Frühlings Erwachen, Aufklärungsszene

Frau Bergmann Denk dir, Wendla, diese Nacht war der Storch bei ihr und hat ihr einen kleinen Jungen gebracht.

[…]

Wendla Ein Mann, Mutter – dreimal so groß wie ein Ochse! – mit Füßen wie Dampfschiffe…!

Frau Bergmann (ans Fenster stürzend) Nicht möglich! – Nicht möglich! –

2. Akt, 2. Szene

Diese beiden Textstellen stehen nicht zusammen, sondern sind durch ca. eine Seite Text eines recht sprunghaften Dialoges voneinander getrennt. Schüler, 9. Klasse (sinngemäß):

„Also Wendla macht doch hier genau das Gleiche, was die Mutter mit ihr macht. Sie tischt ihr eine Lügengeschichte auf und an der Mutter lässt sich erkennen, wie eine normale Reaktion darauf aussehen muss: Unglauben. Spannend ist doch auch, dass Wendla hier einen Rollenwechsel vornimmt: Sie handelt wie ihre Mutter, spiegelt quasi ihr Verhalten.“

Tatsächlich klärt Frau Bergmann ihre Tochter nicht auf, sie bekommt die „Influenza“ (Schwangerschaft) , die durch Frau Schmitter „geheilt“ (Abtreibung) werden muss – an den Folgen dieser „Heilung“ (Infektion) wird Wendla sterben.

Da wir uns dem Thema Interpretation erst langsam nähern, hat mich insbesondere dieser für mich sehr neue Denkansatz zum „Knacken der Szene“ umgehauen – so sehr, dass ich ihn hier einfach festhalten muss.

Ich kann den Text für eine leistungsstarke 9. Klasse immer wieder empfehlen, weil man sich in dem betreffenden Alter noch heute „so verhält“ wie teilweise die Figuren des Dramas. Und wie man sieht, lässt sich daran eine Menge zeigen, weil es einfach inhaltlich, sprachlich und formal schön geschrieben ist.

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