Projekt mit dem Waldkindergarten (reloaded)

Ich habe in diesem Jahr wieder einen polyvalenten Chemiekurs. Das ist ein etwas seltsames Konstrukt: Primär geht es um Chemie, jedoch sollen auch Inhalte anderer Naturwissenschaften einfließen und es darf nichts aus dem Oberstufencurriculum Chemie behandelt werden. Überhaupt ist dieser Kurs eine komplett curriculumsfreie Lehrkrafterholungszone. Er dient lediglich dazu, dass SuS, die bestimmte Oberstufenprofile gewählt haben, ihre Belegungspflichten für das Abitur erfüllen können – wir sagen dazu „Abdeckerkurs“. Gleichwohl sind Noten zu erteilen.

Ich habe den SuS vier Inhalte angeboten, u.a. eine Wiederbelebung meines alten Waldkindergartenprojektes, welches konkurrenzlos von allen präferiert wurde.

Da ich mit dem Ablauf damals nicht so ganz zufrieden war, lasse ich in diesem Jahr einige Elemente aus dem klassischen Projektmanagement und meine Erfahrungen mit Wikis aus dem letzten Jahr mit einfließen, aber nicht zu viel, um die Transaktionskosten möglichst erträglich zu halten – so gebe ich z.B. den angespeckten Projektablaufplan weitgehend vor.

Das sieht dann so aus:

Wochentag Doppelstunde Inhalt
Freitag 1 Experimentauswahl, Projektaufräge
Freitag 2 M1: Projektaufträge vorstellen, Material- und Geräteliste erstellen
Mittwoch 3 Experiment selbst durchführen, ggf. optimieren
Freitag 4 Feiertag
Freitag 5 Experiment selbst durchführen, ggf. optimieren
Mittwoch 6 Beschreibung zum Versuchsaufbau erstellen
Freitag 7 Beschreibung zum Versuchsaufbau erstellen
Freitag 8 M2: Abgabe Beschreibung zum Versuchsaufbau
Mittwoch 9 Präsentation für den Kurs Gruppe A
Freitag 10 Präsentation für den Kurs Gruppe B
Freitag 11 Präsentation für den Kurs Gruppe C
Freitag 12 Optimierung und Bezüge zu anderen Experimenten
Mittwoch 13 Optimierung und Bezüge zu anderen Experimenten
Freitag 14 M3: Waldkindergartenbesuch
Freitag 15 Auswertung und Feedback
Mittwoch 16 Überarbeitung Beschreibungen
Freitag 17 Überarbeitung, weihnachtlicher Abschluss
Mittwoch 18
Freitag 19
Mittwoch 20
Freitag 21
Freitag 22
Mittwoch 23

 

Zwei Doppelstunden hatten wir schon (normalerweise steht da ein Datum). Wer noch nie einen Projektauftrag gesehen hat, findet hier eine Vorlage. In Fettdruck sind die Meilensteine bezeichnet – diese geben mehr oder weniger vor, bis zu welchen Zeitpunkt ein Zwischenziel erreicht sein muss. Ein Projektauftrag ist eine gute Grundlage, um sich darüber klar zu werden, was man überhaupt mit einem Projekt erreichen möchte. Vor allem die Projektrisiken sind dabei für mich von besonderem Interesse – mögliche Risiken sind z.B.:

  • Motivationsverlust
  • Unterschiedliches Engagement in der Kleingruppe
  • fachliche Überforderung
  • […]

Man kann dann im Vorwege darüber reden, wie man den Risiken begegnet (die SuS haben viel Erfahrung mit gelungenen und weniger gelungenen Gruppenarbeitsprozessen).

Die in der ersten Phase zentrale Beschreibung des Versuches besitzt folgende Struktur:

  • Gruppenmitglieder
  • Projektauftrag (Verlinkung auf Datei)
  • Benötigte Geräte
  • Benötigte Chemikalien
  • Durchführung
  • Dokumentation der eigenen Durchführung
  • Theoretischer Hintergrund (gymnasial)
  • Warum ist das Experiment für Kinder geeignet?
  • Kindgerechte Erklärung
  • Was kann das Kind bei dem Experiment über Chemie lernen?

Es wird im Unterricht immer ein festes Ritual in Form eines Plenums geben, in dem die Gruppen folgende Aspekte berichten:

  1. Was haben wir heute erreicht?
  2. Welche Probleme gab es dabei?
  3. Was ist in nächsten Zeit zu erledigen?

In der Präsentationsphase schlüpft das Plenum in die Rolle von Kindergartenkindern und Beobachtern, während jeweils ein Experiment tatsächlich durchgeführt wird. Dabei tauchen erfahrungsgemäß Probleme auf, an die auch ich vorher nicht gedacht hätte – vor allem auch Kooperationsmöglichkeiten zwischen Gruppen.

