10 Pflichtfach Informatik \n 20 goto 10

Ich hal­te ein „Pflicht­fach Infor­ma­tik” für unver­zicht­bar. Auf Twit­ter wird Lud­ger Hum­bert nicht müde, immer wie­der und wie­der danach zu rufen, wobei die Pene­tranz, mit er er die­se For­de­rung vor­trägt, weit über die von z.B. Jean-Pol Mar­tin impli­zit als not­wen­dig erach­te­te hin­aus­geht.

Die­se Dau­er­schlei­fe führt im Wesent­li­chen zu drei Reak­ti­ons­mus­tern:

  1. Man erträgt sie nicht mehr und blockt oder mutet.
  2. Man erwi­dert, dass man ja auch nicht ein Auto ver­ste­hen müs­se, um es zu bedie­nen.
  3. Man erwi­dert, dass man ja auch nicht ein Auto ver­ste­hen müs­se, um es zu bedie­nen und blockt oder mutet dann.

Eigent­lich fin­det damit eine Aus­ein­an­der­set­zung auf zwei Ebe­nen statt: Eine emo­tio­na­le und eine ratio­na­le. Wenn ich in der Bera­tung etwas nicht will, ver­su­che ich genau auf zwei Ebe­nen Ableh­nung zu erzeu­gen: Emo­tio­nal und ratio­nal, wobei die ers­te Ebe­ne wesent­lich wich­ti­ger ist.

Ohne Blu­men­fil­ter: Die Art und Wei­se, wie die­se For­de­rung vor­ge­tra­gen wird, sorgt m.E. eigent­lich erst dafür, dass man ihr kei­ne oder allen­falls nega­tiv besetz­te Beach­tung schenkt.

Die ratio­na­le Ebe­ne der Auto­ana­lo­gie ist für mich aller­dings eine nur vor­der­grün­dig ratio­na­le, die wie­der­um viel mit dem jeweils zugrun­de lie­gen­den Kom­pe­tenz­be­griff zu tun hat. Ver­meint­lich als Syn­the­se schleicht sich zusätz­lich der Begriff der Medi­en­kom­pe­tenz in die Debat­te, wobei ich den­ke, dass es kei­ne wie auch immer gear­te­te Medi­en­kom­pe­tenz ohne infor­ma­ti­sche Bil­dung geben kann. Aber lang­sam.

Medienkompetenz ist sexy, denn:
  1. Medi­en­kom­pe­tenz ist vor­der­grün­dig ohne tech­ni­sches Wis­sen ver­mit­tel­bar.
  2. Medi­en­kom­pe­tenz lässt sich am ehes­ten in bestehen­de Fächer inte­grie­ren — das ist admi­nis­tra­tiv sehr sexy, weil es rea­lis­ti­scher erscheint, als ein wei­te­res Fach zu schaf­fen, was ggf. zu Las­ten ande­rer Fächer geht.
  3. Medi­en­kom­pe­tenz fällt digi­tal affi­nen Men­schen qua­si im Vor­bei­ge­hen zu oder wird oft­mals intrin­sisch moti­viert erwor­ben, weil es z.B. Vor­tei­le für den eige­nen Unter­richt bie­tet oder geeig­ne­te, sich selbst bestä­ti­gen­de Fil­ter­bub­bles dafür gibt.

Der Medi­en­päd­ago­ge sagt:

Wenn du XY schon nutzt, dann emp­feh­le ich die und die Pro­fi­l­ein­stel­lun­gen, damit bestimm­te Infor­ma­tio­nen nicht sofort Drit­ten zugäng­lich wer­den.”

Informatik ist so gar nicht sexy, denn:
  1. Sie hat etwas mit algo­rith­mi­schen Den­ken zu tun, wovon „Pro­gram­mie­rung” nur ein win­zi­ger Bruch­teil ist. Algo­rith­mi­sches Den­ken zwingt sehr viel an Struk­tu­ren auf. Das ist oft wenig lust­be­setzt, wenn man es nicht kennt. Auch Qua­li­täts­ma­nage­ment­zy­klen sind im Prin­zip algo­rith­misch: Eva­lua­ti­on => Ziel­set­zung => Pla­nung => Umset­zung von Maß­nah­men => Eva­lu­la­ti­on … (Ok. Manch­mal ist das ja auch zum Kot­zen)
  2. Es haf­tet die­ser Dis­zi­plin immer noch ein Mythos von lang­haa­ri­gen, weiß­häu­ti­gen, piz­za- und ener­gy­drinks­ver­schlin­gen­den Sub­jek­ten an, die sich ansons­ten in Ser­ver­schrän­ken von Bits und Bytes ernäh­ren. Dabei wird ger­ne ver­ges­sen, dass z.B. Soci­al­me­dia nicht ein Pro­dukt von Phi­lo­so­phen und Päd­ago­gen ist und dass gro­ße Soft­ware­pro­jek­te von Teams und sozia­len Umgangs­re­geln geprägt sind, von denen wir auf Soci­al­me­dia oft­mals nur träu­men.
  3. Sie bedroht Pfrün­de. Wel­cher enga­gier­te Päd­ago­ge möch­te von sei­nem Fach etwas abge­ben? Und dann noch für ein Fach mit so zwei­fel­haf­tem Nut­zen? Denn: Auto­fah­ren kann man ja auch so (auch so eine Dau­er­schlei­fe).

