Lernplattformen

Vorbemerkung:

Ich äußere hier meine Sicht und meine Meinung zum Thema Lernplattformen, die sich allein auf meinem persönlichen Erfahrungswissen gründet. Auch ich kenne Schulen, an denen es mit einer Lernplattform gut läuft und auch ich denke, dass in bestimmten Konstellationen eine Lernplattform ggf. hilfreich für Schulentwicklung sein kann.

Warum ich Lernplattformen sehr kritisch sehe

Lernplattformen wie Moodle, Commsy oder auch kommerzielle Varianten wie itslearningWebweaver, Google Classroom und iTunes U stellen eine virtuelle Lernumgebung bereit.

Das Prinzip ist fast immer gleich: Ein zentrales Login ermöglicht Zugriff auf bestimmte Funktionen, die sich gruppieren und strukturieren lassen, z.B. kann ich innerhalb von Moodle sogenannte Kurse anbieten, die diverse Funktionen bereitstellen, etwa ein Forum, Arbeitsmaterialien, eingebettete Medien, Onlinetests u.v.m.. Diese Kurse kann ich teilen, exportieren, wiederverwerten, gemeinsam mit anderen Lehrkräften entwickeln. Darüberhinaus werden zunehmend Kurationstools eingesetzt, etwa bei iTunes U: Ich kann ähnlich wie bei paper.li Webinhalte auf einer speziellen Seite zusammenstellen – quasi ein Webquest auf multimedial.

Das hört sich erstmal prima an. Ich war in Deutschland lange Zeit sehr aktiv in der Moodleszene und hatte als Berater Zugriff auf zahlreiche Testinstallationen kommerzieller Produkte. Ich bin kein Maßstab, weil ich zentralisierte Dinge für die Arbeit mit digitalen Medien nicht mehr benötige, aber keine der Teststellungen und keine meiner Testinstallationen in den letzten Jahren hat mich in irgendeiner Weise dazu gebracht, Spaß oder Freude bei der Arbeit mit dem jeweiligen System zu empfinden.

Das ist ja auch nicht zwingend notwendig, aber dazu kam, dass auch der für mich sehr typische pragmatische Zugang auf keiner der Lernplattformen möglich war: Sie kosteten mich einfach nur Zeit durch die komplizierte Bedienung, die vorgegebenen Strukturen, das oft haarsträubende Dateimanagement, die proprietären Schnittstellen – und ich halte mich selbst für einen mittelmäßig begabten Anwender (das ist etwas völlig anderes als ein Techniker oder Administrator). Es gibt eine Reihe von Werbeaussagen zu Lernplattformen, die ich im Folgenden einmal aufs Korn nehmen möchte:

1. Eine Lernplattform bietet schulweit einen geschützten Raum mit klar definierter Benutzerführung

Das stimmt von einem technologischen Standpunkt aus. Hypothetisch bietet sie das. „Schulweit“ bedeutet für mich, dass alle Lehrkräfte in diese Plattform eingewiesen sind und regelmäßig im Unterricht mit ihr arbeiten. Nur so entwickeln sich Routinen im Alltag. Tatsächlich höre ich von Schulen, in denen Lernplattformen „eingeführt“ sind, ganz oft ganz andere Dinge. „Schulweit“ bedeutet in der Realität oft genug „drei oder vier besonders aktive Lehrkräfte mit ihren Lerngruppen“.

„Schulweit“ ist eine Haltung, die schon vorhanden sein muss, bevor eine Lernplattform ihr unterstützendes Potential überhaupt entwickeln kann.

„Einfach mal machen“ führt oft genug lediglich dazu, dass eine Lernplattform 1:1 die Strukturen an einer Schule abbildet – somit ist sie für mich dann zwar ein tolles Beratungsinstrument, aber oft genug sehr bald für die Schule selbst eine zusätzliche Belastung.

Man sieht das recht hübsch an den Diskussionen im deutschen Forum auf moodle.org. Immer noch drehen sich gefühlt 90% der Fragen um Sperren, Einschränken, Bewertungsraster feintunen und ähnliche Dinge.

Wenn ich versuche, in Richtung  „schulweit“ zu beraten, kommt seltsamerweise am Schluss oft eben nicht die Entscheidung für eine Lernplattform dabei heraus, sondern erstmal sowas in die Richtung wie Dateiaustausch, Termine, E-Mail – also typische Cloudfunktionen. Danach entwickelt es sich oft eher von dem Grundkonstrukt „Lernplattform“ weg.

