Riecken und die Verlage — Teil 4

Ich gebe ein­mal eine Kor­re­spon­denz mit einem Start-Up sinn­ge­mäß (also nicht im Wort­laut) und anony­mi­siert wie­der — die­se Anschrei­ben fol­gen auch in ihrer Reak­ti­on auf Kri­tik stets ähn­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sche­men, sind also weit­ge­hend aus­tausch­bar — ich habe mitt­ler­wei­le eine net­te Samm­lung sol­cher Threads. Mei­ne Ant­wor­ten sind unge­kürzt bzw. ori­gi­nal:

 

Lie­ber Herr Riecken!

Wir neh­men Sie als kom­pe­ten­ten Autor zu Bil­dungs­the­men wahr und haben gro­ßes Inter­es­se an einem Inter­view oder Gast­bei­trag von Ihnen. Haben Sie Inter­es­se, Ihr Wis­sen uns und unse­ren Lese­rin­nen und Leser zur Ver­fü­gung zu stel­len? Dann freu­en wir uns auf eine Zusam­men­ar­beit.

Vie­le Grü­ße,

Her­bert Sales­ma­na­ger

 

Stu­fe 1: Wir fra­gen mal nach einer Ver­gü­tung / Gegen­leis­tung (Text­bau­stein)

Sehr geehr­te Damen und Her­ren!

Ich freue mich, dass mein Blog Ihr Inter­es­se geweckt hat.  Anfra­gen die­ser Art kom­men immer wie­der ein­mal und ich fra­ge auch immer wie­der die glei­chen Din­ge zurück. Das „höchs­te” Gebot der letz­ten Jah­re lag bis­her bei

a) Total-Buy­out­ver­trag +
b) 20 Euro Auf­wands­ent­schä­di­gung

… meist in Nischen­zeit­schrif­ten, deren Auf­la­ge nicht ein­mal die Abruf­zah­len eines nach­ge­frag­ten Arti­kels in drei Mona­ten, gleich­wohl aber noch ein ande­res Publi­kum erreicht. 

  • An wel­che Bedin­gun­gen ist Ihre Anfra­ge geknüpft?
  • Wel­che Rech­te über­tra­ge ich an dem Text an ihr Haus?
  • Was habe ich kon­kret von der Zusam­men­ar­beit mit Ihrem Haus?


Gruß,

Maik Riecken

Ant­wort:

Lie­ber Herr Riecken!

Sie erhal­ten von uns einen DoFol­low-Link und damit neue Leser für ihre Inhal­te. Dar­über­hin­aus­ge­hen­de Leis­tun­gen sind bei uns im Hau­se nicht üblich. Ich bit­te Sie dar­um um Ver­ständ­nis, dass wir nicht jeden unse­rer Koope­ra­ti­ons­part­ner ver­gü­ten kön­nen. Auch so haben wir bis­her zahl­rei­che Part­ner für unser Pro­jekt gewin­nen kön­nen. Wenn wir den­noch Ihr Inter­es­se geweckt haben, wen­den Sie sich jeder­zeit an mich.

Vie­le Grü­ße,

Her­bert Sales­ma­na­ger

Stu­fe 2: Wir kon­fron­tie­ren mal.

Sehr geehr­te Herr Sales­ma­na­ger,

> Sie erhal­ten von uns einen DoFol­low-Link und damit neue Leser für ihre Inhal­te.

Stimmt lei­der über­haupt nicht mit mei­nen bis­he­ri­gen Erfah­run­gen über­ein. 

> Ich bit­te Sie dar­um um Ver­ständ­nis, dass wir nicht jeden unse­rer Koope­ra­ti­ons­part­ner ver­gü­ten kön­nen. Auch so haben wir bis­her zahl­rei­che Part­ner für unser Pro­jekt gewin­nen kön­nen. 

Ehr­lich­ge­sagt fehlt mir hier jedes Ver­ständ­nis. Das heißt im Umkehr­schluss, dass dann ja auch nicht alle Nut­zer für Ihre Diens­te bezah­len / eine Leis­tung erbrin­gen müs­sen. 

Con­tent hat damit für Sie eigent­lich kei­nen Wert, wird aber gleich­zei­tig genutzt, um Wert­schöp­fung zu betrei­ben.

Sie bie­ten dafür ledig­lich eine Opti­on auf poten­ti­el­le Repu­ta­ti­on. Arg wenig. Da kom­men wir wohl eher nicht zusam­men. 

Gruß,

Maik Riecken

Ant­wort:

Sehr geehr­ter Herr Riecken!

Ihre Hal­tung ist sehr scha­de. Für mich ist es ein neu­er Weg, Inhal­te zu lie­fern, für die ich ansons­ten nicht kom­pe­tent genug wäre. Mit Ihren ande­ren Vor­ur­tei­len oder gar Wert­schöp­fung hat das nichts zu tun. 

Ande­re Blog­ger sind durch­aus inter­es­siert, da ist es scha­de, dass Sie da anders den­ken.

