Bei OER besteht die Gefahr einer tendenziösen Darstellung von Fakten

Ich war seit langer, langer Zeit einmal wieder auf einer fachbezogenen Fortbildung. Ich gehe i.d.R. ungern zu solchen Veranstaltungen, weil sie meist inhaltlich wenig bieten und methodisch vorhersehbar strukturiert sind. Diesmal war es ein wenig anders, was vor allen Dingen Herrn Prof. Schneider vom Erich Maria Remarque Friedenszentrum zu verdanken war. An diesem Institut beschäftigt man sich seit Jahren u.a. mit der Kriegsliteratur Anfang des 20. Jahrhunderts. Auf die dort gewonnenen Erkenntnisse stützt sich die von mir zur Vorbereitung des Unterrichts verwendete Begleitlektüre „Oldenbourg Interpretationen, Bd.90, Im Westen nichts Neues“, die nur noch antiquarisch zu horrenden Preisen verfügbar ist – warum eigentlich?

Ich bin einigermaßen verzweifelt. Für das Zentralabitur Deutsch 2016 in Niedersachsen ist „Im Westen nichts Neues“ (Erich Maria Remarque) als verbindliche Lektüre vorgesehen. So sehr dieser „Roman“ als Antikriegsliteratur weltweit Aufmerksamkeit und damit immense rezeptionsgeschichtliche Bedeutung erfahren hat, so wenig gibt der Text in meinen Augen speziell für das Fach Deutsch her. Strukturell ist es ein Bericht, wenngleich vollkommen fiktional. Remarque hat wohl nur sehr wenige Begebenheiten selbst erlebt.

Der Text steht natürlich für sich als Mahnmal gegen bewaffnete Auseinandersetzungen, kann in dieser inhaltlichen Verortung aber m.E. nicht sinnvoll durch nur ein Fach behandelt werden, sondern erschließt sich hinreichend wohl nur in enger Zusammenarbeit mit den Fächern Geschichte und Politik. Wesentliche Kompetenzbereich des Deutschunterricht lassen sich mit anderen Werken besser abdecken.

Man findet in der didaktischen Literatur den sinngemäßen Einstieg:

Offene Begeisterung dagegen herrschte vor allem in den großstädtischen Zentren, wo die Kriegserklärungen und erste Siegesmeldungen bejubelt wurden. Ihr Träger war allem Anschein nach insbesondere das Bürgertum: Studenten und Oberschüler meldeten sich in Massen freiwillig, insbesondere viele Bildungsbürger schrieben begeisterte Gedichte und Aufrufe.

http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/ersterweltkrieg/155302/ausloesung-und-beginn-des-krieges

Meist wird das durch einen geeigneten Bildimpuls begleitet. Die Logik:

Die Deutschen waren vom Krieg begeistert und naiv hinsichtlich seiner Folgen für das Individuum. Remarque setzt bewusst ein Denkmal gegen diese Haltung.

Hört sich erstmal gut an. Stimmt aber wohl so nicht. Ich gebe sinngemäß einige Statements aus der Fortbildung wieder.

  1. Die Euphorie war wohl auf Teile des Bürgertums begrenzt. Die ländlichen Bevölkerung fand das mit dem Kriegausbruch wohl bedingt witzig.
  2. Gymnasiasten meldeten sich wohl auch zum Kriegsdienst, weil mit dem „Notabitur“ eine verkürzte Schulzeit möglich wurde.
  3. Die Bilder, die das öffentliche Bild von der Euphorie prägten, sind Teil einer Inszenierung, um Akzeptanz für den Kriegseintritt als breiten Konsens in der Bevölkerung darzustellen.
  4. Bildmaterial zum ersten Weltkrieg war fast grundsätzlich inszeniert. Die damaligen Filmkameras hätten wohl aus den Schützengräben hinausgeguckt und dem Kameramann einen Kopfschuss beschert. Also nahm man sich wohl eher ein paar Soldaten und spielte hinter der Front den Krieg einfach nach – die Veröffentlichung von Fotos aus dem ersten Weltkrieg war weitgehend durch das Reichsarchiv kontrolliert, indem militärische Führungseliten das Zepter führten.
  5. […]

Überprüft mal bitte, inwieweit dieser Forschungsstand in aktuellen Schulbüchern Berücksichtigung findet, also in Qualitätsmedien. Wenn Herr Prof. Schneider Recht hat, ist mein Bild von der Wirklichkeit des ersten Weltkrieges doch ein wenig verzerrt.

