung an jeder Ecke mit Buzzwords gefaselt – die zu bearbeitende Stofffülle in teilweise „interessanten“ Kombinationen lässt das de facto jedoch kaum zu.  Was passiert in diesem Blog:

  1. Alle Arbeitsmaterialien und Stundenergebnisse stehen darin zur Verfügung, bzw. sind in den jeweiligen Stundenprotokollen verlinkt
  2. Jede Stunde wird ein Protokoll von einem Schüler bzw. einer Schülerin verfasst und in der Kategorie „Protokolle“ abgelegt (nachdem der Chef, äh Lernbegleiter kontrolliert hat…)
  3. Längere Hausaufgaben z.B. zur Klausurvorbereitung werden im Blog erledigt
  4. Jeder Artikel kann für diejenigen, die die Sicherheit brauchen, über das Plugin arcticle2pdf auch als PDF heruntergeladen werden
  5. Es gibt Dreierteams, die jeweils drei Texte von Mitschülern sichten und nach Regeln kommentieren, die wir im Prozess gerade noch erarbeiten.
  6. Die Schülerinnen und Schüler bestimmen über das Plugin Member Access selbst, wie die Sichtbarkeit ihres Artikels gestaltet ist: Nur Lehrer, Lerngruppe, Welt
  7. Die Schülerinnen und Schüler haben volle Einsicht in meine Unterrichtsvorbereitung (GoogleDocs-Dokument), ja theoretisch auch schon vor der Stunde…
  8. Unterrichtsergebnisse werden in GoogleDocs notiert – dort stehen sie z.B. zum Verfassen der Protokolle zur Verfügung

Ganz neu:

Alle Schülerinnen und Schüler haben ein Pseudonym erhalten – ich möchte nämlich, dass nach Rücksprache mit dem jeweiligen Autorin, dem jeweiligen Autor eine Veröffentlichung für die „Welt“ möglich wird, ohne dass die mit einem Realname assoziiert ist. Für das gegenseitige Kommentieren (Peer-Review) dient diese Tabelle, die über eine Kategrie „Organisatorisches“ per Klick erreichbar ist:

Diese Personen sind zuständig für
Team 1 T1a T1b T1c T2a T3b T4c
Team 2 T2a T2b T2c T3a T4b T5c
Team 3 T3a T3b T3c T4a T5b T6c
Team 4 T4a T4b T4c T5a T6b T1c
Team 5 T5a T5b T5c T6a T1b T2c
Team 6 T6a T6b T6c T1a T2b T3c

Die Teams sind nach verschiedenen Stärken (Sprache, Struktur, Formales usw.) gebildet. Die Zuteilung von Personen zu einem Team ist ganz einfach: Man beginnt mit dem Namen, der unter dem des ersten Teammitglieds steht und geht dann diagonal nach unten rechts (am Beispiel von Team 1 grün markiert) – so kommt man nicht durch den Tüdder. Damit die Texte der einzelnen Personen leicht auffindbar sind, ist das Authors Widget sehr praktisch.

Probleme:

  1. Die SuS haben keine digitalen Endgeräte, d.h. ich muss noch immer mit Zetteln (= Medienbrüchen) arbeiten.
  2. Schön wäre es, wenn Schüler vom Platz aus selbst Beiträge in das GoogleDocs-Dokument vornähmen, z.B. um das „Tafelbild“ zu ergänzen – leider gilt hier Punkt 1. Jede billige Android-Klitsche wäre dafür geeignet. Fundraising – vier Geräte würden erstmal reichen, aber ich habe da schon eine Idee, wo ich die herbekomme…
  3. Das Notebook für das SMART-Board steht bei uns an der Wand direkt daneben – wenn ich dort tippe, sehen meine SuS den Lernbegleiter von hinten – meine Lösung ist schon unterwegs. Das Ding kann ich auch mit in die Gruppe geben…

Zwischenfazit:

Der Anfang ist gar nicht so einfach. Allmählich verselbstständigen sich jetzt bestimmte Prozesse – ein derartiges Setting ist für beide Seiten erstmal ungewohnt. Der nächsten Schritte wäre dann der an die Öffentlichkeit, d.h. ausgewählte Texte „worldreadable“ zu machen. Auch wäre es schön, wenn sich die SuS das Blog noch selbst erobern – das hat mit einer 8. Klasse schon ganz gut geklappt – zeitweise. Der technische Aufwand ist begrenzt – man muss lediglich sein WordPress installiert bekommen und mit den Plugins versehen. Das geht bei vielen Hostern schon per One-Click-Installation. Mir macht es Spaß… Den Spaßfaktor bei den SuS werde ich vielleicht noch evaluieren.

1 2 3 4 5 6