Der Infor­ma­ti­ker sagt:

Wenn du XY nutzt, soll­test du fol­gen­de Anga­ben nicht machen und dir dar­über im Kla­ren sein, dass es kei­ne Lösch­funk­ti­on gibt (obwohl sie so heißt), son­dern nur die Mög­lich­keit, die Sicht­bar­keit von Infor­ma­tio­nen tem­po­rär ein­zu­schrän­ken.”

Das Autoargument

… könn­te auch lau­ten: Ich muss nichts über Che­mie wis­sen, um Kos­me­tik zu benut­zen. Oder: Ich brau­che kein Wis­sen über Erkun­de, um eine Rei­se zu unter­neh­men. Trotz­dem „leis­ten” wir uns bei­de Fächer, obwohl oder gera­de weil die­se bei­den Aus­sa­gen stim­men.

Wir leis­ten uns die­se Fächer, weil wir anneh­men (ja, es ist eine Annah­me), dass die­se umfas­sen­de Kon­zep­te ver­mit­teln, die uns in unse­rer Welt­erfah­rung und Berufs­fin­dung nütz­lich sind.

Bezo­gen auf Infor­ma­tik: Was erle­ben wir denn gera­de und beschrei­ben es ja auch wie­der und wie­der in der Fil­ter­bub­b­le? Rich­tig: Den enor­men Ein­fluss der Digi­ta­li­sie­rung auf Wirt­schaft und Gesell­schaft. Genau wie die Ato­me und Mole­kü­le Grund­kon­zep­te beim Auf­bau von Mate­rie beschrei­ben, beschreibt Infor­ma­tik eben Grund­zü­ge digi­ta­ler Struk­tu­ren. Wenn wir Grund­zü­ge nicht ver­mit­teln wol­len, so müs­sen wir kon­se­quen­ter­wei­se alle Fächer abschaf­fen.

Das Auto­ar­gu­ment beschreibt kein Grund­kon­zept. Es beschreibt einen win­zi­gen Teil von Mobi­li­tät, der zudem immer unwich­ti­ger wer­den wird. Daher kann man es m.E. gegen die For­de­rung nach einem Pflicht­fach Infor­ma­tik nicht in Stel­lung brin­gen.

Eben­so wenig wie ich heu­te weiß, wie der Zitro­ne­säu­re­zy­klus genau abläuft, weiß ich durch Infor­ma­tik spä­ter nicht, wie ein Rech­ner funk­tio­niert, aber ich habe Grund­zü­ge der Daten­ver­ar­bei­tung ken­nen­ge­lernt, die sich genau wie der Zitro­nen­säu­re­zy­klus nicht groß­ar­tig ändern.

Das Emotionale am Autoargument

Es ist uns Anwen­dern eigent­lich klar, dass wir sehr wenig wis­sen. Wei­ter­hin ist uns klar, dass die­ses Unwis­sen Kon­se­quen­zen haben wird. Ansons­ten wür­den wir von z.B. der Poli­tik nicht so vehe­ment for­dern, dass sie z.B. bestimm­te Din­ge regu­lie­ren soll, z.B. Ama­zon oder Face­book. Und es ist uns noch etwas klar: Wäh­rend wir das Ler­nen lan­ge Zeit auf jün­ge­re Gene­ra­tio­nen abschie­ben konn­ten, klappt das mit mit dem Ler­nen hin­sicht­lich des Digi­ta­len eher nicht so gut, da die­se Ver­än­de­rung uns alle betrifft und uns daher auch alle for­dert — vor allem auch auf dem Gebiet ethi­scher Grund­sät­ze, die es für Digi­ta­li­en neu zu schrei­ben und zu defi­nie­ren gilt. Das ist schwie­rig, wenn ich nur ahnen kann, was gene­rell mög­lich ist. Dann kommt da z.B. sowas wie Vec­to­ring her­aus.