Tendenziöse Darstellungen sind für mich keine Frage von freien oder kommerziellen Publikationsformen, sondern eine der Methodik und den Rahmenbedingungen der Erstellung. Die Rahmenbedingungen im kommerziellen Sektor scheinen nicht unbedingt besser zu werden.

Das Internet und die Romantik

Die eine Geschichte

Wir wissen z.B., dass digitale Datenströme unaufwändig und mit geringen Kosten umfassend überwacht werden können. Die Algorithmik für die Auswertung ist wahrscheinlich noch primitiv, aber da die Datenspeicherung mit dem technologischen Fortschritt auch immer effizienter wird, werden auch irgendwann Daten nutzbar, die vor Jahren aufgezeichnet worden sind. Wäre das eine Randerscheinung – Warum wird dieses Thema so oft in SocialMedia erwähnt?

Wir wissen, dass nicht nur Staaten diese Möglichkeit nutzen, sondern auch die Privatwirtschaft. Stück für Stück werden in Salamitaktik uns immer umfassendere Datenverwertungsverträge, pardon – Nutzungsbedingungen vorgesetzt, die wir gerne annehmen. Schließlich ist die ganze neue Dienstewelt ja mittlerweile unverzichtbar für unser Leben. Ich glaube, dass diese Art der Datenverarbeitung immer wieder die eigentliche Inspiration für die staatliche Überwachung bildet.

Da das Digitale (das Mycel) mit keinem unserer Sinne für uns direkt erfahrbar ist – lediglich die Erscheinungsformen wie Bilder, Videos, Texte (die Fruchtkörper) sprechen unsere eingebauten Sinne an – gibt es noch viel zu wenig gesellschaftliches Bewusstsein, um das immense Macht- und Beeinflussungspotential einzuschätzen – dafür bräuchte es zudem m.E. informatische Kompetenz. Die Möglichkeiten des Users oder auch der der Communities sind arg begrenzt, auch wenn es im Einzelfall Erfolge geben mag. Die Stakeholder sind diejenigen, die Datenströme steuern und die Daten verwalten. Diese Leute auszutanzen ist traditionell schon immer die Domäne der technisch(!) versierten Hacker.

Wir wissen, dass tausende Jugendliche jeden Tag live aus ihrem Kinderzimmer, ihren Klassen, „Wasweißmannoch-Woher“ streamen und sich einer Öffentlichkeit präsentieren. Wir wissen als Lehrkräfte, dass die meisten unserer Mobbingfälle ihren Ursprung im Internet haben. Wenn ich mit Mitarbeitern aus Beratungsstellen rede, bekomme ich die Rückmeldung, dass Beratungsfälle mit Internetbezug ständig zunehmen. Aus Umfragen wissen wir, dass ein nicht unerheblicher Anteil der heutigen Kinder und Jugendlichen so ihre Erfahrungen mit dem Netz gemacht haben. Vor der Erwachsenenwelt macht das nicht halt. Casual Porn wird gerade zu einem neuen Hype – der Thrill ist gerade die Nichteinwilligung der gezeigten Menschen, veröffentlicht zu werden. Die Reaktionen der Opfer sagen viel über den Zustand der Menschen in diesem Internet.

Ich glaube und erfahre zunehmend, dass der Anteil an Jugendlichen stetig wächst, die das Netz mit seinen Möglichkeiten so nutzt, wie wir Staatsbürger, Lehrkräfte, Medienpädagogen in unseren Träumen und Fiktionen das gerne hätten. Ich mache die Erfahrung, dass von meinen diesbezüglichen Bemühungen in besonderer Weise genau die Kinder und Jugendlichen profitieren, die von Hause aus dafür besonders sensibilisiert und damit privilegiert sind.

Diese Liste ließe sich fortsetzen. Ich finde sie jetzt schon als Staatsbürger, Internetnutzer, Vater, Lehrkraft, medienpädagogischer Berater hinreichend interessant, um sie nicht als „Randerscheinung“ zu verharmlosen („überall gibt es böse Menschen“), wie es wieder und wieder in medienpädagogischen Kreisen geschieht. Diese Themenfelder bestimmen meinen Alltag als Staatsbürger, Internetnutzer, Vater, Lehrkraft und medienpädagogischer Berater.

