Ist unser Verhalten algorithmisch vorhersagbar?

Am Wochenende geisterte ein verstörender Artikel durch Twitter – „Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt“. Mit der „Bombe“ war gemeint, dass ein Forscher namens Michal Kosinski glaubt anhand von Facebook-Likes recht intime Dinge von Menschen vorhersagen zu können – etwa die sexuelle Orientierung.

Den Originalttext der Studie findet man hier, erste Auseinandersetzung mit der statistischen Qualität hier. Die Studie wurde schon vor einiger Zeit medial diskutiert, gewinnt natürlich aber natürlich im Kontext des Brexit oder der Trumpwahl wieder an Brisanz: Sind beide Wahlen vielleicht über Social-Media-Bots gezielt manipuliert worden? Nutzt vielleicht sogar die AFD diese Technologie, um Wahlergebnisse in ihrem Sinn zu beeinflussen?

Algorithmische Modelle, um das Verhalten von Menschen vorauszusagen oder zu simulieren, gibt es schon sehr lange. Schon in den 60er Jahren entwickelte Joseph Weizenbaum ein nach heutigen Maßstäben primitives Programm, um ein menschliches Gegenüber zu simulieren. Heute kennen wir digitale Assistenten wie Siri oder Cortana, die einfache Funktionen sprachbasiert zur Verfügung stellen.

Etwas Ähnliches macht ein Social-Media-Bot. Im einfachsten Fall twittert er über das Wetter auf Basis von Wetterdaten aus einer Datenbank. Bots gibt es unglaublich viele – manche sind leicht als solche zu erkennen, bei manchen fällt es erst auf, wenn versucht, mit ihnen in Interaktion zu treten. Im Prinzip ist schon ein WordPresssystem, welches bei neuen Artikeln direkt twittert, eine Art Bot. So etwas nutzt natürlich auch die AFD – reiht sich damit aber in die Reihe der anderen Parteien ein.

Natürlich lässt sich ein Bot prinzipiell mit beliebigen Daten koppeln, also auch mit Datenbanken zu Vorhersage von menschlichem Verhalten – Konsinski glaubt ja, eine solche auf Basis von öffentlich zugänglichen Profildaten erstellen zu können.

Damit „sucht“ der Bot im Falle der Trumpwahl also gezielt Profile von Menschen, die noch unentschieden sind und „versorgt“ diese mit geeigneten Artikeln oder schlägt Profile vor, die Trump nahe stehen.

Diese Vorstellung wird in Teilen des Internets als „Angstmacherei“ und „völlig überzogen“ abgetan. Die algorithmische Analyse menschlichen Verhaltens habe sich oft genug als „Bullshit“ herausgestellt. Derartige Darstellungen seien also zu unterlassen (sie könnten die Bevölkerung verunsichern).

Das stimmt für mich nur teilweise. Tatsächlich ist das bezogen auf den Trump- oder AFD-Kontext wahscheinlich Bullshit. Meine Lieblingsgeschichte ist die der Drogeriemarktkette Target, die algorithmisch bestimmen konnte, ob eine Schwangerschaft bei einer Frau vorlag.

Um schwangere Frauen zu beeinflussen, muss nicht zwingend etwas über deren Charakter bekannt sein. Es reicht u.U. schon zu wissen, dass sie schwanger sind.

Hinter der „Angstmachereithese“ stecken für mich gewisse bildungsbürgerlich-romantische Grundannahmen:

  1. Menschliches Verhalten ist sehr komplex, zu komplex, um einer algorithmischen Analyse zugänglich zu sein.
  2. Menschen sind autonome Geschöpfe mit einem freien Willen.
  3. Socialmedia erweitert den Horizont durch die Möglichkeit der unbegrenzten Vernetzung.
  4. Das Internet ist eine Bereicherung der menschlichen Ausdrucksfähigkeit und Freiheit.

Demgegenüber stehen über 50 Jahre algorithmische Entwicklungsarbeit und immense, bisher wohl weitgehend ungenutzte Datenbestände. Das Individuum kann man heute wohl (noch) nicht mit hinreichender Genauigkeit bestimmen – außer Lehrern mit ihren sehr typischen Tweets und Posts :o)…

Bei der Masse bin ich mir da nicht so sicher. Informationsverbreitung kostet heute kaum noch etwas, sodass auch mit Unschärfe das Prinzip der großen Zahl immer noch tragen wird. Bei knappen Entscheidungen muss ich nicht alle adressieren. Wenige Prozent reichen u.U..

Das wäre natürlich doof, weil es den Mythos des freien Internets doch arg demontiert. Wenn Technologiekonzerne und Agenturen bestimmen, was wir sehen und mit wem wir in Kontakt treten – schon irgendwie eher feudalistisch. Sehr beruhigend, dass Google, Facebook, Apple, Amazon und Microsoft ja sehr transparent darlegen, wie ihr jeweiliger Algorithmus eigentlich arbeitet.

Ach nee – das mit der Transparenz war ja nicht in dieser Welt.

 

 

 

Netzneutralität und die Telekom

Weitgehend unbeachtet von vielen Internetnutzern tobt im Hintergrund gerade ein Kampf zwischen Rechenzentrumsbetreibern und der deutschen Telekom als größtem Anbieter von Internetanschlüssen.

Was verkauft die Telekom?

Die Telekom verkauft i.d.R. an Privatkunden sogenannte asymmetrische Internetzugänge, d.h. man kann z.B. Filme sehr schnell aus dem Netz streamen, jedoch z.B. Fotos zu seinen Fotodienst nur langsamer hochladen, z.B. hat man bei VDSL50 einen Downstream von 50Mbit/s und einen Upstream von 10Mbits/s. Bei den mobilfunkbasierten Produkten sieht das ähnlich aus. Naturgemäß laden die Telekomkunden damit mehr Daten aus dem Netz herunter als herauf.

Das hat zu einen technische Gründe, weil man so mehr Kunden einen guten Download bieten kann, zum anderen auch einen strategischen: Wäre jeder Haushalt gut symmetrisch an das Internet angebunden, bestünde irgendwann kaum noch eine Notwendigkeit, seine Webseite bei einem Provider hosten zu lassen und zudem wäre das eigene Netz dann sehr schnell voll mit angreifbaren Servern, die nicht professionell gewartet werden.

