Differenziertes Argumentieren

Ich schreibe oft das Wort „undifferenziert“ neben z.B. ein Fazit in einem Aufsatz und mache mir selten Gedanken darüber, ob für Schülerinnen und Schüler überhaupt verständlich wird, was ich damit meine – ich weiß eigentlich, dass das für Schülerinnen und Schüler eben nicht verständlich ist. Also habe ich gestern dazu in meinem Deutschgrundkurs in der 12 eine Unterrichtsstunde gebaut, die wie folgt ablief.

Hausaufgabe / Vorbereitung:

Die Hinweise zum Abitur in Deutsch im Jahr 2016 sehen für den Bereich „Medienkritik“ folgende Texte bzw. Quellen vor:

bei letzterer Quelle nur:

  • Das können Pre-Teens und Jugendliche am Computermachen
  • Verweildauer bei der Onlinenutzung von 14-bis 29-Jährigen und Online-Nutzer/innen ab 14 Jahren im Jahresvergleich
  • Aktivitäten im Internet – Vergleich Gesamtbevölkerung mit 14- bis 29-Jährigen

Zudem sollen aktuelle Studien mit hinzugezogen werden. 2012 ist ja im Internet fast ein Jahrhundert her.

Wir haben uns vorher im Unterricht mit weit komplexeren Sachtexten beschäftigt. Daher dienten mir diese Texte eigentlich nur noch als Vehikel, für den Themenbereich des differenzierten Argumentierens.

Die Schülerinnen und Schüler haben zu dieser Stunde arbeitsteilig Kernaussagen dieser Texte in einem Etherpad (lite) zusammengefasst.

Stundeneinstieg:

Die Schülerinnen und Schüler haben die Aufgabe bekommen, Fragestellungen zu entwickeln, die sich anhand der nun vorliegenden Stichpunkte ergeben.

Inputphase/Lehrervortrag:

Ausgehend von dem mathematischen Konzept der Differenz ( die Physiker und Chemiker im Kurs kamen natürlich sofort auf die in diesen Fächern ständig auftretenden Deltas ) habe ich eine modellhafte Übertragung auf Schreibprozesse entwickelt. Das folgende Modell ist dabei zusammen mit den den Schülerinnen und Schülern entstanden – meines war bei Weitem nicht so ausgefeilt ( klicken für vollständige Größe ):

differenziertes_argumentieren

Ein paar Fetzen aus dem Unterrichtsgespräch:

  • für eine Differenz benötigt man zwingend einen Bezugspunkt ( Minuend ), der bei einem Schreibprozess durch die Gegenmeinung repräsentiert wird
  • die eigene Meinung ist quasi der Endpunkt, der sich aber nur in Relation zur Gegenmeinung ergibt
  • ein Fazit macht dem Leser quasi „nur“ noch einmal die Differenz zwischen fremder und eigener Meinung bewusst
  • Überzeugungen des Schreibers üben ein Druck aus: Sie verleihen der eigenen Position mehr Gewicht und „erleichtern“ die Fremdmeinung
  • eine weitere Methode der Erleichterung iast z.B. die gezielte Auswahl von Argumenten der fremden Meinung, die sich aber entkräften lassen ( indirektes Argument )

Grob zusammengefasst:

Ohne die Berücksichtigung der „Gegenseite“ ist kein differenziertes Argumentieren möglich! 

 

Prüfung der Fragestellungen:

Jetzt habe wir im Etherpad die Fragestellungen sortiert: Welche lassen sich aus welchen Gründen differenziert diskutieren und welche nicht? Und wieso?

Dabei wurde auch überprüft, ob die vorhanden Aussagen die „Gegenposition“ hinreichend berücksichtigen.

