Was bedeutet für mich Bildung?

Ich komme selten dazu, schlaue geisteswissenschaftliche Abhandlung zum Bildungsbegriff zu lesen. Ich kann mich nicht mit großem, fundiertem Wissen zu Bildungstheorien anderer schlauer Leute schmücken. Aber neulich kam mir ein Gedanke für eine Analogie, die meinen persönlichen, völlig unwissenschaftlichen Bildungsbegriff recht gut beschreibt, der sich aus privaten und beruflichen Quellen speist. Ich schaue dabei immer wieder auf meine Bildungshistorie und vor allem auf die Rolle von Schule und Universität.

Bildung hat für mich zwei wesentliche Komponenten. Struktur und Inhalte. Ich sehe diese beiden Komponenten einzeln als völlig wertlos an. Sieht man das Verhältnis zwischen beiden als dichotomisch an, so wird ein Schuh daraus.

Das ist ähnlich wie ein Lager (Struktur) mit Paketen (Inhalte). In einem Lager befinden sich Regale. Vielleicht fahren da auch Roboter hin und her, die von einem komplizierten Steuerungssystem betrieben werden. Vielleicht machen das Menschen – wir haben hier vor Ort einen Laden, bei dem man beim ersten Hinsehen nicht vermuten könnte, dass es eine Struktur gibt – aber sie ist vorhanden (und ermöglicht sogar das Auffinden eines Känguruh-Halfters nach Jahrzehnten). Unnötig zu erwähnen, dass dieser Laden ohne einen Internetauftritt auskommt.

In jedem Lager befinden sich Pakete, die innerhalb der Struktur einen Platz besitzen und meist auch irgendwann eine Funktion erfüllen. Wenn es keine Pakete gibt, ist der Betrieb des Lagers als Selbstzweck irgendwie doof. Wenn es keine Lagerstrukturen gibt, wird es mit der Verwertbarkeit der Pakete schnell schwierig. Lager und Pakete gehören also zusammen wie die zwei Seiten eines Blatts Papier – ein dichotomisches Verhältnis.

Ein modernes Lager organisiert sich heutzutage übrigens immer neu, besitzt also im Prinzip wenig feststehende Strukturen. Einzelne Pakete oder „Wissensartefakte“ sind da weniger dynamisch – wobei es natürlich immer auf das Wissensgebiet ankommt.

Beispiele für Strukturerwerb

Ich habe früher mal Jugendarbeit gemacht, unter anderem auch Freizeitarbeit. Ich war in einem Jahr der Älteste und Erfahrenste in einem Team. Wenn es Regeln durchzusetzen galt, musste ich das machen. Ich hatte nach einer Woche das Gefühl, bei den Teilnehmenden völlig unten durch zu sein. In der abendlichen Reflexion mit anderen Teamern gab es dann eine interessante Hypothese: Die Teilnehmer hassten nicht mich, sondern das was ich tat. Ob es so war, weiß ich nicht. Ich habe in der Situation jedoch den Unterschied zwischen Rolle und Person begriffen und konnte diese Struktur dann später in mein „Lager“ als gundlegende Organisationsform integrieren. Sie hilft mir heute in meiner Tätigkeit als Lehrkraft wie auch in Beratungsprozessen – man kann vor dieser Folie Verhalten anders einordnen.

Weiterhin gibt es in der Chemie ein didaktisches Konzept namens „Donator-/Akzeptorprinzip“. Die grundsätzliche Struktur dabei ist, dass Teilchen von A nach B übertragen werden. Man kann mit diesem Konzept schon sehr früh beginnen. Im Laufe des Chemieunterrichts ändert sich eigentlich „nur“, dass der Aufbau von A, B und dem Teilchen immer komplizierter wird. Das Prinzip bzw. die Struktur „Donator/Akzeptor“ bleibt jedoch. Ohne diese Struktur müsste man jedes Paket einzeln in ein Regal tragen und würde gar nicht sehen, dass man sie ggf. platzsparend ineinanderstapeln kann und damit Mengen an intellektueller Kapazität blockieren.

