Ein Buch über die Entwicklung von Medienbildungskonzepten?

Ich schreibe gerade eine „extended Version“ dieses Artikels. Es geht um die Entwicklung von Medienbildungskonzepten. Es ist kein Checklistenbuch, aber es enthält z.B. ganz viele praktische Beispiele und Fragenraster, aber auch kurz umrissene Dinge zur Ausstattung und Vorgehensweisen. Der Umfang wird etwa 130 Seiten betragen, von denen ca. 48 fertig sind.

Das Buch ist kein altruistischer Selbstzweck. Und ich mache es auch nicht, weil ich so gut bin. Ich bin ein sehr sicherer Mensch – eigentlich.

Zusammengefasst geht es darum, wie ich das Buch unter die Leute bringe. Und es geht auch darum, wem gegenüber ich loyal bin.

Option A:

Ich arbeite mit einem großen, renommierten Schulbuchverlag zusammen. Der erste Vertrag gefällt mir überhaupt nicht, er steht in der guten, alten Tradition „Riecken und die Verlage„.

Das ist jetzt viel Nachverhandlung nötig und vor allen Dingen auch viel Klarheit darüber, wie ich mit den Inhalten später weiterarbeiten möchte. Der Verlag ist sehr flexibel – selbst CC-Lizenzen wären möglich. Geld wird damit nicht zu verdienen sein. Aber natürlich sind die Verwertungsrechte (weitgehend) weg. Und es ist halt ein Buch.

Man kommt aber an Zielgruppen, die außerhalb der üblichen Filterbubble liegen. Und berühmt wird man auch, was vielleicht den ein oder anderen besser bezahlten „Folgeauftrag“ nach sich zieht (Consulting, Referate, Vorträge).

Option B:

Ich mache das im Selbstverlag – print on demand. Wäre eine spannende Erfahrung (Ich kann LaTeX) und wäre mir sicher, dass „Werbung“ dafür durch Socialmedia irgendwie läuft. Zusätzlich kann man den Text online stellen und z.B. durch Screencasts und andere Medien immer wieder ergänzen, d.h. den Text als lernenden organisieren. Weil ich weiß, wie gut das mit lernenden Texte funktioniert (erst gestern hat wieder jemand hier im Blog einen meiner Texte korrigiert) , hätte das schon Charme.

Das gäbe vielleicht ein bisschen Geld und etwas Renommé, jedoch noch weniger als bei Option B. Aber die Rechte bleiben vollständig bei mir. Die Reichweite ist bedeutend geringer und im Wesentlichen auf die Filterbubble beschränkt.

Option C:

Ich mache das über meinen Dienstherrn. Das geht. Der ist nämlich toll. Dann wäre das quasi auch Arbeitszeit. Und es würde meinem Landesinstitut nützen, das ich sehr schätze, weil ich dank ihm so arbeiten kann, wie ich arbeiten möchte. Auch die Rechtegeschichte wäre so viel unkomplizierter zu handhaben. Finanziell unter dem Strich am lukrativsten.

Option D:

Ich puste das als OER raus. So wie sich die Community das vorstellt. Ohne NC. Am ehesten bei ZUM in Wikiform. Totalverlust über die Inhalte. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass sich kommerzielle Player und Stiftungen ganz schnell dieser Inhalte annehmen und sie in ihrem Sinne vermarkten. Das Geld in diesem Feld machen dann andere. Gerade im momentanen bildungspolitischen Umfeld. Dass Lehrkräfte OER außer durch Worte vergüten, habe ich noch nicht gesehen. Aber es wäre einmal ein Experiment, ob OER tatsächlich mindestens zum Mindestlohn funktioniert – ich glaube ehrlich gesagt nicht daran.

Was meint ihr?

Wie soll ich das machen? Ernstnehmen könnte ich nur Ideen, die auch meine Position berücksichtigen bzw. die sich ein wenig in mich hineinversetzen.

