Mehr „Wir“ wagen

Ich und mein Kontext

Lisa Rosa hat einen phänomenalen Artikel zum Thema geschrieben, was kritisches Denken ist. Andreas Kalt ist für mich die absolute Referenzklasse, wenn es um die konkrete Umsetzung und Reflexion von Unterrichtsszenarien geht. Während ich bei Lisa oft meine Schwierigkeiten habe, diesen immens hohen Anspruch an Haltungen von Lehrkräften in meinem Beratungsalltag zu integrieren, kann ich alles von Andreas komplett unterschreiben.

Ich habe kürzlich einen Vortrag von Prof. Bastian zum inklusiven Unterricht gehört. Dessen Inhalte hätten mich noch vor wenigen Jahren tief empört – heute bringen mich diese Ideen so gedankliche Resonanz, dass es mir ein Anliegen war, diesen Menschen noch einmal persönlich anzusprechen. Ich bin sehr froh, dass es einen Franz Joseph Röll gibt, der viele Teilgebende „meines“ Schulmedientages irritiert hat.

Ja, und ich habe durchaus auch enge Verbindungen zu Menschen aus dem Wirtschaftsbereich. Es sind erstaunlicherweise oft Menschen, die diese Ideale im Herzen mittragen, aber natürlich auch unter einem firmenpolitischen Druck stehen, Compliances umsetzen zu müssen. Dahinter findet sich oft etwas ganz anderes. Das ist der eigentliche Grund, warum ich Rene Schepplers Engagement gegen Lobbyismus in der Schule zweischneidig sehe – obwohl ein Telefongespräch da letztens viel relativiert hat.

Mein Leben ist sehr voll von Aufgaben. Ich habe eine sehr große Familie und verbringe zurzeit meine Wochenenden auf der Straße und in Sporthallen. Beruflich bin ich mehr und mehr in Prozesse auf Landesebene eingebunden. Unser Landesinstitut nimmt Stellung zu Erlassen und Kerncurricula im Bereich der Medienbildung und passt gerade den Orientierungsrahmen Medienbildung an das neue KMK-Strategiepapier an. Vor Ort in meinem Landkreis läuft gerade ein strukturierter Medienentwicklungsprozess (Link zeigt nur Beispiel) an. Parallel dazu steige ich immer mehr in Prozesse zur Entwicklung von Medienbildungskonzepten ein. Ach, und dann läuft noch eine Kooperation zwischen Universität, Studienseminar und Schule an, die zum Ziel hat, Medienbildung in allen Phasen der Lehrerausbildung zu verankern.

Ich kann das alles tun, weil ich mit einem Großteil meines Stundendeputats nicht mehr in der Schule bin, sondern beim NLQ. Trotzdem ist das jetzt nicht so wenig, was in meinem Umfeld so läuft :o)… Es kommen haufenweise externe Anfragen, ob wir nicht dies oder jenes auch in anderen Regionen anstoßen können. Das, was ich weiß, weiß ich, weil ich auf sehr unterschiedlichen Ebenen im Land unterwegs bin.

Ich mache das nicht alleine, sondern habe mich bewusst mit Menschen und Kontexten umgeben, die mir ein Umfeld bieten, in dem es sich arbeiten lässt. Dazu zählen Verbindlichkeiten, Arbeit im Team und Visionen. Mein Team trägt mich und macht das, was ich nicht kann – teilweise ohne dass dazu explizite Absprachen notwendig wären.

Verwirrung

Ich bin auch in sozialen Medien unterwegs. Es ist mir wichtig mitzubekommen, wie Menschen denken, wo sie stehen, was „die Basis“ so umtreibt, schließlich arbeite ich ja für die Menschen an den Schulen. Ich finde dort zunehmend weniger das wieder, was mir in diesem „Reallife“ wichtig ist: Die gemeinsame Arbeit, auch wenn man im Detail durchaus anderer Meinung sein kann.

Ich habe Grenzen.

Ich habe zunehmend Angst, über diese Grenzen öffentlich zu sprechen.

Mir scheint, dass es zunehmend Menschen gibt, die in Bezug auf Lernen in Zeiten der Digitalisierung die Weisheit mit Löffeln gefressen haben, weil sie Geräte, Apps und Tools einsetzen, die andere Lehrkräfte nicht einsetzen.

Vielleicht kann ich mich noch ruhig zurücklehnen, in den Arroganzmodus schalten, wohlwissend dass Selbstvermarktung – auch von ganzen Schulen – und pädagogische Wirklichkeit oft interessante Differenzen aufweisen und sich die vermeintliche Modernität dann oft genug nicht in umgesetzten Konzepten, sondern gebunden an wenige Personen darstellt.

