Sollte man Lehrkräfte in Bezug auf die Digitalisierung „beschützen”?

In den letz­ten Wochen ist es mir im Rah­men mei­ner Bera­tungs­tä­tig­keit mehr­fach pas­siert, dass man mir ent­geg­ne­te, in Bezug auf die Digi­ta­li­sie­rung dür­fe man spe­zi­ell Lehr­kräf­ten nicht zu viel zumu­ten. Das zer­stö­re jed­we­de Arbeits­mo­ti­va­ti­on. Außer­dem käme alles bestimmt nicht so schlimm, wie ich es dar­stel­len wür­de. Kon­kret hat­te ich mich u.a. zu fol­gen­den Äuße­run­gen hin­rei­ßen las­sen:

  • phy­si­sche Daten­trä­ger wie z.B. DVDs haben in Zei­ten von Strea­ming­diens­ten kei­ne lan­ge Zukunft mehr (eine sol­che Ent­wick­lung „bedroht” z.B. momen­tan cur­ri­cu­lar gefor­der­te Inhal­te, wie z.B. Fil­m­ana­ly­se oder Hör­ver­ste­hens­übun­gen)
  • wer Men­schen zur wis­sen­schafts­pro­pä­deu­ti­schen Arbeit anlei­ten will, muss grund­le­gen­de Aspek­te einer Text­ver­ar­bei­tung und ggf. Tabel­len­kal­ku­la­ti­on beherr­schen und ver­mit­teln kön­nen (z.B. auto­ma­ti­sche Ver­zeich­nis­se, Fuß­no­ten, For­mat­vor­la­gen etc.)
  • Arbeit mit und über Medi­en erfor­dert immer auch ein Nach­den­ken über Schul- und Unter­richts­ent­wick­lung und hängt gera­de nicht allein an Aus­stat­tungs­fra­gen.
  • […]

Aus­sa­gen die­ser Art erzeu­gen in so man­cher See­le Stür­me der Ent­rüs­tung, so dass ich mir sehr genau über­le­ge, wie und zu wel­chem Zeit­punkt ich sol­che Punk­te set­ze — denn das so Gesag­te macht unglaub­li­che Angst.

Du nimmst mir mei­ne Angst vor der Digi­ta­li­sie­rung nicht, son­dern du ver­stärkst sie auch noch, Maik!

… sag­te unlängst eine Kol­le­gin zu mir. Das stimmt natür­lich. Das sehe ich ja auch ein. Mir selbst macht aber auch etwas Angst, was gleich­zei­tig aber auch der Grund für die Lage ist, in der sich die Kol­le­gin wähnt:

Schu­le bewegt sich natür­lich, aber sie ist schlicht zu lang­sam. Das Wachs­tum des Del­tas zwi­schen bei­den Kur­ven ver­läuft expo­nen­ti­ell. Es gibt ers­te Bera­ter­kol­le­gen, die in den Panik­mo­dus ver­fal­len:

Wie müs­sen schnell vie­le Men­schen fit für ein Ler­nen im Zeit­al­ter der Digi­ta­li­sie­rung machen. Wir haben kei­ne Zeit, um Din­ge zu dis­ku­tie­ren. Ver­fah­ren müs­sen her und ein­ge­übt wer­den!

Schaut euch ein­mal die Vide­os des ers­ten Androi­den mit Staats­bür­ger­rech­ten (in Sau­di-Ara­bi­en) an:

Akti­vie­ren Sie Java­Script um das Video zu sehen.
https://www.youtube.com/watch?v=vtX-qVUfCKI

(eng­lisch, die Situa­ti­on wur­de Sophia nicht ein­pro­gram­miert, die reagiert aus­schließ­lich auf Basis ihrer „Sin­nes­ein­drü­cke” mit Hil­fe einer KI).

Oder die Vor­trä­ge von Prof. Dr. Chris­toph Igel, den ich auf der Didac­ta im Rah­men einer Tagung des nie­der­säch­si­schen Städ­te- und Gemein­de­ta­ges zum The­ma Bil­dung hören durf­te:

Akti­vie­ren Sie Java­Script um das Video zu sehen.
https://www.youtube.com/watch?v=OK_LxqvIDgc

Ich per­sön­lich glau­be immer mehr, dass ein „Beschüt­zen” und ein „Mit­neh­men” von Lehr­kräf­ten ihnen letzt­lich immens scha­den und Ent­wick­lun­gen beschleu­ni­gen wird, die wir als (noch ver­hält­nis­mä­ßig) star­ke Demo­kra­tie nicht wol­len wer­den. Der ers­te, immens wich­ti­ge Schritt dabei wird sein, Digi­ta­li­sie­rung end­lich als gesell­schaft­li­ches Phä­no­men zu begrei­fen und zu ver­in­ner­li­chen. Jed­we­des Gerät ist allen­falls sowas wie ein Gate­way, nicht mehr, aber auch nicht weni­ger.

