Selbständigkeit und Alleinelassen

„Ihr sucht euch jetzt einmal ein Thema, welches euch interessiert und macht daraus ein Projekt!“ „Ich gebe euch für eure Projektgruppe einen Punktepool und ihr entscheidet in der Gruppe selbst, wie viele Punkte jeder von euch erhält!“ „Du bekommst als Schule ein Budget, aus dem du zuerst Fahrtkosten und Fortbildungskosten finanzieren musst. Den Rest darfst du für andere Dinge einsetzen!“ „Jede Schule muss selbst eigene Verfahrensbeschreibungen und Nutzerordnungen zum Datenschutz erarbeiten!“ „Deine schulische Arbeit sammelst du in einem Portfolio und überprüfst laufend selbst, welche Kompetenzbereiche du bereits abgedeckt hast!“ „Du hast von mir ein Handy bekommen. Jetzt gehe mal verantwortungsvoll damit um!“ „Regen ist kein Grund, dass ich dich zur Schule fahre!“ „Erarbeite mal selbst, was für Geräte in deinem Schulnetzwerk benötigt werden!“

Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Ich glaube, dass sie ein pädagogisches Grundproblem beschreibt. Bei mir ist das so stark im Fokus, weil ich damit herumexperimentiere, meinen Unterricht ein wenig mehr zu öffnen und damit so meine Erfahrungen gemacht habe. Befürworter des offenen Unterricht gehen nach meiner Meinung von einem ganz bestimmten Menschenbild aus, was mehr oder weniger stark aus Artikeln und SoMe-Posts herausschimmert. Kernpunkte dieses Menschenbildes sind:

  • Menschen wollen lernen
  • Menschen wollen hinsichtlich der Auswahl des Lernstoffes nicht bevormundet werden
  • Menschen sind von Natur aus neugierig
  • Menschen wissen selbst am besten, was gut für sie ist
  • Menschen blühen auf, wenn man ihnen Freiräume gibt

Schule in Deutschland wird dagegen oft als ein fast komplementärer Raum dazu aufgefasst, denn

  • Schule macht aus dem Wollen ein Müssen
  • Schule bevormundet hinsichtlich der Stoffauswahl
  • Schule weckt und befördert nicht die Neugier
  • Schule maßt sich an zu wissen, was für einen guten Staatsbürger wichtig ist
  • Schule schafft keine Freiräume, sondern Zwang
  • Und – fast am wichtigsten: Schule macht das positive Menschenbild von oben kaputt.

Beide Stereotype erlebe ich nicht so, weder das positive Menschenbild, noch die Rigidität und Enge des Schulsystems. Und das ist nicht böse – halt einmal mehr nicht Mainstream.

Ein Beispiel aus meinem Arduinoexperiment dieses Jahr in der letzten Phase („Projektphase“). Es gibt Schülerinnen und Schüler, die nicht wissen, was sie inhaltlich interessiert und die man schon bei der Findung dieser Idee begleiten muss. Einige sind sogar froh, wenn ich sage: „Mach’s mal so – so schaffst du das!“. Andersherum gibt es großartige Ideen, die sich aber mit dem Wissen und den Möglichkeiten des jeweiligen Schülers gar nicht umsetzen lassen – wo er ohne Lenkung und Hilfe in den Wald liefe und eben kein Erfolgserlebnis hätte. Wo verläuft also die Grenze zwischen Alleinelassen und Selbstständigkeit? Wahrscheinlich individuell und mein Job als Lehrperson ist es, diese Grenze zu ziehen, weil ich verdammt nochmal aufgrund meiner Erfahrung manchmal eben besser weiß, was klappen könnte.

