Blogparade: Es war einmal die Lernlust | Bob Blume

Bob Blume ruft zu einer Blogparade auf. Dabei geht es um Persönliches. Darüber schreibe ich eigentlich ja nicht im Netz, obwohl ich auf Veranstaltungen durchaus viel Persönliches erzähle. Der der Aufgabe besteht also darin, distanziert zu bleiben und trotzdem etwas preiszugeben.

Ich hatte Angst. Vor jeder Sportstunde. Vor jeder Englischstunde. Vor jeder Geschichtsstunde. Unangekündigte Vokabeltest, die nie Vokabeln abfragten, sondern immer ganze, teilweise sehr komplexe Wendungen. Die grünen Englischarbeitshefte unter dem Arm, ohne dass irgendwann irgendwie ein Hinweis fiel, dass an diesem Tag eine Arbeit geschrieben werden würde.  Aus der Quinta kommend, gaben mir die Noten dieses Lehrers fast den Rest. Versetzung gefährdet. Nachhilfe bei älteren Schülerinnen. In Geschichte ähnlich. In Sport: Riegen: „Riege 1 spielt gegen Riege 2!“ „Oha, in Riege 1 schafft jetzt jeder einen Aufschwung. Erzählt mal den anderen, was ihr gemacht habt!“ Doppelkopf in einer Jugendherberge auf Sylt gelernt. Uns selbst ein Geländespiel auf der großen Wanderdüne ausdecken müssen. Bei 2 Meter Brandung gebadet. Um die Südspitze von Sylt gelaufen. „Er kündigt die Arbeiten und Tests nicht an, weil er möchte, dass ihr auf jede Stunde vorbereitet seid. Er möchte nicht, dass Kinder einen Vorteil haben, die von zu Hause aus Unterstützung erfahren – daher macht er das!“, berichtete meine Mutter nach dem Elternsprechtag. Ich hatte Ende der achten Klasse eine Drei in Englisch. Ich musste für dieses Fach nie wieder etwas tun und bin nie unter einem Ausreichend nach Hause gegangen.

Nach heutigen Maßstäben hätte ich mehrmals tot sein und psychische Schäden davontragen müssen. Unerbittlich herkunftsunabhängig gerechte, leitende, fordernde Menschen wie er ebneten mir als erstem aus unserer Familie den Weg an die Uni. Das Riegensystem: Sprachlich-militärisch, im Kern maximales kooperatives Lernen. Jede Riege war fair zusammengesetzt aus Menschen mit sportlichen Stärken und Schwächen. Es ging ums Gewinnen. Gewinnen als geschlechtsübergreifendes Mannschaftserlebnis. Das Geländespiel als selbstbestimmte, gruppendynamische Übung würde heute mit komplett prototypisch kompetenzbeseiert verzückter Sprache bejubelt. Diese Drei in Englisch war eigentlich eine Eins (ein Mädchen hatte eine Zwei bekommen). Es war emotional eine schwierige Zeit. Aber wir alle lernten das Denken bei ihm.

Ich denke heute mit Lust an seine Stunden zurück. Die Angst ist nicht mehr die prägende Erinnerung.

Es gab ein Klausur zurück. Französische Revolution. Rede von Robbespierre oder war es Montesquieu? (Ancien Régime). Er tobte. Innerlich. Er las uns die Rede vor und ersetzte in erster Lesung das Wort „Nationalversammlung“ durch „NSDAP“, in zweiter Lesung war es die „Volkskammer der DDR“. Eindrücklichste Besprechung einer Klausur. Betroffenheit im Kurs. Es hatte kaum einer das wahre Gesicht der Rede erkannt. Angst. Ich vielleicht auch nicht? „Auf das Schärfste zu verurteilen“ stand in meinem Fazit in der Klausur. 12 Punkte. In der Oberstufe lief es bei mir eigentlich. Ich musste nie etwas tun. In Geschichte habe ich es nie mehr auf diese Punktzahl gebracht, im Abitur in der mündlichen Prüfung habe ich mich ohne Vorbereitung auf 7 Punkte gelabert. Ich hatte ein Fundament – von wem wohl? Der Oberstufenlehrer wurde einmal richtig ausfallend. Wir fragten um Erlaubnis, auf eine Demonstration gehen zu dürfen. „Haben Sie sie noch alle? Wenn Sie für Ihre Rechte auf die Straße gehen, dann tragen Sie halt die schulischen Konsequenzen! Wie naiv muss man denn sein, zu glauben, dass der Kampf für Rechte konsequenzenlos bleibt!“

