Transaktionskosten (Weltverbessererfehler)

In den Feri­en habe ich mich etwas mit Wirt­schafts­theo­rie, genau­er der Trans­ak­ti­ons­kos­ten­theo­rie beschäf­tigt. Dar­über könn­te man jetzt viel schrei­ben und eini­ge Zita­te brin­gen. Ich beschrän­ke mich dabei jedoch auf eini­ge Bei­spie­le, mit denen ich

  1. zei­gen will, was Trans­ak­tio­nen in Bezug auf Schu­le und Bera­tungs­sys­te­me sein könn­ten
  2. viel dar­über nach­ge­dacht habe, inwie­weit mei­ne Arbeit als Lehr­kraft und medi­en­päd­ago­gi­scher Bera­ter wirk­sam ist, bzw. wie sich die­se Wirk­sam­keit opti­mie­ren lässt

Die Gedan­ken dazu sind etwas kom­ple­xer, daher wird das min­des­tens ein zwei­tei­li­ger Arti­kel — also bit­te etwas Geduld, wenn nicht sofort auf die Ein­gangs­punk­te kom­me.

Ver­ein­facht neh­me ich ein­mal an, dass in mei­nem Umfeld Trans­ak­tio­nen vor allem mit „Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Abstim­mungs­be­darf” gleich­zu­set­zen sind.

 

Trans­ak­ti­ons­kos­ten und Hier­ar­chie

Der Zukunfts­for­scher Max Horx ver­deut­licht in sei­nem Buch des Wan­dels das Prin­zip der Trans­ak­ti­onkos­ten am Bei­spiel einer wach­sen­den Fir­ma.

Zuerst besteht die­se nur aus zwei Per­so­nen, die alles machen, sich schnell abstim­men und extrem fle­xi­bel auf Markt­an­for­de­run­gen und Wün­sche reagie­ren kön­nen. Bald gibt es jedoch so vie­le Kun­den, dass zwei Per­so­nen deren Betreu­ung nicht mehr allein zu rea­li­sie­ren ver­mö­gen.  Also wer­den mehr Mit­ar­bei­ten­de ein­ge­stellt. Der Geist der Fir­ma — die offe­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on (Kom­mu­ni­ka­ti­on ist eine Form der Trans­ak­ti­on) — soll aber erhal­ten blei­ben. Schon mit zwei wei­te­ren Mit­ar­bei­ten­den steigt dadurch der Zeit­auf­wand, um alle zu allen Details zeit­nah zu infor­mie­ren, solan­ge die Hier­ar­chie flach bleibt. Bald sind die bei­den ehe­ma­li­gen Grün­der einen Groß­teil ihrer Zeit nur noch damit beschäf­tigt, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ab­läu­fe für ihre Fir­ma zu rea­li­sie­ren — die Trans­ak­ti­ons­kos­ten stei­gen.

Eine stark aus­ge­präg­te (stei­le) Hier­ar­chie hin­ge­gen senkt genau die­se Trans­ak­ti­ons­kos­ten, da die Mit­ar­bei­ten­den eben „zu machen” und nicht abzu­stim­men haben. Nicht umsonst sind z.B. unse­re Not­stands­ge­set­ze nicht demo­kra­tisch aus­ge­rich­tet: Im Kata­stro­phen- oder Kriegs­fall sind Dis­kus­sio­nen oder Beneh­mens­her­stel­lungs­pro­zes­se viel zu lang­sam. Die Trans­ak­ti­ons­kos­ten müs­sen dann unter allen Umstän­den mini­miert wer­den. Auto­ri­tä­re Sys­te­me funk­tio­nie­ren hier am bes­ten, jedoch nur, wenn eine zwei­te Kom­po­nen­te mit ins Spiel kommt: Das Ver­trau­en.