Jemand, der neugierig ist und vielleicht erst erste Schritte geht, wird daraus ggf. andere Konsequenzen ziehen – auch aus dem aus meiner Sicht zunehmend gewöhnungsbedürftigen Umgang miteinander – das #edchatde-Debakel ist ja nur eine Ausprägung davon.

Ich konnte all das, was ich heute vermeintlich kann, nicht sofort. Das brauchte alles viel Zeit – Zeit, die wir anderen Menschen auch zugestehen sollten.

Teile meiner digitalen Geschichte

Meine erste Begegnung mit dem Lernen unter Einsatz von digitalen Tools war Moodle. Moodle war „damals“ in Deutschland noch sehr unbekannt. Es gab einige Gleichgesinnte, mit denen ich mich auf den Weg gemacht habe, dieses Tool zu erforschen und für den Unterricht auszuloten. Daraus ist ein Verein entstanden, den es bis heute gibt. Wir waren von diesem Tool so überzeugt, dass wir sogar Schulen kostenlose Instanzen zur Verfügung gestellt haben. Ich war für die Technik verantwortlich und hatte sogar eine komplette Oberfläche für die Installation, das Update und das Reverse-Proxying mehrerer Instanzen entwickelt, die auf einer Codebasis liefen. Sogar unser schon damals völlig veraltetes Schulnetz, basierend auf Arktur4 mit LDAP hatte ich schon darangebastelt. Eines meiner Projekte mit Moodle hatte ich als Wettbewerbsbeitrag (schön mit LaTeX durchgestylt)  eingereicht, um dann gegen ein E-Mail-Brieffreundschaftsprojekt zu verlieren – Moodle war seiner Zeit damals dann doch etwas voraus.

Das mit dem Verein ging für mich recht unschön zu Ende – es gab im menschlichen Bereich zunehmend Schwierigkeiten – meine Ansprüche an Zusammenarbeit waren einfach auch recht hoch. Heute entwickle ich wieder einen Moodlekurs zum Thema Netzwerktechnik für angehende Medienberater am NLQ. Meine Kritik an Lernplattformen bleibt davon unbehelligt.

Diese Erfahrung hat mich trotzig im dem Sinne gemacht, dass ich von nun an etwas zeigen wollte: Eine Einzelperson kriegt inhaltlich mehr auf die Kette als ein Vereinsteam. Das glaube ich heute zwar nicht mehr, aber riecken.de ist letztendlich das Ergebnis dieser Trotzphase. Mit über 700 Artikeln ist dieses Blog mittlerweile zu einer recht festen Anlaufstelle bei verschiedenen Themen geworden. Den meisten „Umsatz“ mache ich übrigens mit Diktattexten – völlig konträr zu den von mir sonst propagierten Thesen.

Währenddessen kam die LdL-Bewegung mit Jean-Paul-Martin. Auf einem Treffen in Ludwigsburg fiel mein Name öffentlich in einem vollen Hörsaal. Diese Art von Wahrnehmung kannte bisher ich nicht. Auf einmal waren da Menschen um mich, die einen ähnlichen Blick auf Schule hatten wie ich. Die meisten bloggten, eigentlich glaube ich, dass in der Zeit sogar der Ursprung der Blogbewegung liegt. Wir diskutierten in Blogs und nicht auf Twitter, verlinkten uns gegenzeitig. Auf Educamps traf man sich und ich fühlte mich dort wie auf einem anderen Stern, obwohl dort Lebenskonzepte aufeinandertrafen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können – allein die Barcampmethode, Twitter mit Ulf Blanke, ohne den ich heute nicht Medienberater wäre usw.

Ich komme mir jetzt oft schon vor wie der Großvater in der Werbung für Werthers Echte.

Och Leute …

Worauf ich hinauswill: Dass ich heute am NLQ ein- und ausgehe, dass ich neulich meinen ersten Termin am Kultusministerium hatte, dass ich mich heute vor Anfragen von Schulen kaum retten kann, dass ich Dinge wie dieses Pamphlet hier schreibe, das ist das Ergebnis eines jahrelangen Prozesses, der strenggenommen schon weit früher in der evangelischen Jugendarbeit begonnen hat.

Ich habe diesen Background, aber immer noch die Hose voll, wenn ich Schulträger und Schulen bei Dingen wie der Medienentwicklungsplanung oder bei dem Prozess der Erstellung eines Medienbildungskonzeptes begleite. Ich scheitere dabei sehr oft, am allermeisten an meiner eigenen Schule – weil das – geben wir es doch endlich mal zu – noch kaum jemand bisher gemacht hat.

