Blogparade: Lehrer von morgen heute denken.

Dejan Mihajlovic ruft zu einer Blogparade zum Profil kommender Lehrkräfte auf. Ich versuche, das mal auf fünf Punkte einzudampfen. Die Lehrkraft von morgen

  • verfügt über profundes, vernetztes und stets hinterfragtes Fachwissen und steht damit über dem Stoff, den sie vermittelt.
  • ist in der Lage, Schulentwicklung über die Bedürfnisse der eigenen Person hinaus mitzugestalten oder mitzutragen.
  • ist in der Lage, eigene Denk- und Unterrichtsstrukturen zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.
  • erkennt den Wert explorativen und experimentierfreudigen Verhaltens und nimmt das nicht als Belastung wahr.
  • stelllt sich immer wieder der Rückmeldung anderer Menschen, mit denen es in einem Team arbeitet.

Ich glaube, das reicht dann auch schon. Es zeigt aber auch den Kern der Problematik:

  1. Wie wähle ich Lehrpersonen dann aus?
  2. Welche dieser Eigenschaften sind vermittelbar und welche nicht?
  3. Wer vermittelt wie?
  4. Ist das dahinterstehende Menschenbild realistisch?

Zukunftsapodiktionen

Hinweis:

Das folgende Interview ist eine Fiktion. Eine einseitige Fiktion, in die jede gutmeinende Kraft des heutigen Netzes – etwas Boshaftigkeit vorausgesetzt – integriert werden kann. Der Gegentext existiert auch schon in meinem Kopf, klingt aber bei Weitem nicht so realistisch :o)…

 

Erstmalig ist es Reportern der Haute Daily gelungen, Eric Baldwin, CEO des Internetmonopolisten „Event Horizon Inc.“ zu einem Interview anlässlich der Implementierung des Ethikrates innerhalb des Unternehmens zu bewegen. Details zu diesem Rat wurden durch den Whistleblower Peter Foomatic im Verlauf des letzten Jahres bekannt.

HD: Herr Baldwin, wie kam es zu der Einsetzung es Ethikrates bzw. überhaupt zu der Idee, technologische Innovation durch Philosophen, Rechtsgelehrte und Volkswirte begleiten bzw. die spätere Umsetzung selbst von ethischen Kategorien abhängig zu machen?

EB: Dazu müsste man weit in die Geschichte des Internets zurückgehen, die ja auch Teil der Geschichte unseres Unternehmens ist. Im Grunde genommen ist der Ethikrat Ausdruck einer Arroganz. Verkürzt dargestellt wollen wir den Nutzer vor sich selbst schützen.

HD: Das bedarf jetzt aber einer Erläuterung, Herr Baldwin!

EB: Wir gehen einmal in die Jahre 2008-2018 zurück, also in eine Zeit, in der der Peachkonzern noch selbstständige Aktiengesellschaft war, bevor er schließlich in unserem Konsortium aufging. Peach ist es gelungen, einen fundamentalen Bedarf in der Bevölkerung zu decken, der sich in den Jahren zuvor in der Auseinandersetzung mit dem Betriebssystem „Weichfenster“ entwickelt hatte: Technik als Gegner und Zeitfresser, der User als ständiger Verlierer. Vor allem letzteres hatte immense psychologische Konsequenzen: Niemand steht gerne hilflos da, das Belohnungssystem unseres Gehirns braucht Erfolgserlebnisse. Mit Peachprodukten waren auf einmal diese Erfolgserlebnisse wieder da: Man konnte Daten über mehrere Geräte hinweg synchronisieren, man konnte Medien auf einfache Art und Weise an fast jedem Ort konsumieren, man konnte sein Zeit effektiver gestalten durch z.B. eine funktionierende Terminverwaltung und Bündelung der Kommunikationswege – man konnte überhaupt „sein Netz“ überall hin mitnehmen – das pTalk, erstes SMARTPhone seiner Art,  hat die Welt verändert: Ergo man war in seiner Wahrnehmung technisch wieder kompetent und zahlte dafür auch gerne.