PS: In der prak­ti­schen Bera­tungs­tä­tig­keit neh­me ich Men­schen mit oder ver­su­che es zumin­dest.

 

 

 

Ein Buch über die Entwicklung von Medienbildungskonzepten?

Ich schrei­be gera­de eine „exten­ded Ver­si­on” die­ses Arti­kels. Es geht um die Ent­wick­lung von Medi­en­bil­dungs­kon­zep­ten. Es ist kein Check­lis­ten­buch, aber es ent­hält z.B. ganz vie­le prak­ti­sche Bei­spie­le und Fra­gen­ras­ter, aber auch kurz umris­se­ne Din­ge zur Aus­stat­tung und Vor­ge­hens­wei­sen. Der Umfang wird etwa 130 Sei­ten betra­gen, von denen ca. 48 fer­tig sind.

Das Buch ist kein altru­is­ti­scher Selbst­zweck. Und ich mache es auch nicht, weil ich so gut bin. Ich bin ein sehr siche­rer Mensch — eigent­lich.

Zusam­men­ge­fasst geht es dar­um, wie ich das Buch unter die Leu­te brin­ge. Und es geht auch dar­um, wem gegen­über ich loy­al bin.

Opti­on A:

Ich arbei­te mit einem gro­ßen, renom­mier­ten Schul­buch­ver­lag zusam­men. Der ers­te Ver­trag gefällt mir über­haupt nicht, er steht in der guten, alten Tra­di­ti­on „Riecken und die Ver­la­ge”.

Das ist jetzt viel Nach­ver­hand­lung nötig und vor allen Din­gen auch viel Klar­heit dar­über, wie ich mit den Inhal­ten spä­ter wei­ter­ar­bei­ten möch­te. Der Ver­lag ist sehr fle­xi­bel — selbst CC-Lizen­zen wären mög­lich. Geld wird damit nicht zu ver­die­nen sein. Aber natür­lich sind die Ver­wer­tungs­rech­te (weit­ge­hend) weg. Und es ist halt ein Buch.

Man kommt aber an Ziel­grup­pen, die außer­halb der übli­chen Fil­ter­bub­ble lie­gen. Und berühmt wird man auch, was viel­leicht den ein oder ande­ren bes­ser bezahl­ten „Fol­ge­auf­trag” nach sich zieht (Con­sul­ting, Refe­ra­te, Vor­trä­ge).

Opti­on B:

Ich mache das im Selbst­ver­lag — print on demand. Wäre eine span­nen­de Erfah­rung (Ich kann LaTeX) und wäre mir sicher, dass „Wer­bung” dafür durch Soci­al­me­dia irgend­wie läuft. Zusätz­lich kann man den Text online stel­len und z.B. durch Screen­casts und ande­re Medi­en immer wie­der ergän­zen, d.h. den Text als ler­nen­den orga­ni­sie­ren. Weil ich weiß, wie gut das mit ler­nen­den Tex­te funk­tio­niert (erst ges­tern hat wie­der jemand hier im Blog einen mei­ner Tex­te kor­ri­giert) , hät­te das schon Charme.

Das gäbe viel­leicht ein biss­chen Geld und etwas Renom­mé, jedoch noch weni­ger als bei Opti­on B. Aber die Rech­te blei­ben voll­stän­dig bei mir. Die Reich­wei­te ist bedeu­tend gerin­ger und im Wesent­li­chen auf die Fil­ter­bub­ble beschränkt.

Opti­on C:

Ich mache das über mei­nen Dienst­herrn. Das geht. Der ist näm­lich toll. Dann wäre das qua­si auch Arbeits­zeit. Und es wür­de mei­nem Lan­des­in­sti­tut nüt­zen, das ich sehr schät­ze, weil ich dank ihm so arbei­ten kann, wie ich arbei­ten möch­te. Auch die Rech­te­ge­schich­te wäre so viel unkom­pli­zier­ter zu hand­ha­ben. Finan­zi­ell unter dem Strich am lukra­tivs­ten.

