Ist unser Verhalten algorithmisch vorhersagbar?

Am Wochen­en­de geis­ter­te ein ver­stö­ren­der Arti­kel durch Twit­ter - „Ich habe nur gezeigt, dass es die Bom­be gibt”. Mit der „Bom­be” war gemeint, dass ein For­scher namens Michal Kosin­ski glaubt anhand von Face­book-Likes recht inti­me Din­ge von Men­schen vor­her­sa­gen zu kön­nen — etwa die sexu­el­le Ori­en­tie­rung.

Den Ori­gi­nalt­text der Stu­die fin­det man hier, ers­te Aus­ein­an­der­set­zung mit der sta­tis­ti­schen Qua­li­tät hier. Die Stu­die wur­de schon vor eini­ger Zeit medi­al dis­ku­tiert, gewinnt natür­lich aber natür­lich im Kon­text des Brex­it oder der Trump­wahl wie­der an Bri­sanz: Sind bei­de Wah­len viel­leicht über Soci­al-Media-Bots gezielt mani­pu­liert wor­den? Nutzt viel­leicht sogar die AFD die­se Tech­no­lo­gie, um Wahl­er­geb­nis­se in ihrem Sinn zu beein­flus­sen?

Algo­rith­mi­sche Model­le, um das Ver­hal­ten von Men­schen vor­aus­zu­sa­gen oder zu simu­lie­ren, gibt es schon sehr lan­ge. Schon in den 60er Jah­ren ent­wi­ckel­te Joseph Wei­zen­baum ein nach heu­ti­gen Maß­stä­ben pri­mi­ti­ves Pro­gramm, um ein mensch­li­ches Gegen­über zu simu­lie­ren. Heu­te ken­nen wir digi­ta­le Assis­ten­ten wie Siri oder Cor­ta­na, die ein­fa­che Funk­tio­nen sprach­ba­siert zur Ver­fü­gung stel­len.

Etwas Ähn­li­ches macht ein Soci­al-Media-Bot. Im ein­fachs­ten Fall twit­tert er über das Wet­ter auf Basis von Wet­ter­da­ten aus einer Daten­bank. Bots gibt es unglaub­lich vie­le — man­che sind leicht als sol­che zu erken­nen, bei man­chen fällt es erst auf, wenn ver­sucht, mit ihnen in Inter­ak­ti­on zu tre­ten. Im Prin­zip ist schon ein Wor­d­Press­sys­tem, wel­ches bei neu­en Arti­keln direkt twit­tert, eine Art Bot. So etwas nutzt natür­lich auch die AFD — reiht sich damit aber in die Rei­he der ande­ren Par­tei­en ein.

Natür­lich lässt sich ein Bot prin­zi­pi­ell mit belie­bi­gen Daten kop­peln, also auch mit Daten­ban­ken zu Vor­her­sa­ge von mensch­li­chem Ver­hal­ten — Kon­sin­ski glaubt ja, eine sol­che auf Basis von öffent­lich zugäng­li­chen Pro­fil­da­ten erstel­len zu kön­nen.

Damit „sucht” der Bot im Fal­le der Trump­wahl also gezielt Pro­fi­le von Men­schen, die noch unent­schie­den sind und „ver­sorgt” die­se mit geeig­ne­ten Arti­keln oder schlägt Pro­fi­le vor, die Trump nahe ste­hen.

Die­se Vor­stel­lung wird in Tei­len des Inter­nets als „Angst­ma­che­rei” und „völ­lig über­zo­gen” abge­tan. Die algo­rith­mi­sche Ana­ly­se mensch­li­chen Ver­hal­tens habe sich oft genug als „Bull­shit” her­aus­ge­stellt. Der­ar­ti­ge Dar­stel­lun­gen sei­en also zu unter­las­sen (sie könn­ten die Bevöl­ke­rung ver­un­si­chern).

Das stimmt für mich nur teil­wei­se. Tat­säch­lich ist das bezo­gen auf den Trump- oder AFD-Kon­text wah­schein­lich Bull­shit. Mei­ne Lieb­lings­ge­schich­te ist die der Dro­ge­rie­markt­ket­te Tar­get, die algo­rith­misch bestim­men konn­te, ob eine Schwan­ger­schaft bei einer Frau vor­lag.

Um schwan­ge­re Frau­en zu beein­flus­sen, muss nicht zwin­gend etwas über deren Cha­rak­ter bekannt sein. Es reicht u.U. schon zu wis­sen, dass sie schwan­ger sind.

