Der böse Datenschutz

Teil 1: „Moral ist, wenn man mora­lisch ist.”

Nein, man darf Schü­le­rin­nen und Schü­ler als Leh­rer nicht dazu brin­gen, im Netz Pro­duk­te unter dem jewei­li­gen Klar­na­men zu ver­öf­fent­li­chen. Man darf auch nicht Pro­duk­te von Schü­le­rin­nen und Schü­ler der Netz­öf­fent­lich­keit zugäng­lich machen. Bil­der ver­öf­fent­li­chen? Fehl­an­zei­ge, wenn Per­so­nen den Motiv­schwer­punkt bil­den — das gilt auch für z.B. Klas­sen­fo­tos. Man darf so erst­mal im Unter­richt kei­ne Web2.0-Tools mit ihnen nut­zen und man darf auch Face­book oder Twit­ter nicht zu unter­richt­li­chen Zwe­cken ein­set­zen.

Dass man das alles nicht darf, liegt an denen im Ver­gleich zur übri­gen Welt recht eng gefass­ten Daten­schutz­ge­set­zen, an die wir als ver­be­am­te­te Lehr­kräf­te in ganz beson­de­rer Wei­se gebun­den sind. Das ist schlimm, oder? Es behin­dert uns gemein­sam mit dem Urhe­ber­recht in unse­rer täg­li­chen Arbeit, es behin­dert uns dabei, zeit­ge­mäß mit digi­ta­len Medi­en im schu­li­schen Kon­text umzu­ge­hen. Das könn­te doch alles viel leich­ter sein!

Ein Auf­schrei ertönt in der Gesell­schaft, wenn Bür­ger­rech­te beschnit­ten wer­den, wenn pri­va­te Unter­neh­men z.B. ohne Rich­ter­vor­be­halt per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten abfra­gen kön­nen — dann ist es ganz schnell aus mit der Anony­mi­tät — als anonym blog­gen­der Kol­le­ge jeman­dem zivil­recht­lich auf die Füße tre­ten? Der Klar­na­me ist dann nur einen Klick ent­fernt — übri­gens wahr­schein­lich sogar auf Jah­re noch nach­weis­bar. Des­we­gen so rich­tig nach Daten­schutz schrei­en? Aber der Staat hat gefäl­ligst dafür zu sor­gen, dass mei­ne Daten und mei­ne Rech­te geschützt wer­den! Und das bit­te­schön auch prak­ti­ka­bel! Und umsetz­bar.

Was waren Beam­te noch ein­mal? Ach ja — Bediens­te­te und damit Ver­tre­ter des Staa­tes. Wenn per­sön­li­che Frei­hei­ten bedroht sind, ruft man laut. Wenn Geset­ze, die dafür da sind, per­sön­li­che Frei­hei­ten Drit­ter zu schüt­zen, von uns Lehr­kräf­ten umge­setzt wer­den sol­len, ruft man auch laut.

The­se 1: Ist man selbst als Per­son betrof­fen, fin­det man Daten­schutz super. Soll man Daten­schutz in der Rol­le des Staa­tes umset­zen, fin­det man das doof.

Teil 2: „Die Daten von Schü­lern sind für nie­man­den rele­vant. Die Sor­gen der Daten­schüt­zer sind über­trie­ben.”