Opti­on D:

Ich pus­te das als OER raus. So wie sich die Com­mu­ni­ty das vor­stellt. Ohne NC. Am ehes­ten bei ZUM in Wiki­form. Total­ver­lust über die Inhal­te. Und es ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass sich kom­mer­zi­el­le Play­er und Stif­tun­gen ganz schnell die­ser Inhal­te anneh­men und sie in ihrem Sin­ne ver­mark­ten. Das Geld in die­sem Feld machen dann ande­re. Gera­de im momen­ta­nen bil­dungs­po­li­ti­schen Umfeld. Dass Lehr­kräf­te OER außer durch Wor­te ver­gü­ten, habe ich noch nicht gese­hen. Aber es wäre ein­mal ein Expe­ri­ment, ob OER tat­säch­lich min­des­tens zum Min­dest­lohn funk­tio­niert — ich glau­be ehr­lich gesagt nicht dar­an.

Was meint ihr?

Wie soll ich das machen? Ernst­neh­men könn­te ich nur Ide­en, die auch mei­ne Posi­ti­on berück­sich­ti­gen bzw. die sich ein wenig in mich hin­ein­ver­set­zen.

Medienkonzeptentwicklung

Die meis­ten Medi­en­kon­zep­ten von Schu­len, die ich so ken­ne, sind im Prin­zip tech­ni­sche Beschrei­bun­gen. Wie ein „rich­ti­ges Medi­en­kon­zept” aus­se­hen kann, scheint nie­mand so recht zu wis­sen — es gibt natür­lich irgend­wel­che Mess­bar­keits­in­di­ka­to­ren, die man hin­ter­her anle­gen kann, aber beim Schrei­ben hilft das eher nicht so sehr.

In Nie­der­sach­sen gibt es mit dem Ori­en­tie­rungs­rah­men Medi­en­bil­dung ein Ange­bot, das Ori­en­tie­rungs­hil­fen geben soll bis hin­un­ter auf prak­ti­sche Unter­richts­bei­spie­le. Lesen ist da immer so eine Sache, sel­ber erfah­ren und machen ein ganz ande­re.

Dum­mer­wei­se zwingt das Doku­ment zusätz­lich dazu, fach­über­grei­fend zu schau­en. Durch sei­nen Cha­rak­ter als Quer­schnitt­auf­ga­be wird dar­aus ganz schnell ein Ele­ment der Schul­ent­wick­lung — qua­si eine Art tro­ja­ni­sches Pferd, was auf ein­mal mit­ten im Hof des eige­nes Faches her­um­steht und stört (zumal da ja auch noch Leu­te mit Brand­fa­ckeln — äh — Han­dys her­aus­kom­men). Des­we­gen ist die Idee, Medi­en­kon­zept­ent­wick­lung ohne direk­te Betei­li­gung und Steue­rung der Schul­lei­tung zu machen, eine ziem­lich nai­ve. So ste­hen dann immer noch oft genug die digi­ta­len Wil­den auf der Gesamt­kon­fe­renz, um sich dann das Bukett an Gefüh­len abzu­ho­len, wel­ches mit Ver­än­de­rungs­pro­zes­sen nun­mal ein­her­geht.

In mei­nen Bera­tungs­pro­zes­sen hat sich ein Grund­struk­tur für die Medi­en­kon­zept­ent­wick­lung her­aus­kris­tal­li­siert, die erst­mal ein Aus­gangs­punkt sein kann. Ich arbei­te ger­ne kol­la­bo­ra­tiv mit Schu­len, die sich dar­auf ein­las­sen. Medi­en­kon­zep­te auf Papier in einer gesell­schaft­li­chen Über­gangs­pha­se wie der unse­ren hal­te ich für naiv und unöko­no­misch. Die Grund­struk­tur sieht so aus:

  1. Prä­am­bel
  • Was ändert sich durch digi­ta­le Medi­en in der Gesell­schaft und wie wol­len wir als Schu­le dar­auf reagie­ren?
  • Wo sehen wir Poten­tia­le für unse­ren Unter­richt und wo legen wir beson­de­ren Wert auf bewähr­te Metho­den?
  • In wel­chem Ver­hält­nis sol­len bei uns digi­ta­les und ana­lo­ges Ler­nen zuein­an­der ste­hen?
  • Was sehen wir als Ziel im Hin­blick auf die digi­ta­le Bil­dung?
  1. Aus­stat­tung (Ist-Zustand)