Wie kommen die Daten aus dem Internet zur Telekom?

Netze verschiedener Anbieter werden an bestimmten Stellen über Knotenpunkte gekoppelt, damit z.B. Daten US-amerikanischer Anbieter wie YouTube, Google oder Microsoft auch im Netz der Telekom ankommen. Üblicherweise werden die Knoten entsprechend des Bedarfes der Endkunden ausgebaut. Wenn mehr Menschen z.B. HD- oder gar 4K-Inhalte anschauen möchten, muss einerseits derjenige, der die Filme anbietet, besser an das übrige Internet angebunden sein, andererseits muss der Knotenpunkt zur Telekom auch über ausreichend Kapazität verfügen – das Rohr muss also dick genug sein – das kostet Geld.

Und wo tobt jetzt der Kampf?

Die Telekom baut ihre Knotenpunkte zu anderen Anbietern mittlerweile nicht mehr dem Bedarf entsprechend aus, z.B. zum Rechenzentrum von Hetzner, ein größerer Player im deutschen Rechenzentrumsmarkt. Angebote, die Hetzner gehostet sind, laufen damit gerade zur Primetime nur noch sehr langsam über die Telekomleitungen.

Die Telekom sagt: Jahaa! Wenn du Hetzner Daten performant zu uns schieben willst, dann musst du dafür extra bezahlen, so ein dickes Rohr kostet halt Geld! Brisanterweise laufen die entsprechenden Angebote der Telekom schnell durch die Leitungen (z.B. Entertain). Die meisten Rechenzentrumsbetreiber bezahlen anstandslos dann Geld an die Telekom und geben die Kosten an ihre Kunden weiter.

Hetzner macht das auch, aber anders: Hetzner sagt dem Kunden: „Wenn du Daten schnell zur Telekom schieben willst, zahlst du dafür einen Aufpreis, weil nur die Telekom so handelt – alle anderen Anbieter bauen ihre Knotenpunkte ja aus!“ – Hetzner geht es nach eigener Aussage darum, auf die Problematik der Politik der Telekom aufmerksam zu machen und geht dabei auch das Risiko ein, Kunden zu verlieren.

Mit Angeboten von YouTube, Google, Netflix etc. macht die Telekom das nicht bzw. ist anzunehmen, dass da wohl für die „digitale Überholspur“ auch Geld fließt. Die Telekom kassiert damit doppelt: Einmal von den Kunden für den Internetanschluss, der ohne ungebremsten Zugriff zum Internet ja irgendwo blöd ist und zum zweiten von den Anbietern, die das Internet zu Internet und damit das Produkt der Telekom zum Produkt machen.

Die Telekom sagt: Jahaa, ihr Anbieter! Ihr liefert ja viel mehr Daten an unser Netz als wir an euer. Das ist kein Teilen mehr, das ist Transit.

Wir erinnern uns an dieser Stelle daran, dass die Telekom asymmetrischen Anschlüsse verkauft. Und es wäre ja doof, wenn die telekomeigenen Angebote dann super laufen, aber der Steamingdienst aus Pusemuckel ruckelt. Für den Schlichtkunden ist dann klar: Dann kaufe ich doch das Telekomprodukt!

Die Telekom sagt dann: Jahaa, du Streamingsdienst aus Pusemuckel, kannst ja extra zahlen! (nunja, sie haben es dann hinterher ja gar nicht so gemeint …).

Die Problematik

Die Telekom bestimmt somit, welche Dienste in ihrem Netz performant laufen und welche nicht. Das hat mit Netzneutralität und freiem Internet ganz wenig zu tun. Es sind die Kunden der Telekom, welche Daten anfordern und die Telekom muss m.E. schauen, wie sie da kostendeckend arbeitet. Da sie ihre Endkunden nicht die Preiserhöhungen verschrecken will, versucht sie es halt anders. Jeder sollte sich überlegen, ob ein solches Gebahren unterstützenswert ist.

PS: Ich bin Hetzner- und Kabeldeutschlandkunde.

Das Internet und die Romantik

Die eine Geschichte

Wir wissen z.B., dass digitale Datenströme unaufwändig und mit geringen Kosten umfassend überwacht werden können. Die Algorithmik für die Auswertung ist wahrscheinlich noch primitiv, aber da die Datenspeicherung mit dem technologischen Fortschritt auch immer effizienter wird, werden auch irgendwann Daten nutzbar, die vor Jahren aufgezeichnet worden sind. Wäre das eine Randerscheinung – Warum wird dieses Thema so oft in SocialMedia erwähnt?

Wir wissen, dass nicht nur Staaten diese Möglichkeit nutzen, sondern auch die Privatwirtschaft. Stück für Stück werden in Salamitaktik uns immer umfassendere Datenverwertungsverträge, pardon – Nutzungsbedingungen vorgesetzt, die wir gerne annehmen. Schließlich ist die ganze neue Dienstewelt ja mittlerweile unverzichtbar für unser Leben. Ich glaube, dass diese Art der Datenverarbeitung immer wieder die eigentliche Inspiration für die staatliche Überwachung bildet.

Da das Digitale (das Mycel) mit keinem unserer Sinne für uns direkt erfahrbar ist – lediglich die Erscheinungsformen wie Bilder, Videos, Texte (die Fruchtkörper) sprechen unsere eingebauten Sinne an – gibt es noch viel zu wenig gesellschaftliches Bewusstsein, um das immense Macht- und Beeinflussungspotential einzuschätzen – dafür bräuchte es zudem m.E. informatische Kompetenz. Die Möglichkeiten des Users oder auch der der Communities sind arg begrenzt, auch wenn es im Einzelfall Erfolge geben mag. Die Stakeholder sind diejenigen, die Datenströme steuern und die Daten verwalten. Diese Leute auszutanzen ist traditionell schon immer die Domäne der technisch(!) versierten Hacker.