Warum gibt es Menschen die so tun, als ob „Medienkompetenz“ allein irgendetwas daran ändern würde? Die Problemstellung ist multidimensional und damit eben nicht durch einen einzelnen Stellhebel zu ändern. Wer anerkennt, dass die Digitalisierung als Phänomen die Entwicklung des Menschen extrem beeinflusst, muss auch anerkennen, dass Umgangsformen auf vielen Ebenen gesellschaftlich entwickelt werden müssen. Und zwar nicht nur in Schule, sondern auch in Elternhäusern, in Beziehungen, in politischen Systemen, in allen Bereichen, in denen das Digitale eine Rolle spielt.

Alles andere halte ich für eine unzulässige Reduktion. Beim oft bemühten Buchdruck hat das Jahrhunderte gedauert, bis z.B. die Kirche ihren Einfluss auf die Buchinhalte mehr und mehr verloren hat. Wir sind in den ersten Jahrzehnten nach dem Siegeszug des Internets, dürfen also natürlich noch mehr Fragen als Antworten erwarten.

Die andere Geschichte

Ich habe mir letztens einen eigenen, gebrauchten Beamer für den Unterricht gekauft, weil in dem Klassenraum meiner neuen Lerngruppe keinerlei Ausstattung diesbezüglich verfügbar ist. Ohne Zugriff auf dieses Internet kann ich mittlerweile kaum vernünftig unterrichten. Trotzdem arbeitet meine Lerngruppe nicht freilaufend im Netz, sondern in geschützten Räumen, deren Zugänge durch transportverschlüsselte Wege abgesichert sind. Weil ich in diesen Räumen mit Klarnamen operiere, brauche ich natürlich vorher die Einwilligung der Eltern für diese Art der Arbeit. In diesen geschützten Raum hinein dürfen sich die Schülerinnen natürlich auch Artefakte aus dem Netz holen und beliebig rekombinieren, wenn die Quelle klar ersichtlich ist und eventuelle Lizenzbestimmungen eingehalten werden – über ihr Handy. Das ist sowieso immer dabei und es gibt eigentlich nur bestimmte Regeln für die Nutzung dieser „Kulturzugangsgeräte“ oder „Kontrollüberwindungsgadgets“ in meinem Unterricht. Diese sehen zunächst so aus:

  • Dein Handy ist in den Unterrichtsstunden auf lautlos geschaltet
  • Du verzichtest auf jedwede nicht unterichtsbezogene Kommunikation (WhatApp, Facebook, SMS usw.)
  • Du darfst dein Handy mit Unterrichtsbezug (z.B. zum Nachschlagen von Worten) verwenden, wenn es die jeweilige Situation erlaubt und niemand dadurch gestört wird.
  • Am besten legst du dein Handy mit dem Display nach unten oder in einer “Socke” deutlich sichtbar vor dich auf den Tisch zu deinem Arbeitsmaterial.
  • Dein Handy wird dir gemäß der geltenden Schulordnung für die Dauer der Deutschstunde entzogen, wenn du dich nicht an diese Regeln hältst.

Der nächste logische Schritt wäre, diese Geräte mit in das Schul-WLAN zu integrieren. Schon jetzt kommt das örtliche Handynetz in Schulpausen so an seine Grenzen. Dazu rüsten wir demnächst technologisch gewaltig auf. Das Schulnetz besitzt einen rudimentären Webfilter, der von einer Community geflegt wird und der rechtlich völlig ausreicht. Der Filter arbeitet nicht invasiv und schaut z.B. nicht in SSL-Verbindungen hinein (z.B. durch Zwischenzertifikate).

Die Schülerinnen und Schüler sind erfindungsreich im Überwinden des Filters oder anderer „Sicherheitsfunktionen“ des Netzes. Einige verstehen, was sie da tun und wachsen daran mehrfach – ich als Administrator schätze dieses Katz- und Mausspiel sehr, weil auch ich dadurch immer mehr über Systeme lerne (meines und andere).

Das Internet geht ja nicht wieder weg. Und die Aspekte aus der ersten Geschichte lassen sich ohne das Internet kaum sinnvoll vermitteln. Ich nutze das Netz.