Wenn ich eines über die Jahre gelernt habe, dann dieses:

Als einfache Lehrkraft werden wir unsere Schulen nicht in Lernorte der Zukunft transformieren, schon gar nicht unsere eigenen. Das viele potentielle Geld, was momentan herumschwirrt, die Bildungscloudidee usw. – das kann alles auch ganz anders enden. Es geht eben nicht nur um „unsere Schule“, sondern um einiges mehr. Wer in seiner Sicht beschränkt auf seine Schule bleibt, wird es m.E. sehr schwer haben, sich den momentan wirksamen Kräften aus z.B. der Wirtschaft zu widersetzen. Die hat Lobbyisten und Einflüsterer – wir nicht. Wir müssen zunehmend politisch und in größeren Zusammenhängen denken. Dabei werden wir auf massive Grenzen stoßen, die nicht ohne die Potentiale von Vernetzung und Arbeit im Team überwunden werden können.

Über die Grenzen müssen wir offen sprechen können. Nicht so wie es jetzt oft geschieht. In diesem „Reallife“ habe ich für mich ein Team und Vernetzungsmöglichkeiten gefunden. Ich würde gerne einen mehr oder weniger öffentlichen Ort finden, an dem ich über Grenzen sprechen kann. Das geht nicht, wenn ich befürchten muss, dass jeder Post über den den „Highest-SAMR“-Level oder die anzustrebenden Utopiagesellschaft gezogen wird.

Wenn mir als Werther-Großvater das so geht – wie muss es dann denen gehen, die gerade erst anfangen und diese oder eine ganz andere Entwicklung noch vor sich haben?

Verzeichnisdienste

Weitgehend unbemerkt von uns Normalsterblichen verrichten unzählige Verzeichnisdienste ihr Werk in verschiedenen Institutionen. Wenn man Netzwerke etwas weiter denkt als auf einen Standort bezogen, kommt man um dieses Thema irgendwann nicht mehr herum. Verzeichnisdienste gelten als sperrig, nur für Eingeweihte zu administrieren und haben immer die Aura des Mysteriösen um sich. Das stimmt übrigens beides. Gleichzeitig sind Verzeichnisdienste das zentrale Element, um Zugänge, Gruppenzugehörigkeiten, Rechte u.v.m. zu managen. Bei Microsoft heißt der Dienst ActiveDirectory (AD), bei unixoiden Betriebssystemen openLDAP. Die Sprache (das Protokoll), mit dem Verzeichnisdienste angesprochen werden, nennt sich LDAP.

Beispielvision:

Die Schulsekretärin gibt einen neuen Schüler in die Schulverwaltung ein, der die Schule gewechselt hat. Gleichzeitig sind damit ein Account auf dem Schulserver, eine E-Mailadresse und ein WLAN-Zugang angelegt und sämtliche Zugänge und Zugriffsberechtigungen auf der alten Schule deaktiviert. Selbstredend ist unser Schüler damit auch gleich den richtigen Gruppen auf der Lernplattform der Schule zugewiesen, in die Schulstatistik eingepflegt und in der Lehrmittelverwaltung mit den korrekten Attributen versehen (z.B. Geschwisterermäßigung bei der Schulbuchausleihe).

Das ist keine Zauberei und erst recht kein Datenschutzgau, sondern der Grund, warum Verzeichnisdienste erfunden worden sind. Schematisch sieht so etwas so aus:

verzeichnisdienst

Wir fangen mal unten an: In einem Verzeichnisdienst sind verschiedene Institutionen angelegt, die z.B. jeweils Nutzer, Gruppen und z.B. Geräte besitzen. Wir schauen uns mal einen Nutzereintrag an:

---------------------------------------------------------------------
| Objektname: Maik Riecken => Nutzer => Schule => Verzeichnisdienst |
|-------------------------------------------------------------------|
| Attribute:  Name                                                  |
|             Nachname                                              |
|             Benutzername                                          |
|             E-Mailadresse                                         |
|             Passwort (verschlüsselt)                              |
---------------------------------------------------------------------

Maik, der zur Institution „Schule“ gehört, möchte jetzt gerne mit seinem Handy im Rathaus surfen. Ein Accesspoint im Rathaus muss jetzt prüfen, ob Maik das auch darf. Dazu fragt er Maik erstmal nach seinem Nutzernamen und seinem Passwort und gibt beides an einen Vermittlerdienst weiter – im WLAN-Bereich über einen wiederum verschlüsselten Weg oft an einen sogenannten RADIUS-Server. Der RADIUS-Server leitet die Anfrage an den Verzeichnisdienst weiter und bekommt eine 1 oder eine 0 zur Antwort. Ist die Antwort 1, bekommt Maik jetzt Zugriff auf das Internet, ist sie 0, muss er leider weiter UMTS oder LTE nutzen. Der Witz an der Sache ist, dass außer sehr wenigen und darüberhinaus auch noch verschlüsselten Daten nur sehr wenig über das Netz geht (Datenschutz).

