Blogparade: Schulbuch 2015

Auf Twitter ergab sich vor einige Tagen eine interessante Diskussion zum Thema Schulbücher – auch immer wieder einmal Thema im deutschen #EDCHATDE. Herausgekommen ist die Idee einer Blogparade zum Thema Schulbuch, an der ich mich mit diesem Artikel beteilige.

Wer mich kennt, weiß, dass ich eigentlich nie ohne haarsträubende Analogien und Geschichten auskomme – auch diesmal bleibt das niemandem erspart – aber Geduld: Ich komme irgendwann auf den Punkt.

Die Analogie

Letzte Woche wollte ich an meinen recht betagten Fahrzeug die Stoßdämpfer wechseln – eigentlich musste ich das sogar, weil die untere Lagerbuchse des Dämpfers auf der rechten Seite schon ziemlich ausgeschlagen war. Bei meinen Auto ( VW T4 )  ist das auch im Prinzip kein Problem und auf der Auffahrt zu machen. Zudem hat man auf diese Weise immer die Legitimation, neues Werkzeug zu kaufen – immerhin wollte die Werkstatt stolze 270,- Euro haben – bei einem Materialpreis von 100,- Euro für ein Paar Markendämpfer saßen da 50 Euro für Werkzeug drin. In dem sehr gut gepflegten Wiki zu meinem Auto stand zum Dämpferwechsel nur ein Satz, der mir Sorgen machte:

Befestigungsschraube und -mutter der Dämpferaufnahme herausdrehen (Sechskant M12, 100 Nm). Hierbei kann es passieren, dass die Mutter sich nicht löst, sondern stattdessen, die Schraube, welche von oben mit der Karosserie verbunden ist, sich aus der Halterung löst und mitdreht. Dann ist es notwendig die Schraube von oben von Dreck zu befreien und mit einem 18er Maulschlüssel (am besten in flacher Ausführung) zu kontern.

Dazu wird eine zweite Person benötigt, da der Kopf der Schraube nur teilweise aus dem Blech raussteht. (Quelle)

Wie sich herausstellen sollte, konnte das nicht nur passieren, es passierte auch auf beiden Seiten (zudem wurde ein Schlüssel SW21 benötigt und kein SW18).

So ein Schlüssel sieht so aus:

standardwerkzeug_a

In so einem Ding steckt eine Menge Hirnschmalz, den man diesem Stahlknochen erstmal nicht ansieht. Der Schlüssel ist z.B. gewinkelt (üblicherweise um 15°):

standardwerkzeug_b

Durch diese Winklung kann man den Schlüssel in engen Bereichen einfach umdrehen und kommt so mit der Schraube weiter. Die Öffnung des Schlüssels ist genormt: Ein Schlüssel SW21 passt zu jeder Schraube, deren Kopf 21mm breit ist – Schraubenweiten sind genormt, sodass dieser Schlüssel überall einsetzbar ist, wo die gleiche Norm gilt. Da klappt aber nur, wenn der Schlüssel ein wenig weiter als die Normgröße 21mm ist – Profiwerkzeug weist hier weniger Toleranzen auf als Baumarktware und passt daher grundsätzlich besser zur Schraube.

Meine Schraube, die es mit dem Schlüssel zu lösen galt, war genormt, aber der Schlüssel selbst viel zu dick, um in den darüberliegenden Zwischenraum zu passen. Ich bekam die eine Schraube damit nicht zu packen. Einen flachen Schlüssel SW21 gab es anscheinend im ganzen Internet nicht – die sind auch sehr unüblich. Wenn es einen solchen Schlüssel gegeben hätte, wäre immer noch eine zweite Person zum Gegenhalten erforderlich gewesen, da ein flacher Schlüssel schnell „nach oben abrutscht“ – deswegen ist der Normschlüssel ja auch so dick, um genau das zu verhindern.