HD: Ein profitables Geschäftsmodell, das im Wesentlichen auf Niedriglohnpolitik in Asien basierte, quasi eine moderne Form des Koloniallismus.

EB: Nennen Sie mir eine Firma, die dieses Prinzip in dieser Periode nicht verfolgt hat. Die Anforderungen des Marktes waren halt so. Es ging nicht um eine lange Nutzungsdauer oder Nachhaltigkeit der Geräte. Speziell Peachgeräte wiesen zwar eine lange Lebensdauer auf, jedoch wollten die Nutzer immer etwas Neues, was kurze Innovations- und Produktionszyklen erforderte, damit das Unternehmen wirtschaftlich wachsen und die Ansprüche seiner Aktionäre bedienen konnte. Also war das primäre Ziel Wirtschaftlichkeit, hier insbesondere in Form hoher Margen. Weiterhin war es Strategie, die Kunden an das eigene Ökosystem zu binden, wie es Searchiegigant schon etwas länger vormachte. Den Kunden machte das wenig aus, da das Ganze bei Peachgeräten eben einfach funktionierte und bei Searchiegigant eben technisch leistungsfähig und kostenlos war.

HD: Also eine Befreiung durch technologische Innovation. 

EB: Ja und nein. Diese Zeit ist Ursprung einer Entwicklung, die wir heute kritisch sehen. Wir haben hervorragend davon gelebt, dass die Nutzer in der Mehrzahl technisch weitgehend inkompetent waren. Sie können oder wollen Ihren DSL-Router nicht konfigurieren? Kein Problem, sie bekommen von uns eine fernwartbare Blackbox. Ihr Betriebssystem soll einfach funktionieren? Gerne, wir konfigurieren es zentral aus der Cloud usw.. So kam es, dass die meisten Nutzer sich zwar auf einer kommunikative Ebene kompetent im Netz bewegen konnten, von der Funktionsweise von Hard- und Software aber zunehmend entfremdet wurden – genau das war das Geschäftsmodell, da wir so Abhängigkeiten schaffen konnten, die zu einer Kundenbindung führten.

HD: Aber es gab doch immer schon kritische Stimmen. Vor allen in den damaligen klassischen Printmedien fanden in den Feuilletons und in zahlreichen Blogs dezidierte Auseinandersetzungen mit ihren Geschäftspraktiken statt. Wollen Sie Ihre damaligen Kunden als inkompetent darstellen? 

EB: Als technologisch (das ist eine wichtige Einschränkung!) inkompetent und vor allem naiv, ja. Das klingt hart. Aber aus dieser Zeit stammen aber alle Daten, die wir heute für die Geschäftszweige nutzen, die für uns die profitabelsten sind. Die Entwicklung hin zu neuen Geschäftsfeldern wie dem Versicherungs- und dem Kreditwesen basiert auf Daten, die die Menschen uns freiwillig gegeben haben auf Plattformen, die sie als integral für ihr Leben empfunden haben und immer noch empfinden. Dabei haben wir anfänglich die Algorithmen bewusst „dumm“ gestaltet: Wer z.B. eine Kaffeemaschine kaufte, bekam über unsere Werbenetzwerke nur noch Kaffeemaschinen in Werbeanzeigen angepriesen. Er konnte dann mit dem Finger auf uns zeigen und sagen: „Schaut her, was für eine dämliche Algorithmik!“ Es war wichtig, Menschen dieses Überlegenheitsgefühl gegenüber Technik zu geben, obwohl sie schon längst davon entfremdet waren, damit sie uns weiter Informationen über sich lieferten.