 

Trans­ak­ti­ons­kos­ten und Ver­trau­en

Als Jugend­lei­ter bin ich ich ein­mal auf einem gro­ße däni­schen See in eine bedroh­li­che Lage gekom­men. Selbst einen schwer bela­de­nen Kana­di­er mit zwei Teil­neh­men­den an Bord als Steu­er­mann in mei­ner Ver­ant­wor­tung muss­te ich mit anse­hen, wie ein ande­res Boot mit zwei Jun­gen in schwe­rem Wel­len­gang zu ken­tern droh­te und auch schon Was­ser genom­men hat­te. Es war kalt, win­dig und die ande­ren Boo­te waren längst außer Sicht. Die bei­den Jun­gen woll­ten völ­lig ver­ängs­tigt aus dem Boot sprin­gen und an Land schwim­men (Sumpf­ge­biet). Ich hat­te nicht die Zeit für Trost, nur noch für Auto­ri­tät und sehr har­te Wor­te. Die Situa­ti­on ließ sich meis­tern, weil ich die Trans­ak­ti­ons­kos­ten sen­ken konn­te und weil die bei­den Jun­gen mir blind ver­traut haben — mehr als ihren eige­nen Gefüh­len und Kör­pern. Ich sage heu­te noch oft schmun­zelnd, dass ich damals mit lin­ken Anar­chis­ten kom­plett abge­sof­fen wäre.

 

Zwi­schen­fa­zit

  1. Trans­ak­ti­ons­kos­ten stei­gen mit der Grö­ße eines Sys­tems
  2. Trans­ak­ti­ons­kos­ten stei­gen, je fla­cher Hier­ar­chi­en sind
  3. Eine aus­ge­präg­te Hier­ar­chie senkt Trans­ak­ti­ons­kos­ten
  4. Ver­trau­en senkt Trans­ak­ti­ons­kos­ten

 

Bei­spie­le

  1. Die (Bundes-)Piratenpartei ist groß, strebt eine mög­lichst fla­che Hier­ar­chie an und ver­traut ihren Reprä­sen­tan­ten nicht oder nur wenig. Sie wird an ihren Trans­ak­ti­ons­kos­ten kol­la­bie­ren.
  2. Das Inter­net ist zunächst dazu geeig­net, Trans­ak­ti­ons­kos­ten (z.B. Zwi­schen­händ­ler­sys­te­me, Mei­nungs­ga­te­kee­per usw.) zu sen­ken, jedoch sehr groß und noch recht flach von sei­ner Hier­ar­chie her. Das mit dem Ver­trau­en schwankt so.

 

Trans­ak­ti­ons­kos­ten und Schu­le

Schu­le ist bezo­gen auf die­se Theo­rie sehr para­dox: Einer­seits haben wir eine deut­lich aus­ge­präg­te Hier­ar­chie in der Schul­struk­tur. Ander­seits ver­sucht gera­de die­ses Sys­tem, Aspek­te mit hohen oder schwer kal­ku­lier­ba­ren Trans­ak­ti­ons­kos­ten an die ein­zel­nen Schu­len selbst zu dele­gie­ren (z.B. Daten­schutz, Aus­ge­stal­tung der Cur­ri­cu­la, Qua­li­täts­ma­nage­ment, Inklu­si­on usw.). Das Ver­trau­en in die Kul­tus­bü­ro­kra­tie scheint mir dabei gleich­zei­tig nicht beson­ders hoch zu sein. Laut der Trans­ak­ti­ons­kos­ten­theo­rie müss­te die­ses Sys­tem also eigent­lich kol­la­bie­ren. Mir ist auch immer wie­der ein Rät­sel, war­um das nicht geschieht, aber im Kern scheint es etwas mit der grund­sätz­lich auto­kra­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on von Schul­struk­tu­ren zu tun zu haben.

Mei­ne Hypo­the­se ist, dass das Sys­tem Schu­le mitt­ler­wei­le zusätz­li­che Trans­ak­ti­ons­kos­ten zehn Mei­len gegen den Wind rie­chen kann und bestrebt ist, eben­die­se unter allen Umstän­den mög­lichst nied­rig zu hal­ten. Gleich­zei­tig bewahrt es bestehen­de Sys­te­me mit extrem hohen, aber eben durch die Jah­re kal­ku­lier­bar gewor­de­nen Trans­ak­ti­ons­kos­ten um fast jeden Preis, z.B. eine bestimm­te Kon­fe­renz­kul­tur, die im Wesent­li­chen oft nur Zeit ver­brennt.

