Pflichtfach Informatik? Ein Streitgespräch.

Informatikunterricht? Muss das sein..!?

Immer wieder tobt eine Debatte über verpflichtenden Informatikunterricht – Realität ist er aber nur in drei Bundesländern. Verpasst Deutschland beim Computerunterricht eine große Chance? Was ist eigentlich zeitgemäßer Informatikunterricht und… braucht man Programmieren wirklich? Maik Riecken und Jan-Martin Klinge streiten.

Klinge: Maik, du schreibst auf deinem Blog, dass du die Fächer Deutsch und Chemie an einem Gymnasium in Niedersachen unterrichtest. Was hast du mit Informatik zu tun?

Riecken: Nichts Formales, d.h. ich habe weder eine Fakultas dafür oder noch irgendeinen „offiziellen“ Kurs auf der Uni dazu besucht. Mit 14 Jahren habe ich meinen ersten Computer bekommen – einen Amiga500. Darauf habe ich eigentlich fast nur gedaddelt, aber auch erste Gehversuche mit AmigaBasic gemacht. Das war schon was, weil man sogar eine GUI mit Maus hatte und mit AmigaBasic programmieren konnte. Später habe ich dann sogar Dinge in Assembler versucht – angeregt durch die damals schon sehr aktive „Demoszene“ und die Begrenztheit der Hardware – allerdings habe ich es nie geschafft, meinem Kumpel das versprochene Intro zu programmieren – das ist heute noch so ein geflügelter Spruch zwischen uns: „Maik, wo bleibt mein Intro?“ In Kiel gab es später zu PC-Zeiten dann eine Keimzelle der deutschen Linuxszene mit einem monatlichen Stammtisch – von da an ging es ab mit Serverdiensten, Shellscript, MySQL usw.

Klinge: Assembler? Shellscript..?! Ich verstehe nur die Hälfte. Aber der spielerische Aspekt ist mir geläufig: Mit meinen Freunden haben wir in den 90ern Computerspiele mittels HEX-Editor zerlegt und verändert. Wir sahen den Matrix-Code schon lange vor dem Film – aber das war alles Freizeit und Spiel. Ist Informatik an deiner Schule ein Pflichtfach?

Riecken: Nein. Schülerinnen und Schüler können das Fach in der Klasse 10 belegen, wenn sie in der 11. Klasse eine Naturwissenschaft durch Informatik ersetzen wollen. Dann müssen sie dort mindestens ein halbes Jahr „durchhalten“. In Niedersachsen kann jeder Lehrer bis zur Jahrgangsstufe zehn qua Amt alles unterrichten – ich z.B. Informatik. Da schließt sich dann der Kreis.

Klinge: Nun, dann sehe ich mich in der Position vieler Eltern oder auch fachfremder Kollegen: Wenn ich an meinen eigenen Informatikunterricht denke, erinnere ich mich an dunkle Computerräume und erste Programmierversuche in qbasic. Mal ehrlich – nichts, was ich da gelernt habe, hat mir je geholfen. Das war Zeit totschlagen. Für mich ist Informatikunterricht überflüssig.

Riecken: Bei mir war es technologisch noch steinzeitlicher. Ich habe auf einem Apple II gelernt – mit Bernsteinmonitor. Ich meine, das war Pascal oder auch ein Basicdialekt. Es war aber eine unglaubliche Faszination zu spüren – und ein Pioniergeist. Textadventures selbst gestalten, Nadeldrucker ansteuern, Floppydisks organisieren (die Floppy ist heute immer noch das Symbol zum Speichern in den meisten Anwendungen).

Klinge: Schaue ich mir meine zweijährige Tochter an, dann kann sie auf dem Tablet die Displaysperre überwinden, verschiedene Apps starten und in ihrem Lieblingsspiel, Dora Explorer, Puzzle lösen, malen und mit den Figuren interagieren. Ich habe in dem Alter Sand gegessen. Oder Erde. An guten Tagen beides.
Ich will damit sagen, dass Kinder heute von früh auf mit Technologie umzugehen lernen – wozu braucht es da Informatikunterricht?

