Ich bin die eine, die die viele ist

Drex files

Quelle: http://drexfiles.wordpress.com/2009/10/25/borg-tactical-cube/

„Borg – sounds swedish!“ – so reagierte eine Figur in Star Trek auf die erste Erwähnung dieses Namens. Die Borg ist eine virtuelle Rasse, die auf maximale Redundanz und Vernetzung setzt. Sie verfügen über keine eigene Kreativität, sondern entwickleln sich durch Assimilation von fremden Rassen und deren Technologie. Von ihnen stammt auch der von mir schon verwendete Satz: Resistance is futile (Widerstand ist zwecklos). Einmal in Borgkollektiv aufgenommen kann jeder die Stimmen des anderen hören – es gibt eine große Gemeinschaft. Eine Ausgliederung aus dem Kollektiv ist sehr schwer, da die Figuren dann die Stimmen nicht mehr hören, die sie als große Bereicherung empfinden, weil sie nicht mehr alleine sind. Borg handeln allein nach funktionalen Grundsätzen, Ethik und Moral spielen keine Rolle. Einzige Prämissen sind die Erhaltung des Kollektivs und die technische Perfektion. Die Entwicklung des Individuums unterliegt den Grenzen und Wünschen des Kollektivs, das von der einen, die die viele ist geleitet wird – der Borgkönigin (eine Rasse ohne irgendeine Leitungsstruktur wäre wohl auch den Star Trek-Machern zu viel gewesen).

Ich muss in diesen Tagen oft an die Borg in Zusammenhang mit Facebook denken. Angefangen hat alles mit dem ULD Kiel, dass einen Angriff auf die Transwarpkanäle der Borg gestartet hat, indem es Webmaster „bedrohte“, die Facebooks-Addons auf ihren Webseiten einbinden. Facebook gewinnt dadurch Informationen über Bewegungsmuster von Mitgliedern und Nichtmitgliedern im Web – das ist übrigens auch die technische Funktion von „Like- “ oder „1+“-Buttons (Pendant bei Google). Ich habe Einzelgespräche geführt, in denen dieser Schritt des ULD heftig kritisiert und vor allem der Verlust von Transparenz und Bürgernähe von z.B. Kommunen beklagt wurde. Andere Kritikstrategien, die mir weitaus sympathischer sind, setzen auf der Ebene von technischen Fehlern des ULD an. Darüber kann man reden – allerdings betrifft das den Bereich der technischen Medienkompetenz, der aber oft als „zu anstrengend“ nicht gewünscht wird.

Tatsache ist für mich, dass die Assimilierungsstrategie von Facebook eine extrem hohes, absolut geniales Niveau erreicht hat, weil die Assimilation selbst nicht wie bei den Borg auf Gewalt beruht, sondern schleichend und angenehm mit der Verheißung maximaler Bedürfnisbefriedigung erfolgt. Wer sich einmal im Kollektiv befindet, möchte oder kann es nach kurzer Zeit nicht mehr missen. Die Vorstellung, dass es Menschen gibt, die außerhalb dieses Kollektivs existieren, ist – wie bei den Borg – oft mit Gedanken an Rückständigkeit und „Nichtverstehen der neuen Wissensgesellschaft“ assoziiert. Facebook ist ein Borgkubus, den man unbeachtet besuchen darf, solange man nicht primäre Systeme bedroht, ein Kubus, der des ganze Web in sich vereint ohne dabei nach außen mit dem Web zu teilen.

Zwischenbemerkung:

Nein: Ich halte Facebooknutzer nicht für willenlose, vollständig manipulierte und entindividualisierte Drohnen. Auf der Ebene des Individuums passt diese Borg-Analogie nicht.

Gleichwohl verlangt die soziale Organisation innerhalb des Kubus, dass alles geteilt wird, zumindest mit der Königin – den Kontakt zu einzelnen kann man filtern, jedoch nur soweit man die ständigen Neukonfigurationen des Filters versteht und nachvollzieht. Die Filtermodifikationen erfolgen seltsamerweise immer so, dass standardmäßig mehr Informationen mit mehr Menschen geteilt werden. Das Grundprinzip der Borg besteht genau darin: Alles zu teilen, das ganze Leben. Bei den Borg hat das jedoch nichts mit Freiheit, sondern mit Kontrolle zu tun – das ist bei Facebok natürlich ganz anders, auch wenn für die wirtschaftliche Funktion eine hohe Teilrate natürlich so ungünstig auch nicht ist.