Wer Ver­än­de­rungs­pro­zes­se initi­ie­ren möch­te, muss im Blick haben, dass er gleich­zei­tig neue, noch nicht kal­ku­lier­ba­re Trans­ak­ti­ons­kos­ten erzeugt („Ja, aber das mit den Medi­en muss aber in ein Gesamt­kon­zept!”), und gleich­zei­tig auch noch ande­re, von den Kos­ten her „sicher” kal­ku­lier­ba­re Sys­te­me bedroht („Ja, aber über Aus­hän­ge kom­mu­ni­ziert man doch total inef­fi­zi­ent!”). Dar­aus erge­ben sich für mich Kon­se­quen­zen für mein Ver­hal­ten als Bera­ter. (Fort­set­zung folgt)

 

Arbeit an Strukturen

Schon vor den Som­mer­fe­ri­en ergab sich auf Twit­ter eine für mich sehr inter­es­san­te Fra­ge­stel­lung. Kern war die Dis­kus­si­on, inwie­weit Arbeit an Struk­tu­ren außer­halb der eige­nen Per­son sinn­voll und mög­lich ist. Ich habe die­se Fra­ge auch noch ein­mal auf einer SchiLF auf­ge­wor­fen. Ich gebe eine paar State­ments aus bei­den Quel­len wie­der, die ich nur sinn­ge­mäß zusam­men­fas­se:

Ver­än­dern kannst du dich nur selbst. An den Struk­tu­ren, die dich umge­ben, arbei­test du dich kaputt.”

Wenn du für dich sorgst, dann haben du und dei­ne SuS viel gewon­nen.”

Wenn immer mehr Men­schen so den­ken und han­deln, dann wird sich auf lan­ge Sicht auch die Struk­tur ver­än­dern.”

[…]

Dahin­ter steckt ja eine Hal­tung, aber eben auch eine Erfah­rung mit dem bestehen­den Sys­tem. Es geht nicht mehr um „Bil­dung hacken”, son­dern offen­kun­dig — sehr über­spitzt for­mu­liert — um die Schaf­fung indi­vi­du­el­ler Wohl­fühl­bla­sen — Stress und Anfein­dun­gen gibt es im Sys­tem ja wahr­lich schon genug.

Ich hal­te das für eine Kapi­tu­la­ti­on. Und ich hal­te das für eine Auf­ga­be eines soli­da­ri­schen Prin­zips. Mei­ne Wohl­fühl­bla­se nützt näm­lich einem Gegen­über ggf. gar nichts, weil es u.U. nicht ein­mal mehr in der Lage ist, von mir die Struk­tur „Auf­bau einer Wohl­fühl­bla­se” zu über­neh­men. Selbst wenn, wür­de dann irgend­wann die Anfor­de­rung von Links zwi­schen den Bla­sen ent­ste­hen, wodurch der Stress wie­der beginnt. Klar — ich könn­te mich selbst jetzt vie­ler posi­ti­ver Aspek­te mei­ner exis­tie­ren­den Bla­se rüh­men, aber ich bekom­me damit zuneh­mend Schwie­rig­kei­ten.

Man wird mir ent­ge­gen­hal­ten, dass der Auf­bau von Wohl­fühl­bla­sen sowohl ein Recht als auch eine Not­wen­dig­keit ist, um selbst gegen destruk­ti­ve Ein­flüs­se zu bestehen. Schließ­lich ist ja nichts damit gewon­nen, in selbst­zer­stö­re­ri­schen Aktio­nen im Meer der Selbst­aus­beu­tung oder men­schen­ver­ach­ten­den Zynis­mus zu ver­sin­ken.

Wenn ich mit mei­nem begrenz­ten his­to­ri­schen Hori­zont in die Geschich­te schaue, fällt mir aber kei­ne nach­hal­ti­ge Struk­tur­ver­än­de­rung ein, die sich in der Wohl­fühl­zo­ne abge­spielt hat, son­dern sehr oft waren die­se Umwäl­zun­gen mit per­sön­li­chem Risi­ko aller Akti­ven ver­bun­den.

Daher glau­be ich nicht in Aus­schließ­lich­keit an das Kon­zept

Wenn vie­le Men­schen an vie­len klei­nen Orten klei­ne Din­ge tun, wird sich das Gesicht der Welt ver­än­dern.”

Aber wie ändert man Struk­tu­ren ohne dar­an zu schei­tern?