(zu beschrei­ben durch tech­ni­sches Per­so­nal des Trä­gers oder des Medi­en­zen­trums)

  1. Unter­richts­in­hal­te im Kom­pe­tenz­be­reich “Bedie­nung und Anwen­dung”
  • Was tun wir bereits?
  • Was ist bereits in den Cur­ri­cu­la unse­res Faches im Hin­blick auf digi­ta­le Medi­en gefor­dert?
  • Was kön­nen wir als Kol­le­gi­um bereits und in wel­chem Bereich möch­ten wir uns fort­bil­den?
  • Was möch­ten wir ger­ne tun, kön­nen es aber auf­grund der Aus­stat­tung nicht?
  1. Unter­richts­in­hal­te im Kom­pe­tenz­be­reich “Infor­ma­ti­on, Recher­che und (Daten-) erhe­bung”
  • Was tun wir bereits?
  • Was ist bereits in den Cur­ri­cu­la unse­res Faches im Hin­blick auf digi­ta­le Medi­en gefor­dert?
  • Was kön­nen wir als Kol­le­gi­um bereits und in wel­chem Bereich möch­ten wir uns fort­bil­den?
  • Was möch­ten wir ger­ne tun, kön­nen es aber auf­grund der Aus­stat­tung nicht?
  1. Unter­richts­in­hal­te im Kom­pe­tenz­be­reich “Koope­ra­ti­on und Kom­mu­ni­ka­ti­on”
  • Was tun wir bereits?
  • Was ist bereits in den Cur­ri­cu­la unse­res Faches im Hin­blick auf digi­ta­le Medi­en gefor­dert?
  • Was kön­nen wir als Kol­le­gi­um bereits und in wel­chem Bereich möch­ten wir uns fort­bil­den?
  • Was möch­ten wir ger­ne tun, kön­nen es aber auf­grund der Aus­stat­tung nicht?
  1. Unter­richts­in­hal­te im Kom­pe­tenz­be­reich “Pro­duk­ti­on und Prä­sen­ta­ti­on”
  • Was tun wir bereits?
  • Was ist bereits in den Cur­ri­cu­la unse­res Faches im Hin­blick auf digi­ta­le Medi­en gefor­dert?
  • Was kön­nen wir als Kol­le­gi­um bereits und in wel­chem Bereich möch­ten wir uns fort­bil­den?
  • Was möch­ten wir ger­ne tun, kön­nen es aber auf­grund der Aus­stat­tung nicht?
  1. Unter­richts­in­hal­te im Kom­pe­tenz­be­reich “Medi­en­kri­tik, Medi­en­ana­ly­se und medi­en­ethi­sche Refle­xi­on”
  • Was tun wir bereits?
  • Was ist bereits in den Cur­ri­cu­la unse­res Faches im Hin­blick auf digi­ta­le Medi­en gefor­dert?
  • Was kön­nen wir als Kol­le­gi­um bereits und in wel­chem Bereich möch­ten wir uns fort­bil­den?
  • Was möch­ten wir ger­ne tun, kön­nen es aber auf­grund der Aus­stat­tung nicht?
  1. Beson­de­re Her­aus­for­de­run­gen
  • Wel­che Bedar­fe haben Sprach­lern- und Inklu­si­ons­klas­sen kon­kret?
  • Inwie­fern dif­fe­ren­zie­ren wir dort schon durch den Ein­satz digi­ta­ler Medi­en?
  • Wo wün­schen wir uns wei­te­re Mög­lich­kei­ten, auch IT-gestützt zu arbei­ten?
  1. Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ma­nage­ment
  • Wie kom­mu­ni­zie­ren wir mit Ämtern, Eltern, Schü­lern und Kol­le­gen?
  • An wel­cher Stel­le sehen wir Schwie­rig­kei­ten oder Ver­bes­se­rungs­be­darf?
  • Inwie­fern kön­nen und digi­ta­le Medi­en dabei ggf. unter­stüt­zen?
  1. Fort­bil­dung
  • Wel­che Fort­bil­dungs­maß­nah­men füh­ren wir im Bereich digi­ta­le Medi­en bereits durch?
  • Wel­che Fort­bil­dungs­maß­nah­men benö­ti­gen wir?
  • Wie inte­grie­ren wir Fort­bil­dung in unse­ren Schul­all­tag?
  • Wer orga­ni­siert vor Ort in wel­chem Umfang die Betreu­ung der IT bis­her?