Elek­tro­ni­sche Klas­sen­bü­cher sind eine fei­ne Sache. Unter­richts­pro­to­kol­le, Krank­mel­dun­gen, Beur­lau­bun­gen, Tadel, ver­ges­se­ne Haus­auf­ga­ben — alles kom­for­ta­bel über die Web­schnitt­stel­le oder per Syn­chro­ni­sa­ti­on auf dem Mobil­ge­rät abruf­bar. Lern­platt­for­men mit Leis­tungs­da­ten und Schü­ler­pro­duk­ten — end­lich eine Über­sicht zu den ein­zel­nen Leis­tungs­stän­den, end­lich die Mög­lich­keit, indi­vi­du­ell zu för­dern. Port­fo­li­o­sys­te­me? Sehr bequem und trans­pa­rent. Und vor allem: Jeder sieht nur die Daten, die er auch sehen darf! Die­se Daten wer­den meist bei exter­nen Anbie­tern gehos­tet und sind dort zen­tral zugäng­lich. Das ist auch kein Pro­blem. Schließ­lich sind die­se Daten dort sicher und für nie­man­den inter­es­sant — zumin­dest wird das ger­ne kom­mu­ni­ziert.

Nur: Abso­lu­te Daten­si­cher­heit gibt es nicht, obwohl jeder Anbie­ter alles dar­an set­zen wird, den maxi­ma­len Stan­dards gerecht zu wer­den. Lei­der sind zen­tral vor­lie­gen­de Daten immer recht attrak­tiv, da sie in der Regel struk­tu­riert und in ein­heit­li­chen For­ma­ten vor­lie­gen­den, die sich sehr leicht aus­wer­ten las­sen. Die Attrak­ti­vi­tät beschränkt sich dabei nicht auf „die bösen Hacker”. Vor­stell­bar sind auch Aus­wer­tun­gen für künf­ti­ge Arbeit­ge­ber und Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten. Die Rele­vanz von Daten für zukünf­tig denk­ba­re Kon­tex­te ist heu­te nicht vor­her­seh­bar. Daher ist die Aus­sa­ge „Die Daten von Schü­lern sind für nie­man­den rele­vant” m.E. sehr mutig, weil eine gehö­ri­ge Por­ti­on „Glas­ku­gel” ein­ge­dacht wird.

Und ich weiß nicht, ob sowas nie gesche­hen wird. Ich sehe, dass es Men­schen gibt, die bei EC-Kar­ten­za­hun­gen vor mir an der Kas­se bei jedem noch so klei­nen Betrag ihre PIN ein­ge­ben müs­sen, wäh­rend ande­re bei wesent­lich höh­reren Sum­men einen Wisch unter­schrei­ben. Das liegt natür­lich nicht dar­an, dass die Zah­lung per PIN dem Händ­ler garan­tiert wird, wäh­rend die Ein­tei­lung der Ein­zugs­er­mäch­ti­gung per Unter­schrift weni­ger Kos­ten ver­ur­sacht, aber das Risi­ko eines unge­deck­ten Kon­tos birgt. Es kom­men auch nie Zugangs­da­ten gro­ßer Web­diens­te in Umlauf. Auch Kre­dit­kar­ten­da­ten wer­den nicht in ent­spre­chen­den Foren gehan­delt. Unse­re Daten sind sicher. Alle. Immer.

The­se 2: Die Attrak­ti­vi­tät bzw. Rele­vanz von Daten für die Zukunft ist heu­te nicht vor­her­sag­bar. Aus­sa­gen wie „Damit wird schon nichts pas­sie­ren!” erschei­nen gera­de im Kon­text der heu­te schon beob­acht­ba­ren Ent­wick­lun­gen mutig.

Teil 3: „Die Klas­sen­bü­cher lie­gen in den Pau­sen frei aus. Im Leh­rer­zim­mer trei­ben sich auch SuS her­um. Da ist es doch gera­de­zu hirn­ris­sig zu sagen, dass Daten in einer geschütz­ten IT-Umge­bung bei einem Anbie­ter nicht viel siche­rer auf­ge­ho­ben sind!”