Zunächst ein­mal glau­be ich, dass das Schei­tern selbst eine unaus­weich­li­che Neben­wir­kung eines sol­chen Vor­ha­bens ist. Jede Struk­tur hat aber Schwä­chen, die sie nur bedingt zu kom­pen­sie­ren ver­mag. Effi­zi­ent sind Men­schen, die die­se Schwä­chen gezielt fin­den und aus­nut­zen kön­nen. Was geschieht z.B., wenn sich an Schu­len mit Han­dy­be­nut­zungver­bot alle SuS ganz offen nicht dar­an hal­ten?

Ein maka­bres Mus­ter­bei­spiel ist in mei­nen Augen dabei der Ter­ro­ris­mus. Er schafft es mit extrem wenig Res­sour­cen und geziel­ten, exem­pla­ri­schen Schlä­gen, Gesell­schaf­ten zu ver­än­dern. Ver­gli­chen mit ande­ren Bedro­hun­gen sind die Todes­zah­len bei ter­ro­ris­ti­schen Anschlä­gen sehr gering. Den­noch wird kei­ne ande­re Struk­tur so oft dazu her­an­ge­zo­gen, Sys­tem­ver­än­de­run­gen im Hin­blick auf ver­rin­ger­te Frei­heit des Ein­zel­nen zu recht­fer­ti­gen und zuneh­mend auch durch­zu­set­zen. Das schafft in mei­nen Augen der Ter­ro­ris­mus dadurch, dass er Struk­tu­ren der öffent­li­chen Ord­nung bedroht: Mit wenig Auf­wand stellt er die Funk­ti­ons­fä­hig­keit staat­li­cher Exe­ku­ti­ve in Fra­ge und ver­rin­gert so das indi­vi­du­el­le Sicher­heits­emp­fin­den. Damit zer­stört er eine funk­ti­ons­fä­hi­ge Struk­tur kei­nes­wegs — er greift sie nur par­ti­ell in einer sehr destruk­ti­ven Art und Wei­se an — jedoch unglaub­lich effi­zi­ent und zwingt sie so zu gra­vie­ren­den struk­tu­rel­len Ver­än­de­run­gen. Wer mehr dar­über wis­sen möch­te und auch im die dahin­er­ste­hen­den Gedan­ken­gän­ge, möge sich die ent­spre­chen­de TNG-Fol­ge anschau­en, die genau die­ses Phä­no­men schon weit vor 9/11 the­ma­ti­siert hat.

Kei­ne Sor­ge — jetzt kommt nicht der Auf­ruf, Pflas­ter­stei­ne und Molo­tow­cock­tails gegen Ver­wal­tungs­ge­bäu­de der Kul­tus­bü­ro­kra­tie zu wer­fen. Jetzt kommt — wie immer — ein fik­ti­ves Bei­spiel, das im Schul­all­tag so  — natür­lich — nie, nie vor­kommt und an den ich zei­gen will, was Arbeit an Struk­tu­ren für mich bedeu­ten kann. Es geht um eine Fach­schaft, die etwas für den Unter­richt beschaf­fen möch­te. Die Struk­tur könn­te so aus­se­hen:

Mit dem dem „Wohl­fühl­bla­sen­an­satz” wird sich die­se Struk­tur wie­der und wie­der wie­der­ho­len. Ich per­sön­lich kann mir eine ande­re Struk­tur vor­stel­len:

Arbeit an Struk­tur bedeu­tet für mich dann „nichts” wei­ter als mir dar­über Gedan­ken zu machen, wie ich Impul­se set­zen kann, um die ein­ge­fah­re­ne, ers­te Struk­tur zu ver­än­dern, die u.U. natür­lich gewach­sen ist und auch ihre Berech­ti­gung hat. Das Ändern die­ser Bei­spiel­struk­tur, die kei­nes­wegs nur typisch für das Sys­tem „Schu­le” ist, birgt Risi­ken:

  1. Es wur­de u.U. immer schon so gemacht und ist „demo­kra­tisch” akzep­tiert
  2. Eine Meta­ebe­ne, d.h. Nach­den­ken über die eige­nen Struk­tu­ren tut immer weh, weil sie weni­ger als Chan­ce, son­dern als Kri­tik inter­na­li­siert ist.
  3. Es wird u.U. als alter­na­tiv­los im Kon­text von Schu­le gese­hen, weil es z.B. kaum „Fach­leu­te” in aus­rei­chen­der Zahl gibt
  4. Fort­bil­dung bedeu­tet immer Res­sour­cen­auf­wand in Form von Auf­merk­sam­keit und Zeit. Bei­de Güter sind rar. Der tem­po­rä­re Mehr­auf­wand wiegt u.U. schwe­rer als die Per­spek­ti­ve kon­ti­nu­ier­li­cher Ent­las­tun­gen bzw. Erleich­te­run­gen
  5. […]

Es gibt also genug Punk­te, an denen man bei sei­nem Vor­ha­ben, die­se Struk­tur zu ändern, schei­tern kann, was schon bei die­sem klei­nen Bei­spiel zu star­ken Stö­run­gen in der eige­nen Wohl­fühl­bla­se führt.

