Von Relativierern, Beschwichtigern und Verneinern der Gefahren im Netz

Kin­der­schutz­ver­bän­de wer­den nicht müde, vor den Mög­lich­kei­ten zu war­nen, die sich z.B. pädo­phi­len Men­schen im Netz bie­ten, an unschul­di­ge Opfer her­an­zu­kom­men. Für Spiel­süch­ti­ge bie­tet das Netz eine Welt, in der sie ihre Sucht zügel­los aus­le­ben kön­nen. Ent­haup­tungs­vi­de­os und ande­re für Kin­der ver­stö­ren­de Inhal­te geis­tern durch Whats­App-Grup­pen. Mob­bing erhält durch Mes­sen­ger ganz neue Dimen­sio­nen. Vie­le Men­schen wer­den wie paw­low­sche Hun­de durch den Blick auf das Smart­pho­ne bestimmt. Man macht sich im Netz über Men­schen mehr oder weni­ger lus­tig, die sich bewusst eine digi­ta­le Aus­zeit neh­men. Es ent­wi­ckelt sich eine gan­ze Bewe­gung, die den soge­nann­ten „Detox” pflegt, auch aus Angst vor Abhän­gig­keit. Die Betrugs­sze­na­ri­en im Netz wer­den immer aus­ge­feil­ter, im Dark­web wer­den Waf­fen und durch­aus auch Men­schen gehan­delt. All die­se Din­ge sind real und erschre­ckend.

Der Netz­ge­mein­de, die sich für schu­li­sche digi­ta­le Bil­dung ein­setzt, wird oft vor­ge­wor­fen, die­se Aspek­te aus­zu­blen­den und zu rela­ti­vie­ren. Auf die Spit­ze getrie­ben, ist jeder, der sich für Bil­dung im Zeit­al­ter der Digi­ta­li­sie­rung ein­setzt, ger­ne mal dem Vor­wurf aus­ge­setzt, im Prin­zip nur ein wil­li­ges Werk­zeug der gro­ßen Digi­tal­kon­zer­ne zu sein, die neue Absatz­märk­te für ihre Gerä­te und Ideo­lo­gi­en in Schu­len suchen. Und in der Tat sehe ich die­sen Vor­wurf sehr oft bestä­tigt, wenn Lehr­kräf­te ein tech­ni­sches Gerät oder eine Platt­form in den Mit­tel­punkt ihres Unter­richts stel­len und nicht päd­ago­gi­sche Zie­le.

Das sind rea­le Pro­ble­me, die ger­ne mal mit Begrif­fen wie „ver­än­der­te Wer­te­sys­te­me” und „Auf­lö­sung der Gren­zen zwi­schen vir­tu­ell ver­mit­tel­ter und sinn­lich erfahr­ba­rer Welt” von den Befür­wor­tern ver­sei­ert wer­den.

Die Kon­se­quenz der „War­ner und Geg­ner” sind dann For­de­run­gen, in Schu­le einen bewuss­ten Gegen­pol zur digi­ta­li­sier­ten Welt zu schaf­fen und sich dort aus­schließ­lich auf Kul­tur­tech­ni­ken wie z.B. Lesen, Schrei­ben, Rech­nen zurück­zu­be­sin­nen. Dann wer­den „Stu­di­en­schlach­ten” aus­ge­tra­gen, die je nach Ein­stel­lung aus­ge­wählt oder kri­ti­siert wer­den. Vie­le die­ser Stu­di­en schei­nen mir auf­grund der oft sehr gerin­gen Stich­pro­ben­grö­ße wenig reprä­sen­ta­tiv zu sein.

Man hat sowohl in dem Stra­te­gie­pa­pier der KMK als auch z.B. im Ori­en­tie­rungs­rah­men Medi­en­bil­dung hier in Nie­der­sach­sen die­sen bei­den Polen — auch auf­grund der wich­ti­gen Inter­ven­ti­on der Kri­ti­ker und Mah­ner — Rech­nung getra­gen. Auf Grund­la­ge bei­der Papie­re scheint mir eine Medi­en­bil­dung mög­lich zu sein, die sowohl Chan­cen als auch Gefah­ren in den Blick nimmt.

Ich glau­be, dass das eigent­li­che Pro­blem noch viel schlim­mer und bedroh­li­cher ist und ich glau­be, dass sowohl Befür­wor­ter als auch Bewah­rer dabei oft ähn­li­chen Irr­tü­mern unter­lie­gen.

Aus­gangs­punkt ist für mich zwei Tweets im Rah­men eines Streit­ge­sprä­ches auf Twit­ter:

Der Ein­fluss der IT wird fälsch­li­cher­wei­se als «Revo­lu­ti­on» dar­ge­stellt. […]

Es gibt eine Tech­nik (Inter­net) und mensch­li­che Ver­hal­tens­wei­sen im Umgang damit, die man prä­zis beschrei­ben kann. Das Inter­net kann nicht «gesell­schaft­li­che Sys­te­me neu kon­sti­tu­ie­ren».  (Andre­as Goss­wei­ler, @a_gossweiler)

Dahin­ter steckt für mich eine gewal­ti­ge Reduk­ti­on. IT und Inter­net wird als „Tech­nik” auf­ge­fasst. Die­se Ein­stel­lung trägt in mei­nen Augen mas­siv dazu bei, dass sich im Inter­net bestimm­te Din­ge ent­wi­ckelt haben, die wir nicht ger­ne sehen.

Der Buch­druck ist eine Tech­nik. Durch den Buch­druck — genau­er — durch die Befrei­ung des Buch­drucks vom Ein­fluss der Kir­che — ist z.B. wis­sen­schaft­li­cher Aus­tausch mög­lich gewor­den, der die Ent­wick­lung der Gesell­schaft immens beschleu­nigt hat. Laut McLu­han spielt dabei wohl zusätz­lich eine Rol­le, dass zumin­dest in Euro­pa Schrift nicht iko­nisch ange­legt, son­dern der Lau­tung der gespro­che­nen Spra­che ange­lehnt war. Die­se „Ent­wick­lung der Gesell­schaft” hat nicht nur Biblio­the­ken und das Schul­we­sen her­vor­ge­bracht, son­dern auch Din­ge wie effek­ti­ve­re Waf­fen, die Kolo­nia­li­sie­rung oder die Indus­tria­li­sie­rung mit allen ihren nega­ti­ven Fol­gen, wie z.B. den Kli­ma­wan­del und die immens unglei­che Res­sour­cen­ver­tei­lung auf der Welt. Ohne Buch­druck wäre es wohl auch gegan­gen, aber wohl bei Wei­tem nicht so schnell. Ich hal­te den Buch­druck wie vie­le ande­re Auto­ren auch für durch­aus gesell­schafts­kon­sti­tu­ie­rend, obwohl es zunächst eine schlich­te Tech­nik ist.