Rechen­zeit ist nicht teu­er. Auch das Algo­rith­menschrei­ben nicht son­der­lich. Daten auf Papier sind einem Algo­rith­mus nur mit erheb­li­chem Auf­wand zugäng­lich. Ein Klas­sen­buch muss Sei­te für Sei­te gescannt wer­den, um einer Daten­ver­ar­bei­tung zugäng­lich zu wer­den — auf­grund der indi­vi­du­el­len Klas­sen­buch­füh­rung dürf­ten auch OCR-Ver­su­che einer erheb­li­chen Nach­be­ar­bei­tung bedür­fen. Und dann habe ich immer noch nur die Daten einer Klas­se. Der Auf­wand rech­net sich in der Regel nicht — Leh­rer­ka­len­der und Klas­sen­bü­cher sind Daten­schutz­ka­ta­stro­phen — ohne Fra­ge. Aber nur in einem eng begrenz­tem Kon­text. Eine Daten­bank liegt immer in einem For­mat vor, was einem Algo­rith­mus direkt zugäng­lich ist. Daten auf Papier nicht. Dass die­se bei­den Medi­en so unter­schied­lich behan­delt wer­den, hat also tech­ni­sche Grün­de.

The­se 3: „Das Vor­han­den­sein von Daten­schutz­lü­cken auf Papier­me­di­en ist kein Argu­ment für die Daten­ver­abei­tung in Rechen­zen­tren.”

Was macht der Daten­schutz?

  1. Er for­dert eine gesetz­li­che Grund­la­ge zur Ver­ar­bei­tung von per­so­nen­be­zo­ge­nen Daten, da dies ein Ein­griff in die Grund­rech­te des Ein­zel­nen dar­stellt.
  2. Er for­dert Daten­spar­sam­keit: Nur für den jewei­li­gen Zweck erford­li­che Daten dür­fen erho­ben wer­den. Im Fal­le einer tech­ni­schen Pan­ne sind so die offen­ge­leg­ten Daten in ihrer Men­ge von vorn­her­ein begrenzt.
  3. Er schreibt Rech­te fest: Man hat z.B. das Recht, Aus­kunft über die durch eine Fir­ma oder Behör­de ver­ar­bei­te­ten Daten zu ver­lan­gen.
  4. Er schützt in beson­de­rer Wei­se die Rech­te von Per­so­nen, die nicht in aus­rei­chen­dem Maße über tech­ni­sche Kom­pe­ten­zen ver­fü­gen, um mög­li­chen Stol­per­stei­ne aus­zu­wei­chen.
  5. Er nervt, wenn man selbst mit Daten Drit­ter umge­hen möch­te.
  6. Er ist viel­leicht jetzt schon voll­kom­men über­flüs­sig, weil eh schon alle Daten über uns frei ver­füg­bar sind. Die Fra­ge ist, ob wir das in eini­gen Jah­ren immer noch den­ken wer­den. Naja. Der Mensch ist von Natur aus gut.

Wer mehr über die Grund­la­gen des Daten­schut­zes im Kon­text von Schu­len hier in Nie­der­sach­sen wis­sen möch­te, sei auf eine Pre­zi ver­wie­sen, die ich nach einer Schu­lung durch Mit­ar­bei­ter des Lan­des­da­ten­schutz­be­auf­trag­ten erstellt habe.

Wie gehe ich als explo­ra­ti­ve Lehr­kraft damit um?