2. Eine Lernplattform bietet erweiterte Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften durch z.B. Austausch von Materialien, Aufgabenstellungen und Medien

Das stimmt von einem technologischen Standpunkt aus. Hypothetisch bietet sie das. Ich kann z.B. bestimmte Strukturen exportieren und im nächsten Jahr wiederverwenden. Wenn ich einen Kurs zum Thema „Programmieren mit Arduino“ erstellt habe, kann ich diesen darüberhinaus mit anderen Lehrkräften teilen. Bei Moodle kann ich sogar im gleichen Kurs mit verschieden Gruppen gleichzeitig arbeiten, ohne dass diese Gruppen sich gegenseitig sehen. Ich kann das. Was ist mit meinem Kollegen, der nicht einmal weiß, wie er das Bild des Notebooks auf den Beamer bekommt? Der wird schon an der Anmeldung und der Einrichtung eines Kurses in Moodle scheitern – andere Systeme sind da aber tatsächlich entschieden intuitiver.

Wer darüberhinaus schon einmal einen Kurs in einer Lernplattform gebaut hat, weiß, dass das oft Stunden dauert – für mich völlig ineffizient. Zudem will ich ja gerade nicht nur Inhalte bereitstellen, sondern ich möchte mich z.B. im Fach Deutsch mit meinem Fachwissen mit den von SuS erstellten Inhalten auseinandersetzen und sie selbst darüber ins Gespräch bringen.

Wenn ich hingegen Inhalte bereitstellen muss (z.B. im Fach Chemie), dann tue ich das doch nicht auf einer proprietären Lernplattform mit ihren für mich extremst eingeschränkten Im- und Exportfunktionen. Meine Inhalte sind für mich als Lehrer eine essentielle Ressource, mit der ich mich nicht an ein Format binden möchte, was ich nicht selbst kontrollieren kann. Wenn eine Schule z.B. jahrelang bei Anbieter x auf Lernplattform y gearbeitet und der Anbieter dann z.B. die Preisstruktur massiv ändert (das ist kein hypothetisches Setting, sondern das kommt vor!) – sage ich dann als Schule: „Och, jetzt ist zwar die Arbeit von Jahren im System, aber den Preis, nö, den zahle ich nicht und wechsle jetzt zu Anbieter z!“

Meiner Meinung nach unterschätzen viele Anbieter genau diesen Aspekt, weil er selten so klar formuliert wird, aber intuitiv bei vielen Lehrkräften eine sehr große Rolle spielt. Dazu kommt die Angst, dass Materialien durch die digitale Präsenz auf einmal auch beurteil- und evaluierbar werden. Das kann man kritisieren und doof finden. Die Angst bleibt trotzdem.

3. Eine Lernplattform ist ein zentrales Instrument zur Organisation von Kommunikationsprozessen an Schulen und schafft so Transparenz

Das stimmt von einem völlig veralteten technologischen Standpunkt aus. Meist funktionieren Lernplattformen so, dass man sich über eine Weboberfläche einloggen muss, um dann auf eine Art Dashboard zu kommen, was alle relevanten Informationen für mich anzeigt. Oder es gibt eine gesonderte App für ein Mobilgerät (Handy, Tablet), die das für mich erledigt. In meiner Welt (und in der Welt der Mobilgeräte überhaupt) findet Datenaustausch aber recht anders statt:

  • E-Mail über imaps
  • Termine über CalDAVs
  • Dateien über WebDAVs
  • Nachrichten über XMPP (mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung)
  • Kontaktdaten über CardDAVs
  • Inhalte über XML
  • […]

Das sind alles offene Protokolle/Formate, wie sie jeder von uns täglich nutzt ohne es zu wissen, weil irgendeine App das erledigt, die wir entweder vom Hersteller des Betriebssystem übernehmen oder aber selbst bestimmen. Hersteller von Lernplattformen neigen zum überwiegenden Teil dazu, diese offenen, freien und verschlüsselten Standards durch irgendetwas zu ersetzen, das nur zu ihrer jeweiligen Lernplattform passt.

Schlachtung meiner Thesen durch Anbieter

In der Kommunikation mit Anbietern, werden derartige Thesen von mir nicht geschlachtet, sondern in einer ganz bestimmten Art und Weise gekontert.