Die Eisen­bahn ist eine Tech­nik. Man stel­le sich die Gesell­schaft der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka ohne die Rol­le der Eisen­bahn vor. Für die Urbe­völ­ke­rung war die Eisen­bahn hin­ge­gen eine rea­le Bedro­hung. Das Pro­blem für die India­ner war nicht die Tech­nik, son­dern der Umstand, was durch die neue Tech­nik mög­lich wur­de. Mit Pferd und Kut­sche wäre die Erschlie­ßung des Wes­tens wohl auch real gewor­den, jedoch wahr­schein­lich nicht so schnell. Auch die Eisen­bahn hal­te ich für eine gesell­schafts­kon­sti­tu­ie­ren­de Tech­nik.

Beim Buch­druck und bei der Eisen­bahn ist das aber auch sehr leicht ein­zu­se­hen, weil wir qua­si aus unse­rer Gegen­wart auf die Ver­gan­gen­heit schau­en. Weder die Kir­che des Mit­tel­al­ters noch die India­ner wären in der Ent­ste­hungs­zeit des Buch­drucks bzw. der Eisen­bahn wahr­schein­lich in der Lage gewe­sen, ihre gesell­schafts­kon­sti­tu­ie­ren­de Dimen­si­on zu erken­nen.

Die Fol­gen der Tech­nik „IT” und „Inter­net” sind doch aber jetzt schon sicht­bar, sowohl im Guten als auch im Schlech­ten. Das Ver­ständ­nis dafür, wie es die Nut­zung die­ser „Tech­nik” aber zustan­de­bringt, z.B. pre­kä­re Arbeits­ver­hält­nis­se im Ver­sand­han­del oder eben Sucht­pro­ble­ma­ti­ken zu schaf­fen, steht aber erst am Anfang. Ich emp­fin­de die­se und ande­re Phä­no­me­ne im übri­gen nicht als „klein” oder in der Sum­me „ver­nach­läs­sig­bar”. Für mich beschleu­nigt „IT-Tech­nik” genau wie der Buch­druck oder die Eisen­bahn „ledig­lich” bestimm­te gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen und macht Din­ge, die vor­mals eher im Ver­bor­ge­nen lagen, bru­tal sicht­bar, aber eben auch Din­ge mög­lich, die vor­her undenk­bar waren — dum­mer­wei­se auf einer glo­ba­len Ebe­nen — und das soll nicht gesell­schafts­kon­sti­tu­ie­rend sein?

Die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen bestimm­ter gesell­schaft­li­cher Ent­wick­lun­gen sind nach mei­ner Ansicht dadurch kom­pen­siert wor­den, dass es unter­schied­li­che mora­li­sche (sic!) Stand­punk­te dazu gab. Eine mora­lisch-ethi­sche Wer­tung von Ent­wick­lun­gen auf IT-Sek­tor erfor­dert nach mei­ner Ansicht aller­dings auch tech­ni­sches Grund­wis­sen, was sich oft nicht lust­be­tont erwer­ben lässt. Um eine Wer­tung drü­cken sich daher vie­le Beschwich­ti­ger zuguns­ten einer Rela­ti­vie­rung und oft­mals ein­sei­ti­gen Dar­stel­lung. Klar fin­det z.B. Miss­brauch immer oft im häus­li­chen Rah­men statt, aber die „Opfer­aus­wahl” kann durch bestimm­te Nut­zungs­for­men von Tech­no­lo­gie per­vers effek­ti­viert wer­den. Und als Leh­rer und Vater bin ich mir — natür­lich nur auf Basis von unwis­sen­schaft­li­chem „Erfah­rungs­wis­sen” — gar nicht so sicher, ob es nicht auch durch­aus sehr nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen der Medi­en­nut­zung von uns anver­trau­ten Men­schen gibt.

Die ggf. auch vor­läu­fi­ge mora­li­sche Wer­tung ist vor allem auch des­we­gen not­wen­dig, weil Regu­lie­run­gen in einem glo­ba­li­sier­ten Sys­tem nicht ganz tri­vi­al sind. Mir erschei­nen eini­ge wohl­mei­nen­de Erklä­rungs­an­sät­ze zum Web­ver­hal­ten von Jugend­li­chen hart an der Gren­ze zur Anbie­de­rungs- und Ver­ständ­nis­päd­ago­gik, die Din­ge wie einen Erzie­hungs­auf­trag zu negie­ren ver­mag (ja, das ist wohl der bis­her böses­te Satz).

Ich fän­de es daher wün­schens­wert, wenn wir „Befür­wor­ter” unser eige­nes Medi­en­ver­hal­ten und unse­re Kauf­ge­wohn­hei­ten, aber auch unse­re ver­meint­li­chen tech­ni­schen Kom­pe­ten­zen gemein­sam mit Schü­le­rin­nen und Schü­lern hin­ter­fra­gen. Und ich fän­de es sehr wich­tig, dass Kri­ti­ker nicht nur Gerä­te, son­dern das gesell­schaft­kon­sti­tu­ie­ren­de Poten­zi­al der Digi­ta­li­sie­rung mit in den Blick näh­men.

Grund­la­ge ist für mich dabei Grund­wis­sen über Grund­zü­ge der digi­ta­len Welt. Ein iPad mit Apps bestü­cken und die­se bedie­nen zu kön­nen, wäre mir nicht genug.

 

 

 

Lernplattformen

Vorbemerkung:

Ich äuße­re hier mei­ne Sicht und mei­ne Mei­nung zum The­ma Lern­platt­for­men, die sich allein auf mei­nem per­sön­li­chen Erfah­rungs­wis­sen grün­det. Auch ich ken­ne Schu­len, an denen es mit einer Lern­platt­form gut läuft und auch ich den­ke, dass in bestimm­ten Kon­stel­la­tio­nen eine Lern­platt­form ggf. hilf­reich für Schul­ent­wick­lung sein kann.

Warum ich Lernplattformen sehr kritisch sehe

Lern­platt­for­men wie Mood­le, Comm­sy oder auch kom­mer­zi­el­le Vari­an­ten wie its­le­arningWeb­wea­ver, Goog­le Class­room und iTu­nes U stel­len eine vir­tu­el­le Lern­um­ge­bung bereit.

Das Prin­zip ist fast immer gleich: Ein zen­tra­les Log­in ermög­licht Zugriff auf bestimm­te Funk­tio­nen, die sich grup­pie­ren und struk­tu­rie­ren las­sen, z.B. kann ich inner­halb von Mood­le soge­nann­te Kur­se anbie­ten, die diver­se Funk­tio­nen bereit­stel­len, etwa ein Forum, Arbeits­ma­te­ria­li­en, ein­ge­bet­te­te Medi­en, Online­tests u.v.m.. Die­se Kur­se kann ich tei­len, expor­tie­ren, wie­der­ver­wer­ten, gemein­sam mit ande­ren Lehr­kräf­ten ent­wi­ckeln. Dar­über­hin­aus wer­den zuneh­mend Kura­ti­ons­tools ein­ge­setzt, etwa bei iTu­nes U: Ich kann ähn­lich wie bei paper.li Web­in­hal­te auf einer spe­zi­el­len Sei­te zusam­men­stel­len — qua­si ein Web­quest auf mul­ti­me­di­al.