Ein weiteres Beispiel aus dem Bereich der Projektarbeit: Man gibt der Gruppe aus fünf Mitgliedern 30 Punkte, die sie dann selbst auf die Gruppenmitglieder verteilen sollen, weil die Gruppe ja am besten weiß, wer sich wie eingebracht hat. Das ist verlockend, weil man so die unangenehme Benotungsangelegenheit in die Gruppe verschiebt. Dadurch bleibt die Angelegenheit nur immer noch unangenehm (die Bewertung steht ja immerhin im nicht reformierten Raum „Schule“) – nur ich als Lehrperson bin aus dem Schneider, weil ich den schwarzen Peter verlagere. Mich unbeliebt zu machen, ist ggf. mein Job. Ich gebe die Note und organisiere die Gruppenarbeit und mich  ggf. so, dass ich das kann. Alles andere wäre für mich keine Selbstständigkeit, sondern ein Alleinelassen. Tatsächlich ist das ziemlich einfach, da ich nach meinen bisherige Erfahrungen in individuellen Beratungssituation bei Projekten sehr viel mehr mitbekomme als im sonstigen klassischen Unterricht.

Als Dienstherr könnte ich auf die Idee kommen zu sagen, dass ab jetzt Schulen in bestimmten Bereichen selbstständig sind. Hört sich zunächst prima an. Dass damit so Dinge einhergehen, u.U. selbst Arbeitsverträge mit Anbietern für den Ganztagsbereich ausarbeiten zu müssen, Verfahrensbeschreibungen zum Datenschutz zu erstellen usw., ist eine andere Seite der Medaille. Damit dürften Schulen schlicht überfordert sein, da ihnen dazu die Rechtsabteilung fehlt, die ein Dienstherr zwangsläufig hat. Ok – das Know-How kann sich jede Schule ja einkaufen – nur ist das effektiv, wenn das jede Schule einzeln macht, und mit den zur Verfügung stehenden Mitteln realisierbar? Zum Glück käme der Dienstherr ja gar nicht auf solche Ideen.

Meine Hypothese ist, dass so manche selbstständige Arbeitsform Schülerinnen und Schüler schlicht überfordert – allein die Aufgabe herauszufinden, was mich – mich ganz allein und persönlich – wirklich interessiert, ist schon ein Anspruch. Andererseits empfinde ich es so, dass wir an andere Stellen Schülerinnen und Schülern Erfahrungen an Stellen nehmen, die sie durchaus machen dürfen. Man stirbt z.B. nicht, wenn man in Regenjacke zur Schule fährt und man stirbt auch nicht daran, ein Fahrrad mit einem Platten nach Hause zu schieben. Es ist zumutbar, Essen vorgesetzt zu bekommen, was nicht Mami gekocht hat.

Wo lassen wir als Gesellschaft junge Menschen alleine und wo trauen wir ihnen Selbstständigkeit zu?

 

Informatik mit Arduino

leonardo

Ich habe in diesem Jahr einen Informatikkurs in der Klasse 10 übernommen. Den besucht man als Schülerin oder Schüler zusätzlich zu einem recht vollen Stundenplan in Klasse 10, um die Option auf eine Teilnahme an einem Informatikkurs in Klasse 11 zu bekommen. Man darf dann im Abitur zwei Kurse Naturwissenschaft durch Informatik ersetzen. Ich bin kein gelernter Informatiklehrer – ich bin einfach nur ein größenwahnsinniger Freak und wahrscheinlich schlägt die Informatikdidaktik über meine Ansätze die Hände in der Luft zusammen.  Egal – entweder man ist konventionell oder man lebt.

Stufe 1:

Wir haben Probleme in Einzelprobleme zerlegt – z.B. sollten 20 Zahlen von 20 Personen abgefragt und addiert werden. Unsere Strategien haben wir aufgeschrieben. Dabei spielteh folgende Fragen eine Rolle:

  • Wie merken wir uns die ganzen Zahlen?
  • Wenn wir sie uns aufschreiben: Wir machen wir das genau? Nebeneinander? Untereinander?
  • Addieren wir bei jeder Abfrage oder fragen wir alle Zahlen ab und addieren dann?
  • […]

Stufe 2:

Wir haben mit dem Flussdiagramm ein Verfahren kennen gelernt, dass Aufgeschriebene zu visualisieren und diese Visualisierung für weitere Probleme durchgespielt, die z.B. Fallunterscheidungen enthielten.