Die Konsequenz für mich

Ich will Alltagsunterrichtsprodukte meiner Schülerinnen und Schüler nicht im Netz sehen. Für das Tagesgeschäft gilt bei mir das Prinzip: All unfiltered in – something filtered out. Ein öffentliches Projekt mit Schülerinnen und Schülern im Internet muss eine Relevanz besitzen, um gegenüber z.B. dem Plakat oder Schulheft einen Mehrwert zu bieten: Die Rezeption sollte in meinen Augen organisiert sein. Ich habe jetzt nach mehreren Jahren zu ersten Mal eine Idee und eine Lerngruppe, mit der ich mir das vorstellen kann. Wenn immer alle Schulen mit allen Lerngruppen so arbeiten, mag das explorativ und wünschenswert sein, aber eine Unmenge an Content von begrenzter öffentlicher Relevanz erzeugen. Die unmittelbare soziale Umgebung wird hier anders zu bewerten sein und damit im Fokus stehen müssen.

Schönfärberei in Teilen der Medienpädagogik

Meidienpädagogen wie der öffentlich zurzeit sehr präsente Philippe Wampfler brechen eine Lanze für das Verhalten der Jugendlichen.  Zu YouNow wird er von einer Quelle so zitiert:

«Weil Younow nicht per se etwas Negatives ist», sagt der Lehrer und Kulturwissenschaftler Philippe Wampfler: Der Dienst spiele mit der Suche nach Aufmerksamkeit – dem Teen­agerthema schlechthin. Es gehe auch darum, Medienkompetenz im positiven Sinne zu zeigen. Die Jugendlichen müssten das Publikum unterhalten, etwas bieten. Je mehr Zuschauer man bei Younow habe, desto höher steige man im Ranking, und desto besser sei man für die anderen Nutzer sichtbar. Dieser Wettbewerb um Aufmerksamkeit könne Spass machen und Kreativität fördern, betont Wampfler. Es gebe auch Jugendliche, die Unterhaltungstechniken berühmter Vorbilder imitierten. Andere machten Musik. «Viele Jugendliche sind allerdings bereit, Vernunftregeln zu brechen, wenn sie dafür Aufmerksamkeit erhalten.» Sie sagten sich: «Das ist es mir irgendwie wert.»

Ich weiß nicht, ob P.Wampfler hier korrekt wiedergegeben wird, jedoch ist dieses Zitat in meinen Augen prototypisch für einen bestimmten Teil der Medienpädagogen. Wampfler ist es immer daran gelegen, Zustände zu beschreiben. Eine Wertung von Verhalten erfolgt i.d.R. nicht. Stattdessen stehen die Möglichkeiten der Onlineangebote im Vordergrund. Diese bezweifle ich nicht. Ich bezweifle aber, dass eine Mehrheit der Jugendlichen Dienste wie YouNow in einer Weise nutzt, wie sie in den Augen mancher Medienpädagogen „gemeint“ sind.

Ich bezweifle, dass das auf Jugendliche beschränkt ist. Und ich bezweifle, dass das alles „Randphänomene“ sind. Ich bezweifle die oft anzutreffende ungeheure Idealisierung. Pubertät ist geprägt von extremer Ambivalenz. Exploratives und kritikwürdiges Verhalten stehen in der Hochzeit dieser Phase paritätisch nebeneinander. Ich bezweifle Studien mit nur sehr geringer Stichprobengröße. Ich bezweifle, dass gerade die Geisteswissenschaft mit ihrer historisch langsamen Begriffsbildung schon ausreichend Methoden gefunden hat, mit den Phänomenen der Digitalisierung angemessen umzugehen. Das ist in Ordnung und ein völlig normaler Zustand in der Zeit des Überganges, in dem sich die Gesellschaft gerade befindet.

In Bezug auf Jugendliche ist mir Beschreiben und Begriffsbildung entschieden zu wenig. Ich werde in meinen Reaktionen und Wertungen der Phänomene im Internet in der Rückschau oft falsch liegen. Ich mache mich durch Festlegungen wie in meiner „anderen Geschichte“ von oben angreifbar. So what?

Ich bleibe Reibungsfläche. Das macht nicht immer Spaß. In Bezug auf Erziehungsfragen gibt es aber keinen anderen Weg für mich. Immer neue Beschreibungen und immer neue Begriffe von Seiten geisteswissenschaftlicher Forschung auf „Industriegesellschaftsniveau“ und mit „Industriegesellschaftsmethodik“ nützen mir dabei eher wenig.