Wir sind gegangen. Wie begossene Pudel. Sehr viel Schweigen auf der Hinfahrt.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ Was mich ich da wohl geritten hatte. Er war mein Philosophieprofessor. Seminar zum us-amerikanischen Transzendentalismus (Ralph Waldo Emerson z.B.). Aber an dem Abend war in der Kneipe sonst kein Platz mehr frei und ich hatte Hunger und konnte ja nicht im Stehen essen. „Junger Mann, viele meiner Kolleginnen und Kollegen glauben, Philosophie sei ein Selbstzweck, selbstreferentielle Wissenschaft. Ich sage: Die Philosophie steht in der Verantwortung nachzuweisen, dass sie der Gesellschaft, von der sie bezahlt wird, wirklich etwas nützt. Ein Philosoph darf nicht hoffen, irgendwie an der Universität unterzukommen. Er muss sich aktiv um eine Stellung bemühen!“ Man kann sich denken, dass er in seiner Fakultät nicht so viele Freunde hatte. Aber eine Menge konkreter Umsetzungsideen zu seiner eigenen Forderung (Heute darf man ja auch fordern ohne eine Idee zur Umsetzung zu haben). Schließlich übernahm er nach fast zwei Stunden Gespräch meine Rechnung.

Es war ein bis heute prägender Abend.

Alles Erlebnisse sind aus heutiger Sicht streitbar und inhaltlich, verklärt durch eine zur jeweiligen Zeit nicht vollkommen durchreflektierte Haltung. Sie sind zudem nur ein Auszug aus allem Erlebten. Schule und Uni speisen mich als Persönlichkeit gegenüber anderen Faktoren eigentlich vernachlässigbar gering. Genau diese Spannung, die Schwebe, diese Ambivalenz der Empfindungen ist das, was für mich heute die Lust am Lernen ausmacht.

Wenn ich mich mit LDAP-Protokollen herumquäle, zeigen mir die engagierten Anwender natürlich kollektiv den Vogel. Aber genau das (den Vogel gezeigt bekommen)  macht mir Spaß. „Bei Riecken muss man im Aufsatz mindestens einmal ‚Ambivalenz‘ schreiben und immer Entwicklungen aufzeigen!“ Ich wehre mich innerlich gegen solche Stereotype. Aber eigentlich stimmt dieser.

Wenn ich mein Schüler wäre, nähme ich mich als Lehrer total ambivalent wahr. Konsequenz und Gesumpfe eng beieinander. Viel Spannung entsteht aber dadurch, dass es mir zunehmend schwerer fällt, Haltungen und Handlungen in eine Zahl zu pressen.

Selbständigkeit und Alleinelassen

„Ihr sucht euch jetzt einmal ein Thema, welches euch interessiert und macht daraus ein Projekt!“ „Ich gebe euch für eure Projektgruppe einen Punktepool und ihr entscheidet in der Gruppe selbst, wie viele Punkte jeder von euch erhält!“ „Du bekommst als Schule ein Budget, aus dem du zuerst Fahrtkosten und Fortbildungskosten finanzieren musst. Den Rest darfst du für andere Dinge einsetzen!“ „Jede Schule muss selbst eigene Verfahrensbeschreibungen und Nutzerordnungen zum Datenschutz erarbeiten!“ „Deine schulische Arbeit sammelst du in einem Portfolio und überprüfst laufend selbst, welche Kompetenzbereiche du bereits abgedeckt hast!“ „Du hast von mir ein Handy bekommen. Jetzt gehe mal verantwortungsvoll damit um!“ „Regen ist kein Grund, dass ich dich zur Schule fahre!“ „Erarbeite mal selbst, was für Geräte in deinem Schulnetzwerk benötigt werden!“

Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Ich glaube, dass sie ein pädagogisches Grundproblem beschreibt. Bei mir ist das so stark im Fokus, weil ich damit herumexperimentiere, meinen Unterricht ein wenig mehr zu öffnen und damit so meine Erfahrungen gemacht habe. Befürworter des offenen Unterricht gehen nach meiner Meinung von einem ganz bestimmten Menschenbild aus, was mehr oder weniger stark aus Artikeln und SoMe-Posts herausschimmert. Kernpunkte dieses Menschenbildes sind:

  • Menschen wollen lernen
  • Menschen wollen hinsichtlich der Auswahl des Lernstoffes nicht bevormundet werden
  • Menschen sind von Natur aus neugierig
  • Menschen wissen selbst am besten, was gut für sie ist
  • Menschen blühen auf, wenn man ihnen Freiräume gibt

Schule in Deutschland wird dagegen oft als ein fast komplementärer Raum dazu aufgefasst, denn

  • Schule macht aus dem Wollen ein Müssen
  • Schule bevormundet hinsichtlich der Stoffauswahl
  • Schule weckt und befördert nicht die Neugier
  • Schule maßt sich an zu wissen, was für einen guten Staatsbürger wichtig ist
  • Schule schafft keine Freiräume, sondern Zwang
  • Und – fast am wichtigsten: Schule macht das positive Menschenbild von oben kaputt.

Beide Stereotype erlebe ich nicht so, weder das positive Menschenbild, noch die Rigidität und Enge des Schulsystems. Und das ist nicht böse – halt einmal mehr nicht Mainstream.

Ein Beispiel aus meinem Arduinoexperiment dieses Jahr in der letzten Phase („Projektphase“). Es gibt Schülerinnen und Schüler, die nicht wissen, was sie inhaltlich interessiert und die man schon bei der Findung dieser Idee begleiten muss. Einige sind sogar froh, wenn ich sage: „Mach’s mal so – so schaffst du das!“. Andersherum gibt es großartige Ideen, die sich aber mit dem Wissen und den Möglichkeiten des jeweiligen Schülers gar nicht umsetzen lassen – wo er ohne Lenkung und Hilfe in den Wald liefe und eben kein Erfolgserlebnis hätte. Wo verläuft also die Grenze zwischen Alleinelassen und Selbstständigkeit? Wahrscheinlich individuell und mein Job als Lehrperson ist es, diese Grenze zu ziehen, weil ich verdammt nochmal aufgrund meiner Erfahrung manchmal eben besser weiß, was klappen könnte.

Ein weiteres Beispiel aus dem Bereich der Projektarbeit: Man gibt der Gruppe aus fünf Mitgliedern 30 Punkte, die sie dann selbst auf die Gruppenmitglieder verteilen sollen, weil die Gruppe ja am besten weiß, wer sich wie eingebracht hat. Das ist verlockend, weil man so die unangenehme Benotungsangelegenheit in die Gruppe verschiebt. Dadurch bleibt die Angelegenheit nur immer noch unangenehm (die Bewertung steht ja immerhin im nicht reformierten Raum „Schule“) – nur ich als Lehrperson bin aus dem Schneider, weil ich den schwarzen Peter verlagere. Mich unbeliebt zu machen, ist ggf. mein Job. Ich gebe die Note und organisiere die Gruppenarbeit und mich  ggf. so, dass ich das kann. Alles andere wäre für mich keine Selbstständigkeit, sondern ein Alleinelassen. Tatsächlich ist das ziemlich einfach, da ich nach meinen bisherige Erfahrungen in individuellen Beratungssituation bei Projekten sehr viel mehr mitbekomme als im sonstigen klassischen Unterricht.

Als Dienstherr könnte ich auf die Idee kommen zu sagen, dass ab jetzt Schulen in bestimmten Bereichen selbstständig sind. Hört sich zunächst prima an. Dass damit so Dinge einhergehen, u.U. selbst Arbeitsverträge mit Anbietern für den Ganztagsbereich ausarbeiten zu müssen, Verfahrensbeschreibungen zum Datenschutz zu erstellen usw., ist eine andere Seite der Medaille. Damit dürften Schulen schlicht überfordert sein, da ihnen dazu die Rechtsabteilung fehlt, die ein Dienstherr zwangsläufig hat. Ok – das Know-How kann sich jede Schule ja einkaufen – nur ist das effektiv, wenn das jede Schule einzeln macht, und mit den zur Verfügung stehenden Mitteln realisierbar? Zum Glück käme der Dienstherr ja gar nicht auf solche Ideen.