Vie­le Grü­ße,

Her­bert Sales­ma­na­ger

Zusam­men­fas­sung:

Es gibt eine Fir­ma, die ein Blog betreibt, aber haupt­säch­lich Geld mit Inhal­ten ver­dient. Ich wur­de auf die­se Platt­form auch schon ein­ge­la­den und um mei­ne Mei­nung zu bestimm­ten Inhal­ten gebe­ten (also Zeit und Text gegen kei­ne für mich erkenn­ba­re Gegen­leis­tung).

Ich habe da ein wenig Zeit hin­ein­ge­steckt: Die­ses Blog exis­tiert schon län­ger. Gast­ar­ti­kel gibt es auch, jedoch unter einem Sam­me­lac­count mit dem Namen „Ehe­ma­li­ge Mit­ar­bei­ter der Fir­ma”. Als Auto­ren sind dar­über­hin­aus nur Fir­men­an­ge­hö­ri­ge genannt. Die Mut­ter­sei­te ist recht gut gerankt und ein Backlink von der betrof­fe­nen Sub­do­main wäre SEO-tech­nisch schon ein Gewinn, aber die Aus­sa­gen von dem guten Her­bert, dass eine Rei­he von Blog­gern bereits mit­ma­chen, sind m.E. schon ein wenig in sei­nem Sin­ne opti­miert.

Auf die Rech­te­fra­ge geht Her­bert gar nicht erst ein, son­dern stört sich an mei­nen Vor­ur­tei­len ihm gegen­über. Ich bin nicht sicher, ob Her­bert mei­nen Punkt erkannt hat bzw. ob er ihn über­haupt sehen will. Her­bert möch­te eigent­lich kos­ten­los Inhal­te abgrei­fen — vor­der­grün­dig um dem Auto­ren durch einen DoFol­low-Link Repu­ta­ti­on zu ver­schaf­fen.

Dazu muss man wis­sen, dass „DoFol­low-Link” Mar­ke­ting-Sprech für einen ganz nor­ma­len Link ist. Such­ma­schi­nen fol­gen gene­rell erst­mal allen Links, es sei denn, man ver­bie­tet das per Quell­code expli­zit. Eine beson­de­re Gna­de ist ein der­ar­ti­ger Link also nicht, son­dern eben der ganz nor­ma­le Webstan­dard.

Um nicht miss­ver­stan­den zu wer­den: Eine der wesent­li­chen Ele­men­te ver­netz­ter Arbeit ist die unent­gelt­li­che Mit­ar­beit an Pro­jek­ten — das for­de­re ich selbst ja auch immer wie­der ein. Nur müs­sen Auf­wand und Nut­zen in einem Ver­hält­nis ste­hen. Zwei Stun­den Arbeit für einen Arti­kel mit einen Backlink sind für mich ein extrem schlech­tes Ver­hält­nis — gera­de wenn die­se Arbeit für ein kom­mer­zi­el­les Pro­jekt ein­ge­setzt wer­den soll. Und mich wür­de es nicht wun­dern, wenn — gin­ge man dar­auf ein — bald wei­te­re „Ange­bo­te” kämen — z.B. Inhal­te zu erstel­len. Mir tun die Men­schen leid, die nicht so pri­vi­le­giert sind wie ich und von der Erstel­lung von Inhal­ten leben müs­sen.

Paraphrase und Reorganisation

… in z.B. Inhalts­an­ga­ben. Wir Deutsch­leh­rer ver­lan­gen dort oft eine Reor­ga­ni­sa­ti­on wie die­se Visua­li­sie­rung von Achin­gers berühmt-berüch­tig­ter Kurz­ge­schich­te „Das Fens­ter­thea­ter”:

Wir bekom­men sehr oft eine Para­phra­se, wie die­se hier:

Dank die­ser bei­den Visua­li­sie­run­gen, die bei­de in der glei­chen Stun­de ent­stan­den sind und natür­lich sofort als Klein­ko­pie den Weg in die Regel­hef­te der SuS gefun­den haben, wird in mei­nen Augen deut­lich, was ich als Deutsch­leh­rer unter Reor­ga­ni­sa­ti­on in einer Inhalts­an­ga­be — sowie spä­ter wei­ter­füh­rend in Ana­ly­se und Inter­pre­ta­ti­on —  ver­ste­he. Des­we­gen habe ich mich über bei­de Arbei­ten sehr, sehr gefreut. Die Wir­kung ent­steht in mei­nen Augen dicho­to­misch: In der Dif­fe­renz bei­der Visua­li­sie­rung liegt der Erkennt­nis­wert.

Und des­we­gen tue ich mich auch sehr schwer mit der Kate­go­ri­sie­rung in „rich­tig” und „falsch” — bezo­gen auf den Lern­pro­zess.

Der erste Mai

Die ers­te Schlag­zei­le, die mir heu­te Mor­gen  in unse­rer Lokal­zei­tung in die Hän­de fiel:

Zwölf­jäh­ri­ger Jun­ge hat 2,2 Pro­mil­le im Blut

Poli­zei zieht nach dem Mai­fei­er­tag ernüch­tern­de Bilanz

(MT, 5.5.2009, 129 Jg.)

Wenn es inhalt­lich nicht so trau­rig wäre, könn­te es sprach­lich recht lus­tig sein — zuge­ge­be­ner­ma­ßen nur für Deutsch­leh­rer…