Das hört sich erst­mal pri­ma an. Ich war in Deutsch­land lan­ge Zeit sehr aktiv in der Mood­le­sze­ne und hat­te als Bera­ter Zugriff auf zahl­rei­che Test­in­stal­la­tio­nen kom­mer­zi­el­ler Pro­duk­te. Ich bin kein Maß­stab, weil ich zen­tra­li­sier­te Din­ge für die Arbeit mit digi­ta­len Medi­en nicht mehr benö­ti­ge, aber kei­ne der Test­stel­lun­gen und kei­ne mei­ner Test­in­stal­la­tio­nen in den letz­ten Jah­ren hat mich in irgend­ei­ner Wei­se dazu gebracht, Spaß oder Freu­de bei der Arbeit mit dem jewei­li­gen Sys­tem zu emp­fin­den.

Das ist ja auch nicht zwin­gend not­wen­dig, aber dazu kam, dass auch der für mich sehr typi­sche prag­ma­ti­sche Zugang auf kei­ner der Lern­platt­for­men mög­lich war: Sie kos­te­ten mich ein­fach nur Zeit durch die kom­pli­zier­te Bedie­nung, die vor­ge­ge­be­nen Struk­tu­ren, das oft haar­sträu­ben­de Datei­ma­nage­ment, die pro­prie­tä­ren Schnitt­stel­len — und ich hal­te mich selbst für einen mit­tel­mä­ßig begab­ten Anwen­der (das ist etwas völ­lig ande­res als ein Tech­ni­ker oder Admi­nis­tra­tor). Es gibt eine Rei­he von Wer­be­aus­sa­gen zu Lern­platt­for­men, die ich im Fol­gen­den ein­mal aufs Korn neh­men möch­te:

1. Eine Lernplattform bietet schulweit einen geschützten Raum mit klar definierter Benutzerführung

Das stimmt von einem tech­no­lo­gi­schen Stand­punkt aus. Hypo­the­tisch bie­tet sie das. „Schul­weit” bedeu­tet für mich, dass alle Lehr­kräf­te in die­se Platt­form ein­ge­wie­sen sind und regel­mä­ßig im Unter­richt mit ihr arbei­ten. Nur so ent­wi­ckeln sich Rou­ti­nen im All­tag. Tat­säch­lich höre ich von Schu­len, in denen Lern­platt­for­men „ein­ge­führt” sind, ganz oft ganz ande­re Din­ge. „Schul­weit” bedeu­tet in der Rea­li­tät oft genug „drei oder vier beson­ders akti­ve Lehr­kräf­te mit ihren Lern­grup­pen”.

Schul­weit” ist eine Hal­tung, die schon vor­han­den sein muss, bevor eine Lern­platt­form ihr unter­stüt­zen­des Poten­ti­al über­haupt ent­wi­ckeln kann.

Ein­fach mal machen” führt oft genug ledig­lich dazu, dass eine Lern­platt­form 1:1 die Struk­tu­ren an einer Schu­le abbil­det — somit ist sie für mich dann zwar ein tol­les Bera­tungs­in­stru­ment, aber oft genug sehr bald für die Schu­le selbst eine zusätz­li­che Belas­tung.

Man sieht das recht hübsch an den Dis­kus­sio­nen im deut­schen Forum auf moodle.org. Immer noch dre­hen sich gefühlt 90% der Fra­gen um Sper­ren, Ein­schrän­ken, Bewer­tungs­ras­ter fein­tu­nen und ähn­li­che Din­ge.

Wenn ich ver­su­che, in Rich­tung  „schul­weit” zu bera­ten, kommt selt­sa­mer­wei­se am Schluss oft eben nicht die Ent­schei­dung für eine Lern­platt­form dabei her­aus, son­dern erst­mal sowas in die Rich­tung wie Datei­aus­tausch, Ter­mi­ne, E-Mail — also typi­sche Cloud­funk­tio­nen. Danach ent­wi­ckelt es sich oft eher von dem Grund­kon­strukt „Lern­platt­form” weg.

2. Eine Lernplattform bietet erweiterte Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften durch z.B. Austausch von Materialien, Aufgabenstellungen und Medien

Das stimmt von einem tech­no­lo­gi­schen Stand­punkt aus. Hypo­the­tisch bie­tet sie das. Ich kann z.B. bestimm­te Struk­tu­ren expor­tie­ren und im nächs­ten Jahr wie­der­ver­wen­den. Wenn ich einen Kurs zum The­ma „Pro­gram­mie­ren mit Ardui­no” erstellt habe, kann ich die­sen dar­über­hin­aus mit ande­ren Lehr­kräf­ten tei­len. Bei Mood­le kann ich sogar im glei­chen Kurs mit ver­schie­den Grup­pen gleich­zei­tig arbei­ten, ohne dass die­se Grup­pen sich gegen­sei­tig sehen. Ich kann das. Was ist mit mei­nem Kol­le­gen, der nicht ein­mal weiß, wie er das Bild des Note­books auf den Bea­mer bekommt? Der wird schon an der Anmel­dung und der Ein­rich­tung eines Kur­ses in Mood­le schei­tern — ande­re Sys­te­me sind da aber tat­säch­lich ent­schie­den intui­ti­ver.

Wer dar­über­hin­aus schon ein­mal einen Kurs in einer Lern­platt­form gebaut hat, weiß, dass das oft Stun­den dau­ert — für mich völ­lig inef­fi­zi­ent. Zudem will ich ja gera­de nicht nur Inhal­te bereit­stel­len, son­dern ich möch­te mich z.B. im Fach Deutsch mit mei­nem Fach­wis­sen mit den von SuS erstell­ten Inhal­ten aus­ein­an­der­set­zen und sie selbst dar­über ins Gespräch brin­gen.

Wenn ich hin­ge­gen Inhal­te bereit­stel­len muss (z.B. im Fach Che­mie), dann tue ich das doch nicht auf einer pro­prie­tä­ren Lern­platt­form mit ihren für mich extremst ein­ge­schränk­ten Im- und Export­funk­tio­nen. Mei­ne Inhal­te sind für mich als Leh­rer eine essen­ti­el­le Res­sour­ce, mit der ich mich nicht an ein For­mat bin­den möch­te, was ich nicht selbst kon­trol­lie­ren kann. Wenn eine Schu­le z.B. jah­re­lang bei Anbie­ter x auf Lern­platt­form y gear­bei­tet und der Anbie­ter dann z.B. die Preis­struk­tur mas­siv ändert (das ist kein hypo­the­ti­sches Set­ting, son­dern das kommt vor!) — sage ich dann als Schu­le: „Och, jetzt ist zwar die Arbeit von Jah­ren im Sys­tem, aber den Preis, nö, den zah­le ich nicht und wechs­le jetzt zu Anbie­ter z!”