Meine Hypothese ist, dass so manche selbstständige Arbeitsform Schülerinnen und Schüler schlicht überfordert – allein die Aufgabe herauszufinden, was mich – mich ganz allein und persönlich – wirklich interessiert, ist schon ein Anspruch. Andererseits empfinde ich es so, dass wir an andere Stellen Schülerinnen und Schülern Erfahrungen an Stellen nehmen, die sie durchaus machen dürfen. Man stirbt z.B. nicht, wenn man in Regenjacke zur Schule fährt und man stirbt auch nicht daran, ein Fahrrad mit einem Platten nach Hause zu schieben. Es ist zumutbar, Essen vorgesetzt zu bekommen, was nicht Mami gekocht hat.

Wo lassen wir als Gesellschaft junge Menschen alleine und wo trauen wir ihnen Selbstständigkeit zu?

 

Learning-Lab statt PC-Raum

Als medienpädagogischer Berater spüre ich zunehmend die Tendenz, das alte PC-Raumkonzept aufzugeben. Praktisch drückt sich darin aus, dass so manche Verantwortliche hier im Lande davon ausgehen, ihre PC-Räume zu letzten Mal mit neuer Hardware auszustatten. Gleichzeitig gibt es zwar viele Ideen und Experimente, wenn es um Konzepte geht, die den PC-Raum ablösen sollen – für viele ist das auch schon heute gar keine Frage mehr: Pads und mobile Geräte sind die Zukunft.

Meine Definition von Zukunft ist, dass ich sie heute nicht kenne. Nur weil etwas für mich als Erwachsener funktioniert und ich es auch mit Lerngruppen gerne tue, muss es noch lange nicht für ein System funktionieren. Ich möchte gerne herausfinden, was funktioniert – und zwar nicht allgemein, sondern für mein konkretes System – ich habe das Glück, dass der vorhandene PC-Raum aus zwei Klassenräumen besteht – also Marke Schlauch. Tataa:

Beschreibung:

Orange sind Präsentationbereiche: Das können Mimio- oder digitale- Tafellösungen sein. Es gibt oben einen festen Bereich mit zwei Beamern nebeneinander – dort stelle ich mir auch sowas wie Konferenzen vor und es gibt an den Seiten flexible Bereiche auf einem Schienen- oder Rollensystem. Als Sitzmöbel im oberen Bereich denke ich mir sowas wie Kirchentagskartons in edel vor: flexibel und im Stapelsystem auch als Raumteiler nutzbar (Vielleicht muss man bei manchen Klassen dann noch Fangnetze vor dem hinteren Bereich installieren…).

Rot sind Tischsysteme: Die hätte ich gerne mit Ethernetdosen ausgestattet – insbesondere für Arbeiten, die Bandbreite oder niedrige Latenzen erfordern. Dort könnten Laptops stehen. Die stehen dort deshalb, weil zumindest bei uns auch jenseits von touchibunti-socialmedia-kommunizieri auch Messsysteme, Robotik- und Codeprojekte gibt, bei denen Tablets lieb gemeint, aber aufgrund ihrer miserablen Multitaskingfähigkeit und Schnittstellenausstattung ein Vollausfall sind (serielle Schnittstelle oder USB wäre da schon gut). Auch Dinge wie Bild-, Ton- und Videobearbeitung sind bei uns nach wie vor ein Thema.  Ich würde gerne am Rand auch Einzelarbeitsplätze mit leistungsfähiger Hardware oder Anbindung einen einen leistungsstarken Server anbieten – z.B. für Rendering.

Blau sind Schranksysteme mit einem Angebot an Endgeräten: Das können z.B. Tablets, aber auch Notebooks sein, die man sich als Lehrkraft dann auch für Gruppenarbeiten im normalen Klassenraum ausleihen kann, die aber natürlich auch im Lab auf Kuschel- und Snoozelecken genutzt werden dürfen.