Stufe 3:

Mit Scratch haben wir unser Problem aus Stufe 1 ganz konkret gelöst und zwar durch Pass&Fail. Für Scratch muss man heute im Prinzip nicht einmal ein Programm installieren – das läuft auch komplett im Browser – wenn man beim MIT einen Account anlegt. Wer mochte, konnte sich auch schon am klassischen Ratespiel „rate eine Zahl zwischen 1 und 100“ versuchen oder sich eines der vielen veröffentlichten Projekte zu Scratch vornehmen. Die Lösungsansätze haben wir uns vorgestellt und teilweise diskutiert.

Stufe 4:

Anhand eines Ausdrucks eines „Scratchprogrammes“ galt es, ein Flussdiagramm zu zeichnen und einen fiesen, von mir natürlich absichtlich eingebauten Fehler zu finden. Dazu gab es noch einige Erweiterungs- und Optimierungsaufgaben.

Stufe 5:

In einem Dokuwikisystem haben die Schülerinnen und Schüler Seiten zu Programmiersprachen erstellt. Ich habe eine klare Struktur vorgegeben: Eine kurze Beschreibung zur Sprache, ein „Hello World!“- , ein „if -then – else“- und ein „while“-Codebeispiel. Dokuwiki kann das absolut prima, weil es einen leistungsfähigen Syntaxhighlighter für fast alles hat. Es braucht keine Datenbank, ist ajaxbasiert – einfach und umkompliziert. Unnötig zu erwähnen, dass dabei die Konfrontation mit dem Begriff „Syntax“ sowohl theoretisch (für die Sprache suchen) als auch praktisch (Wikisyntax) erfolgte.

Zwischenstand:

Die Schülerinnen und Schüler haben bis jetzt eigentlich schon alles erlebt, was man beim Programmieren so erleben kann:

  • „Mein Code läuft nicht!“ – „Hm. Da fehlt ’ne Klammer“ – „Oha, wenn ich da etwas einrücke, dann wird es ja viel übersichtlicher.“
  • „Sein Code läuft und meiner auch. Welcher ist denn nun richtig?“ – „Welcher gefällt dir denn warum besser?“
  • „Boah, ist das viel zu schreiben!“ – „Nunja – aber wenn sich das ständig wiederholt, könntest du ja vielleicht auch …“
  • […]

Stufe 6:

Kurzer Lehrervortrag zu Arduino. Dann ran an den Simulator – der ist absolut toll und zu empfehlen, bevor die ersten Bauteile in Rauch aufgehen.

Natürlich habe ich zunächst eine ganz einfache Beispielschaltung vorgestellt (blinkende LED).

(circuits.io klappt bisher so richtig gut nur mit Chrome oder Chromium als Browser.)

Die sollte dann um drei LEDs in einer Ampelschaltung erweitert werden. Dazu musste man schon ein Bisschen was am Breadboard verstehen. Nebenbei wurde auch etwas über die Wellenlänge des Lichts und Farbe gelernt: Im Simulator ändert man die LED-Farbe durch Eingabe von Wellenlängen in nm. Und ohne Vorwiderstand macht die LED „peng“, verpolt macht sie gar nichts. Es gab sofort das Spiel: „Wie klein darf ich den Widerstand machen, dass die LED heil bleibt?“ Nebenbei ist die Simulatorhomepage auf Englisch (Widerstand = resistor).

Stufe 7:

Es kommt etwas Theorie zur Arduino-IDE. Wir werden den Arduino Leonardo bzw. einen pinkompatiblen Nachbau  nutzen, weil der durch sein HID-Funktionen in Kombination mit Lagesensoren auch als Gamecontroller oder Mausersatz taugt. Den Arduino kaufen sich die Schülerinnen und Schüler selbst, das Zubehör stifttet unser Förderverein. Die Kosten sind aber sehr marginal im Verhältnis zu den sich bietenden Möglichkeiten. Dann können wir unsere Schaltung aus Stufe 6 real aufbauen.