  • proprietäre Formate sind für die Konsistenz der Daten notwendig. Zudem sind technisch keine übergreifenden Austauschformate möglich (PS: Das XML-Format von Moodle oder WordPress zeigt, dass das wohl schon irgendwie geht)
  • die Schulkultur, die zu der von mir geforderten „schulweit“-Lösung notwendig ist, kann sich ja evolutionär durch Unterstützung mit einer Lernplattform bilden – ohne ginge es ja gar nicht – das sei ja gerade die Verantwortung der Schule (PS: Da liegt der Kern der Arbeit, bei dem eine Lernplattform gerade nicht unterstützt)
  • für die meisten Schulen sind die durch Lernplattformen gebotenen Kommunikationserweiterungen schon Quantensprünge gegenüber der bisherigen Kommunikationskultur (PS: Die Sache wäre wesentlich niederschwelliger zu bewerkstelligen ohne den Umweg über Weboberflächen)
  • Lernplattformen lassen sich durch Zusatztools hervorragend ergänzen und in ihren Möglichkeiten erweitern – Moodle etwa durch das schülerzentrierte Mahara (PS: Die Integration der dabei entstehenden Inhalte in die ursprüngliche Lernplattform ist dann meist eher recht rudimentär implementiert)
  • Lernplattformen haben als Mittel zur Organisation von instruktiven Lernprozessen eine wichtige Rolle

Ich sehe das viel zu negativ, weil ich immer mit der „Kundenbindungspotentialbrille“ auf die verschiedenen Angebote schaue: Ein Anbieter ist auf Wertschöpfung angewiesen – daran ist überhaupt nichts Verwerfliches.

Ich halte die Kundenbindung aber auch für ein Motiv, eben z.B. keine anbieterübergreifenden Im- und Exportstandards zu implementieren – natürlich wird das niemand so offen nach außen kommunizieren.

 

Wie soll man es denn sonst machen?

Das wäre eine eigener Artikel. Deswegen hier nur zwei Thesen:

  • Identity-, Gruppen- und Rollenmanagement gehören nicht in eine Lernplattform, sondern öffentlich organisiert. Durch ACLs wird festgelegt, was die Lernplattform (oder die jeweilige Applikation) lesen/sehen darf und was nicht und welche Rolle wer wo im System erhält.
  • Die zentrale Verwaltung des Identitymanagements gibt jeder Lehrkraft bzw. jeder Schule die Möglichkeit, die Tools einzusetzen, die sie für ihren Unterricht für notwendig hält: Lernplattform, Blog, Wiki, Videokonferenzsoftware – alles werden lediglich „Apps“, die daran anbindbar sind – auf Knopfdruck installiert, mit Nutzern befüllt.

PS: Das geht alles schon und ist auch schon so umgesetzt – allerdings eher auf Firmenebene.

Die Post-Privacy-Falle im Kontext kollektiver Naivität

Michael Seemann und andere arbeiten sich am Begriff „Post-Privacy“ geisteswissenschaftlich ab. Was bedeutet „Post-Privacy“?

Post-Privacy (ausgesprochen britisch [pəʊst ˈpɹɪv.ə.si], amerikanisch [poʊst ˈpɹaɪ.və.si], übersetzt „Was nach der Privatheit kommt“) ist ein Begriff, der einen Zustand beschreibt, in dem es keine Privatsphäre mehr gibt und Datenschutz nicht mehr greift.[1]

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Post-Privacy

Sehr grob gesprochen meint Post-Privacy:

Jedes weiß alles über jeden oder kann sich mit geeigneten Instrumenten dieses Wissen verschaffen – unabhängig vom jeweiligen Status der Person in der Gesellschaft.

Eine reizvolle Vorstellung:

  • … das Parteispendenkonstrukt eines Helmut Kohl entzaubern
  • … die Verträge von Toll-Collect einsehen
  • … Licht in die Causa Wulff bringen
  • … usw.

Eine für mich nicht so reizvolle Vorstellung habe ich im letzten Artikel beschrieben. Mit der Debatte um Post-Privacy sind immer auch Hoffnungen verbunden:

  • … der kleine Mann wird zum Weltenretter (Snowden-Paradox)
  • … die Welt wird gerechter, weil quasi durch die Hintertür die direkte Demokratie gelebt werden kann
  • … allein die Verfügbarkeit bestimmter Informationen wird dafür sorgen, dass Verhalten sich ändert
  • … usw.

Nennt mich pessimistisch – ich halte diesen Ansatz für naiv. Diese Schlacht wird nicht geisteswissenschaftlich (fast allein auf dieser Ebene wird in Feuilletons öffentlich wahrnehmbar diskutiert), sondern technologisch geschlagen.

