Blogparade: Lehrer von morgen heute denken.

Dejan Mihajlovic ruft zu einer Blogparade zum Profil kommender Lehrkräfte auf. Ich versuche, das mal auf fünf Punkte einzudampfen. Die Lehrkraft von morgen

  • verfügt über profundes, vernetztes und stets hinterfragtes Fachwissen und steht damit über dem Stoff, den sie vermittelt.
  • ist in der Lage, Schulentwicklung über die Bedürfnisse der eigenen Person hinaus mitzugestalten oder mitzutragen.
  • ist in der Lage, eigene Denk- und Unterrichtsstrukturen zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.
  • erkennt den Wert explorativen und experimentierfreudigen Verhaltens und nimmt das nicht als Belastung wahr.
  • stelllt sich immer wieder der Rückmeldung anderer Menschen, mit denen es in einem Team arbeitet.

Ich glaube, das reicht dann auch schon. Es zeigt aber auch den Kern der Problematik:

  1. Wie wähle ich Lehrpersonen dann aus?
  2. Welche dieser Eigenschaften sind vermittelbar und welche nicht?
  3. Wer vermittelt wie?
  4. Ist das dahinterstehende Menschenbild realistisch?

Blogparade „Versager im Staatsdienst“

Bob Blume ruft zu einer Blogparade „Versager im Staatsdienst“ auf. Ich beteilige mich aus meiner Sicht als Vater, ehemaliger Personalrat, medienpädagischer Berater und Blogger daran, der gerade gefordert hat, dass Lehrerblogs sich mehr aufeinander beziehen sollten – also eigentlich ist meine Teilnahme alternativlos. Ich habe bewusst vorher keinen der andere Artikel der Parade gelesen.

A) Gibt es an deutschen Schulen generell zu viele schlechte Lehrer?

Eine Antwort aus meinem sehr begrenzten Kontext wäre vermessen. Ich kenne bis jetzt zwei „deutsche Schulen“ aus der Sicht eines Arbeitnehmers und eine ganze Zahl an Kollegien aus der Sicht eines Beraters. Ich denke, dass in jedem Kollegium (Amt, jeder Firma, jedem Verein usw.) Menschen arbeiten, die ihren Job nicht gut machen. Vor einer Quantifizierung müsste man zunächst Kriterien haben, was denn nun genau ein „Versager im Staatsdienst“ ist, was mich zur zweiten Frage bringt:

B) Woran erkennt man, ob ein Lehrer seinem Job nicht gerecht wird?

Es gibt natürlich eine Menge „harte Fakten“: Sind Unterrichtsdokumentationen formal ausgefüllt (Klassen- und Kursbuch)? Wie sieht die Korrektur einer schriftlichen Arbeit aus? An wie vielen Fortbildungen nimmt eine Lehrkraft teil? Werden Terminvorgaben z.B. innerhalb der Prüfungskommission einer Abiturprüfung eingehalten? Erscheint eine Lehrkraft pünktlich zum Dienst (und zur jeweiligen Unterrichtsstunde)? Sind Schülerinnen und Schüler während der Unterrichtszeit angemessen beaufsichtigt? Werden Pausenaufsichten wahrgenommen? Werden Noten termingerecht eingetragen? usw.. Natürlich muss es hier um einen Gesamteindruck gehen, denn jeder wird an dieser oder jener Stelle mal schlurren.

Viel entscheidender wären für mich als Schulleiter die „weichen Fakten“, an die schwer heranzukommen ist, wenn kaum Zeit für Dinge wie z.B. Mitarbeitergespräche bleibt. Zentrale Fragen dabei sind für mich: Was tut eine Lehrkraft konkret für die Entwicklung ihres aus meiner Sicht wichtigsten Instruments: Ihrer Persönlichkeit? Was tut eine Lehrkraft konkret für die Entwicklung der Schule?

Ein Indiz für Defizite in diesem Bereich kann z.B. unkollegiales Verhalten sein – etwa wenn Beschlüsse des gesamten Kollegiums von einzelnen Personen „aufgeweicht“ werden, wenn Kollegen über andere Kollegen vor Schülerinnen und Schülern herziehen, wenn Kollegen sich prinzipiell pädagogisch sinnvollen Veränderungen verweigern etc. . Ein weiteres Indiz für eine nicht mehr tragbare Lehrkraft ist z.B. ihr eingeschränkter Unterrichtseinsatz, wenn sie z.B. nicht länger als ein Jahr in der gleichen Lerngruppe eingesetzt werden kann. Diese „Maßnahme“ hat ja immer ihre Ursachen und ihre Geschichte.

