Pflichtfach Informatik? Ein Streitgespräch.

Informatikunterricht? Muss das sein..!?

Immer wieder tobt eine Debatte über verpflichtenden Informatikunterricht – Realität ist er aber nur in drei Bundesländern. Verpasst Deutschland beim Computerunterricht eine große Chance? Was ist eigentlich zeitgemäßer Informatikunterricht und… braucht man Programmieren wirklich? Maik Riecken und Jan-Martin Klinge streiten.

Klinge: Maik, du schreibst auf deinem Blog, dass du die Fächer Deutsch und Chemie an einem Gymnasium in Niedersachen unterrichtest. Was hast du mit Informatik zu tun?

Riecken: Nichts Formales, d.h. ich habe weder eine Fakultas dafür oder noch irgendeinen „offiziellen“ Kurs auf der Uni dazu besucht. Mit 14 Jahren habe ich meinen ersten Computer bekommen – einen Amiga500. Darauf habe ich eigentlich fast nur gedaddelt, aber auch erste Gehversuche mit AmigaBasic gemacht. Das war schon was, weil man sogar eine GUI mit Maus hatte und mit AmigaBasic programmieren konnte. Später habe ich dann sogar Dinge in Assembler versucht – angeregt durch die damals schon sehr aktive „Demoszene“ und die Begrenztheit der Hardware – allerdings habe ich es nie geschafft, meinem Kumpel das versprochene Intro zu programmieren – das ist heute noch so ein geflügelter Spruch zwischen uns: „Maik, wo bleibt mein Intro?“ In Kiel gab es später zu PC-Zeiten dann eine Keimzelle der deutschen Linuxszene mit einem monatlichen Stammtisch – von da an ging es ab mit Serverdiensten, Shellscript, MySQL usw.

Klinge: Assembler? Shellscript..?! Ich verstehe nur die Hälfte. Aber der spielerische Aspekt ist mir geläufig: Mit meinen Freunden haben wir in den 90ern Computerspiele mittels HEX-Editor zerlegt und verändert. Wir sahen den Matrix-Code schon lange vor dem Film – aber das war alles Freizeit und Spiel. Ist Informatik an deiner Schule ein Pflichtfach?

Riecken: Nein. Schülerinnen und Schüler können das Fach in der Klasse 10 belegen, wenn sie in der 11. Klasse eine Naturwissenschaft durch Informatik ersetzen wollen. Dann müssen sie dort mindestens ein halbes Jahr „durchhalten“. In Niedersachsen kann jeder Lehrer bis zur Jahrgangsstufe zehn qua Amt alles unterrichten – ich z.B. Informatik. Da schließt sich dann der Kreis.

Klinge: Nun, dann sehe ich mich in der Position vieler Eltern oder auch fachfremder Kollegen: Wenn ich an meinen eigenen Informatikunterricht denke, erinnere ich mich an dunkle Computerräume und erste Programmierversuche in qbasic. Mal ehrlich – nichts, was ich da gelernt habe, hat mir je geholfen. Das war Zeit totschlagen. Für mich ist Informatikunterricht überflüssig.

Riecken: Bei mir war es technologisch noch steinzeitlicher. Ich habe auf einem Apple II gelernt – mit Bernsteinmonitor. Ich meine, das war Pascal oder auch ein Basicdialekt. Es war aber eine unglaubliche Faszination zu spüren – und ein Pioniergeist. Textadventures selbst gestalten, Nadeldrucker ansteuern, Floppydisks organisieren (die Floppy ist heute immer noch das Symbol zum Speichern in den meisten Anwendungen).

Klinge: Schaue ich mir meine zweijährige Tochter an, dann kann sie auf dem Tablet die Displaysperre überwinden, verschiedene Apps starten und in ihrem Lieblingsspiel, Dora Explorer, Puzzle lösen, malen und mit den Figuren interagieren. Ich habe in dem Alter Sand gegessen. Oder Erde. An guten Tagen beides.
Ich will damit sagen, dass Kinder heute von früh auf mit Technologie umzugehen lernen – wozu braucht es da Informatikunterricht?