Dazu ein Beispiel:

Was mache ich als Geheimdienst, wenn ich eine Zielperson ausspionieren möchte? Ich muss mich um mehrere Dinge kümmern, wenn ich das mit Hilfe von digitalen Endgeräten des Benutzers (Handy, PC, SmartTV) bewerkstelligen möchte:

  • idealerweise hinterlasse ich keine Spuren dabei
  • idealerweise wird die Funktion des Gerätes dabei nicht beeinträchtigt
  • idealerweise entziehe ich die Überwachungsmaßnahme der Kontrolle des Benutzers

Deswegen ist so etwas wie ein Bundestrojaner („Ich installiere als Staat eine Überwachungssoftware auf deinem PC“) eine selten dämliche Idee, da ich dazu meine Know-How in Form eines Programmes aus der Hand geben muss. Ich weiß nicht, an was für einen Besitzer des PCs ich gerate: Wenn ich Pech habe, findet ein gewiefter Nerd mein Programm, analysiert es und legt es in ominösen Tauschbörsen offen. Wenn es ihm zusätzlich gelingt, den Datenverkehr von diesem Programm zu mir als Geheimdienst zu entschlüsseln, bzw. zu einer festen IP zurückzuverfolgen, bin ich geliefert, da Grundvoraussetzungen für eine Überwachungsmaßnahme eben die Unsichtbarkeit (= Intransparenz) ebendieser Maßnahme ist. Ein Bundestrojaner ist damit nie etwas zur Überwachung vieler, sondern allenfalls bei gezielten Observationsmaßnahmen mit arg begrenztem Zielrahmen einsetzbar. Was wir bisher gesehen haben, halte ich nur für eine Machbarkeitsstudie.

Bei meinem Hoster gab es in diesem Jahr einen interessanten Vorfall mit einer mir bisher unbekannten Spezies von Schadprogramm: Es schrieb sich nicht auf die Festplatte, sondern drang durch eine Sicherheitslücke in einem Dienst in den Hauptspeicher ein und trieb dann von dort sein Unwesen. Da Server u.U. lange laufen, kann so ein Programm sehr lange unbemerkt bleiben und ist zudem äußerst schwierig zu analysieren – Virenscanner durchkämen zunächst einmal die Festplatte.

Auf Handys ist eine permanente Überwachung des Systems durch den Anwender oft gar nicht erst möglich – bei Applegeräten z.B. „by design“ nicht gewünscht. Bei so einem fremdgesteuerten System brauche ich also als Geheimdienst im Idealfall nur Zugriff auf den Anbieter selbst, um grenzenlos überwachen zu können. Wenn ich mir eine Lücke auf dem Schwarzmarkt kaufe, kann das im Einzelfall nützlich sein, skaliert aber nicht gut, weil ich immer damit rechnen muss, dass ich nicht der Einzige bin, der Zugriff auf den entsprechenden Code hat.

Bestimmt sind bei diesem „Technikgelaber“ schon eine Menge Menschen ausgestiegen.

Quintessenz:

Technologisch sind staatliche Organe oder private Firmen wie Google dem normalen Anwender, der in einer „Post-Privacy“-Welt lebt, haushoch überlegen. Mit Daten, die anfallen, wird das gemacht werden, was technologisch möglich ist.

Eine Kontrolle jedweder Art ist utopisch und zwar nicht deswegen, weil sie prinzipiell unmöglich ist, sondern vielmehr deswegen, weil sie immenses technologisches Wissen erfordert – viele im Web2.0 erklären immer noch Leute für verrückt, die verbindlichen Informatikunterricht von Kindesbeinen an fordern. Medienkompetenz in einem pädagogischen Sinne verstanden hilft ggf. etwas dabei, das Übelste zu verhindern oder zu verzögern – auf der oft kolportierten „Anwendungsebene“ wird sie allein nicht dazu führen, dass wir in der Lage sein werden, das Machtgefälle zwischen uns und den Technologieriesen (Staat & Privatwirtschaft) zu verändern.

Diejenigen, die es im Prinzip könnten, sind oft genug Zielscheibe von Hohn und Spott gewesen. Damit meine ich z.B. Datenschützer, die das Leben in der Wahrnehmung vieler ja einfach nur unbeqemer und unzeitgemäßer machen wollen. Bequemlichkeit unter Verlust von Grundrechten („Das Netz ist ein grundrechtsfreier Raum“) sehe ich unter sehr vielen Aspekten als problematisch.

Gebetsmühle:

Ja, natürlich darf man Geräte einfach nur „benutzen“. Ich kann auch die Welt einfach so benutzen. Trotzdem hat man mich mit Chemie, Mathe, Physik oder Biologie gequält und die wenigsten streiten ab, dass es sich dabei um nützliche Disziplinen handelt. Bei Informatik und „Technikgedöns“ ist das immer ganz anders.