Mich unbeliebt machen

Gerade höre ich mir eine CD-Aufnahme eines Stückes an, welches mein Chor eingesungen hat. Ich habe dabei eine Strophe solistisch gesungen. Im Großen und Ganzen gefällt mir mein Part, aber es gibt mindestens drei Stellen, an denen entweder ein Ton zu sehr gezogen ist oder nicht ganz 100%ig stimmt. Trotz Tontechnik lässt sich da nicht viel machen.

Seine eigene Stimme zu hören, zu ihr Distanz bekommen, sie erstmal „zu ertragen“, sie als das zu nehmen, was andere von mir gewohnt sind zu hören, ist ein hoher Anspruch. Wie viele Lehrkräfte tun sich schwer damit, ihre Stimme objektiv und frei von „Anstellerei“ zu betrachten. Dabei ist die Stimme unser zentrales Werkzeug. Um jetzt noch musikalisch zu hören, ist ein sehr geschultes Ohr erforderlich. Wie streng man dann mit sich selbst ist, hängt wiederum von den eigenen Ansprüchen und dem eigenen Entwicklungswillen ab.

Damit ich meine Stimme kriteriengeleitet bewerten und entwickeln kann, benötige ich also:

  • Distanz zu meinen Lautäußerungen
  • Bewusstsein, dass meine Stimme ein Werkzeug ist
  • Ein musikalisch geschultes Ohr
  • Anspruch an meine Person
  • Entwicklungswillen

Ein Fünftklässler hat einen Text verfasst. Im Unterricht wurden Kriterien festgelegt, was einen guten Text ausmacht. Er erhält ein Kompetenzraster und soll einschätzen, welche Kompetenzen er mit seiner momentanen Textproduktion noch entwickeln muss und was schon gut gelingt. Im Idealfall kann er dabei auf Rückmeldungen der Lehrkraft und auf Peer-Reviewing zurückgreifen. Seine Kompetenzentwicklung wird strukturiert in Form von Lernentwicklungsberichten fortgeschrieben, die sich auf Kompetenzraster stützen. Dabei kommt eine Lernplattform zum Einsatz. Das geschieht in jedem Fach.

Wovon wird der Erfolg dieser Methodik abhängen?

  • Der Schüler muss Distanz zu seinem eigenen Text aufbauen können
  • Dem Schüler muss klar sein, dass Schreiben ein Prozess der strukturierten Gedankenniederlegung ist, der nicht nur im beruflichen Leben, sondern fächerübergreifend Bedeutung hat (der oft bemühte Begriff der Sinnbildung).
  • Der Schüler muss sicher hinsichtlich der anzuwendenden Bewertungskriterien sein
  • Der Schüler muss einen Anspruch gegenüber seiner eigenen Textproduktion haben
  • Der Schüler muss sich im Schreiben entwickeln wollen

Ich glaube, dass unsere fiktiver Schüler sich letztlich als ein Erwachsener verhalten soll – wobei ich nicht glaube, dass viele Erwachsene über ebendiese Kompetenzen verfügen – auf diese Idee könnte man kommen, wenn man manche wissenschaftliche Abhandlungen liest.

Unser Schüler soll das nach dem Willen der Elfenbeinturm- und Grüntischbildungsforschern ja nicht nur mit seinem Text tun, sondern auch in Mathe, Biologie, Kunst, Religion usw..

Ich habe wenig Ahnung von Pädagogik und und Entwicklungspsychologie. Dazu lese ich zu wenig wissenschaftliche Abhandlungen. Ich kann daher nur unwissenschaftlich glauben.

Ich glaube, dass man mir überzogene Erwartungen hinsichtlich der Entwicklungsansprüchen gegenüber meiner Stimme nachsagen kann – mir als Erwachsenen.

Ich glaube, dass allmählich klar wird, worauf ich hinauswill.

Die Kompetenzrasterei – wenn sie so wie oben stattfindet – geht für mich von einem idealtypischen Menschenbild aus. Ich finde es eher „normal“, dass junge Menschen nicht immer entwicklungswillig, selbstdistanziert, anspruchsvoll gegenüber sich selbst und sinnbewusst sind. Genau das macht – vielleicht ketzerisch gesprochen – für mich die menschliche Entwicklung aus. Das ist in Ordnung.