Mei­ner Mei­nung nach unter­schät­zen vie­le Anbie­ter genau die­sen Aspekt, weil er sel­ten so klar for­mu­liert wird, aber intui­tiv bei vie­len Lehr­kräf­ten eine sehr gro­ße Rol­le spielt. Dazu kommt die Angst, dass Mate­ria­li­en durch die digi­ta­le Prä­senz auf ein­mal auch beur­teil- und eva­lu­ier­bar wer­den. Das kann man kri­ti­sie­ren und doof fin­den. Die Angst bleibt trotz­dem.

3. Eine Lernplattform ist ein zentrales Instrument zur Organisation von Kommunikationsprozessen an Schulen und schafft so Transparenz

Das stimmt von einem völ­lig ver­al­te­ten tech­no­lo­gi­schen Stand­punkt aus. Meist funk­tio­nie­ren Lern­platt­for­men so, dass man sich über eine Web­ober­flä­che ein­log­gen muss, um dann auf eine Art Dash­board zu kom­men, was alle rele­van­ten Infor­ma­tio­nen für mich anzeigt. Oder es gibt eine geson­der­te App für ein Mobil­ge­rät (Han­dy, Tablet), die das für mich erle­digt. In mei­ner Welt (und in der Welt der Mobil­ge­rä­te über­haupt) fin­det Daten­aus­tausch aber recht anders statt:

  • E-Mail über imaps
  • Ter­mi­ne über Cal­DAVs
  • Datei­en über Web­DAVs
  • Nach­rich­ten über XMPP (mit Ende-zu-Ende-Ver­schlüs­se­lung)
  • Kon­takt­da­ten über Card­DAVs
  • Inhal­te über XML
  • […]

Das sind alles offe­ne Protokolle/Formate, wie sie jeder von uns täg­lich nutzt ohne es zu wis­sen, weil irgend­ei­ne App das erle­digt, die wir ent­we­der vom Her­stel­ler des Betriebs­sys­tem über­neh­men oder aber selbst bestim­men. Her­stel­ler von Lern­platt­for­men nei­gen zum über­wie­gen­den Teil dazu, die­se offe­nen, frei­en und ver­schlüs­sel­ten Stan­dards durch irgend­et­was zu erset­zen, das nur zu ihrer jewei­li­gen Lern­platt­form passt.

Schlachtung meiner Thesen durch Anbieter

In der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Anbie­tern, wer­den der­ar­ti­ge The­sen von mir nicht geschlach­tet, son­dern in einer ganz bestimm­ten Art und Wei­se gekon­tert.

  • pro­prie­tä­re For­ma­te sind für die Kon­sis­tenz der Daten not­wen­dig. Zudem sind tech­nisch kei­ne über­grei­fen­den Aus­tausch­for­ma­te mög­lich (PS: Das XML-For­mat von Mood­le oder Wor­d­Press zeigt, dass das wohl schon irgend­wie geht)
  • die Schul­kul­tur, die zu der von mir gefor­der­ten „schulweit”-Lösung not­wen­dig ist, kann sich ja evo­lu­tio­när durch Unter­stüt­zung mit einer Lern­platt­form bil­den — ohne gin­ge es ja gar nicht — das sei ja gera­de die Ver­ant­wor­tung der Schu­le (PS: Da liegt der Kern der Arbeit, bei dem eine Lern­platt­form gera­de nicht unter­stützt)
  • für die meis­ten Schu­len sind die durch Lern­platt­for­men gebo­te­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­er­wei­te­run­gen schon Quan­ten­sprün­ge gegen­über der bis­he­ri­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kul­tur (PS: Die Sache wäre wesent­lich nie­der­schwel­li­ger zu bewerk­stel­li­gen ohne den Umweg über Web­ober­flä­chen)
  • Lern­platt­for­men las­sen sich durch Zusatz­tools her­vor­ra­gend ergän­zen und in ihren Mög­lich­kei­ten erwei­tern — Mood­le etwa durch das schü­ler­zen­trier­te Maha­ra (PS: Die Inte­gra­ti­on der dabei ent­ste­hen­den Inhal­te in die ursprüng­li­che Lern­platt­form ist dann meist eher recht rudi­men­tär imple­men­tiert)
  • Lern­platt­for­men haben als Mit­tel zur Orga­ni­sa­ti­on von instruk­ti­ven Lern­pro­zes­sen eine wich­ti­ge Rol­le

Ich sehe das viel zu nega­tiv, weil ich immer mit der „Kun­den­bin­dungs­po­ten­ti­al­bril­le” auf die ver­schie­de­nen Ange­bo­te schaue: Ein Anbie­ter ist auf Wert­schöp­fung ange­wie­sen — dar­an ist über­haupt nichts Ver­werf­li­ches.

Ich hal­te die Kun­den­bin­dung aber auch für ein Motiv, eben z.B. kei­ne anbie­ter­über­grei­fen­den Im- und Exportstan­dards zu imple­men­tie­ren — natür­lich wird das nie­mand so offen nach außen kom­mu­ni­zie­ren.

 

Wie soll man es denn sonst machen?

Das wäre eine eige­ner Arti­kel. Des­we­gen hier nur zwei The­sen:

  • Iden­ti­ty-, Grup­pen- und Rol­len­ma­nage­ment gehö­ren nicht in eine Lern­platt­form, son­dern öffent­lich orga­ni­siert. Durch ACLs wird fest­ge­legt, was die Lern­platt­form (oder die jewei­li­ge Appli­ka­ti­on) lesen/sehen darf und was nicht und wel­che Rol­le wer wo im Sys­tem erhält.
  • Die zen­tra­le Ver­wal­tung des Iden­ti­ty­ma­nage­ments gibt jeder Lehr­kraft bzw. jeder Schu­le die Mög­lich­keit, die Tools ein­zu­set­zen, die sie für ihren Unter­richt für not­wen­dig hält: Lern­platt­form, Blog, Wiki, Video­kon­fe­renz­soft­ware — alles wer­den ledig­lich „Apps”, die dar­an anbind­bar sind — auf Knopf­druck instal­liert, mit Nut­zern befüllt.

PS: Das geht alles schon und ist auch schon so umge­setzt — aller­dings eher auf Fir­men­ebe­ne.

Die Post-Privacy-Falle im Kontext kollektiver Naivität

Micha­el See­mann und ande­re arbei­ten sich am Begriff „Post-Pri­va­cy” geis­tes­wis­sen­schaft­lich ab. Was bedeu­tet „Post-Pri­va­cy”?

Post-Pri­va­cy (aus­ge­spro­chen bri­tisch [pəʊst ˈpɹɪv.ə.si], ame­ri­ka­nisch [poʊst ˈpɹaɪ.və.si], über­setzt „Was nach der Pri­vat­heit kommt“) ist ein Begriff, der einen Zustand beschreibt, in dem es kei­ne Pri­vat­sphä­re mehr gibt und Daten­schutz nicht mehr greift.[1]

Quel­le: http://de.wikipedia.org/wiki/Post-Privacy

Sehr grob gespro­chen meint Post-Pri­va­cy:

Jedes weiß alles über jeden oder kann sich mit geeig­ne­ten Instru­men­ten die­ses Wis­sen ver­schaf­fen — unab­hän­gig vom jewei­li­gen Sta­tus der Per­son in der Gesell­schaft.