( Das tun sie übrigens nicht, beide Texte basieren weitgehend auf Aussagen der gleichen Person – was die Schülerinnen und Schüler dazu veranlasste zu sagen, dass die Textauswahl durch die Kommission wohl nicht sehr differenziert erfolgte. Außerdem wurde bei den Diagrammen die geringe Stichprobengröße und die fehlende Aufschlüsselung hinsichtlich der Zusammensetzung der Probandengruppe moniert – ich lasse das – wenngleich recht freudig – einmal so stehen :o)… )

 

Argumente der Gegenposition sammeln:

Es folgte eine Recherchephase, um Argumente der „Gegner“ im Netz zu sammeln. Die Stunde uferte danach in einer inhaltlichen, aber doch recht differenzierten Diskussion aus. Unter normalen Umständen ( nicht eine Stunde direkt vor den Ferien ) hätte ich jetzt eine Fragestellung ausgewählt und von jeweils drei Lerngruppenmitgliedern im Etherpad ausformuliert und differenziert schriftlich diskutieren lassen.

Gedanken:

  • ohne Technologie (Etherpad) ist so eine Stunde nicht möglich, die Tafel wäre als Medium viel zu langsam und ineffizient
  • ich hoffe, dass durch die grafische Darstellung deutlich wird, was mit „differenziertem Diskutieren“ gemeint ist.

 

 

Offener Brief zum Arbeitszeitdebatte in Niedersachen

Haben wir einen sicheren Arbeitsplatz? Ja. Verdienen wir im europäischen Durchschnitt als Lehrpersonen gut: Ja. Gibt es unter uns Menschen, die ihre Arbeit schlecht machen: Ja. Haben wir viel Urlaub. Ja (wenn wir unsere Arbeit schlecht machen). Ist das Stundendeputat von Gymnasiallehrerinnen und -lehrern auch nach der Erhöhung eines der niedrigsten bundesweit? Ja. […]
Erste für mich spannende Frage: Wie viele unserer Privilegien müssen abgebaut sein, damit Protestformen von Lehrkräften öffentlich als legitim wahrgenommen werden?
Vor mehr als zehn Jahren haben meine Verbände eine Vereinbarung mit meinem Dienstherren getroffen:

„Alle unsere Mitglieder arbeiten zwei Stunden mehr und bekommen sie zu einem Stichtag dann wieder vergütet. In der Vergütungsphase gibt es keine Arbeitszeiterhöhungen.“

Wir sind jetzt in der Vergütungsphase, die sich durch die Einführung des heute schon wieder obsoleten G8-Einführung bereits nach hinten verschoben hat.
Ich bin ein „junger“ Lehrer mit meinen 40 Lenzen und bekomme durch die Arbeitszeiterhöhung netto noch eine Stunde zurück. Mir gegenüber sitzt ein „alter“ Lehrer, der durch die Streichung der Altersermäßigung in der Vergütungsphase jetzt bis zu drei Stunden mehr arbeiten muss, also im Extremfall eine Stunde drauflegt. Ich denke, dass wir beide unsere Arbeit gut machen.
Möglich wird das rechtlich dadurch, dass die damalige Vereinbarung auf Basis einer Verordnung und nicht eines Vertrages umgesetzt worden ist – dazu gehörte m.E. viel Vertrauen seitens der Verbände.
Ich rede nicht von einer Unterrichtsstunde. Die „Unsitte“ der unbezahlten Überstunden gibt es in anderen Arbeitsbereichen schließlich auch. Ich finde es wichtig, dass eine Vereinbarung eine Vereinbarung ist.
Das gibt mir die Sicherheit, mit meinem Dienstherren auf lange Sicht vertrauensvoll zusammenarbeiten zu können. Dieses Vertrauen trägt zu meiner Zufriedenheit mit meinem Beruf bei.
Ich habe jetzt Angst: Was ist, wenn mein Dienstherr weitere Reformen, etwa die in meinen Augen überfällige und wichtige Inklusion ähnlich restriktiv und rasch  umsetzt, weil er ja aus der Lehrerschaft keinen nennenswerten Widerstand zu erwarten hat?
Immerhin gibt es ja bei uns Beamten keine zulässigen Arbeitskampfmittel wie z.B. ein Streikrecht. Deswegen bin ich in einer besonderen Abhängigkeit zu meinem Dienstherrn und deswegen hat dieser das Gebot der sogenannten Fürsorgepflicht.
Machen wir also jetzt genau das, was Dienstherr, Eltern, Schülerinnen und Schüler sich wünschen: Nichts. Streichen wir keine Klassenfahrten, Exkursionen, AGs, belassen wir es bei Appellen, Leserbriefen, Menschenketten außerhalb der Dienstzeit und des Schulgeländes. Oder: Arbeiten wir einfach mehr.
Davon profitieren wir alle: Wir Lehrkräfte machen uns nicht unbeliebt, der Arbeitskampf tut niemandem weh, wir handeln als Pädagogen.
Wie wird sich diese Haltung auf Dauer auf Schulqualität, Zufriedenheit mit dem Beruf, die personelle Ausstattung von Schulen und die Attraktivität meines heißgeliebten Berufs für engagierte junge Menschen auswirken?
Diese Frage finde ich deswegen spannend, weil mir die mir künftig anvertrauten Menschen heute schon am Herzen liegen. Übrigens aus purem Eigennutz. Ich habe Kinder.