Medienkonzeptentwicklung

Die meisten Medienkonzepten von Schulen, die ich so kenne, sind im Prinzip technische Beschreibungen. Wie ein „richtiges Medienkonzept“ aussehen kann, scheint niemand so recht zu wissen – es gibt natürlich irgendwelche Messbarkeitsindikatoren, die man hinterher anlegen kann, aber beim Schreiben hilft das eher nicht so sehr.

In Niedersachsen gibt es mit dem Orientierungsrahmen Medienbildung ein Angebot, das Orientierungshilfen geben soll bis hinunter auf praktische Unterrichtsbeispiele. Lesen ist da immer so eine Sache, selber erfahren und machen ein ganz andere.

Dummerweise zwingt das Dokument zusätzlich dazu, fachübergreifend zu schauen. Durch seinen Charakter als Querschnittaufgabe wird daraus ganz schnell ein Element der Schulentwicklung – quasi eine Art trojanisches Pferd, was auf einmal mitten im Hof des eigenes Faches herumsteht und stört (zumal da ja auch noch Leute mit Brandfackeln – äh – Handys herauskommen). Deswegen ist die Idee, Medienkonzeptentwicklung ohne direkte Beteiligung und Steuerung der Schulleitung zu machen, eine ziemlich naive. So stehen dann immer noch oft genug die digitalen Wilden auf der Gesamtkonferenz, um sich dann das Bukett an Gefühlen abzuholen, welches mit Veränderungsprozessen nunmal einhergeht.

In meinen Beratungsprozessen hat sich ein Grundstruktur für die Medienkonzeptentwicklung herauskristallisiert, die erstmal ein Ausgangspunkt sein kann. Ich arbeite gerne kollaborativ mit Schulen, die sich darauf einlassen. Medienkonzepte auf Papier in einer gesellschaftlichen Übergangsphase wie der unseren halte ich für naiv und unökonomisch. Die Grundstruktur sieht so aus:

  1. Präambel
  • Was ändert sich durch digitale Medien in der Gesellschaft und wie wollen wir als Schule darauf reagieren?
  • Wo sehen wir Potentiale für unseren Unterricht und wo legen wir besonderen Wert auf bewährte Methoden?
  • In welchem Verhältnis sollen bei uns digitales und analoges Lernen zueinander stehen?
  • Was sehen wir als Ziel im Hinblick auf die digitale Bildung?
  1. Ausstattung (Ist-Zustand)

(zu beschreiben durch technisches Personal des Trägers oder des Medienzentrums)

  1. Unterrichtsinhalte im Kompetenzbereich “Bedienung und Anwendung”
  • Was tun wir bereits?
  • Was ist bereits in den Curricula unseres Faches im Hinblick auf digitale Medien gefordert?
  • Was können wir als Kollegium bereits und in welchem Bereich möchten wir uns fortbilden?
  • Was möchten wir gerne tun, können es aber aufgrund der Ausstattung nicht?
  1. Unterrichtsinhalte im Kompetenzbereich “Information, Recherche und (Daten-) erhebung”
  • Was tun wir bereits?
  • Was ist bereits in den Curricula unseres Faches im Hinblick auf digitale Medien gefordert?
  • Was können wir als Kollegium bereits und in welchem Bereich möchten wir uns fortbilden?
  • Was möchten wir gerne tun, können es aber aufgrund der Ausstattung nicht?
  1. Unterrichtsinhalte im Kompetenzbereich “Kooperation und Kommunikation”
  • Was tun wir bereits?
  • Was ist bereits in den Curricula unseres Faches im Hinblick auf digitale Medien gefordert?
  • Was können wir als Kollegium bereits und in welchem Bereich möchten wir uns fortbilden?
  • Was möchten wir gerne tun, können es aber aufgrund der Ausstattung nicht?
  1. Unterrichtsinhalte im Kompetenzbereich “Produktion und Präsentation”
  • Was tun wir bereits?
  • Was ist bereits in den Curricula unseres Faches im Hinblick auf digitale Medien gefordert?
  • Was können wir als Kollegium bereits und in welchem Bereich möchten wir uns fortbilden?
  • Was möchten wir gerne tun, können es aber aufgrund der Ausstattung nicht?
  1. Unterrichtsinhalte im Kompetenzbereich “Medienkritik, Medienanalyse und medienethische Reflexion”
  • Was tun wir bereits?
  • Was ist bereits in den Curricula unseres Faches im Hinblick auf digitale Medien gefordert?
  • Was können wir als Kollegium bereits und in welchem Bereich möchten wir uns fortbilden?
  • Was möchten wir gerne tun, können es aber aufgrund der Ausstattung nicht?
  1. Besondere Herausforderungen
  • Welche Bedarfe haben Sprachlern- und Inklusionsklassen konkret?
  • Inwiefern differenzieren wir dort schon durch den Einsatz digitaler Medien?
  • Wo wünschen wir uns weitere Möglichkeiten, auch IT-gestützt zu arbeiten?
  1. Informations- und Kommunikationsmanagement
  • Wie kommunizieren wir mit Ämtern, Eltern, Schülern und Kollegen?
  • An welcher Stelle sehen wir Schwierigkeiten oder Verbesserungsbedarf?
  • Inwiefern können und digitale Medien dabei ggf. unterstützen?
  1. Fortbildung
  • Welche Fortbildungsmaßnahmen führen wir im Bereich digitale Medien bereits durch?
  • Welche Fortbildungsmaßnahmen benötigen wir?
  • Wie integrieren wir Fortbildung in unseren Schulalltag?
  • Wer organisiert vor Ort in welchem Umfang die Betreuung der IT bisher?