Hin­ter der „Angst­ma­che­reithe­se” ste­cken für mich gewis­se bil­dungs­bür­ger­lich-roman­ti­sche Grund­an­nah­men:

  1. Mensch­li­ches Ver­hal­ten ist sehr kom­plex, zu kom­plex, um einer algo­rith­mi­schen Ana­ly­se zugäng­lich zu sein.
  2. Men­schen sind auto­no­me Geschöp­fe mit einem frei­en Wil­len.
  3. Soci­al­me­dia erwei­tert den Hori­zont durch die Mög­lich­keit der unbe­grenz­ten Ver­net­zung.
  4. Das Inter­net ist eine Berei­che­rung der mensch­li­chen Aus­drucks­fä­hig­keit und Frei­heit.

Dem­ge­gen­über ste­hen über 50 Jah­re algo­rith­mi­sche Ent­wick­lungs­ar­beit und immense, bis­her wohl weit­ge­hend unge­nutz­te Daten­be­stän­de. Das Indi­vi­du­um kann man heu­te wohl (noch) nicht mit hin­rei­chen­der Genau­ig­keit bestim­men — außer Leh­rern mit ihren sehr typi­schen Tweets und Posts :o)…

Bei der Mas­se bin ich mir da nicht so sicher. Infor­ma­ti­ons­ver­brei­tung kos­tet heu­te kaum noch etwas, sodass auch mit Unschär­fe das Prin­zip der gro­ßen Zahl immer noch tra­gen wird. Bei knap­pen Ent­schei­dun­gen muss ich nicht alle adres­sie­ren. Weni­ge Pro­zent rei­chen u.U..

Das wäre natür­lich doof, weil es den Mythos des frei­en Inter­nets doch arg demon­tiert. Wenn Tech­no­lo­gie­kon­zer­ne und Agen­tu­ren bestim­men, was wir sehen und mit wem wir in Kon­takt tre­ten — schon irgend­wie eher feu­da­lis­tisch. Sehr beru­hi­gend, dass Goog­le, Face­book, Apple, Ama­zon und Micro­soft ja sehr trans­pa­rent dar­le­gen, wie ihr jewei­li­ger Algo­rith­mus eigent­lich arbei­tet.

Ach nee — das mit der Trans­pa­renz war ja nicht in die­ser Welt.

 

 

 

Das Internet und die Romantik

Die eine Geschich­te

Wir wis­sen z.B., dass digi­ta­le Daten­strö­me unauf­wän­dig und mit gerin­gen Kos­ten umfas­send über­wacht wer­den kön­nen. Die Algo­rith­mik für die Aus­wer­tung ist wahr­schein­lich noch pri­mi­tiv, aber da die Daten­spei­che­rung mit dem tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt auch immer effi­zi­en­ter wird, wer­den auch irgend­wann Daten nutz­bar, die vor Jah­ren auf­ge­zeich­net wor­den sind. Wäre das eine Rand­er­schei­nung — War­um wird die­ses The­ma so oft in Soci­al­Me­dia erwähnt?

Wir wis­sen, dass nicht nur Staa­ten die­se Mög­lich­keit nut­zen, son­dern auch die Pri­vat­wirt­schaft. Stück für Stück wer­den in Sala­mi­tak­tik uns immer umfas­sen­de­re Daten­ver­wer­tungs­ver­trä­ge, par­don — Nut­zungs­be­din­gun­gen vor­ge­setzt, die wir ger­ne anneh­men. Schließ­lich ist die gan­ze neue Dienste­welt ja mitt­ler­wei­le unver­zicht­bar für unser Leben. Ich glau­be, dass die­se Art der Daten­ver­ar­bei­tung immer wie­der die eigent­li­che Inspi­ra­ti­on für die staat­li­che Über­wa­chung bil­det.

Da das Digi­ta­le (das Mycel) mit kei­nem unse­rer Sin­ne für uns direkt erfahr­bar ist — ledig­lich die Erschei­nungs­for­men wie Bil­der, Vide­os, Tex­te (die Frucht­kör­per) spre­chen unse­re ein­ge­bau­ten Sin­ne an — gibt es noch viel zu wenig gesell­schaft­li­ches Bewusst­sein, um das immense Macht- und Beein­flus­sungs­po­ten­ti­al ein­zu­schät­zen — dafür bräuch­te es zudem m.E. infor­ma­ti­sche Kom­pe­tenz. Die Mög­lich­kei­ten des Users oder auch der der Com­mu­nities sind arg begrenzt, auch wenn es im Ein­zel­fall Erfol­ge geben mag. Die Sta­ke­hol­der sind die­je­ni­gen, die Daten­strö­me steu­ern und die Daten ver­wal­ten. Die­se Leu­te aus­zu­tan­zen ist tra­di­tio­nell schon immer die Domä­ne der tech­nisch(!) ver­sier­ten Hacker.

