Dazu ein Beispiel aus dem Schulalltag: Eine typische Gruppenarbeit im Fach Deutsch könnte z.B. so aussehen, dass ein komplizierter Text in Abschnitte zerlegt wird und jede Kleingruppe jeweils einen Abschnitt zur Bearbeitung erhält. Bei dieser arbeitsteiligen Form ist auf den ersten Blick die Effizienz höher und auch die letzte Gruppe hat etwas zu präsentieren, was für das Gesamtergebnis wichtig ist. In einem Unterrichtsgespräch oder durch eine andere Form werden die einzelnen Gruppenarbeitsergebnisse zusammengeführt. Jetzt werfen wir einmal einen Blick auf den Schaffensprozess innerhalb einer solchen Kleingruppe:
- jedes Gruppenmitglied liest seinen Abschnitt zunächst für sich und markiert bzw. fügt Notizen hinzu (Phase 1)
- die gewonnenen Erkenntnisse werden zusammengetragen (Phase 2)
- er erfolgt in einer Diskussion eine Kategorisierung und Hierarchisierung (Phase 3)
- es wird ein Gruppenvortrag auf Basis der gewonnenen Ergebnisse erarbeitet (Phase 4)
- der Gruppenvortrag wird im Plenum präsentiert (Phase 5)
Dabei möchte ich folgende Beobachtungen festhalten:
- Dokumentiert ist am Ende der Arbeit das Arbeitsergebnis, jedoch nicht der Prozess von dessen Entstehung
- Gruppen werden von einzelnen Mitgliedern oft dominiert, während – abhängig von der Gruppengröße – sich auch Rückzugsmöglichkeiten für einzelne ergeben
Was für ein Prozess ist innerhalb einer Wave denkbar?
Nehmen wir an, die obige Aufgabe sei als Wave konzipiert. Nehmen wir ferner an, die Gruppenarbeit liefe im PC-Raum ab. Man muss bei Wave noch wissen, dass das System jeden Tastendruck sofort abbildet (abschaltbar).
Große Hoffnungen werden zur Zeit in das LMS “Moodle” gesetzt. Stichworte wie “Schüleraktivierung”, “Dokumentierbarkeit von Schülerleistungen” und “Weg vom klassischen Frontalunterricht” machen unter Moodlenutzern die Runde. Und tatsächlich: Sinnvoll als methodische Ergänzung zum eigenen Unterricht eingesetzt, leistet Moodle genau das.
Moodle birgt aber auch die Gefahr einer großen Verführung für den Lehrenden: Schließlich setzt er Moodle ein, ist damit schon “modern” und kann sich dadurch effektiv innerhalb eines Kollegiums profilieren. So wird gerade zu Anfang der Moodlenutzung vergessen, dass Schülerinnen und Schüler gerade aus einem ganz bestimmten Grund in die Schule – also in ein Gebäude außerhalb der eigenen vier Wände – gehen: Soziale Kontakte und Lernatmosphäre. Ich mache die Erfahrung, dass ich von Menschen, denen ich vertraue und die ich für integer halte, schneller und besser lerne, als von anderen Persönlichkeitstypen. Wie sieht es mit der Persönlichkeit eines Rechners aus?
Flüchten wir als Lehrende nicht oft genug ein stückweit vor der pädagogischen Verantwortung, wenn wir z.B. am Freitag in der 5. oder 6. Stunde in den Computerraum gehen und dort den Schülerinnen und Schülern statt vorbereiteter, anfassbarer Materialien und echten Diskussionen PDFs und virtuelle Kontakte bieten? Was unterscheidet ein solches Lernen eigentlich von dem Einschieben einer Lern-CD in den heimischen PC?
Ein guter Lehrer wird nicht einfach den Satz “Nun sucht einmal im Internet zum Begriff…” durch eine Materialienanhäufung innerhalb eines Moodlekurses ersetzen – vielleicht sogar noch mit einem Wiki dabei, in das die im Netz gefundenen Ergebnisse per Drag’n Drop eingefügt werden. Er wird sich und seine Lernkontrollen nicht vollständig durch das Testmodul von Moodle substituieren.
Er wird Moodle vor allem als Instrument der Kommunikation außerhalb des Unterrichts entwickeln – das größte Potential sehe ich hierbei in der Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen, angefangen vom zwanglosen Materialaustausch bis hin zur gemeinsamen Verwaltung von Terminen oder der dem fachlichen Austausch.
Wenn Moodle der Lehrende wird, ist Moodle schlecht und falsch verstanden eingesetzt. Moodle muss und darf lediglich das Instrument des Lehrenden sein.


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