Das ist zusätz­lich sehr unan­ge­nehm und gar nicht bequem. Das sol­len doch bes­ser die lang­haa­ri­gen, weiß­häu­ti­gen, piz­za- und ener­gy­drinks­ver­schlin­gen­den Sub­jek­te machen. Wir wol­len anwen­den und benut­zen. Dum­mer­wei­se bestim­men damit die lang­haa­ri­gen, weiß­häu­ti­gen, piz­za- und ener­gy­drinks­ver­schlin­gen­den Sub­jek­te bzw. ihre Fir­men grund­le­gen­de Struk­tu­ren auf Basis markt­wirt­schaft­li­cher Kon­zep­te. Ich fin­de die­se Vor­stel­lung irgend­wie blöd.

Kom­pe­tenz­ge­sei­er als Aus­weg?

Die Ver­mitt­lung von Medi­en­kom­pe­tenz ist im Extrem­fall nichts wei­ter als die Wei­ter­ga­be auto­di­dak­tisch erwor­be­ner Anwen­der­kennt­nis­se bzw. gemach­ter Erfah­run­gen inner­halb von Soci­al­me­dia. Sie ist ohne Zwei­fel wich­tig und soll­te Teil in jedem Fach sein. Sie lässt sich aber auf Basis von Wis­sen über infor­ma­ti­sche Grund­kon­zep­te m.E. viel fun­dier­ter und trag­fä­hi­ger ver­mit­teln. Die fik­ti­ve Aus­sa­ge des ste­reo­ty­pen Infor­ma­ti­kers oben eröff­net erwei­ter­te Hand­lungs- und Bewer­tungs­mus­ter gegen­über der ste­reo­ty­pen medi­en­päd­ago­gi­schen Posi­ti­on (wobei bei­des natür­lich nur Bei­spie­le zur Ver­an­schau­li­chung sind).

Der Kom­pe­tenz­seie­rer wür­de jetzt ein­wen­den, dass infor­ma­ti­sches Wis­sen ja auch ver­al­te und damit eher Kom­pe­ten­zen zum selbst­stän­di­gen Erschlie­ßen des infor­ma­ti­schen Wis­sens ver­mit­telt wer­den soll­ten. Damit macht er einer­seits den Dua­lis­mus zwi­schen Kom­pe­tenz und Wis­sen auf, den er den Kom­pe­tenz­kri­ti­kern ger­ne vor­wirft. Und er öff­net ande­rer­seits Sys­te­men (z.B. Lob­by­is­ten) Tor und Tür, den den Bereich der Infor­ma­tik dann eben auf ihre Wei­se beset­zen, denn Men­schen in Aus­bil­dung ahnen ja schon ein wenig, dass es in die­sem Bereich Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten im spä­te­ren Leben gibt.

Das Argu­ment mit dem „schnell ver­al­te­ten­den Wis­sen” fin­de ich dar­über hin­aus auch eini­ger­ma­ßen merk­wür­dig. Genau wie mathe­ma­ti­sche oder che­mi­sche Kon­zep­te eini­ger­ma­ßen kon­stant ver­läss­lich sind und den Kom­pe­tenz- und Wis­sens­er­werb in bei­den Dis­zi­pli­nen sowohl struk­tu­rie­ren und letzt­end­lich dadurch auch erleich­tern, gibt es auch in der Infor­ma­tik all­ge­mein­gül­ti­ge Struk­tu­ren wie etwa die Zer­le­gung eines Pro­blems und Teil­schrit­te. In den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten sind die­se Struk­tu­ren natur­ge­mäß weni­ger eng bzw. for­mal bestimmt aus­ge­prägt, aber den­noch vor­han­den.

Fazit

Medi­en­kom­pe­tenz ist erst­mal bes­ser als nichts und viel­leicht auch der zunächst prag­ma­ti­sche­re und beque­me­re Weg. Wenn wir jedoch in einer zuneh­mend digi­ta­li­sier­ten Welt leben, wird ein Grund­la­gen­fach wie Infor­ma­tik für mich jedoch unver­zicht­bar, auch wenn die For­de­rung danach viel­leicht unrea­lis­tisch und unbe­quem erscheint. Und nein: Infor­ma­tik heißt nicht „pro­gram­mie­ren ler­nen”. Es heißt viel mehr.