Treten neue Netzwerke auf den Plan, ist die erste Frage sofort, wie man selbiges in Facebook integrieren kann (wahrscheinlich damit man nichts verpasst und nicht die doppelte Arbeit beim Posten hat). Das hat nichts mit dem Assimilierungsgrad bei Facebook zu tun.

In Facebook hat der Mensch die Freiheit, die im Rahmen, den Facebook setzt, möglich ist (Gilt m.E. auch für Appleprodukte). Dagegen mehren sich zum Glück Stimmen. Es gibt Alternativen, die eine vollständige Kontrolle der eigenen Daten ermöglichen – nur ist da niemand…

Ich meide Facebook und ich würde mittlerweile jedem raten, das auch zu tun. Browserplugins lösen keine einzige Herausforderung – höchstens für Nichtmitglieder. Selbst für viele Lehrerblogs müsste ich eine seitenbezogene Regel bei NoScript anlegen, die mir zwar eine Kommentierung im Disqus-Plugin, nicht jedoch eine Datenübertragung durch den Facebookbutton ermöglicht. Das dürfte den Bequemlichkeitsanspruch und die technischen Fertigkeiten einer surfenden Mehrheit deutlich übersteigen.

Facebook gibt sehr, sehr viel. Es hat vieles ermöglicht, was vor wenigen Jahren noch undenkbar war.  Aber es nimmt auch. Das ist seine Natur als börsennotiertes Unternehmen. Gewinn und Nutzen muss jeder für sich abwägen. Jeder sollte sich darüber im Klaren sein, dass prinzipiell auch der Staat in begründeten Verdachtsfällen Zugriff auf diese Daten hat. Wir brauchen keine Mautbrücken zur Erstellung von Bewegungsprofilen. Nur gegen den Versuch, die Mautbrücken dafür einzusetzen, rebellieren wir. Das bekomme ich manchmal nicht zusammen. Ich bin aber auch Borg-Fan. Das passt auch nicht.

Facebook Like

6 Kommentare

  • Jan

    Da kommt mir ein Bild für das Bild für die Bedrohung Facebook in den Sinn:

    „…und er bürdete dem Buckel des weißen Wals die Summe der Wut und des Hasses der ganzen Menschheit auf. Wäre sein Leib eine Kanone, er hätte sein Herz auf ihn geschossen.“

    ;-)

  • Oh – ein Star-Trek-Kenner (nicht das Einzige, was wir gemeinsam haben). Ahab Riecken :o)…

  • tommdidomm

    Aber das Zitat oben stammt aus „Erster Kontakt“. Und zwar an der Stelle als Picard kurz vor der Erkenntnis steht, dass sein Kampf gegen die Borg (=Facebook?) zu extrem ist und er seinen Hass sozusagen über das Wohl der Mannschaft stellt.

    Stimmt die Analogie noch?

  • @tommdidomm
    Ich weiß doch ganz genau, woher das Zitat stammt… Grundfrage für „Stimmt/Stimmt nicht“ ist also, ob Ahab Riecken Facebook hasst. Das ist nicht der Fall.
    Ich finde das Verhalten von Facebook gegenüber den Daten seiner Nutzer überdenkenswert und würde mich selbst in so einem Kubus nicht wohlfühlen können, da ich mich als Mensch dort nicht ernstgenommen fühle.
    Alle Firmen, mit denen ich nachhaltig zusammenarbeite, lassen mich kurzfristig mit allen meinen Daten in verwertbarer, exportierbarer und importierbarer Form aus dem Vertrag. Ich kann also deren Kuben nutzen, habe aber auch die Freiheit, mit meinem ganzen Hausstand zu gehen. Diese Firmen verleiten mich nicht dazu, Daten von Bekannten und Freunden unter merkwürdigen Vorwänden weiterzugeben, die gar nichts mit der Firma zu tun haben.
    Ich werde also assimiliert (Apps, Mailaccountsscans bei Bekannten, Like-Buttons etc.), obwohl ich gar nicht im Quadranten der Borg lebe – und weiß zudem gar nichts davon.
    Ich weiß nicht, was das mit Humanismus zu tun hat. Ich mag es nicht, wenn man mir eine „Lebensphilosophie“ („alles ist öffentlich“) durch die Hintertür aufzwingt.
    Der Satz „Jeder sollte eh nur die Informationen preisgeben, die er preisgeben will“ greift bei Facebook gerade nicht: Weil es ein Massenmedium ist. Und nicht einmal die Techniker können ansatzweise abschätzen, wo die Reise unserer Daten hingeht. Wie soll es dann Lieschen Müller können? Und von ihr müssen wir auch reden.

