Wasmanie und Komplexitätsreduktion

Bei der Diskussion um Veränderungen in der Schule werden m.E. zwei schwerwiegende Fehler gemacht:

  1. Es gibt viele Definitionen (z.B. Wissensbegriff, Lernbegriff, Medienbegriff) und Formulierungen „wie Schule sein soll“. Ich nenne diese Konzepte „Wasmatisch“ – die beschreiben, was geschehen soll. Es gibt so gut wie keine Transformationsforschung dazu, wie man dahinkommt. Das überlässt man dem System selbst und wundert sich, ja ist manchmal sogar nahezu kindlich-verbockt, wenn da nichts passiert.
  2. Man greift sich Aspekte aus dem System heraus: „Was macht den guten Lehrer aus?“, „Wie muss ein Klassenraum ausgestattet sein?“, „Die zehn besten Apps für den Unterricht – übrigens jede Woche gibt es zehn neue“ usw. – eine isolierte Veränderung einer Komponente wird im System nichts ändern, weil sich selbiges einfach so umkonfiguriert, dass die Auswirkungen der Störung minimiert werden. Man kann z.B. „Tabletklassen“ nicht erfolgreich isoliert denken. Das ist Komplexitätsreduktion.

Ich docke mit diesem Artikel an Herr Larbigs lesenswerte Gedanken zum Ausbleiben der Revolution im Schulsystem an. Spannend ist für mich seine Abkehr von z.B. dem Konzept „iPad-Klasse“, weil meine Einstellung zu solchen Settings über die Jahren benfalls grundlegend anders geworden ist und sich mittlerweile mit der von Thorsten deckt.

Was heißt „das System definiert sich um“?

Mir fällt zur Erklärung kein besseres Beispiel als das Chemische Gleichgewicht ein – ein fundamentales naturwissenschaftliches Konzept.

Ausgangssitation:

Wir haben ein Bällebad, welches in der Mitte geteilt ist. Ein jedem Bällebad befindet sich eine Anzahl von Werfern – ein Team. Die Aufgabe besteht darin, die Bälle aus der eigenen Hälfte möglichst vollständig in die gegnerische zu werfen. Das grüne Team ist das stärkere.

syst_gleichgewicht_01

Nach einer Weile:

syst_gleichgewicht_02

Das grüne Team ist zwar die stärkere, jedoch hat es nach einer Weile im Schnitt weniger Bälle im Feld, die es länger suchen muss. Daher kann es die Bälle nicht so schnell zurückwerfen wie das blaue Team, das zwar schwächer ist, aber viel schneller Bälle zum Werfen findet.

Es kann Situationen geben, in denen die Bälle anders verteilt sind, aber über die Zeit wird sich ein Mittelwert einpendeln – in diesem Fall von 15 Bällen im blauen und 5 Bällen im grünen Feld. In der Chemie würde man jetzt die Anzahl der Bälle im grünen Feld durch die Anzahl der Bälle im blauen Feld teilen und feststellen, dass über die Zeit gesehen eine Konstante dabei herauskommt ( 5:15 = 1/3 ).

Noch ein Nachtrag, der mir im Kontext von Diskussionen der letzten Tage zu diesem Artikel wichtig erscheint: Bezogen auf Schule handelt es sich bei den Spielern im Feld NICHT um Menschen, z.B. Digi-Lehrer gegen Analog-Lehrer oder andere Stereotype. Vielmehr sind abstrakte Kräfte am Werk, z.B. „Reformdruck“ und „Bewahrungsstrategien“. Die Kräfte sind leider oft konträr. Das darf man gerne leugnen, aber das ändert daran nichts. Ein wünschenswertes Miteinander basiert dann auf Dingen wie Verständnis, Ernstnehmen, Interesse auf beiden Seiten – d.h. es geht darum, abstrakte Kräfte zu beeinflussen. Bezogen auf die Chemie ist dieses Bild völlig neutral. Teilchen haben eine Natur, sie „wollen“ nichts, sondern streben lediglich nach der Erfüllung physikalischer Gesetze (z.B. einem energetisch günstigen Zustand) – Was u.U. aber auch für Menschen gilt – aber das ist eine andere Geschichte.