  1. Ich erzeu­ge öffent­lich kei­ne per­so­nen­be­zo­ge­nen Daten (mehr). Ent­spre­chen­de Ein­trä­ge lösche ich zur Zeit aus die­sem Blog. Ich kann im Netz Schü­ler­na­men pseud­ony­mi­sie­ren. Es ist wich­tig, dass ICH das tue. SuS nei­gen oft dazu, gän­gi­ge Nicks aus sozia­len Netz­wer­ken wei­ter­zu­ver­wen­den.
  2. Ich kann mir die Ein­wil­li­gung des Erzie­hungs­be­rech­tig­ten für die Ver­ar­bei­tung von Daten holen, die nicht durch Geset­ze oder Erlas­se abge­seg­net ist. Am bes­ten ent­wi­ckelt dabei die Schu­le selbst Richt­li­ni­en und Ein­wil­li­gungs­er­klä­run­gen, die dann ein­fach im Rah­men der Schul­an­mel­dung mit unter­zeich­net wer­den — das macht ja eh jede Schu­le schon für die Ver­wen­dung von Schü­ler­fo­tos, oder? An so eine Ein­wil­li­gungs­er­klä­rung sind aber bestimm­te for­ma­le Regu­la­ri­en geknüpft. Viel­leicht gibt es ja einen Juris­ten in der Eltern­schaft.
  3. Mit exter­nen Anbie­tern müs­sen zwin­gend Ver­ein­ba­run­gen zur Auf­trags­da­ten­ver­ar­bei­tung geschlos­sen wer­den (Bun­des­da­ten­schutz­ge­setz).  Es gibt die Unsit­te, z.B. Lern­platt­for­men oder Web­diens­te für die Schul­or­ga­ni­sa­ti­on ein­fach als Erwei­te­rung des „Ver­wal­tungs­net­zes” zu dekla­rie­ren, des­sen Daten­ver­ar­bei­tung meist durch z.B. hier in Nie­der­sach­sen das Schul­ge­setz gere­gelt ist. Aber auch da gilt der Grund­satz der Erfor­der­lich­keit — hier für Ver­wal­tungs­auf­ga­ben.
  4. Die Daten dezen­tral spei­chern, z.B. indem ich eige­ne Schul­clouds auf­baue. Die Daten lie­gen dort meist nicht struk­tu­riert und in einem Umfang vor, der es son­der­lich loh­nend machen wür­de, die­sen Daten­be­stand von außen anzu­grei­fen. Für Angrif­fe von innen hat man ggf. ganz ande­re foren­si­sche Mög­lich­kei­ten.  Neben­ef­fekt: Für einen „staat­li­chen Ser­ver” gel­ten vie­le Rege­lun­gen nicht, die ein pri­va­ter Anbie­ter umzu­set­zen hat — z.B. die Schaf­fung von „Abhör­schnitt­stel­len” ab einer gewis­sen Nut­zer­zahl.

Alles Quatsch und rea­li­täts­fern …

… es sind doch eh alle in sozia­len Netz­wer­ken. Post-Pri­va­cy! Es gibt schon jetzt kein Zurück. Mei­ne kur­ze Ant­wort: Was Men­schen selbst durch die Gegend pus­ten, pus­ten sie selbst durch die Gegend. Ich fin­de es nicht immer schlecht, Beruf­li­ches und Pri­va­tes zu tren­nen. Immer­hin erwar­te ich auch von mei­nem Arbeit­ge­ber, dass er sich in bestimm­te Ange­le­gen­hei­ten nicht ein­mischt. Und natür­lich sorgt die Vor­la­ge von Ein­wil­li­gungs­er­klä­run­gen für sozia­len Stress, wenn z.B. eini­ge Eltern oder SuS nicht unter­schrei­ben wol­len. Die­ser Stress erzeugt nach mei­ner Erfah­rung aber auch eine Aus­ein­an­der­set­zung mit dem The­ma Daten­schutz. In der Schul­cloud kann man durch­aus die Ertei­lung eines Accounts von die­ser Erklä­rung abhän­gig machen. Ist es gar nicht zu lösen, arbei­te ich eben mit der gan­zen Grup­pe pseud­ony­mi­siert und bin dann durch nichts ein­ge­schränkt, weil ich — etwas Umsicht vor­aus­ge­setzt — kei­ne per­so­nen­be­zo­ge­nen Daten erzeu­ge.