Datenschutz und Schulgesetz

Das wird jetzt viel Text. Ich stelle hier einmal die aus meiner Sicht wichtigsten Regelungen zum Datenschutz in den Schulgesetzen (zusätzlich ergänzen bestimmte Erlasse im Einzelfall die Bestimmungen) von Niedersachsen und Schleswig-Holstein gegenüber.

1. Niedersachsen ( http://www.nds-voris.de/jportal/?quelle=jlink&query=SchulG+ND+%C2%A7+31&psml=bsvorisprod.psml&max=true )

Niedersächsisches Schulgesetz
(NSchG)
in der Fassung vom 3. März 1998

§ 31 Verarbeitung personenbezogener Daten

1) Schulen, Schulbehörden, Schulträger, Schülervertretungen und Elternvertretungen dürfen personenbezogene Daten der Schülerinnen und Schüler und ihrer Erziehungsberechtigten (§ 55 Abs. 1) verarbeiten, soweit dies zur Erfüllung des Bildungsauftrags der Schule (§ 2) oder der Fürsorgeaufgaben, zur Erziehung oder Förderung der Schülerinnen und Schüler oder zur Erforschung oder Entwicklung der Schulqualität erforderlich ist. Personenbezogene Daten der Schülerinnen und Schüler und ihrer Erziehungsberechtigten dürfen auch den unteren Gesundheitsbehörden für Aufgaben nach § 56 und den Trägern der Schülerbeförderung für Aufgaben nach § 114 übermittelt und dort verarbeitet werden, soweit dies für die Wahrnehmung der jeweiligen Aufgabe erforderlich ist.

(2) Schulen dürfen auch diejenigen personenbezogenen Daten von Kindern in Kindergärten und deren Erziehungsberechtigten (§ 55 Abs. 1) verarbeiten, die in Kindergärten bei der Wahrnehmung vorschulischer Förderaufgaben erhoben und an Schulen übermittelt werden, soweit die Verarbeitung zur Erziehung oder Förderung der Kinder in der Schule erforderlich ist.

(3) Die Rechte auf Auskunft, Einsicht in Unterlagen, Berichtigung, Sperrung oder Löschung von Daten sowie das Widerspruchsrecht nach § 17a des Niedersächsischen Datenschutzgesetzes werden für minderjährige Schülerinnen und Schüler durch deren Erziehungsberechtigte (§ 55 Abs. 1) ausgeübt.

(4) Schulen, Schulbehörden und die Schulinspektion dürfen Personaldaten (§ 88 Abs. 1 des Niedersächsischen Beamtengesetzes) aller an der Schule tätigen Personen auch verarbeiten, soweit es zur Erforschung und Entwicklung der Schulqualität erforderlich ist.