Mich unbeliebt machen

Gera­de höre ich mir eine CD-Auf­nah­me eines Stü­ckes an, wel­ches mein Chor ein­ge­sun­gen hat. Ich habe dabei eine Stro­phe solis­tisch gesun­gen. Im Gro­ßen und Gan­zen gefällt mir mein Part, aber es gibt min­des­tens drei Stel­len, an denen ent­we­der ein Ton zu sehr gezo­gen ist oder nicht ganz 100%ig stimmt. Trotz Ton­tech­nik lässt sich da nicht viel machen.

Sei­ne eige­ne Stim­me zu hören, zu ihr Distanz bekom­men, sie erst­mal „zu ertra­gen”, sie als das zu neh­men, was ande­re von mir gewohnt sind zu hören, ist ein hoher Anspruch. Wie vie­le Lehr­kräf­te tun sich schwer damit, ihre Stim­me objek­tiv und frei von „Anstel­le­rei” zu betrach­ten. Dabei ist die Stim­me unser zen­tra­les Werk­zeug. Um jetzt noch musi­ka­lisch zu hören, ist ein sehr geschul­tes Ohr erfor­der­lich. Wie streng man dann mit sich selbst ist, hängt wie­der­um von den eige­nen Ansprü­chen und dem eige­nen Ent­wick­lungs­wil­len ab.

Damit ich mei­ne Stim­me kri­te­ri­en­ge­lei­tet bewer­ten und ent­wi­ckeln kann, benö­ti­ge ich also:

  • Distanz zu mei­nen Laut­äu­ße­run­gen
  • Bewusst­sein, dass mei­ne Stim­me ein Werk­zeug ist
  • Ein musi­ka­lisch geschul­tes Ohr
  • Anspruch an mei­ne Per­son
  • Ent­wick­lungs­wil­len

Ein Fünft­kläss­ler hat einen Text ver­fasst. Im Unter­richt wur­den Kri­te­ri­en fest­ge­legt, was einen guten Text aus­macht. Er erhält ein Kom­pe­tenz­ras­ter und soll ein­schät­zen, wel­che Kom­pe­ten­zen er mit sei­ner momen­ta­nen Text­pro­duk­ti­on noch ent­wi­ckeln muss und was schon gut gelingt. Im Ide­al­fall kann er dabei auf Rück­mel­dun­gen der Lehr­kraft und auf Peer-Reviewing zurück­grei­fen. Sei­ne Kom­pe­tenz­ent­wick­lung wird struk­tu­riert in Form von Lern­ent­wick­lungs­be­rich­ten fort­ge­schrie­ben, die sich auf Kom­pe­tenz­ras­ter stüt­zen. Dabei kommt eine Lern­platt­form zum Ein­satz. Das geschieht in jedem Fach.

Wovon wird der Erfolg die­ser Metho­dik abhän­gen?

  • Der Schü­ler muss Distanz zu sei­nem eige­nen Text auf­bau­en kön­nen
  • Dem Schü­ler muss klar sein, dass Schrei­ben ein Pro­zess der struk­tu­rier­ten Gedan­ken­nie­der­le­gung ist, der nicht nur im beruf­li­chen Leben, son­dern fächer­über­grei­fend Bedeu­tung hat (der oft bemüh­te Begriff der Sinn­bil­dung).
  • Der Schü­ler muss sicher hin­sicht­lich der anzu­wen­den­den Bewer­tungs­kri­te­ri­en sein
  • Der Schü­ler muss einen Anspruch gegen­über sei­ner eige­nen Text­pro­duk­ti­on haben
  • Der Schü­ler muss sich im Schrei­ben ent­wi­ckeln wol­len

Ich glau­be, dass unse­re fik­ti­ver Schü­ler sich letzt­lich als ein Erwach­se­ner ver­hal­ten soll — wobei ich nicht glau­be, dass vie­le Erwach­se­ne über eben­die­se Kom­pe­ten­zen ver­fü­gen — auf die­se Idee könn­te man kom­men, wenn man man­che wis­sen­schaft­li­che Abhand­lun­gen liest.

Unser Schü­ler soll das nach dem Wil­len der Elfen­bein­turm- und Grün­tisch­bil­dungs­for­schern ja nicht nur mit sei­nem Text tun, son­dern auch in Mathe, Bio­lo­gie, Kunst, Reli­gi­on usw..

Ich habe wenig Ahnung von Päd­ago­gik und und Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gie. Dazu lese ich zu wenig wis­sen­schaft­li­che Abhand­lun­gen. Ich kann daher nur unwis­sen­schaft­lich glau­ben.