    • tommdidomm

      Sorry, wollte nicht klugscheißern.
      nachdem ich in letzter Zeit viele Artikel über die kritische Haltung FBs gegenüber den Daten ihrer User gelesen habe, bin ich auch nachdenklicher geworden.
      Dabei aber eben aber auch auf die Frage gestoßen, was mich eigentlich (so wie dich) so sicher macht, dass die anderen „Firmen“, mit denen ich zusammenarbeite, sorgfältiger mit meinen Daten umgehen. Wieso bin ich da bei meiner Bank so sicher? Weil das Finanzamt bisher immer zufrieden war? Wieso meine Krankenkasse?
      Dass es daran liegt, dass ich noch keine Nachteile erlebt habe durch sie, ist mir irgendwie zu wenig – denn durch FB ist mir auch noch nichts Übles zugestoßen. Dass ich aber schon vor FB dauernd unerwünschte Werbepost bekam, weiß ich – mein Hausarzt erzählte mir, dass er am Anfang, nachdem er seine Praix eröffnet hatte, dauernd Post von Mercedes Benz bekam…

      Was ich sagen will: ich sehe die Gefahr bei FB auch vor allem dort, wo unbedarftere Menschen als ich mit Teilen meiner Daten spielen können. Meine Zweifel bleiben aber nicht allein in Bezug auf FB stehen. Warum traue ich meiner Bank?

      • Ich habe hinter meinem ersten Satz den Smily vergessen. Bei keiner Firma kann man sich sicher sein, wie sie mit meinen Daten umgeht, deswegen reiht sich Facebook auch in diese Linie ein – so verstehe ich dein Argument. Das lässt sich umdrehen.
        Viele Firmen, die von Daten besitzen, habe diese schon missbraucht oder hatten das zumindest vor, z.B. der Skandal mit den EC-Kartendaten. Wenn sich Daten also wirtschaftlich im Sinne einer Profitmaximierung verwerten lassen, dann wird es auch geschehen. Und jede Bank, jede Krankenkasse usw. kann aufgrund der Daten in Facebook, die schon heute öffentlich sind, wahrscheinlich viel treffsichere Aussagen über die Kreditwürdigkeit oder den Gesundheitszustand eines Menschen machen als das mit Scoringdaten je möglich wäre. Diese Daten sind zudem ja öffentlich zugänglich und heute schon automatisiert auswertbar. Minority Report scheint nicht mehr fern – es ist schon gedacht worden.
        Werbung ist das allerkleinste Problem und zudem ein Vorteil, wenn sie auch mich zugeschnitten ist. An den Werbezetteln nervt dich ja eigentlich nur, dass zu z.B. keine Kleidung für 60jährige oder Klopuppen kaufen willst. Vielleicht würdest du dich aber über gezielte Werbung zu Geek-Artikeln freuen. Ich müsste den Applekram nicht mehr sehen – ein echter Vorteil personalisierter Werbung.
        FB muss gar nicht „böse“ sein, damit sich Daten darüberhinaus völlig unbemerkt wirtschaftlich verwenden lassen. Sollte sowas einmal herauskommen oder geschehen, werden die User wahrscheinlich sagen: „Ach, ist ja so nett hier – wir müssen bloß das Verhalten FBs in diesem Bereich ändern!“ – oder sie werden sagen: „Die böse, böse Bank gibt mir nicht die besten Konditionen, weil sie gegen die Richtlinien von FB verstößt und meine Daten (die ICH Bit für Bit öffentlich gemacht habe) nutzt.“ Über die erweiterten Möglichkeiten des Staates habe ich ja schon gesprochen.

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