 

 

Sagen Sie mal Herr Riecken, ist Petra immer noch in …

… dabei hat­te Petra erst zu Beginn der Stun­de erfah­ren, dass es eine Klas­sen­ar­beit nach­zu­schrei­ben galt. Aber schon kur­ze Zeit spä­ter wuss­te die bes­te Freun­din Bescheid und woll­te sich nun ver­ge­wis­sern, ob sie war­ten oder allein nach Hau­se fah­ren soll­te. Whats­App macht es mög­lich und klar, dass der von vie­len im Netz beschwo­re­ne „Kon­troll­ver­lust” über die Infor­ma­ti­ons­ho­heit inner­halb der Schu­le nun auch vir­tu­ell Rea­li­tät gewor­den ist.

Kon­trol­le hat­te man als Schu­le dar­über jedoch noch nie: Gerüch­te, Busch­funk oder indi­rekt ver­mit­tel­te Leh­rer­bil­der gab es schon immer. Neu ist für mich ledig­lich die media­le Prä­senz. Ver­bun­den mit dem Klar­na­menzwang — etwa bei Face­book oder G+ — sind Äuße­run­gen prak­ti­scher­wei­se viel eher ein­zel­nen Per­so­nen zuzu­ord­nen als frü­her in der dif­fu­sen Gerüch­te­kü­che einer Klein­stadt. Für mich stellt es auch ein gewal­ti­ges Stück „Kon­trol­le” dar, dass ich mit wenig Auf­wand nun sogar recht ein­fach die Her­kunft einer Äuße­rung per­so­nen­be­zo­gen ermit­teln kann — in gra­vie­ren­de­ren Fäl­len sogar mit amt­li­cher Unter­stüt­zung — schließ­lich ist das Netz kein rechts­frei­er Raum, obwohl das oft behaup­tet wird. Ich habe selbst schon poli­zei­li­che Anzei­gen gemacht und erfah­ren, dass das in straf­recht­lich rele­van­ten Fäl­len, z.B. „Bom­ben­dro­hungs­scher­zen” ziem­lich schnell gehen kann, bis man Men­schen aus Fleisch und Blut vor sich ste­hen hat.

Schu­le hat­te also in mei­nen Augen die Infor­ma­ti­ons­ho­heit über das, was über sie und ein­zel­ne ihrer Lehr­kräf­te, Schü­ler und Ange­stell­ten ver­öf­fent­licht wird, noch nie. Durch das Inter­net ist aber der „Klein­sys­tem­ge­rüch­te­pro­zess” trans­pa­ren­ter und doku­men­tier­ba­rer gewor­den.

Das bie­tet eine Men­ge Chan­cen, die ein „Klein­sys­tem­ge­rüch­te­ver­bund” nicht hat. Es ermög­licht direk­te Gesprä­che und ver­mit­telt eben­so direk­te Rück­mel­dung, ohne „kom­mu­ni­ka­ti­ve Ban­de” wie z.B. Eltern oder Stamm­tisch­kol­le­gen. Wenn das geschieht, ist viel gewon­nen.

Es ermög­licht aber auch mit ver­hält­nis­mä­ßig wenig Auf­wand eine viel stär­ke­re Kon­trol­le — ein Account bei einem sozia­len Netz­werk öff­net da die Tür. Immer­hin kann ich ja SuS auch direkt wegen einer gepos­te­ten Äuße­rung dis­zi­pli­nie­ren. Oder ich kann — wo ein dis­zi­pli­na­ri­sches Ein­grei­fen nicht mög­lich ist — impli­zit durch mei­ne Macht­po­si­ti­on psy­cho­lo­gi­schen Druck auf­bau­en, etwa mit der Befürch­tung, von nun an schlecht bewer­tet zu wer­den — nicht dass sowas je vor­kä­me…