Ich glau­be, dass man mir über­zo­ge­ne Erwar­tun­gen hin­sicht­lich der Ent­wick­lungs­an­sprü­chen gegen­über mei­ner Stim­me nach­sa­gen kann — mir als Erwach­se­nen.

Ich glau­be, dass all­mäh­lich klar wird, wor­auf ich hin­aus­will.

Die Kom­pe­tenz­ras­te­rei — wenn sie so wie oben statt­fin­det — geht für mich von einem ide­al­ty­pi­schen Men­schen­bild aus. Ich fin­de es eher „nor­mal”, dass jun­ge Men­schen nicht immer ent­wick­lungs­wil­lig, selbst­di­stan­ziert, anspruchs­voll gegen­über sich selbst und sinn­be­wusst sind. Genau das macht — viel­leicht ket­ze­risch gespro­chen — für mich die mensch­li­che Ent­wick­lung aus. Das ist in Ord­nung.

Und mein Job ist es, damit umzu­ge­hen, Nähe und Distanz klar aus­zu­ta­rie­ren, mal klas­sisch-indus­tri­ell zu schu­len (weil ich bes­ser weiß, was gut für den Schü­ler ist) und mal auf ver­ant­wort­ba­re, alters- und ent­wick­lungs­ge­mä­ße Selbst­steue­rung zu ver­trau­en.

Mir schlägt das Pen­del ent­schie­den zu weit Rich­tung Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung aus. Das ist viel­leicht not­wen­dig, um Schul­struk­tu­ren erst­mal zu hin­ter­fra­gen und mag dort sei­nen Sinn haben. Ich fin­de das Ziel des idea­len Men­schen super.

Es ist aber ein idea­lis­ti­sches Ziel und trans­por­tiert damit im Kern das, was der Mate­ria­lis­mus dem Idea­lis­mus immer schon vor­ge­wor­fen hat: Es igno­riert oft genug die Gene­se und das Umfeld eines Men­schen („Moral muss man sich leis­ten kön­nen!”). Es macht pri­mär dem Leh­ren­den ein gutes Gewis­sen. Er kann jetzt ja — über­zo­gen for­mu­liert — einen Teil der Ver­ant­wor­tung abge­ben.

Ich bin froh, dass mei­ne Gesangs­leh­re­rin nicht mit Kom­pe­tenz­ras­tern arbei­tet, son­dern mit Ohr, Peni­bi­li­tät, direk­ter Rück­mel­dung und fach­li­chem Anspruch — und nein, das macht NICHT immer nur Spaß. Das und nur das gibt mir nun mehr und mehr die Frei­heit, mei­ne Musik zu machen.

 

Kompetenzorientierte Prüfung mit Arduino?

Ich hat­te Anfang des Jah­res mein Kon­zept vor­ge­stellt, SuS Infor­ma­tik zu ver­mit­teln. Das war sehr eigen­wil­lig, ein Ver­such und über­haupt sehr viel Lern­an­lass für mich im letz­ten Jahr. Die SuS haben im zwei­ten Halb­jahr an Pro­jek­ten gear­bei­tet und — so die Hoff­nung — ihre Pro­gram­mier­kennt­nis­se ver­tieft. Kon­kret wird an fol­gen­den Pro­jek­ten gear­bei­tet:

  • didak­ti­sche Auf­be­rei­tung eines kom­ple­xen Ardui­no­codes für Anfän­ger
  • ein auto­no­mes Robo­ter­fahr­zeug
  • zwei Light­cu­bes, einer mit Musik­steue­rung
  • ein Quiz­du­ell­clo­ne auf einem 2x40 Matrix ASCII-Dis­play
  • ein Mor­se­zei­chen­de­ko­der

… und natür­lich wird neben­bei in einem Wiki doku­men­tiert und Code zwi­schen­ge­parkt.

Eine Klau­sur ver­lang­te nun die Fach­schaft (die aus zwei Lehr­kräf­ten besteht). Ich hät­te bestimmt auch auf eine Ersatz­leis­tung aus­wei­chen kön­nen, aber ich woll­te Schwarz auf Weiß sehen, was die SuS jetzt kön­nen und was sich im Ver­gleich zum Anfang des Jah­res geän­dert hat. Des­we­gen gab es doch eine Klau­sur, aber eine ganz ande­re.