Für diese Aufgabe kann man auch theoretisch eine Datenbank wie MySQL nutzen. In der Tat erntet man oft Stirnrunzeln, wenn man Leuten vorschlägt, auf einen Verzeichnisdienst umzusteigen. Eine Datenbank kann die gleichen Aufgaben erledigen – aber:

  1. Für Verzeichnisdienste existieren standardisierte Schemata für Objektklassen
  2. Für Verzeichnisdienste existieren genau wegen dieser Schemata in sehr vielen Produkten standardisierte Schnittstellen (Moodle, Owncloud, WordPress, Drupal, Joomla! – fast jedes größere Projekt unterstützt LDAP und damit Single-Sign-On = ein Passwort für alles). Ich kann plattformübergreifend jeden Dienst mit LDAP betreiben, der das LDAP-Protokoll unterstützt. Sogar Apple.
  3. Die Organisation von Institutionen in hierarchischen Bäumen ermöglicht eine sehr granulare und standardisierte Rechtezuweisung, z.B. bekommen Polizei und Schulträger dann nur die Daten, die das jeweilige Landesdatenschutzrecht vorsieht – dafür aber jeweils immer tagesaktuell. Auch die beliebten Schulstatistiken gehören bei entsprechender Implementation der Vergangenheit an und liegen ebenfalls tagesaktuell vor. Niemand kann mehr „einfach so“ Listen mit Daten erstellen, die dem Gebot der Datensparsamkeit nicht genügen – weil es keinen Export mehr gibt und der auch nicht notwendig ist.
  4. Das Protokoll ist „lightweight“ und damit äußerst performant
  5. Wenn man den Verzeichnisdienst als Hauptdatenquelle implementiert, bekommt man über ihn eine Vernetzung verschiedener Applikationen und Institutionen ganz automatisch.

Die Lage in Deutschland sieht leider so aus:

  1. Es gibt kaum Schulverwaltungssoftware, die das kann.
  2. Es ist unklar, wo und von wem ein Verzeichnisdienst betrieben werden kann.
  3. Durch 16 unterschiedliche Datenschutz- bzw. Schulgesetze in den Bundesländern ist es für Anbieter nahezu unmöglich, eine Lösung anzubieten, die sich wirtschaftlich abbilden lässt.
  4. Ein Verzeichnisdienst gehört m.E. generell nicht in die Hand eines Anbieters, sondern ist eine öffentliche Aufgabe – gerade wegen der Kumulation der verschiedensten Daten an einer Stelle – also z.B. in ein kommunales oder Landesrechenzentrum.
  5. Die wenigsten Anbieter sind daran interessiert, standardisierte Schnittstellen anzubieten (oder lassen sich das teuerst vergüten), weil proprietäre Datenhaltung immer ein willkommenes Instrument der Kundenbindung ist – man muss sich nur mal anschauen, welcher Mist (z.B. SCORM in meinen Augen) in der Bildungsindustrie zum „Industrieausstauschstandard“ erklärt wird – obwohl es gut dokumentierte und standardisierte Formate und Protokolle gibt.
  6. Pädagogische und Verwaltungsanforderungen sind nicht immer klar zu trennen. Noten gehören für mich z.B. nicht in einen zentral aufgestellten Dienst.

Wer macht schon sowas in Ansätzen?

Univention ist sehr weit auf diesem Feld und betreut z.B. die Schulverwaltung in Bremen. Die Schleswig-Holsteiner denken Dank des ULD und der Piratenfraktion auch stark in diese Richtung. Ich selbst versuche, diese Lösung immer gleich mit im Blick für die Beratung und Konzeption von Netzwerken zu haben. Sie müssen es jetzt heute nicht können, aber später die Möglichkeit dafür bieten.

 

 

Klassische Fehler bei der Medienausstattung von Schulen

1. Fixierung auf Endgeräte vor der Schaffung von Infrastruktur

Rechner, Notebooks, interaktive Tafelsysteme und Tablets sehen schick aus, sind im wahrsten Sinne des Wortes „begreifbar“ und zudem repräsentativ nach außen. Keines dieser Geräte lässt sich mittlerweile sinnvoll nutzen ohne ein stabiles Netzwerk und eine vernünftige Anbindung desselben an das Internet.

Ohnehin stattfindende bauliche Maßnahmen an Schulen werden oft nicht hinreichend dazu genutzt, Infrastruktur gezielt aufzubauen (Verlegung von Netzwerkkabeln in neu erstellten Decken, Umbau der Elektrik oder Heizungs- sowie Sanitärinstallationen etc.)