 

Dieses Konzept ist auf Grundschulen zugeschnitten. An weiterführenden Schulen wird man das noch fachbezogen aufschlüsseln müssen.

Das geht alles nicht und es ändert sich nichts!

Immer noch reden alle von den „10 best apps for education“, immer noch verharrt das Schulsystem im bildungsbürgerlich-konservativem Duktus, immer noch passiert nichts bei der Medienaustattung der Schulen, immer noch ist mein Medienbegriff falsch (oder wahlweise nicht weit genug entwickelt) und immer noch begreift Politik nicht, wie es eigentlich funktioniert und immer noch gibt es keine Lösungen. Schon schlimm, diese Welt.

Ich stand letzte Woche vor der Aufgabe, acht Kubikmeter Erde und vier Kubikmeter Schutt aus dem Haus schaffen zu müssen. Ich hätte stundenlang darüber sinnieren können, wie schlimm das ist – vor allem mitten im Alltag in einem bewohnten Haus. Aber durch das Sinnieren wurde die Aufgabe nicht kleiner. Nicht eine Schubkarre Schutt fuhr aus dem Haus. Nicht ein Container lieferte sich von selbst.

Mir kommen die Herausforderungen im Bildungssystem momentan vor wie dieser Schuttberg. Ideell, politisch, ideologisch.  Ein Haufen Anzugträger und Wissenschaftler läuft mehr oder minder krakelend um ihn herum: „Schaut her, es ist schlimm, er muss aus dem Haus!“ Es werden Vorträge gehalten, Blogposts wie dieser geschrieben, die immer gleichen Stereotype von den bildungsbürgerlichen Ängsten und Vorbehalten gegenber digitalen Medien beklagt, die immer gleichen Argumente bemüht. Der Schuttberg liegt immer noch. Und das liegt natürlich daran, dass ihn keiner der Verantwortlichen wegräumt. Meist, weil diese halt nicht begreifen, dass er weggeräumt werden muss. Reden ist eine Handlung, Denken ist eine Handlung. Leider kümmert sich der Schuttberg einen Scheißdreck darum und bleibt einfach liegen.

Ein schöner Rand bis jetzt, aber was macht der Riecken eigentlich? Ich handle nach bestimmten Strategien, die bisher insofern funktionieren, als dass der lokale Schuttberg hier vor Ort schwindet. Langsam. Sehr langsam.