Ausblick

Die Schülerinnen und Schüler sollen sich nach Möglichkeit eigene Projekte suchen, die sie mit dem Arduino realisieren. Natürlich habe ich notfalls Projekte von unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad in der Hinterhand. Der Komplexitätsgrad der Projekte darf natürlich mit dem wachsenden Wissensbeständen steigen. Die Schule bekommt aus einem N21-Projekt für eine AG Roboter auf Arduinobasis gestellt, auf die sich dann ggf. die erwobenen Kenntnisse übertragen lassen.

Mit der steigenden Komplexität der Projekte erwarte ich ein Anwachsen der Programmcodes, das irgendwann dazu führen soll, bestimmte Funktionen auszulagern in objektorientierte Settings (Ende 2. Halbjahr). Schön wäre es, wenn der Code für einen alleine nicht mehr zu pflegen ist, sodass auch Strukturen wie SVN notwendig werden.

Erste Eindrücke

  1. Ich lerne mit den Schülerinnen und Schülern mit. Für mich ist vieles Neuland.
  2. Schülerinnen und Schüler finden Fehler im Programmcode viel schneller in Peer-Reviews als ich
  3. Dieser Ansatz schreckt auch einige ab. Man muss ja allerhand aushalten und sogar auch Elektronik- und Englischwissen ausbauen
  4. Ich musste die Beschäftigung mit der Hardware vorziehen. Ich und die Schülerinnen und Schüler können es teilweise kaum erwarten.
  5. Es wird sehr selbstständig und konzentriert gearbeitet – auf die Frage: „Kann ich das so machen?“ antworte ich oft: „Probiere es aus!“ – und mit dieser Antwort sind sie oft zufrieden.
  6. Perfektionisten sind in der Hinterhand – am effektivsten arbeiten die Experimentierfreudigen
  7. Man kann wunderbar differenzieren: Der C-Freak bekommt eben eine Bildröhre mit Composite-Eingang, auf der er ein Spiel programmiert. Das ist vom Timing her nicht trivial, da der Arduino von seiner Rechenleistung damit an eine Grenze kommt. Dem Anfänger reicht vielleicht ein Lauflicht als erstes Projekt – oder ein Thermometer (NTCs haben eine Kennlinie, muss muss mathematisiert oder mit einem anderen Thermometer kallibriert werden).
  8. Es kommen Fragen wie: „Darf ich zu Hause an meiner Schaltung im Simulator weiterarbeiten?“ „Dürfen wir unser Projekt auch mit nach Hause nehmen?“

Digitale Klassenbücher

Wir alle kennen und lieben sie mehr oder weniger: Die grünen oder blauen Bücher, in denen offiziell Dinge des Schulalltags wie Interrichtsinhalte, Hausaufgaben, Fehlzeiten u.v.m. zu dokumentieren sind. Das Pendant der Oberstufe heißt bei uns dann Kursheft. Beide Schriftstücke wollen vor allem aus juristischen Gründen geführt sein und dienen im Falle von Auseinandersetzungen vor Gericht als Beweismittel. Diese Art der Unterrichtsdokumentation hat so ihre Tücken:

  1. Klassenbücher werden in der Regel von Schülern verwaltet. Sie enthalten neben allgemeinen Angaben wie Unterrichtsinhalten oder Hausaufgaben auch sensible Daten wie z.B. Fehlzeiten, Angaben zu Unterrichtsausfällen u.v.m.
  2. Eine systematische Auswertung von Klassenbüchern ist umständlich. So müssen bei uns z.B. an einem Stichtag Fehltage ausgezählt werden, wenn man nicht intensiv die dafür eigentlich gedachten Listen vorne im Buch nutzt – was jeder Kollege natürlich akribisch macht, wie jeder Klassenlehrer weiß.
  3. Das Schönste, was ich mit einem Klassenbuch erlebt habe, war ein Schüler, der sich sein Frühstück noch einmal auf das Klassenbuch hat durch den Kopf gehen lassen. Andere Katastrophen wie der Totalverlust dieses Dokuments sind auch denkbar.