2. Mobile Lösungen für Präsentationen

Medienwagen mit Beamer, Notebook und Lautsprechern sind flexibel einsetzbar. Prüft man die Betriebszeiten von Beamerlampen auf diesen Wagen, stellt sich oft Ernüchterung ein: Aus verschiedenen Gründen werden diese recht teuren Geräte wesentlich weniger genutzt als fest installierte Systeme z.B. Deckenbeamer mit fest installierten Rechner.

3. Räumlich unsinnige Installationen von Präsentationssystemen im Klassenraum

Das Endgerät, welches den Beamer oder die interaktive Tafel steuert, muss entweder so ausgerichtet sein, das die Lehrkraft bei der Bedienung zur Lehrgruppe hinschaut oder es muss eine mobile Präsentation vom Platz des Schülers / Lehrers aus möglich sein.

4. Technische Überdimensionierung von PC-Arbeitsplätzen

Im klassischen PC-Raum werden i.d.R. Office- oder Internetanwendungen genutzt. Dafür sind PC-Systeme wie sie in Firmen zum Einsatz kommen schlicht überdimensoniert und verbrauchen darüberhinaus unnötig viel Energie.

Für die Medienproduktion – z.B. Filmschnitt – sind diese Geräte dann wieder viel zu leistungsschwach.

Ein PC-Arbeitsplatz muss in sich der Ausstattung an der tatsächlich zu erwartenden Nutzung orientieren.

5. Verzicht auf Softwaredeploymentlösungen (zugunsten von z.B. Wächterkarten)

Jedes System, welches bei der Installation einer Anwendung voraussetzt, dass sich ein Servicetechniker vor jeden einzelnen PC für die notwendigen Arbeiten setzt, ist nicht mehr zeitgemäß. Software lässt sich heutzutage servergesteuert verteilen. Selbst die Betriebssysteminstallation läuft vollautomatisch ab. Der Schutz des jeweiligen Arbeitsplatzes vor Manipulationen durch SuS kann z.B. verlässlich durch entsprechende Profileinstellungen erfolgen.

6. Fehlende Skalierungsplanung

Es ist eine Sache, in einem Klassenraum mit Funkübertragungsprotokollen wie AirPlay, MiraCast etc. und mit z.B. einem Klassensatz Tablets zu arbeiten. Es ist eine andere Sache, das mit einer ganzen Schule in allen Räumen zu tun. Die dazu nötigen Netzwerkkomponenten und deren Konfiguration stehen in einem diametralen Gegensatz zu den vermeintlich technisch trivialen Erlebnissen, wie sie insbesondere die Applewelt vermittelt.  Die Ausstattung muss unter der Annahme beschafft und konzipiert werden, dass das irgendwann „jeder an der Schuler“ macht.

7. Fehlendes Fortbildungskonzept für die Lehrkräfte

Im Idealfall werden die vom Schulträger beschafften Geräte oft und gern benutzt. Nur ein kompetenter, lernbereiter Anwender ist dazu in der Lage und nutzt die Möglichkeiten dieser teuren und meist wartungsaufwändigen Investition.

Schulen mit einem durchdachten IT-Fortbildungs- und Medienkonzept sind bei der Ausstattung vorrangig zu behandeln.

Ein schulübergreifendes Fortbildungskonzept wird durch eine einheitliche Ausstattung erheblich vereinfacht.

8. „Schmoren im eigenen Saft“

Es gibt in der unmittelbaren Region viele Schulen, die mit neuen Medien und Schulserverlösungen ausgestattet sind. Diese verfügen über konkrete Erfahrungswerte aus methodisch-didaktischen Kontexten.

Die Besichtigung anderer Schulen und das Gespräch mit den dort unterrichtenden Lehrkräften sind wichtig, um als Schule oder Schulträger eine differenzierte Meinung zu erhalten und diese gegenüber Firmen vertreten bzw. überhaupt verbalisieren zu können.

 

Medien in der Schule vorhalten

Es gibt sie noch. Die Regale mit den Videokassetten aus grauer Vorzeit, die immer wieder unerlaubt im Unterricht herhalten müssen, wenn es um das Zeigen vorgeblich legendärer Verfilmungen literarischer Kleinode geht um eigentlich nur beweisen zu können, dass der Film eh nicht an das Original herankommt – stimmt ja auch: Die Hälfte des Films ist durch Bildstörungen und Tonaussetzer sowieso nicht zu sehen.

www.ml-media.martinlietz.de / pixelio.de

Dann kam die DVD. Endlich ohne Schwierigkeiten zu bestimmten Kapiteln springen oder sogar Wiederholungsschleifen programmieren. Das Interface des DVD-Players sah auch ähnlich aus wie das des VHS-Rekorders und der Fernseher darüber ist noch ein Fernseher – kennt man also. Dumm nur, dass extern gelagerte Sicherheitskopien von Original-CDs, natürlich mit allen Vorführrechten, in stundenlanger Kleinarbeit am heimischen PC gefertigt, in manchen Playern einfach nicht laufen wollten. DVD-R, DVD+R, DVD-RW, DVD+RW, DVD-RAM – frisst er es oder frisst er es nicht?  Film oder Stillarbeit – das ist hier die Frage!