Wir können heute so die verlässlichsten Aussagen zu Kreditwürdigkeit eines Menschen machen. Wir wissen heute über den Lebenswandel und damit über mögliche gesundheitliche Risiken eine Menge, sodass wir maßgeschneiderte Tarife anbieten können. Ebenso helfen uns die gesammelten Geodaten von Tablets und Handys, um Aussagen über das Fahr- und Reiseverhalten machen zu können. Damit zahlt jeder bei uns für sein individuelles Risikoprofil. Im Prinzip profitieren diejenigen davon, die sich möglichst risikoarm im Sinne unserer Algorithmik verhalten – was für unsere Entwicklungsabteilung hinsichtlich der Nachwuchsaquise zunehmend problematisch wird – dazu aber später mehr. Es ging ja um die Naivität: Die Naivität bestand darin zu glauben, dass persönliche Daten für niemanden einen Wert besitzen. Dass dem nicht so ist, wurde durch die Snowden-Affäre zwar überdeutlich, aber die Konsequenz für die meisten Nutzer wäre gewesen, Bequemlichkeiten aufgeben zu müssen – und sei es nur die Bequemlichkeit, die politischen Gruppen nicht aktiv oder passiv zu unterstützen, die uns hätten Paroli bieten können. Das erschien jedoch den meisten nicht realistisch, ja es ging sogar noch weiter: Mahner in dieser Entwicklung wurden oft als rechthaberisch, bzw. von „oben herab“ empfunden. Psychologisch verständlich, da ihnen zu folgen bedeutet hätte, Verhalten ändern zu müssen. Für uns lief das so schon ganz gut.

Dabei kam uns zusätzlich eine Paradoxie sehr zu pass: Gegenüber dem Staat gab es enorme Empfindlichkeiten, wenn dieser seine Zugriffsmöglichkeiten erweitern wollte, gegenüber uns nicht. Der Staat musste zumindest demokratische Konsequenzen befürchten – im Prinzip konnte man Regierungen abwählen, wir konnten die Informationsströme so steuern, dass unsere Begehrlichkeiten und Verfehlungen  nicht lange im Fokus der Öffentlichkeit blieben. Mit jeder AGB-Änderung im Juristendeutsch konnten wir austarieren, wie weit man gehen konnte. Das las ja niemand und liest es bis heute nicht. Die gut gemeinten staatlichen Aufklärungspflichten kamen uns dabei sehr entgegen, weil sie die Vertragswerke lediglich weiter aufbliesen.

Der Staat hätte uns zwar politisch Einhalt gebieten können, aber das hätte kaum eine Regierung länger als eine Legislaturperiode überlebt. Deshalb der Deal mit den standardisierten Schnittstellen wie in den frühen Anfängen die SINA-Box. Das Staat bekam die Informationen, die er meinte zu brauchen und ließ im Gegenzug uns dafür in Ruhe.

HD: Sie leben doch ausgesprochen gut von der Taktik, die Sie da gefahren haben. Sollten Sie den Nutzerinnen und Nutzern nicht dankbar sein?

EB: Unsere Natur ist nicht die Dankbarkeit. Das ist ein wirtschaftliches Überlebensprinzip. Und es war kein Plan, sondern es hat eben so ergeben, weil es unsere Natur ist. Und es wäre so nicht möglich gewesen, wenn wir die Welt für den Nutzer nicht auch zum Positiven gewendet hätten. Der Zugang zu Bildung, Kunst und Kultur ist durch uns weltweit für jedermann möglich geworden. Jeder konnte auf einmal ein Sender sein und seine Ideen verwirklichen – freilich blieben die meisten Konsumenten. Das ist objektiv ein medialer Wandel, der ohne Weiteres mit dem des Buchdrucks ergleichbar ist. Dabei haben wir nie zwischen großen und kleinen Playern unterschieden, sondern vor allem unsere Suchalgorithmen nach qualitativen, möglichst neutralen Gesichtspunkten gestaltet. Wer keine Qualität in unserem Sinne bieten konnte, musste sich eben hochkaufen, indem er uns direkt Geld bezahlte oder sein Glück mit SEO-Agenturen versuchte, mit denen wir uns immer ein Rennen lieferten, was für die SEOs schlussendlich nicht zu gewinnen war. Das merkten die Kunden dann und zahlten gleich direkt an uns.