 

Das Wesentliche:

In unserem kleinen System passiert ganz viel – ständig fliegen Bälle hin und her (manchmal mag es sogar scheinen, als gewänne Team grün), aber trotzdem bleibt das Anzahlverhältnis der Bälle in den jeweiligen Feldern im Mittel konstant. Das System befindet sich in einer Art Gleichgewicht. Wir Chemiker nennen das ein dynamisches Gleichgewicht.

Die Störung:

Nun kann es sein, dass ein Spieler des blauen Teams eine Taktik entwickelt, mit der es möglich ist, die Bälle schneller ins andere Feld zu werfen. Diese Taktik wird nun von allen Teammitgliedern adaptiert. Dadurch ändert sich die Bälleverteilung. Aber diese Taktikänderung hat auch Folgen für die Strategie des grünen Teams, das sich auf die nun veränderten Bedingungen einstellt und ja immer noch gewinnen will. Da die Bälleverteilung in den Feldern für die Geschwindigkeit des Zurückwerfens immer noch eine Rolle spielt, kehrt das System irgendwann in seine Ausgangslage zurück.

Auch ein einzelner Teamplayer, der sich ganz besonders anstrengt, verliert irgendwann seine Kraft und wird in seinen Leistungen dann von dem anderen Team mit dann mehr konditionellen Reserven kompensiert.

Das System konfiguriert sich bei Störungen also immer so um, dass die Auswirkungen der Störung minimiert werden.

Das Digitale als Störung

Das Digitale ist eine Störung im (Schul-)System, mit der es (noch) nicht gut umgehen kann. Mit dem Digitalen ist – genau wie z.B. mit einem besonders engagierten Spieler – oft die Hoffnung auf eine Systemänderung verbunden. Das System sucht aber nach Kompensationsmöglichkeiten – nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil genau das seine Natur ist. Typische Kompensationsmöglichkeiten sind:

  • Verbote
  • In meinen Augen viel schlimmer: Übertragung analoger Arbeitsformen in den digitalen Raum

Es gibt m.E. keinen Mehrwert, statt eines Schulheftes ein Blog zu führen, solange man die veränderten kollaborativen Möglichkeiten des Blogs (z.B. Peer-Review, asynchrone Feedbackprozesse etc.) nicht nutzt.

Komplexitätsreduktion

Das System von oben ist unglaublich simplifiziert, da es nur eine Sorte an Bällen gibt und das Spiel ziemlich einfach strukturiert ist. Es könnte ja z.B. auch so sein, dass ein jedem Feld Beutel mit bestimmten Anzahlen verschiedenfarbiger Bälle gepackt werden müssen, die man dann ins gegnerische Feld wirft, wo dann die Beutel wiederum umsortiert zurückgeworfen werden. Dann ist die Systemkonstante nicht mehr durch ein einfache Zählung bzw. Quotientenbildung zu bestimmen, sondern vielleicht durch sowas hier:

    \[ K\textsubscript{(Ausstattung, gesellschaftliche Anerkennung)}=\frac{Ressourcen^4 \cdot Reformabwehr}{Innovationsf{\"a}higkeit \cdot Selbstschutz} \]

Wenn ich in diesem nicht zuende gedachten Beispiel z.B. die Ressourcen erhöhte, wächst eben der Selbstschutzfaktor zur Kompensation. K selbst bleibt konstant – die Auswirkung der „Störung“ ist minimiert.

Man tut aber oft so, als würde sich durch Konzepte, die einen bestimmten Bereich beackern, irgendetwas Substantielles ändern. Damit verkennt man in meinen Augen die Komplexität und die Kompensationskompetenz des Systems vollkommen.

Wenn ich z.B. über eine Präsentationslösung Arbeitsblätter vom Platz der Schüler ausfüllen und präsentieren lasse, mache ich ja nichts Neues, sondern lediglich etwas Analoges 1:1 digital. Die Denkweise hinter dem Arbeitsblatt ändert sich dadurch ja nicht – es wird halt nur etwas bequemer und verspielter im Klassenraum. Die Ausstattung wird verbessert, aber andere Dinge regulieren sich dann einfach anders ein.