  1. Ich habe mich darum bemüht, mit einem Teil der Stunden für andere Aufgaben abgeordnet zu werden. Es ist ein Glück, dass das hier in Niedersachsen möglich ist.
  2. Verweigerer im Bereich des Digitalen haben gute Gründe für ihre Verweigerung. Und ein guter Grund darf auch Selbstschutz sein. Ein Lehrer, der anwesend ist und guten analogen Unterricht macht, ist für mich einem digitalen Flippie vorzuziehen, der unter seinen Engagement zusammenbricht oder durch ebendieses selten vor Ort ist.
  3. Ich arbeite politisch. Ich helfe Schulamtsmitarbeitern, Vorstellungen im entscheidenden Gremium zu präsentieren oder rede dort selbst. Ich knüpfe Bande mit politisch aktiven Menschen. Ich halte Politik für eine anspruchsvolle Aufgabe und bewundere Menschen, die diese Aufgabe wahrnehmen. Ich bewundere dabei nicht jede Einstellung und Haltung. Und das sage ich auch beides: Das eine wie das andere.
  4. Ich stelle Schulen selbst mit meinen Händen auf zeitgemäßere Technik um. Von der Hardwareempfehlung bis zur Raumausstattung. Ich habe mir über Jahre ein kleineres Netzwerk aus Firmen und Händlern dafür aufgebaut. Menschen rufen mich an, wenn sie unsicher sind. Ich kann mich darauf verlassen, dass die Arbeit fachgerecht erledigt wird und von mir verzapfter Stuss auch direkt thematisiert ist.
  5. Ich habe Geduld und ertrage auch herbe Rückschläge, die es dabei gibt. Das ist so im Leben. Insbesondere ist es so in beamtischen Strukturen.
  6. Ich berate und schule nicht mein eigenes System. Ich entscheide und bestimme dort in Hardware- und Netzwerkfragen, stelle Fragen, äußere Strukturideen, höre Bedarfe und habe eine Zielvorstellung vom Netzausbau und der Medienausstattung. Ich organisiere gerne externe Beratung und Schulung, wenn diese gewünscht und angefordert wird. Ich unterstütze Kollegen, die etwas zu organisieren haben technologisch mit geeigneten Systemen. Dieser Punkt mit dem eigenen System ist für mich sehr wichtig. Insbesondere diese klare Grenzziehung. Wenn Kollege z.B. das SMARTBoard so nutzt, dass er einen Zettel unter den Presenter legt und darauf sein Tafelbild malt, dann ist das so.
  7. Ich entwickle mich weiter. Ich lerne dazu. Ich bleibe nicht bei einer Strategie stehen, sondern hinterfrage ihre Wirksamkeit spätestens nach 1,5 Jahren. Die Wirksamkeit der Rede und des Denkens war bisher im Hinblick auf den Schuttberg eher ein wenig schlecht bis mies.
  8. Ich teile Ideen und Strategien, z.B. hier im Blog, aber auch mit Firmen. Ich teile sie noch so, dass daraus für mich keine Verbindlichkeiten oder Verpflichtungen erwachsen. Wenn Geld fließt, entstehen immer diese Verbindlichkeiten.
  9. Ich bediene außer hier mit diesem Blog und ein wenig auf Twitter keine Öffentlichkeit. Wenn eine Öffentlichkeit bedient werden muss, bindet das Resourcen, die mir hier vor Ort fehlen würden. Die Erfolge hier in der Region sind für mich der Motor. Aus ihnen entstehen die einzig für mich wichtigen Währungen wie Vertrauen oder das Gespräch beim gemeinsamen Bierchen.

Das Schuttbergbeispiel hinkt. Dafür könnte man sich nämlich durchaus Dienstleistungen einkaufen. Im Bereich des Digitalen muss man diese Dienstleistungen vor allem in der Fläche erst noch entwickeln oder sogar selbst erbringen. Das wird irgendwann einmal anders sein. Vielleicht wenn genug geredet und sinniert worden ist.

 

Blogparade: Es war einmal die Lernlust | Bob Blume

Bob Blume ruft zu einer Blogparade auf. Dabei geht es um Persönliches. Darüber schreibe ich eigentlich ja nicht im Netz, obwohl ich auf Veranstaltungen durchaus viel Persönliches erzähle. Der der Aufgabe besteht also darin, distanziert zu bleiben und trotzdem etwas preiszugeben.