Wie ich mich da als Schu­le ver­hal­te, hat nicht mit der Art des „Infor­ma­ti­ons­ho­heits­ver­lus­tes” zu tun, son­dern allein mit der Hal­tung, die ich gegen­über mir anver­trau­ten Men­schen ein­neh­me. Manch­mal habe ich den Ein­druck, dass der Kon­troll­ver­lust als ein mög­li­cher Initia­tor von Ver­än­de­rung gese­hen wird. Es ist schön und begrü­ßens­wert, wenn das tat­säch­lich ein­tritt. Aber im „Klein­sys­tem­ge­rüch­te­ver­bund” liegt prin­zi­pi­ell die glei­che Chan­ce — wo ist sie genutzt wor­den? Selbst wenn eine Eva­lua­ti­on das schrift­lich fest­hält, was jeder „eh schon wuss­te”, bedarf es gro­ßer Anst­re­gun­gen, dar­aus auch Kon­se­quen­zen zu zu zie­hen. Im schlimms­ten Fall löst die neue Öffent­lich­keit von Rück­mel­dun­gen ledig­lich gewohn­te sys­te­mi­sche Beiß­re­fle­xe aus.

Ein­mal mehr hal­te ich die Hal­tung für ent­schei­dend — nicht das Medi­um, das die­se trans­por­tiert.

Verlorene Links — Teil 4

  1. Die CSU setzt sich metho­disch so mit dem poli­ti­schen Geg­ner aus­ein­an­der, wie man es eigent­lich eher von ande­ren Par­tei­en erwar­tet. Naja — das ist bestimmt schon bedroh­lich, wenn man Jahr­zehn­te in Bay­ern allei­ne regie­ren durf­te und jetzt auch noch Gewicht in der Uni­on ver­liert.
  2. Dami­an Duch­amps for­dert einen Genera­tio­nen­wech­sel in der Leh­rer­schaft und setzt ein wenig ste­reo­typ alt=reformunwillig, jung=reformwillig — zumin­dest könn­te man sei­ne Gedan­ken mit ein biss­chen Bös­wil­lig­keit so lesen. Wenn man „Genera­ti­on” eher evo­lu­tio­när mit bestimm­ten Per­sön­lich­keits­ty­pen in der Leh­rer­schaft defi­niert, wird da für mich ein Schuh draus. Die­se Dis­kus­si­on ver­dient in mei­nen Augen auf jeden Fall eine Fort­set­zung — gera­de auch bei so man­chem Bil­dungs­jour­na­lis­ten.
  3. Herr Lar­big twit­tert ein inter­es­san­tes Skript von einen Radio­bei­trag zu Heli­ko­pter­el­tern. Das sind die, die ihr Kind beim ers­ten poten­ti­el­len Regen­trop­fen mit dem Auto zur Schu­le fah­ren… An dem Skript ent­setzt mich eher, dass dort lau­ter Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten „wis­sen­schaft­lich ange­stri­chen” pro­ble­ma­ti­siert wer­den.
  4. Der Land­tag mei­nes Bun­des­lan­des Nie­der­sach­sen hat heu­te 320 Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten in ihre Aus­lands­ein­sät­ze ver­ab­schie­det. Ich emp­fin­de das als eine star­ke Ges­te der Poli­tik. Man kann zur Sache an sich ste­hen, wie man will: Die Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten kön­nen am wenigs­ten dafür. Bleibt noch zu hof­fen, dass poten­ti­el­len „Fehl­ver­hal­ten” vor Ort nicht vor Zivil­ge­rich­ten ver­han­delt wer­den wird: Erst die jun­gen Men­schen in Extrem­si­tua­tio­nen schi­cken und dann hier nach zivi­len Maß­stä­ben ver­kna­cken. Ich per­sön­lich weiß nicht, ob die ethi­schen Grund­sät­ze dann nicht schon ein wenig frü­her grei­fen soll­ten… Die Links­par­tei hat sich der Sache übri­gens ver­wei­gert. Mensch und Sys­tem soll­te man schon tren­nen kön­nen — fin­de ich.
  5. Durch Herrn Rau habe ich die Hype­kur­ve ken­nen gelernt (Ich errei­che übri­gens nie das ers­te Maxi­mum — dazu bin ich wohl zu abge­brüht und ver­kopft). Außer­dem gibt es im Anschluss zum sehr infor­ma­ti­ven Arti­kel auch noch eine schö­ne Dis­kus­si­on zu Mood­le. Cool fin­de ich aber vor allem die Fort­bil­dungs­ein­stiegs­idee.