 

Die­ses Kon­zept ist auf Grund­schu­len zuge­schnit­ten. An wei­ter­füh­ren­den Schu­len wird man das noch fach­be­zo­gen auf­schlüs­seln müs­sen.

Das geht alles nicht und es ändert sich nichts!

Immer noch reden alle von den „10 best apps for edu­ca­ti­on”, immer noch ver­harrt das Schul­sys­tem im bil­dungs­bür­ger­lich-kon­ser­va­ti­vem Duk­tus, immer noch pas­siert nichts bei der Medi­en­austat­tung der Schu­len, immer noch ist mein Medi­en­be­griff falsch (oder wahl­wei­se nicht weit genug ent­wi­ckelt) und immer noch begreift Poli­tik nicht, wie es eigent­lich funk­tio­niert und immer noch gibt es kei­ne Lösun­gen. Schon schlimm, die­se Welt.

Ich stand letz­te Woche vor der Auf­ga­be, acht Kubik­me­ter Erde und vier Kubik­me­ter Schutt aus dem Haus schaf­fen zu müs­sen. Ich hät­te stun­den­lang dar­über sin­nie­ren kön­nen, wie schlimm das ist — vor allem mit­ten im All­tag in einem bewohn­ten Haus. Aber durch das Sin­nie­ren wur­de die Auf­ga­be nicht klei­ner. Nicht eine Schub­kar­re Schutt fuhr aus dem Haus. Nicht ein Con­tai­ner lie­fer­te sich von selbst.

Mir kom­men die Her­aus­for­de­run­gen im Bil­dungs­sys­tem momen­tan vor wie die­ser Schutt­berg. Ide­ell, poli­tisch, ideo­lo­gisch.  Ein Hau­fen Anzug­trä­ger und Wis­sen­schaft­ler läuft mehr oder min­der kra­kel­end um ihn her­um: „Schaut her, es ist schlimm, er muss aus dem Haus!” Es wer­den Vor­trä­ge gehal­ten, Blog­posts wie die­ser geschrie­ben, die immer glei­chen Ste­reo­ty­pe von den bil­dungs­bür­ger­li­chen Ängs­ten und Vor­be­hal­ten gegen­ber digi­ta­len Medi­en beklagt, die immer glei­chen Argu­men­te bemüht. Der Schutt­berg liegt immer noch. Und das liegt natür­lich dar­an, dass ihn kei­ner der Ver­ant­wort­li­chen weg­räumt. Meist, weil die­se halt nicht begrei­fen, dass er weg­ge­räumt wer­den muss. Reden ist eine Hand­lung, Den­ken ist eine Hand­lung. Lei­der küm­mert sich der Schutt­berg einen Scheiß­dreck dar­um und bleibt ein­fach lie­gen.

Ein schö­ner Rand bis jetzt, aber was macht der Riecken eigent­lich? Ich hand­le nach bestimm­ten Stra­te­gi­en, die bis­her inso­fern funk­tio­nie­ren, als dass der loka­le Schutt­berg hier vor Ort schwin­det. Lang­sam. Sehr lang­sam.