Nach dem Besuch der Kinder erfolgt eine letzte Reflexion, die folgende Elemente umfasst:

  • Rückmeldung der Kinder (muss auch vorbereitet werden)
  • Rückmeldung der Kursteilgebenden an mich und meinen Unterrichtsstil
  • Überlegungen zur Weiterarbeit, z.B. mit Grundschulkindern

Gesammelt und erledigt werden alle Arbeitsschritte in einem nichtöffentlichen DokuWiki. Uns stehen in der Chemie acht Laptops für die ernsthafte Arbeit und einige Nexus7-Tablets für Recherche und Zuarbeit zur Verfügung. Natürlich gibt es LAN- und WLAN-Versorgung, sodass auf Totholz weitgehend verzichtet werden kann.

 

 

 

Seltsame Erfahrungen

Ich leite gerade einen Abdeckerkurs Naturwissenschaften. Den besuchen Schülerinnen und Schüler, um Belegungspflichten zu erfüllen – er muss ins Abitur eingebracht werden und es werden auch zwei Klausuren geschrieben, aber im Prinzip ist dieser Kurs eine Formalie. Entsprechend wenig würde man klischeehaft gedacht dann von den Schülerinnen und Schülern an Leistungsbereitschaft erwarten. Das ist aber nicht so.

Erfahrung 1:

Die Mitarbeit ist dann am intensivsten, wenn ich anspruchsvollen Stoff aufbereite. Vermeintlich fluffige, vom Kurs selbst gewünschte Themen – z.B. Drogen und Medikamente – verloren schnell an Schwung, da das dazu notwendige chemische und biologische Wissen doch recht komplex ist, um es sich nebenbei anzueignen. Grundlagenchemie, die anderen Fächern dient, z.B. Fette, Eiweiße oder Zucker wurden gerne mitgenommen – obwohl das eigentlich recht klassisch ist.

Erfahrung 2:

Wir machen gerade ein Projekt (Ich war aber der Böse, der es vorgeschlagen hat…). Dabei wollen wir rund um das Thema Farben Kindergartenkindern chemisches Denken vermitteln, z.B. mit

  • Rotkohlindikator
  • Papierchromatographie
  • einer selbst gebauten Lavalampe, deren Funktion auf Dichteunterschieden beruht
  • Gas- und Schaumbildung (Teilchennmodell)
  • Milchbildern (Tenside und Lebensmittelfarbe)

Dabei werden uns tatsächlich Kindergartenkinder besuchen. Die Versuche haben die SuS selbst erarbeitet. „Pütscher, pütcher, pütscher“ ist dabei zu wenig – es soll auch ein bisschen auf kindgerechtem Niveau um Naturwissenschaft gehen – Was haben Lebensmittel gemeinsam, die Rotkohlsaft rot färben usw.?

Diese Woche durften einige aus dem Kurs „Kind“ spielen und die Stationsbetreuer sollten mit ihnen die Aufgabe an der Station durchführen. Erstmal mögen auch Oberstufenschüler gerne Kinder spielen und es kam tatsächlich auch zu durchaus realen Katastrophen (Nichteinhaltung der Versuchsbeschreibungen, wildes Herumgemansche usw.).

Eine Gruppe hatte ihren Versuch perfekt vorbereitet – er klappte wie am Schnürchen und auch sinnvolle Vorbereitungsversuche waren integriert.  Allein – sie konnten ihren Versuch überhaupt nicht vermitteln und schon gar nicht kindgerecht.

Mögliche Reaktion von mir: „Hm – also das war ja eindeutig Teil der Aufgabe und diese Leistung geht jetzt in die Gesamtnote ein!“

Es reichte ein: „Am … sitzen da sechs neugierige Kinderaugen, die sich auf den Tag gefreut haben und euch anschauen.“ – Das saß.

Das hat mich berührt. Ich hatte den Eindruck, dass die SuS in diesem Moment etwas verstanden hatten, was sie durch die erste Reaktion nie hätten lernen können. Vielleicht denke ich da jetzt zu romantisch: Aber eventuell braucht Schule mehr von diesen Erkenntnisprozessen.

Es steht im Prinzip auch im Curriculum so drin, aber dort stehen eben auch lange Listen von abiturrelevanten Themen. In einem Abdeckerkurs ist das fast egal – Halbjahresnote und gut. In einem Kurs auf erhöhtem Niveau habe ich nicht die Zeit für dererlei Luxus. Das vermeintlich Unwichtige bietet in der Schule nach meiner Erfahrung viel mehr Raum für Freiheit und Experimente. Deswegen bin ich auch ein Freund des Seminarfachs.