Was tun?

Einstein soll angeblich gesagt haben:

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.

Wenn Schule sich verändern soll, reichen alte geisteswissenschaftliche Strategien wie „Begriffsbildung“, „Beschreibung“, „Analyse“ nicht aus, um den Veränderungsprozess nachhaltig zu implementieren. Es braucht neue Ansätze, auf übrigens sehr vielen gesellschaftlichen Ebenen, z.B. Forschung darüber, wie Transformationsprozesse gelingen können, die man bisher gerne dem System selbst überlässt und diesem dann vorwirft, es „begegne“ den „neuen Herausforderungen“ nicht hinlänglich. Wann wird nicht umhinkönnen, die bequeme (und risikolose) „Wasmanie“ zu verlassen und sich dem „Wie“ zuzuwenden. Ich kann mir natürlich gerne ein neues System wünschen oder eben mit dem arbeiten, was nunmal da ist.

Mailmanagement mit osTicket

Seit langem nervt es mich, dass ich keine klare Trennung zwischen der Bearbeitung von E-Mails und sonstigen Aufgaben  hinbekomme. Mir schreiben viele Menschen E-Mails: Meine Kolleginnen und Kollegen bei Problemen mit unserer Schulserverlösung, Menschen, mit denen ich im Rahmen der Medienberatung zu tun habe. Oft geht es dabei um Terminvereinbarungen, technische Probleme, Erstellung von Ausstattungsvorschlägen, also klassische Themen, die man dem „Supportbereich“ zuordnen kann. Da geht viel durcheinander, sodass ich das eine oder andere auch schon einmal vergesse. Zum Glück gibt es ein Stück Technik, welches genau für diese Anforderung erschaffen wurde, denn Firmen haben im Support genau die gleichen Herausforderungen: Das Ticketsystem. Ich setze dafür das kostenlose Opensource-System  osTicket ein (hier gibt es eine Demo – Login: demo / Passwort: anmelden ).

logo

osTicket sollte auf fast jedem Webspace problemlos laufen, der folgende Bedingungen erfüllt:

  • MySQL-Unterstützung
  • PHP ab Version 5.3
  • PHP IMAP – Modul
  • imap-fähiger E-Mailaccount mit der Berechtigung, eigene Ordner anzulegen

Was ändert sich?

osTicket macht eigentlich technisch genau das, was ein beliebiges E-Mailprogramm wie Outlook oder Thunderbird tut: Es holt die Mails eines Kontos per imap ab, schreibt diese jedoch in eine Datenbank. Jede neue Mail erhält eine Ticket-ID, die automatisch mit in die Subject-Zeile geschrieben wird, wenn ich jemandem antworte. Antwortet mir mein Gegenüber auf diese Mail, erkennt osTicket anhand der Ticket-ID, zu welchem Kommunikationsvorgang die Antwort gehört und weist diesen automatisch zu. Ein Kommunikationsvorgang heißt „Ticket“. Das ist erstmal alles.

Hä? Und wo ist da jetzt der Unterschied zu vorher?

Bleibt ein Ticket zu lange liegen (bei mir sind es drei Tage), schreibt osTicket Jammermails und priorisiert das jeweilige Ticket, indem es den Kommunikationsprozess in einer Liste nach oben schiebt. Erst wenn ich antworte, ist wieder für drei Tage Ruhe – ich brauche das.

Wenn ein Prozess abgeschlossen ist, kann ich das Ticket „schließen“. Natürlich wird eine Statistik erstellt (mein Dienstherr mag Statistiken als „Arbeitsnachweis“ und ich habe keinen Bock, die selbst zu erstellen) und ich kann geschlossene Tickets ganz einfach finden, z.B. mit einer Suche nach einem Namen oder einer E-Mailadresse. Damit weiß ich, was ich wie oft mit welcher Person verhackstückt habe.

Und sonst?