C) Wie sollte man mit solchen Lehrern verfahren (dürfen)?

Es sollte eine mit den Personalvertretungen abgestimmte Dienstvereinbarung mit einer festen Eskalationskette geben, an deren Ende die Entfernung aus dem Staatsdienst steht. Eine Versetzung löst kein Problem. Modellhaft gab oder gibt es es sowas in Niedersachsen bereits für das Thema „Umgang mit Sucht bei Beschäftigten im Schuldienst“ – so ganz werde ich da aus meinen Rechercheergebnissen nicht schlau. Ein derartiges rechtliches Konstrukt mit einer Kombination aus Hilfsangeboten und Sanktionen halte ich für möglich.

D) Welchen Anteil hat das Lehramtsstudium?

Den Umgang mit Menschen lernt man im Umgang mit Menschen. Wer Menschen erst im Referendariat sieht, bekommt ein Problem. Das Studium kann sich praxisnäher ausrichten. Das Interesse an Menschen halte ich nicht für induzierbar. Da ist auch Eigeninitiative gefordert, die aber mit der zunehmenden Verschulung gerade des Gymnasiallehrerstudiums immer weniger von Studenten zu leisten ist.

Die 18jährige Übungsleiterin der Handball-F-Jugend weiß mehr z.B. über Menschen mehr als so mancher Orientierungspraktikant. Wenn letzterer sich dann noch weigert, wenigstens eine Unterrichtsphase in meiner Begleitung zu gestalten („Ich muss das nicht!“), stelle ich hinterher schonmal die eine oder andere gemeine Frage. Es gibt auch schon im Studium Versager und solche, die es später als Lehrer werden wollen.

E) Was sollte verändert/ verbessert werden?

Ich wäre nicht einfacher Lehrer, sondern reich und berühmt, wenn ich das wüsste. Ich würde aber bei der Qualifizierung von Schulleitungen und der Persönlichkeitsentwicklung von Lehrkräften anfangen, z.B. durch kompetente Supervision, die teuer ist. Alternativ könnte man bis zum Breakdown warten und von vorne anfangen. Aber der Patient ist zäh :o)…

F) Sollten die Schulen die Lehrer selbst aussuchen dürfen?

Ja und nein. Eine Schule in einer attraktiven Region wird mehr Bewerberinnen und Bewerber anziehen als eine auf dem Lande, wo eh niemand hinmöchte, aber eben auch Kinder leben. Klar kann sich eine ländliche Schule durch attraktive Konzepte sexy machen. Dafür braucht es aber engagierte Kolleginnen und Kollegen, womit sich die Katze in den Schwanz beißt. Aus Sicht einer Großstadtschule also ein klares Ja.

G) Sollte der Beamtenstatus abgeschafft werden?

Alle meine Aufgaben werden bereits von angestellten Lehrkräften wahrgenommen, deren BMI oder sonstwas nicht passt (Ich stelle mir gerade einen Streik zur Zeit der Abiturprüfungen vor). Ob die Verbeamtung das Hauptproblem ist, weiß ich nicht. Ob es es ohne die Verbeamtung ausreichend qualifizierten Nachwuchs geben wird, weiß ich nicht. Ich weiß zurzeit nicht einmal, ob es mit Verbeamtung ausreichend qualifizierten Nachwuchs geben wird. Es gibt aber Leute, die das eigentlich wissen müssten. Und es gibt immer Schulen, bei denen alles auch ohne Verbeamtung klappt. Wie viele davon gibt es nochmal in einem Flächenland in der Fläche?

H) Sollte es eine Art „Belohnungssystem“ wie in der freien Wirtschaft geben?

Das Belohungssystem gibt es: Freude am Beruf.  Kann man in Geld messen. Muss man aber nicht. Schule ist kein Wirtschaftsunternehmen, obwohl es die Wirtschaft gerne so hätte, sondern im Idealfall ein soziales System. Ob Geld bessere Lehrer macht? Idealistisch-naiv. Ich weiß.

I) Woran gehen die Kollegen denn kaputt?

An der Dissoziation zwischen Wollen und Können. Das findet immer auch in einem Umfeld statt, welches nach meiner Ansicht diese Dissoziation zunehmend begünstigt.

J) Wie entstehen die 30% Lehrer, die laut Schaarschmidt quasi dissoziiert sind?

Das wäre ein eigener Artikel. Die Ursachen sind sehr multidimensional. Ich kenne aber ehemals „dissoziierte“ Lehrkräfte, die durch externe Hilfsangebote heute zu den verlässlichsten Kollegen gehören.