Wir wissen, dass tausende Jugendliche jeden Tag live aus ihrem Kinderzimmer, ihren Klassen, „Wasweißmannoch-Woher“ streamen und sich einer Öffentlichkeit präsentieren. Wir wissen als Lehrkräfte, dass die meisten unserer Mobbingfälle ihren Ursprung im Internet haben. Wenn ich mit Mitarbeitern aus Beratungsstellen rede, bekomme ich die Rückmeldung, dass Beratungsfälle mit Internetbezug ständig zunehmen. Aus Umfragen wissen wir, dass ein nicht unerheblicher Anteil der heutigen Kinder und Jugendlichen so ihre Erfahrungen mit dem Netz gemacht haben. Vor der Erwachsenenwelt macht das nicht halt. Casual Porn wird gerade zu einem neuen Hype – der Thrill ist gerade die Nichteinwilligung der gezeigten Menschen, veröffentlicht zu werden. Die Reaktionen der Opfer sagen viel über den Zustand der Menschen in diesem Internet.

Ich glaube und erfahre zunehmend, dass der Anteil an Jugendlichen stetig wächst, die das Netz mit seinen Möglichkeiten so nutzt, wie wir Staatsbürger, Lehrkräfte, Medienpädagogen in unseren Träumen und Fiktionen das gerne hätten. Ich mache die Erfahrung, dass von meinen diesbezüglichen Bemühungen in besonderer Weise genau die Kinder und Jugendlichen profitieren, die von Hause aus dafür besonders sensibilisiert und damit privilegiert sind.

Diese Liste ließe sich fortsetzen. Ich finde sie jetzt schon als Staatsbürger, Internetnutzer, Vater, Lehrkraft, medienpädagogischer Berater hinreichend interessant, um sie nicht als „Randerscheinung“ zu verharmlosen („überall gibt es böse Menschen“), wie es wieder und wieder in medienpädagogischen Kreisen geschieht. Diese Themenfelder bestimmen meinen Alltag als Staatsbürger, Internetnutzer, Vater, Lehrkraft und medienpädagogischer Berater.

Warum gibt es Menschen die so tun, als ob „Medienkompetenz“ allein irgendetwas daran ändern würde? Die Problemstellung ist multidimensional und damit eben nicht durch einen einzelnen Stellhebel zu ändern. Wer anerkennt, dass die Digitalisierung als Phänomen die Entwicklung des Menschen extrem beeinflusst, muss auch anerkennen, dass Umgangsformen auf vielen Ebenen gesellschaftlich entwickelt werden müssen. Und zwar nicht nur in Schule, sondern auch in Elternhäusern, in Beziehungen, in politischen Systemen, in allen Bereichen, in denen das Digitale eine Rolle spielt.

Alles andere halte ich für eine unzulässige Reduktion. Beim oft bemühten Buchdruck hat das Jahrhunderte gedauert, bis z.B. die Kirche ihren Einfluss auf die Buchinhalte mehr und mehr verloren hat. Wir sind in den ersten Jahrzehnten nach dem Siegeszug des Internets, dürfen also natürlich noch mehr Fragen als Antworten erwarten.

Die andere Geschichte

Ich habe mir letztens einen eigenen, gebrauchten Beamer für den Unterricht gekauft, weil in dem Klassenraum meiner neuen Lerngruppe keinerlei Ausstattung diesbezüglich verfügbar ist. Ohne Zugriff auf dieses Internet kann ich mittlerweile kaum vernünftig unterrichten. Trotzdem arbeitet meine Lerngruppe nicht freilaufend im Netz, sondern in geschützten Räumen, deren Zugänge durch transportverschlüsselte Wege abgesichert sind. Weil ich in diesen Räumen mit Klarnamen operiere, brauche ich natürlich vorher die Einwilligung der Eltern für diese Art der Arbeit. In diesen geschützten Raum hinein dürfen sich die Schülerinnen natürlich auch Artefakte aus dem Netz holen und beliebig rekombinieren, wenn die Quelle klar ersichtlich ist und eventuelle Lizenzbestimmungen eingehalten werden – über ihr Handy. Das ist sowieso immer dabei und es gibt eigentlich nur bestimmte Regeln für die Nutzung dieser „Kulturzugangsgeräte“ oder „Kontrollüberwindungsgadgets“ in meinem Unterricht. Diese sehen zunächst so aus:

  • Dein Handy ist in den Unterrichtsstunden auf lautlos geschaltet
  • Du verzichtest auf jedwede nicht unterichtsbezogene Kommunikation (WhatApp, Facebook, SMS usw.)
  • Du darfst dein Handy mit Unterrichtsbezug (z.B. zum Nachschlagen von Worten) verwenden, wenn es die jeweilige Situation erlaubt und niemand dadurch gestört wird.
  • Am besten legst du dein Handy mit dem Display nach unten oder in einer “Socke” deutlich sichtbar vor dich auf den Tisch zu deinem Arbeitsmaterial.
  • Dein Handy wird dir gemäß der geltenden Schulordnung für die Dauer der Deutschstunde entzogen, wenn du dich nicht an diese Regeln hältst.

Der nächste logische Schritt wäre, diese Geräte mit in das Schul-WLAN zu integrieren. Schon jetzt kommt das örtliche Handynetz in Schulpausen so an seine Grenzen. Dazu rüsten wir demnächst technologisch gewaltig auf. Das Schulnetz besitzt einen rudimentären Webfilter, der von einer Community geflegt wird und der rechtlich völlig ausreicht. Der Filter arbeitet nicht invasiv und schaut z.B. nicht in SSL-Verbindungen hinein (z.B. durch Zwischenzertifikate).

Die Schülerinnen und Schüler sind erfindungsreich im Überwinden des Filters oder anderer „Sicherheitsfunktionen“ des Netzes. Einige verstehen, was sie da tun und wachsen daran mehrfach – ich als Administrator schätze dieses Katz- und Mausspiel sehr, weil auch ich dadurch immer mehr über Systeme lerne (meines und andere).

Das Internet geht ja nicht wieder weg. Und die Aspekte aus der ersten Geschichte lassen sich ohne das Internet kaum sinnvoll vermitteln. Ich nutze das Netz.

Die Konsequenz für mich

Ich will Alltagsunterrichtsprodukte meiner Schülerinnen und Schüler nicht im Netz sehen. Für das Tagesgeschäft gilt bei mir das Prinzip: All unfiltered in – something filtered out. Ein öffentliches Projekt mit Schülerinnen und Schülern im Internet muss eine Relevanz besitzen, um gegenüber z.B. dem Plakat oder Schulheft einen Mehrwert zu bieten: Die Rezeption sollte in meinen Augen organisiert sein. Ich habe jetzt nach mehreren Jahren zu ersten Mal eine Idee und eine Lerngruppe, mit der ich mir das vorstellen kann. Wenn immer alle Schulen mit allen Lerngruppen so arbeiten, mag das explorativ und wünschenswert sein, aber eine Unmenge an Content von begrenzter öffentlicher Relevanz erzeugen. Die unmittelbare soziale Umgebung wird hier anders zu bewerten sein und damit im Fokus stehen müssen.