Eine reiz­vol­le Vor­stel­lung:

  • … das Par­tei­spen­den­kon­strukt eines Hel­mut Kohl ent­zau­bern
  • … die Ver­trä­ge von Toll-Collect ein­se­hen
  • … Licht in die Cau­sa Wulff brin­gen
  • … usw.

Eine für mich nicht so reiz­vol­le Vor­stel­lung habe ich im letz­ten Arti­kel beschrie­ben. Mit der Debat­te um Post-Pri­va­cy sind immer auch Hoff­nun­gen ver­bun­den:

  • … der klei­ne Mann wird zum Wel­ten­ret­ter (Snow­den-Para­dox)
  • … die Welt wird gerech­ter, weil qua­si durch die Hin­ter­tür die direk­te Demo­kra­tie gelebt wer­den kann
  • … allein die Ver­füg­bar­keit bestimm­ter Infor­ma­tio­nen wird dafür sor­gen, dass Ver­hal­ten sich ändert
  • … usw.

Nennt mich pes­si­mis­tisch — ich hal­te die­sen Ansatz für naiv. Die­se Schlacht wird nicht geis­tes­wis­sen­schaft­lich (fast allein auf die­ser Ebe­ne wird in Feuil­le­tons öffent­lich wahr­nehm­bar dis­ku­tiert), son­dern tech­no­lo­gisch geschla­gen.

Dazu ein Bei­spiel:

Was mache ich als Geheim­dienst, wenn ich eine Ziel­per­son aus­spio­nie­ren möch­te? Ich muss mich um meh­re­re Din­ge küm­mern, wenn ich das mit Hil­fe von digi­ta­len End­ge­rä­ten des Benut­zers (Han­dy, PC, SmartTV) bewerk­stel­li­gen möch­te:

  • idea­ler­wei­se hin­ter­las­se ich kei­ne Spu­ren dabei
  • idea­ler­wei­se wird die Funk­ti­on des Gerä­tes dabei nicht beein­träch­tigt
  • idea­ler­wei­se ent­zie­he ich die Über­wa­chungs­maß­nah­me der Kon­trol­le des Benut­zers

Des­we­gen ist so etwas wie ein Bun­destro­ja­ner („Ich instal­lie­re als Staat eine Über­wa­chungs­soft­ware auf dei­nem PC”) eine sel­ten däm­li­che Idee, da ich dazu mei­ne Know-How in Form eines Pro­gram­mes aus der Hand geben muss. Ich weiß nicht, an was für einen Besit­zer des PCs ich gera­te: Wenn ich Pech habe, fin­det ein gewief­ter Nerd mein Pro­gramm, ana­ly­siert es und legt es in omi­nö­sen Tausch­bör­sen offen. Wenn es ihm zusätz­lich gelingt, den Daten­ver­kehr von die­sem Pro­gramm zu mir als Geheim­dienst zu ent­schlüs­seln, bzw. zu einer fes­ten IP zurück­zu­ver­fol­gen, bin ich gelie­fert, da Grund­vor­aus­set­zun­gen für eine Über­wa­chungs­maß­nah­me eben die Unsicht­bar­keit (= Intrans­pa­renz) eben­die­ser Maß­nah­me ist. Ein Bun­destro­ja­ner ist damit nie etwas zur Über­wa­chung vie­ler, son­dern allen­falls bei geziel­ten Obser­va­ti­ons­maß­nah­men mit arg begrenz­tem Ziel­rah­men ein­setz­bar. Was wir bis­her gese­hen haben, hal­te ich nur für eine Mach­bar­keits­stu­die.

Bei mei­nem Hos­ter gab es in die­sem Jahr einen inter­es­san­ten Vor­fall mit einer mir bis­her unbe­kann­ten Spe­zi­es von Schad­pro­gramm: Es schrieb sich nicht auf die Fest­plat­te, son­dern drang durch eine Sicher­heits­lü­cke in einem Dienst in den Haupt­spei­cher ein und trieb dann von dort sein Unwe­sen. Da Ser­ver u.U. lan­ge lau­fen, kann so ein Pro­gramm sehr lan­ge unbe­merkt blei­ben und ist zudem äußerst schwie­rig zu ana­ly­sie­ren — Viren­scan­ner durch­kä­men zunächst ein­mal die Fest­plat­te.

Auf Han­dys ist eine per­ma­nen­te Über­wa­chung des Sys­tems durch den Anwen­der oft gar nicht erst mög­lich — bei Apple­ge­rä­ten z.B. „by design” nicht gewünscht. Bei so einem fremd­ge­steu­er­ten Sys­tem brau­che ich also als Geheim­dienst im Ide­al­fall nur Zugriff auf den Anbie­ter selbst, um gren­zen­los über­wa­chen zu kön­nen. Wenn ich mir eine Lücke auf dem Schwarz­markt kau­fe, kann das im Ein­zel­fall nütz­lich sein, ska­liert aber nicht gut, weil ich immer damit rech­nen muss, dass ich nicht der Ein­zi­ge bin, der Zugriff auf den ent­spre­chen­den Code hat.

Bestimmt sind bei die­sem „Tech­nik­ge­la­ber” schon eine Men­ge Men­schen aus­ge­stie­gen.

Quint­essenz:

Tech­no­lo­gisch sind staat­li­che Orga­ne oder pri­va­te Fir­men wie Goog­le dem nor­ma­len Anwen­der, der in einer „Post-Privacy”-Welt lebt, haus­hoch über­le­gen. Mit Daten, die anfal­len, wird das gemacht wer­den, was tech­no­lo­gisch mög­lich ist.

Eine Kon­trol­le jed­we­der Art ist uto­pisch und zwar nicht des­we­gen, weil sie prin­zi­pi­ell unmög­lich ist, son­dern viel­mehr des­we­gen, weil sie immenses tech­no­lo­gi­sches Wis­sen erfor­dert — vie­le im Web2.0 erklä­ren immer noch Leu­te für ver­rückt, die ver­bind­li­chen Infor­ma­tik­un­ter­richt von Kin­des­bei­nen an for­dern. Medi­en­kom­pe­tenz in einem päd­ago­gi­schen Sin­ne ver­stan­den hilft ggf. etwas dabei, das Übels­te zu ver­hin­dern oder zu ver­zö­gern — auf der oft kol­por­tier­ten „Anwen­dungs­ebe­ne” wird sie allein nicht dazu füh­ren, dass wir in der Lage sein wer­den, das Macht­ge­fäl­le zwi­schen uns und den Tech­no­lo­gie­rie­sen (Staat & Pri­vat­wirt­schaft) zu ver­än­dern.

Die­je­ni­gen, die es im Prin­zip könn­ten, sind oft genug Ziel­schei­be von Hohn und Spott gewe­sen. Damit mei­ne ich z.B. Daten­schüt­zer, die das Leben in der Wahr­neh­mung vie­ler ja ein­fach nur unbe­qe­mer und unzeit­ge­mä­ßer machen wol­len. Bequem­lich­keit unter Ver­lust von Grund­rech­ten („Das Netz ist ein grund­rechts­frei­er Raum”) sehe ich unter sehr vie­len Aspek­ten als pro­ble­ma­tisch.