Wäre es nicht schön…

  • … wenn ich frei wählen könnte, mit welchem Gerät ich eine Datei abspiele?
  • … wenn unterschiedliche Geräte zur Wiedergabe in einer Schule zur Verfügung stünden?
  • … wenn ich meine Dateien auch mit anderen teilen könnte?
  • … wenn andere gleichzeitig zeitversetzt die gleiche Datei abspielen könnten?
  • … wenn ich das Interface vorgebe und nicht so eine blöder, langhaariger Administrator?

Mit digitalen Medien geht das erstmal prinzipiell. Man braucht aber immer sowas wie einen Computer für die Wiedergabe. Dabei funktioniert das mit den DVD-Playern doch ganz gut.

DLNA als Lösungsansatz

DLNA (manchmal auch upnp) ist eine klassische Middlewarelösung: Ein Server kümmert sich um das Auffinden und Indizieren von Medien und kommuniziert mit verschiedenen Endgeräten, Programmen oder Apps („Clients“) z.B.

  • ein Notebook mit Windows Media Player
  • ein Handy/Tablet mit entsprechender App
  • ein Beamer mit eingebautem DLNA-Client
  • ein Flachbildfernseher
  • eine Streamingbox, z.B. eine WD-Live

Nicht umsonst habe ich exemplarisch auf eine WD-Live verwiesen: Man kann so eine Kiste einfach mit in den Fernsehwagen packen, sie fühlt sich an wie ein größenwahnsinniger SAT-Receiver, den man von zu Hause kennt (und meist bedienen kann, da Fernsehen ja eine weit verbreitete Kulturtechnik darstellt).

Mit DLNA steuern nerdige Menschen schon heute ihre Hifi-Komponenten z.B. vom iPad aus, da DLNA auch die Steuerung von Playern („Renderern“) über das Netzwerk zulässt. Man kann die Fernbedienung der Streamingbox oder das eigene Handy nehmen – ganz nach Wunsch und Gewohnheit.

Sehr viele Geräte sind DLNA-fähig, z.B. bestimmte externe Festplatten, sodass man sich um die Konfiguration nicht zu kümmern braucht: Die Platte (nachvollziehbare Ordnerstruktur vorausgesetzt) mit Medien befüllen, ins Schulnetzwerk einbinden und schon kann es losgehen.

DLNA-Server senden per UDP. Es ist ihnen schnurzpiepe, ob die Daten auf der Gegenseite ankommen, weil Streaming nunmal zeitkritisch ist und Fehlerkorrektur da nur stört oder das ganze Medium dann stockt – kennt man von YouTube-Videos bei schmaler Anbindung.

DLNA-Server selbst gemacht

Mediatomb ist ein freier DLNA-Server, der oft zum Einsatz kommt. Er lässt sich auf allen Debianderivaten (auch bei IServ…) mit einem

apt-get install mediatomb

auf die Platte holen und funktioniert dann auch schon „out-of-the-box“. Das Webinterface des Servers ist unter dem Port 49152 zu erreichen (muss ggf. noch aktiviert werden, s.u.) und sieht dann so aus:

Ein Klick oben auf „Filesystem“ ermöglicht das Browsen durch das Dateisystem des Servers. In diesem Beispiel liegen die Mediendateien unter /home/musik. Ein Klick auf das Pluszeichen oben rechts sorgt dafür, dass nun die Medien des selektierten Ordners in den Katalog des Medienservers aufgenommen werden. Man kann das auch automatisieren und einen Ordner regelmäßig scannen lassen. Dabei liest Mediatomb natürlich auch ID-Tags aus und stellt so zusätzliche Sortierfunktionen, etwa nach Interpret oder Titel bereit. Für unsere Lösung an der Schule habe ich noch folgende Veränderungen an der Konfigurationsdatei vorgenommen, die man bei Debianderivaten unter

/etc/mediatomb/config.xml

findet:

    <ui enabled=“yes“ show-tooltips=“yes“>
      <accounts enabled=“yes“ session-timeout=“30″>
        <account user=“mediatomb“ password=“geheim„/>
      </accounts>
    </ui>
    <name>MediaTomb</name>

Unter <ui> wird die Oberfläche eingeschaltet, der Passwortschutz für das Webinterface aktiviert und ein Name festgelegt, mit dem sich der Server beim Client meldet.

