Das geht alles nicht und es ändert sich nichts!

Immer noch reden alle von den „10 best apps for education“, immer noch verharrt das Schulsystem im bildungsbürgerlich-konservativem Duktus, immer noch passiert nichts bei der Medienaustattung der Schulen, immer noch ist mein Medienbegriff falsch (oder wahlweise nicht weit genug entwickelt) und immer noch begreift Politik nicht, wie es eigentlich funktioniert und immer noch gibt es keine Lösungen. Schon schlimm, diese Welt.

Ich stand letzte Woche vor der Aufgabe, acht Kubikmeter Erde und vier Kubikmeter Schutt aus dem Haus schaffen zu müssen. Ich hätte stundenlang darüber sinnieren können, wie schlimm das ist – vor allem mitten im Alltag in einem bewohnten Haus. Aber durch das Sinnieren wurde die Aufgabe nicht kleiner. Nicht eine Schubkarre Schutt fuhr aus dem Haus. Nicht ein Container lieferte sich von selbst.

Mir kommen die Herausforderungen im Bildungssystem momentan vor wie dieser Schuttberg. Ideell, politisch, ideologisch.  Ein Haufen Anzugträger und Wissenschaftler läuft mehr oder minder krakelend um ihn herum: „Schaut her, es ist schlimm, er muss aus dem Haus!“ Es werden Vorträge gehalten, Blogposts wie dieser geschrieben, die immer gleichen Stereotype von den bildungsbürgerlichen Ängsten und Vorbehalten gegenber digitalen Medien beklagt, die immer gleichen Argumente bemüht. Der Schuttberg liegt immer noch. Und das liegt natürlich daran, dass ihn keiner der Verantwortlichen wegräumt. Meist, weil diese halt nicht begreifen, dass er weggeräumt werden muss. Reden ist eine Handlung, Denken ist eine Handlung. Leider kümmert sich der Schuttberg einen Scheißdreck darum und bleibt einfach liegen.

Ein schöner Rand bis jetzt, aber was macht der Riecken eigentlich? Ich handle nach bestimmten Strategien, die bisher insofern funktionieren, als dass der lokale Schuttberg hier vor Ort schwindet. Langsam. Sehr langsam.

  1. Ich habe mich darum bemüht, mit einem Teil der Stunden für andere Aufgaben abgeordnet zu werden. Es ist ein Glück, dass das hier in Niedersachsen möglich ist.
  2. Verweigerer im Bereich des Digitalen haben gute Gründe für ihre Verweigerung. Und ein guter Grund darf auch Selbstschutz sein. Ein Lehrer, der anwesend ist und guten analogen Unterricht macht, ist für mich einem digitalen Flippie vorzuziehen, der unter seinen Engagement zusammenbricht oder durch ebendieses selten vor Ort ist.
  3. Ich arbeite politisch. Ich helfe Schulamtsmitarbeitern, Vorstellungen im entscheidenden Gremium zu präsentieren oder rede dort selbst. Ich knüpfe Bande mit politisch aktiven Menschen. Ich halte Politik für eine anspruchsvolle Aufgabe und bewundere Menschen, die diese Aufgabe wahrnehmen. Ich bewundere dabei nicht jede Einstellung und Haltung. Und das sage ich auch beides: Das eine wie das andere.
  4. Ich stelle Schulen selbst mit meinen Händen auf zeitgemäßere Technik um. Von der Hardwareempfehlung bis zur Raumausstattung. Ich habe mir über Jahre ein kleineres Netzwerk aus Firmen und Händlern dafür aufgebaut. Menschen rufen mich an, wenn sie unsicher sind. Ich kann mich darauf verlassen, dass die Arbeit fachgerecht erledigt wird und von mir verzapfter Stuss auch direkt thematisiert ist.
  5. Ich habe Geduld und ertrage auch herbe Rückschläge, die es dabei gibt. Das ist so im Leben. Insbesondere ist es so in beamtischen Strukturen.
  6. Ich berate und schule nicht mein eigenes System. Ich entscheide und bestimme dort in Hardware- und Netzwerkfragen, stelle Fragen, äußere Strukturideen, höre Bedarfe und habe eine Zielvorstellung vom Netzausbau und der Medienausstattung. Ich organisiere gerne externe Beratung und Schulung, wenn diese gewünscht und angefordert wird. Ich unterstütze Kollegen, die etwas zu organisieren haben technologisch mit geeigneten Systemen. Dieser Punkt mit dem eigenen System ist für mich sehr wichtig. Insbesondere diese klare Grenzziehung. Wenn Kollege z.B. das SMARTBoard so nutzt, dass er einen Zettel unter den Presenter legt und darauf sein Tafelbild malt, dann ist das so.
  7. Ich entwickle mich weiter. Ich lerne dazu. Ich bleibe nicht bei einer Strategie stehen, sondern hinterfrage ihre Wirksamkeit spätestens nach 1,5 Jahren. Die Wirksamkeit der Rede und des Denkens war bisher im Hinblick auf den Schuttberg eher ein wenig schlecht bis mies.
  8. Ich teile Ideen und Strategien, z.B. hier im Blog, aber auch mit Firmen. Ich teile sie noch so, dass daraus für mich keine Verbindlichkeiten oder Verpflichtungen erwachsen. Wenn Geld fließt, entstehen immer diese Verbindlichkeiten.
  9. Ich bediene außer hier mit diesem Blog und ein wenig auf Twitter keine Öffentlichkeit. Wenn eine Öffentlichkeit bedient werden muss, bindet das Resourcen, die mir hier vor Ort fehlen würden. Die Erfolge hier in der Region sind für mich der Motor. Aus ihnen entstehen die einzig für mich wichtigen Währungen wie Vertrauen oder das Gespräch beim gemeinsamen Bierchen.