Riecken: Dann erschließt sich deine Tochter ihre Welt in diesem Bereich medial vermittelt. Sie lernt Interfaces zu bedienen, aber eigentlich nichts über Technik dabei. Da zudem auf Wischgeräten vieles leicht ist – selbst kreativ sein kann man da „ganz einfach“ (im Rahmen dessen, was der jeweilige Programmierer unter Kreativität versteht), kann die haptische Auseinandersetzung mit der Welt dagegen gerne schonmal als mühevoll erlebt werden. Es hängt sehr stark vom Elternhaus ab, ob die Wischgeräte als „Shut-up-Toy“ eingesetzt werden, oder ob ein Ausgleich geschaffen wird und Kinder auch erleben dürfen, dass sie anderswo scheitern und immer neue Strategien entwickeln müssen. Kinder erfahren die Welt mit ihren Sinnen. Geräte sprechen immer nur einen Ausschnitt der Sinne an.

Klinge: Nun, meine Informatikerfahrungen sind offensichtlich antiquiert – was beinhaltet das Fach heutzutage?

Riecken: Ich sage immer, dass Informatik das einzige Fach ist, bei denen ich Schülerinnen und Schüler beim Denken bzw. Ihren Denkschritten zuschauen kann. Eigentlich geht es im Kern oft darum, ein Problem in handhabbare Teilprobleme zu zerlegen. Ich habe in diesem Jahr mit meinen Schülern (sorry, war ein reiner Jungenkurs) viel zum Thema Passwortverschlüsselung gemacht. Aufhänger waren die unzähligen gestohlenen Passwortdatenbanken im letzten Jahr (Yahoo, LinkedIn etc.). Die Schüler wissen jetzt z.B. warum ein Passwort eine gewisse Länge und Komplexität haben sollte und dass eine sichere Passwortspeicherung unmöglich ist, sondern allenfalls eine, die Angriffen eine zeitlang standhält. Dann kann man noch darüber sinnieren, warum selbst große Internetfirmen die Grundregeln bei der Passwortspeicherung nicht befolgen usw. – und schon ist man ganz schnell bei betriebswirtschaftlichen oder gar ethischen Fragen. Reine Medienkompetenzvermittlung ohne informatischen Hintergrund ist in diesem Feld eine reine Blackbox: „Mach dein Passwort lang und komplex!“ „Häh? Warum? Unbequem. Gibt doch ’ne App!“

Klinge: Umgekehrt begegnen mir in der Schule oft Jugendliche, die mit 13 Jahren noch den Ein- und Ausschalter am Computer suchen und überhaupt keine Erfahrung mit einem stationären Computer haben. Diesen Kindern fehlt jede Grundlage – ihnen Programmieren beizubringen scheint herausfordernd – die müssen doch eher lernen, mit Office Programmen umzugehen. Die bräuchten eher einen Schreibmaschinen-Kurs. Wie begegnest du diesem Spagat?

Riecken: Da gibt es heute ganz tolle Ansätze – das Problem haben wir ja nicht nur in Deutschland. „Unplugged“ beginnen, über Klickibunti (z.B. auf code.org) Grundkonzepte erlernen und dann erstmal quasi per „Online-App“ erste Formalisierungen machen. Dafür braucht es anfangs nur einen Browser und die Dateien finden sich auch immer wieder an, da die App alles erledigt. Dann Schritt für Schritt Richtung Dateisystem und Selbstorganisation gehen, bevor man dann komplexere Dinge anfasst – meist aber eher sowas wie die Steuerung von Modellen oder Robotern – dann sieht man auch einen Effekt seiner Codezeilen. Im Zusammenspiel von Mechanik und Software braucht man dann Fehlersuchstrategien, die bei manchen Programmieransätzen besser als bei anderen greifen. So entstehen nach und nach sehr vielfältige Anforderungs- und Arbeitsszenarien.
Die Idee, dass Informatik etwas mit Technologie zu tun hat, halte ich für falsch. Es gibt genug Beispiele dafür, dass Informatikunterricht vollkommen ohne Technologie („unplugged“) funktionieren kann, etwa wenn ich die Lerngruppe Ideen entwickeln lasse, mit welchen Strategien Menschen z.B. nach der Größe sortiert werden können. „Programmieren“ heißt dann schlicht „nur“, diese Strategie zu formalisieren – einfach in ganz normaler Sprache, später in formalisierter – das hilft sogar später beim Deutschaufsatz. Aber im Kern geht es gar nicht darum, sondern um die Konzepte, die z.B. einen Taschenrechner funktionieren lassen.