2. Schleswig-Holstein ( http://www.gesetze-rechtsprechung.sh.juris.de/jportal/?quelle=jlink&query=SchulG+SH+%C2%A7+30&psml=bsshoprod.psml&max=true )

Schleswig-Holsteinisches Schulgesetz
(Schulgesetz – SchulG)
Vom 24. Januar 2007*

§ 30 Erhebung und Verarbeitung von Daten

(1) Personenbezogene Daten der Schülerinnen, Schüler und Eltern dürfen von den Schulen, den Schulträgern und Schulaufsichtsbehörden erhoben und verarbeitet werden, soweit dies zur Erfüllung ihrer Aufgaben erforderlich ist.

Es sind dies

1. bei Schülerinnen und Schülern:
Vor- und Familienname, Tag und Ort der Geburt, Geschlecht, Adressdaten (einschließlich Telefon und E-Mail-Adresse), Staatsangehörigkeit, Aussiedlereigenschaft, Herkunfts- und Verkehrssprache, Konfession, Krankenversicherung, Leistungs- und Schullaufbahndaten, Daten über das allgemeine Lernverhalten und das Sozialverhalten, Daten über sonderpädagogischen Förderbedarf, soweit sie für den Schulbesuch von Bedeutung sein können, die Ergebnisse der schulärztlichen, schulpsychologischen und sonderpädagogischen Untersuchungen, bei Berufsschülerinnen und Berufsschülern die Daten über Vorbildung, Berufsausbildung, Berufspraktikum und Berufstätigkeit sowie die Adressdaten (einschließlich Telefon) des Ausbildungsbetriebes oder der Praktikumsstelle;

2. bei Eltern:
Name, Adressdaten (einschließlich Telefon und E-Mail-Adresse). Schülerinnen, Schüler und Eltern haben die erforderlichen Angaben zu machen. Sie sind auf die Rechtsgrundlage für die Erhebung und Verarbeitung der Daten aufmerksam zu machen.

(2) Die Daten der Schulverwaltung dürfen ausschließlich mit in der Schule befindlichen Datenverarbeitungsgeräten des Schulträgers verarbeitet werden.

[…]
(10) Die mit Einwilligung der Schülerinnen, Schüler und Eltern erhobenen Daten dürfen nur zu dem Zweck benutzt werden, zu dem sie von den Betroffenen mitgeteilt worden sind. Eine anderweitige Verwendung bedarf einer erneuten Einwilligung.

(11) Soweit es zur Erfüllung der sich aus diesem Gesetz ergebenden Aufträge der Schule und der Schulaufsicht sowie zur Wahrnehmung gesetzlicher Mitwirkungsrechte erforderlich und unter Wahrung der überwiegenden schutzwürdigen Belange der Betroffenen möglich ist, regelt das für Bildung zuständige Ministerium durch Verordnung:

1. den zulässigen Umfang der Verarbeitung von Daten,
2. die Datenübermittlung einschließlich der Übermittlung zu statistischen Zwecken,
3. die Sperrung, Löschung und Aufbewahrung von Daten,
4. die Datensicherung,
5. die Daten der Schulverwaltung und sonstigen personenbezogenen Daten, die durch Lehrkräfte außerhalb der Schule verarbeitet werden dürfen,
6. die automatisierte Datenverarbeitung,
7. die für statistische Erhebungen maßgebenden Erhebungs- und Hilfsmerkmale, den Berichtszeitraum und die Periodizität,
8. die für die Aufgabe nach Absatz 4 Satz 2 zuständige Stelle,
9. Zeitpunkt und Stand der nach Absatz 5 zu übermittelnden Daten.

(12) Regelungen in anderen Rechtsvorschriften über die Erhebung und Verarbeitung von Daten bleiben unberührt, soweit sich nicht aus den vorstehenden Bestimmungen etwas anderes ergibt.