Das Schuttbergbeispiel hinkt. Dafür könnte man sich nämlich durchaus Dienstleistungen einkaufen. Im Bereich des Digitalen muss man diese Dienstleistungen vor allem in der Fläche erst noch entwickeln oder sogar selbst erbringen. Das wird irgendwann einmal anders sein. Vielleicht wenn genug geredet und sinniert worden ist.

 

Transaktionskosten (Fortsetzung)

Eine von mir hochgeschätzte und stille Leserin meines Blogs hat mich neulich darauf aufmerksam gemacht, dass ich angekündigt hatte, eine Fortsetzung zum Artikel mit den Transaktionskosten zu schreiben. Ich zitiere dazu noch einmal den letzten Absatz im Sinne der Anschlussfähigkeit.

Wer Veränderungsprozesse initiieren möchte, muss im Blick haben, dass er gleichzeitig neue, noch nicht kalkulierbare Transaktionskosten erzeugt (“Ja, aber das mit den Medien muss aber in ein Gesamtkonzept!”), und gleichzeitig auch noch andere, von den Kosten her “sicher” kalkulierbare Systeme bedroht (“Ja, aber über Aushänge kommuniziert man doch total ineffizient!”). Daraus ergeben sich für mich Konsequenzen für mein Verhalten als Berater.

Regel 1: Das Neue ist der Feind des Bewährten.

Das Neue kann sich in den bestehenden Schulstrukturen nur durch viel Geduld, Leadership oder subversiv durchsetzen. Sobald man als Berater generalisiert, werden immer lautstarke und – für die Idee viel gefährlichere – stille Widerständler auf den Plan gerufen. In sehr heterogenen, großen Systemen wird sich dann NIE das Neue durchsetzen. Deswegen unterscheide ich zwischen subjektiven und objektiven Wahrheiten. Objektiv kann man durchaus Recht haben. Es nützt u.U. aber trotzdem nichts, weil Systeme stets subjektiv funktionieren und dann die entstehenden Transaktionskosten zum Kollaps jeder noch so guten Idee führen.

Ein Beispiel:

Objektiv ist es für große Systeme vernünftig, Klausur- und Klassenarbeitsplanung online zu machen. Man ist bei der Eintragung nicht an eine Zeit oder an einen Ort gebunden. Das System kann durch Algorithmen Fehleinträge im gegebenen rechtlichen Rahmen abfangen. Es kann mit dem Schulkalender gekoppelt werden, sodass sich Tage mit bestimmten, vorhersehbaren Abwesenheiten von Lerngruppen transparent sperren lassen. Umgekehrt ließen sich Termine von Arbeiten in die Kalender der jeweiligen Lerngruppen zurückspeisen (übrigens: Das geht alles mit dem richtigen System). Subjektiv zwingt man Kolleginnen und Kollegen zur Nutzung ungewohnter digitaler Werkzeuge, die nicht in deren Workflow passen. Praktisch wird man eine Zeit lang altes und neues System parallel fahren.