Riecken: Dann erschließt sich deine Tochter ihre Welt in diesem Bereich medial vermittelt. Sie lernt Interfaces zu bedienen, aber eigentlich nichts über Technik dabei. Da zudem auf Wischgeräten vieles leicht ist – selbst kreativ sein kann man da „ganz einfach“ (im Rahmen dessen, was der jeweilige Programmierer unter Kreativität versteht), kann die haptische Auseinandersetzung mit der Welt dagegen gerne schonmal als mühevoll erlebt werden. Es hängt sehr stark vom Elternhaus ab, ob die Wischgeräte als „Shut-up-Toy“ eingesetzt werden, oder ob ein Ausgleich geschaffen wird und Kinder auch erleben dürfen, dass sie anderswo scheitern und immer neue Strategien entwickeln müssen. Kinder erfahren die Welt mit ihren Sinnen. Geräte sprechen immer nur einen Ausschnitt der Sinne an.

Klinge: Nun, meine Informatikerfahrungen sind offensichtlich antiquiert – was beinhaltet das Fach heutzutage?

Riecken: Ich sage immer, dass Informatik das einzige Fach ist, bei denen ich Schülerinnen und Schüler beim Denken bzw. Ihren Denkschritten zuschauen kann. Eigentlich geht es im Kern oft darum, ein Problem in handhabbare Teilprobleme zu zerlegen. Ich habe in diesem Jahr mit meinen Schülern (sorry, war ein reiner Jungenkurs) viel zum Thema Passwortverschlüsselung gemacht. Aufhänger waren die unzähligen gestohlenen Passwortdatenbanken im letzten Jahr (Yahoo, LinkedIn etc.). Die Schüler wissen jetzt z.B. warum ein Passwort eine gewisse Länge und Komplexität haben sollte und dass eine sichere Passwortspeicherung unmöglich ist, sondern allenfalls eine, die Angriffen eine zeitlang standhält. Dann kann man noch darüber sinnieren, warum selbst große Internetfirmen die Grundregeln bei der Passwortspeicherung nicht befolgen usw. – und schon ist man ganz schnell bei betriebswirtschaftlichen oder gar ethischen Fragen. Reine Medienkompetenzvermittlung ohne informatischen Hintergrund ist in diesem Feld eine reine Blackbox: „Mach dein Passwort lang und komplex!“ „Häh? Warum? Unbequem. Gibt doch ’ne App!“

Klinge: Umgekehrt begegnen mir in der Schule oft Jugendliche, die mit 13 Jahren noch den Ein- und Ausschalter am Computer suchen und überhaupt keine Erfahrung mit einem stationären Computer haben. Diesen Kindern fehlt jede Grundlage – ihnen Programmieren beizubringen scheint herausfordernd – die müssen doch eher lernen, mit Office Programmen umzugehen. Die bräuchten eher einen Schreibmaschinen-Kurs. Wie begegnest du diesem Spagat?

Riecken: Da gibt es heute ganz tolle Ansätze – das Problem haben wir ja nicht nur in Deutschland. „Unplugged“ beginnen, über Klickibunti (z.B. auf code.org) Grundkonzepte erlernen und dann erstmal quasi per „Online-App“ erste Formalisierungen machen. Dafür braucht es anfangs nur einen Browser und die Dateien finden sich auch immer wieder an, da die App alles erledigt. Dann Schritt für Schritt Richtung Dateisystem und Selbstorganisation gehen, bevor man dann komplexere Dinge anfasst – meist aber eher sowas wie die Steuerung von Modellen oder Robotern – dann sieht man auch einen Effekt seiner Codezeilen. Im Zusammenspiel von Mechanik und Software braucht man dann Fehlersuchstrategien, die bei manchen Programmieransätzen besser als bei anderen greifen. So entstehen nach und nach sehr vielfältige Anforderungs- und Arbeitsszenarien.
Die Idee, dass Informatik etwas mit Technologie zu tun hat, halte ich für falsch. Es gibt genug Beispiele dafür, dass Informatikunterricht vollkommen ohne Technologie („unplugged“) funktionieren kann, etwa wenn ich die Lerngruppe Ideen entwickeln lasse, mit welchen Strategien Menschen z.B. nach der Größe sortiert werden können. „Programmieren“ heißt dann schlicht „nur“, diese Strategie zu formalisieren – einfach in ganz normaler Sprache, später in formalisierter – das hilft sogar später beim Deutschaufsatz. Aber im Kern geht es gar nicht darum, sondern um die Konzepte, die z.B. einen Taschenrechner funktionieren lassen.