Aber ist es effek­tiv, das in die­ser Fom wei­ter­lau­fen zu las­sen und ein­fach dar­auf zu war­ten, dass mehr Men­schen das ähn­lich sehen (aber dann auch nicht ihre Wohl­fühl­bla­se ver­las­sen)? — wie­der sehr über­spitzt, klar.

Ich den­ke, dass jedem in sei­nem Umfeld Struk­tu­ren ein­fal­len, die opti­mier­bar sind. Mini­mal­kon­sens: Ande­re gewäh­ren las­sen, die Struk­tu­ren ver­än­dern wol­len und ihnen offen bzw. min­des­tens neu­tral ent­ge­gen­tre­ten. Sie wer­den ja schon sehen, was sie davon haben, oder?

PS — Work­sho­pidee:

  1. Struk­tu­ren visua­li­sie­ren, die mich ner­ven (z.B. mit Fluss­dia­gram­men)
  2. Gemein­sam mit ande­ren über­le­gen, war­um die­se Struk­tur genau so ist, wie sie ist — aber allein auf Basis der Visua­li­sie­rung!
  3. Gemein­sam mit ande­ren Schwach­punk­te und Anker­punk­te für Ver­än­de­rungs­an­sät­ze in die­ser Struk­tur erar­bei­ten
  4. Zurück in der Struk­tur das Erar­bei­te­te aus­pro­bie­ren
  5. Gemein­sam auf einem wei­te­ren Tref­fen die Ergeb­nis­se vor­stel­len und nach­be­rei­ten.

Technologie allein löst und initiiert nichts

In der Che­mie gibt es den Begriff des dyna­mi­schen Gleich­ge­wichts. Damit ist nicht ein sta­ti­sches Gleich­ge­wicht auf einer Pen­del­waa­ge gemeint, son­dern eines, dass sich durch stän­di­ge Ver­än­de­run­gen aus­zeich­net. Die­se Ver­än­de­run­gen voll­zie­hen sich jedoch auf der Mikro­ebe­ne und sind für unse­re Sin­ne nicht wahr­nehm­bar, so dass es in der Sum­me so scheint, als ver­än­de­re sich nichts. Ein gutes Bei­spiel dafür ist eine geschlos­se­ne Spru­del­fla­sche. Zwi­schen dem Spru­del­was­ser und der auch in der Fla­sche ein­ge­schlos­se­nen Luft besteht fol­gen­des Gleich­ge­wicht:

    \[ (1)\; HCO_{3(aq)}^- + H_3O^+_{(aq)} \rightleftharpoons CO_2_{(g)} + 2H_2O_{(l)} \]

Gelös­te Koh­len­säu­re (lin­ke Sei­te) spru­delt aus der Fla­sche und zer­setzt sich dabei in Koh­len­stoff­di­oxid und Was­ser. In einer ver­schlos­se­nen Spru­del­fla­sche steigt dadurch der Druck in der Gas­pha­se unter dem Schraub­de­ckel. Mit höhe­rem Druck läuft die Glei­chung (1) wie­der rück­wärts, d.h. Koh­len­stoff­di­oxid löst sind unter Bil­dung von Koh­len­säu­re wie­der im Spru­del­was­ser. Irgend­wann pen­delt sich das ein: In dem Maße wie Koh­len­stoff­di­oxid ent­steht löst es sich auch wie­der. Sowohl der Druck in der Fla­sche als auch die Kon­zen­tra­ti­on der Koh­len­säu­re im Spru­del ändern sich nicht mehr — für uns sieht es dann so aus, als gesche­he gar nichts mehr.