Im Lab gibt es ein starkes WLAN, dass allen Schülerinnen und Schüler auch für ihre eigenen Endgeräte zur Verfügung steht. Mittels RDP oder VNC kann auch von diesen Endgeräten aus dann z.B. Software genutzt werden, die auf dem Server läuft und ein spezielles OS erfordert.

Mit so einem Raum lassen sich m.E. vielfältige Erfahrungen sammeln, was an Konzepten sich wirklich für einen breiteren Einsatz eignet – die technische Umsetzung bedarf natürlich auch einer Erprobung. Zudem kann ich in einem solchen Raum nach wie vor lehrerzentriert arbeiten – das ist wichtig, um möglichst viele Menschen mit ins Boot zu bekommen.

Seltsame Erfahrungen

Ich leite gerade einen Abdeckerkurs Naturwissenschaften. Den besuchen Schülerinnen und Schüler, um Belegungspflichten zu erfüllen – er muss ins Abitur eingebracht werden und es werden auch zwei Klausuren geschrieben, aber im Prinzip ist dieser Kurs eine Formalie. Entsprechend wenig würde man klischeehaft gedacht dann von den Schülerinnen und Schülern an Leistungsbereitschaft erwarten. Das ist aber nicht so.

Erfahrung 1:

Die Mitarbeit ist dann am intensivsten, wenn ich anspruchsvollen Stoff aufbereite. Vermeintlich fluffige, vom Kurs selbst gewünschte Themen – z.B. Drogen und Medikamente – verloren schnell an Schwung, da das dazu notwendige chemische und biologische Wissen doch recht komplex ist, um es sich nebenbei anzueignen. Grundlagenchemie, die anderen Fächern dient, z.B. Fette, Eiweiße oder Zucker wurden gerne mitgenommen – obwohl das eigentlich recht klassisch ist.

Erfahrung 2:

Wir machen gerade ein Projekt (Ich war aber der Böse, der es vorgeschlagen hat…). Dabei wollen wir rund um das Thema Farben Kindergartenkindern chemisches Denken vermitteln, z.B. mit

  • Rotkohlindikator
  • Papierchromatographie
  • einer selbst gebauten Lavalampe, deren Funktion auf Dichteunterschieden beruht
  • Gas- und Schaumbildung (Teilchennmodell)
  • Milchbildern (Tenside und Lebensmittelfarbe)

Dabei werden uns tatsächlich Kindergartenkinder besuchen. Die Versuche haben die SuS selbst erarbeitet. „Pütscher, pütcher, pütscher“ ist dabei zu wenig – es soll auch ein bisschen auf kindgerechtem Niveau um Naturwissenschaft gehen – Was haben Lebensmittel gemeinsam, die Rotkohlsaft rot färben usw.?

Diese Woche durften einige aus dem Kurs „Kind“ spielen und die Stationsbetreuer sollten mit ihnen die Aufgabe an der Station durchführen. Erstmal mögen auch Oberstufenschüler gerne Kinder spielen und es kam tatsächlich auch zu durchaus realen Katastrophen (Nichteinhaltung der Versuchsbeschreibungen, wildes Herumgemansche usw.).

Eine Gruppe hatte ihren Versuch perfekt vorbereitet – er klappte wie am Schnürchen und auch sinnvolle Vorbereitungsversuche waren integriert.  Allein – sie konnten ihren Versuch überhaupt nicht vermitteln und schon gar nicht kindgerecht.

Mögliche Reaktion von mir: „Hm – also das war ja eindeutig Teil der Aufgabe und diese Leistung geht jetzt in die Gesamtnote ein!“

Es reichte ein: „Am … sitzen da sechs neugierige Kinderaugen, die sich auf den Tag gefreut haben und euch anschauen.“ – Das saß.

Das hat mich berührt. Ich hatte den Eindruck, dass die SuS in diesem Moment etwas verstanden hatten, was sie durch die erste Reaktion nie hätten lernen können. Vielleicht denke ich da jetzt zu romantisch: Aber eventuell braucht Schule mehr von diesen Erkenntnisprozessen.