Ich hatte Angst. Vor jeder Sportstunde. Vor jeder Englischstunde. Vor jeder Geschichtsstunde. Unangekündigte Vokabeltest, die nie Vokabeln abfragten, sondern immer ganze, teilweise sehr komplexe Wendungen. Die grünen Englischarbeitshefte unter dem Arm, ohne dass irgendwann irgendwie ein Hinweis fiel, dass an diesem Tag eine Arbeit geschrieben werden würde.  Aus der Quinta kommend, gaben mir die Noten dieses Lehrers fast den Rest. Versetzung gefährdet. Nachhilfe bei älteren Schülerinnen. In Geschichte ähnlich. In Sport: Riegen: „Riege 1 spielt gegen Riege 2!“ „Oha, in Riege 1 schafft jetzt jeder einen Aufschwung. Erzählt mal den anderen, was ihr gemacht habt!“ Doppelkopf in einer Jugendherberge auf Sylt gelernt. Uns selbst ein Geländespiel auf der großen Wanderdüne ausdecken müssen. Bei 2 Meter Brandung gebadet. Um die Südspitze von Sylt gelaufen. „Er kündigt die Arbeiten und Tests nicht an, weil er möchte, dass ihr auf jede Stunde vorbereitet seid. Er möchte nicht, dass Kinder einen Vorteil haben, die von zu Hause aus Unterstützung erfahren – daher macht er das!“, berichtete meine Mutter nach dem Elternsprechtag. Ich hatte Ende der achten Klasse eine Drei in Englisch. Ich musste für dieses Fach nie wieder etwas tun und bin nie unter einem Ausreichend nach Hause gegangen.

Nach heutigen Maßstäben hätte ich mehrmals tot sein und psychische Schäden davontragen müssen. Unerbittlich herkunftsunabhängig gerechte, leitende, fordernde Menschen wie er ebneten mir als erstem aus unserer Familie den Weg an die Uni. Das Riegensystem: Sprachlich-militärisch, im Kern maximales kooperatives Lernen. Jede Riege war fair zusammengesetzt aus Menschen mit sportlichen Stärken und Schwächen. Es ging ums Gewinnen. Gewinnen als geschlechtsübergreifendes Mannschaftserlebnis. Das Geländespiel als selbstbestimmte, gruppendynamische Übung würde heute mit komplett prototypisch kompetenzbeseiert verzückter Sprache bejubelt. Diese Drei in Englisch war eigentlich eine Eins (ein Mädchen hatte eine Zwei bekommen). Es war emotional eine schwierige Zeit. Aber wir alle lernten das Denken bei ihm.

Ich denke heute mit Lust an seine Stunden zurück. Die Angst ist nicht mehr die prägende Erinnerung.

Es gab ein Klausur zurück. Französische Revolution. Rede von Robbespierre oder war es Montesquieu? (Ancien Régime). Er tobte. Innerlich. Er las uns die Rede vor und ersetzte in erster Lesung das Wort „Nationalversammlung“ durch „NSDAP“, in zweiter Lesung war es die „Volkskammer der DDR“. Eindrücklichste Besprechung einer Klausur. Betroffenheit im Kurs. Es hatte kaum einer das wahre Gesicht der Rede erkannt. Angst. Ich vielleicht auch nicht? „Auf das Schärfste zu verurteilen“ stand in meinem Fazit in der Klausur. 12 Punkte. In der Oberstufe lief es bei mir eigentlich. Ich musste nie etwas tun. In Geschichte habe ich es nie mehr auf diese Punktzahl gebracht, im Abitur in der mündlichen Prüfung habe ich mich ohne Vorbereitung auf 7 Punkte gelabert. Ich hatte ein Fundament – von wem wohl? Der Oberstufenlehrer wurde einmal richtig ausfallend. Wir fragten um Erlaubnis, auf eine Demonstration gehen zu dürfen. „Haben Sie sie noch alle? Wenn Sie für Ihre Rechte auf die Straße gehen, dann tragen Sie halt die schulischen Konsequenzen! Wie naiv muss man denn sein, zu glauben, dass der Kampf für Rechte konsequenzenlos bleibt!“