Wir wis­sen, dass tau­sen­de Jugend­li­che jeden Tag live aus ihrem Kin­der­zim­mer, ihren Klas­sen, „Was­weiß­man­noch-Woher” strea­men und sich einer Öffent­lich­keit prä­sen­tie­ren. Wir wis­sen als Lehr­kräf­te, dass die meis­ten unse­rer Mob­bing­fäl­le ihren Ursprung im Inter­net haben. Wenn ich mit Mit­ar­bei­tern aus Bera­tungs­stel­len rede, bekom­me ich die Rück­mel­dung, dass Bera­tungs­fäl­le mit Inter­net­be­zug stän­dig zuneh­men. Aus Umfra­gen wis­sen wir, dass ein nicht uner­heb­li­cher Anteil der heu­ti­gen Kin­der und Jugend­li­chen so ihre Erfah­run­gen mit dem Netz gemacht haben. Vor der Erwach­se­nen­welt macht das nicht halt. Casu­al Porn wird gera­de zu einem neu­en Hype — der Thrill ist gera­de die Nicht­ein­wil­li­gung der gezeig­ten Men­schen, ver­öf­fent­licht zu wer­den. Die Reak­tio­nen der Opfer sagen viel über den Zustand der Men­schen in die­sem Inter­net.

Ich glau­be und erfah­re zuneh­mend, dass der Anteil an Jugend­li­chen ste­tig wächst, die das Netz mit sei­nen Mög­lich­kei­ten so nutzt, wie wir Staats­bür­ger, Lehr­kräf­te, Medi­en­päd­ago­gen in unse­ren Träu­men und Fik­tio­nen das ger­ne hät­ten. Ich mache die Erfah­rung, dass von mei­nen dies­be­züg­li­chen Bemü­hun­gen in beson­de­rer Wei­se genau die Kin­der und Jugend­li­chen pro­fi­tie­ren, die von Hau­se aus dafür beson­ders sen­si­bi­li­siert und damit pri­vi­le­giert sind.

Die­se Lis­te lie­ße sich fort­set­zen. Ich fin­de sie jetzt schon als Staats­bür­ger, Inter­net­nut­zer, Vater, Lehr­kraft, medi­en­päd­ago­gi­scher Bera­ter hin­rei­chend inter­es­sant, um sie nicht als „Rand­er­schei­nung” zu ver­harm­lo­sen („über­all gibt es böse Men­schen”), wie es wie­der und wie­der in medi­en­päd­ago­gi­schen Krei­sen geschieht. Die­se The­men­fel­der bestim­men mei­nen All­tag als Staats­bür­ger, Inter­net­nut­zer, Vater, Lehr­kraft und medi­en­päd­ago­gi­scher Bera­ter.

War­um gibt es Men­schen die so tun, als ob „Medi­en­kom­pe­tenz” allein irgend­et­was dar­an ändern wür­de? Die Pro­blem­stel­lung ist mult­idi­men­sio­nal und damit eben nicht durch einen ein­zel­nen Stell­he­bel zu ändern. Wer aner­kennt, dass die Digi­ta­li­sie­rung als Phä­no­men die Ent­wick­lung des Men­schen extrem beein­flusst, muss auch aner­ken­nen, dass Umgangs­for­men auf vie­len Ebe­nen gesell­schaft­lich ent­wi­ckelt wer­den müs­sen. Und zwar nicht nur in Schu­le, son­dern auch in Eltern­häu­sern, in Bezie­hun­gen, in poli­ti­schen Sys­te­men, in allen Berei­chen, in denen das Digi­ta­le eine Rol­le spielt.

Alles ande­re hal­te ich für eine unzu­läs­si­ge Reduk­ti­on. Beim oft bemüh­ten Buch­druck hat das Jahr­hun­der­te gedau­ert, bis z.B. die Kir­che ihren Ein­fluss auf die Buch­in­hal­te mehr und mehr ver­lo­ren hat. Wir sind in den ers­ten Jahr­zehn­ten nach dem Sie­ges­zug des Inter­nets, dür­fen also natür­lich noch mehr Fra­gen als Ant­wor­ten erwar­ten.