Es steht im Prinzip auch im Curriculum so drin, aber dort stehen eben auch lange Listen von abiturrelevanten Themen. In einem Abdeckerkurs ist das fast egal – Halbjahresnote und gut. In einem Kurs auf erhöhtem Niveau habe ich nicht die Zeit für dererlei Luxus. Das vermeintlich Unwichtige bietet in der Schule nach meiner Erfahrung viel mehr Raum für Freiheit und Experimente. Deswegen bin ich auch ein Freund des Seminarfachs.

Ich habe den PC einfach nur genutzt

Um Dinge zu nutzen, brauchen wir nur ein begrenztes Verständnis von ihrer technischen Funktionsweise. Mit einem Auto etwa wollen wir fahren. Wir wollen nicht wissen, wie ein Motor funktioniert, wir wollen es einfach benutzen. Deshalb soll im Bereich der Mediendidaktik nicht primär technisches Wissen vermittelt werden, sondern Wissen um die Herausforderungen und Potentiale der Nutzung der Medien.

So in etwa ließen sich in meinen Augen Teile der vor längerer Zeit stattfindenden Diskussion zum Spiegelartikel „Generation Null Blog“ zusammenfassen. Diese Argumentation besitzt für mich einen wahren Kern, jedoch ein absolut falsches Analogbeispiel mit den Autos, weil die Konsequenzen von Inkompetenz beim Autofahren oder bei Bedienung eines Computers auf völlig verschiedenen Ebenen liegen. Beim ersteren sind sie physikalisch erfahrbar, physisch unmittelbar erlebbar, beim zweiten sind die Konsequenzen eher diffus – allenfalls für Serverbetreiber wie auch mich ergeben sich echte Erlebnisse, wenn man sich des üblichen Grundrauschens virenverseuchter Anwenderclients erwehrt oder dank mitgesendeter Informationen theoretisch einen Client einer natürlichen Person zuordnen kann.

Das Auto

… ist ja des Deutschen liebstes Kind. Selbst aufgeschlossene Pädagogen in meinem Umfeld nutzen diesen Haufen Blech als fahrendes Wohnzimmer oder Repräsentationsgegenstand – oder was auch immer. Für mich bleibt es ein Haufen Blech, der technisch in Stand gehalten wird und so lange die dicke Beule in der Seitentür nicht gammelt, bleibt sie halt: Die Kiste ist bezahlt und nur der Schrotter wird uns irgendwann scheiden und der Kasten Getränke fliegt vor dem Einsteigen auch schon mal auf’s Dach.

Neue Autos sind so konstruiert, dass ein simpler Glühlampenwechsel oftmals einen Werkstattbesuch erfordert. Ich brauche bei meinem Auto dafür in etwa 45 Sekunden – einzig die H4-Lampe im Hauptscheinwerfer ist mit 2-3 Minuten etwas fimmliger. Es sei jedem gegönnt, ein modernes Auto zu fahren: Wirtschaftlich und vom Umweltgedanken her (ein Golf II kommt erst nach ca. 150.000km in die negative Ökobilanz gegenüber einem modernen Golf – Stichwort: Schadstoffausstoß bei der Herstellung) ist sowas oft absoluter Blödsinn. Ob die Versorgung mit elektronischen Ersatzteilen auch über Jahrzehnte hinweg gewährleistet bleibt, ist zusätzlich zu fragen. Allein die gestiegene Sicherheit ist da ein gültiges Sachargument. Die Leute benutzen halt ihre Autos – zu welchem Zweck auch immer – und das sollen sie auch. Wenn an einem Auto ein Defekt auftritt, den man nicht selbst beheben kann, muss man jemanden dafür bezahlen, der den Defekt beseitigt. Das kostet Geld und Zeit – nichts weiter. Ich fahre zur Werkstatt x, mache einen Reparaturvertrag und bekomme mein Auto zurück. Das war’s. Mein Nichtwissen um die Technik bezahle ich mit Geld. Vielleicht denkt mein Mechaniker noch: „Wieder so’n klugscheißender Lehrer“ und damit hat es sich auch schon mit dem sozialen Risiko.

Weiterlesen

1 2