Kurz­fas­sung:

Jemand, der von außen auf ein sol­ches Sys­tem schaut, sieht nichts, bzw. nimmt nichts wahr. Er weiß aber, dass meh­re­re Fak­to­ren in der Fla­sche eine Rol­le spie­len: Koh­len­säu­re, Koh­len­stoff­di­oxid, Druck usw.. Wann immer er misst, ver­fei­nert er nur sei­ne Sin­ne — die Mes­sung ändert am Sys­tem selbst nichts.

Dyna­mi­sche Gleich­ge­wich­te haben eine wit­zi­ge Eigen­schaft. Unser Außen­ste­hen­der könn­te jetzt auf die Idee kom­men, z.B. ein­fach den Druck im Sys­tem zu erhö­hen, um eine Ver­än­de­rung her­bei­zu­füh­ren. Wie reagiert das Sys­tem dar­auf?

Mehr Druck ist „unan­ge­nehm” bzw. eine Stö­rung. Also wird das Sys­tem dafür sor­gen, dass mehr gas­för­mi­ges Koh­len­stoff­di­oxid gelöst wird und damit der äuße­re Druck kom­pen­siert ist — in der Che­mie sagt man, dass das Sys­tem so aus­weicht, dass die Aus­wir­kun­gen eines äuße­ren Zwan­ges mini­miert wer­den (Gesetz von Le Chate­lier). Lässt der äuße­re Druck nach, jus­tiert sich das Sys­tem wie­der auf den Ursprungs­zu­stand zurück.

Um das Sys­tem zu ändern, muss ich nicht an einem Para­me­ter dre­hen, son­dern ich muss z.B. die Fla­sche auf­schrau­ben. Das ist bei Spru­del­fla­schen begrenzt müh­sam, da das Auf­schrau­ben ja mit einer Druck­ent­las­tung ver­bun­den ist und sich der Deckel dadurch recht leicht löst. Sozia­le Sys­te­me hal­ten ihren Deckel oft von innen fest.

Und jetzt zur Tech­no­lo­gie

Tech­no­lo­gie trifft immer auf ein sozia­les Sys­tem. Wenn ich einer Schu­le einen Com­pu­ter­raum hin­stel­le, wird mit Com­pu­tern gear­bei­tet wer­den. Es wird dabei eini­ge weni­ge geben, die damit eine neue Metho­dik und Didak­tik ent­wi­ckeln. Es wird aber auch Men­schen geben, die den impli­zi­ten Druck dadurch min­dern, dass sie gewohn­te Struk­tu­ren ein­fach digi­tal abbil­den. Mit einem iDin­gens kann ich z.B. eBooks lesen und viel­leicht bald auch Schul­bü­cher auf­schla­gen. Wenn es das ist, was ich damit pri­mär mache, wer­de ich iDin­gens doof fin­den, weil die ja teu­er und deren Akkus irgend­wann alle sind. Das ist ein Buch ja viel bes­ser. Das kann jeden­falls nicht kaputt gehen.

Hal­tung

Die Hal­tung ist idea­ler Wei­se so, dass sich der Deckel abschrau­ben lässt, das Sys­tem sich dadurch öff­net und aus dem bis­he­ri­gen Gleich­ge­wicht kommt. Die Arbeit mit loka­len Apps z.B. hal­te ich für kei­nen gro­ßen Fort­schritt, son­dern ledig­lich für eine Digi­ta­li­sie­rung von Bestehen­dem mit natür­lich(!) berech­tig­tem Stel­len­wert. Das geht aber teil­wei­se sogar so weit, dass real mög­li­che Expe­ri­men­te durch Apps ersetzt wer­den („gefähr­li­che Ver­su­che” auf You­tube schau­en, Fall- und Beschleu­ni­gungs­ex­pe­ri­men­te per App). Die Ergeb­nis­se sind dabei immer super und vor­her­sag­bar — mit einem Expe­ri­ment hat das aber nichts zu tun. Der Moment, in dem mir der Was­ser­schlauch damals vom Küh­ler gesprun­gen ist und mich von oben bis unten ein­ge­saut hat, war wahr­schein­lich der­je­ni­ge, der einen che­mi­schen Zusam­men­hang bei den SuS ver­fes­tigt hat (und mich seit­dem Schlauch­schel­len ver­wen­den lässt).