Der einizige verfügbare Helfer hätte es körperlich nicht geschafft, eine angerostete Schraube mit einem Anzugsdrehmoment von 100Nm zu kontern. Was tun?

Wenn bei mir ein Werkzeug nicht passt, baue ich mir eines.

Diese Idee kam nicht von mir, sondern von einem befreundeten Vater, der mich vor dem Auto grübeln sah. Erst habe ich diesen Gedanken verworfen, aber schon eine Stunde später stand ich mit der Flex und dem Normschlüssel in der Garage. Herausgekommen ist das hier:

werkzeug_aDie Schlüsselenden verjüngen sich nach vorne. Diesen Schlüssel konnte ich jetzt mit Karacho über den Schraubenkopf prügeln, das Blech darüber diente als Widerlager und hielt den Schlüssel sicher auf dem Schraubenkopf. Mit einem guten Frühstück und einer langen Knarre löste sich ächzend und knarrend die Mutter von der Schraube – ohne Helfer.

Wie ich Schulbücher verwende

Ich verwende Schulbücher im Unterricht fast nie. Es sind für mich genormte Werkzeuge, die zu genormten Problemstellungen in Form von Curricula passen. Mehr noch als bei meinem Autobeispiel von oben gilt bei Lernprozessen im Gegensatz zu DIN-Schrauben für mich oft die „Normlosigkeit“. Ich unterrichte u.U. in zwei Klassen parallel, aber diese Klassen mit ihren Individuen entsprechen nicht der Norm – oder jeweils anders. Trotzdem kann es – bei mir immer seltenere – Fälle geben, in denen ein genormter Schlüssel sehr gut geeignet ist. Genau wie der Schlüssel ist das Schulbuch ja sogar auf mehreren Ebenen bis in Details durchdacht – nur gibt es nicht immer die „Schraube“, die zu ihm passt. Daher nutze ich ein Schulbuch grundsätzlich nur für Anregungen bei der Vorbereitung des Unterrichts.

Ein sehr gutes Buch auch nach 15 Jahren Lehrerleben und zahlreichen Überarbeitungen ist für mich „Texte, Themen und Strukturen„. Recht zeitlos und erfreulich unbeeindruckt von schnelllebigen didaktischen Grabenkämpfen finden sich für mich darin immer wieder interessante Texte und neue Blicke auf Dinge wie „Schreiberziehung“. Es ist für mich ein wenig so wie ein Engländer im Werkzeugbereich.

In meinem Regal (ich komme für alle meine Schulbücher mit 2m Regalfläche aus) stehen neben universitären Lehrwerken auch noch Übungsblattsammlungen, einige Arbeitshefte und Versuchsvorschriften (ich unterrichte Chemie). Das steht da, weil es manchmal Arbeit spart, wenn es schnell gehen muss. Hin und wieder verirrt sich noch eine unverlangt zugeschicktes „Probeexemplar“ dorthin, welches aber meist nach ein bis zwei Monaten seinen Weg ins Altpapier findet.

Wäre ich Fremdsprachenlehrer, hätten Schulbücher für mich allerdings einen ganz anderen Stellenwert.

Die Geschichte dahin

Als junger Kollege fehlte mir oft die Zeit, um mit der Flex in die Garage zu gehen und auf einem zu großen Schraubenschlüssel herumzuschleifen. Außerdem hatte ich viel zu viel Ehrfurcht vor der Leistung der Buchautoren: Was kann ich kleines Licht schon besser machen als ein durchdachtes Schulbuch? Damit ist man doch auf jeden Fall auf der sicheren Seite! Es ist auf das Curriculum abgestimmt, durch ein Lektorat gelaufen und bietet mir Orientierung. Pfiffige Ideen wie die 15-Gradwinklung beim der Schraubenschlüsselanalogie wären mir aus meiner Unterrichtspraxis heraus gar nicht erst gekommen. So ist das Donator-Akzeptor-Prinzip als fundamentale didaktische Größe im Chemieunterricht wohl ein echtes Verdienst von Schulbüchern.

