Jugendbücher…

… ste­hen fast über­all in den Schul­cur­ri­cu­la drin, bie­ten sich als Ent­span­nung nach etwas schwarz­brot­ar­ti­ge­ren Ein­hei­ten an und im Ide­al­fall lässt sich dar­an noch die ein oder ande­ren Sache zei­gen, die für den spä­te­ren Lite­ra­tur­un­ter­richt von Nut­zen ist. Mir geht es ehr­li­cher­wei­se immer so, dass Jugend­bü­cher nicht unbe­dingt die Art von Lite­ra­tur sind, die ich jede Woche mit Freu­den ver­schlin­ge — viel­leicht bin ich ein­fach aus dem Alter her­aus. Da bin ich froh über Sei­ten wie

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Dort fin­den sich Rezen­sio­nen, aber hin und wie­der auch Ide­en für den Unter­richt. Ich habe mei­ner 6. Klas­se nach einer eher tro­cke­nen Ein­heit zum The­ma Bericht vier Rezen­sio­nen von dort zur Aus­wahl gege­ben, sie in Klein­grup­pen ihre Favo­ri­ten wäh­len und dafür Argu­men­te (The­se — Begrün­dung — Bei­spiel) fin­den las­sen.

Jugendbuch: So lonely (Per Nilsson)

So lonely - Per Nilssom

So lonely — Per Nils­som

Es gibt sie noch — Jugend­bü­cher, die die Pro­ble­ma­ti­ken von Jun­gen anspre­chen, ohne dabei dem Aben­teu­er­gen­re zu ver­fal­len. „So lonely” beschreibt die völ­lig außer Kon­trol­le gera­te­nen Gefüh­le eines Jun­gen, der sein ers­tes Mäd­chen ken­nen lernt und im wei­te­ren Ver­lauf auch kurz und dezent beschrie­ben biblisch erkennt.

Beson­ders inter­es­sant ist dabei die fil­mi­sche Erzähl­tech­nik: Der Lesen­de wird in die abgrund­tie­fe Depres­si­on der tota­len Ver­un­si­che­rung hin­ein­ge­wor­fen, wobei in zahl­rei­chen Flash­backs anhand von Ding­sym­bo­len die Ent­wick­lung der Bezie­hung aus Sicht des Prot­ago­nis­ten nach und nach offen­bar wird.

Dabei geht es um die berech­nen­de, ver­gnü­gungs­süch­ti­ge Frau, die ihre Rei­ze gezielt ein­setzt, eben­so wie um den nai­ven und nicht sehen wol­len­den Mann. Es geht um die Gren­ze zwi­schen Freund­schaft und Bezie­hung. Es geht dar­um, wel­che Macht die mensch­li­che Sexua­li­tät besit­zen kann und was auch die ein­ma­li­ge Inti­mi­tät für ein ein­sei­ti­ges emo­tio­na­les Cha­os aus­lö­sen kann. Es geht um das Tabu eines füh­len­den männ­li­chen Jugend­li­chen. Es ist end­lich ein­mal ein Buch für die Män­ner — ein sel­te­ner Schatz inner­halb der oft­mals so wer­te­trie­fen­den huma­nis­ti­schen klas­si­schen Jugend­li­te­ra­tur des übli­chen Deutsch­un­ter­richts.

Nils­son, Per (2002): „So lonely”, dtv, 5. Aufl., Mün­chen 2002

Das Klassenspiel (Celia Rees)

Cover: \Mob­bing wird zuneh­mend zu einem erns­ten The­ma an den Schu­len. Vor allem Mäd­chen sind psy­cho­lo­gisch gele­gent­lich sehr kom­pe­tent, wenn es um die bewuss­te Aus­gren­zung und Ver­un­glimp­fung ande­rer Mäd­chen geht. Jun­gen in jün­ge­ren Jahr­gän­gen nei­gen eher dazu, Kon­flik­te non­ver­bal end­gül­tig zu lösen (da gibt es dann kla­re Gewin­ner und Ver­lie­rer). Hin­sicht­lich der Aus­wir­kun­gen auf das jewei­li­ge Opfer bin ich mir manch­mal nicht mehr so sicher, wel­che bei­den Metho­den ich schlim­mer fin­den soll.

