Wirtschaft, Partnerschaft, Lobbyismus und Schule

Wir versetzen uns einmal in die Lage eines CEO

 

  1. Da gibt es mit der Digi­ta­li­sie­rung der Gesell­schaft eine Ent­wick­lung, um die kein staat­li­ches Bil­dungs­sys­tem her­um­kommt, wenn eine Volks­wirt­schaft auf Dau­er wach­sen und damit Din­ge wie Wohl­stand und sozia­len Frie­den ermög­li­chen soll.
  2. Da gibt es ein Bil­dungs­sys­tem mit immensen Inves­ti­ti­ons­stau auf dem Gebiet der Digi­ta­li­sie­rung, sowohl finan­zi­ell als in Berei­chen wie Infor­ma­ti­ons­ma­nage­ment.
  3. Da gibt es Schu­len, die auf Wunsch des Dienst­herrn zuneh­mend selbst­stän­dig sein sol­len, die aber von den per­so­nel­le Res­sour­cen her oft opti­mier­bar auf­ge­stellt sind.
  4. Da gibt es ein Schul­sys­tem, dass von sei­ner Grund­struk­tur preu­ßisch-hier­ar­chisch struk­tu­riert und damit an Vor­ga­ben von oben gebun­den ist.
  5. Da gibt es eine Kon­kur­renz­si­tua­ti­on vie­ler unter­schied­li­cher Anbie­ter.
  6. Da gibt es ein teu­res, meist pro­vi­si­ons­ba­sier­tes Ver­triebs­sys­tem, das vor­wie­gend auf die Belan­ge der Wirt­schaft aus­ge­rich­tet ist und Schu­le von innen nicht kennt.
  7. Da gibt es Ent­schei­dungs­trä­ger, die tech­nisch manch­mal nur wenig qua­li­fi­ziert sind und die nicht in aus­rei­chen­dem Maße auf ein neu­tra­les Bera­tungs­sys­tem zurück­grei­fen kön­nen.
  8. Da gibt es einen immens vola­ti­len Markt, was die Pro­gres­si­on tech­ni­scher Ent­wick­lun­gen, Pro­dukt­fol­gen und Ansprü­che der Kun­den angeht.

 

Was ist die Natur wirtschaftlicher Player in einer sozialen Marktwirtschaft?

 

  1. Wenn sie nicht wach­sen, gehen sie unter oder wer­den von Kon­kur­ren­ten geschluckt.
  2. Wenn sie für ihre Pro­duk­te kei­nen Allein­stel­lungs­raum schaf­fen (meist weni­ger durch Fea­tures als viel­mehr durch Tup­per­par­ty­ver­mark­tungs­kon­zep­te, s.u.) wer­den sie kei­nen ver­läss­li­chen Absatz gene­rie­ren.
  3. Wenn sie kei­nen Gewinn machen, bestehen sie nicht am Markt und eben­so ihre Mit­ar­bei­ter, für die sie eine Ver­ant­wor­tung tra­gen.
  4. Wenn Sie kei­ne guten Pro­duk­te haben, die sich an den Bedürf­nis­sen ihrer Kun­den ori­en­tie­ren, bestehen sie nicht am Markt.
  5. Wenn sie nicht die hier­ar­chi­schen Struk­tu­ren des Schul­sys­tems für sich selbst und ihren Absatz nut­zen und poli­ti­sche Lob­by­ar­beit betrei­ben, fal­len sie gegen­über ihren Kon­kur­ren­ten zurück. Das sieht man sehr hübsch an der Stel­lung der lob­by­lo­sen Open­Sour­ce-Pro­duk­te im deut­schen Bil­dungsys­tem.

Ich fin­de bis­her dar­an nichts Böses oder Ver­werf­li­ches. Wirt­schaft ver­hält ent­spre­chend der Regeln einer Markt­wirt­schaft, womit dann ja auch gleich ein Schlüs­sel gefun­den wäre, das Gan­ze im Sin­ne demo­kra­ti­scher Grund­sät­ze zu steu­ern: Dafür gibt es einen Rah­men in Form von Geset­zen bzw. im Schul­sys­tem in Form von Erlas­sen.

TTIP ist nun der genia­le Schach­zug, auch die­se mög­li­che staat­li­che Ein­fluss­nah­me auf die eige­ne Pro­dukt­po­li­tik zu eli­mi­nie­ren — das wäre aber eine eige­ne Geschich­te.

Wie reagiert Wirtschaft in diesem Umfeld?