  1. Ich habe mich dar­um bemüht, mit einem Teil der Stun­den für ande­re Auf­ga­ben abge­ord­net zu wer­den. Es ist ein Glück, dass das hier in Nie­der­sach­sen mög­lich ist.
  2. Ver­wei­ge­rer im Bereich des Digi­ta­len haben gute Grün­de für ihre Ver­wei­ge­rung. Und ein guter Grund darf auch Selbst­schutz sein. Ein Leh­rer, der anwe­send ist und guten ana­lo­gen Unter­richt macht, ist für mich einem digi­ta­len Flip­pie vor­zu­zie­hen, der unter sei­nen Enga­ge­ment zusam­men­bricht oder durch eben­die­ses sel­ten vor Ort ist.
  3. Ich arbei­te poli­tisch. Ich hel­fe Schul­amts­mit­ar­bei­tern, Vor­stel­lun­gen im ent­schei­den­den Gre­mi­um zu prä­sen­tie­ren oder rede dort selbst. Ich knüp­fe Ban­de mit poli­tisch akti­ven Men­schen. Ich hal­te Poli­tik für eine anspruchs­vol­le Auf­ga­be und bewun­de­re Men­schen, die die­se Auf­ga­be wahr­neh­men. Ich bewun­de­re dabei nicht jede Ein­stel­lung und Hal­tung. Und das sage ich auch bei­des: Das eine wie das ande­re.
  4. Ich stel­le Schu­len selbst mit mei­nen Hän­den auf zeit­ge­mä­ße­re Tech­nik um. Von der Hard­ware­emp­feh­lung bis zur Raum­aus­stat­tung. Ich habe mir über Jah­re ein klei­ne­res Netz­werk aus Fir­men und Händ­lern dafür auf­ge­baut. Men­schen rufen mich an, wenn sie unsi­cher sind. Ich kann mich dar­auf ver­las­sen, dass die Arbeit fach­ge­recht erle­digt wird und von mir ver­zapf­ter Stuss auch direkt the­ma­ti­siert ist.
  5. Ich habe Geduld und ertra­ge auch her­be Rück­schlä­ge, die es dabei gibt. Das ist so im Leben. Ins­be­son­de­re ist es so in beam­ti­schen Struk­tu­ren.
  6. Ich bera­te und schu­le nicht mein eige­nes Sys­tem. Ich ent­schei­de und bestim­me dort in Hard­ware- und Netz­werk­fra­gen, stel­le Fra­gen, äuße­re Struk­tur­ide­en, höre Bedar­fe und habe eine Ziel­vor­stel­lung vom Netz­aus­bau und der Medi­en­aus­stat­tung. Ich orga­ni­sie­re ger­ne exter­ne Bera­tung und Schu­lung, wenn die­se gewünscht und ange­for­dert wird. Ich unter­stüt­ze Kol­le­gen, die etwas zu orga­ni­sie­ren haben tech­no­lo­gisch mit geeig­ne­ten Sys­te­men. Die­ser Punkt mit dem eige­nen Sys­tem ist für mich sehr wich­tig. Ins­be­son­de­re die­se kla­re Grenz­zie­hung. Wenn Kol­le­ge z.B. das SMART­Board so nutzt, dass er einen Zet­tel unter den Pre­sen­ter legt und dar­auf sein Tafel­bild malt, dann ist das so.
  7. Ich ent­wick­le mich wei­ter. Ich ler­ne dazu. Ich blei­be nicht bei einer Stra­te­gie ste­hen, son­dern hin­ter­fra­ge ihre Wirk­sam­keit spä­tes­tens nach 1,5 Jah­ren. Die Wirk­sam­keit der Rede und des Den­kens war bis­her im Hin­blick auf den Schutt­berg eher ein wenig schlecht bis mies.
  8. Ich tei­le Ide­en und Stra­te­gi­en, z.B. hier im Blog, aber auch mit Fir­men. Ich tei­le sie noch so, dass dar­aus für mich kei­ne Ver­bind­lich­kei­ten oder Ver­pflich­tun­gen erwach­sen. Wenn Geld fließt, ent­ste­hen immer die­se Ver­bind­lich­kei­ten.
  9. Ich bedie­ne außer hier mit die­sem Blog und ein wenig auf Twit­ter kei­ne Öffent­lich­keit. Wenn eine Öffent­lich­keit bedient wer­den muss, bin­det das Resour­cen, die mir hier vor Ort feh­len wür­den. Die Erfol­ge hier in der Regi­on sind für mich der Motor. Aus ihnen ent­ste­hen die ein­zig für mich wich­ti­gen Wäh­run­gen wie Ver­trau­en oder das Gespräch beim gemein­sa­men Bier­chen.

Das Schutt­berg­bei­spiel hinkt. Dafür könn­te man sich näm­lich durch­aus Dienst­leis­tun­gen ein­kau­fen. Im Bereich des Digi­ta­len muss man die­se Dienst­leis­tun­gen vor allem in der Flä­che erst noch ent­wi­ckeln oder sogar selbst erbrin­gen. Das wird irgend­wann ein­mal anders sein. Viel­leicht wenn genug gere­det und sin­niert wor­den ist.

 

Blogparade: Es war einmal die Lernlust | Bob Blume

Bob Blu­me ruft zu einer Blog­pa­ra­de auf. Dabei geht es um Per­sön­li­ches. Dar­über schrei­be ich eigent­lich ja nicht im Netz, obwohl ich auf Ver­an­stal­tun­gen durch­aus viel Per­sön­li­ches erzäh­le. Der der Auf­ga­be besteht also dar­in, distan­ziert zu blei­ben und trotz­dem etwas preis­zu­ge­ben.