Schönfärberei in Teilen der Medienpädagogik

Meidienpädagogen wie der öffentlich zurzeit sehr präsente Philippe Wampfler brechen eine Lanze für das Verhalten der Jugendlichen.  Zu YouNow wird er von einer Quelle so zitiert:

«Weil Younow nicht per se etwas Negatives ist», sagt der Lehrer und Kulturwissenschaftler Philippe Wampfler: Der Dienst spiele mit der Suche nach Aufmerksamkeit – dem Teen­agerthema schlechthin. Es gehe auch darum, Medienkompetenz im positiven Sinne zu zeigen. Die Jugendlichen müssten das Publikum unterhalten, etwas bieten. Je mehr Zuschauer man bei Younow habe, desto höher steige man im Ranking, und desto besser sei man für die anderen Nutzer sichtbar. Dieser Wettbewerb um Aufmerksamkeit könne Spass machen und Kreativität fördern, betont Wampfler. Es gebe auch Jugendliche, die Unterhaltungstechniken berühmter Vorbilder imitierten. Andere machten Musik. «Viele Jugendliche sind allerdings bereit, Vernunftregeln zu brechen, wenn sie dafür Aufmerksamkeit erhalten.» Sie sagten sich: «Das ist es mir irgendwie wert.»

Ich weiß nicht, ob P.Wampfler hier korrekt wiedergegeben wird, jedoch ist dieses Zitat in meinen Augen prototypisch für einen bestimmten Teil der Medienpädagogen. Wampfler ist es immer daran gelegen, Zustände zu beschreiben. Eine Wertung von Verhalten erfolgt i.d.R. nicht. Stattdessen stehen die Möglichkeiten der Onlineangebote im Vordergrund. Diese bezweifle ich nicht. Ich bezweifle aber, dass eine Mehrheit der Jugendlichen Dienste wie YouNow in einer Weise nutzt, wie sie in den Augen mancher Medienpädagogen „gemeint“ sind.

Ich bezweifle, dass das auf Jugendliche beschränkt ist. Und ich bezweifle, dass das alles „Randphänomene“ sind. Ich bezweifle die oft anzutreffende ungeheure Idealisierung. Pubertät ist geprägt von extremer Ambivalenz. Exploratives und kritikwürdiges Verhalten stehen in der Hochzeit dieser Phase paritätisch nebeneinander. Ich bezweifle Studien mit nur sehr geringer Stichprobengröße. Ich bezweifle, dass gerade die Geisteswissenschaft mit ihrer historisch langsamen Begriffsbildung schon ausreichend Methoden gefunden hat, mit den Phänomenen der Digitalisierung angemessen umzugehen. Das ist in Ordnung und ein völlig normaler Zustand in der Zeit des Überganges, in dem sich die Gesellschaft gerade befindet.

In Bezug auf Jugendliche ist mir Beschreiben und Begriffsbildung entschieden zu wenig. Ich werde in meinen Reaktionen und Wertungen der Phänomene im Internet in der Rückschau oft falsch liegen. Ich mache mich durch Festlegungen wie in meiner „anderen Geschichte“ von oben angreifbar. So what?

Ich bleibe Reibungsfläche. Das macht nicht immer Spaß. In Bezug auf Erziehungsfragen gibt es aber keinen anderen Weg für mich. Immer neue Beschreibungen und immer neue Begriffe von Seiten geisteswissenschaftlicher Forschung auf „Industriegesellschaftsniveau“ und mit „Industriegesellschaftsmethodik“ nützen mir dabei eher wenig.

Zukunftsapodiktionen

Hinweis:

Das folgende Interview ist eine Fiktion. Eine einseitige Fiktion, in die jede gutmeinende Kraft des heutigen Netzes – etwas Boshaftigkeit vorausgesetzt – integriert werden kann. Der Gegentext existiert auch schon in meinem Kopf, klingt aber bei Weitem nicht so realistisch :o)…

 

Erstmalig ist es Reportern der Haute Daily gelungen, Eric Baldwin, CEO des Internetmonopolisten „Event Horizon Inc.“ zu einem Interview anlässlich der Implementierung des Ethikrates innerhalb des Unternehmens zu bewegen. Details zu diesem Rat wurden durch den Whistleblower Peter Foomatic im Verlauf des letzten Jahres bekannt.

HD: Herr Baldwin, wie kam es zu der Einsetzung es Ethikrates bzw. überhaupt zu der Idee, technologische Innovation durch Philosophen, Rechtsgelehrte und Volkswirte begleiten bzw. die spätere Umsetzung selbst von ethischen Kategorien abhängig zu machen?

EB: Dazu müsste man weit in die Geschichte des Internets zurückgehen, die ja auch Teil der Geschichte unseres Unternehmens ist. Im Grunde genommen ist der Ethikrat Ausdruck einer Arroganz. Verkürzt dargestellt wollen wir den Nutzer vor sich selbst schützen.

HD: Das bedarf jetzt aber einer Erläuterung, Herr Baldwin!

EB: Wir gehen einmal in die Jahre 2008-2018 zurück, also in eine Zeit, in der der Peachkonzern noch selbstständige Aktiengesellschaft war, bevor er schließlich in unserem Konsortium aufging. Peach ist es gelungen, einen fundamentalen Bedarf in der Bevölkerung zu decken, der sich in den Jahren zuvor in der Auseinandersetzung mit dem Betriebssystem „Weichfenster“ entwickelt hatte: Technik als Gegner und Zeitfresser, der User als ständiger Verlierer. Vor allem letzteres hatte immense psychologische Konsequenzen: Niemand steht gerne hilflos da, das Belohnungssystem unseres Gehirns braucht Erfolgserlebnisse. Mit Peachprodukten waren auf einmal diese Erfolgserlebnisse wieder da: Man konnte Daten über mehrere Geräte hinweg synchronisieren, man konnte Medien auf einfache Art und Weise an fast jedem Ort konsumieren, man konnte sein Zeit effektiver gestalten durch z.B. eine funktionierende Terminverwaltung und Bündelung der Kommunikationswege – man konnte überhaupt „sein Netz“ überall hin mitnehmen – das pTalk, erstes SMARTPhone seiner Art,  hat die Welt verändert: Ergo man war in seiner Wahrnehmung technisch wieder kompetent und zahlte dafür auch gerne.