Infor­ma­tik­klau­sur Nr. 2

Mate­ri­al:

  1. Ein Ardui­no­board (Art egal)
  2. drei Leds (ggf. ver­schie­de­ne Far­ben)
  3. drei Vor­wi­der­stän­de für die Leds (220–330 Ohm)
  4. zwei Tas­ter
  5. zwei Wider­stän­de für die Tas­ter (1kOhm oder 10kOhm)
  6. ein Steck­brett
  7. Kabel­ver­bin­der

Vor­be­mer­kun­gen:
Wenn du Tas­ter an den Ardui­no anschlie­ßen und ihren Zustand aus­le­sen möch­test, musst du einen zusätz­li­chen Wider­stand ver­wen­den, um defi­nier­te Pegel zu bekom­men. Die­ser Wider­stand soll­te einen Wert zwi­schen 1kOhm und 10kOhm haben.

Hier eine Bei­spiel­schal­tung

<Bild von Tas­ter­schal­tung>

Auf­ga­be:
Du sollst ein Spiel pro­gram­mie­ren. In die­sem Spiel gibt es drei Leds (links, rechts, Erfolg) und zwei Tas­ter (links, rechts).

Dabei gilt:
Led rechts: Pin03
Led Erfolg: Pin04
Led links: Pin05
Tas­ter rechts: Pin06
Tas­ter links: Pin07

Spiel­ab­lauf ist fol­gen­der:

  1. Zufäl­lig leuch­tet ent­we­der die rech­te oder die lin­ke Led auf.
  2. Der Spie­ler muss nun mög­lichst schnell eine ent­spre­chen­de Tas­te (links oder rechts) drü­cken
  3. Hat er das inner­halb einer bestimm­ten Zeit­span­ne geschafft, leuch­tet die Led „Erfolg“ auf, ansons­ten blin­ken alle Leds kurz auf
  4. Die Zeit­span­ne wird im Lau­fe des Spiel immer kür­zer

Für jede rea­li­sier­te Stu­fe 1–4 gibt es bereits Punk­te!

Tipp:
Suche mit Goog­le nach „Ardui­no Zufall“, um her­aus­zu­be­kom­men, wie du zufäl­li­ge Wer­te erhältst.

Abga­be:
Du erstellst mit Libre­Of­fice eine Datei, die dei­nen aus­führ­lich kom­men­tier­ten Code ent­hält.
Du erläu­terst dei­nen Code.
Du beschreibst zusätz­lich, wel­che Schwie­rig­kei­ten du wäh­rend der Pro­gram­mie­rung hat­test, ins­be­son­de­re dann, wenn dir etwas nicht gelun­gen ist.

Die Datei spei­cherst du unter:

<pfad­an­ga­be>

Der Datei­na­me muss dei­nen Namen ent­hal­ten, z.B. „karl_mustermann_klausur.ods“.

Du darfst:

  • Im Inter­net recher­chie­ren
  • Dir selbst­stän­dig Mate­ri­al holen / orga­ni­sie­ren
  • Dei­nen Code an einer Schal­tung aus­pro­bie­ren

Du darfst nicht:

  • mit dei­nen Kurs­kol­le­gin­nen und Kol­le­gen spre­chen

viel Erfolg!

 

Die Zeit war für die­se Auf­ga­be mit 90 Minu­ten sehr knapp bemes­sen, aber es gibt sogar voll­stän­di­ge und funk­tio­nie­ren­de Lösun­gen, min­des­tens aber immer kon­kre­te Ansät­ze und was mich beson­ders freut: Die meis­ten Schal­tun­gen sind kor­rekt und sau­ber auf­ge­baut. Das Prü­fungs­for­mat ist im BBS-Kon­text erst­mal über­haupt nicht unge­wöhn­lich, bei uns an der Schu­le jedoch schon ein Novum. Mit Goog­le ist die­se Auf­ga­be nur sehr ein­ge­schränkt lösbbar, gera­de auch in der gege­be­nen Zeit, man braucht dafür also mei­ner Ansicht nach auch gar nicht mal so wenig Wis­sen. Ich hat­te erst ein wenig Angst vor der Bewer­tung, aber schluss­end­lich gibt es für Code­qua­li­tät schon genug Kri­te­ri­en und auch für die Beschrei­bun­gen. Span­nend fin­de ich, dass man rela­tiv genau sehen kann, wie jemand denkt, weil der Code im Prin­zip ja ein for­ma­li­sier­ter Plot des Den­kens ist — ohne die­ses Over­head-Geschwur­bel in geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Fächern (ich darf das als Deutsch­leh­rer sagen).