 

Von „Wirt­schaft” kom­me ich in mei­nem Umfeld fast nur über Ver­trieb­ler und ihren rhe­to­ri­schen Tak­ti­ken in Kon­takt. Ich bin bei ihnen mitt­ler­wei­le nicht mehr so ger­ne gese­hen. Daher mögen mei­ne Beob­ach­tun­gen sehr stark ein­ge­färbt sein, aber viel­leicht erkennt ihr das eine oder ande­re wie­der.

Wirt­schaft will Tup­per­par­tys

Man möch­te sein Pro­dukt auf Ver­an­stal­tun­gen, auf der Ent­schei­dungs­trä­ger anwe­send sind, mög­lichst exklu­siv prä­sen­tie­ren und nicht in Kon­kur­renz zu Mit­be­wer­bern. „Herr Riecken, das mit ihren finan­zi­el­len Beden­ken las­sen Sie mei­ne Sor­ge sein. Ich stel­le den Ent­schei­dungs­trä­gern das Pro­dukt mit sei­nen ins­be­son­de­re inves­ti­ven Vor­tei­len ger­ne allei­ne dem Gre­mi­um vor!”

Es kom­men ins­be­son­de­re Leh­rer nach einer sol­chen Tup­per­par­ty manch­mal total begeis­tert an und allein auf Grund­la­ge die­ser Begeis­te­rung wird dann z.B. ein Pro­gramm oder ein Gerät beschafft, mit dem man über Jah­re arbei­tet. Das ist lei­der auch bei Schul­bü­chern oft nicht anders.

Mit mir gibt es kei­ne Tup­per­par­tys. Es wer­den immer min­des­tens drei Mit­be­wer­ber zu einer Ver­an­stal­tung ein­ge­la­den.

Ich ver­su­che, die pro­vi­si­ons­ba­sier­te Ver­triebs­struk­tur nach Mög­lich­keit zu ver­mei­den. Wir vor Ort stre­ben an, nach Son­die­rung des Mark­tes stan­dar­di­sier­te Leis­tungs­be­schrei­bun­gen zu erstel­len, mit denen die Ent­schei­der nach den vor­ge­ge­be­nen Richt­li­ni­en for­mal sau­ber aus­schrei­ben kön­nen. Der güns­tigs­te gewinnt.

Stan­dar­di­sie­rung kann man trotz­dem errei­chen. Auch in einer for­mal kor­rek­ten Leis­tungs­be­schrei­bung las­sen sich Allein­stel­lungs­merk­ma­le eines Her­stel­lers sau­ber unter­brin­gen. Das klingt wie ein fie­ser Trick. Es macht aber kaum Sinn, z.B. für eine Regi­on zig ver­schie­de­ne WLAN-Sys­te­me zu beschaf­fen und den Sup­port­auf­wand dafür in die Höhe zu trei­ben.

Wirt­schaft will weg vom Kauf­mo­dell

Micro­soft ver­mie­tet sei­ne Soft­ware, Ado­be auch, Aero­Hi­ve will für die Nut­zung sei­nes Hive­ma­na­gers jähr­lich Koh­le sehen (man kann den Hive­ma­na­ger jedoch auch selbst kos­ten­frei betrei­ben, wenn man das tech­ni­sche Know-How dafür hat), Lern­platt­for­men und Schul­netz­werk­lö­sun­gen wer­den nach Schü­ler­an­zahl jähr­lich abge­rech­net. Der Trend geht weg von der ein­ma­li­gen Anschaf­fung hin zu ver­läss­lich gene­rier­ten Umsät­zen. Da muss man sehr genau rech­nen — gera­de bei Lern­platt­for­men kann man für die jewei­li­ge Jah­res­ge­bühr oft hoch­wer­ti­ge Fre­e­lan­cer vol­le zwei Mona­te für die Betreu­ung eines Open­Soure­pro­duk­tes bezah­len. Auch bei Micro­soft soll­te man sehr genau hin­schau­en, weil deren Lizen­sie­rungs­mo­dell mitt­ler­wei­le eigent­lich einen eige­nen Stu­di­en­gang erfor­dert.