HD: Ein profitables Geschäftsmodell, das im Wesentlichen auf Niedriglohnpolitik in Asien basierte, quasi eine moderne Form des Koloniallismus.

EB: Nennen Sie mir eine Firma, die dieses Prinzip in dieser Periode nicht verfolgt hat. Die Anforderungen des Marktes waren halt so. Es ging nicht um eine lange Nutzungsdauer oder Nachhaltigkeit der Geräte. Speziell Peachgeräte wiesen zwar eine lange Lebensdauer auf, jedoch wollten die Nutzer immer etwas Neues, was kurze Innovations- und Produktionszyklen erforderte, damit das Unternehmen wirtschaftlich wachsen und die Ansprüche seiner Aktionäre bedienen konnte. Also war das primäre Ziel Wirtschaftlichkeit, hier insbesondere in Form hoher Margen. Weiterhin war es Strategie, die Kunden an das eigene Ökosystem zu binden, wie es Searchiegigant schon etwas länger vormachte. Den Kunden machte das wenig aus, da das Ganze bei Peachgeräten eben einfach funktionierte und bei Searchiegigant eben technisch leistungsfähig und kostenlos war.

HD: Also eine Befreiung durch technologische Innovation. 

EB: Ja und nein. Diese Zeit ist Ursprung einer Entwicklung, die wir heute kritisch sehen. Wir haben hervorragend davon gelebt, dass die Nutzer in der Mehrzahl technisch weitgehend inkompetent waren. Sie können oder wollen Ihren DSL-Router nicht konfigurieren? Kein Problem, sie bekommen von uns eine fernwartbare Blackbox. Ihr Betriebssystem soll einfach funktionieren? Gerne, wir konfigurieren es zentral aus der Cloud usw.. So kam es, dass die meisten Nutzer sich zwar auf einer kommunikative Ebene kompetent im Netz bewegen konnten, von der Funktionsweise von Hard- und Software aber zunehmend entfremdet wurden – genau das war das Geschäftsmodell, da wir so Abhängigkeiten schaffen konnten, die zu einer Kundenbindung führten.

HD: Aber es gab doch immer schon kritische Stimmen. Vor allen in den damaligen klassischen Printmedien fanden in den Feuilletons und in zahlreichen Blogs dezidierte Auseinandersetzungen mit ihren Geschäftspraktiken statt. Wollen Sie Ihre damaligen Kunden als inkompetent darstellen? 

EB: Als technologisch (das ist eine wichtige Einschränkung!) inkompetent und vor allem naiv, ja. Das klingt hart. Aber aus dieser Zeit stammen aber alle Daten, die wir heute für die Geschäftszweige nutzen, die für uns die profitabelsten sind. Die Entwicklung hin zu neuen Geschäftsfeldern wie dem Versicherungs- und dem Kreditwesen basiert auf Daten, die die Menschen uns freiwillig gegeben haben auf Plattformen, die sie als integral für ihr Leben empfunden haben und immer noch empfinden. Dabei haben wir anfänglich die Algorithmen bewusst „dumm“ gestaltet: Wer z.B. eine Kaffeemaschine kaufte, bekam über unsere Werbenetzwerke nur noch Kaffeemaschinen in Werbeanzeigen angepriesen. Er konnte dann mit dem Finger auf uns zeigen und sagen: „Schaut her, was für eine dämliche Algorithmik!“ Es war wichtig, Menschen dieses Überlegenheitsgefühl gegenüber Technik zu geben, obwohl sie schon längst davon entfremdet waren, damit sie uns weiter Informationen über sich lieferten.

Wir können heute so die verlässlichsten Aussagen zu Kreditwürdigkeit eines Menschen machen. Wir wissen heute über den Lebenswandel und damit über mögliche gesundheitliche Risiken eine Menge, sodass wir maßgeschneiderte Tarife anbieten können. Ebenso helfen uns die gesammelten Geodaten von Tablets und Handys, um Aussagen über das Fahr- und Reiseverhalten machen zu können. Damit zahlt jeder bei uns für sein individuelles Risikoprofil. Im Prinzip profitieren diejenigen davon, die sich möglichst risikoarm im Sinne unserer Algorithmik verhalten – was für unsere Entwicklungsabteilung hinsichtlich der Nachwuchsaquise zunehmend problematisch wird – dazu aber später mehr. Es ging ja um die Naivität: Die Naivität bestand darin zu glauben, dass persönliche Daten für niemanden einen Wert besitzen. Dass dem nicht so ist, wurde durch die Snowden-Affäre zwar überdeutlich, aber die Konsequenz für die meisten Nutzer wäre gewesen, Bequemlichkeiten aufgeben zu müssen – und sei es nur die Bequemlichkeit, die politischen Gruppen nicht aktiv oder passiv zu unterstützen, die uns hätten Paroli bieten können. Das erschien jedoch den meisten nicht realistisch, ja es ging sogar noch weiter: Mahner in dieser Entwicklung wurden oft als rechthaberisch, bzw. von „oben herab“ empfunden. Psychologisch verständlich, da ihnen zu folgen bedeutet hätte, Verhalten ändern zu müssen. Für uns lief das so schon ganz gut.

Dabei kam uns zusätzlich eine Paradoxie sehr zu pass: Gegenüber dem Staat gab es enorme Empfindlichkeiten, wenn dieser seine Zugriffsmöglichkeiten erweitern wollte, gegenüber uns nicht. Der Staat musste zumindest demokratische Konsequenzen befürchten – im Prinzip konnte man Regierungen abwählen, wir konnten die Informationsströme so steuern, dass unsere Begehrlichkeiten und Verfehlungen  nicht lange im Fokus der Öffentlichkeit blieben. Mit jeder AGB-Änderung im Juristendeutsch konnten wir austarieren, wie weit man gehen konnte. Das las ja niemand und liest es bis heute nicht. Die gut gemeinten staatlichen Aufklärungspflichten kamen uns dabei sehr entgegen, weil sie die Vertragswerke lediglich weiter aufbliesen.