Mein persönlicher Kommentar

Das Gesetz in Schleswig-Holstein ist auf den ersten Blick wesentlich enger und restriktiver gefasst. Ich weiß, dass es unter Mitwirkung des ULD entstanden ist. Es ist zudem wesentlich aktueller. Eine Schule in Schleswig-Holstein weiß aber sehr genau:

  • welche Daten sie verarbeiten darf (z.B. dass der Beruf der Eltern nicht erfasst wird)
  • dass diese Daten NICHT in einer Cloud liegen dürfen (z.B. keine digitalen Klassenbücher, wenn sie nicht im Hause gehostet werden)
  • mit wem sie unter welchen Voraussetzungen Daten austauschen darf
  • dass Eltern und Schüler die Angabe bestimmter Daten nicht verweigern dürfen

Wenn der Dienstherr die Vermittlung von Medienkompetenz fordert, benötigen Schulen dafür einen rechtssicheren Rahmen. Natürlich fallen in Schleswig-Holstein dann z.B. durch Verlage angebotene Lernstandserhebungen weitgehend flach. In Niedersachsen bleibt nach meinem Empfinden vor allem eins: Große Verunsicherung, zumindest bei mir.

Akt der Notwehr – Reaktionen auf die Arbeitszeiterhöhungen

Schulen in Hannover streichen die Klassenfahrten, um einen Ausgleich für die anstehende Mehrarbeit zu schaffen (vgl. Artikel hier im Blog). Der Philologenverband Niedersachsen arbeitet dezidiert und sachorientiert mit Mythen zur Lehrerarbeitszeit auf. Das Kultusministerium legt seine Pläne zur besseren Ausstattung von Bildungsinstitutionen offen. Die finanzielle Realisierung dieser Pläne wird einerseits durch Erhöhung der Mittel für Bildung durch die Politik geleistet, andererseits durch Maßnahmen wie die Arbeitszeiterhöhung und Streichung der Altersregelungen aus dem System selbst „gewonnen“.

Ich denke nicht, dass irgendeine Hoffnung besteht, dass die Politik die bereits beschlossenen und zur Finanzierung anderer Projekte genutzten Veränderungen zurücknehmen wird. Ich denke auch nicht, dass eine direkte, sachorientierte Reaktion auf diese Maßnahmen erfolgreich sein wird.

Dennoch macht man sich in vielen Gymnasien in Niedersachsen Gedanken, wie man mit diesen Arbeitszeiterhöhungen umgeht. Beamte sind alimentiert. Rein logisch könnte man tatsächlich an Stellen Arbeitszeit reduzieren, die nicht zwingend durch die Aufgabenbeschreibung einer Lehrkraft abgedeckt sind.

Das sind z.B. Klassenfahrten, Exkursionen, AGs, soziale Angebote wie Streitschlichter, Konzerte, Sport- und Schulfeste, Internetauftritte und ja, auch meine Art der Schulnetzwerkadministration gehört dazu – ich soll das Netzwerk koordinieren und weiterentwickeln – für das Handanlegen werde ich eigentlich nicht bezahlt, eher für die Auftragserteilung an Fachfirmen.

Der Dienstherr wird dieses Dilemma wahrscheinlich erkennen, da es die einzige Achillesferse in seiner öffentlichen Darstellung ist. Der Dienstherr wird nach meinen Schätzungen  die Korrekturbelastungen an Gymnasien an diejenige anderer Bundesländer angleichen, d.h. zumindest die Anzahl der zu schreibenden Arbeiten in der Mittelstufe reduzieren. Damit wäre dann tatsächlich ein spürbarer Ausgleich geschaffen und ein wesentliches Argument der „Widerständler“ ausgehebelt.

Wenn es einen solchen „Deal“ nach einer öffentlichen Debatte geben wird: Ist Bildung am Gymnasium dadurch dann nachhaltig verbessert worden? Wie sieht mit dem Bildungssystem in Niedersachsen dann insgesamt aus? Macht es Fortschritte?