Beispiele für den Paketerwerb

Es gibt manchmal die Situation, dass man bestimmte Pakete braucht bzw. besitzen muss, um die Notwendigkeit zu sehen, dass diese gelagert werden müssen oder um überhaupt einer Lagerungsstruktur entwickeln zu können.

Vokabeln einer Fremdsprache sind für mich so ein Beispiel. Wenn ich sie nicht kenne (erwerben kann ich sie freilich recht unterschiedlich), wird es mir schwerfallen, die Struktur einer Sprache zu erfassen. Der Spracherwerb von Kindern erfolgt ja oft über Worte, die dann in eine zu begreifende Struktur (Grammatik einer Sprache) zu integrieren sind, damit Kommunikation gelingt. Ob man eine Fremdsprache durch andere Unterrichtsformen erlernen kann, wird gerade hier in Niedersachsen durch ein neues Kerncurriculum Englisch ausprobiert. Im Prinzip versucht dieses so zu tun, als würde der Spracherwerb wie bei einem native Speaker erfolgen können – allerdings in Deutschland. Mal sehen, ob es klappt.

Ich mochte Geschichte als Schüler nie, bemerke aber, dass ich einzelne Wissenspakete jetzt in eine Verbindung bringen, d.h. Strukturen mit Hilfe vorhandener Inhalte aufbauen kann, von denen ich lange Zeit nicht wusste, wo ich sie im Lager hinstellen sollte. Die Pakete waren zur Schulzeit also vollkommen sinnfrei und haben irgendwo in einer Ecke des Lagers gestanden, wo sie verstaubt sind. Dass sie einmal wichtig werden würden, wusste ich damals nicht. Leider ist es schwer vorauszusehen, für welche Pakete das im Leben eines Menschen gelten wird. Daher beruht soetwas wie „Bildungskanon“ im Grunde auf einer breit gestreuten Spekulation.

Auseinandersetzungen um die „richtige“ Art von Bildung

Grob gesprochen gibt es für mich in der Bildungsdiskussion zwei Pole: Den der Inhalte und den der Strukturen. Streit gibt es oft darüber, wie man sich „richtig“ zwischen den Polen positioniert.

Extremposition 1:

Pakete, die man vorgesetzt bekommt, entspringen dem industriellen Zeitalter. Pakete sucht man sich selbst und baut damit seinen eigenen Strukturen. Eigentlich sind primär die Strukturen wichtig, da es eh viel zu viele Pakete in der Wissensgesellschaft gibt und zum anderen am Anfang der Schulzeit noch gar nicht klar sei kann, welche Pakete man später mal finden und ausliefern muss. Pakete liegen heute eh alle fertig in Digitalien herum. Finden und auspacken reicht eigentlich auch schon.

Extremposition 2:

Wenn man nie ein vorstrukturiertes Lager gesehen hat, bei dem man genötigt wurde, Pakete an vorgegebene Plätze zu stellen, d.h. wenn man nie ein Beispiel für ein Lager gesehen und erlebt hat, wird man kein eigenes Lager bauen können. Lehrjahre sind kein Herrenjahre. Und es gibt Menschen, die eben wissen, was gut und recht ist und was ein Staatsbürger eben so können muss. Das vorgebene Lager kann ja dann als Referenz- und Bezugspunkt für das eigene Lager dienen. Und wenn ich alle Pakete in Digitalien erst suchen muss, werde ich nicht effizient arbeiten können oder Strukturen entwickeln, die nicht effizient sind und intellektuelle Kapazitäten blockieren.

Zwischenfragen

  1. Es gibt Lageranordnungen, die sinnvoll und effzient sind, um möglichst viele Pakete in kurzer Zeit strukturiert abzulegen und abrufen zu können. Es gibt dazu bestimmt auch Alternativen, z.B. kann man klassisch schriftlich Multiplizieren oder eben auch ganz anders. Wann ist die eigene Suche nach Strukturen weniger effizient als die Adaption vorhandener?
  2. Das verfügbare Wissen der Welt wächst exponentiell. Der Anspruch, möglichst das für das eigene Leben relevante Wissen im Rahmen eines vorgegebenen Bildungskanons zu erwerben ist ein härer, kaum zu bewältigender. Wann ist die Aussage „Man kann nicht alles wissen!“ korrekt und wann negiert sie, dass es Strukturen gibt, auf denen sich Wissen besser oder schlechter aufbauen lässt?