Und mein Job ist es, damit umzugehen, Nähe und Distanz klar auszutarieren, mal klassisch-industriell zu schulen (weil ich besser weiß, was gut für den Schüler ist) und mal auf verantwortbare, alters- und entwicklungsgemäße Selbststeuerung zu vertrauen.

Mir schlägt das Pendel entschieden zu weit Richtung Kompetenzorientierung aus. Das ist vielleicht notwendig, um Schulstrukturen erstmal zu hinterfragen und mag dort seinen Sinn haben. Ich finde das Ziel des idealen Menschen super.

Es ist aber ein idealistisches Ziel und transportiert damit im Kern das, was der Materialismus dem Idealismus immer schon vorgeworfen hat: Es ignoriert oft genug die Genese und das Umfeld eines Menschen („Moral muss man sich leisten können!“). Es macht primär dem Lehrenden ein gutes Gewissen. Er kann jetzt ja – überzogen formuliert – einen Teil der Verantwortung abgeben.

Ich bin froh, dass meine Gesangslehrerin nicht mit Kompetenzrastern arbeitet, sondern mit Ohr, Penibilität, direkter Rückmeldung und fachlichem Anspruch – und nein, das macht NICHT immer nur Spaß. Das und nur das gibt mir nun mehr und mehr die Freiheit, meine Musik zu machen.

 

Und sie waren tatsächlich da …

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Von dem Bild bekommt man einen guten Eindruck von dem Besuch der Kindergartenkinder bei uns im Chemiekurs (reiner Abdeckerergänzungskurs, kein Curriculum). Das Bild ist übrigens mit einer GOPRO-Actionkamera gemacht (sowas hält unser Medienzentrum für die aktive Medienarbeit in der Schule bereit).  Mein Kurs hat selbst Experimente für Kinder erarbeitet – dabei stand im Mittelpunkt, dass es nicht um die leider immer mehr didaktischen Raum einnehmende Phänomenologie gehen soll, sondern um Deutungen, die für Kinder verstehbar sind.

Adhäsion bei der Chromatographie kann man z.B. modellhaft durch Kinder erklären, die von anderen Kinder geschoben werden – mal auf einem Bein stehend, mal auf zwei Beinen stehend. Das Laufmittel (das schiebende Kind) kann das Farbstoffteilchen (das geschobenen Kind) unterschiedlich gut bewegen. In solchen vermeintlichen Details steckt sehr viel Denkarbeit (nicht meine!): Die Erklärung ist nicht über die Maßen simplifiziert, ermöglich aber trotzdem eine in Grundzügen korrekte Vorstellung von einem Teilbereich der sich tatsächlich abspielenden Vorgänge.

Neben der Schulleiterin waren auch Vertreter der örtlichen Lokalzeitungen zeitweise anwesend – die Interviews haben natürlich die Schülerinnen und Schüler selbst gegeben. Die resultierenden Artikel in den Zeitungen haben mir beide sehr gut gefallen. Für mich ist diese „Vermarktung“ relatives Neuland – die Aktion selbst ist ja schon ein Remake. Den Schülerinnen und Schülern war die Öffentlichkeit aber gar nicht so wichtig – zumindest hat das unsere kleine Evaluation hinterher ergeben. Die Atmosphäre während der Veranstaltung war so, dass fast alle Erwachsenen, die von außen kamen, lange geblieben sind – es gab unglaublich viel zu schauen, zu hören und zu erleben, z.B. sehr fokussierte und gespannte Kinder.

Ein Segen ist, dass ich Teilnehmende aus der Video-AG mit in meinem Kurs sitzen habe, die gemeinsam mit zusätzlich freigestellten Schülerinnen die Dokumentation übernommen habe. Vertikalfahrt? GOPRO auf der Kreideablage der Pylonentafel. Horizontalfahrt? GOPRO auf fahrbarem Overheadprojektor (zu etwas müssen sie ja gut sein). Wackler? „Die GOPRO macht 4K – das kann man genau wie die optische Verzerrung durch den extremen Weitwinkel herausrechnen, Herr Riecken!“