Ich hat­te Angst. Vor jeder Sport­stun­de. Vor jeder Eng­lisch­stun­de. Vor jeder Geschichts­stun­de. Unan­ge­kün­dig­te Voka­bel­test, die nie Voka­beln abfrag­ten, son­dern immer gan­ze, teil­wei­se sehr kom­ple­xe Wen­dun­gen. Die grü­nen Eng­lisch­ar­beits­hef­te unter dem Arm, ohne dass irgend­wann irgend­wie ein Hin­weis fiel, dass an die­sem Tag eine Arbeit geschrie­ben wer­den wür­de.  Aus der Quin­ta kom­mend, gaben mir die Noten die­ses Leh­rers fast den Rest. Ver­set­zung gefähr­det. Nach­hil­fe bei älte­ren Schü­le­rin­nen. In Geschich­te ähn­lich. In Sport: Rie­gen: „Rie­ge 1 spielt gegen Rie­ge 2!” „Oha, in Rie­ge 1 schafft jetzt jeder einen Auf­schwung. Erzählt mal den ande­ren, was ihr gemacht habt!” Dop­pel­kopf in einer Jugend­her­ber­ge auf Sylt gelernt. Uns selbst ein Gelän­de­spiel auf der gro­ßen Wan­der­dü­ne aus­de­cken müs­sen. Bei 2 Meter Bran­dung geba­det. Um die Süd­spit­ze von Sylt gelau­fen. „Er kün­digt die Arbei­ten und Tests nicht an, weil er möch­te, dass ihr auf jede Stun­de vor­be­rei­tet seid. Er möch­te nicht, dass Kin­der einen Vor­teil haben, die von zu Hau­se aus Unter­stüt­zung erfah­ren — daher macht er das!”, berich­te­te mei­ne Mut­ter nach dem Eltern­sprech­tag. Ich hat­te Ende der ach­ten Klas­se eine Drei in Eng­lisch. Ich muss­te für die­ses Fach nie wie­der etwas tun und bin nie unter einem Aus­rei­chend nach Hau­se gegan­gen.

Nach heu­ti­gen Maß­stä­ben hät­te ich mehr­mals tot sein und psy­chi­sche Schä­den davon­tra­gen müs­sen. Uner­bitt­lich her­kunfts­un­ab­hän­gig gerech­te, lei­ten­de, for­dern­de Men­schen wie er ebne­ten mir als ers­tem aus unse­rer Fami­lie den Weg an die Uni. Das Rie­gen­sys­tem: Sprach­lich-mili­tä­risch, im Kern maxi­ma­les koope­ra­ti­ves Ler­nen. Jede Rie­ge war fair zusam­men­ge­setzt aus Men­schen mit sport­li­chen Stär­ken und Schwä­chen. Es ging ums Gewin­nen. Gewin­nen als geschlechts­über­grei­fen­des Mann­schafts­er­leb­nis. Das Gelän­de­spiel als selbst­be­stimm­te, grup­pen­dy­na­mi­sche Übung wür­de heu­te mit kom­plett pro­to­ty­pisch kom­pe­tenz­be­sei­ert ver­zück­ter Spra­che beju­belt. Die­se Drei in Eng­lisch war eigent­lich eine Eins (ein Mäd­chen hat­te eine Zwei bekom­men). Es war emo­tio­nal eine schwie­ri­ge Zeit. Aber wir alle lern­ten das Den­ken bei ihm.

Ich den­ke heu­te mit Lust an sei­ne Stun­den zurück. Die Angst ist nicht mehr die prä­gen­de Erin­ne­rung.