Jedes Expe­ri­ment ist ein wenig Auf­bruch ins Unge­wis­se — es kann etwas schief gehen, weil es in der Natur des Expe­ri­ments liegt. Peni­cil­lin und Por­zel­lan sind übri­gens zwei Pro­duk­te von „schief gegan­ge­nen Expe­ri­men­ten”. Wenn aber schon ein neu­es Gerät, dann bit­te auch die expe­ri­men­tel­le Hal­tung, auch explo­ra­tiv zu arbei­ten. Das darf sich nicht nur(!) auf Apps beschrän­ken, son­dern muss m.E. auch und an zen­tra­ler Stel­le als Fens­ter ins Netz rea­li­siert sein (dafür braucht es übri­gens kein teu­res Gerät, das geht tat­säch­lich auch mit eige­nen Devices). Die Hal­tung dabei ist die glei­che, wie sie bei jedem neu geplan­ten Expe­ri­ment ohne­hin schon vor­han­den ist. Tech­nik oder ein bestimm­tes Device haben damit erst­mal nichts zu tun — mit einer Aus­nah­me: Für mich ist der Brow­ser die Zukunft. Alles ande­re wird immer an den übli­chen Bar­rie­ren schei­tern.

Neues Schuljahr — ganz viel Änderung

Ich wer­de in die­sem Schul­jahr aller Vor­aus­sicht nach noch gan­ze 14 Schul­stun­den Unter­richt ertei­len und einen Tag nicht vor Ort sein, da ich mich im spä­ten Früh­jahr erfolg­reich als medi­en­päd­ago­gi­scher Bera­ter mit dem Schwer­punkt E-Learning bewor­ben habe. In die Struk­tu­ren der Medi­en­be­ra­tung hier in NDS wer­de ich Anfang des Schul­jah­res in einer Start­up-Ver­an­stal­tung ein­ge­führt. Die Funk­ti­on ist nicht mit einer Beför­de­rung, son­dern mit einer Abord­nung im Umfang von acht Stun­den ver­bun­den — daher muss­te ich auch kei­nen Unter­richt vortan­zen — bei mei­ner ers­ten erfolg­lo­sen Bewer­bung auf eine Funk­ti­on (A14) hat­te ich noch zwei Voll­ent­wür­fe, zwei Unter­richts­stun­den, zwei Bespre­chungs­stun­den und das Gespräch zum Amt zu absol­vie­ren — an einem Tag. Mitt­ler­wei­le ist selbst für A15 die­ser Umfang dras­tisch gekürzt wor­den — wahr­schein­lich ist kein Per­so­nal mehr da, was den gan­zen Kram liest und Bewer­ber soll es dem Hören­sa­gen nach auch nicht mehr all­zu vie­le geben.

Nun denn — ich bin gespannt, was da auf mich zukommt, was sich dort bewe­gen lässt und wie ich mit den neu­en Teams von neu­en Men­schen zusam­men­ar­bei­ten kann. Da die Medi­en­be­ra­tung direkt in einem Lan­des­in­sti­tut (NLQ) orga­ni­siert ist, gibt es auch so merk­wür­di­ge Din­ge wie Fort­bil­dun­gen wäh­rend der Dienst­zeit mit Über­nach­tung, Dau­er­rei­se­ge­neh­mi­gun­gen und so Zeugs, was das „gemei­ne Fuß­volk” sich sonst bit­ter erstrei­ten muss.

Gleich­zei­tig fällt für mich in die­sem Jahr das LAz­Ko weg, d.h. ich muss kei­ne LAz­Ko-Stun­den mehr ertei­len. Auch schei­de ich aus der Per­so­nal­ver­tre­tung aus, eine Auf­ga­be, mit der mich eine höchst ambi­va­len­te Bezie­hung ver­bun­den hat. Wenn man neue Din­ge beginnt, müs­sen aber mei­ner Mei­nung nach alte wei­chen. Vie­le Erfah­run­gen wer­den mir in spä­te­ren Bera­tungs­pro­zes­sen unge­mein nüt­zen. Immer­hin bin ich bis zur Neu­wahl noch im Amt und erhei­sche dafür auch eine hal­be Ent­las­tungs­stun­de auf das Jahr gese­hen, so dass ich in die­sem Schul­jahr doch glatt eine Minus­stun­de ein­fah­re — das hat es noch nie gege­ben. Macht aber nichts, da ich im nächs­ten Jahr in die Ver­gü­tungs­pha­se des LAz­Ko ein­tre­te und noch­mal zwei Stun­den zurück­be­kom­me. Es wird für mich also deut­lich ruhi­ger und das war auch irgend­wie nötig. Aller­dings rech­ne ich 2012/2013 eigent­lich recht fest damit, dass das Stun­den­de­pu­tat hier in NDS ange­zo­gen wird — aber das wäre einen eige­nen Arti­kel wert.