 

Regel 2: Hilf Transaktionskosten zu senken, damit du neue erzeugen kannst

Wenn es um die technische Ausstattung von Schulen und um Medienkonzepte geht, weiß ich es besser. Was dabei herauskommt, wenn typische Consumer oder fortgeschrittene Anwender meinen, sie könnten vorausschauend Netze bauen, die irgendwann für die ganze Schule skalieren, dann liegen sie leider oft falsch, weil z.B. an die Hardware im Netzwerk ganz andere Anforderungen als „zu Hause“ zu stellen sind.

Wenn ich an eine Schule komme, herrscht dort i.d. R. im Medienausstattungsbereich Chaos. Dieses Chaos gliedert sich zum einen in technische Probleme (10%) und zum anderen in zwischenmenschliche (90%). Die Technik bekommt man nach meiner Erfahrung sehr einfach in den Griff, wenn man da nach dem Motto vorgeht: „Wenn ich dir bei den restlichen 90% helfen soll, dann bestimme zunächst(!) ich, wie es bei euch technisch weitergeht!“

Mit den 10% Technik versuche ich dann, Abläufe und Verfahren genauso abzubilden, wie in der Schule schon immer waren, nur dass Zugriffsmöglichkeiten auf Informationen jetzt nicht mehr an Zeiten oder Orte gebunden sind. Das können sehr einfache Maßnahmen sein, wie etwa ein schulweiter Zugriff auf Dateien, einfach zu bedienende Zugänge zu Onlinemedien, ein funktionierendes WLAN usw.. Technisch ist das trivial. Gleichzeitig muss die Verlässlichkeit des Systems steigen, z.B. durch konsequente Vernetzung von Inselsystemen. Idealerweise nimmt das System bereits diese Maßnahmen als entlastend wahr, was dann in der Folge Vertrauen schafft. An dem grundsätzlichen medienpädagogischen Geist ändert sich dadurch jedoch nichts.

Dieses Vertrauen senkt Transaktionskosten, sodass Ressourcen dafür frei werden, auf die restlichen 90% zu schauen. Dafür benötigt man ein genaues Bild des Systems: Wer sind die „Stakeholder“ (an Schulen sehr oft der engagierte IT-affine Lehrer mit einer jahrelang immens gewachsenen ideellen Machtposition)?  Wer gönnt dem anderen ggf. etwas nicht? Welche eingefahrenen Abläufe mit welchen Konsequenzen gibt es? Was schafft Konfliktpotential? Wer ist an den Strukturen wie beteiligt?

 

Regel 3: Berate keine Schulen (oder Kollegen), die bei dir hohe Transaktionskosten erzeugen

Dass in Beratungsprozessen nachgesteuert werden muss, ist nichts weiter Ungewöhnliches. Gerade das Thema Mediennutzung ist für Schulen nur eines unter vielen. Deswegen bin ich nicht verschnupft, wenn Prozesse oft nur langsam voranschreiten. Das ist völlig normal. Es gibt für mich jedoch Indikatoren, die dazu führen, dass ich eine Schule nicht berate:

  1. Keinerlei Eigeninitiative (d.h. praktische Hilfsangebote werden gerne angenommen, jedoch ist kein Interesse erkennbar, eine längerfristigere Partnerschaft einzugehen – Feuerwehreinsätze ja, Zusammenarbeit nein)
  2. Diskussion des Beratungsverfahrens (Kann man das so überhaupt machen? Warum so kompliziert? Geht das nicht auch schneller / einfacher?)
  3. Eigenmächtige Anschaffungen (z.B. ITW / Tablets für teures Geld kaufen, ohne stabile Infrastruktur, ohne Konzept und ohne Rücksprache mit mir)
  4. Kein Reflexion des bisherigen Umgangs mit Medienbeschaffung

Diesen Schulen fehlt vor allem das Vertrauen in meine Fähigkeiten. Im schlimmsten Fall wollen Sie sich lediglich meiner Kompetenzen bedienen, um ihre akuten Probleme gelöst zu bekommen, damit sie weitermachen können wie bisher.

 

Regel 4: Suche dir immer kleine Projekte mit geringen Transaktionskosten für zwischendurch

Die Implementation der „großen Würfe“ ist oft zäh, ermüdend, ausgedehnt und bezogen auf die Transaktionskosten immens teuer. Das ist psychologisch ein Problem, da man irgendwann als am Prozess Beteiligter die Fortschritte nicht mehr zu sehen im Stande ist. Deswegen braucht man für die seelische Hygiene immer wieder Projekte, bei denen sich der Erfolg sehr schnell einstellt. Das können so einfache Dinge wie ein WLAN für eine ländliche Grundschule sein. Schule klagt, ich komme vorbei, sage eine Summe, Schule kauft, wir installieren mit dem Hausmeister zusammen und sind nach 2-3 Wochen erheblich glücklicher als vorher.