Wir sind gegangen. Wie begossene Pudel. Sehr viel Schweigen auf der Hinfahrt.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ Was mich ich da wohl geritten hatte. Er war mein Philosophieprofessor. Seminar zum us-amerikanischen Transzendentalismus (Ralph Waldo Emerson z.B.). Aber an dem Abend war in der Kneipe sonst kein Platz mehr frei und ich hatte Hunger und konnte ja nicht im Stehen essen. „Junger Mann, viele meiner Kolleginnen und Kollegen glauben, Philosophie sei ein Selbstzweck, selbstreferentielle Wissenschaft. Ich sage: Die Philosophie steht in der Verantwortung nachzuweisen, dass sie der Gesellschaft, von der sie bezahlt wird, wirklich etwas nützt. Ein Philosoph darf nicht hoffen, irgendwie an der Universität unterzukommen. Er muss sich aktiv um eine Stellung bemühen!“ Man kann sich denken, dass er in seiner Fakultät nicht so viele Freunde hatte. Aber eine Menge konkreter Umsetzungsideen zu seiner eigenen Forderung (Heute darf man ja auch fordern ohne eine Idee zur Umsetzung zu haben). Schließlich übernahm er nach fast zwei Stunden Gespräch meine Rechnung.

Es war ein bis heute prägender Abend.

Alles Erlebnisse sind aus heutiger Sicht streitbar und inhaltlich, verklärt durch eine zur jeweiligen Zeit nicht vollkommen durchreflektierte Haltung. Sie sind zudem nur ein Auszug aus allem Erlebten. Schule und Uni speisen mich als Persönlichkeit gegenüber anderen Faktoren eigentlich vernachlässigbar gering. Genau diese Spannung, die Schwebe, diese Ambivalenz der Empfindungen ist das, was für mich heute die Lust am Lernen ausmacht.

Wenn ich mich mit LDAP-Protokollen herumquäle, zeigen mir die engagierten Anwender natürlich kollektiv den Vogel. Aber genau das (den Vogel gezeigt bekommen)  macht mir Spaß. „Bei Riecken muss man im Aufsatz mindestens einmal ‚Ambivalenz‘ schreiben und immer Entwicklungen aufzeigen!“ Ich wehre mich innerlich gegen solche Stereotype. Aber eigentlich stimmt dieser.

Wenn ich mein Schüler wäre, nähme ich mich als Lehrer total ambivalent wahr. Konsequenz und Gesumpfe eng beieinander. Viel Spannung entsteht aber dadurch, dass es mir zunehmend schwerer fällt, Haltungen und Handlungen in eine Zahl zu pressen.

Weiterentwicklung des Datenschutzes

Das Grundproblem

Schule hat aus Sicht des Datenschutzes ein gravierendes Problem: Personenbezogene Daten (Namen, Noten, Fehlzeiten usw.) werden in der Regel auch auf privaten Geräten (Notebooks, Tablets usw.) verarbeitet, deren Software- und Aktualisierungsstand nicht kontrollierbar ist. Noch schlimmer: Wer sich in einem Schulnetz wirklich einmal die Mühe macht, nach Freigaben und offenen Ports bei eingebuchten Geräten zu nutzen, wird mit Sicherheit fündig werden.

Es gibt beim normalen Anwender in der Regel überhaupt kein Bewusstsein darüber, wie die eigenen Geräte zumindest mit Bordmitteln des Betriebssystems abgesichert werden können. Bei geschlossenen Hardwaruniversen wir z.B. bei Appleprodukten hätte er – selbst wenn er es wollte – nicht einmal eine Möglichkeit der Absicherung, sondern ist auf die Vorgaben der Appprogrammierer und Gerätehersteller angewiesen.

Das ruft natürlich jeden auf den Plan, der sich mit technischem Datenschutz beschäftigt. Es ist verlockend, Schulen in dieser Hinsicht Firmen gleichzustellen, die in ihrem eigenen Interesse schon längst technische Lösungen dafür entwickelt haben, sensible Daten zu schützen. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Firmen in der Regel über ausreichende finanzielle und personelle Ressourcen verfügen, zum einen die Mitarbeitenden hinsichtlich der Benutzung der Firmenzugänge zu schulen und zum anderen nicht nicht in der Verlegenheit sind, ihre Mitarbeitenden mit entsprechender Hardware auszustatten zu können und sich um deren Pflege sowie Administration zu kümmern.