Aktuell

Aktuell wird diskutiert, inwieweit Informatik ein Bestandteil von Unterricht sein sollte wie etwa Chemie, Physik oder Biologie, Die Gegner sagen: „Es will ja nicht jeder Computernerd werden!“ – Ich sage: „Soso. Aber jeder will Chemiker, Physiker oder Biologe werden!“ Nebenbei nehme ich wahr – wahrscheinlich als einziger – das die Informationstechnologie zunehmend unseren Alltag bestimmt, wir aber immer weniger von den zugrundeliegenden Strukturen wissen.

Wenn ein Kind keine Eiche mehr erkennt, ist das schade. Wenn ganze Gesellschaften unreflektiert informationstechnische Systeme bedienen, von deren Funktion oft das Leben abhängt, ist das völlig selbstverständlich. Das Wissen über diese Strukturen braucht keiner, weil es mühsam und belastend ist – über Chemie höre ich übrigens in der Rückschau ehemaliger Schüler mit entsprechender Chemielehrerbiographie gleiches.

Man könnte ja auch anders argumentieren: Weil informationstechnische Systeme unseren Alltag ebenso wie biologische, physikalische oder chemische Prozesse bestimmen, wäre eine Einführung in grundlegende Strukturen so doof nicht. Informatik – obwohl nicht „mein“ Fach – ist eine Wissenschaft rund um die Strukturen informationstechnischer Systeme. Programme und Hardware braucht man, um darüber etwas zu lernen. Sie sind aber austauschbare Pakete.

Weiterhin ist das „Projektlernen“ zurzeit ein neuer pädagogischer Modebegriff: Schülerinnen und Schüler suchen sich hier ihre Pakete und Strukturen selbst. Ich habe mit dem Projektlernen in der Regel nur dann sehr gute Erfahrungen gemacht, wenn bestimmte Strukturen bereits vorhanden waren. Dazu gehören fachliche, methodische Strukturen aber auch Persönlichkeitsmerkmale, die für das gewählte Projekt oder Thema dann konstituierend sind.

Fazit

Inhalt und Struktur gehen immer Hand in Hand. In der Diskussion um „gute Bildung“ wird mir momentan zu sehr polarisiert.

Zum Weiterdenken und -lesen

Zufällig arbeitet Jean-Pol Martin zurzeit an einem recht ähnlichen Gedanken mit jedoch etwas verschobenem Fokus, indem er  – um in meinem Bild zu bleiben – die erfolgreiche Integration von Paketen in eine Lagerstruktur sogar mit glücksbringenden Erfahrungen assoziiert – der Prozess der Einordnung („Konzeptualisierung“) als sinnstiftendes Moment unseres Lebens.

Arbeit an Strukturen

Schon vor den Sommerferien ergab sich auf Twitter eine für mich sehr interessante Fragestellung. Kern war die Diskussion, inwieweit Arbeit an Strukturen außerhalb der eigenen Person sinnvoll und möglich ist. Ich habe diese Frage auch noch einmal auf einer SchiLF aufgeworfen. Ich gebe eine paar Statements aus beiden Quellen wieder, die ich nur sinngemäß zusammenfasse:

„Verändern kannst du dich nur selbst. An den Strukturen, die dich umgeben, arbeitest du dich kaputt.“

„Wenn du für dich sorgst, dann haben du und deine SuS viel gewonnen.“

„Wenn immer mehr Menschen so denken und handeln, dann wird sich auf lange Sicht auch die Struktur verändern.“

[…]

Dahinter steckt ja eine Haltung, aber eben auch eine Erfahrung mit dem bestehenden System. Es geht nicht mehr um „Bildung hacken“, sondern offenkundig – sehr überspitzt formuliert – um die Schaffung individueller Wohlfühlblasen – Stress und Anfeindungen gibt es im System ja wahrlich schon genug.