Wenn ich dann darüberhinaus noch Ideen habe, ist es Dank der Solidität in der Lage, den Funkenstrahl der ersten Flexversuche anzulenken oder mich wieder auf den sicheren Standardweg zu bringen.

Mit den Jahren fiel diese fast ehrfürchtige Beziehung mehr und mehr in sich zusammen – insbesondere in der Chemie: Sie schreiben die Nernstsche Gleichung einmal mit Minus und einmal mit Pluszeichen – aha. Und hier schreiben sie „wie man leicht sieht“ – die Schülerinnen und Schüler sehen es aber so gar nicht. Und was soll dieser Begriff schon an dieser Stelle? Und dann waren es gerade diese Stunden, in denen Schülerinnen und Schüler das Buch hinterfragten, die fachlich den höchsten Ertrag zu bringen schienen. Ich lernte in den Jahren auch Buchautoren kennen. Die Ehrfurcht wich ganz schnell einer pragmatischen Haltung je mehr Schraubenschlüssel ich selbst zurechtschliff. Dabei gab es auch einmal blutige Finger oder einen verbrannten Pulli. Die Arbeit mit der Flex birgt auch Risiken. Aber das nächste Werkzeug wurde dann eben besser. Der dazu notwendige „Arsch in der Hose“ muss sich aber entwickeln – er ist nicht von vornherein da. Genau an dieser Stelle halte ich Schulbücher für wichtig.

Dazu kamen dann noch die curricularen und didaktischen Stürme: Welcher Verlag konnte oder sollte da noch hinterherkommen? Die Lücke zwischen dem sehr dynamischen Curriculum und dem verhältnismäßig statischen Schulbuch scheint immer größer zu werden.

Randnotiz: Ich und die Verlage

Es gibt hier im Blog eine ganze Serie zum Thema „Riecken und die Verlage“ bzw. mittlerweile auch einige Startups. Daher nur eine Randnotiz: Eigentlich weiß ich viel wenig über die internen Strukturen in Verlagen. Das kommt vielleicht noch – ansonsten ist diese Webseite mittlerweile an vielen neuralgischen Stelle ja lehrbuchähnlich. Ich habe in den Jahre durch zahlreiche „Angebote“ gelernt, Produzenten von Inhalten Hochachtung zu zollen unter solchen Bedingungen überhaupt noch etwas mit Hand und Fuß zu produzieren. Sollte es mich wirklich noch einmal überkommen, schriebe ich ein Lehrbuch online und bäte um Spenden für meine Arbeit – quasi das Körbchen am Ausgang nach dem Konzert. Wahrscheinlich käme da mehr zusammen als bei einer Veröffentlichung über die üblichen Distributionswege.

Fazit

Für meine Fächer bin ich ein ganz schlechter Kunde für Schulbuchverlage. Schulbücher setze ich kaum im Unterricht ein. An deren Stelle treten strukturierte Aufzeichnungen in zunehmend auch digitaler Form, die den Lernstoff für alle Beteiligten zugänglich machen.

Für die Unterrichtsvorbereitung als Impulsgeber und in Fällen, wo ich z.B. ein neues Fach unterrichten muss, bieten mir Schulbücher zunächst eine sichere Burg, bis ich die Gegend hinreichend erforscht habe und die jeweilige didaktische Flex halten kann. Ansonsten hat zum Prozess der Unterrichtsvorbereitung mein Bloggerkollege Andreas Kalt eigentlich alles Wesentliche gesagt.