Wirt­schaft will lang­fris­ti­ge Kun­den­bin­dung

Auch das ist ange­sichts der oft immensen Inves­ti­tio­nen, die zur Ent­wick­lung eines Pro­duk­tes not­wen­dig sind, zunächst wenig ver­wun­der­lich. Man kann Kun­den auf ver­schie­de­ne Art und Wei­se an sich bin­den: Zum einen durch kon­ti­nu­ier­li­che Qua­li­tät, zum ande­ren aber auch dadurch, dass ich den Wech­sel zu einem ande­ren Anbie­ter erschwe­re. Jeder, der schon ein­mal den DSL-Anbie­ter gewech­selt hat, weiß wie das u.U. aus­se­hen kann. Allein die Scheu vor mög­li­cher­wei­se auf­tre­ten­den Pro­ble­men bewegt zumin­dest mich hin und wie­der des lie­ben Frie­dens wil­len doch bei mei­nem Anbie­ter zu blei­ben.

Wenn ich als Schu­le viel Con­tent bei irgend­wem gebun­kert und auf­ge­baut habe, ist die­ser jemand gesetzt — für Jah­re, alles ande­re wäre unrea­lis­tisch. Das weiß ein Anbie­ter und kann das z.B. indi­rekt nut­zen, indem er dafür sorgt, dass Inhal­te und Struk­tu­ren in pro­prie­tä­ren For­ma­ten vor­lie­gen oder der Zugriff auf eine Platt­form nicht über gän­gi­ge Webstan­dards, son­dern z.B. neben dem Brow­ser ledig­lich mit einer spe­zi­el­len App mög­lich ist.

Spezielle Probleme in Deutschland für Anbieter

Deutsch­land hat eini­ge Spe­zi­fi­ka, die mir als Anbie­ter die Haa­re zu Ber­ge ste­hen las­sen wür­den. So exis­tiert ein aus­ge­präg­tes Bewusst­sein hin­sicht­lich des Daten­schut­zes — gele­gent­lich auch als Abwehr­kon­zept gegen­über neu­en Tech­no­lo­gi­en. Es gibt durch­aus schon Anbie­ter, die mir vor­ge­wor­fen haben, ich wür­de markt­be­hin­dernd bera­ten, wenn ich Schu­len auf gel­ten­de Daten­schutz­ge­set­ze ver­wei­se und z.B. Din­ge wie Ein­wil­li­gungs­er­klä­run­gen und Ver­trä­ge zur Auf­trags­da­ten­ver­ar­bei­tung zum Kri­te­ri­um für die Aus­wahl eines Pro­dukts mache.

Wei­ter­hin gibt es in Deutsch­land ein weit­aus enge­res Neu­tra­li­täts­ge­bot als in ande­ren Län­dern: Staat­li­che Schu­len haben nur sehr ein­ge­schränk­te Mög­lich­kei­ten, Koope­ra­tio­nen mit der Wirt­schaft ein­zu­ge­hen, um ihre zum Teil chro­ni­sche Unter­fi­nan­zie­rung zu kom­pen­sie­ren. Anbie­ter ver­su­chen, die­ses Pro­blem zu umge­hen, indem wirt­schaft­li­che Ver­ei­ne gegrün­det wer­den, die teil­wei­se als gemein­nüt­zig aner­kannt sind und so auch eini­ger­ma­ßen „sau­ber” durch die Poli­tik beför­dert wer­den kön­nen. Die­se Kon­struk­te sind aber nötig, weil die Rege­lun­gen in Deutsch­land eben sehr eng sind.

In Deutsch­land wird zusätz­lich digi­ta­le Tech­no­lo­gie oft­mals nicht als Chan­ce, son­dern mehr als Bedro­hung der eige­nen Lebens- und Unter­richts­pra­xis begrif­fen. Schu­le müs­se sich „dem all­ge­mei­nen Trend ent­ge­gen­stel­len” und „Alter­na­ti­ven zum digi­ta­len All­tag bie­ten”. Gleich­zei­tig wer­den die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­struk­tu­ren durch immer neue Auf­ga­ben von Schu­le kom­ple­xer und ana­lo­ge For­men wie schwar­ze Bret­ter kom­men mehr und mehr an Gren­zen. „Dann auch noch umstel­len auf Digi­tal­zeugs?”.

In Deutsch­land gibt es an Schu­len zuhauf Lokal­prin­zen wie mich, die Sys­te­me auf­ge­baut haben und betreu­en, obwohl es nicht deren Auf­ga­be ist. Nur ver­traut man dem Lokal­prin­zen natür­lich weit mehr als einer Fir­ma, die am Tele­fon nur „Fach­chi­ne­sisch und arro­gant redet” (das sind oft die rück­ge­mel­de­ten Erfah­run­gen). Der Lokal­prinz ist greif­bar, man ist u.U. nicht mit allem zufrie­den, aber man weiß, was man hat und was nicht. Leh­rer grei­fen nicht ger­ne zum Tele­fon, um sich hel­fen zu las­sen — das wäre ein Ein­ge­ständ­nis von Unvoll­kom­men­heit.