Taktiken gab es aber auch: So suchten wir uns gezielt Personen, die in den sozialen Netzwerken über einen hohen Reputationsgrad verfügten, um vorgeblich kritische Meinungen zu streuen, die aber letztlich in unserem Sinne waren. Die Idee kam dabei von Agenturen, die über eingekaufte Agenten Produktbewertungen platzierten. Wir mussten lernen, wie diese Bewertungen zu formulieren waren, damit sie als authentisch aktzeptiert wurden. So ließen sich auch Warenströme steuern und Überkapazitäten viel geschickter nutzen als über klar erkennbare Abschreibungskampagnen, wenn sich ein Hersteller mal hinsichtlich der Attraktivität seines Produktes verkalkulierte und es zum Schleuderpreis auf den vorwiegend dann Bildungsmarkt warf. Im Bildungsmarkt zielten wir dabei auf Multiplikatoren. Wenn man diesem das lang verlorene Kompetenzgefühl in technischen Dingen zurückgab, kauften Sie auch Geräte zum Normalpreis und warben Gelder für die Beschaffung größerer Chargen wie selbstverständlich ein. „Psychology overrides costs“ sagte da unser Vertrieb immer.

HD: Das ist doch unglaublich unfair. Gerade der Bildungsbereich war doch über Jahre dem technischen Fortschritt weit hinterher. Werfen Sie jetzt den dort Tätigen auf noch Naivität und Unwissenheit vor, denen doch vorwiegend das Aufholen dieses Rückstands und damit die Vorbereitung der ihnen anvertrauten Menschen auf den Arbeitsmarkt am Herzen lag und – mit Verlaub – auch immer liegen wird?

EB: Die Motive dieser Menschen stelle ich doch nicht infrage. Wir haben doch gerade die Situation, die sie da beschreiben zu nutzen gewusst, wobei beide Seiten schlussendlich profitiert haben. Daran ist nichts verwerflich. Wir hatten etwas, was andere nicht hatten und es ihnen verkauft. So ist das in unserem Wirtschaftssystem. Hätte man jetzt alle dazu nötigen sollen OpenSource-Produkte einzusetzen und alles an möglichen Diensten selbst zu hosten? Sie haben vielleicht schon vergessen, wie es um die Patchlevel der allermeisten Joomla!-Installationen von Schulen bestellt war und hätten dann das Gejammer hören sollen, wenn wir diese wegen Virenbefall aus den Suchergebnissen ausgelistet haben. Lehrer und Bildungstreibende waren bemüht, aber letztendlich doch eher dilletantisch bei der technischen Umsetzung. Das können wir besser, verlässlicher und vor allem sicherer. Das zeigt die Zuverlässigkeit unserer Dienste über Jahre hinweg. Wenn der Staat es anders gewollt hätte, wäre sogar mit uns etwas möglich gewesen.

Aber der Staat war den veränderten Umständen mit seinen althergebrachten politischen System nicht gewachsen, quasi kaum noch reaktionsfähig – anders sind Entwicklungen wie das damalige Leistungsschutzrecht kaum zu erklären. Die einst mächtigen Presseverlage sind aber dann ja schlussendlich an ihrer Personal- und Vergütungspolitik zugrunde gegangen. Wir bieten Buchautoren und Journalisten mittlerweile profitablere Verdienstmöglichkeiten.

HD: Und Sie haben selbst von unzähligen kostenlos agierenden Leistungsträgern profitiert.