Klinge: Nun, das klingt sicher für den ein oder anderen spannend – aber letztlich haben doch wenig Schüler ein Interesse daran, eine weitere Fremdsprache zu lernen: Ob das jetzt französisch ist oder Java oder die Grundlagen von Programmen. Als Lehrer leide ich jetzt schon unter dem vollen Plan und der wenigen Zeit. Ein weiteres Fach… Die Kinder haben doch keine Zeit mehr Kinder zu sein.

Riecken: Informatik ist keine Sprache. Informatik ist nicht Programmieren! Wenn wir den Bogen da konsequent weiter spannen: Was ist denn mit Fächern wie Mathe, Chemie, Latein? Lassen wir uns als Gesellschaft davon leiten, ob ausreichend viele Schülerinnen und Schüler Interesse dafür aufbringen (wollen) oder ob Lehrkräfte darunter leiden? Gerade Latein – dieses tote Ding? Ich glaube, dass sehr viele Schülerinnen und Schüler unter diesen Fächern durchaus leiden. Trotzdem diskutieren wir nicht über deren Abschaffung, oder ob diese Fächer frei gewählt werden dürfen. Wenn es damals nach mir gegangen wäre, hätte ich Englisch sofort abgewählt. Heute ist diese Sprache für mich unglaublich wichtig geworden. Latein hingegen hat für mich nur eine sehr geringe Bedeutung. Ich weiß, dass man mir unterstellen wird, mich für einen Kanon einzusetzen, das neue Lernen nicht verstanden zu haben. Wenn ich heute in die Welt schaue, sehe ich kaum Berufe, die ohne digitale Kompetenzen sinnvoll längere Zeit auszuüben sind. Ich sehe weitergehend digitalisierte Zahlungsvorgänge, weitgehend digitalisierte Verwaltungsprozesse – auch in Deutschland – allen Unkenrufen zum Trotz. Ich lese Aussagen von schlauen Leuten in schlauen Feuilletons und denke oft genug: „Was für ein Depp!“ – auf Anwenderebene mag man wohl auf einen recht oberflächlichen Niveau Dinge kommentieren und werten können – eine Ahnung von den technischen Möglichkeiten ist oft nicht einmal in Sicht ohne Grundlagen der Datenverarbeitung zu kennen.

Klinge: Hast du ein konkretes Beispiel?

Riecken: Das smarte Haus ist ein Paradebeispiel für mich. Ein Haus ist ja etwas, in dem man länger lebt. Es gibt zurzeit unzählige Gadgets und Spielzeuge, um das Leben in Eigenheim bequemer zu machen: Elektronische Schließsysteme, Heizungsregelungen, Beleuchtungsartikel, schaltbare Steckdosen, Alarmanlagen etc.. Das Wenigste ist zueinander kompatibel (oder man benötigt spezielle Zwischengeräte, die doch wieder eine Menge Wissen erfordern) und kaum eine Lösung ist so langlebig, dass Updates der Firmware auch über längere Zeit gewährleistet wären. Damit ist das Haus oft in kürzester Zeit ohne Zutun des Besitzers manipulierbar. Die Alternative ist, sich immer wieder neue Gadgets mit den immer wieder gleichen Problemen zu kaufen oder von Anfang an auf Systeme zu setzen, die auf dem ersten Blick viel mehr kosten, auf lange Sicht jedoch sowohl softwaretechnisch als auch konzeptionell und von Zusammenspiel der Komponenten her überzeugen. Mit informatischer Bildung wüsste man in Grundzügen, wie ein Produkt, welches möglichst lange eingesetzt werden soll, prinzipiell designed sein sollte (bei Handwerkszeug und Messern weiß man das ja im Prinzip auch). Und man wüsste, was „kosteneffektiv“ ist und was innerhalb weniger Monate auf irgendeiner Müllhalde in Afrika landen wird – weil z.B. die zugehörige App für das neue Smartphone nicht mehr entwickelt wird.