Wenn es so kommt – was soll ein Gymnasium als Reaktion beschließen?

Auch wenn es gebetsmühlenartig z.B. von Verbänden behauptet wird: Dass der Beruf des Lehrers in der Öffentlichkeit an Ansehen gewinnt, sehe ich allenfalls in Umfragen. Witzigerweise fordern gerade Verbände ihre Mitglieder dazu auf, an Umfragen teilzunehmen – statistisch schon eine relevante Störgröße. Viele der üblichen Stereotype bestehen in meinem Umfeld weiterhin.

Ich sehe eine Gefahr darin, diese Stereotype durch irgendwelche Aktionen zu bestätigen – das wird z.B. der Fall sein, wenn man Klassenfahrten streicht oder die Streichung androht – bei bereits geplanten Aktionen tritt zusätzlich das Problem auf, wie man mit Vorleistungen (Buchungen, Anzahlungen etc.) sauber umgeht. Schulen aus meinem Umkreis versuchen dem zu begegnen, indem sie Dienst nach Vorschrift androhen – wird diese Drohung dann auch tatsächlich Realität? Wenn sie Realität wird – wie lange bleibt sie das dann auch? Es soll z.B. ja auch Lehrkräfte mit Familie geben, die aus einer anderen Position heraus Interesse an einem lebendigen Schulleben haben.

Die Gefahr besteht für mich darin, dass wir die Solidarität und Unterstützung derjenigen dadurch verlieren, die wir für eine politische Auseinandersetzung dringend benötigen. Die kurz- und mittelfristige Aktivierung durch solche Aktionen mag allerdings klappen.

Ich vertrete die Theorie, dass Schule in der Öffentlichkeit als sehr wenig transparent wahrgenommen wird. Und ich nehme war, dass Eltern und Schülerinnen sowie Schüler mit recht geringer institutioneller Macht an Schulen ausgestattet sind – der Schulvorstand hier in Niedersachsen böte allerdings eine Gelegenheit zu starker Partizipation, setzt aber ein politisches Bewusstsein der Akteure voraus.

Die einzige Chance zu wirklichen Reformen bietet entweder der schon oft prognostizierte Breakdown des Bildungssystems (der Patient ist aber zäh) oder die gezielte politische Aktivierung von Eltern sowie Schülerinnen und Schülern – sie sind schließlich nicht treuepflichtig oder an Dienstwege gebunden.

Die Arbeitszeiterhöhung für Gymnasiallehrkräfte ist m.E. eine der geringfügigeren Herausforderungen im Bildungssystem, sondern steht eher im Zeichen der sich nach meiner Wahrnehmung in vielen sozialen Kontexten ausbreitenden Haltung: „Mehr Qualität durch weniger Personal und mehr Evaluation“ – man möge z.B. einmal mit Altenpflegern, Krankenschwestern, Kinderbetreuungseinrichtungen oder sogar der Polizei sprechen.

Idee

Jeden Tag lädt eine Schule eine Woche lang zehn Externe ein, eine Lehrkraft einen Tag bei ihrer Arbeit zu begleiten. Bedingungen: Der Externe setzt sich, wenn sich die Lehrkraft setzt. Der Externe trinkt einen Kaffee, wenn die Lehrkraft einen Kaffee trinkt. Der Externe schreibt ein paar Zeilen zu seinen Eindrücken. Sowas muss natürlich in der Presse angekündigt werden. Und es sollten möglichst viele Schulen unterschiedlicher Schulformen in einer Region daran teilnehmen.

Was soll das bringen?