Und zuletzt haben wir in Deutsch­land ein merk­wür­di­ges Finan­zie­rungs­kon­strukt: Lehr­kräf­te wer­den durch das Land, Sach­mit­tel durch den Trä­ger finan­ziert — da ste­hen sich schon unter­schied­li­che Inter­es­sen gegen­über. Nun sind die­se bei­den Berei­che aber nicht zu tren­nen. Beschaf­fung von Soft­ware und Gerä­ten ist immer auch mit päd­ago­gi­schen Fra­gen ver­knüpft. Wer hier als Anbie­ter nicht die Belan­ge bei­der Sei­ten erkennt und nutzt, wird es schwer haben, im Markt Fuß zu fas­sen. Daher heu­ern vie­le Anbie­ter jetzt Lehr­kräf­te an, um ihre Pro­duk­te in den Schu­len zu plat­zie­ren. Die­se erhal­ten für ihre Arbeit natür­lich eine Ver­gü­tung und sind oft an unter­neh­mens­in­ter­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­richt­li­ni­en gebun­den. Kei­ne gute Vor­aus­set­zung für Neu­tra­li­tät.

Wer löst es wie?

An vie­len Stel­len passt für mich der struk­tu­rel­le Rah­men nicht. Hier ist Poli­tik gefor­dert, an neur­al­gi­schen Punk­ten Klar­heit zu schaf­fen, etwa min­des­tens dafür zu sor­gen, dass es für Anbie­ter und Schu­len kla­re Check­lis­ten oder rechts­si­che­re Mus­ter­ver­trä­ge gibt, wie daten­schutz­kon­form gear­bei­tet wer­den kann.

Ich fürch­te bloß, dass von die­ser Sei­te nicht viel zu erwar­ten und das genau die­se Leer­stel­le ursäch­lich für das ist, was oft als „Lob­by­is­mus an Schu­len” beklagt wird.

Was soll denn ein Anbie­ter ande­res machen, als sub­ver­si­ve, krea­ti­ve Wege zu fin­den, um an die poten­ti­ell lukra­ti­ve Kun­den­grup­pe zu kom­men, die sich in den Schu­len fin­det?

Ein neu­tra­les Bera­tungs­sys­tem als Schnitt­stel­le zwi­schen Anbie­tern und Schu­le kann auch viel bewe­gen. Ich mer­ke bloß bei mir selbst immer wie­der, wie sehr ich pri­va­te Vor­lie­ben und Abnei­gun­gen bestimm­ten Pro­duk­ten und Dienst­leis­tun­gen gegen­über aktiv bekämp­fen muss, um wirk­lich neu­tral zu blei­ben oder eben in Fäl­len, wo ich das ein­fach nicht bin, ein­fach an Per­so­nen abzu­ge­ben, die in dem Bereich ver­sier­ter oder ggf. auch schlicht begeis­ter­ter sind.

Ich könn­te mir vor­stel­len und mei­ne, es auf Twit­ter auch immer wie­der mit­zu­be­kom­men, dass es Kol­le­gen gibt, die auch wie ich genau damit rin­gen oder den inne­ren Kon­flikt zuguns­ten einer Prä­fe­renz auch schon ganz ent­schie­den haben.

Fazit

 

Für mich ist Lob­by­is­mus pri­mär in den Struk­tu­ren von Schu­le bereits ange­legt. Wenn man dafür sen­si­bi­li­sie­ren möch­te, sehe ich den Ball bei der Kul­tus­po­li­tik. Ich habe viel Ver­ständ­nis dafür, wie Anbie­ter zur­zeit agie­ren (müs­sen) und Hoch­ach­tung vor vie­len, die ich ken­nen ler­nen durf­te, die sich trotz­dem mit Herz­blut und Ver­bes­se­rungs­wil­len als Part­ner von Schu­le ver­ste­hen — und so auch agie­ren, aber natür­lich ger­ne auch mal die teu­ers­te Lösung ver­kau­fen, die dann zwar super läuft, aber von der Dimen­sio­nie­rung und der Kos­ten­ef­fi­zi­enz in mei­nen Augen nicht unbe­dingt immer das Opti­mum dar­stellt.