Die ande­re Geschich­te

Ich habe mir letz­tens einen eige­nen, gebrauch­ten Bea­mer für den Unter­richt gekauft, weil in dem Klas­sen­raum mei­ner neu­en Lern­grup­pe kei­ner­lei Aus­stat­tung dies­be­züg­lich ver­füg­bar ist. Ohne Zugriff auf die­ses Inter­net kann ich mitt­ler­wei­le kaum ver­nünf­tig unter­rich­ten. Trotz­dem arbei­tet mei­ne Lern­grup­pe nicht frei­lau­fend im Netz, son­dern in geschütz­ten Räu­men, deren Zugän­ge durch trans­port­ver­schlüs­sel­te Wege abge­si­chert sind. Weil ich in die­sen Räu­men mit Klar­na­men ope­rie­re, brau­che ich natür­lich vor­her die Ein­wil­li­gung der Eltern für die­se Art der Arbeit. In die­sen geschütz­ten Raum hin­ein dür­fen sich die Schü­le­rin­nen natür­lich auch Arte­fak­te aus dem Netz holen und belie­big rekom­bi­nie­ren, wenn die Quel­le klar ersicht­lich ist und even­tu­el­le Lizenz­be­stim­mun­gen ein­ge­hal­ten wer­den — über ihr Han­dy. Das ist sowie­so immer dabei und es gibt eigent­lich nur bestimm­te Regeln für die Nut­zung die­ser „Kul­tur­zu­gangs­ge­rä­te” oder „Kon­troll­über­win­dungs­gad­gets” in mei­nem Unter­richt. Die­se sehen zunächst so aus:

  • Dein Han­dy ist in den Unter­richts­stun­den auf laut­los geschal­tet
  • Du ver­zich­test auf jed­we­de nicht unterichts­be­zo­ge­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on (WhatApp, Face­book, SMS usw.)
  • Du darfst dein Han­dy mit Unter­richts­be­zug (z.B. zum Nach­schla­gen von Wor­ten) ver­wen­den, wenn es die jewei­li­ge Situa­ti­on erlaubt und nie­mand dadurch gestört wird.
  • Am bes­ten legst du dein Han­dy mit dem Dis­play nach unten oder in einer “Socke” deut­lich sicht­bar vor dich auf den Tisch zu dei­nem Arbeits­ma­te­ri­al.
  • Dein Han­dy wird dir gemäß der gel­ten­den Schul­ord­nung für die Dau­er der Deutsch­stun­de ent­zo­gen, wenn du dich nicht an die­se Regeln hältst.

Der nächs­te logi­sche Schritt wäre, die­se Gerä­te mit in das Schul-WLAN zu inte­grie­ren. Schon jetzt kommt das ört­li­che Han­dy­netz in Schul­pau­sen so an sei­ne Gren­zen. Dazu rüs­ten wir dem­nächst tech­no­lo­gisch gewal­tig auf. Das Schul­netz besitzt einen rudi­men­tä­ren Web­fil­ter, der von einer Com­mu­ni­ty geflegt wird und der recht­lich völ­lig aus­reicht. Der Fil­ter arbei­tet nicht inva­siv und schaut z.B. nicht in SSL-Ver­bin­dun­gen hin­ein (z.B. durch Zwi­schen­zer­ti­fi­ka­te).

Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler sind erfin­dungs­reich im Über­win­den des Fil­ters oder ande­rer „Sicher­heits­funk­tio­nen” des Net­zes. Eini­ge ver­ste­hen, was sie da tun und wach­sen dar­an mehr­fach — ich als Admi­nis­tra­tor schät­ze die­ses Katz- und Maus­spiel sehr, weil auch ich dadurch immer mehr über Sys­te­me ler­ne (mei­nes und ande­re).

Das Inter­net geht ja nicht wie­der weg. Und die Aspek­te aus der ers­ten Geschich­te las­sen sich ohne das Inter­net kaum sinn­voll ver­mit­teln. Ich nut­ze das Netz.