Bei mei­ner jet­zi­gen Unter­richts­ver­tei­lung bedeu­ten 14 Schul­stun­den gera­de ein­mal drei unter­schied­li­che Lern­grup­pen, von denen ich zwei schon ken­ne. Ich freue mich sehr auf einen Kurs auf erhöh­tem Niveau im Fach Deutsch — erst­ma­lig nach dem neu­en Kern­cur­ri­cu­lum mit all den damit ver­bun­de­nen Her­aus­for­de­run­gen orga­ni­siert. Ent­ge­gen aller Unken­ru­fe gibt es aber den­noch kon­kre­te Vor­ga­ben für das Abitur 2013 — so rich­tig traut man sich da oben dann wohl doch nicht, das wie z.B. in Bay­ern ganz in die Hän­de der Lehr­kräf­te zu geben. Ich habe mit die­sem Kurs ein gro­ßes Expe­ri­ment vor — geht in Rich­tung eines Blogs… Wenn es so weit ist, erzäh­le ich mehr davon.

Wei­ter­hin hat man mich sei­tens der Schu­le gebe­ten, an einem neu­en IT-Kon­zept mit­zu­ar­bei­ten. Mei­nes ist schon fer­tig und ich kann es sogar inner­halb eines vir­tu­el­len Netz­werks inkl. Win­dows2008RC2-Ser­ver (Evualua­ti­ons­ver­si­on) schon zei­gen. Soll­te ich das wirk­lich umset­zen, möch­te ich es mit einer Grup­pe von Schü­le­rin­nen und Schü­lern (AG) tun und dafür auch eine Ent­las­tungs­stun­de bekom­men. Ich den­ke auch nicht, dass es in dem Fall da Schwie­rig­kei­ten geben wird…

Fazit:

Es wird mit Sicher­heit nicht weni­ger Arbeit, aber ande­re — und genau das wird mir mei­nen Kopf frei pus­ten. Der Grund­te­nor vie­ler Arti­kel und Tweets von mir war ja gera­de zum Ende des Schul­jah­res nur bedingt posi­tiv. Drei Lern­grup­pen sind von der Kor­rek­tur­tä­tig­keit im Ver­gleich zu einem vol­len Depu­tat ein ziem­li­cher Witz — ich rech­ne mit ca. 1/3 weni­ger Kor­rek­tur­wo­chen­en­den. Dafür wer­de ich wohl hin und wie­der ganz­tä­gig auf Rei­sen sein und auch in den Feri­en Fort­bil­dun­gen besu­chen — schließ­lich sind acht Ent­las­tungs­stun­den schon eine gan­ze Men­ge, die auch „ver­dient” sein wol­len.

Meritokratie im Machtsystem Schule

Das The­ma „Macht” ist bei mir ja ein Dau­er­bren­ner. Die­ser spie­gelt sich in ver­schie­de­nen Arti­keln dazu im Kon­text von Schu­le wie­der, z.B. hier. Ich unter­schei­de in der Schu­le immer zwi­schen ide­el­ler Macht (die z.B. auf Grund einer beson­de­ren Fähig­keit erwächst) und insti­tu­tio­nel­ler Macht (für die das nicht unbe­dingt gel­ten muss). Im Ide­al­fall fällt bei­des zusam­men, d.h., die­je­ni­gen, die etwas kön­nen, gelan­gen in die Schul­lei­tung und nicht die, die gera­de „dran” sind.

Ich habe auch schon kri­ti­siert, dass Schu­le sich nicht ver­än­dern kann, weil die ide­el­len Macht­ha­ber oft kei­ne insti­tu­tio­nel­len Macht­po­si­tio­nen mehr anstre­ben, um nicht die Nach­tei­le eines insti­tu­tio­na­li­sier­ten Amtes in Kauf neh­men zu müs­sen. Das waren bis­her Deskrip­tio­nen, Zustands­be­schrei­bun­gen, die ich bei ande­ren Leu­ten immer sehr stark kri­ti­sie­re.

Wei­ter­le­sen

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