Klinge: Ich muss gestehen: Das kann ich komplett nachvollziehen.

Riecken: Und, klar kann ich die Welt einfach so benutzen – auch ohne Biologie, ohne Chemie oder Physik und Mathe. Aber irgendwas fehlt dann vielleicht. Und ein recht neuer Teil von Welt scheint mir dann doch der digitale Raum zu sein. Informatik ist die Grundlagenwissenschaft dieses Raumes. Kommen nicht viele politische Regulierungslücken auch durch Unwissen und sehr leichte Beeinflussbarkeit der Verantwortlichen?

Klinge: Auch das kann ich nachvollziehen. Umgekehrt drängt die Wirtschaft darauf, ein gleichnamiges Fach verpflichtend überall einzubinden. SoWi, Erdkunde.. es gibt einen gewaltigen Fundus an Dingen, die wir unsere Kinder gerne lehren möchten. Wo soll man da beschneiden?

Riecken: Wie haben wir als Gesellschaft eigentlich „entschieden“, was wir in Deutsch oder Geschichte „lehren“? Auch darüber lässt sich trefflich streiten. In der Tat ist es ein immenses Problem, wenn die Wirtschaft Inhalte informatischer Bildung bestimmt. Im Falle von Informatik hat dieses „Drängen der Wirtschaft“ deswegen einen Geschmack, weil wir Einflussnahme vermuten und gleichzeitig oftmals keine Ideen haben, was denn da gelehrt werden soll – denn das würde informatische Kompetenzen ebenso erfordern wie medienethische Fragestellungen – Physikunterricht über Atomenergie dürfte in den 70ern anders ausgesehen haben als heute. Der chemischen Industrie werfen wir das Fach Chemie auch nicht vor, eben weil es da Strategien gibt, lobbyistische Tendenzen mehr oder weniger effektiv zu kompensieren. Mit reinem Anwenderwissen wird das im Bereich Informatik eher weniger gut klappen. Ich halte es da mit Günter Dueck: „Man muss nicht überlegen, was man für Informatik denn wegstreichen sollte – das muss man eben auch noch machen!“ Weil die Welt sich eben dahingehend ändert, dass sie komplexer und digitaler wird.

Klinge: Ganz konkret: Findest du, alle Schüler sollten grundsätzlich Informatikunterricht erhalten?

Riecken: Ja.

Klinge: Warum?

Riecken: Weil zukünftig Dinge wie Teilhabe, Souveränität und neutrale Informationsbeschaffung immer mehr von informatischen Kompetenzen abhängig sein werden. Ich hätte aber auch kein Problem damit, wenn das nicht so kommt. Dann wechsle ich halt die Seiten und verdiene ganz viel Geld mit der informatischen Unmündigkeit großer Teile der Gesellschaft. Angesichts der Entwicklung der Altersvorsorge auch keine schlechte Perspektive :o)…

Klinge: Nun, zumindest mein Bild von Informatikunterricht ist nun nicht mehr so antiquiert wie vorher! Mir fällt nichts kritisches mehr ein, aber vielleicht mag der ein oder andere Leser sich in den Kommentaren noch dazu äußern – ich danke dir erstmal für dieses Gespräch!

Eine medienpädagogische Kurzgeschichte

Zunehmend wird davon geredet, Medienbildung mit in einzelne Fächer zu integrieren. Dieser Anspruch wirft oft Fragen auf, wie das bei all dem sonstigen Pensum überhaupt noch zu schaffen sei.