Die Lösung ist nach Aussage diverser Anbieter das elektronische Klassenbuch. Es wird auf unterschiedliche Art und Weise geführt, z.B. durch Eingaben an einem Tablet über eine App oder eine Webseite. Die Vorteile liegen auf der Hand:

  1. Es sind nur Daten sichtbar, die für die unmittelbare Eingabe erforderlich sich. Sensible Daten lassen sich effizient von harmlosen trennen.
  2. Die Bücher sind zentral auswertbar. Insbesondere für die Schulleitung ergeben sich daduch Entlastungen, da die (behördlich vorgeschriebene) Kontrolle nicht zu einem festen Termin, sondern eben jederzeit stattfinden kann.
  3. Über eine Schnittstelle zum Zeugnisdruck können z.B. Dinge wie Fehlzeiten schnell und unkompliziert erfasst werden.
  4. Fehlenden Eintragungen muss niemand mehr hinterherennen. Das System könnte z.B. nach dem Login über fehlende Daten jammern oder per SMS bzw. Mail herumstressen.
  5. Auch Dinge wie Verwarnungen wegen unerledigter Hausaufgaben können automatisiert erfolgen.
  6. Es ist darüberhinaus denkbar, auch Eltern Zugriff auf bestimmte Daten zu gewähren, so dass eine effizientere Hausaufgabenbetreuung und Vorbereitung auf Klassenarbeiten möglich wird. Nicht jedes Kind erzählt üppig viel über diese Dinge am häuslichen Abendbrotstisch.
  7. [ to be continued … ]

Das ist alles verführerisch und es ist vor allem modern. Es braucht aber leider einige Voraussetzungen.

  1. Das zeitnahe Eintragen der Daten muss niederschwellig sein, weil das System darauf maßgeblich basiert. Ideal wäre eine Ausstattung mit flächendeckendem WLAN und Tablets für jede Lehrkraft. Ich setze mich nach dem Unterricht eher ungern noch an einen Schul-PC, um Eintragungen nachzuholen.
  2. Die geltenden Datenschutzgesetze des jeweiligen Bundeslandes müssen geeignet sein, juristische Störfeuer einzelner wirksam zu unterbinden. Wenn man auch nur für einige Schülerinnen und Schüler bzw. Kolleginnen und Kollegen doppelte Datenhaltung betreiben muss, bricht das gesamte System komplett zusammen.
  3. Die technische Verlockung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass man mit einer ganzen Reihe von Ängsten bei den Betroffenen umgehen muss. Nimmt man die Beteiligten nicht von Anfang an mit ins Boot, sieht man sich u.U. netten Fragestellungen und Herausforderungen gegenüber.
  4. Die Illusion eines kompletten digitalen Managements von Schule sollte man sich nicht machen. Schulen sind immer individuelle Systeme mit spezifischen Anforderungen, die sich niemals komplett digital mit endlichen Ressourcen abbilden lassen. Das ist bedingt durch die politisch gewollte Profilierung, gleichwohl aber auch durch ständige, teilweise recht kurzfristige Reformen – das kann kein Anbieter leisten.

Von einer mehr philosophischen Warte aus gedacht, drängen die mir weitere Fragen auf:

  1. Fehlzeiten und Verspätungen von Schülerinnen und Schülern, ggf. auch unerledigte Hausaufgaben lassen sich recht einfach zusammenzählen – durchaus auch über Jahre. Es trägt Züge bzw. Merkmale von Überwachung. Im Arbeitsleben mag das längst üblich sein (Arbeitszeiterfassungskarten etc.). Die meisten Schüler sind vor dem Gesetz aber Kinder. Ich kann diese Maßnahmen damit begründen, dass sie von ihren Arbeitsgebern später auch in die Weise kontrolliert werden werden und das schon einmal lernen sollen. Ich frage mich aber dann, was Kindheit heute für einen Wert hat, wenn ich das so begründe. Und ich frage mich, wo da irgendwann die Grenze ist. Mit den Zuständen in angelsächsischen Schulen (z:b. Einlass- und teilweise Waffenkontrollen) mag ich mich nicht so anfreunden. Mit RFID-Bezahlchips für die Mensa laufen ja schon einige Schülerinnen und Schüler durch die Gegend. Was da alles möglich und denkbar wäre …
  2. Die Arbeit von Kolleginnen und Kollegen wird ggf. inhaltlich (Themeneinträge, Hausaufgabenstellung) als auch von der Sorgfalt her (Quantität und Zeit der Eintragungen) leicht und recht niederschwellig überprüfbar. Das mag ja auch in dem einen oder anderen Fall eine Ursache irrationaler Ängste vor Technik darstellen. Da werden genau wie in der Wirtschaft auch die Personalräte gefordert sein.
  3. Es gibt u.U. Gründe, warum jemand für eine gewisse Zeit Verpflichtungen jedweder Art nicht nachkommt. Mit einer automatisierten Erfassung nehme ich mir u.U. pädagogische Freiräume. Die Zahlen bestimmen ja die von der Schulgemeinschaft als angemessen empfundene Reaktion – nicht das individuelle Schicksal.
  4. Man könnte auch in Versuchung kommen, statt digitaler Verwaltung menschliche Ressourcen für z.B. die wichtige Eltern- und Schülerarbeit zur Verfügung zu stellen, antstatt bestehende Systeme durch technische Lösungen zu stabilisieren.

Die Lage in Niedersachsen

Die meisten der auf dem Markt angebotetenen Systeme sind webbasiert. Man braucht hier also eine Vereinbarung zur Auftragsdatenverarbeitung zwischen Schule und Anbieter. Dafür gibt es ziemlich konkrete Regelungen. Lösch-, Aufbewahrungs- und Sperrfristen regelt z.B. in diesem Zusammenhang eine Verfahrensbeschreibung bzw. -verzeichnis.

Der Knüppel zwischen Beinen ist hier nach meiner Einschätzung die Gesetzeslage. Anbieter propagieren oft mehr oder minder offen den Grundsatz, dass alles erlaubt ist , was das Gesetz nicht ausdrücklich verbietet. Im Bereich des Datenschutzes streiten sich da die Geister und die Rechtsauffassungen (Kern: Volkszählungsurteil – bitte juristisch beraten lassen!). Nach meinen Recherchen ist da nichts „klar“ und wer von den Anbietern da etwas anderes sagt, handelt m.E. im Sinne seines Geschäftsmodells.

Von der Konstruktion ist es eigentlich ganz simpel: Daten darf man verarbeiten, wenn es dafür eine gesetzliche Grundlage gibt ODER wenn eine Einwilligung vorliegt, an die aber eine Reihe von weiteren Dingen geknüpft ist (z.B. Belehrung über Widerufbarkeit usw.).

Anbieter erliegen nach meiner Erfahrung der Versuchung, technischen Datenschutz vor den juristischen zu stellen. Da kommen dann Fragmente wie „garantierte Datensicherung“, „ISO-yx-zertifiziertes Rechenzentrum“ etc. ins Spiel, die sich angesichts des ungesicherten Koordinatorenbüros wie der Hort des Datenschutzes anhören – technisch absolut korrekt. Nützt aber nichts, wenn der Rechtsanwalt um Ecke das Ding vor Gericht zerpflückt.

Und ja, das klingt schizophren: Wenn die Einbrecher die Verwaltungrechner der Schule bei Ebay dann verticken und die Daten frei werden, hat das andere Folgen, als wenn eine Schule die Daten ihrer Schüler möglicherweise zu Unrecht durch Dritte verarbeiten lässt.

Spannend dürfte in Niedersachsen die Frage sein, ob Auftragsdatenverarbeitung im Sinne des Datenschutzes auch erforderlich ist. Wenn nicht: Einwilligung! Wenn Einwilligung – Was mache ich mit denen, die sie nicht erteilen?