Gebets­müh­le:

Ja, natür­lich darf man Gerä­te ein­fach nur „benut­zen”. Ich kann auch die Welt ein­fach so benut­zen. Trotz­dem hat man mich mit Che­mie, Mathe, Phy­sik oder Bio­lo­gie gequält und die wenigs­ten strei­ten ab, dass es sich dabei um nütz­li­che Dis­zi­pli­nen han­delt. Bei Infor­ma­tik und „Tech­nik­ge­döns” ist das immer ganz anders.

Appleprodukte und ich

Hali­na Zar­em­ba / pixelio.de

 

Unter Eltern ist fol­gen­de Anek­do­te bekannt:

Mein Kind ist sei­ne Man­da­ri­ne nur, wenn ich sie ihm geschält und zer­legt in die Tup­per­do­se lege. Tue ich das nicht, kommt sie unge­ges­sen wie­der zurück. Das ist jeden Mor­gen echt ein ziem­li­cher Auf­wand und eigent­lich kann es doch nicht so schwer sein, die Man­da­ri­ne selbst zu schä­len! Aber ich will doch, dass mein Kind Obst isst. Was soll ich nur tun? Mich nervt das!”

Kin­der sind heu­te sowohl im Kin­der­gar­ten als auch in der Schu­le nicht uner­heb­li­chen Belas­tun­gen aus­ge­setzt. Nicht sel­ten gin­ge die Schäl­zeit von wert­vol­ler Spiel­zeit ab. Gleich­wohl wird die­se durch Lebens­zeit der Erwach­se­nen bezahlt — je nach­dem wie man sei­ne Eltern­rol­le auf­fasst, wird man in sol­chen oder ähn­li­chen Situa­tio­nen reagie­ren, in denen man eine Ent­schei­dung zwi­schen „Selbst­stän­dig­keit för­dern” und „Bewah­ren vor nicht kind­ge­rech­ten Belas­tun­gen” zu tref­fen hat. Das Man­da­ri­nen­bei­spiel dürf­te eines der harm­lo­se­ren sein. Natür­lich hät­te ich per­sön­lich auch lie­ber eine geschäl­te Man­da­ri­ne in mei­ner Früh­stücks­do­se! Mein All­tag ist auch vol­ler Belas­tun­gen und alles, was mir das Leben leich­ter macht, ist zunächst ein­mal posi­tiv für mich — das soll­te ich mir ein­fach wert sein.

Ich hal­te App­le­pro­duk­te für eine geschäl­te und zer­leg­te Man­da­ri­ne. Apple hat mein Bedürf­nis nach Erleich­te­rung begrif­fen und gibt mir durch ein funk­tio­na­les und her­vor­ra­gen­des Design eine ech­te Ent­las­tung in mei­nem Leh­rer­all­tag.

Trotz­dem will ich, ich ganz per­sön­lich, App­les geschäl­te Man­da­ri­ne nicht. Das hat mit den ide­el­len Kos­ten zu tun, die für mich zu hoch sind, dass ich nach wie vor lie­ber selbst schä­le oder eben dafür ande­re Werk­zeu­ge ein­set­ze. Wäre ich nicht zusätz­lich der Über­zeu­gung, dass der tech­ni­sche Ansatz von Apple auch Aus­wir­kun­gen auf die Gesell­schaft hat, zöger­te ich kei­ne Minu­te, selbst eine iPad-Klas­se ins Leben zu rufen. An Mög­lich­kei­ten dazu fehlt es hier vor Ort im Gegen­satz zu ande­ren Land­krei­sen defi­ni­tiv nicht. Finan­zi­ell ste­hen wir glän­zend aus­ge­stat­tet da. Um zu erklä­ren, war­um ich nicht auf den gera­de anrol­len­den Zug auf­sprin­ge, muss ich etwas aus­ho­len.

Apple ver­kauft pro­prie­tä­re App­li­an­ces, d.h. eine Ver­bin­dung aus Hard- und Soft­ware. Apple tut sehr viel dafür, dass sich bei­de Kom­po­nen­ten nicht ohne Wei­te­res tren­nen las­sen. Das gelingt der Fir­ma im Bereich der Mobil­ge­rä­te z.Zt. natür­lich weit­aus bes­ser als im Desk­top­um­feld.

Eine App­li­an­ce hat Vor­tei­le:

  1. Sie funk­tio­niert
  2. Sie besitzt eine kon­sis­ten­te Ober­flä­che
  3. Sie hat eine intui­ti­ve Ober­flä­che, die sich mühe­los bedie­nen lässt
  4. Sie ist durch das geschlos­se­ne Kon­zept war­tungs­arm und zuver­läs­sig
  5. Im Fal­le vom App­le­pro­duk­ten sind die Gerä­te lang­le­big und hoch­wer­tig ver­ar­bei­tet

Eine App­li­an­ce hat Nach­tei­le:

  1. Jede Funk­ti­on der App­li­an­ce ist abhän­gig vom Her­stel­ler der App­li­an­ce
  2. Eine App­li­an­ce ermög­licht genau das, was der der Her­stel­ler der App­li­an­ce ermög­li­chen will
  3. Eine App­li­an­ce ist nicht trans­pa­rent
  4. Die Sicher­heit der App­li­an­ce bewegt sich im Rah­men der Sicher­heits­vor­stel­lun­gen des Her­stel­lers
  5. Was die App­li­an­ce tut, ent­zieht sich gän­gi­gen Kon­troll­me­cha­nis­men. Ver­trau­en ist ange­sagt.

Und — für mich sehr wich­tig: Mit einer App­li­an­ce lernt man, die Man­da­ri­ne zu essen und zu genie­ßen, nicht sie zu schä­len. Zudem wird man bald erwar­ten, dass alle Man­da­ri­nen geschält sind und sie nur noch so akzep­tie­ren. Ob das ok ist oder nicht, muss jeder für sich ent­schei­den und der Kon­text spielt zusätz­lich eine Rol­le: Wenn eine App­li­an­ce in einem eng begrenz­ten Umfeld etwas macht, was Exper­ten (huch — die sol­len doch bald über­flüs­sig sein?) bes­ser kön­nen als ich, dann ist das abso­lut sinn­voll — Fire­walls für Rechen­zen­tren sind oft als App­li­an­ce rea­li­siert. Wenn eine App­li­an­ce jedoch wesent­li­che kom­mu­ni­ka­ti­ve Abläu­fe in mei­nem Leben struk­tu­riert und bestimmt, dann tue ich mich schwer damit. Mein „Nicht­ex­per­ten­tum” ist die­sem Bereich für einen Anbie­ter Kapi­tal — und zwar nicht bezo­gen auf eine hoch­spe­zia­li­sier­te Nische.