Der Staat hätte uns zwar politisch Einhalt gebieten können, aber das hätte kaum eine Regierung länger als eine Legislaturperiode überlebt. Deshalb der Deal mit den standardisierten Schnittstellen wie in den frühen Anfängen die SINA-Box. Das Staat bekam die Informationen, die er meinte zu brauchen und ließ im Gegenzug uns dafür in Ruhe.

HD: Sie leben doch ausgesprochen gut von der Taktik, die Sie da gefahren haben. Sollten Sie den Nutzerinnen und Nutzern nicht dankbar sein?

EB: Unsere Natur ist nicht die Dankbarkeit. Das ist ein wirtschaftliches Überlebensprinzip. Und es war kein Plan, sondern es hat eben so ergeben, weil es unsere Natur ist. Und es wäre so nicht möglich gewesen, wenn wir die Welt für den Nutzer nicht auch zum Positiven gewendet hätten. Der Zugang zu Bildung, Kunst und Kultur ist durch uns weltweit für jedermann möglich geworden. Jeder konnte auf einmal ein Sender sein und seine Ideen verwirklichen – freilich blieben die meisten Konsumenten. Das ist objektiv ein medialer Wandel, der ohne Weiteres mit dem des Buchdrucks ergleichbar ist. Dabei haben wir nie zwischen großen und kleinen Playern unterschieden, sondern vor allem unsere Suchalgorithmen nach qualitativen, möglichst neutralen Gesichtspunkten gestaltet. Wer keine Qualität in unserem Sinne bieten konnte, musste sich eben hochkaufen, indem er uns direkt Geld bezahlte oder sein Glück mit SEO-Agenturen versuchte, mit denen wir uns immer ein Rennen lieferten, was für die SEOs schlussendlich nicht zu gewinnen war. Das merkten die Kunden dann und zahlten gleich direkt an uns.

Taktiken gab es aber auch: So suchten wir uns gezielt Personen, die in den sozialen Netzwerken über einen hohen Reputationsgrad verfügten, um vorgeblich kritische Meinungen zu streuen, die aber letztlich in unserem Sinne waren. Die Idee kam dabei von Agenturen, die über eingekaufte Agenten Produktbewertungen platzierten. Wir mussten lernen, wie diese Bewertungen zu formulieren waren, damit sie als authentisch aktzeptiert wurden. So ließen sich auch Warenströme steuern und Überkapazitäten viel geschickter nutzen als über klar erkennbare Abschreibungskampagnen, wenn sich ein Hersteller mal hinsichtlich der Attraktivität seines Produktes verkalkulierte und es zum Schleuderpreis auf den vorwiegend dann Bildungsmarkt warf. Im Bildungsmarkt zielten wir dabei auf Multiplikatoren. Wenn man diesem das lang verlorene Kompetenzgefühl in technischen Dingen zurückgab, kauften Sie auch Geräte zum Normalpreis und warben Gelder für die Beschaffung größerer Chargen wie selbstverständlich ein. „Psychology overrides costs“ sagte da unser Vertrieb immer.

HD: Das ist doch unglaublich unfair. Gerade der Bildungsbereich war doch über Jahre dem technischen Fortschritt weit hinterher. Werfen Sie jetzt den dort Tätigen auf noch Naivität und Unwissenheit vor, denen doch vorwiegend das Aufholen dieses Rückstands und damit die Vorbereitung der ihnen anvertrauten Menschen auf den Arbeitsmarkt am Herzen lag und – mit Verlaub – auch immer liegen wird?

EB: Die Motive dieser Menschen stelle ich doch nicht infrage. Wir haben doch gerade die Situation, die sie da beschreiben zu nutzen gewusst, wobei beide Seiten schlussendlich profitiert haben. Daran ist nichts verwerflich. Wir hatten etwas, was andere nicht hatten und es ihnen verkauft. So ist das in unserem Wirtschaftssystem. Hätte man jetzt alle dazu nötigen sollen OpenSource-Produkte einzusetzen und alles an möglichen Diensten selbst zu hosten? Sie haben vielleicht schon vergessen, wie es um die Patchlevel der allermeisten Joomla!-Installationen von Schulen bestellt war und hätten dann das Gejammer hören sollen, wenn wir diese wegen Virenbefall aus den Suchergebnissen ausgelistet haben. Lehrer und Bildungstreibende waren bemüht, aber letztendlich doch eher dilletantisch bei der technischen Umsetzung. Das können wir besser, verlässlicher und vor allem sicherer. Das zeigt die Zuverlässigkeit unserer Dienste über Jahre hinweg. Wenn der Staat es anders gewollt hätte, wäre sogar mit uns etwas möglich gewesen.

Aber der Staat war den veränderten Umständen mit seinen althergebrachten politischen System nicht gewachsen, quasi kaum noch reaktionsfähig – anders sind Entwicklungen wie das damalige Leistungsschutzrecht kaum zu erklären. Die einst mächtigen Presseverlage sind aber dann ja schlussendlich an ihrer Personal- und Vergütungspolitik zugrunde gegangen. Wir bieten Buchautoren und Journalisten mittlerweile profitablere Verdienstmöglichkeiten.

HD: Und Sie haben selbst von unzähligen kostenlos agierenden Leistungsträgern profitiert.

EB: Natürlich nutzen wir Entwicklungen aus dem OpenSourcebereich. Natürlich verbessern wir unsere Texterkennungs- und Übersetzungsalgorithmen mit Hilfe von Menschen, die davon kaum etwas mitbekommen. Nur ist der Beitrag jedes Einzelnen dabei so minimal, dass man da kaum von Ausnutzung sprechen kann. Die Menschen geben uns diese Leistung freiwillig, genau wie damals bei Wikipedia, das wir nun als Projekt weiterentwickeln und es geschafft haben, die Autorenknappheit maßgeblich zu kompensieren.

HD: Sind nicht Sie mittlerweile derjenige, der für uns die Partner aufgrund der Social-Media-Profile über Gesichtserkennungsalgorithmen aussucht? Steuern Sie nicht die Interessen des Einzelnen durch maßgeschneiderte Suchergebnisse? Kontrollieren Sie nicht damit auch das Wissen? Sind Sie nicht schon viel zu mächtig geworden?