Ohne Klagen wird sich hier im Land juristisch aber nichts bewegen, obwohl nach meiner Auffassung eine Klärung überfällig wäre. Klagen aus dem System selbst heraus sind nicht zuletzt wegen bestimmter Abhängigkeiten schwierig.

Meine 10 Cents

Wäre ich eine Schule in Niedersachsen, würde ich momentan davon noch die Finger lassen. Praktikabel fände ich ggf. eine Inhouse-Lösung ohne Elternzugriff, die mit dem Datenschutzbeauftragten des Schulträgers abgeklärt und über den sonst so üblichen Standard hinsichtlich des technischen Datenschutzes gehoben wird (verschlossener Raum, USV, Backup an anderem physikalischen Standort, verschlüsselte Verbindungen). Die Einbruchs- und Datenverlustwahrscheinlichkeit ist damit höher. Aber es liegen viel weniger Daten kumuliert vor und man kann selbst entscheiden und kontrollieren, was man speichert und wann man löscht, bzw. auf Papier umkopiert.

Klar sind die Anbieter, die sich in großen Rechenzentren einmieten, hier besser aufgestellt. Sie verarbeiten aber auch wesentlich mehr Daten und der Schaden bei einem Einbruch wäre ungleich höher – und attraktiv sind zentral kumulierte Daten immer – auch für noch zu erfindende Geschäftsmodelle.

 

 

Zettel, Zettel, nix als Zettel …

… da kam mir als Klassenlehrer irgendwann die Idee, einen Leitzordner für die Lerngruppe zu besorgen. Jeder hat dort sauber mit Registerkarten abgetrennt und alphabetisch geordnet eine Klarsichthüle. Der Leitzordner steht ständig im Klassenschrank und wird dann von jedem Einzelnen mit Rückmeldezetteln befüllt. Die Lerngruppe bekommt für jeden Rücklauf einen festen Termin, zu dem alle Zettel unterschrieben eingetroffen sein müssen. Die Vollständigkeit könnte man noch zusätzlich durch einen bestimmten „Dienst“ sicherstellen.

Dann lässt man sich die Zettel alphabetisch in z.B. einem Umschlag überreichen oder nimmt sich die Schnipsel eben selbst richtig geordnet heraus. Wer noch eine visuelle Stütze bereitstellen will, tackert eine Klarsichthülle mit dem gerade abzugebenden Schreiben an die Klassenraumtür. Die Luxusvariante wäre ein Schrank am Ausgang der Klasse mit eigenen „Brieffächern“ für jedes Lerngruppenmitglied. Fertig. Keine Unterrichtszeit, keine Listen, alles selbstorganisiert.

Diese Idee habe ich nie umgesetzt, sondern einer Kollegin an meinem Tisch großmundig erzählt. Die macht das jetzt so, ist hochzufrieden und wird ihrerseits von anderen kopiert (deswegen musste ich das jetzt auch unbedingt mal bloggen). Insbesondere in jüngeren Klassen scheint das prima zu funktionieren.

Aus Datenschutzgründen sollte man aber darauf achten, dass nur „harmloses“ Zeug dort hineingerät. Dazu zählen z.B. NICHT Entschuldigungen, Kenntnisnahmen von Tadeln und andere Dinge, die nicht für die Schülerhand bestimmt sind, weil sie sensible Daten enthalten.

Mit digitalen Klassenbüchern würde hier übrigens vieles leichter. Aber da gibt es dann andere Fallstricke. Deswegen kommt dazu noch ein gesonderter Artikel.

Textbausteine – Teil 1

Schulen neigen dazu, ihren curricularen Verpflichtungen im Bereich der „neuen Medien“ dadurch nachzukommen, dass sie sich externe Kräfte für Aufgaben buchen, die sich durch Vorträge und einmalige Workshops zumindest meiner Meinung nach pädagogisch nicht sinnvoll erfüllen lassen.

Notwendig wäre hier aus unserer Sicht eher ein stimmiges Konzept, was auch die Weiterbildung der Lehrkräfte und pädagogischen Mitarbeiter einschließt, so dass Medienbildung im schulischen Alltag verankert ist und erfahrbar wird.

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