Das Klas­sen­spiel von Celia Rees hät­te zu Refe­ren­dars­zei­ten bei mei­nem ers­ten Men­tor für hoch­ge­zo­ge­ne Augen­brau­en gesorgt, da es eben kein nativ deutsch­spra­chi­ger, son­dern ein aus dem Eng­li­schen über­setz­ter Text ist. Nichts­des­to­trotz ist die Geschich­te nar­ra­tiv her­vor­ra­gend ange­legt.

Lau­ri Saun­ders kommt neu an eine eng­li­sche Schu­le. Äußer­lich durch­aus attrak­tiv und cha­rak­ter­lich gefes­tigt gewinnt sie schnell eine Freun­din Alex. Doch eini­ge Rädels­füh­rer aus der Klas­se schie­ßen sich auf sie ein. Mus­ter­gül­tig wer­den alle Pha­sen akti­ven Mob­bings durch­lau­fen: Intri­gen, ver­ba­le Über­grif­fe, offe­ne Demü­ti­gung über einen län­ge­ren Zeit­raum. Ein nor­ma­les Jugend­buch wäre nach einem Hap­py­end dann fer­tig (ihr ward böse, jetzt habt ihr euch wie­der lieb und alle ler­nen dar­aus). Die­ses Jugend­buch ist da etwas anders.

In der Klas­se gibt es eine dunk­le Vor­ge­schich­te zum The­ma Mob­bing. Ziel war zwei Jah­re vor der eigent­li­chen Hand­lung ein ande­rer Schü­ler. Die Mecha­nis­men waren damals gleich. Es kam zu einem sehr unschö­nen Ende, dass an der Schu­le voll­stän­dig tabui­siert wur­de: Nie­mand spricht mehr davon. Auch die Rädels­füh­rer waren damals schon die glei­chen. Auf der Klas­se liegt wäh­rend der gesam­ten Hand­lung ein dunk­ler Schat­ten, des­sen Kon­tu­ren sich dem Lesen­den erst nach und nach offen­ba­ren. Dar­in liegt ein Reiz.

Ein ande­rer liegt dar­in, dass auch die Lehr­kräf­te einen Spie­gel vor­ge­hal­ten bekom­men. Nicht nur die „dum­men Kin­der­lein” ler­nen etwas — auch die eben­falls weg­se­hen­den Ver­trau­ens­per­so­nen wer­den als wesent­li­cher Teil des Sys­tems „Mob­bing” offen­bar.

Die Haupt­hand­lung wird von der Erzäh­le­rin immer zur Vor­ge­schich­te in Bezie­hung gesetzt. Der Lesen­de erfährt erst nach und nach die grau­en­vol­le Ver­gan­gen­heit und die unglück­se­li­ge Ver­qui­ckung so vie­ler Figu­ren dar­in.

Durch die inhalt­li­che Anla­ge und vor allem die zwei deut­lich unter­scheid­ba­ren Erzähl­ebe­nen bie­tet die­ser Text eine Fül­le von Ansatz­punk­ten für das Fach Deutsch — das hat man bei Jugend­bü­chern eher nicht so oft. Man kann z.B. fol­gen­de Aspek­te behan­deln:

  • inne­re Welt — äuße­re Welt
  • Per­spek­tiv­wech­sel (inne­rer Mono­log)
  • Dis­cours vs. His­toire (Dar­stel­lung der Ereig­nis­se in der Erzäh­lung vs. tat­säch­li­che Chro­no­lo­gie)
  • sprach­li­che Mit­tel, Erzähl­tech­nik (erleb­te Rede, Bewusst­seins­strom)
  • Kri­tik am Schluss (wird hier nicht ver­ra­ten)
  • und natür­lich die übli­chen Ver­däch­ti­gen (expo­si­to­ri­scher Anfang, Struk­tur der Erzäh­lung, Span­nungs­auf­bau und -ver­lauf)
  • Lässt sich gut kom­bi­nie­ren mit Kör­per­übun­gen zum The­ma

Mir ist in den letz­ten Jah­ren sel­ten ein Jugend­buch unter die Fin­ger gekom­men, wel­ches so ergie­big für Basis­fer­tig­kei­ten im Fach Deutsch war und das auch Pha­sen los­ge­löst von der rein inhalt­li­chen Ebe­ne zuließ.

Geeig­net für eine leis­tungs­star­ke Klas­se 7 oder eine Klas­se 8. Geht auch gut in Koope­ra­ti­on mit Reli­gi­on. Jun­gen und Mäd­chen wer­den glei­cher­ma­ßen ange­spro­chen.

Ach ja: Erschie­nen im Carl­sen Ver­lag (6,95 Euro)