Klinge: Nun, das klingt sicher für den ein oder anderen spannend – aber letztlich haben doch wenig Schüler ein Interesse daran, eine weitere Fremdsprache zu lernen: Ob das jetzt französisch ist oder Java oder die Grundlagen von Programmen. Als Lehrer leide ich jetzt schon unter dem vollen Plan und der wenigen Zeit. Ein weiteres Fach… Die Kinder haben doch keine Zeit mehr Kinder zu sein.

Riecken: Informatik ist keine Sprache. Informatik ist nicht Programmieren! Wenn wir den Bogen da konsequent weiter spannen: Was ist denn mit Fächern wie Mathe, Chemie, Latein? Lassen wir uns als Gesellschaft davon leiten, ob ausreichend viele Schülerinnen und Schüler Interesse dafür aufbringen (wollen) oder ob Lehrkräfte darunter leiden? Gerade Latein – dieses tote Ding? Ich glaube, dass sehr viele Schülerinnen und Schüler unter diesen Fächern durchaus leiden. Trotzdem diskutieren wir nicht über deren Abschaffung, oder ob diese Fächer frei gewählt werden dürfen. Wenn es damals nach mir gegangen wäre, hätte ich Englisch sofort abgewählt. Heute ist diese Sprache für mich unglaublich wichtig geworden. Latein hingegen hat für mich nur eine sehr geringe Bedeutung. Ich weiß, dass man mir unterstellen wird, mich für einen Kanon einzusetzen, das neue Lernen nicht verstanden zu haben. Wenn ich heute in die Welt schaue, sehe ich kaum Berufe, die ohne digitale Kompetenzen sinnvoll längere Zeit auszuüben sind. Ich sehe weitergehend digitalisierte Zahlungsvorgänge, weitgehend digitalisierte Verwaltungsprozesse – auch in Deutschland – allen Unkenrufen zum Trotz. Ich lese Aussagen von schlauen Leuten in schlauen Feuilletons und denke oft genug: „Was für ein Depp!“ – auf Anwenderebene mag man wohl auf einen recht oberflächlichen Niveau Dinge kommentieren und werten können – eine Ahnung von den technischen Möglichkeiten ist oft nicht einmal in Sicht ohne Grundlagen der Datenverarbeitung zu kennen.

Klinge: Hast du ein konkretes Beispiel?

Riecken: Das smarte Haus ist ein Paradebeispiel für mich. Ein Haus ist ja etwas, in dem man länger lebt. Es gibt zurzeit unzählige Gadgets und Spielzeuge, um das Leben in Eigenheim bequemer zu machen: Elektronische Schließsysteme, Heizungsregelungen, Beleuchtungsartikel, schaltbare Steckdosen, Alarmanlagen etc.. Das Wenigste ist zueinander kompatibel (oder man benötigt spezielle Zwischengeräte, die doch wieder eine Menge Wissen erfordern) und kaum eine Lösung ist so langlebig, dass Updates der Firmware auch über längere Zeit gewährleistet wären. Damit ist das Haus oft in kürzester Zeit ohne Zutun des Besitzers manipulierbar. Die Alternative ist, sich immer wieder neue Gadgets mit den immer wieder gleichen Problemen zu kaufen oder von Anfang an auf Systeme zu setzen, die auf dem ersten Blick viel mehr kosten, auf lange Sicht jedoch sowohl softwaretechnisch als auch konzeptionell und von Zusammenspiel der Komponenten her überzeugen. Mit informatischer Bildung wüsste man in Grundzügen, wie ein Produkt, welches möglichst lange eingesetzt werden soll, prinzipiell designed sein sollte (bei Handwerkszeug und Messern weiß man das ja im Prinzip auch). Und man wüsste, was „kosteneffektiv“ ist und was innerhalb weniger Monate auf irgendeiner Müllhalde in Afrika landen wird – weil z.B. die zugehörige App für das neue Smartphone nicht mehr entwickelt wird.