EB: Natürlich nutzen wir Entwicklungen aus dem OpenSourcebereich. Natürlich verbessern wir unsere Texterkennungs- und Übersetzungsalgorithmen mit Hilfe von Menschen, die davon kaum etwas mitbekommen. Nur ist der Beitrag jedes Einzelnen dabei so minimal, dass man da kaum von Ausnutzung sprechen kann. Die Menschen geben uns diese Leistung freiwillig, genau wie damals bei Wikipedia, das wir nun als Projekt weiterentwickeln und es geschafft haben, die Autorenknappheit maßgeblich zu kompensieren.

HD: Sind nicht Sie mittlerweile derjenige, der für uns die Partner aufgrund der Social-Media-Profile über Gesichtserkennungsalgorithmen aussucht? Steuern Sie nicht die Interessen des Einzelnen durch maßgeschneiderte Suchergebnisse? Kontrollieren Sie nicht damit auch das Wissen? Sind Sie nicht schon viel zu mächtig geworden?

EB: Genau das ist unser momentanes Problem, weswegen wir zukünftig jede technologische Innovation durch eine Ethikkommission begleiten lassen wollen. Die Leute sehen mehr und mehr das, was unsere Algorithmik als sinnvoll für sie auswählt. Wir führen genau darauf zurück, dass wir immer weniger kreative Köpfe für die Arbeit in unserem Unternehmen finden. Die meisten Bewerber können wohl Bekanntes reassemblieren und remedialisieren und das auch ästhetisch ansprechend, aber es fehlt zunehmend an fundiertem technologischen Wissen (das haben auch wir der Bevölkerung „wegerzogen“) gepaart mit Quertreiberei. Die Absolventen sind uns zu uniform, so sehr auf das gefällige Lösen immer neuer Aufgaben gepolt. Sie gehen insgesamt weniger Risiken ein. Sie haben oft Angst, im privaten Bereich Veränderungen hinnehmen zu müssen und passen sich daher im Beruf aus unserer Sicht zu stark an.

Deswegen wollen wir nun selbst das Rad ein wenig zurückdrehen und darüber diskutieren, was es eigentlich bedeutet, wenn eine Frau einem Mann in einer Bar keinen Drink ausgibt, weil ihr unser Gesichtserkennungsalgorithmus mitgeteilt hat, dass sie mit der „Zielperson“ aufgrund unterschiedlicher Interessen und des vorangehenden Lebenswandels nicht kompatibel ist. Unsere Vorstellung von Kompatibilität hat eben immer auch ethische Dimensionen.

Warum sollte weiterhin der schon zweimal gescheiterte Start-Up-Gründer nicht kreditwürdig sein, wenn es doch in seinem Scheitern vielleicht für den dritten Versuch gereift ist. Wo liegen da die Grenzen der Algorithmik, wo ihre Chancen?

Im Grunde genommen waren diese Fragen immer schon da – etwa als die damalige automatische Ergänzung von Suchbegriffen Personen in eine eindeutige „Ecke“ stellten und Gerichtsentscheidungen uns da Einhalt geboten. Entscheidend für die Person ist ja nicht, dass diese Daten aus Anfragen Dritter algorithmisiert wurden – entscheidend ist die daraus resultierende Wahrnehmung.

Für uns war in der Rückschau sehr wichtig, dass es Leute gab, die die Existenz von Privatssphäre und so etwas wie Eigentum an Daten als Relikte der bürgerlichen Welt abtaten, weil es uns eben weit mehr nützte als den Gutmenschen in ihrem Glauben an eine bessere Welt. Auch das ist ethisch schwierig, wie wir heute wissen.

HD: Wir danken ihnen für dieses Gespräch, Herr Baldwin!

Macht eine Technologie wie LTE ein Netzwerk in der Schule überflüssig?

In Schulen eigene, teure Netzwerkinfrastruktur aufzubauen sei irgendwann überflüssig, da schließlich mit UMTS und LTE neue Technologien zur Verfügung stünden, die in absehbarer Zeit jedwede eigene technische Installationen überflüssig machten – dieses Argument höre ich sehr häufig im Netz und lese es auch gelegentlich in ernstzunehmenden journalistischen Texten.