Ich kann vordefinierte Antworten anlegen – wenn eine Schule z.B. über unsere Medienzentrum eine Homepage hosten und betreuen lassen möchte, ähneln sich die Prozesse doch sehr. Die Antworten klicke ich einfach in die Mail hinein.

Auch für telefonische oder mündliche Anfragen kann ich selbst Tickets eröffnen. Da alle Prozesse in osTicket mehrbenutzerfähig sind, wüssten z.B. auch Kolleginnen und Kollegen von mir, wo ich gerade stehe.

Wer es mag, kann osTicket auch mit Android und Co. über eine App managen. Das ist für mich und meinen Workflow aber eher ein Nachteil. Ich setze mich lieber gezielt 1-2x am Tag an einen Rechner und arbeite den Kram dann konzentriert ab.

Außerhalb meiner Arbeitszeit gibt es eine höfliche, aber bestimmte Mail, die den Empfang bestätigt, aber dann auf z.B. Montag vertröstet.

Und nicht zuletzt: Das Backup einer MySQL-Datenbank ist auch viel performanter als dasjenige tausender Fitzeldateien auf der Festplatte.

Und der E-Mailclient zu Hause?

osTicket löscht normalerweise empfangende Mails auf dem Server, kann aber diese auch in einen imap-Unterordner verschieben. Wenn sich eine wirklich private Mail auf einen Dienstaccount verirrt, kann ich sie immer noch aus dem Archivordner heraus ganz normal ohne Ticket-ID persönlich mit der privaten Mailadresse beantworten.

 

Als Interner das eigene System beraten

Auf dem EduCamp in Stuttgart habe ich beiläufig erwähnt, dass ich an meiner Schule zwar die IT manage und deren Weiterentwicklung plane, in pädagogischen und strukturellen Fragen aber keine aktive Rolle einnehme – die Reaktion war mehr oder minder blankes Unverständnis:

„Es ist doch deine Arbeitsumgebung, es ist deine Schule, da bist du doch verantwortlich!“.

Warum das bei mir so ist, erfordert eine kleine Geschichte, die nicht von mir stammt, sondern aus einem Blog einer hochsensiblen Persönlichkeit.

Ihr seid Beifahrer auf der Autobahn, und plötzlich streikt der Wagen! Es wird rechts rangefahren, der Motor wird abgestellt, und man steigt aus um zu gucken was los ist…

Du: „Guck mal, der Reifen ist platt, den müssen wir wechseln!“
Fahrer: „Oh man, was ist denn jetzt los?“
Du: „Der Reifen ist platt, einfach mal wechseln, dann geht’s weiter!“
Fahrer: „Gerade eben fuhr der Wagen doch noch“
Du: „Ja, aber jetzt ist der Reifen platt! Komm, wir wechseln den!“
Fahrer: „Hast DU ’ne Ahnung was los ist? Du bist doch angeblich so gut“
Du: „Ja, der Reifen! Der muss gewechselt werden!“
Fahrer: „Ach Quatsch, was für ein Reifen! Ich glaube der Aschenbecher ist voll, vielleicht liegt’s daran!“
Du: „Nein, es ist der Reifen!“
Fahrer: „Ich hab gar nicht gemerkt was mit dem Aschenbecher los war!“
Du: „Der REIFEN!“
Fahrer: Du musst ja jetzt nicht laut werden, ich such ja schon das Problem!“
Du: „Es ist der gottverdammte R-E-I-F-E-N!“
Fahrer: „Ich glaube, ich hätte den Aschenbecher mal vorm losfahren leer machen sollen!“
Du: „…“
Fahrer: „Hättest Du mich aber auch mal dran erinnern können! Du immer mit Deinem blöden Reifen“
Du: „Es ist aber nun mal der Reifen, der Reifen, der gottverdammte Reifen! Sieh auf den Reifen!“
Fahrer: „Mal ehrlich, glaubst Du es könnte auch der Reifen sein?“
Du: „Ja, verdammt nochmal, das sag ich doch die ganze Zeit“
Fahrer: „Oh man, wer kommt schon drauf dass es der Reifen sein könnte? Hättest mich aber auch ruhig mal fragen können ob der Aschenbecher voll ist, oder nicht… Du interessierst Dich irgendwie überhaupt nicht für meine Probleme… Na komm, jetzt steh da nicht so doof rum, dann wechseln wir mal den Reifen!“