Bei OER besteht die Gefahr einer tendenziösen Darstellung von Fakten

Ich war seit langer, langer Zeit einmal wieder auf einer fachbezogenen Fortbildung. Ich gehe i.d.R. ungern zu solchen Veranstaltungen, weil sie meist inhaltlich wenig bieten und methodisch vorhersehbar strukturiert sind. Diesmal war es ein wenig anders, was vor allen Dingen Herrn Prof. Schneider vom Erich Maria Remarque Friedenszentrum zu verdanken war. An diesem Institut beschäftigt man sich seit Jahren u.a. mit der Kriegsliteratur Anfang des 20. Jahrhunderts. Auf die dort gewonnenen Erkenntnisse stützt sich die von mir zur Vorbereitung des Unterrichts verwendete Begleitlektüre „Oldenbourg Interpretationen, Bd.90, Im Westen nichts Neues“, die nur noch antiquarisch zu horrenden Preisen verfügbar ist – warum eigentlich?

Ich bin einigermaßen verzweifelt. Für das Zentralabitur Deutsch 2016 in Niedersachsen ist „Im Westen nichts Neues“ (Erich Maria Remarque) als verbindliche Lektüre vorgesehen. So sehr dieser „Roman“ als Antikriegsliteratur weltweit Aufmerksamkeit und damit immense rezeptionsgeschichtliche Bedeutung erfahren hat, so wenig gibt der Text in meinen Augen speziell für das Fach Deutsch her. Strukturell ist es ein Bericht, wenngleich vollkommen fiktional. Remarque hat wohl nur sehr wenige Begebenheiten selbst erlebt.

Der Text steht natürlich für sich als Mahnmal gegen bewaffnete Auseinandersetzungen, kann in dieser inhaltlichen Verortung aber m.E. nicht sinnvoll durch nur ein Fach behandelt werden, sondern erschließt sich hinreichend wohl nur in enger Zusammenarbeit mit den Fächern Geschichte und Politik. Wesentliche Kompetenzbereich des Deutschunterricht lassen sich mit anderen Werken besser abdecken.

Man findet in der didaktischen Literatur den sinngemäßen Einstieg:

Offene Begeisterung dagegen herrschte vor allem in den großstädtischen Zentren, wo die Kriegserklärungen und erste Siegesmeldungen bejubelt wurden. Ihr Träger war allem Anschein nach insbesondere das Bürgertum: Studenten und Oberschüler meldeten sich in Massen freiwillig, insbesondere viele Bildungsbürger schrieben begeisterte Gedichte und Aufrufe.

http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/ersterweltkrieg/155302/ausloesung-und-beginn-des-krieges

Meist wird das durch einen geeigneten Bildimpuls begleitet. Die Logik:

Die Deutschen waren vom Krieg begeistert und naiv hinsichtlich seiner Folgen für das Individuum. Remarque setzt bewusst ein Denkmal gegen diese Haltung.

Hört sich erstmal gut an. Stimmt aber wohl so nicht. Ich gebe sinngemäß einige Statements aus der Fortbildung wieder.

  1. Die Euphorie war wohl auf Teile des Bürgertums begrenzt. Die ländlichen Bevölkerung fand das mit dem Kriegausbruch wohl bedingt witzig.
  2. Gymnasiasten meldeten sich wohl auch zum Kriegsdienst, weil mit dem „Notabitur“ eine verkürzte Schulzeit möglich wurde.
  3. Die Bilder, die das öffentliche Bild von der Euphorie prägten, sind Teil einer Inszenierung, um Akzeptanz für den Kriegseintritt als breiten Konsens in der Bevölkerung darzustellen.
  4. Bildmaterial zum ersten Weltkrieg war fast grundsätzlich inszeniert. Die damaligen Filmkameras hätten wohl aus den Schützengräben hinausgeguckt und dem Kameramann einen Kopfschuss beschert. Also nahm man sich wohl eher ein paar Soldaten und spielte hinter der Front den Krieg einfach nach – die Veröffentlichung von Fotos aus dem ersten Weltkrieg war weitgehend durch das Reichsarchiv kontrolliert, indem militärische Führungseliten das Zepter führten.
  5. […]

Überprüft mal bitte, inwieweit dieser Forschungsstand in aktuellen Schulbüchern Berücksichtigung findet, also in Qualitätsmedien. Wenn Herr Prof. Schneider Recht hat, ist mein Bild von der Wirklichkeit des ersten Weltkrieges doch ein wenig verzerrt.