Ich bin kein Spezialist für Kommunikationstechnik, möchte aber dennoch begründen, warum ich dieses Argument von einem heutigen Standpunkt aus nicht gelten lassen will. Dazu muss ich etwas ausholen:

LTE und UMTS sind sogenannte Shared-Medien, d.h. alle Nutzer einer Funkzelle auf einem Sendemast teilen sich die maximalen Bandbreiten, die mit diesen Funktechnologien möglich sind. Der Datentransport bei UMTS und LTE ist ziemlich genial gelöst, so dass das erstmal nicht so auffällt. Ein gutes Bild dafür findet sich in diesem Artikel:  LTE und UMTS-Masten senden ein Frequenzmischmasch, was mit den Stimmen auf einer WG-Party vergleichbar ist. In diesem Unterhaltungsbrei werden simultan unglaublich viele Informationen ausgetauscht. Der Umfang dieser Klangmenge ist begrenzt durch die Anzahl der Sprechenden, die akkustische Verhältnisse und die Gesamtlautstärke. Um eine bestimmte Information aus diesem Unterhaltungsbrei herauszuhören, muss ich mich auf die Stimme und das Gesicht eines Menschen konzentrieren.

Ein Handy oder Pad mit UMTS-Modul „konzentriert“ sich nicht auf Stimmen, aber es erkennt die für sich bestimmten Pakete („Worte“) in diesen Frequenzbrei an einem Schlüssel, den es vorher mit der Basis ausgehandelt hat. Je mehr Teilnehmer „zuhören“, desto mehr muss verschlüsselt und entschlüsselt werden und desto niedriger ist die zu Verfügung stehende Bandbreite.Die Übergabe an eine andere Funkzelle ist wegen der Verschlüsselung technisch nicht trivial – daher stockt heute schon im UMTS-Betrieb gerne mal der Datenstrom im Zug.

Die Einstiegsklasse bei LTE beträgt etwa 21Mbit/s. Das entspricht etwa 1/50 der heute mit günstigen Schraddelkabelnetzen erreichbaren Geschwindigkeit. Surfen 25 SuS in einem Raum mit ihren Pads, bleibt für jeden eine Bandbreite von 0,84Mbit/s, also etwa DSL768. Macht das unsere Schule mit der Hälfte (700) der Schüler gleichzeitig, sind es noch 0,03Mbit/s – also etwa Modemgeschwindigkeit. Allerdings unter folgender Idealisierung:

  • es entsteht kein Overhead durch die Verschlüsselung/Protokollfehlerkorrektur
  • die Verhältnisse erlauben die Verbindung mit Maximalspeed
  • die Geräte stören sich nicht gegenseitig
  • in der Funkzelle ist niemand außer den SuS unterwegs

Mit einem billigen Schraddelnetzwerkkabel und x Accesspoints der neusten Generation (ca. in einem Jahr), erreichen unsere 700 Schüler eine Geschwindigkeit von 1,4Mbit/s – garantiert. Das reicht für HD-Material durchaus aus – wenn es gut kodiert ist. Und es geht schon heute – nicht erst wenn der LTE-Ausbau vorangeschritten ist. Voraussetzung ist hier natürlich auch wie beim Mobilfunksendemast ein geeignet dimensionierter Uplink ins Netz.

Man kann das dadurch lösen, dass man mehr Funkzellen baut, stößt dabei aber auch irgendwann an Grenzen, da der für UMTS und LTE nutzbare Frequenzbereich schmal ist und unter mehreren Mitbewerbern auf dem Markt aufgeteilt werden muss. Zudem eignet sich für Mobilfunkanwendungen eben nicht jeder Frequenzbereich gleichermaßen gut.Die Strahlenbelastung sinkt übrigens paradoxerweise durch den Aufbau weiterer Masten. Handys funken dann am stärksten, wenn sie auf dem letzten Balken röcheln.