<import hidden-files=“no“>
    <filesystem-charset>UTF-8</filesystem-charset>
    <metadata-charset>UTF-8</metadata-charset>

Etwas weiter unten sorgen zwei zusätzliche Einträge dafür, dass Umlaute und Sonderzeichen korrekt umgesetzt und an den Client weitergegeben werden.

Wenn man auf einem IServ mediatomb in einem beliebigen Gruppenverzeichnis suchen lässt (besser ist allerdings eine eigene VM oder ein eigener physikalischer Medienserver), kann ich z.B. abends eine Datei ins Schulnetzwerk hochladen, die dann im gesamten Netzwerk von beliebigen DLNA-fähigen Geräten genutzt werden kann – ganz automatisch.

Ja, gibt’s denn dafür nicht das Internet?

Jein. In Niedersachsen sind viele sehr viele Medien inkl. Schulfunksendungen Landeslizenzen erworben worden, die nur innerhalb des Schulnetzes weiterverbreitet werden dürfen. Weiterhin kann ich notwendige Bandbreiten innerhalb des Schulnetzes um den Faktor 10-20 günstiger garantieren als über UMTS/LTE und Co. Ich finde den Gedanken reizvoll, dass ich auch SuS eine Datei zentral nur Verfügung stellen kann, die sie dann in ihrem Tempo mit z.B. dem eigenen Handy nutzen können – einfach durch eine kurze Navigation im DLNA-Client, so lange sie im Schulnetz eingebucht sind. Nicht zu verachten finde ich, dass jemand, der von einem Videorekorder kommt, sich bei einer Streamingbox weit weniger umstellen muss als bei z.B. einer Rechner-/Beamerkombination – es ist auch eine Fernbedienung mit Play/Stop/RW/FF/Pause. Die Vielzahl der verwendbaren Endgeräte und Oberflächen (Apps) dürfte jedem etwas bieten.

Nachteile

DLNA ist für den Consumerbereich konzipiert, d.h. es sollte schnell und unkompliziert laufen. Daher bringt DLNA keine Nutzerverwaltung mit. Jeder im Netzwerk kann mit dem DLNA-Server kommunizieren, der deshalb immer auf einer separaten Maschine laufen sollte. Aktive Renderer können von jedem Client aus gesteuert werden: Ich kann als Schüler sehen, dass auf dem Fernseher im Gebäude x gerade Film y läuft und diesen stoppen oder gar durch einen anderen Film vom Medienserver ersetzen. Das lässt sich aber mit Firewall- und Routingeinstellungen in den Griff bekommen – oder durch pädagogische Vereinbarungen lösen.

Macht eine Technologie wie LTE ein Netzwerk in der Schule überflüssig?

In Schulen eigene, teure Netzwerkinfrastruktur aufzubauen sei irgendwann überflüssig, da schließlich mit UMTS und LTE neue Technologien zur Verfügung stünden, die in absehbarer Zeit jedwede eigene technische Installationen überflüssig machten – dieses Argument höre ich sehr häufig im Netz und lese es auch gelegentlich in ernstzunehmenden journalistischen Texten.

Ich bin kein Spezialist für Kommunikationstechnik, möchte aber dennoch begründen, warum ich dieses Argument von einem heutigen Standpunkt aus nicht gelten lassen will. Dazu muss ich etwas ausholen:

LTE und UMTS sind sogenannte Shared-Medien, d.h. alle Nutzer einer Funkzelle auf einem Sendemast teilen sich die maximalen Bandbreiten, die mit diesen Funktechnologien möglich sind. Der Datentransport bei UMTS und LTE ist ziemlich genial gelöst, so dass das erstmal nicht so auffällt. Ein gutes Bild dafür findet sich in diesem Artikel:  LTE und UMTS-Masten senden ein Frequenzmischmasch, was mit den Stimmen auf einer WG-Party vergleichbar ist. In diesem Unterhaltungsbrei werden simultan unglaublich viele Informationen ausgetauscht. Der Umfang dieser Klangmenge ist begrenzt durch die Anzahl der Sprechenden, die akkustische Verhältnisse und die Gesamtlautstärke. Um eine bestimmte Information aus diesem Unterhaltungsbrei herauszuhören, muss ich mich auf die Stimme und das Gesicht eines Menschen konzentrieren.

Ein Handy oder Pad mit UMTS-Modul „konzentriert“ sich nicht auf Stimmen, aber es erkennt die für sich bestimmten Pakete („Worte“) in diesen Frequenzbrei an einem Schlüssel, den es vorher mit der Basis ausgehandelt hat. Je mehr Teilnehmer „zuhören“, desto mehr muss verschlüsselt und entschlüsselt werden und desto niedriger ist die zu Verfügung stehende Bandbreite.Die Übergabe an eine andere Funkzelle ist wegen der Verschlüsselung technisch nicht trivial – daher stockt heute schon im UMTS-Betrieb gerne mal der Datenstrom im Zug.