Tendenziöse Darstellungen sind für mich keine Frage von freien oder kommerziellen Publikationsformen, sondern eine der Methodik und den Rahmenbedingungen der Erstellung. Die Rahmenbedingungen im kommerziellen Sektor scheinen nicht unbedingt besser zu werden.

Das neue Portal der deutschen Schulbuchverlage

Am vergangenen Mittwoch war ich auf der Didacta in Hannover. Hingekommen bin ich freundlicherweise mit einem netten Kollegen aus der Medienberatung – aber unsere Wege trennten sich schon sehr früh am Cornelsenstand. Zwei Vertreter von Cornelsen leben in unmittelbarer Nachbarschaft zu mir, wir kennen uns privat und so war es auch möglich, in Kontakt mit höheren Mitarbeitern zu kommen, wofür ich sehr dankbar bin, weil sich auf diese Weise vielleicht die eine oder andere Tür für unser Schulnetzwerk öffnet – z.B. die in Niedersachsen obligatorischen Hörverstehens-Cds per DLNA (der virtuelle MediaTomb-Server lauert schon…) aufs Handy / Tablet / Notebook usw. des Lehrers, der dann nur noch Brüllwürfel mit dabei haben muss. Keine Kassettenrecorder oder CD-Player mehr durch die Gegend schleppen… Und endlich ein Medienverteilungsstandard, der zumindest in meinem Haushalt schon seit Jahren etabliert ist.

Die gemeinsame Schulbuch Vertriebsplattform des Verbandes Bildungsmedien

Vorweg: Diese Plattform hat auf Twitter und in den einschlägigen Medien natürlich die vorhersagbaren Beißreflexe ausgelöst. Tatsächlich bietet dieses Portal zurzeit nur sehr wenig mehr als das klassische Schulbuch bzw. es ist tatsächlich lediglich weitgehend eine 1:1 Transformation dieses analogen Mediums im Netz.  Es gibt:

  • keine Links
  • keine kopier- und editierbaren Texte, alles ist als Grafik abgelegt
  • keine multimedialen Elemente
  • keine Möglichkeit, gezielt Inhalte zusammenzustellen
  • kein befriedigendes, dynamisches Inhaltsverzeichnis
  • Kollaboration: totale Fehlanzeige

Aber:

  • der Store läuft in einem Browser, es ist kein z.B. iDingens-Softwaregedöns notwendig, selbst Linux reicht – oder ein günstiges Endgerät
  • man kann immerhin schon Notizen integrieren oder Stellen für SuS markieren
  • schon heute könnte man die Onlineversionen einfach auf ein Tablet laden und dadurch jetzt schon die 20 Kilo-Hackenporsche ersetzen
  • zeitnahe Fehlerkorrekturen und Updates sind auch möglich
  • es gibt auch eine Offlinelesemöglichkeit

Die Maximalforderungen der Netzgemeinde sehe ich zwar nicht erfüllt, aber es gibt eben schon den einen oder anderen Schritt in die richtige Richtung. Viele Verlage produzieren ihre digitalen Medien mittlerweile so, dass sie in einem Browser laufen. Gehört habe ich aber nicht nur einmal, dass CDs und DVDs in der Lehrerschaft so gar nicht laufen, sondern das im Gegenteil ursprünglich digitale Inhalte mühselig nachträglich gedruckt werden und dann erst wie geschnitten Brot über die Theke gehen. Das zeigt mir wieder einmal, dass die Forderung nach digitalem Material für sich lieb gemeint ist, aber ohne eine entsprechende Nachfrage durch medienkompetente Lehrkräfte  eben nicht rentabel. Aber da arbeiten wir  Medienberater ja dran…