Die Geschwindigkeitszuwächse im Mobilfunkbereich der letzten Jahre sind im Vergleich zum klassischen WLAN- und LAN-Bereich eher niedlich. Gerade in der Glasfaser steckt erhebliches Potential. Noch nicht im Ansatz ausgeschöpft sind die Möglichkeiten von Ad-Hoc-Netzen, die es zurzeit nur zu horrenden Preisen als fertige Lösungen oder eben gebastelt mit frickeligen Clienteinstellungen gibt, die dann niemand versteht.  Ich stelle mir den Unterricht der Zukunft schon mit qualitativ hochwertigen und damit bandbreitenhungrigen Medien vor. Video- und Audiokonferenzen mit anderen Schulen auf der Welt wären doch auch was.

In Zeiten von ACTA möchte ich zudem nicht auf rein cloudbasierte Lösungen angewiesen sein und eine großer Vertrag (Internetuplink) kommt in der Regel immer günstiger als 1400 kleine Einzelverträge.

Wäre UMTS/LTE wirklich eine Lösung, würde ich heute in Betrieben Femtozellen erwarten. Die gibt es, z.B. bei Google. Aber dort übertragen sie Telefongespräche und keine Multimediadaten. Wäre UMTS/LTE für die lokale Anbindung von Geräten an das Internet eine nachhaltige Lösung, wären doch große Player die ersten, die so etwas nutzen.

Vielleicht spielt bei den LTE-Hoffnungen eher hinein, dass an Schulen extrem schlechte Erfahrungen mit den Netzwerken gemacht werden. Das liegt aber an anderen Dingen, z.B. an der Auslegung derselben. Klar funktioniert UMTS/LTE super – aber selbst ein GSM-Netz bricht zusammen, wenn viele Endgeräte auf engem Raum zusammenkommen. Und dann gibt es keinen Schulträger, den man fragen kann, sondern einen Technologiepartner aus der Wirtschaft, an den man selbst und die SuS mit Zeitverträgen gebunden ist. Meine Definition von Freiheit sieht da anders aus.

Die Entwicklung in diesem Bereich geht weiter – klar. Unglaublich viel habe ich hier unglaublich vereinfacht dargestellt. Aber auch die Physik wird weiter gelten. Frequenzen sind unglaublich wertvoll und gehen für Milliarden über den Tisch. Nicht nur internetbasierte Dienste schielen auf Geschäftsmodelle auf Basis von Kommunikationsnetzen.

Heute in der Schule – Paralleluniversum

Ich komme in unseren Raum und sie trinken Tee und moffeln auf ein paar Minibrötchen herum. Irgendwer hat die Kaffeemaschine angeworfen. Nach ein wenig Smalltalk setzen sich alle in einen Kreis. Dann läuft ein Ritual: Jeder erzählt, welcher Rest bzw. welche Reste aus dem letzten Tagen übriggeblieben sind. Dann stellt jeder das vor, was er heute zu tun gedenkt. Aus der Gruppe kommen Tipps, welcher Lerncoach sich z.B. fachlich in der und der Sache am besten auskennt oder wer ein geeignetes Tool erklären kann, um die selbstgestellten Aufgaben möglichst effektiv anzugehen. Bei 15 Leuten aus vier Jahrgängen dauert das ein wenig.