Appleprodukte und ich

Halina Zaremba / pixelio.de

 

Unter Eltern ist folgende Anekdote bekannt:

„Mein Kind ist seine Mandarine nur, wenn ich sie ihm geschält und zerlegt in die Tupperdose lege. Tue ich das nicht, kommt sie ungegessen wieder zurück. Das ist jeden Morgen echt ein ziemlicher Aufwand und eigentlich kann es doch nicht so schwer sein, die Mandarine selbst zu schälen! Aber ich will doch, dass mein Kind Obst isst. Was soll ich nur tun? Mich nervt das!“

Kinder sind heute sowohl im Kindergarten als auch in der Schule nicht unerheblichen Belastungen ausgesetzt. Nicht selten ginge die Schälzeit von wertvoller Spielzeit ab. Gleichwohl wird diese durch Lebenszeit der Erwachsenen bezahlt – je nachdem wie man seine Elternrolle auffasst, wird man in solchen oder ähnlichen Situationen reagieren, in denen man eine Entscheidung zwischen „Selbstständigkeit fördern“ und „Bewahren vor nicht kindgerechten Belastungen“ zu treffen hat. Das Mandarinenbeispiel dürfte eines der harmloseren sein. Natürlich hätte ich persönlich auch lieber eine geschälte Mandarine in meiner Frühstücksdose! Mein Alltag ist auch voller Belastungen und alles, was mir das Leben leichter macht, ist zunächst einmal positiv für mich – das sollte ich mir einfach wert sein.

Ich halte Appleprodukte für eine geschälte und zerlegte Mandarine. Apple hat mein Bedürfnis nach Erleichterung begriffen und gibt mir durch ein funktionales und hervorragendes Design eine echte Entlastung in meinem Lehreralltag.

Trotzdem will ich, ich ganz persönlich, Apples geschälte Mandarine nicht. Das hat mit den ideellen Kosten zu tun, die für mich zu hoch sind, dass ich nach wie vor lieber selbst schäle oder eben dafür andere Werkzeuge einsetze. Wäre ich nicht zusätzlich der Überzeugung, dass der technische Ansatz von Apple auch Auswirkungen auf die Gesellschaft hat, zögerte ich keine Minute, selbst eine iPad-Klasse ins Leben zu rufen. An Möglichkeiten dazu fehlt es hier vor Ort im Gegensatz zu anderen Landkreisen definitiv nicht. Finanziell stehen wir glänzend ausgestattet da. Um zu erklären, warum ich nicht auf den gerade anrollenden Zug aufspringe, muss ich etwas ausholen.

Apple verkauft proprietäre Appliances, d.h. eine Verbindung aus Hard- und Software. Apple tut sehr viel dafür, dass sich beide Komponenten nicht ohne Weiteres trennen lassen. Das gelingt der Firma im Bereich der Mobilgeräte z.Zt. natürlich weitaus besser als im Desktopumfeld.

Eine Appliance hat Vorteile:

  1. Sie funktioniert
  2. Sie besitzt eine konsistente Oberfläche
  3. Sie hat eine intuitive Oberfläche, die sich mühelos bedienen lässt
  4. Sie ist durch das geschlossene Konzept wartungsarm und zuverlässig
  5. Im Falle vom Appleprodukten sind die Geräte langlebig und hochwertig verarbeitet

Eine Appliance hat Nachteile:

  1. Jede Funktion der Appliance ist abhängig vom Hersteller der Appliance
  2. Eine Appliance ermöglicht genau das, was der der Hersteller der Appliance ermöglichen will
  3. Eine Appliance ist nicht transparent
  4. Die Sicherheit der Appliance bewegt sich im Rahmen der Sicherheitsvorstellungen des Herstellers
  5. Was die Appliance tut, entzieht sich gängigen Kontrollmechanismen. Vertrauen ist angesagt.

Und – für mich sehr wichtig: Mit einer Appliance lernt man, die Mandarine zu essen und zu genießen, nicht sie zu schälen. Zudem wird man bald erwarten, dass alle Mandarinen geschält sind und sie nur noch so akzeptieren. Ob das ok ist oder nicht, muss jeder für sich entscheiden und der Kontext spielt zusätzlich eine Rolle: Wenn eine Appliance in einem eng begrenzten Umfeld etwas macht, was Experten (huch – die sollen doch bald überflüssig sein?) besser können als ich, dann ist das absolut sinnvoll – Firewalls für Rechenzentren sind oft als Appliance realisiert. Wenn eine Appliance jedoch wesentliche kommunikative Abläufe in meinem Leben strukturiert und bestimmt, dann tue ich mich schwer damit. Mein „Nichtexpertentum“ ist diesem Bereich für einen Anbieter Kapital – und zwar nicht bezogen auf eine hochspezialisierte Nische.