Quelle: http://hsp-gedanken.blog.de/2014/10/20/interessierst-gar-19589428/

Die Geschichte rekontextualisiere ich hier einmal als Bild. Den Fahrer gibt es nämlich nicht. Der Fahrer ist bezogen auf Schule immer ein ganzes System. Ein System besteht aus vielen Menschen und Regeln – viele davon heimlich.

Systeme möchten sich und ihre Regeln erhalten, weil das Sicherheit und Bestätigung schafft. Das ist also nichts per se Böses, sondern ein völlig normaler Selbsterhaltungsreflex. Abgeschlossene Systeme sind in besonderer Weise davon überzeugt, dass ihre Regeln und Verfahren gut und richtig sind. Wenn etwas nicht klappt, liegt das aus Sicht des Systems immer schnell am Verhalten einiger weniger Menschen, nie an Strukturen. Läge es tatsächlich an Strukturen, dürfte es aus Sicht des Systems das Essentielle gar nicht mehr funktionieren. Und das tut es ja. Solange sind andere Wahrnehmungen natürlich falsch.

Das Wesen von Beratung ist für mich aber die Arbeit an Strukturen. Dabei gibt es einige wenige Kernfragen:

  1. Was sind unsere Strukturen?
  2. Wie erfolgreich sind wir mit unseren Strukturen?
  3. An welchem Punkt einer Struktur setzen wir an, damit sich etwas substantiell verändert?

Im eigenen System bin ich Teil der Strukturen. Im besten Falle stabilisiere ich die Struktur gerade dadurch, dass ich etwas aufbaue, gegen das das System sich verteidigen muss – und auch wird! Das System wird jahrelang den Aschenbecher reinigen („Die Wahrnehmung des Beifahrers stimmt nicht!“), dann durch einen blöden Zufall auf den Reifen schauen, um schließlich dem Beifahrer vorzuwerfen, er hätte nicht konsequent genug auf den Misstand hingewiesen (Rückspiegelung: „Du hättest ja handeln können / müssen!“).

Das schließt paradoxerweise übrigens nicht aus, dass einzelne Menschen in diesem System ganz anders fühlen und denken und auch Visionen haben, die es für mich mit allem, was ich habe zu stärken gilt. Die Umsetzfähigkeit hängt aber in erheblichen Umfang davon ab, ob eine kritische Masse entsteht, die neue Strukturen und Regeln  implementieren kann, die dann faktisch nicht nur auf dem Papier in einem Konzept stehen. Und für mich ist zunehmend die Frage, ob das zum jetzigen Zeitpunkt auf demokratischem Wege in angemessener Zeit gelingen kann.

Ebenfalls auf dem EduCamp in Stuttgart gab es eine Session zu subversiver Arbeit. Natürlich kann ich als Teil des Systems Netzwerke und Ängste nutzen, um Veränderung zu initiieren oder ich kann Organe mit Informationen und meinem Wissen von „Angelpunkten“ versorgen. Das ist dann aber keine Beratung, sondern Manipulation. Auch das zurzeit hochmoderne Nudging ist für mich im Kern manipulativ. Beides klappt umso besser, je eher es dem System später gelingt, die positiven Effekte der entstandenen Veränderung sich selbst zuzurechnen. Das ist bei subversiven Verfahren immer mit zu berücksichtigen, wenn man erfolgreich sein will. Es hat den Preis, dass man natürlich dann nicht die Lorbeeren erhält. Die bekommen immer die Träger institutioneller Macht.

Der logische Schritt wäre auf den ersten Blick also, sich in institutioneller Machtpositionen zu begeben  (z.B. durch Aufstieg in der Hierarchie im Schulsystem). Damit meine ich nicht die Übernahme primärer Dienstleistungen im Verwaltungsbereich, sondern Positionen, die strukturelle Gestaltungsräume bieten.