EB: Genau das ist unser momentanes Problem, weswegen wir zukünftig jede technologische Innovation durch eine Ethikkommission begleiten lassen wollen. Die Leute sehen mehr und mehr das, was unsere Algorithmik als sinnvoll für sie auswählt. Wir führen genau darauf zurück, dass wir immer weniger kreative Köpfe für die Arbeit in unserem Unternehmen finden. Die meisten Bewerber können wohl Bekanntes reassemblieren und remedialisieren und das auch ästhetisch ansprechend, aber es fehlt zunehmend an fundiertem technologischen Wissen (das haben auch wir der Bevölkerung „wegerzogen“) gepaart mit Quertreiberei. Die Absolventen sind uns zu uniform, so sehr auf das gefällige Lösen immer neuer Aufgaben gepolt. Sie gehen insgesamt weniger Risiken ein. Sie haben oft Angst, im privaten Bereich Veränderungen hinnehmen zu müssen und passen sich daher im Beruf aus unserer Sicht zu stark an.

Deswegen wollen wir nun selbst das Rad ein wenig zurückdrehen und darüber diskutieren, was es eigentlich bedeutet, wenn eine Frau einem Mann in einer Bar keinen Drink ausgibt, weil ihr unser Gesichtserkennungsalgorithmus mitgeteilt hat, dass sie mit der „Zielperson“ aufgrund unterschiedlicher Interessen und des vorangehenden Lebenswandels nicht kompatibel ist. Unsere Vorstellung von Kompatibilität hat eben immer auch ethische Dimensionen.

Warum sollte weiterhin der schon zweimal gescheiterte Start-Up-Gründer nicht kreditwürdig sein, wenn es doch in seinem Scheitern vielleicht für den dritten Versuch gereift ist. Wo liegen da die Grenzen der Algorithmik, wo ihre Chancen?

Im Grunde genommen waren diese Fragen immer schon da – etwa als die damalige automatische Ergänzung von Suchbegriffen Personen in eine eindeutige „Ecke“ stellten und Gerichtsentscheidungen uns da Einhalt geboten. Entscheidend für die Person ist ja nicht, dass diese Daten aus Anfragen Dritter algorithmisiert wurden – entscheidend ist die daraus resultierende Wahrnehmung.

Für uns war in der Rückschau sehr wichtig, dass es Leute gab, die die Existenz von Privatssphäre und so etwas wie Eigentum an Daten als Relikte der bürgerlichen Welt abtaten, weil es uns eben weit mehr nützte als den Gutmenschen in ihrem Glauben an eine bessere Welt. Auch das ist ethisch schwierig, wie wir heute wissen.

HD: Wir danken ihnen für dieses Gespräch, Herr Baldwin!

Was ich im Netz nicht veröffentliche

Die Netztage Springe rücken näher. Im Gegensatz zum üblichen Web2.0-Optimismus-Sprech wird hier schon in der Ankündigung ein eher düsteres Bild vom Netz mit seinen Wirkungen gezogen, die es auf Gesellschaft und Kultur entfaltet. Ich biete einen Vortrag zum Thema „Die eigene Datenspur ownen“ an – ein Ausdruck, der von Kristian Köhntopp stammt. In diesem Vortrag geht es um Dinge, die ich im Netz mache und Dinge, die ich nicht oder teilweise auch nicht mehr mache. Ich orientiere mich seit Jahren dabei nicht an Aussagen von Socialmedia-Experten, sondern ausschließlich an solchen von Menschen mit solidem technischen Hintergrund. Insbesondere zwei Artikel von Doepfner (kommerzialisiertes Internet) und Lanier (eher pragmatischer Techniker) zeigen eigentlich ganz gut, wo wir nach meiner Ansicht mit dem Netz heute stehen.

Fotos, Videos und aufbereitete Erlebnisse aus meinem familiären Umfeld

Ich habe fünf Kinder und versuche trotz meiner beruflichen Einbindung es so hinzubekommen, dass ich das nicht nur nach außen sage und tatsächlich meine Frau die Kinder dann „hat“. Das ist nicht immer leicht und auch der Hauptgrund dafür, dass man mich eher selten auf Barcamps antrifft. Familienleben findet eben oftmals geballt am Wochenende statt, da will ich dann da sein.

Philippe Wampfler hat pointiert und hervorragend argumentiert, warum Fotos und Videos von den eigenen Kindern im Netz nichts verloren haben. Die Diskussion zu diesem Artikel ist absolut lesenswert.

Aber auch Geschichten aus meinem familiären Alltag sind für mich absolut tabu für die Veröffentlichung. Dabei zählen gerade solche Blogs und solche Blogs zu meinen Favoriten. Beide Autorinnen ind sich nach meiner Meinung der Grenzen und Probleme ihrer Inhalte sehr bewusst und bewegen sich sehr kompetent in diesem Spannungsfeld. Ich lerne sehr viel von beiden und es macht Spaß, die Texte zu lesen.

Für mich gehören solche Dinge jedoch in kleinere Kreise, aber auch in Vorträge, die ich halte und deren Aufzeichnung ich genau deswegen nicht wünsche. Ich schlage für mich und meine Geschichten da mehr „soziales Kapital“ heraus – wenn man das so kapitalistisch überhaupt sagen kann. Das Gesagte ist flüchtig, das Digitalisierte nicht zwangsläufig.

Mir ist sehr bewusst, dass dadurch ein recht distanzierter Eindruck meiner Person im Netz entsteht. Aber genau das ist so gewollt und vielleicht auch Teil einer Inszenierung, die sich natürlich strukturell nicht von der Selbstdarstellung vieler Menschen in sozialen Netzwerken unterscheidet, nur dass diese bei mir eben sehr kontrolliert abläuft.