Ich halte das für eine Kapitulation. Und ich halte das für eine Aufgabe eines solidarischen Prinzips. Meine Wohlfühlblase nützt nämlich einem Gegenüber ggf. gar nichts, weil es u.U. nicht einmal mehr in der Lage ist, von mir die Struktur „Aufbau einer Wohlfühlblase“ zu übernehmen. Selbst wenn, würde dann irgendwann die Anforderung von Links zwischen den Blasen entstehen, wodurch der Stress wieder beginnt. Klar – ich könnte mich selbst jetzt vieler positiver Aspekte meiner existierenden Blase rühmen, aber ich bekomme damit zunehmend Schwierigkeiten.

Man wird mir entgegenhalten, dass der Aufbau von Wohlfühlblasen sowohl ein Recht als auch eine Notwendigkeit ist, um selbst gegen destruktive Einflüsse zu bestehen. Schließlich ist ja nichts damit gewonnen, in selbstzerstörerischen Aktionen im Meer der Selbstausbeutung oder menschenverachtenden Zynismus zu versinken.

Wenn ich mit meinem begrenzten historischen Horizont in die Geschichte schaue, fällt mir aber keine nachhaltige Strukturveränderung ein, die sich in der Wohlfühlzone abgespielt hat, sondern sehr oft waren diese Umwälzungen mit persönlichem Risiko aller Aktiven verbunden.

Daher glaube ich nicht in Ausschließlichkeit an das Konzept

„Wenn viele Menschen an vielen kleinen Orten kleine Dinge tun, wird sich das Gesicht der Welt verändern.“

Aber wie ändert man Strukturen ohne daran zu scheitern?

Zunächst einmal glaube ich, dass das Scheitern selbst eine unausweichliche Nebenwirkung eines solchen Vorhabens ist. Jede Struktur hat aber Schwächen, die sie nur bedingt zu kompensieren vermag. Effizient sind Menschen, die diese Schwächen gezielt finden und ausnutzen können. Was geschieht z.B., wenn sich an Schulen mit Handybenutzungverbot alle SuS ganz offen nicht daran halten?

Ein makabres Musterbeispiel ist in meinen Augen dabei der Terrorismus. Er schafft es mit extrem wenig Ressourcen und gezielten, exemplarischen Schlägen, Gesellschaften zu verändern. Verglichen mit anderen Bedrohungen sind die Todeszahlen bei terroristischen Anschlägen sehr gering. Dennoch wird keine andere Struktur so oft dazu herangezogen, Systemveränderungen im Hinblick auf verringerte Freiheit des Einzelnen zu rechtfertigen und zunehmend auch durchzusetzen. Das schafft in meinen Augen der Terrorismus dadurch, dass er Strukturen der öffentlichen Ordnung bedroht: Mit wenig Aufwand stellt er die Funktionsfähigkeit staatlicher Exekutive in Frage und verringert so das individuelle Sicherheitsempfinden. Damit zerstört er eine funktionsfähige Struktur keineswegs – er greift sie nur partiell in einer sehr destruktiven Art und Weise an – jedoch unglaublich effizient und zwingt sie so zu gravierenden strukturellen Veränderungen. Wer mehr darüber wissen möchte und auch im die dahinerstehenden Gedankengänge, möge sich die entsprechende TNG-Folge anschauen, die genau dieses Phänomen schon weit vor 9/11 thematisiert hat.

Keine Sorge – jetzt kommt nicht der Aufruf, Pflastersteine und Molotowcocktails gegen Verwaltungsgebäude der Kultusbürokratie zu werfen. Jetzt kommt – wie immer – ein fiktives Beispiel, das im Schulalltag so  – natürlich – nie, nie vorkommt und an den ich zeigen will, was Arbeit an Strukturen für mich bedeuten kann. Es geht um eine Fachschaft, die etwas für den Unterricht beschaffen möchte. Die Struktur könnte so aussehen:

Mit dem dem „Wohlfühlblasenansatz“ wird sich diese Struktur wieder und wieder wiederholen. Ich persönlich kann mir eine andere Struktur vorstellen:

Arbeit an Struktur bedeutet für mich dann „nichts“ weiter als mir darüber Gedanken zu machen, wie ich Impulse setzen kann, um die eingefahrene, erste Struktur zu verändern, die u.U. natürlich gewachsen ist und auch ihre Berechtigung hat. Das Ändern dieser Beispielstruktur, die keineswegs nur typisch für das System „Schule“ ist, birgt Risiken:

  1. Es wurde u.U. immer schon so gemacht und ist „demokratisch“ akzeptiert
  2. Eine Metaebene, d.h. Nachdenken über die eigenen Strukturen tut immer weh, weil sie weniger als Chance, sondern als Kritik internalisiert ist.
  3. Es wird u.U. als alternativlos im Kontext von Schule gesehen, weil es z.B. kaum „Fachleute“ in ausreichender Zahl gibt
  4. Fortbildung bedeutet immer Ressourcenaufwand in Form von Aufmerksamkeit und Zeit. Beide Güter sind rar. Der temporäre Mehraufwand wiegt u.U. schwerer als die Perspektive kontinuierlicher Entlastungen bzw. Erleichterungen
  5. […]

Es gibt also genug Punkte, an denen man bei seinem Vorhaben, diese Struktur zu ändern, scheitern kann, was schon bei diesem kleinen Beispiel zu starken Störungen in der eigenen Wohlfühlblase führt.

Aber ist es effektiv, das in dieser Fom weiterlaufen zu lassen und einfach darauf zu warten, dass mehr Menschen das ähnlich sehen (aber dann auch nicht ihre Wohlfühlblase verlassen)? – wieder sehr überspitzt, klar.

Ich denke, dass jedem in seinem Umfeld Strukturen einfallen, die optimierbar sind. Minimalkonsens: Andere gewähren lassen, die Strukturen verändern wollen und ihnen offen bzw. mindestens neutral entgegentreten. Sie werden ja schon sehen, was sie davon haben, oder?

PS – Workshopidee:

  1. Strukturen visualisieren, die mich nerven (z.B. mit Flussdiagrammen)
  2. Gemeinsam mit anderen überlegen, warum diese Struktur genau so ist, wie sie ist – aber allein auf Basis der Visualisierung!
  3. Gemeinsam mit anderen Schwachpunkte und Ankerpunkte für Veränderungsansätze in dieser Struktur erarbeiten
  4. Zurück in der Struktur das Erarbeitete ausprobieren
  5. Gemeinsam auf einem weiteren Treffen die Ergebnisse vorstellen und nachbereiten.

ZUM-Treffen 2011 – oder vom Wert des Bewahrens

Ich bin an diesem Wochenende einer Einladung von ZUM e.V. zu einer Veranstaltung „Lehrer spinnen Netze“ nach Mainz gefolgt. Da gab es eine Menge zu lernen. Das Wichtigste braucht eine kleine Geschichte:

Auf dem Rückweg zum Bahnhof traf ich zwei Polizisten, die an einem Sonntag die Kennzeichen von Autos mit einer Digicam fotografierten, die in einer Ladezone im eingeschränkten Halteverbot abgestellt waren. Ladezone, Sonntag – nunja. Dieser Tonfall schwang wahrscheinlich mit, als sich folgender Dialog entspann:

 Ich: Und? Werden die Kennzeichen auch schon per Bilderkennung automatisch in einer Datenbank erfasst, oder tippen Sie die nachher tatsächlich auf der Wache händisch ein?

Die Beamten: Wir müssen die Halter erfassen, die hier stehen. Das ist eine Ladezone!

Ich: Aber wäre es nicht toll, wenn das ginge?