IT beherrscht unser Leben. Informatik ist für mich ein Fach, welches z.B. zeigt, wie man Mandarinen schält, welche unterschiedlichen Ansätze dafür existieren und wie sich der Prozess des Schälens optimieren lässt. Wer keine Mandarinen schälen kann, ist auch anfällig dafür, mit einem Kolbenfresser auf der Autobahn liegenzubleiben, weil der Bordcomputer den defekten Öldrucksensor nicht gemeldet hat. Der Blick unter die Motorhaube auf den Peilstab ist heute eben nicht mehr zeitgemäß.

Ich habe Freude am Verstehen. Ich habe Freude daran, hinter die Fassaden zu schauen. Ich freue mich über einfache und geniale Lösungsstrategien, die ganz andere Wege gehen. Ich möchte das Menschen vermitteln. Dafür muss ich Mandarinen haben, die noch eine Schale besitzen. Ein Appleprodukt hat für mich keine Schale mehr. Allein das saftige, perfekt freigelegte Fruchtfleisch bleibt. Ich möchte eine Mandarine sehen, wie sie ist und nicht wie sie mir jemand mundgerecht in die Obstdose gelegt hat. Deswegen benutze ich OpenSource, deswegen bekomme ich von den „Technikaffinen“ oft genug den Stempel „Nerd“ – nicht weil die Mandarinen da nicht geschält wären, sondern weil ich das Ganze sehe könnte, wenn ich wollte und Zeit hätte. Das ist meine Vorstellung von Unabhängigkeit. Ja – und ich genieße auch das Staunen anderer Menschen, wenn sie fragen: „Wie machst du das nur?“ – Meine Anwort: „Ich schäle Mandarinen selbst. Schon ganz schön lange.“

PS: Keine Sorge. Ich baue auch Netze für geschälte Mandarinen inkl. Genießerkurse. So realistisch bin ich dann schon.

Riecken und die Verlage – Teil 3

Auf netzpolitik.org gab es gestern interessantes Material über einen geplanten „Schultrojaner“ zu lesen. Hier noch einmal in aller Kürze der bisher bekannte Sachverhalt:

  1. Es gibt einen Vertrag zwischen den Kultusministern der Länder und dem Dachverband der Schulbuchverlage.
  2. 1% der Schulen sollen mit einer Software ausgestattet werden, die innerhalb des Schulnetzwerks automatisch urheberrechtlich geschütztes Material ausfindig macht
  3. UPDATE: Die dabei gefundenen Daten werden an den Schulträger(!) übermittelt (der ist nicht der disziplinarisch Vorgesetzte) –
  4. Der Dienstherr soll durch disziplinarische Maßnahmen dafür Sorge tragen, dass dem Urheberrecht an Schulen genüge getan wird

Darüber war auf den üblichen Plattformen und auch in der Blogossphäre viel Empörung zu lesen und auch sinngemäß Sätze wie:

  1. Schulbuchverlage sind in der neuen Wissensgesellschaft überflüssig.
  2. Schulbuchverlage verdienen keinen Dialog.
  3. Schulbuchverlage produzieren minderwertiges Material
  4. Schulbuchverlage verdienen sich auf Kosten der Allgemeinheit dumm und dämlich

Das Feindbild steht also fest – oftmals generalisiert, pauschal, extrem. Ich hoffe inständig, dass dieses Verhalten nicht die oft proklamierte „neue Wissensgesellschaft“ repräsentiert. Auch ich habe Probleme mit Verlagen. Ich möchte bloß gerne zwischen „Verlag“ und „Verhalten von Verlagen“ differenzieren.

Der 1. Skandal

Das mit dem Schultrojaner verbundene Verhalten verdient extreme Reaktionen. Hier nimmt Privatwirtschaft öffentliche Institutionen in die Pflicht, für Konsequenzen in zivilrechtlichen Fragen zu sorgen. Das ist der erste Skandal.

Ich bin Administrator eines Schulnetzwerks. Würde ich angewiesen, diese Software auf Schulsystemen zu installieren, wäre diese Anweisung wahrscheinlich rechtswidrig. Dem Disziplinarverfahren gegen mich aufgrund meiner Weigerung sähe ich gelassen entgegen. Alternativ würde mich das zur Einleitung einer Dienstaufsichtsbeschwerde zwingen.