Und wie geht es weiter? Zunächst habe ich fast sowas wie einen didaktischen Kaperbrief bekommen. Das Niveau von vielen Erklärvideos (auch kommerziellen) gefällt meinen Schülerinnen und Schülern nicht. „Nä, das ist technisch nicht gut gemacht, Herr Riecken!“ „Die Idee ist ja schon nett, aber die dramaturgische Umsetzung … !“ Und ich: „Fachlich stimmt da und da aber etwas nicht!“. Der Kurs hat beschlossen, das besser zu können. Nun denn. Ein neues Projekt in einem neuen Halbjahr, diesmal aktive Medienarbeit gepaart mit erhöhtem fachlichen Anspruch. Ich weiß noch nicht ganz genau, wie ich das angehe. Ich könnte mir gut vorstellen, z.B. im Bereich der Kohlenhydrate – das eignet sich sehr gut für Erklärvideos – zunächst in einen Inputphase zu gehen, um inhaltliche Orientierung zu schaffen, um dann diesmal die SuS eigene Projektplanungen (Zeitraster, Milestones) entwickeln zu lassen. Aber das wird noch bis zum neuen Jahr reifen.

Transaktionskosten (Fortsetzung)

Eine von mir hochgeschätzte und stille Leserin meines Blogs hat mich neulich darauf aufmerksam gemacht, dass ich angekündigt hatte, eine Fortsetzung zum Artikel mit den Transaktionskosten zu schreiben. Ich zitiere dazu noch einmal den letzten Absatz im Sinne der Anschlussfähigkeit.

Wer Veränderungsprozesse initiieren möchte, muss im Blick haben, dass er gleichzeitig neue, noch nicht kalkulierbare Transaktionskosten erzeugt (“Ja, aber das mit den Medien muss aber in ein Gesamtkonzept!”), und gleichzeitig auch noch andere, von den Kosten her “sicher” kalkulierbare Systeme bedroht (“Ja, aber über Aushänge kommuniziert man doch total ineffizient!”). Daraus ergeben sich für mich Konsequenzen für mein Verhalten als Berater.

Regel 1: Das Neue ist der Feind des Bewährten.

Das Neue kann sich in den bestehenden Schulstrukturen nur durch viel Geduld, Leadership oder subversiv durchsetzen. Sobald man als Berater generalisiert, werden immer lautstarke und – für die Idee viel gefährlichere – stille Widerständler auf den Plan gerufen. In sehr heterogenen, großen Systemen wird sich dann NIE das Neue durchsetzen. Deswegen unterscheide ich zwischen subjektiven und objektiven Wahrheiten. Objektiv kann man durchaus Recht haben. Es nützt u.U. aber trotzdem nichts, weil Systeme stets subjektiv funktionieren und dann die entstehenden Transaktionskosten zum Kollaps jeder noch so guten Idee führen.

Ein Beispiel:

Objektiv ist es für große Systeme vernünftig, Klausur- und Klassenarbeitsplanung online zu machen. Man ist bei der Eintragung nicht an eine Zeit oder an einen Ort gebunden. Das System kann durch Algorithmen Fehleinträge im gegebenen rechtlichen Rahmen abfangen. Es kann mit dem Schulkalender gekoppelt werden, sodass sich Tage mit bestimmten, vorhersehbaren Abwesenheiten von Lerngruppen transparent sperren lassen. Umgekehrt ließen sich Termine von Arbeiten in die Kalender der jeweiligen Lerngruppen zurückspeisen (übrigens: Das geht alles mit dem richtigen System). Subjektiv zwingt man Kolleginnen und Kollegen zur Nutzung ungewohnter digitaler Werkzeuge, die nicht in deren Workflow passen. Praktisch wird man eine Zeit lang altes und neues System parallel fahren.

 

Regel 2: Hilf Transaktionskosten zu senken, damit du neue erzeugen kannst

Wenn es um die technische Ausstattung von Schulen und um Medienkonzepte geht, weiß ich es besser. Was dabei herauskommt, wenn typische Consumer oder fortgeschrittene Anwender meinen, sie könnten vorausschauend Netze bauen, die irgendwann für die ganze Schule skalieren, dann liegen sie leider oft falsch, weil z.B. an die Hardware im Netzwerk ganz andere Anforderungen als „zu Hause“ zu stellen sind.