Es gab ein Klau­sur zurück. Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on. Rede von Rob­bes­pierre oder war es Mon­tes­quieu? (Anci­en Régime). Er tob­te. Inner­lich. Er las uns die Rede vor und ersetz­te in ers­ter Lesung das Wort „Natio­nal­ver­samm­lung” durch „NSDAP”, in zwei­ter Lesung war es die „Volks­kam­mer der DDR”. Ein­drück­lichs­te Bespre­chung einer Klau­sur. Betrof­fen­heit im Kurs. Es hat­te kaum einer das wah­re Gesicht der Rede erkannt. Angst. Ich viel­leicht auch nicht? „Auf das Schärfs­te zu ver­ur­tei­len” stand in mei­nem Fazit in der Klau­sur. 12 Punk­te. In der Ober­stu­fe lief es bei mir eigent­lich. Ich muss­te nie etwas tun. In Geschich­te habe ich es nie mehr auf die­se Punkt­zahl gebracht, im Abitur in der münd­li­chen Prü­fung habe ich mich ohne Vor­be­rei­tung auf 7 Punk­te gela­bert. Ich hat­te ein Fun­da­ment — von wem wohl? Der Ober­stu­fen­leh­rer wur­de ein­mal rich­tig aus­fal­lend. Wir frag­ten um Erlaub­nis, auf eine Demons­tra­ti­on gehen zu dür­fen. „Haben Sie sie noch alle? Wenn Sie für Ihre Rech­te auf die Stra­ße gehen, dann tra­gen Sie halt die schu­li­schen Kon­se­quen­zen! Wie naiv muss man denn sein, zu glau­ben, dass der Kampf für Rech­te kon­se­quen­zen­los bleibt!”

Wir sind gegan­gen. Wie begos­se­ne Pudel. Sehr viel Schwei­gen auf der Hin­fahrt.

Darf ich mich zu Ihnen set­zen?” Was mich ich da wohl gerit­ten hat­te. Er war mein Phi­lo­so­phie­pro­fes­sor. Semi­nar zum us-ame­ri­ka­ni­schen Tran­szen­den­ta­lis­mus (Ralph Wal­do Emer­son z.B.). Aber an dem Abend war in der Knei­pe sonst kein Platz mehr frei und ich hat­te Hun­ger und konn­te ja nicht im Ste­hen essen. „Jun­ger Mann, vie­le mei­ner Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen glau­ben, Phi­lo­so­phie sei ein Selbst­zweck, selbst­re­fe­ren­ti­el­le Wis­sen­schaft. Ich sage: Die Phi­lo­so­phie steht in der Ver­ant­wor­tung nach­zu­wei­sen, dass sie der Gesell­schaft, von der sie bezahlt wird, wirk­lich etwas nützt. Ein Phi­lo­soph darf nicht hof­fen, irgend­wie an der Uni­ver­si­tät unter­zu­kom­men. Er muss sich aktiv um eine Stel­lung bemü­hen!” Man kann sich den­ken, dass er in sei­ner Fakul­tät nicht so vie­le Freun­de hat­te. Aber eine Men­ge kon­kre­ter Umset­zungs­ide­en zu sei­ner eige­nen For­de­rung (Heu­te darf man ja auch for­dern ohne eine Idee zur Umset­zung zu haben). Schließ­lich über­nahm er nach fast zwei Stun­den Gespräch mei­ne Rech­nung.

Es war ein bis heu­te prä­gen­der Abend.

Alles Erleb­nis­se sind aus heu­ti­ger Sicht streit­bar und inhalt­lich, ver­klärt durch eine zur jewei­li­gen Zeit nicht voll­kom­men durch­re­flek­tier­te Hal­tung. Sie sind zudem nur ein Aus­zug aus allem Erleb­ten. Schu­le und Uni spei­sen mich als Per­sön­lich­keit gegen­über ande­ren Fak­to­ren eigent­lich ver­nach­läs­sig­bar gering. Genau die­se Span­nung, die Schwe­be, die­se Ambi­va­lenz der Emp­fin­dun­gen ist das, was für mich heu­te die Lust am Ler­nen aus­macht.

Wenn ich mich mit LDAP-Pro­to­kol­len her­um­quä­le, zei­gen mir die enga­gier­ten Anwen­der natür­lich kol­lek­tiv den Vogel. Aber genau das (den Vogel gezeigt bekom­men)  macht mir Spaß. „Bei Riecken muss man im Auf­satz min­des­tens ein­mal ‚Ambi­va­lenz’ schrei­ben und immer Ent­wick­lun­gen auf­zei­gen!” Ich weh­re mich inner­lich gegen sol­che Ste­reo­ty­pe. Aber eigent­lich stimmt die­ser.

Wenn ich mein Schü­ler wäre, näh­me ich mich als Leh­rer total ambi­va­lent wahr. Kon­se­quenz und Gesump­fe eng bei­ein­an­der. Viel Span­nung ent­steht aber dadurch, dass es mir zuneh­mend schwe­rer fällt, Hal­tun­gen und Hand­lun­gen in eine Zahl zu pres­sen.

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