Dann war ich auch schon weiter und hinterließ zwei sichtliche irritierte Menschen. die so offenbar gar nicht wussten, was sie davon halten sollten. Das Verfahren mit der Digicam ist ja schonmal ein Schritt, auf den man stolz sein kann – aber es ginge noch besser, z.B. mit einer Handy-App, die Art des Vergehens, Dienstnummer der Beamten, Ort, Zeitpunkt und das ermittelte Kennzeichen nach Bestätigung durch den Nutzer über eine gesicherte Verbindung an einen zentralen Server übermittelt, der dann die Mahnbescheide automatisiert erstellt und…

Ich weiß: Datenschutz, aber es geht mir nur um das Prinzip und um meinen leicht überheblichen Tonfall, der impliziert, dass die Idee mit der Digicam nicht reicht. Diesen Tonfall nehme ich im Web2.0 gegenüber etablierteren Institutionen sehr oft wahr und schließe mich da auch nicht aus.

Es ist das Spannungsfeld zwischen dem, was bereits da ist und dem was an Veränderungen erforderlich ist, um das Vorhandene zu bewahren bzw. zu entwickeln. Ich nehme war, dass einige Institutionen, auch solche, die schon lange im Web unterwegs sind, sich genau in diesem Spannungsfeld bewegen, auch die Zentrale für Unterrichtsmedien, die eigentlich jeder Lehrer kennt und inhaltlich schätzt – von deren Seiten aber viele Lehrkräfte in unserer Schule sagen, sie seien so „unstrukturiert“.

Das toll gelegene traditionelle Tagungszentrum der diesjährigen ZUM e.V Tagung „Lehrer spinnen Netze“ hat das Problem auch lösen müssen – beide Bilder sind vom gleichen Standpunkt aufgenommen – nur eine 180°-Drehung war erforderlich:

Es gibt einen Altbau (Links) und einen Neubau (rechts). Man kann sich über die Architektur streiten, aber ich finde, dass beides irgendwie zueinander passt.

Ich war froh, im Gewölbekeller des Altbaus die wirklich weltbewegenden Probleme zu später Stunde diskutieren zu können, im Tagungsraum zuzuhören, zu begreifen, auch zu streiten, neue Menschen und Projekte kennenzulernen, z.B.:

  • Ganz viele Menschen aus dem Verein ZUM e.V., die über die Jahre hinweg viel aufgebaut und mit unglaublichem Eifer und Einsatz inhaltlich fortentwickelt haben
  • ein mir bisher unbekanntes Projekt aus Niedersachsen – das Vfl-Wiki – ein spannender Ansatz für eine Partnerschaft von Schule, gemeinnützigem Verein und Menschen, die auch bei ZUM e.V. aktiv sind
  • Wiederentdeckt: lernmodule.net – und Uwe Kohnle, der diese gGmbH betreibt und auch schon auf MoodleMoots zu sehen war. Außerdem hat er Kontakte zu den Bildungsservern, zu meiner eigenen Beratungsstruktur hier in Niedersachsen usw.
  • Neu kennen gelernt: Achim Burgermeister – er hat Kontakte nach Kasachstan und arbeitet auch zeitweise dort. Dazu muss man wissen, dass hier vor Ort durchaus auch Spätaussiedler aus Kasachstan leben, die vielleicht gerne einmal Projekte machen würden, wenn die Chance bestünde.
  • Ganz vielen kompetenten und aufgeschlossenen Menschen tue ich Unrecht, wenn ich sie hier nicht erwähne, aber ich finde die Ausbeute für einen Nachmittag und Abend sowie einen halben Morgen schon überwältigend.

Natürlich ist ein Großteil dieser Kontakte auf „Pending“ gesetzt – aber ich weiß, dass die Zeit dafür kommen wird, z.B. wenn größere Teile des Netzwerks hier vor Ort dann endlich laufen. Soweit zum linken Bild.

Das rechte Bild steht dann mehr für ein f2f-Wiedersehen mit Menschen aus der Twitter-Edu-Szene. Da muss natürlich alles frisch und modern, aber auch technisch auf einem neueren Stand sein. Bezeichnenderweise fand man im Neubau des Erbacher Hofes allerdings die Treppenhäuser kaum, so dass man selbst für ein Stockwerk dann den Aufzug genommen hat. Mit dem Konkreten, Praktischen haben wir „digitalen Rampensäue“ (der Begriff wird sich in Bälde noch intrinsisch erklären) es dann manchmal etwas weniger.