Anekdoten und „Produkte“ aus dem Schulleben

Martin Klinge ist der Prototyp eins Bloggers, der Außenstehenden humorvoll, kritisch und oft auch sehr mutig Einblicke in die Welt der Schule ermöglicht. Er hat viele Leser, überregionale Aufmerksamkeit und doch schon so manches Mal aus technischen Gründen sein Blog fast geschlossen – Mensch Martin :o)… Ich war eine zeitlang in dem Bereich auch offener, hatte aber ein bestimmtes Erlebnis mit einem Artikel, der bis heute zu den populärsten dieses Blog gehört. In der Diskussion dazu haben mir Schülerinnen und Schüler gezeigt, dass das Entscheidende nicht meine Interpretation von Anonymisierung ist, sondern das, was Außenstehende wiedererkennen wollen. Gerade Schülerinnen und Schüler in der Pubertät können hier eben nicht immer abstrahieren. Ich hatte das Glück, die Sache direkt klären zu können – andernfalls wäre schultypisch ein Leiche mehr im Keller gewesen.

An Produkten von Schülerinnen und Schülern kann ich rein formal kein Veröffentlichsrecht bekommen. Andererseits finde ich didaktisch-methodische Beschreibungen ohne Belege für eine gewisse inhaltliche Qualität immer schwierig. Dilemma. Herr Rau hatte mal Schülerinnen nund Schülern einen Euro für das Veröffentlichungsrecht gezahlt. Ich selbst habe mit Einwilligungserklärungen der Eltern herumfuhrwerkt. Schlussendlich mache ist das heute nicht mehr.

Ein absolutes NoGo sind auch Erlebnisse mit Kolleginnen und Kollegen. Frl. Rot hat ihr Blog aus Gründen schon privat gemacht, Frl. Krise schreibt auch viel über die Lehrerschaft. Auch diese beiden Blogs lese ich schon ganz gerne, aber stets auch mit einer bedingt voyeuristischen Motivation. Mein persönliches NoGo hat damit zu tun, dass es mein Job ist, Schulen und Lehrkräfte für die Möglichkeiten und Potentiale des des Netzes zu öffnen. Würde bekannt, dass ich das Netz selbst verwende, um bestimmte Dinge öffentlich zu machen, die andere Menschen nicht öffentlich dargestellt haben möchten, bekäme ich sehr rasch ein Glaubwürdigkeitsproblem. Natürlich juckt es immer in den Fingern, über Unterschiede zwischen den Schulformen gerade in Beratungssituationen zu schreiben. Auch in politischen Kreisen (ja, auch da sind wir Medienberater tätig …) passieren gelegentlich Dinge, die ihren Platz ohne Weiteres in einer Satiresendung finden könnten. Journalisten sind da von Berufswegen immer sehr interessiert.

Korrekturgeschichten

Entlarvend finde ich immer wieder Korrekturtweets, die bei manchen Kollegen üblich sind. Bei bestimmten, eher allgemein auftretenden Fehlern ist natürlich eine gewisse Anonymisierung gegeben. Gleichwohl weiß ich nicht, wie ein Schüler oder eine Schülerin, die den betreffenden Fehler gemacht hat, diesen Tweet dann auffasst. Die Deutungshoheit habe ich im Netz nie. Wenn ich mich also dazu äußere, dann allenfalls zur Stapelhöhe oder eben positiv. Zudem passt es für mich nicht, einerseits Defizitorientierung zu beklagen, um dann überwiegend defizitorientiert zu tweeten und sei es nur im Korrekturkontext. Klar rege ich mich über bestimmte Fehler immer wieder auf, lege dann den Stapel aber lieber erstmal weg, bis dieser Mitteilungsmpuls veraschwunden ist.

Hobbys, Vorlieben, Fähigkeiten

Es gibt eine Reihe von Dingen, die im Netz von mir bewusst nicht sichtbar sind. Ich meide Plattformen, die mich dazu verleiten, mehr preiszugeben als ich eigentlich nach eingehender Reflexion für richtig erachte – daher bin ich z.B. nicht auf Facebook und selbst von Twitter hatte ich mich eine zeitlang verabschiedet, um dann mit einem anderen Ansatz zurückzukommen. Des Weiteren verknüpfe ich Accounts verschiedener Dienste nicht, „fave“, „like“ und „plusse“ auch nicht – wenn ich etwas gut finde, versuche ich zu verlinken, zu retweeten oder zumindest kurz zu kommentieren (Kommentare sind im übrigen technisch auch schwerer auszuwerten als logische Operatoren wie Likes). Mir ist das dann wirklich mehr als einen Klick oder inflationäre Einladung wert – ein ganz schöner Anspruch.

Ich könnte mir nie vorstellen, Daten in das Netz zu stellen, die Rückschlüsse auf mein körperliches Befinden zulassen, etwa die Anzahl der gefahrenen oder gelaufenden Kilometer. Dafür  fallen mir viel zu viele künftige Geschäftmodelle ein. Gleiches gilt für Daten aus dem Bereich der Finanzen.

Dadurch bleibe ich in der Wahrnehmung der Menschen im Netz natürlich ambivalent. Einerseits der kritische Mensch, der oft querschlägt, gerade bei Mainstreamdingen und das auch begründen kann, anderseits wohl auch ein Spur Unnahbarkeit, die natürlich auch als Arroganz gedeutet werden muss.

Fazit

Das kann man natürlich alles anders sehen. Mir liegt es fern, das bei anderen Menschen zu werten. Schwierig fände ich aber z.B. Geschrei, wenn mit den freiwillig gelieferten Daten dann tatsächlich Geschäftsmodelle entstehen, die eben nicht für allgemeinen Wohlstand sorgen oder sich als kostenintensiv herausstellen. Unsere Wirtschaftsordnung basiert auf Wachstum.

Wie wahrscheinlich ist es da, dass z.B. Menschen und Schulen, die sich an einen Anbieter fest binden (Mein Lieblingsbeispiel aus der Beratung: Apple) langfristig weniger zahlen?  Dieser potentiellen Konsequenz muss man sich bewusst sein und sie dann eben tragen, falls sie eintritt. Welche Strategie verfolgt Google – ein Konzern, der Daten vermarktet – mit GoogleApps for Education? (für OpenSource werden weder Lernbereitschaft noch Ressourcen ausreichen – man wird in der Fläche zwingend auf kommerzielle Anbieter aus ganz pragmatischen Gründen angewiesen sein). Werden langfristig weniger oder mehr Daten verknüpft und verarbeitet?  Wie werden privaten Krankenkassen in Zeiten steigender Behandlungskosten ihre Gewinne maximieren? Wie die Kreditwirtschaft?

 

 

 

 

 

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