Klinge: Ich muss gestehen: Das kann ich komplett nachvollziehen.

Riecken: Und, klar kann ich die Welt einfach so benutzen – auch ohne Biologie, ohne Chemie oder Physik und Mathe. Aber irgendwas fehlt dann vielleicht. Und ein recht neuer Teil von Welt scheint mir dann doch der digitale Raum zu sein. Informatik ist die Grundlagenwissenschaft dieses Raumes. Kommen nicht viele politische Regulierungslücken auch durch Unwissen und sehr leichte Beeinflussbarkeit der Verantwortlichen?

Klinge: Auch das kann ich nachvollziehen. Umgekehrt drängt die Wirtschaft darauf, ein gleichnamiges Fach verpflichtend überall einzubinden. SoWi, Erdkunde.. es gibt einen gewaltigen Fundus an Dingen, die wir unsere Kinder gerne lehren möchten. Wo soll man da beschneiden?

Riecken: Wie haben wir als Gesellschaft eigentlich „entschieden“, was wir in Deutsch oder Geschichte „lehren“? Auch darüber lässt sich trefflich streiten. In der Tat ist es ein immenses Problem, wenn die Wirtschaft Inhalte informatischer Bildung bestimmt. Im Falle von Informatik hat dieses „Drängen der Wirtschaft“ deswegen einen Geschmack, weil wir Einflussnahme vermuten und gleichzeitig oftmals keine Ideen haben, was denn da gelehrt werden soll – denn das würde informatische Kompetenzen ebenso erfordern wie medienethische Fragestellungen – Physikunterricht über Atomenergie dürfte in den 70ern anders ausgesehen haben als heute. Der chemischen Industrie werfen wir das Fach Chemie auch nicht vor, eben weil es da Strategien gibt, lobbyistische Tendenzen mehr oder weniger effektiv zu kompensieren. Mit reinem Anwenderwissen wird das im Bereich Informatik eher weniger gut klappen. Ich halte es da mit Günter Dueck: „Man muss nicht überlegen, was man für Informatik denn wegstreichen sollte – das muss man eben auch noch machen!“ Weil die Welt sich eben dahingehend ändert, dass sie komplexer und digitaler wird.

Klinge: Ganz konkret: Findest du, alle Schüler sollten grundsätzlich Informatikunterricht erhalten?

Riecken: Ja.

Klinge: Warum?

Riecken: Weil zukünftig Dinge wie Teilhabe, Souveränität und neutrale Informationsbeschaffung immer mehr von informatischen Kompetenzen abhängig sein werden. Ich hätte aber auch kein Problem damit, wenn das nicht so kommt. Dann wechsle ich halt die Seiten und verdiene ganz viel Geld mit der informatischen Unmündigkeit großer Teile der Gesellschaft. Angesichts der Entwicklung der Altersvorsorge auch keine schlechte Perspektive :o)…

Klinge: Nun, zumindest mein Bild von Informatikunterricht ist nun nicht mehr so antiquiert wie vorher! Mir fällt nichts kritisches mehr ein, aber vielleicht mag der ein oder andere Leser sich in den Kommentaren noch dazu äußern – ich danke dir erstmal für dieses Gespräch!