Werbende Schulbuchverlage

Ich bin ja nun schon ein Weilchen Lehrer. Ich habe schon nach wenigen Jahren fast aufgehört, Materialien bei Schulbuchverlagen zu bestellen oder deren Werbebriefe zu öffnen. Ganz schlimm war das im Referendariat, als ich fast täglich mit Post von diversen Verlagen bombardiert worden bin. Wenn ich nunmehr etwas benötige, gehe ich auf Raubzug zu Messen oder in die Läden der Verlage. In der Regel schnappe ich Ideen bei Kolleginnen und Kollegen auf. Trotzdem quillt nach wie vor mein Fach über von Werbebriefen – mit dem Eintritt in einen Berufsverband wurde das erst richtig schlimm.

Den völligen Hals bekomme ich dann, wenn ich wirklich ausnahmsweise einmal etwas direkt bei einem Verlag bestellen möchte – wohlgemerkt zum Listenpreis: Eine Bestellung ist ohne Angabe von Schulform und Fächern oft gar nicht möglich – das bekommt jeder Ebay-Verkäufer mit Angabe einer Versandadresse besser hin. Trotz ISBN-Nummer sind viele Artikel über Barsortimente nicht bestellbar. „Du willst es? Kriegste aber nur, wenn du uns sagst, was wir zur Optimierung unserer Werbestrategie von dir wissen wollen!“ Ich möchte die  wirtschaftlichen Aussichten des Baumarkts sehen, bei dem man nur noch mit hauseigener Kundenkarte einkaufen darf. Lebt Ebay nicht irgendwie vom Spontankauf? Ich würde mich als Betrieb über jedes Produkt freuen, was ich absetzen kann. Bei der Bahn reicht die Angabe einer Kreditkartennummer. Kaufen kann man weitgehend anonym.

Ich kann die Verlage ja verstehen. Der Konkurrenzkampf ist hart, die Kopiermoral an den Schulen kennt kaum noch Schranken und den Paradigmenwechsel durch die neuen Medien haben die meisten Anbieter meines Erachtens auch völlig verschlafen (da ist mein Mitleid jedoch gering). Wie sollen sie denn ihre Produkte an den Mann oder die Frau bringen? Per Werbebrief – Entschuldigung – per „kundenorientierter, servicebasierter Produktinformation“ hat das doch jahrzehntelang bestens funktioniert. Aber die goldenen Jahre sind zweifelsohne vorbei, Autoren dürften immer schwerer zu finden sein und selbige brauchen angesichts der Vergütungssätze und der sonstigen Arbeitsbelastung in den Schulen wohl auch immer mehr Idealismus für ihre nebenberufliche Tätigkeit.

Was soll ein Verlag tun?

  1. Feeds anbieten – sinnvoll nach Sparten gegliedert. Feeds lassen sich in wenigen Sekunden überfliegen. In Feeds lässt sich sogar Werbung platzieren. Man kann statistisch auswerten, wieviele Menschen den Feed abonnieren. Mich würde ein Feed zu Spontankäufen animieren.
  2. Präsenz im Web2.0 zeigen: z.B. Twitter nutzen, z.B. Facebook nutzen. Freaks ködern mit themenbasierten Blogs. Mit Communityfunktionen auf der Verlagshomepage.
  3. Kunden mit dem Bedürfnis nach Anonymität ernst nehmen. Eine Versandadresse ist zur Abwicklung eines Geschäftes doch ausreichend.
  4. Portfolio bis auf wenige Ausnahmen über Barsortimente anbieten. Was ist eigentlich schlimm daran, wenn SuS Lehrermaterialien erhalten können? (das werden eh die wenigsten SuS tatsächlich umsetzen)

Ich würde gerne mehr kaufen. Aber oft ist die Schwelle zum Kauf dermaßen hoch, dass ich mir beim Kaufprozess schon denke: „Bekommst du das auch nicht anders hin? Muss das jetzt sein?“.