Die Politik verweist bei Kritik an diesem Zustand darauf, dass es schließlich Sache der Schulträger sei, in den Schulnetzen für entsprechende Ausstattung und Abhilfe zu sorgen. Der Schulträger wiederum kennt Netzstrukturen nur aus den eigenen Verwaltungen und so nimmt das Unheil dann seine Lauf, wenn technischer Datenschutz z.B. im Rahmen der Verarbeitung von Meldedaten 1:1 auf Schulen übertragen wird. Da gibt es dann

  • Schulträger, die den Einsatz von WLAN generell untersagen
  • Schulträger, die den Einsatz von privaten Geräten in Schulnetzen generell untersagen (Nein, das Mobilfunknetz ist keine Lösung, zumindest nicht flächendeckend)
  • Schulträger, die die Schulnetzwerklösungen und den Support dafür outsourcen (z.B. damit oder damit), leider aber manchmal Dinge wie Fortbildungkonzepte für Lehrkräfte vernachlässigen oder eben nicht in die Kalkulation mit einbeziehen.
  • Schulträger, die aufgrund ihrer Erfahrung in den Verwaltungen, Hardware- und Raumausstattungskonzepte fest vorgeben.

Und wer sollte ihnen genau das verdenken? An Schulen gibt es schließlich meist nur Anwenderkompetenzen, die das eigene Endgerät fokussieren und nicht Dinge wie die Konzeption eines ganzen Netzes mit seiner Infrastruktur.

Die Forderungen des Datenschutzes tragen in ganz erheblichen Maße zu diesem Dilemma bei.

Keine klaren Aussagen

Für ein in meinen Augen recht wegweisendes Projekt habe ich versucht, von vornherein Datenschutzüberlegungen mit einzubeziehen. Ich habe mich bei zuständigen Stellen erkundigt und konkrete Fragen zu konkreten Themen gestellt. Was dabei herauskommt? Zwei Juristen, ein Techniker und 3+n Meinungen. Dabei bräuchten Schulen, die das Thema Datenschutz ernstnehmen wollen, dringend Unterstützung, z.B. bei:

  • der Formulierung von Nutzungsordnungen im Schulnetz
  • der Feststellung eines Datenrahmens, der dem Gebot der Datensparsamkeit genügt (Gehört der Beruf der Eltern in eine Schulakte?)
  • der Formulierung von Nutzungsbedingungen bei der Nutzung des schuleigenen WLAN
  • der Formulierung von Einverständniserklärungen zur Nutzung von Bildern der Schülerinnen und Schülern für die Öffentlichkeitsarbeit von Schulen (eher Urheberrecht, aber das ist nicht weniger diffizil)
  • der Aufstellung von Mindeststandards den technischen Datenschutz betreffend: Wo steht der Schulserver? Wie ist er gesichert? […]

Beklagt man das Fehlen von Musterschreiben, so wird immer wieder darauf verwiesen, dass jede Schule und jeder Schulträger individuelle Vorstellungen hat und daher immer auf den konkreten Fall geschaut werden müsse. Wie soll aber eine Schule oder ein Schulträger etwas leisten, was sich übergeordnete Stellen nicht zutrauen? So geht es jedenfalls in meinen Augen nicht weiter. Mir scheint, dass dieses Dilemma den Datenschützern selbst auch durchaus bewusst ist. Die Technik ist da noch relativ leicht zu lösen und zu beherrschen.

Kritik

Man kann in meinen Augen nicht einfach etwas vorgeben und verlangen, für das man selbst keine Konzepte und Modellprojekte vorzuweisen hat. Die Akzeptanz wird gegen Null tendieren und jeder wird in dem Bereich der neuen Medien dann eher machen, was er will, bevor dann gar nichts an Innovation geschieht. Und das läuft den Grundprinzipien und der Intention des Datenschutzes dann oft diametral entgegen.

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