Damit sich beides nachhaltig erhalten kann, muss man es vielleicht vernetzen und dabei das achten, was schon vorhanden und weitergedacht *ist*. Die Digicam des Polizisten ist eine gute Idee. Mein Ton in dem oberen Dialog war aber wohl kein verbindender. Ich habe einen anderen Blick auf das Bewahren bekommen. Deswegen bin ich dankbar für diese Einladung nach Mainz.

Meritokratie im Machtsystem Schule

Das Thema „Macht“ ist bei mir ja ein Dauerbrenner. Dieser spiegelt sich in verschiedenen Artikeln dazu im Kontext von Schule wieder, z.B. hier. Ich unterscheide in der Schule immer zwischen ideeller Macht (die z.B. auf Grund einer besonderen Fähigkeit erwächst) und institutioneller Macht (für die das nicht unbedingt gelten muss). Im Idealfall fällt beides zusammen, d.h., diejenigen, die etwas können, gelangen in die Schulleitung und nicht die, die gerade „dran“ sind.

Ich habe auch schon kritisiert, dass Schule sich nicht verändern kann, weil die ideellen Machthaber oft keine institutionellen Machtpositionen mehr anstreben, um nicht die Nachteile eines institutionalisierten Amtes in Kauf nehmen zu müssen. Das waren bisher Deskriptionen, Zustandsbeschreibungen, die ich bei anderen Leuten immer sehr stark kritisiere.

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Macht und Schule

Diejenigen, die die Gabe haben, die Macht effektiv anzuwenden, besitzen meisterhafte Kräfte, wie Telepathie, Telekinese, Vorherwissen und geistige Beeinflussung anderer Lebewesen. In der Originaltrilogie wurden zwei Aspekte der Macht hervorgehoben: Die helle und die dunkle Seite. Die helle Seite der Macht ist auf Verteidigung, Gutmütigkeit, Wohlwollen und Heilung ausgerichtet. Die dunkle Seite der Macht beschäftigt sich dagegen mit Furcht, Hass, Aggression und Boshaftigkeit; diese Seite der Macht scheint von Hass und Wut kontrolliert zu werden – diese Wirkung ist weit effektiver und mächtiger in Bezug auf Vernichtung. Meister Yoda, der eine führende Rolle unter den Jedi-Rittern inne hatte, bezeichnet in Star Wars V die dunkle Seite der Macht als schneller und verlockender als die helle. In den Filmen erlangen jedoch einige Jedi die Unsterblichkeit, was den Sith der dunklen Seite offenbar verschlossen blieb.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Star_Wars#Die_Macht

An der Schule kommt es mir so vor, als hätte ich selbst oft mit den beiden Seiten der Macht zu tun. Schule ist für mich ein Raum, der in sehr hohem Maße durch Machtstrukturen gekennzeichnet ist.

Die institutionelle Macht

Schule ist im Prinzip hierarchisch organisiert. Es gibt z.B. Aushilfslehrer, KuK mit Lebenszeitverbeamtung, KuK in der Schulleitung, KuK ohne Lebenszeitverbeamtung, angestellte LuL, Dezernenten, einen Schulleiter usw. – ach ja: SuS gibt es ja auch noch. Sie alle sind eingebunden in ein Gefüge institutioneller Machtstrukturen, die im Prinzip nicht flüchtig sind – es sei denn bei grobem  und öffentlichen Fehlverhalten eines Protagonisten. Diese hierachische Ausrichtung ist zum einen der Garant für die bloße Funktion von Schule. Andererseits führt sie bei allen Beteiligten auch oft genug zu Ohnmachtsgefühlen.

Diese Form der Macht wird für mich z.B. spürbar, wenn

  • Eltern mit Lehrkräften aus Angst vor schlechten Noten für ihre Kinder nicht in der Deutlichkeit reden, die rein logisch notwendig wäre
  • Ich mich ohne Lebenszeitverbeamtung anders an der Schule bewege als mit
  • SuS, die sich ungerecht behandelt fühlen, das aus Sorge um ihr Ansehen bei der Lehrkraft nicht äußern
  • Weisungen durch die Schuleitung erfolgen
  • Noten erteilt werden
  • usw.

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