Es wird schon allein deswegen rechtswidrig sein, weil natürlich Vereinbarungen bezüglich dieser Überwachung mit den Personalvertretungen der Lehrkräfte getroffen werden müssten, damit „Verstöße“ überhaupt disziplinarrechtlicht geahndet werden könnten. Die Personalvertretung verdiente ihren Namen nicht, wenn sie sich darauf einließe, staatliche Institutionen zur Durchsetzung zivilrechtrechtlicher Interessen der Privatwirtschaft zu funktionalisieren.

Die Verlage müssten eigentlich direkt gegen ihre „Kunden“ vorgehen – das ist natürlich problematisch für den Umsatz. Der Schultrojaner, der technisch keiner ist und den es noch nicht einmal geben dürfte, scheint da der „bessere“ Weg zu sein – der nun tobende Shitstorm dürfte die Marketingabteilungen wahrscheinlich etwas beschäftigen.

Der 2. Skandal

Der zweite Skandal würde darin bestehen, dass  mein Dienstherr seinen Sorgfalts- und Fürsorgepflichten mir gegenüber nicht nachkäme, wenn er tatsächlich einen Vertrag unterzeichnet, der potentiell rechtswidrige Formulierungen und Bedingungen enthält. Von mir als Beamter werden stets akkurate Befolgung der gesetzlichen Vorgaben erwartet und eben Loyalität – die funktioniert aber nur, wenn sie zweiseitig angelegt ist. Mir liegen keine gesicherten Informationen darüber vor, wie sich mein Dienstherr tatsächlich verhalten hat und wie die diskutierten Passagen des Vertrages tatsächlich rechtlich zu bewerten sind.

Technische Betrachtungen

Da es für die Kopie in Papierform mittlerweile recht liberale und pragmatische Regelungen gibt – und auch pauschale Vergütungssätze für die Verlage, muss ein Schultrojaner es vor allen Dingen auf digitalisierte Buchseiten und Arbeitsblätter sowie nicht lizensierte Verlagssoftware „abgesehen“ haben. Während letztere durch recht einfache Heuristiken zu erkennen sein dürfte, sieht das bei digitalisierten „Papieroriginalen“ schon ganz anders aus, denn:

  1. Wie soll ein solches Programm Verlagsinhalte „sicher“ erkennen, ohne wahllos alle Dateien einem „Deep“-Scan zu unterziehen, der zusätzlich auch noch auf OCR-Mechanismen zurückgreifen müsste?
  2. Wie soll ein solches Programm „unlizensiertes Material“ melden?
  3. Wie soll ein solches Programm in heutigen Schulnetzen zwischen Privatgeräten mit Ordnerfreigaben und Schulrechnern unterscheiden?
  4. Ist die Datei auf des Festplatte des Schulkopierers eine unlizensierte „digitale Kopie“? (Das Ding müsst ihr euch echt mal ansehen…)
  5. usw.

Schlussendlich: Wie kann ein solches Programm im Einklang mit geltenden Datenschutzrichtlinien überhaupt arbeiten?

Unqualifizierter Seitenhieb: Den Datenschutz wollen ja viele sowieso abschaffen – das Problem bestünde dann natürlich nicht…

Warum ich Verlage als Institution nicht so generell doof finden kann

  1. Auch eine utopische Gesellschaft mit bedingungslosem Grundeinkommen basiert auf Formen von Wertschöpfung, gerade in einer globalisierten Welt
  2. Nicht jeder gute Autor ist in der Lage, selbst im Netz geeignete Strategien zu finden, um seine wirtschaftliche Existenz zu sichern, bzw. Wertschöpfung für eine auf bedingungslosem Grundeinkommen basierende Gesellschaft zu betreiben.
  3. Nicht das gesamte Material in den Backlisten von Verlagen ist völlig ungeeignet und schlecht – als Steinbruch taugt z.B. auch unvollkommenes Material
  4. Nicht jeder Verlag legt tyrannisch fest, was zu lernen ist. Ich beobachte zurzeit im Bereich des Unterrichtsmaterials eine Flexibilisierung und Diversifizierung – weil der Wissenskanon eben nicht durch Verlage, sondern vielmehr durch Curriculumskommissionen vorgegeben wird. Das wird m.E. das „trojanische Pferd“ für Veränderungen in der Schulbuchverlagslandschaft werden.
  5. Es gibt Verlage, die mich fair behandelt haben. Das waren kleine, engagierte Unternehmen mit Netzaffinität und neuen Ideen für die eigene Wertschöpfung.
  6. Mir macht das inhaltliche Niveau von manchen Diskussionsprozessen im Netz schon sehr viel Sorge – z.B. beobachte ich, dass bei der Bewertung netzpolitischer Themen (z.B. Datenschutz, Facebook) oftmals m.E. völlig naiv und selektiv diskutiert wird, indem man sich das aus Texten heraus liest, was man sofort und ohne Mühe versteht – wer hat sich schon intensiv mit den Wiresharkprotokollen zu den Facebookcookies auseinandergesetzt? Da wäre aufbereitetes Material von den oft ach so verpönten Experten manchmal nicht schlecht, um auch als Laie zu wissen, wovon ich da eigentlich rede – ich könnte das verstehen, aber ich habe nicht die Zeit dafür… Die kaufe ich mir halt. Dabei können Verlage z.B. durch Lektoratsdienstleistungen durchaus helfen.
  7. usw.