  • Es vermittelt der Öffentlichkeit einen Eindruck von der Arbeit an einer Schule
  • Es richtet den Blick darauf, dass nicht nur Gymnasien vor Herausforderungen stehen, sondern auch andere Schulformen
  • Es setzt ein Zeichen, dass schulübergreifende Zusammenarbeit und schulübergreifende Wahrnehmung möglich ist
  • Es hilft ggf. dabei, Stereotype in einen erfahrbaren Kontext zu stellen
  • Es schafft mehr Transparenz über die Abläufe und tatsächlichen Belastungen an einer Schule
  • Es bietet unsicheren Kolleginnen und Kollegen einen gewissen Schutz – es muss sich ja niemand „outen“

Ich glaube nicht, dass wir als Beamte in nennenswertem Umfang allein das notwendige politische Gewicht bekommen können, welches dringend notwendig wäre. Daher kann die Öffnung des Systems nach außen – mit allen vermeintlichen „Gefahren“ – m.E. schon etwas bewirken.

Der Worst-Case wäre für mich folgender: Die Gymnasien beschließen alleine, Arbeitszeit durch Streichung außerunterrichtlicher Aktivitäten zu reduzieren (in denen oft viel mehr gelernt wird als im Unterricht!). Dann kommt der Dienstherr und reduziert seinerseits z.B. die Korrekturbelastung. Was dann? Alles zurücknehmen? Man hat ja schließlich nur angedroht – und Dinge wie die Inklusion kommen am Gymnasium irgendwann auch noch an – neue Runde, neues Spiel?

Am 9. Dezember findet die entscheidende Sitzung im Landtag statt. Man darf gespannt sein.

Datenschutzformalia für Schulen in Niedersachsen

Ich habe einmal ein wenig recherchiert und zusammengetragen, was nach meiner Auffassung eine Schule an Papieren hier in Niedersachsen produzieren muss, um grundlegende Datenschutzauflagen zu erfüllen – die juristischen Kommentare zu den Vorschriften habe ich noch nicht alle gelesen:

1. Datenschutzbeauftragter

Ein Datenschutzbeauftragter muss benannt sein (§8a NDSG).

  1. Er muss nicht der Schule angehören
  2. Er muss über Sachkenntnis und Zuverlässigkeit verfügen
  3. Er darf durch die Bestellung keinem Interessenskonflikt ausgesetzt sein
  4. Er muss seine Arbeit jedermann verfügbar machen

Der Systemadministrator kann also nicht Datenschutzbeauftragter sein, da ein Interessenskonflikt besteht – schließlich müsste er sich selbst kontrollieren.

2. Verfahrenbeschreibungen

Jedes Verfahren, bei dem Daten Dritter in der Schule verarbeitet werden, bedarf einer Verfahrensbeschreibung gemäß §8 NDSG.

Typischerweise wird das in der Schule gelten für:

  1. Schülerverwaltungsprogramme (DANIS, Sibank …)
  2. Officeprogramme (Listen, Kollegiumsdaten etc.)
  3. Oberstufenverwaltung (Apollon)
  4. Stundenplanungprogramm (UNTIS etc.)
  5. Zeugnisprogramme (WinZEP etc.)
  6. usw. (hängt von den Verwaltungsstrukturen ab)

3. Verpflichtungserklärungen von Kolleginnen und Kollegen gemäß Erlass „Verarbeitung personenbezogener Daten auf privaten Informationstechnischen Systemen (IT Systemen) von Lehrkräften

Die Verpflichtungserklärung ERSETZT hier die sonst notwendige Verfahrensbeschreibung – schließlich ist das ja durch die Erlassvorgabe eine Rechtsnorm. Es ist NICHT notwendig Verfahrensbeschreibungen für jedes denkbare Verfahren auf einem privaten Gerät zu erstellen.

4. Verarbeitung personenbezogener Daten durch Dritte

Beispiele:

  • Lernstandserhebungen durch Verlage
  • durch Anbieter gehostete Lernplattformen
  • digitale Klassenbücher
  • etc.