Die Einstiegsklasse bei LTE beträgt etwa 21Mbit/s. Das entspricht etwa 1/50 der heute mit günstigen Schraddelkabelnetzen erreichbaren Geschwindigkeit. Surfen 25 SuS in einem Raum mit ihren Pads, bleibt für jeden eine Bandbreite von 0,84Mbit/s, also etwa DSL768. Macht das unsere Schule mit der Hälfte (700) der Schüler gleichzeitig, sind es noch 0,03Mbit/s – also etwa Modemgeschwindigkeit. Allerdings unter folgender Idealisierung:

  • es entsteht kein Overhead durch die Verschlüsselung/Protokollfehlerkorrektur
  • die Verhältnisse erlauben die Verbindung mit Maximalspeed
  • die Geräte stören sich nicht gegenseitig
  • in der Funkzelle ist niemand außer den SuS unterwegs

Mit einem billigen Schraddelnetzwerkkabel und x Accesspoints der neusten Generation (ca. in einem Jahr), erreichen unsere 700 Schüler eine Geschwindigkeit von 1,4Mbit/s – garantiert. Das reicht für HD-Material durchaus aus – wenn es gut kodiert ist. Und es geht schon heute – nicht erst wenn der LTE-Ausbau vorangeschritten ist. Voraussetzung ist hier natürlich auch wie beim Mobilfunksendemast ein geeignet dimensionierter Uplink ins Netz.

Man kann das dadurch lösen, dass man mehr Funkzellen baut, stößt dabei aber auch irgendwann an Grenzen, da der für UMTS und LTE nutzbare Frequenzbereich schmal ist und unter mehreren Mitbewerbern auf dem Markt aufgeteilt werden muss. Zudem eignet sich für Mobilfunkanwendungen eben nicht jeder Frequenzbereich gleichermaßen gut.Die Strahlenbelastung sinkt übrigens paradoxerweise durch den Aufbau weiterer Masten. Handys funken dann am stärksten, wenn sie auf dem letzten Balken röcheln.

Die Geschwindigkeitszuwächse im Mobilfunkbereich der letzten Jahre sind im Vergleich zum klassischen WLAN- und LAN-Bereich eher niedlich. Gerade in der Glasfaser steckt erhebliches Potential. Noch nicht im Ansatz ausgeschöpft sind die Möglichkeiten von Ad-Hoc-Netzen, die es zurzeit nur zu horrenden Preisen als fertige Lösungen oder eben gebastelt mit frickeligen Clienteinstellungen gibt, die dann niemand versteht.  Ich stelle mir den Unterricht der Zukunft schon mit qualitativ hochwertigen und damit bandbreitenhungrigen Medien vor. Video- und Audiokonferenzen mit anderen Schulen auf der Welt wären doch auch was.

In Zeiten von ACTA möchte ich zudem nicht auf rein cloudbasierte Lösungen angewiesen sein und eine großer Vertrag (Internetuplink) kommt in der Regel immer günstiger als 1400 kleine Einzelverträge.

Wäre UMTS/LTE wirklich eine Lösung, würde ich heute in Betrieben Femtozellen erwarten. Die gibt es, z.B. bei Google. Aber dort übertragen sie Telefongespräche und keine Multimediadaten. Wäre UMTS/LTE für die lokale Anbindung von Geräten an das Internet eine nachhaltige Lösung, wären doch große Player die ersten, die so etwas nutzen.

Vielleicht spielt bei den LTE-Hoffnungen eher hinein, dass an Schulen extrem schlechte Erfahrungen mit den Netzwerken gemacht werden. Das liegt aber an anderen Dingen, z.B. an der Auslegung derselben. Klar funktioniert UMTS/LTE super – aber selbst ein GSM-Netz bricht zusammen, wenn viele Endgeräte auf engem Raum zusammenkommen. Und dann gibt es keinen Schulträger, den man fragen kann, sondern einen Technologiepartner aus der Wirtschaft, an den man selbst und die SuS mit Zeitverträgen gebunden ist. Meine Definition von Freiheit sieht da anders aus.

Die Entwicklung in diesem Bereich geht weiter – klar. Unglaublich viel habe ich hier unglaublich vereinfacht dargestellt. Aber auch die Physik wird weiter gelten. Frequenzen sind unglaublich wertvoll und gehen für Milliarden über den Tisch. Nicht nur internetbasierte Dienste schielen auf Geschäftsmodelle auf Basis von Kommunikationsnetzen.

1 2