Mein Pro­blem mit dem erfolg­ten Unter­richt ist ein ande­res: Ich kom­me mir so unver­ant­wort­lich vor, weil ich ja nie klas­sisch unter­rich­tet, son­dern ganz viel 1:1 bera­ten, gelenkt, unter­stützt habe und auch oft fach­lich die Segel strei­chen muss­te (ich kann jetzt aber einen ein­stu­fi­gen Ver­stär­ker ste­cken). Die „Vor­be­rei­tung” des Unter­richt besteht bei die­ser Unter­richts­form eher dar­in, ganz viel selbst ler­nen zu müs­sen, weil es um sehr indi­vi­du­el­le Pro­ble­me geht. Nach jeder Stun­de bin ich fix und foxi, weil ich immer gedank­lich hin- und hers­wit­chen und auch Anfra­gen prio­ri­sie­ren muss.

 

Diskussionsgrundlage: Elternbrief zu GoogleDocs

Ich habe einen ers­ten Ent­wurf für einen Eltern­brief zur Nut­zung von per­so­na­li­sier­ten Goog­le­Docs-Accounts in der Schu­le ver­fasst und stel­le ihn hier zur Dis­kus­si­on. Man darf auch ger­ne in mei­nem Goog­le­Docs-Doku­ment her­um­kom­men­tie­ren oder  -schrei­ben.

Lie­be Eltern der Klas­se xy!

Ihre Kin­der wach­sen in einer Zeit auf, in der man­ches im Umbruch ist – ins­be­son­de­re die neu­en Medi­en wer­den mit aller Wahr­schein­lich­keit in ihren Ver­net­zungs­po­ten­tia­len auch in der spä­te­ren Berufs­welt eine gewich­ti­ge Rol­le spie­len.

Daher ist ich mir im Rah­men der bestehen­den Mög­lich­kei­ten am XY-Gym­na­si­um an einem Deutsch­un­ter­richt gele­gen, der auch die­sen zukünf­ti­gen Anfor­de­run­gen in beson­de­rer Wei­se Rech­nung trägt – viel­leicht hat der eine oder ande­re von Ihnen bereits etwas davon gehört, dass in der Schu­le auch geb­loggt, gechat­ted und gar mit kol­la­bo­ra­ti­ven Tools wie der Office­Sui­te von Goog­le, den Goog­le­Docs, gear­bei­tet wird. Fra­gen Sie ansons­ten ein­fach Ihr Kind, ob es Ihnen davon etwas zeigt, damit Sie sich selbst ein Bild machen kön­nen.

Um Daten­schutz­an­for­de­run­gen gerecht zu wer­den, habe ich die Ange­bo­te exter­ner Anbie­ter, ins­be­son­de­re der Fir­ma Goog­le stets nur anony­mi­siert genutzt, d.h. es war durch beson­de­re Maß­nah­men sicher­ge­stellt, dass Daten, die Ihre Kin­der dort ein­ge­ge­ben haben, nicht einem kon­kre­ten Schü­ler, son­dern ledig­lich mei­nem Namen zuzu­ord­nen sind. Auch unser Blog ist für Such­ma­schi­ne und unbe­fug­te Per­so­nen nicht zugäng­lich.

Ins­be­son­de­re die anony­me Nut­zung von Goog­le­Docs wird all­mäh­lich zu einem Pro­blem:

  1. Schü­le­rin­nen und Schü­ler erwar­ten, dass ich ihre Leis­tung auch ihnen zuord­nen kann, damit sie gewür­digt wird.
  2. In sel­te­nen Fäl­len kommt es im Schutz der Anony­mi­tät zu klei­ne­ren Miss­ge­schi­cken, die sich nega­tiv auf die Arbeit aller aus­wir­ken kön­nen.
  3. Schü­le­rin­nen und Schü­ler sind bei der Arbeit mit die­sen Tools immer von mir als Leh­rer­per­son anhän­gig und kön­nen daher oft nicht sinn­voll in ande­ren schu­li­schen Kon­tex­ten damit arbei­ten.

Ich möch­te daher mit den Schü­le­rin­nen und Schü­lern in abseh­ba­rer Zeit per­so­na­li­sier­te Goo­g­le­Ac­counts ein­rich­ten. Die­se Accounts wer­den aus­schließ­lich für die schu­li­sche Arbeit ver­wen­det und lau­fen über unse­re schul­ei­ge­nen E-Mail­adres­sen, anhand derer ich Leis­tun­gen einer bestimm­ten Per­son zuord­nen kann und die den Schü­le­rin­nen und Schü­lern die Frei­heit gibt, die­se in mei­nen Augen sehr wert­vol­len Hilfs­mit­tel auch in ande­ren Fächern für die Vor­be­rei­tung von z.B. Refe­ra­ten ein­zu­set­zen.