Hier haben wir zwei Konstrukte:

a) Es gibt ein Vertragsverhältnis zwischen Schule und Anbieter. Dafür braucht man einen Vereinbarung zur Auftragsdatenverarbeitung. Zusätzlich ist eine Verfahrenbeschreibung     notwendig.

b) Es gibt nach wie vor ein Fürsorgeverhältnis zwischen Schule und Schülern bzw. Eltern. Wenn z.B. der Nachweis nicht erbracht werden kann, dass es erforderlich ist (und das ist lt. Schulgesetz z.Zt. juristisch fast immer wacklig), dass die Daten im Auftrag verarbeitet     werden, braucht man eine Einwilligungserklärung der Betroffenen.

Absolut unübersichtlich wird es, wenn der Verlag z.B. die Testsoftware zur Lernstandserhebung nicht selbst hostet, sondern sich wiederum bei einem Dienstleister eingemietet hat. Dann braucht man eine weitere Vereinbarung zur Aufragsdatenverarbeitung (Untervereinbarung) zwischen diesem Dienstleister, z.B. dem Rechenzentrumsbetreiber und dem Verlag, die auch dem LfD auf Anfrage vorgelegt werden muss.

5. Einwilligungserklärungen

Für ALLE Arten der Datenverarbeitung, die gemäß NSchG NICHT erforderlich sind.

  1. Verwendung von Fotos (Schulhomepage, Lehrerkalender, Notenverwaltung von Lehrkräften etc.)
  2. Weitergabe von Adressdaten (Telefon, E-Mail, Adresse) an z.B. den Klassenlehrer aber auch Eltern
  3. Verwendung von Schülerarbeiten bei jeder Art von Veröffentlichung
  4. Schulnetzwerk (Nutzungsvereinbarung, Aufklärung über Art um Umfang der Datenverarbeitung im pädagogischen Netz)
  5. WLAN-Nutzungsvereinbarung, wenn durch Lehrkräfte und/oder SuS genutzt
  6. Gibt es ggf. weitere Datenverarbeitungs- und Veröffentlichungsprozesse, die z.B. die Belange des Personals betreffen?
  7. [ … ]

Technischer Datenschutz

Wo stehen die IT-Systeme mit sensiblen Daten?
Wer hat Zugriff auf die Passwörter? Wie komplex sind die Passwörter? Wann werden sie ausgestauscht?
Was passiert bei Diebstahl oder Beschädigung der datenverarbeitenden Systeme?
Was passiert bei einem z.B. krankheitsbedingten Ausfall des Systemadministrators?
Wie kann ich den Auskunftsanspruch gem. §16 NSchG mit vertretbarem Aufwand in vertretbarem Zeitrahmen sicherstellen?

Tja. Diese Liste ist garantiert weder vollständig noch komplett korrekt. Es fehlen noch diverse Regelungen bezüglich des Urheberrechts, das gerne mal mit dem Datenschutz vermischt wird. Weiter informieren kann man sich auf dem Nibis anschauen.

Ich will das nicht weiter kommentieren, fände es aber schön, wenn:

  • das Schulgesetz verbindliche und konkrete Vorgaben darüber macht, welche Daten von SuS verarbeitet werden dürfen
  • weitere Verfahrensbeschreibungen durch den Dienstherrn erstellt würden
  • Mustertexte durch den Dienstherrn erstellt würden (Nutzungsordnung, Einwilligung in Verwendung von Fotos etc.)
  • allgemein der Dienstherr sich seiner Schulen im Rahmen der Fürsorgepflicht in Bezug auf den Datenschutz noch mehr annimmt, als er das jetzt schon tut (das war doch jetzt diplomatisch, oder?)

Größtenteils haben wir hier nämlich Formalismen. Die Curricula schreiben mehr und mehr die Nutzung digitaler Medien vor oder legen sie nahe. Dann muss die Rechtsordnung das auch ermöglichen und eine klare Orientierung bieten. Schulen sollen nach meiner Wahrnehmung noch andere Dinge zu tun haben, als sich um den Datenschutz zu kümmern. Zudem sitzen dort eher Lehrkräfte als Volljuristen.

1 2 3 4