Arbeitsblatt: Umgang mit Messwerten

Das Arbeits­blatt

Auf­ga­be 1:

Bei der Sie­de­punkts­be­stim­mung von Metha­nol wur­den die Wer­te ermit­telt, die in der unten ste­hen­den Tabel­le ver­zeich­net sind.

Tabel­le 1:

t [s] T [°C]
0 20
15 21
30 21,5
45 23
60 28
75 32
90 37
105 41,5
120 46
135 50
150 52,5
165 54
180 55,5
195 57
210 58,5
225 59,5
240 60,5
255 61
270 61,5
285 63
300 63,5
315 64
330 64,5
345 65
360 65
375 65
390 65,5
405 65
420 65
435 65

a) Über­tra­ge die Wer­te in ein Dia­gramm und zeich­ne die Sie­de­kur­ve ein.

b) Bestim­me mit Hil­fe dei­nes Dia­gram­mes den Sie­de­punkt von Metha­nol gra­phisch.


Auf­ga­be 2:

Die Sie­de­punkts­be­stim­mung von Metha­nol wur­de von acht ver­schie­de­nen Grup­pen inner­halb einer Klas­se vor­ge­nom­men. Dabei ergibt sich fol­gen­des Ergeb­nis:

Grup­pe 1 2 3 4 5 6 7 8
Sdpkt. 66°C 62°C 57°C 64°C 66°C 80°C 65°C 66°C

Bestim­me aus die­sem Klassen­er­geb­nis den Sie­de­punkt von Metha­nol!

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Erläu­te­run­gen

Bei Auf­ga­be 1 kommt es mir dar­auf an, dass die SuS eine geeig­ne­te Ska­lie­rung wäh­len (Aus­nut­zung des Blat­tes) und die Sie­de­kur­ve durch die Mess­punk­te gra­phisch inter­po­lie­ren. Es herrscht immer noch die Unsit­te, Mess­punk­te ein­fach stumpf zu ver­bin­den und damit zu unter­stel­len, es läge im Bereich von Mess­punkt 1 bis Mess­punkt 2 ein linea­rer Ver­lauf vor.

Begüns­tigt wird dies durch Tabel­len­kal­ku­la­ti­ons­pro­gram­me, die das in der Grund­ein­stel­lung genau so machen und auch nicht immer per Default eine geeig­ne­te Ska­lie­rung vor­ge­ben. Wenn mei­ne SuS ihre gra­fik­fä­hi­gen Taschen­rech­ner in der Hand hal­ten (2. Halb­jahr der 7. Klas­se), dann wer­den wir natür­lich damit arbei­ten…

Bei Auf­ga­be 2 sol­len die SuS offen­sicht­lich unplau­si­ble Ergeb­nis­se eli­mi­nie­ren und danach den Mit­tel­wert in ange­mes­se­ner Genau­ig­keit bestim­men (eine Nach­kom­ma­stel­le). So kann man in die­sem Fall die Türm­chen­rech­ne­rei an der zwei­ten Nach­kom­ma­stel­le abbre­chen…

Natür­lich haben wir im Vor­we­ge Sie­de­tem­pe­ra­tu­ren expe­ri­men­tell bestimmt und dabei das grund­sätz­li­che Ver­fah­ren ken­nen gelernt — das Arbeits­blatt habe ich direkt nach den Herbst­fe­ri­en zur Wie­der­ho­lung hin­ein­ge­ge­ben und bin wäh­rend­des­sen von Schü­ler zu Schü­le­rin gegan­gen, um die „sons­ti­gen Leis­tun­gen” zu bespre­chen und zu beno­ten.


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