Die Kon­se­quenz für mich

Ich will All­tags­un­ter­richts­pro­duk­te mei­ner Schü­le­rin­nen und Schü­ler nicht im Netz sehen. Für das Tages­ge­schäft gilt bei mir das Prin­zip: All unfil­te­red in — some­thing fil­te­red out. Ein öffent­li­ches Pro­jekt mit Schü­le­rin­nen und Schü­lern im Inter­net muss eine Rele­vanz besit­zen, um gegen­über z.B. dem Pla­kat oder Schul­heft einen Mehr­wert zu bie­ten: Die Rezep­ti­on soll­te in mei­nen Augen orga­ni­siert sein. Ich habe jetzt nach meh­re­ren Jah­ren zu ers­ten Mal eine Idee und eine Lern­grup­pe, mit der ich mir das vor­stel­len kann. Wenn immer alle Schu­len mit allen Lern­grup­pen so arbei­ten, mag das explo­ra­tiv und wün­schens­wert sein, aber eine Unmen­ge an Con­tent von begrenz­ter öffent­li­cher Rele­vanz erzeu­gen. Die unmit­tel­ba­re sozia­le Umge­bung wird hier anders zu bewer­ten sein und damit im Fokus ste­hen müs­sen.

Schön­fär­be­rei in Tei­len der Medi­en­päd­ago­gik

Mei­di­en­päd­ago­gen wie der öffent­lich zur­zeit sehr prä­sen­te Phil­ip­pe Wampf­ler bre­chen eine Lan­ze für das Ver­hal­ten der Jugend­li­chen.  Zu YouNow wird er von einer Quel­le so zitiert:

«Weil Younow nicht per se etwas Nega­ti­ves ist», sagt der Leh­rer und Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Phil­ip­pe Wampf­ler: Der Dienst spie­le mit der Suche nach Auf­merk­sam­keit – dem Teen­agerthema schlecht­hin. Es gehe auch dar­um, Medi­en­kom­pe­tenz im posi­ti­ven Sin­ne zu zei­gen. Die Jugend­li­chen müss­ten das Publi­kum unter­hal­ten, etwas bie­ten. Je mehr Zuschau­er man bei Younow habe, des­to höher stei­ge man im Ran­king, und des­to bes­ser sei man für die ande­ren Nut­zer sicht­bar. Die­ser Wett­be­werb um Auf­merk­sam­keit kön­ne Spass machen und Krea­ti­vi­tät för­dern, betont Wampf­ler. Es gebe auch Jugend­li­che, die Unter­hal­tungs­tech­ni­ken berühm­ter Vor­bil­der imi­tier­ten. Ande­re mach­ten Musik. «Vie­le Jugend­li­che sind aller­dings bereit, Ver­nunft­re­geln zu bre­chen, wenn sie dafür Auf­merk­sam­keit erhal­ten.» Sie sag­ten sich: «Das ist es mir irgend­wie wert.»

Ich weiß nicht, ob P.Wampfler hier kor­rekt wie­der­ge­ge­ben wird, jedoch ist die­ses Zitat in mei­nen Augen pro­to­ty­pisch für einen bestimm­ten Teil der Medi­en­päd­ago­gen. Wampf­ler ist es immer dar­an gele­gen, Zustän­de zu beschrei­ben. Eine Wer­tung von Ver­hal­ten erfolgt i.d.R. nicht. Statt­des­sen ste­hen die Mög­lich­kei­ten der Online­an­ge­bo­te im Vor­der­grund. Die­se bezweif­le ich nicht. Ich bezweif­le aber, dass eine Mehr­heit der Jugend­li­chen Diens­te wie YouNow in einer Wei­se nutzt, wie sie in den Augen man­cher Medi­en­päd­ago­gen „gemeint” sind.

Ich bezweif­le, dass das auf Jugend­li­che beschränkt ist. Und ich bezweif­le, dass das alles „Rand­phä­no­me­ne” sind. Ich bezweif­le die oft anzu­tref­fen­de unge­heu­re Idea­li­sie­rung. Puber­tät ist geprägt von extre­mer Ambi­va­lenz. Explo­ra­ti­ves und kri­tik­wür­di­ges Ver­hal­ten ste­hen in der Hoch­zeit die­ser Pha­se pari­tä­tisch neben­ein­an­der. Ich bezweif­le Stu­di­en mit nur sehr gerin­ger Stich­pro­ben­grö­ße. Ich bezweif­le, dass gera­de die Geis­tes­wis­sen­schaft mit ihrer his­to­risch lang­sa­men Begriffs­bil­dung schon aus­rei­chend Metho­den gefun­den hat, mit den Phä­no­me­nen der Digi­ta­li­sie­rung ange­mes­sen umzu­ge­hen. Das ist in Ord­nung und ein völ­lig nor­ma­ler Zustand in der Zeit des Über­gan­ges, in dem sich die Gesell­schaft gera­de befin­det.