Menschen, die nur „das Große“ beraten, erlebe ich oft so, dass bei ihnen irgendwann der Kontakt zur „Basis“ verlorengeht. Das muss auch teilweise so sein, da man die zermürbenden Transaktionskosten in diesen Prozessen kaum erträgt und sich dann andere Strategien entwickeln, um seelisch gesund zu bleiben, die dann oft als arrogant oder „von oben herab“ wahrgenommen werden.

Quo vadis, riecken.de?

Hin und wieder schaue ich mir die Abrufstatistiken meiner Artikel an – relativ aktuell sieht es über die drei Jahre so unter den Top20 aus:

Artikel Abrufe Klassifikation
tipps4you.net 9,106 C
Bloch: Der junge Goethe […] 8,583 C
Von deutscher Baukunst 4,655 C
Diktattext zu Groß- und Kleinschreibung 3,767 M
Zum Schäkespears Tag 3,247 C
Schülerversuch: Reaktion von Kupfer und Schwefel quantitativ 2,424 C
Demaskierung des Bewusstseins 2,375 C
Abi in NDS: Deutsche Sprache der Gegenwart 1,805 M
Spielkram – Kleinwindrad… 1,715 S
Eine Reflexion zur einem Aufsatz mit kreativer Aufgabenstellung schreiben 1,451 M
Versuch zum Treibhauseffekt 1,440 C
Fette – fest oder flüssig? 1,425 M
Kugelteilchenmodell over head… 1,374 M
E-Learning – Evolutions 1,107 H
Titrationskurve berechnen 1,048 M
Das Klassenspiel (Celia Rees) 1,010 M
Inhaltsverzeichnis 1,006 C
Diktattexte: Zeichensetzung 951 M
Subjektivismus und ideologische Barrieren 809 H
Download: Moodlekurs mit Ideen zur Medienbildung 787 C
Versuch zum Treibhauseffekt – Deutungsansatz 741 M
Schülerdeutungen: Kupfer und Schwefel quantitativ 734 M
Moodle – eine persönliche Zwischenbilanz 712 H
Ich bin ein schlechter Lehrer… 697 H
Reduktion von Kupferoxid quantitativ 681 M

Alle Artikel habe ich natürlich primär geschrieben, weil ich Lust dazu hatte – aber wenn man ganz ehrlich ist, spielen dabei auch immer andere Bedürfnisse zumindest mit(!) eine Rolle. Ich habe die Artikel einmal mit einer internen Klassifizierung versehen, die das dominierende versteckte Motiv (es gibt natürlich Schnittmengen) hinter dem Artikel mit berücksichtigt:

  1. C = calculated – das sind Artikel, bei denen ich von vornherein wusste, dass sie Traffic verursachen würden, weil sie z.B. die thematischen Schwerpunkte im jeweilige Abiturjahrgang berühren
  2. M = memorial – Denkmäler, also Dinge, die ich festhalten will, um später daran denken zu können, z.B. wenn ich wieder das gleiche Thema unterrichte
  3. S = spontaneous – keine Hintergedanken, einfach so herausgeblasen
  4. H = hearted – Artikel mit Inhalten, die mir nahe gehen und mich bewegen

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Probleme lösen

Meine SuS hassen es: Bei jeder Rechenaufgabe in Chemie müssen sie ein streng vorgegebene Struktur einhalten:

  1. Was ist gegeben?
  2. Was ist gesucht?
  3. Was gilt allgemein?
  4. Wie kann ich nun den gegeben Spezialfall rechnen?
  5. Wie lautet das Ergebnis?

Heraus kommt in der Regel eine aufwendige Lösung, die sich prima korrigieren lässt, weil sie den Gedankengang beim Lösen dokumentiert. Der interessiert mich eigentlich. Das andere machen später sowieso irgendwelche Siliziumchips – wenn man sie denn mit den korrekten Daten zu füttern im Stande ist.

Die SuS interessiert daran meist nur, dass sie entsprechend viele Punkte holen können, da ich ja genau sehe, an welcher Stelle es hakt und entsprechend folgerichtig gnädig sein kann, wobei es da auch Grenzen gibt: Wer mir im Alter von 18 Jahren Kubikzentimeter nicht in Milliliter umrechnen kann, darf da weniger Gnade erwarten als ein Sechstklässler mit der gleichen Aufgabenstellung.

Diese nervige Struktur lässt sich aber eigentlich auf alle Probleme dieser Welt anwenden:

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