Das hat seinen Preis, z.B. den, dass man immer noch Teil des Systems ist, nun aber in ganz andere Zwänge hineingerät: Das System erwartet schließlich, dass es weiter funktioniert – am besten soll sich nichts ändern. Die Konsequenz muss man tragen können und wollen. Man wird nur kleine Teile in sehr kleinen Schritten bewegen können. Die Arbeit an Haltungen, die dafür notwendig ist, bleibt immens komplex.

Das kann ich im Prinzip alles aushalten. Aber innerhalb meines eigenen Systems fehlt mir dafür die Geduld. Ich nehme Dinge schnell persönlich oder fühle mich angegriffen – und dahin ist es mit meiner Objektivität und meiner Souveränität in Konfliktsituationen – quasi der Tod der Sachebene. Es gibt schließlich eine Geschichte zu meiner Person im eigenen System.

Diese persönlichen Implikationen habe ich als externer Berater für andere Schulen nicht. Der Anspruch einer guten Beratung bleibt. Wenn aber Prozesse scheitern – und das tun sie natürlich gelegentlich – ist mein Name zwar an der betreffenden Schule „verbrannt“, aber ich gehe meist trotzdem gestärkt um Erfahrungen aus der Beratung in die nächste Schule. Ich trage Niederlagen nicht in meinem System mit mir als Geschichte herum. Ich kann in Konflikten anders bestehen: Weil meine Persönlichkeit im Grunde nicht bekannt ist, ist es z.B. deutlich schwerer, Konflikte auf eine persönliche Ebene zu bringen, bzw. für mich deutlich leichter, genau das zu erkennen und „professionell“ zu reagieren. Maximal verliere ich ein System als Kunden.

Meinem System wünsche ich daher immer die Offenheit für externe Beratung, weil allein das neue Perspektiven ermöglicht. Ein System, welches nur in sich selbst ruht, wird es mit der Entwicklung nach meinen Erfahrungen sehr schwer haben. Hier und da lässt sich vielleicht mal eine Schramme kitten, aber eine substantielle Veränderung wird so eher schwer.

Zum Glück kenne ich mittlerweile viele, sehr kompetente und von mir geschätzte Menschen, die ich dafür immer empfehlen kann.

Das geht alles nicht und es ändert sich nichts!

Immer noch reden alle von den „10 best apps for education“, immer noch verharrt das Schulsystem im bildungsbürgerlich-konservativem Duktus, immer noch passiert nichts bei der Medienaustattung der Schulen, immer noch ist mein Medienbegriff falsch (oder wahlweise nicht weit genug entwickelt) und immer noch begreift Politik nicht, wie es eigentlich funktioniert und immer noch gibt es keine Lösungen. Schon schlimm, diese Welt.

Ich stand letzte Woche vor der Aufgabe, acht Kubikmeter Erde und vier Kubikmeter Schutt aus dem Haus schaffen zu müssen. Ich hätte stundenlang darüber sinnieren können, wie schlimm das ist – vor allem mitten im Alltag in einem bewohnten Haus. Aber durch das Sinnieren wurde die Aufgabe nicht kleiner. Nicht eine Schubkarre Schutt fuhr aus dem Haus. Nicht ein Container lieferte sich von selbst.

Mir kommen die Herausforderungen im Bildungssystem momentan vor wie dieser Schuttberg. Ideell, politisch, ideologisch.  Ein Haufen Anzugträger und Wissenschaftler läuft mehr oder minder krakelend um ihn herum: „Schaut her, es ist schlimm, er muss aus dem Haus!“ Es werden Vorträge gehalten, Blogposts wie dieser geschrieben, die immer gleichen Stereotype von den bildungsbürgerlichen Ängsten und Vorbehalten gegenber digitalen Medien beklagt, die immer gleichen Argumente bemüht. Der Schuttberg liegt immer noch. Und das liegt natürlich daran, dass ihn keiner der Verantwortlichen wegräumt. Meist, weil diese halt nicht begreifen, dass er weggeräumt werden muss. Reden ist eine Handlung, Denken ist eine Handlung. Leider kümmert sich der Schuttberg einen Scheißdreck darum und bleibt einfach liegen.