IT beherrscht unser Leben. Infor­ma­tik ist für mich ein Fach, wel­ches z.B. zeigt, wie man Man­da­ri­nen schält, wel­che unter­schied­li­chen Ansät­ze dafür exis­tie­ren und wie sich der Pro­zess des Schä­lens opti­mie­ren lässt. Wer kei­ne Man­da­ri­nen schä­len kann, ist auch anfäl­lig dafür, mit einem Kol­ben­fres­ser auf der Auto­bahn lie­gen­zu­blei­ben, weil der Bord­com­pu­ter den defek­ten Öldruck­sen­sor nicht gemel­det hat. Der Blick unter die Motor­hau­be auf den Peil­stab ist heu­te eben nicht mehr zeit­ge­mäß.

Ich habe Freu­de am Ver­ste­hen. Ich habe Freu­de dar­an, hin­ter die Fas­sa­den zu schau­en. Ich freue mich über ein­fa­che und genia­le Lösungs­stra­te­gi­en, die ganz ande­re Wege gehen. Ich möch­te das Men­schen ver­mit­teln. Dafür muss ich Man­da­ri­nen haben, die noch eine Scha­le besit­zen. Ein App­le­pro­dukt hat für mich kei­ne Scha­le mehr. Allein das saf­ti­ge, per­fekt frei­ge­leg­te Frucht­fleisch bleibt. Ich möch­te eine Man­da­ri­ne sehen, wie sie ist und nicht wie sie mir jemand mund­ge­recht in die Obst­do­se gelegt hat. Des­we­gen benut­ze ich Open­Sour­ce, des­we­gen bekom­me ich von den „Tech­ni­kaf­fi­nen” oft genug den Stem­pel „Nerd” — nicht weil die Man­da­ri­nen da nicht geschält wären, son­dern weil ich das Gan­ze sehe könn­te, wenn ich woll­te und Zeit hät­te. Das ist mei­ne Vor­stel­lung von Unab­hän­gig­keit. Ja — und ich genie­ße auch das Stau­nen ande­rer Men­schen, wenn sie fra­gen: „Wie machst du das nur?” — Mei­ne Anwort: „Ich schä­le Man­da­ri­nen selbst. Schon ganz schön lan­ge.”

PS: Kei­ne Sor­ge. Ich baue auch Net­ze für geschäl­te Man­da­ri­nen inkl. Genie­ßer­kur­se. So rea­lis­tisch bin ich dann schon.

Riecken und die Verlage — Teil 3

Auf netzpolitik.org gab es ges­tern inter­es­san­tes Mate­ri­al über einen geplan­ten „Schul­tro­ja­ner” zu lesen. Hier noch ein­mal in aller Kür­ze der bis­her bekann­te Sach­ver­halt:

  1. Es gibt einen Ver­trag zwi­schen den Kul­tus­mi­nis­tern der Län­der und dem Dach­ver­band der Schul­buch­ver­la­ge.
  2. 1% der Schu­len sol­len mit einer Soft­ware aus­ge­stat­tet wer­den, die inner­halb des Schul­netz­werks auto­ma­tisch urhe­ber­recht­lich geschütz­tes Mate­ri­al aus­fin­dig macht
  3. UPDATE: Die dabei gefun­de­nen Daten wer­den an den Schul­trä­ger(!) über­mit­telt (der ist nicht der dis­zi­pli­na­risch Vor­ge­setz­te) -
  4. Der Dienst­herr soll durch dis­zi­pli­na­ri­sche Maß­nah­men dafür Sor­ge tra­gen, dass dem Urhe­ber­recht an Schu­len genü­ge getan wird

Dar­über war auf den übli­chen Platt­for­men und auch in der Blo­gos­sphä­re viel Empö­rung zu lesen und auch sinn­ge­mäß Sät­ze wie:

  1. Schul­buch­ver­la­ge sind in der neu­en Wis­sens­ge­sell­schaft über­flüs­sig.
  2. Schul­buch­ver­la­ge ver­die­nen kei­nen Dia­log.
  3. Schul­buch­ver­la­ge pro­du­zie­ren min­der­wer­ti­ges Mate­ri­al
  4. Schul­buch­ver­la­ge ver­die­nen sich auf Kos­ten der All­ge­mein­heit dumm und däm­lich

Das Feind­bild steht also fest — oft­mals gene­ra­li­siert, pau­schal, extrem. Ich hof­fe instän­dig, dass die­ses Ver­hal­ten nicht die oft pro­kla­mier­te „neue Wis­sens­ge­sell­schaft” reprä­sen­tiert. Auch ich habe Pro­ble­me mit Ver­la­gen. Ich möch­te bloß ger­ne zwi­schen „Ver­lag” und „Ver­hal­ten von Ver­la­gen” dif­fe­ren­zie­ren.

Der 1. Skan­dal

Das mit dem Schul­tro­ja­ner ver­bun­de­ne Ver­hal­ten ver­dient extre­me Reak­tio­nen. Hier nimmt Pri­vat­wirt­schaft öffent­li­che Insti­tu­tio­nen in die Pflicht, für Kon­se­quen­zen in zivil­recht­li­chen Fra­gen zu sor­gen. Das ist der ers­te Skan­dal.

Ich bin Admi­nis­tra­tor eines Schul­netz­werks. Wür­de ich ange­wie­sen, die­se Soft­ware auf Schul­sys­te­men zu instal­lie­ren, wäre die­se Anwei­sung wahr­schein­lich rechts­wid­rig. Dem Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren gegen mich auf­grund mei­ner Wei­ge­rung sähe ich gelas­sen ent­ge­gen. Alter­na­tiv wür­de mich das zur Ein­lei­tung einer Dienst­auf­sichts­be­schwer­de zwin­gen.

Es wird schon allein des­we­gen rechts­wid­rig sein, weil natür­lich Ver­ein­ba­run­gen bezüg­lich die­ser Über­wa­chung mit den Per­so­nal­ver­tre­tun­gen der Lehr­kräf­te getrof­fen wer­den müss­ten, damit „Ver­stö­ße” über­haupt dis­zi­pli­nar­recht­licht geahn­det wer­den könn­ten. Die Per­so­nal­ver­tre­tung ver­dien­te ihren Namen nicht, wenn sie sich dar­auf ein­lie­ße, staat­li­che Insti­tu­tio­nen zur Durch­set­zung zivil­recht­recht­li­cher Inter­es­sen der Pri­vat­wirt­schaft zu funk­tio­na­li­sie­ren.

Die Ver­la­ge müss­ten eigent­lich direkt gegen ihre „Kun­den” vor­ge­hen — das ist natür­lich pro­ble­ma­tisch für den Umsatz. Der Schul­tro­ja­ner, der tech­nisch kei­ner ist und den es noch nicht ein­mal geben dürf­te, scheint da der „bes­se­re” Weg zu sein — der nun toben­de Shit­s­torm dürf­te die Mar­ke­ting­ab­tei­lun­gen wahr­schein­lich etwas beschäf­ti­gen.