In Bezug auf Jugend­li­che ist mir Beschrei­ben und Begriffs­bil­dung ent­schie­den zu wenig. Ich wer­de in mei­nen Reak­tio­nen und Wer­tun­gen der Phä­no­me­ne im Inter­net in der Rück­schau oft falsch lie­gen. Ich mache mich durch Fest­le­gun­gen wie in mei­ner „ande­ren Geschich­te” von oben angreif­bar. So what?

Ich blei­be Rei­bungs­flä­che. Das macht nicht immer Spaß. In Bezug auf Erzie­hungs­fra­gen gibt es aber kei­nen ande­ren Weg für mich. Immer neue Beschrei­bun­gen und immer neue Begrif­fe von Sei­ten geis­tes­wis­sen­schaft­li­cher For­schung auf „Indus­trie­ge­sell­schafts­ni­veau” und mit „Indus­trie­ge­sell­schafts­me­tho­dik” nüt­zen mir dabei eher wenig.

Pandoras Büchse — oder vom Umgang mit Daten

Din­ge, von denen ich glau­be, dass sie in Bezug auf per­sön­li­che Daten gel­ten:

  1. Daten, die Drit­te über mich im Netz preis­ge­ben, kann ich nicht kon­trol­lie­ren. Die­se Daten machen wahr­schein­lich den Groß­teil aller über mich abruf­ba­ren Daten aus. Vie­le per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten über mich lie­gen z.B. im Netz durch Bekann­te, die ihr Adress­buch mit Diens­ten jed­we­der Art syn­chro­ni­sie­ren (Face­book, Goog­le usw.).
  2. Wel­che Daten für wen in der Zukunft rele­vant oder wert­voll sind, ist heu­te nicht vor­her­sag­bar.
  3. Wie Daten durch Algo­rith­men sinn­voll zu wel­chen Zwe­cken ver­knüpft wer­den kön­nen, ist heu­te nicht vor­her­sag­bar.
  4. Digi­ta­le Daten sind so wert­voll und so bil­lig zu ver­ar­bei­ten, dass alles, was mit die­sen Daten gemacht wer­den kann, auch gemacht wer­den wird, solan­ge sich ein mög­li­ches Geschäfts­mo­dell oder poten­ti­el­les Inter­es­se irgend­wel­cher Orga­ne ergibt. Die­se Geschäft­mo­del­le oder Inter­es­sen sind heu­te nicht vor­her­sag­bar.
  5. Die Wei­ter­ga­be digi­ta­ler Daten ver­läuft in der Regel für den Betrof­fe­nen intrans­pa­rent, da sie sich imma­te­ri­ell voll­zieht.
  6. Allein Daten, die es über mich im Netz nicht gibt, bie­ten kei­nen Angriffs­punkt für die Daten­gier Drit­ter.
  7. Daten, die bei Drit­ten „sicher” lie­gen, lie­gen dort nur so lan­ge sicher, wie kein erfolg­rei­cher Angriff auf die Infra­struk­tur die­ser Drit­ten exis­tiert. Erfolg­reich ange­grif­fen wor­den sind kom­mer­zi­el­le Anbie­ter aber auch z.B. staat­li­che Orga­ne.
  8. Maß­nah­men, um Per­so­nen die Kon­trol­le über die eige­nen Daten zurück­zu­ge­ben, kön­nen nur über das Prin­zip der Trans­pa­renz (Legis­la­ti­ve), der Dezen­tra­li­sie­rung von Daten und dem Aus­bau der tech­ni­schen Kom­pe­tenz (indi­vi­du­el­le Kon­trol­le) jedes ein­zel­nen funk­tio­nie­ren. Geschlos­se­ne Sys­te­me lau­fen grund­sätz­lich die­sen drei Aspek­ten ent­ge­gen und bie­ten nur so lan­ge ver­meint­li­che Sicher­heit, bis Drit­te einen Weg fin­den, die imple­men­tier­ten Schutz­me­cha­nis­men aus­zu­he­beln. Je mehr Daten in einem sol­chen her­me­ti­schen Sys­tem lie­gen, des­to höher ist die Wahr­schein­lich­keit dafür.

Wie man sich in Bezug auf die eige­nen Daten ver­hal­ten soll? Tja. Alles Abwä­gun­gen. Ob das Netz wie­der „weg­geht”, wage ich zu bezwei­feln. Ob es auf Dau­er der freie Raum für alle Arten von Ide­en blei­ben wird, der es bis­her war, wird m.E. nicht von Arti­keln (auch wie die­sem), Talk­run­den oder Vor­trä­gen abhän­gen.