Dadurch ent­steht ein Daten­schutz­pro­blem, da Ihre Kin­der nicht zu leug­nen­de Spu­ren — wenn­gleich nicht öffent­lich —  im Netz hin­ter­las­sen wie sie es durch die Nut­zung sozia­ler Netz­werk, der Nut­zung der Such­ma­schi­ne Goog­le usw. wahr­schein­lich schon längst in einem Umfang tun, des­sen mög­li­che Kon­se­quen­zen zur Zeit unab­seh­bar sind.

Jeder von Ihnen, der die Nut­zung die­ser Diens­te bereits ein­schränkt, hat zu spü­ren bekom­men, wel­che Bedürf­nis­se sozia­le Netz­wer­ke wie Face­book befrie­di­gen und wel­chen Stel­len­wert sie im Leben Ihrer Kin­der haben.

Genutzt wer­den also wahr­schein­lich eine Viel­zahl sol­cher Ange­bo­te. Ein Ver­bot erscheint mir nicht rea­lis­tisch mit der Per­spek­ti­ve auf das spä­te­re Berufs­le­ben Ihrer Kin­der. Ich sehe die Auf­ga­be von der Schu­le daher in der Ver­mitt­lung des siche­ren Umgangs mit die­sen Ange­bo­ten – das ist jedoch im Schutz einer Anony­mi­sie­rung nicht mög­lich, son­dern nur durch kon­kre­tes, eige­nes Han­deln.

Bit­te neh­men Sie sich über Ostern ein wenig Zeit, um Ihren Stand­punkt zu mei­nem Vor­ha­ben abzu­wä­gen. Las­sen Sie sich von Ihren Kin­dern erklä­ren, wel­che neu­en Mög­lich­kei­ten sich dadurch für die Arbeit mit Tex­ten erschlie­ßen. Wenn Sie Ein­wän­de oder Befürch­tun­gen haben soll­ten, scheu­en Sie sich nicht, mich anzu­ru­fen oder eine E-Mail zu schrei­ben.

In einem Anfall von Medi­en­kom­pe­tenz­ver­mitt­lungs­wahn hat­te ich über­legt, den Eltern ein Goog­le­Docs-Doku­ment für die Dis­kus­si­on anony­mi­siert zur Ver­fü­gung zu stel­len, aber nun denn…

Radikalische Polymerisation

Ange­regt von Herrn Lar­bigs Arti­kel ist mir eben doch glatt noch eine Auf­ga­be ein­ge­fal­len, die gut zu mei­ner Che­mie­stun­de mor­gen passt. Es geht dabei um die radi­ka­li­sche Poly­me­ri­sa­ti­on — erst­mal an Ethen.

Dazu gibt es drei Vide­os auf You­Tube sowie einen Text aus dem Schul­buch:

Video 1:

Video 2:

Video 3:

Auf­ga­be:

Stel­len Sie tabel­la­risch die fach­li­chen Vor­zü­ge und Nacht­tei­le des jewei­li­gen Vide­os zusam­men. Ver­wen­den Sie dabei sowohl den Ihnen vor­lie­gen­den Text aus dem Schul­buch als auch den ent­spre­chen­den Wiki­pe­diaar­ti­kel.

Kom­men­tar:

Das dau­ert natür­lich etwas, das Zeug zusam­men­zu­su­chen und auch im Vor­we­ge zu sich­ten. Aber ich fin­de, dass so eine medi­al (oder: bes­ser neu „mit­te­al”) auf­be­rei­te­te Auf­ga­be ein­fach mehr Gehirn­zel­len zu akti­vie­ren ver­mag und eben eine selbst­stän­di­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Stoff ver­langt. Das Ergeb­nis müss­te jetzt nur noch in Goog­le­Docs oder in einem Blog fest­ge­hal­ten wer­den und dann noch durch die Grup­pe aufbereitet/zur Essenz ein­ge­dampft wer­den.

Ach so:

Wenn The­men durch das Minis­te­ri­um für das Abitur ver­bind­lich vor­ge­ge­ben wer­den, ist das mit der frei­en The­men­wahl irgend­wie doof. Die radi­ka­li­sche Poly­me­ri­sa­ti­on ist vor­ge­ge­ben für 2011…

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