Wenn ich an eine Schule komme, herrscht dort i.d. R. im Medienausstattungsbereich Chaos. Dieses Chaos gliedert sich zum einen in technische Probleme (10%) und zum anderen in zwischenmenschliche (90%). Die Technik bekommt man nach meiner Erfahrung sehr einfach in den Griff, wenn man da nach dem Motto vorgeht: „Wenn ich dir bei den restlichen 90% helfen soll, dann bestimme zunächst(!) ich, wie es bei euch technisch weitergeht!“

Mit den 10% Technik versuche ich dann, Abläufe und Verfahren genauso abzubilden, wie in der Schule schon immer waren, nur dass Zugriffsmöglichkeiten auf Informationen jetzt nicht mehr an Zeiten oder Orte gebunden sind. Das können sehr einfache Maßnahmen sein, wie etwa ein schulweiter Zugriff auf Dateien, einfach zu bedienende Zugänge zu Onlinemedien, ein funktionierendes WLAN usw.. Technisch ist das trivial. Gleichzeitig muss die Verlässlichkeit des Systems steigen, z.B. durch konsequente Vernetzung von Inselsystemen. Idealerweise nimmt das System bereits diese Maßnahmen als entlastend wahr, was dann in der Folge Vertrauen schafft. An dem grundsätzlichen medienpädagogischen Geist ändert sich dadurch jedoch nichts.

Dieses Vertrauen senkt Transaktionskosten, sodass Ressourcen dafür frei werden, auf die restlichen 90% zu schauen. Dafür benötigt man ein genaues Bild des Systems: Wer sind die „Stakeholder“ (an Schulen sehr oft der engagierte IT-affine Lehrer mit einer jahrelang immens gewachsenen ideellen Machtposition)?  Wer gönnt dem anderen ggf. etwas nicht? Welche eingefahrenen Abläufe mit welchen Konsequenzen gibt es? Was schafft Konfliktpotential? Wer ist an den Strukturen wie beteiligt?

 

Regel 3: Berate keine Schulen (oder Kollegen), die bei dir hohe Transaktionskosten erzeugen

Dass in Beratungsprozessen nachgesteuert werden muss, ist nichts weiter Ungewöhnliches. Gerade das Thema Mediennutzung ist für Schulen nur eines unter vielen. Deswegen bin ich nicht verschnupft, wenn Prozesse oft nur langsam voranschreiten. Das ist völlig normal. Es gibt für mich jedoch Indikatoren, die dazu führen, dass ich eine Schule nicht berate:

  1. Keinerlei Eigeninitiative (d.h. praktische Hilfsangebote werden gerne angenommen, jedoch ist kein Interesse erkennbar, eine längerfristigere Partnerschaft einzugehen – Feuerwehreinsätze ja, Zusammenarbeit nein)
  2. Diskussion des Beratungsverfahrens (Kann man das so überhaupt machen? Warum so kompliziert? Geht das nicht auch schneller / einfacher?)
  3. Eigenmächtige Anschaffungen (z.B. ITW / Tablets für teures Geld kaufen, ohne stabile Infrastruktur, ohne Konzept und ohne Rücksprache mit mir)
  4. Kein Reflexion des bisherigen Umgangs mit Medienbeschaffung

Diesen Schulen fehlt vor allem das Vertrauen in meine Fähigkeiten. Im schlimmsten Fall wollen Sie sich lediglich meiner Kompetenzen bedienen, um ihre akuten Probleme gelöst zu bekommen, damit sie weitermachen können wie bisher.

 

Regel 4: Suche dir immer kleine Projekte mit geringen Transaktionskosten für zwischendurch

Die Implementation der „großen Würfe“ ist oft zäh, ermüdend, ausgedehnt und bezogen auf die Transaktionskosten immens teuer. Das ist psychologisch ein Problem, da man irgendwann als am Prozess Beteiligter die Fortschritte nicht mehr zu sehen im Stande ist. Deswegen braucht man für die seelische Hygiene immer wieder Projekte, bei denen sich der Erfolg sehr schnell einstellt. Das können so einfache Dinge wie ein WLAN für eine ländliche Grundschule sein. Schule klagt, ich komme vorbei, sage eine Summe, Schule kauft, wir installieren mit dem Hausmeister zusammen und sind nach 2-3 Wochen erheblich glücklicher als vorher.

Menschen, die nur „das Große“ beraten, erlebe ich oft so, dass bei ihnen irgendwann der Kontakt zur „Basis“ verlorengeht. Das muss auch teilweise so sein, da man die zermürbenden Transaktionskosten in diesen Prozessen kaum erträgt und sich dann andere Strategien entwickeln, um seelisch gesund zu bleiben, die dann oft als arrogant oder „von oben herab“ wahrgenommen werden.

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