Ein schöner Rand bis jetzt, aber was macht der Riecken eigentlich? Ich handle nach bestimmten Strategien, die bisher insofern funktionieren, als dass der lokale Schuttberg hier vor Ort schwindet. Langsam. Sehr langsam.

  1. Ich habe mich darum bemüht, mit einem Teil der Stunden für andere Aufgaben abgeordnet zu werden. Es ist ein Glück, dass das hier in Niedersachsen möglich ist.
  2. Verweigerer im Bereich des Digitalen haben gute Gründe für ihre Verweigerung. Und ein guter Grund darf auch Selbstschutz sein. Ein Lehrer, der anwesend ist und guten analogen Unterricht macht, ist für mich einem digitalen Flippie vorzuziehen, der unter seinen Engagement zusammenbricht oder durch ebendieses selten vor Ort ist.
  3. Ich arbeite politisch. Ich helfe Schulamtsmitarbeitern, Vorstellungen im entscheidenden Gremium zu präsentieren oder rede dort selbst. Ich knüpfe Bande mit politisch aktiven Menschen. Ich halte Politik für eine anspruchsvolle Aufgabe und bewundere Menschen, die diese Aufgabe wahrnehmen. Ich bewundere dabei nicht jede Einstellung und Haltung. Und das sage ich auch beides: Das eine wie das andere.
  4. Ich stelle Schulen selbst mit meinen Händen auf zeitgemäßere Technik um. Von der Hardwareempfehlung bis zur Raumausstattung. Ich habe mir über Jahre ein kleineres Netzwerk aus Firmen und Händlern dafür aufgebaut. Menschen rufen mich an, wenn sie unsicher sind. Ich kann mich darauf verlassen, dass die Arbeit fachgerecht erledigt wird und von mir verzapfter Stuss auch direkt thematisiert ist.
  5. Ich habe Geduld und ertrage auch herbe Rückschläge, die es dabei gibt. Das ist so im Leben. Insbesondere ist es so in beamtischen Strukturen.
  6. Ich berate und schule nicht mein eigenes System. Ich entscheide und bestimme dort in Hardware- und Netzwerkfragen, stelle Fragen, äußere Strukturideen, höre Bedarfe und habe eine Zielvorstellung vom Netzausbau und der Medienausstattung. Ich organisiere gerne externe Beratung und Schulung, wenn diese gewünscht und angefordert wird. Ich unterstütze Kollegen, die etwas zu organisieren haben technologisch mit geeigneten Systemen. Dieser Punkt mit dem eigenen System ist für mich sehr wichtig. Insbesondere diese klare Grenzziehung. Wenn Kollege z.B. das SMARTBoard so nutzt, dass er einen Zettel unter den Presenter legt und darauf sein Tafelbild malt, dann ist das so.
  7. Ich entwickle mich weiter. Ich lerne dazu. Ich bleibe nicht bei einer Strategie stehen, sondern hinterfrage ihre Wirksamkeit spätestens nach 1,5 Jahren. Die Wirksamkeit der Rede und des Denkens war bisher im Hinblick auf den Schuttberg eher ein wenig schlecht bis mies.
  8. Ich teile Ideen und Strategien, z.B. hier im Blog, aber auch mit Firmen. Ich teile sie noch so, dass daraus für mich keine Verbindlichkeiten oder Verpflichtungen erwachsen. Wenn Geld fließt, entstehen immer diese Verbindlichkeiten.
  9. Ich bediene außer hier mit diesem Blog und ein wenig auf Twitter keine Öffentlichkeit. Wenn eine Öffentlichkeit bedient werden muss, bindet das Resourcen, die mir hier vor Ort fehlen würden. Die Erfolge hier in der Region sind für mich der Motor. Aus ihnen entstehen die einzig für mich wichtigen Währungen wie Vertrauen oder das Gespräch beim gemeinsamen Bierchen.