Der 2. Skan­dal

Der zwei­te Skan­dal wür­de dar­in bestehen, dass  mein Dienst­herr sei­nen Sorg­falts- und Für­sor­ge­pflich­ten mir gegen­über nicht nach­kä­me, wenn er tat­säch­lich einen Ver­trag unter­zeich­net, der poten­ti­ell rechts­wid­ri­ge For­mu­lie­run­gen und Bedin­gun­gen ent­hält. Von mir als Beam­ter wer­den stets akku­ra­te Befol­gung der gesetz­li­chen Vor­ga­ben erwar­tet und eben Loya­li­tät — die funk­tio­niert aber nur, wenn sie zwei­sei­tig ange­legt ist. Mir lie­gen kei­ne gesi­cher­ten Infor­ma­tio­nen dar­über vor, wie sich mein Dienst­herr tat­säch­lich ver­hal­ten hat und wie die dis­ku­tier­ten Pas­sa­gen des Ver­tra­ges tat­säch­lich recht­lich zu bewer­ten sind.

Tech­ni­sche Betrach­tun­gen

Da es für die Kopie in Papier­form mitt­ler­wei­le recht libe­ra­le und prag­ma­ti­sche Rege­lun­gen gibt — und auch pau­scha­le Ver­gü­tungs­sät­ze für die Ver­la­ge, muss ein Schul­tro­ja­ner es vor allen Din­gen auf digi­ta­li­sier­te Buch­sei­ten und Arbeits­blät­ter sowie nicht lizen­sier­te Ver­lags­soft­ware „abge­se­hen” haben. Wäh­rend letz­te­re durch recht ein­fa­che Heu­ris­ti­ken zu erken­nen sein dürf­te, sieht das bei digi­ta­li­sier­ten „Papier­ori­gi­na­len” schon ganz anders aus, denn:

  1. Wie soll ein sol­ches Pro­gramm Ver­lags­in­hal­te „sicher” erken­nen, ohne wahl­los alle Datei­en einem „Deep”-Scan zu unter­zie­hen, der zusätz­lich auch noch auf OCR-Mecha­nis­men zurück­grei­fen müss­te?
  2. Wie soll ein sol­ches Pro­gramm „unli­zen­sier­tes Mate­ri­al” mel­den?
  3. Wie soll ein sol­ches Pro­gramm in heu­ti­gen Schul­net­zen zwi­schen Pri­vat­ge­rä­ten mit Ord­ner­frei­ga­ben und Schul­rech­nern unter­schei­den?
  4. Ist die Datei auf des Fest­plat­te des Schul­ko­pie­rers eine unli­zen­sier­te „digi­ta­le Kopie”? (Das Ding müsst ihr euch echt mal anse­hen…)
  5. usw.

Schluss­end­lich: Wie kann ein sol­ches Pro­gramm im Ein­klang mit gel­ten­den Daten­schutz­richt­li­ni­en über­haupt arbei­ten?

Unqua­li­fi­zier­ter Sei­ten­hieb: Den Daten­schutz wol­len ja vie­le sowie­so abschaf­fen — das Pro­blem bestün­de dann natür­lich nicht…

War­um ich Ver­la­ge als Insti­tu­ti­on nicht so gene­rell doof fin­den kann

  1. Auch eine uto­pi­sche Gesell­schaft mit bedin­gungs­lo­sem Grund­ein­kom­men basiert auf For­men von Wert­schöp­fung, gera­de in einer glo­ba­li­sier­ten Welt
  2. Nicht jeder gute Autor ist in der Lage, selbst im Netz geeig­ne­te Stra­te­gi­en zu fin­den, um sei­ne wirt­schaft­li­che Exis­tenz zu sichern, bzw. Wert­schöp­fung für eine auf bedin­gungs­lo­sem Grund­ein­kom­men basie­ren­de Gesell­schaft zu betrei­ben.
  3. Nicht das gesam­te Mate­ri­al in den Back­lis­ten von Ver­la­gen ist völ­lig unge­eig­net und schlecht — als Stein­bruch taugt z.B. auch unvoll­kom­me­nes Mate­ri­al
  4. Nicht jeder Ver­lag legt tyran­nisch fest, was zu ler­nen ist. Ich beob­ach­te zur­zeit im Bereich des Unter­richts­ma­te­ri­als eine Fle­xi­bi­li­sie­rung und Diver­si­fi­zie­rung — weil der Wis­sens­ka­non eben nicht durch Ver­la­ge, son­dern viel­mehr durch Cur­ri­cul­ums­kom­mis­sio­nen vor­ge­ge­ben wird. Das wird m.E. das „tro­ja­ni­sche Pferd” für Ver­än­de­run­gen in der Schul­buch­ver­lags­land­schaft wer­den.
  5. Es gibt Ver­la­ge, die mich fair behan­delt haben. Das waren klei­ne, enga­gier­te Unter­neh­men mit Netz­af­fi­ni­tät und neu­en Ide­en für die eige­ne Wert­schöp­fung.
  6. Mir macht das inhalt­li­che Niveau von man­chen Dis­kus­si­ons­pro­zes­sen im Netz schon sehr viel Sor­ge — z.B. beob­ach­te ich, dass bei der Bewer­tung netz­po­li­ti­scher The­men (z.B. Daten­schutz, Face­book) oft­mals m.E. völ­lig naiv und selek­tiv dis­ku­tiert wird, indem man sich das aus Tex­ten her­aus liest, was man sofort und ohne Mühe ver­steht — wer hat sich schon inten­siv mit den Wire­shark­pro­to­kol­len zu den Face­book­coo­kies aus­ein­an­der­ge­setzt? Da wäre auf­be­rei­te­tes Mate­ri­al von den oft ach so ver­pön­ten Exper­ten manch­mal nicht schlecht, um auch als Laie zu wis­sen, wovon ich da eigent­lich rede — ich könn­te das ver­ste­hen, aber ich habe nicht die Zeit dafür… Die kau­fe ich mir halt. Dabei kön­nen Ver­la­ge z.B. durch Lek­to­rats­dienst­leis­tun­gen durch­aus hel­fen.
  7. usw.

Mir gefällt vie­les nicht an (Groß-)Verlagen. Ich habe aber auch nichts dage­gen, dass sie Wert­schöp­fung betrei­ben, z.B. für mein Grund­ein­kom­men. Im Web2.0 wer­den ja auch in freund­schaft­li­cher Atmo­sphä­re z.B. Kur­se ver­tickt, für deren Inhal­te man bezahlt. Die Ver­la­ge haben viel ver­säumt — z.B. sich zu über­le­gen, wie ihre eige­ne Wert­schöp­fung in der digi­ta­len Welt funk­tio­nie­ren kann, wie sie fai­re Auto­ren­ver­trä­ge hin­be­kom­men, die moti­vie­ren, wie sie… 999 Punk­te, die es zu dis­ku­tie­ren gilt und die eng mit­ein­an­der ver­knüpft sind. Aber ob wir sie nicht mehr brau­chen in der „Wis­sens­ge­sell­schaft”? Wer weiß das? Ich zumin­dest nicht. Mei­ne Glas­ku­gel scheint im Gegen­satz zu ande­ren Glas­ku­geln ein­fach nur kaputt zu sein.

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