Dazu auch:

Change Management

Die nächsten zwei Jahre werden bei mir geprägt sein von der Rückzahlung des LAzKo. Knapp beschrieben: Ich habe acht Jahre lang mehr oder minder freiwillig zwei Stunden mehr gearbeitet, als es mein Deputat erfordern würde und damit 16 „Jahresstunden“ angesammelt. Der Dienstherr hätte es gerne gesehen, dass ich diese Stunden innerhalb von acht Jahren abbaue (jeweils zwei Stunden pro Jahr) – es gab vor dem Doppeljahrgang sogar einmal Zeiten, in denen der Dienstherr die Rückzahlung am liebsten auf einen Zeitpunkt unmittelbar vor der Pensionierung verschoben hätte. Die meisten KollegInnen folgen dem ursprünglichen Wunsch des Dienstherren, der für diese Treue noch einmal 10% „Verzinsung“ drauflegt (ich könnte also neun Jahre lang zwei Stunden abfeiern). Einige Kollegen lassen sich das LAzKo auszahlen – das lohnt sich jedoch eigentlich nur für Teilzeitkräfte, da Vollzeitkräfte lediglich den Stundensatz nach der Mehrarbeitsvergütung erhalten, während Teilzeitkräfte so behandelt werden, als hätten sie – bezogen auf meinen Fall – ein Jahr 16 Stunden vollen Dienst getan, das ist dann schon Geld.

Ich nehme meine angesammelten Stunden am Stück innerhalb von zwei Jahren unter Verzicht auf jedwede „Verzinsung“. Zusammen mit meiner achtstündigen Abordnung ans NLQ unterrichte ich dann für zwei Jahre nur noch 8-10 Stunden. Mir war wichtig, eine deutliche Entlastung zu spüren – zwei Stunden pro Woche gehen eigentlich in Springstunden unter. Das hat zum einem deutliche private Gründe, zum anderen bietet es mir Raum, um noch eine paar Dinge auszuprobieren und offene Frage zu klären.

Dinge, die ich probieren möchte, sind:

  • ganz viel Privates, nicht netzkompatibles
  • Praktika an anderen Schulformen, vor allem an einer Hauptschule – das steht auch schon mehr oder weniger
  • Unterricht nach grundsätzlich anderen Prinzipien -nach den Ferien wird unsere Schulbibliothek so ausgestattet sein, dass völlig andere Lernarrangements möglich werden (zurzeit liebäugle ich mit Jenaplan)
  • Auslotung der Umsetzungsmöglichkeiten von Projekten wie diesem. Die Rahmenparameter vor Ort sind dafür gar nicht so schlecht
  • gemachte Zusagen einhaltem, z.B. gegenüber der ZUM.

Fragen, die für mich zu klären sind:

  • Welche Zukunftsperspektiven bietet mir meine momentane Schule?
  • Bietet mir das System Schule ausreichende Perspektiven für den Rest meines Arbeitslebens?
  • Sind Schulleitungsaufgaben etwas, was mich reizen könnte?
  • Sind Schulleitungsaufgaben sinnvoll an der eigenen Schule wahrzunehmen?
  • Müssen klassische Schulleitungsaufgaben zwingend mit einem Amt verknüpft sein oder reichen dafür auch Entlastungsstunden?
  • Ist mittelfristig Beratung als „Systemkenner“ etwas für mich?
  • Und: Wie ersetze ich mittelfristig den durch die sich ausweitende Eurokrise zu erwartenden Verdienstausfall von ca. 20-25%? (die Frage mag heute skurril wirken, aber in meinen Augen nicht unrealistisch)

Für einen Außenstehenden mag sich das Ganze vielleicht etwas ambitioniert anhören. Dazu muss man aber wissen, dass vieles in meinem Berufsleben sehr eng verzahnt ist. Durch die Zusammenarbeit mit Schulleitern, Schulträgern und vielen Kolleginnen und Kollegen ergeben sich unglaubliche Synergieffekte. Ich baue und berate primär noch technische Netzwerke – mehr und mehr jedoch auch soziale hier in der Region. Das ist nicht immer nur Zucker, aber dennoch sehr spannend und lehrreich. Schade ist, dass die überregionale Vernetzumg über das Internet bei mir eigentlich ziemlich an Bedeutung verloren hat – da würde ich gerne irgendwann nachjustieren.

Ich bin schuld

Das ist quasi mein zweiter Name als Lehrer 1.0. Was ist Schuld eigentlich?