Mir gefällt vieles nicht an (Groß-)Verlagen. Ich habe aber auch nichts dagegen, dass sie Wertschöpfung betreiben, z.B. für mein Grundeinkommen. Im Web2.0 werden ja auch in freundschaftlicher Atmosphäre z.B. Kurse vertickt, für deren Inhalte man bezahlt. Die Verlage haben viel versäumt – z.B. sich zu überlegen, wie ihre eigene Wertschöpfung in der digitalen Welt funktionieren kann, wie sie faire Autorenverträge hinbekommen, die motivieren, wie sie… 999 Punkte, die es zu diskutieren gilt und die eng miteinander verknüpft sind. Aber ob wir sie nicht mehr brauchen in der „Wissensgesellschaft“? Wer weiß das? Ich zumindest nicht. Meine Glaskugel scheint im Gegensatz zu anderen Glaskugeln einfach nur kaputt zu sein.

Riecken und die Verlage II

Zur Fairness gehört es für mich, nicht nur zu schimpfen, sondern auch auf Verbesserungen und Reaktionen hinzuweisen. Auf dem Verlagssektor hat sich da in letzter Zeit doch einiges getan, was mich sehr freut.

  1. Der Verlag20 hat seine AGB recht grundsätzlich überarbeitet und ich sehe die Autorenrechte nach meiner laienhaften Lektüre nunmehr gestärkt. Man könnte hie und da immer noch meckern, aber den generellen Weg finde ich so schlecht nicht. Das Angebot ist recht breit und zumindest im Bereich Chemie gibt es recht schönes Material zurzeit sogar kostenlos zum Download – das wird sich aber ändern. Ich war kurz davor, einen kleinen Bot zu schreiben, der angemeldete Nutzer und tatsächlich produzierende Nutzer einmal statistisch auswertet – wahrscheinlich kommt da aber lediglich die übliche Verteilung (5% : 100%) bei herum. Die Plattform speist sich aus einem Verlags- und einem Autorenangebot. Für mich kommt eine Beteiligung dort nicht in Frage, weil es nicht unbedingt Geld ist, was mir im Leben fehlt und mir die Reichweite meines Blogs eigentlich voll und ganz genügt. Und für diese Reichweite ist es eben sehr wichtig, dass Texte von Suchmaschinen vollständig indiziert sind. Dagegen sträuben sich Verlage natürlich immer noch ziemlich – mein Material wäre dort also „outer space“. Und wer immer wieder gegen Apple wettert, darf sich konsequenterweise dann bei sowas nicht beteiligen :o)…
  2. Heute lag ein Freiexemplar „Wikis, Blogs und Podcasts“ von Will Richardson bei mir im Briefkasten. Gönnerhafter Spender ist TibiaPress. Vorausgegangen ist ein sehr netter und personalisierter Kontakt mit den Mitarbeitern dort. Mein Blog wird dort als Lehrerblog mit Screenshot ganz ein bisschen erwähnt. Allein deswegen sollte man das Buch kaufen. Öhm… Nein, natürlich nicht deswegen: Es gibt z.B. einen schönen „Rahmenvertrag“, der Eltern darüber aufklärt, warum sich z.B. das Bloggen mit einer Schulklasse lohnt. Es gibt viele Brückentexte, die erklären helfen, warum langhaarige Spinner wie ich mit Klassen bloggen, E-Portfolios betreiben und so anderes modernes Zeugs machen – z.B. für kritische KuK oder Eltern.

Achso – ich bekomme kein Geld für diesen Artikel. Wir werden das Know-How der Verlage noch eine Weile brauchen und es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass sich in den Chefetagen dort wirklich etwas tut. Fair finde ich immer die Auseinandersetzung mit bestehenden Versuchen und Experimentierfeldern, weil sie natürlich auch potentiell weitere Betätigungs- und Verdienstfelder für Lehrkräfte eröffnen, wenn die Plattformen dazu besser werden. Und vielleicht tut es uns selbst auch ganz gut, mit in normale wirtschaftliche Abläufe eingebunden zu sein.

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