  1. Tarik hat sich bisher immer vor Mathe gedrückt und sich im Schreiben weiterentwickelt – Hanne ist zwei Jahre älter und kann ihn dabei unterstützen.
  2. Hanne hat gerade ihre Präsentation zum Problem der Westtangente um unsere Stadt fertig und wird die Präsentations- und Präsenzzeit um 14:00 Uhr für ihren Vortrag nutzen. Dabei muss sie natürlich auch Josie, unser jüngstes Stammgruppenmitglied ansprechen. Sie hat in der letzte Woche viel mit Peter gemacht, der im Web2.0 zu Hause ist und Leute sowie Tools kennt.
  3. Kincaid ist gerade total von der Rolle. Irgendwelche Hormone spielen da verrückt. Er gibt in der Präsenzzeit nur blöde Kommentare von sich. Sportcoach Jürgensen bietet heute Krafttraining an.
  4. Isabell kommt mit der Photometriegeschichte zum Koffeinnachweis in verschiedenen Getränken nicht weiter. Ist in dem speziellen Fall ohne Kenntnisse im Bereich der elektrophilen Addition und der Periodide nicht so leicht. Da werden wir zwei wohl zu anderen zuerst ins Labor gehen. Da gibt es aber auch den Dr. Schmidt – ziemlicher Spezialist und als Coach kaum einsetzbar, aber eine fachliche Ikone.

[…]

Der Morgenkreis war heute irgendwie ziemlich komplex in unserer Stammgruppe aus 15 Menschen. Normalerweise stecken mindestens 50% gerade in irgendwelchen Projekten und brauchen eigentlich nur noch den einen oder anderen vorbereiteten Stups in die und die Richtung. Wir Coaches tauschen uns dazu in virtuellen, fachbezogenen Räumen aus, machen ggf. dort gepostete Links und Materialverweise dem Schüler zugänglich oder gleich unsere ganze Konversation. Einmal die Woche treffen wir uns auch persönlich in der Schule in den entsprechenden Konferenzzimmern.

Vormittags pendeln wir zwischen verschiedenen Räumen und versuchen, bei Projekten, technischen Problemen zu helfen, spielen Versuchskaninchen für neue Präsentationstechniken und haben auch im Auge, dass jeder die zentralen staatlichen Prüfungen möglichst rund auf die Reihe bekommt. Dazu schauen wir regelmäßig in die Portfolios der Schülerinnen und Schüler. Glücklicherweise muss nicht jeder alle Prüfungen zur gleichen Zeit ablegen, aber es gibt gewisse Mindeststandards in jedem Fach – sowas wie die verschiedenen Gürtel in einer Kampfsportart. Das Schulportfoliosystem reiht die am wenigsten kommentierten Ansichten ganz oben ein, sodass wir Coaches immer wissen, wem wir wie Rückmeldung organisieren oder geben müssen. Nebenbei fallen uns dabei auch Konflikte und soziale Probleme auf. Wir können diese „Bewertungsarbeit“ in unserem Büro in der Schule oder gar mobil oder von zu Hause aus erledigen. Natülich erfolgt auch eine Auswertung unserer Arbeit durch das System (Ratings der Kommentare, Frequenz, zeitliche Nähe…).

Präsentationszeit – Hanne redet an einigen Stelle über die Köpfe der anderen hinweg – bekommt insgesamt jedoch ein brauchbares Feedback. Zoes Beitrag passt hervorragend zu einem der nächsten Aulaabende – wir geben dem Koordinator für das Programm Bescheid. Tagesabschlussrunde – nur ein kurzes Blitzlicht zum Stand der Dinge. Gegen 16:00 Uhr geht es ohne Hausaufgaben nach Hause. Stress hat es heute noch mit G. und F. gegeben – so viel Stress, dass sie morgen bei der Eröffnungsrunde fehlen werden. Unser Sozialpädagoge kümmert sich mit seinem Team um eine Regelung wegen der Sachbeschädigung.

Um 17:00 Uhr schalte ich meine Schulhardware aus (MobilePad). Die Vorbereitungen für den nächsten Tag hab ich dank unserer Teambüros noch am Tag selbst unterbringen können, da meine Sprechstunde heute nur wenig besucht war. Mal sehen, was morgen kommt – ach ja: Da ist ein Lebensmittellabor auf das Blog von Isabell aufmerksam geworden – gab schon so manches Praktikum in den Ferien für SuS dort…