Als Voraussetzung für Schuld wird meistens angenommen, dass der Schuldige die Wahlmöglichkeit hatte, die als schlecht definierte Tat zu unterlassen. In der Philosophie wird die Schuldfähigkeit deshalb oft auf die Willensfreiheit zurückgeführt. Nach der Theorie des Determinismus, welche bei rückschauender Betrachtung das Handeln des Menschen in anlage- und umweltbedingten Bestimmungskräften begründet sieht, ist in Ermangelung der Fähigkeit des Menschen, sich frei zwischen Gut und Böse zu entscheiden, dem Schuldprinzip der Boden entzogen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Schuld_%28Ethik%29#

Kompliziert. Zumal es ja auch noch weitere Dimensionen von Schuld gibt, z.B. die Schuld gegenüber der eigenen Person – meist offenbar an so Dingen wie mangelnde Selbstannahme, die eine Fülle von Verhaltensweisen und Gang zu setzen vermag, die weitere Schuld gegenüber anderen Menschen evoziert: Wer sich selbst nicht lieben kann, vermag das auch nicht bei anderen Menschen – einer der wenigen Punkte, in dem sich Psychologie und Christentum einmal einig zu sein scheinen.

Beziehungen scheitern gar nicht einmal so selten an gegenseitigen Schuldzuweisungen. Schuld zuweisen hat eine immens wichtige psychologische Funktion: Mit der Übertragung von Schuld nehme ich Verantwortung von meiner eigenen Person – wenn etwas oder jemand schuld sein kann, dann bin ich es nicht mehr und Verantwortung habe ich auch keine. Selbstschutzmechanismus.

Lehrer machen das, wenn sie sagen: Tja. Das System ist schuld – ich kann gar nicht anders handeln. So ganz klappt diese Strategie in der Fläche zwar nicht ganz, aber es ist eine symptomatisch orientierte Strategie, die Momentansymptome zu bekämpfen vermag, aber eben auch Energie erfordert, vielleicht genau die Energie, die zum Umsteuern des Tankers erforderlich ist.

Viele Kräfte in der Gesellschaft wissen, dass das Schulsystem schuld ist, z.B. an psychischen Krankheiten unter SuS, an wachsender Gewaltbereitschaft, an der Gefährdung der Zukunftfsähigkeit dieses Landes usw.. Sie haben Recht.

  • Wie attraktiv ist ein Beruf, der schuldbeladen ist?
  • Wie frei agiert ein Mensch, dem Schuld zugewiesen wird?
  • Welches Vorbild wird er seinen SuS sein?
  • Wie defizitorientiert wird er agieren?

Die Schuld bleibt. Der Energieverbrauch zur Abwehr der Schuldzuweisungen auch. Die Konsequenzen für die SuS obendrein. Man müsste einmal darüber sprechen, wie man damit umgeht – z.B. bei einer verpflichtenden Supervision. Ich wage zu behaupten, dass dort 95% der Probleme mit dem Thema Schuld zu tun haben werden.

  • Wie machen das Lehrerinnen und Lehrer, die wir als Vorbild sehen?
  • Welche psychologischen Strategien wenden sie an?
  • Wie viel Schuld tragen sie?

Über (die meisten?) Lehrer

So sieht ein Autor die meisten von uns Lehrern, der öfter in der TAZ veröffentlicht:

„Lehrer, die einen gegliederte Schule anerkennen oder sogar anbeten, müssen sich einen neuen Job suchen. Wir lassen auch keine Päderasten, Nazis, Kommunisten etc. auf unsere Kinder los.“

(Christian Füller, Publizist und Autor auf seiner Webseite http://www.pisaversteher.de)

Das Zitat stammt aus einem längeren Artikel, der auch die Hintergründe dieser Aussage darstellt (wesentlich für das Verständnis des Artikels ist eine geschichtliche Analogie). Man kann dort auch kommentieren. Christian Füller ist nach seinen Aussagen auf der Webplattform Twitter an einem klaren Kommunikationsstil gelegen.

Ich bin zur Zeit ratlos, wie ich damit umgehe. Und froh bin ich: Dass hier vor Ort fast niemand mir auf Twitter folgt. Wie es zu einem Zitat dieser sprachlichen Bauart kommt, wäre wahrscheinlich nicht vermittelbar und würde viele Bemühungen der letzten Jahre zu Staub zerfallen lassen.

Da das Zitat nicht das meine ist, sollte die Diskussion auch nicht hier, sondern direkt in Christian Füllers Blog stattfinden. Daher habe ich undemokratisch die Kommentare für diesen Artikel deaktiviert.

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