Das Schuttbergbeispiel hinkt. Dafür könnte man sich nämlich durchaus Dienstleistungen einkaufen. Im Bereich des Digitalen muss man diese Dienstleistungen vor allem in der Fläche erst noch entwickeln oder sogar selbst erbringen. Das wird irgendwann einmal anders sein. Vielleicht wenn genug geredet und sinniert worden ist.

 

Textüberarbeitung mit Etherpad

Ich habe heute einen Text im Deutschunterricht pseudonymisiert mit Etherpad überarbeiten lassen. Mein Landesinstitut bietet eine freie Installation für die Schulen Niedersachsen auf Servern des Landes an. Mit der Lerngruppe übe ich gerade den Interpretationsaufsatz, zu dem auch eine Inhaltsangabe gehört. Unsere Texte liegen bereits digital in Form eines Blogartikels vor.
Ein Endergebnis sah so aus (die Veröffentlichung des Originals ist aus rechtlichen Gründen nicht möglich):
Der  Schlosser Wallfried Känsterle begibt sich wie  jeden Tag nach seinem  Feierabend vor dem Fernseher, um den Gesprächen mit seiner Frau Rosa zu entkommen. Zunächst beschwert sich die Frau über die Faulheit ihres  Mannes, da er immer träge sei.
Nach  den Anschuldigungen von Rosa, dass er sich sogar weigert, seinen Kindern am  Nikolaustag eine Freude zu machen, gibt Wallfried ohne Widerworte nach,  sodass er sich als Nikolaus verkleidet, um seine Kinder zu beschenken. Dies verläuft jedoch anders als erwartet, da  Wallfried, kurz bevor er  seine Haustür erreicht, ausrutscht und mit einem dumpfen Geräusch fällt.  Nachdem die Tür geöffnet wird, tritt Rosa außer sich hervor. Die  Ungeschicklichkeit gibt Rosa einen weiteren Grund, um sich bei ihrem Mann zu beklagen. 
Sobald Wallfried seine Kontrolle verliert, verpasst er seiner Frau eine Ohrfeige, woraufhin er im Wohnzimmer verschwindet. Dort lässt er seiner Wut freien Lauf, indem  er Gegenstände des Hauses zerstört, die Rosa gern hat. Die Unruhe, die dadurch entsteht,  sorgt dafür, dass der Nachbar vorbeischaut und sich  dezent über ihn lustig macht.
Die Methodik:
  1. Markiert Worte fett, die ihr als umgangssprachlich einschätzt.
  2. Gestaltet als Gruppe den Text so um, dass umgangssprachliche Formulierungen vermieden werden.
  3. Markiert die Konjunktion „und“ fett, wenn sie als Gedankenverknüpfung eingesetzt wird.
  4. Kopiert den betreffenden Satz mit aus Aufgabe 3 unter den Text und notiert eine Alternative darunter.

Nach jeder Aufgabe haben wir eine kurze Besprechungsphase eingeschoben und ggf. begründet, warum eine Formulierung geeignet oder ungeeignet ist.

Ich habe jetzt Teams aus drei Lerngruppenmitgliedern gebildet. Bisher bekamen diese Teams die Aufgabe, Texte anderer Lerngruppenmitglieder (die eines anderen Teams) in einem Blog zu kommentieren. In der zweiten Aufbaustufe sollen die Teams die fremden Texte in einem Etherpad überarbeiten und dann die überarbeitete Fassung als Kommentar veröffentlichen. Der jeweilige Autor reflektiert dann die Unterschiede zur Originalfassung.

Meine Aufgabenformulierung (fett, unter den Text kopieren, Fassungen auswählen etc.) sind dabei nur Vorschläge, wie man vorgehen kann. Es versteht sich von selbst, dass eine derartige Aufgabe ohne vorherige Klärung der Kriterien, die dabei anzuwenden sind, nicht sinnvoll zu lösen ist.

Zudem sollten die Texte bereits in digitaler Form z.B. in einem Blogsystem vorliegen. Sehr abgespeckt könnte man auch einen zu überarbeitenden Text schon vorher in die Pads der einzelnen Teams legen.

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