Ich möchte heute ein Beispiel präsentieren, dass zeigt, wie wenig zusätzliche Arbeit notwendig ist, um dieses Ziel zu erreichen. Bewusst knüpfe ich dabei an Methoden und didaktische Ansätze an, die vielen Lehrkräften mit dem Fach Deutsch bekannt sein sollten.

Die Skizze berührt folgende Kompetenzbereiche des neuen KMK-Strategiepapiers:

  1. Suchen, verarbeiten und aufbewahren
  2. Produzieren und Präsentieren
  3. Schützen und sicher agieren
  4. Analysieren und reflektieren

Die vorliegende Unterrichtsidee ist nicht mehr als eine Skizze. Je nach Lerngruppe wird man Veränderungen in der Reihenfolge der vorkommenden Texte vornehmen müssen.

Die Skizze legt den Schwerpunkt auf kritische Aspekte. Sie befasst sich nicht mit den individuellen Vorteilen personalisierter Werbung. Daher ist sie in Teilen natürlich inhaltlich einseitig und durch geeignetes Material bei der Konzeption der gesamten Einheit zu ergänzen.

Die Skizze arbeitet instruktiv mit vorgegebenen Texten. Das kann nicht im Sinne eines neuen Lernansatzes sein. Die sich aus ihr ergebenden Fragestellungen ermöglichen aber ggf. eigene Fragen der Schülerinnen und Schüler.

Die Unterrichtsskizze eignet sich für die Sekundarstufe I, mit Ausnutzung aller didaktischen Potentiale durchaus aber auch für einen Leistungskurs Deutsch im Kontext des Rahmenthemas „Medienkritik“.

Der Kontext

Die US-Drogeriemarktkette „Target“ hat nach Berichten in der Presse einen Weg gefunden, durch Verknüpfung von Kundendaten, elementare Veränderungen im Leben ihrer Kunden zu bestimmen – in diesem Fall die Schwangerschaft inkl. des voraussichtlichen Entbindungstermins. Bezeichnenderweise ist die Originalquelle von Charles Duhigg ( Quelle: http://www.nytimes.com/2012/02/19/magazine/shopping-habits.html – abgerufen am 8.12.2016 ) bereits auf das Jahr 2012 zu datieren – für Internetmaßstäbe nahezu historisch.

Das haben öffentlich-rechtliche Sender in Deutschland schon vor einiger Zeit recherchiert ( Quelle: http://www1.wdr.de/fernsehen/quarks/sendungen/bigdatatalk-kassenbon100.html – abgerufen am 8.12.2016 ). Dazu ist die Verknüpfung vieler Daten notwendig, u.a. müssen auch Kredit- oder EC-Kartenumsätze zwingend mit erfasst werden.

Medialer Aufhänger ist die Geschichte eines Vaters einer 16-jährigen Tochter, der die personalisierte Werbung für sein Kind gelesen hat. Daraufhin lief er aufgebracht in die Firmenzentrale, um sich darüber zu beschweren, dass seiner Tochter suggeriert würde, unbedingt schwanger werden zu müssen. Seine Tochter war jedoch tatsächlich schwanger, sodass der Vater sich nach zwei Wochen kleinlaut entschuldigen musste.

Diese Art der Berichterstattung auch in deutschen Medien provozierte weitere Metatexte, etwa den einer Soziologin, die sich nicht in dieser Weise durchleuchten lassen wollte und daher zu folgendem Maßnahmenkatalog griff:

  1. Sie instruiert Freunde und Bekannte auf sozialen Medien, ihre Schwangerschaft nicht preiszugeben

  2. Sie anonymisiert ihren Datenverkehr beim Einkauf im Internet aufwändig

  3. Sie zahlt ihre Einkäufe grundsätzlich mit Bargeld

  4. Sie verwendet auf Amazon eine selbstgehostete E-Mailadresse unds keine von Gmail, da Google standardmäßig Nachrichten auf Schlagworte hin untersucht.

  5. Sie bezahlt auf Amazon mit Gutscheincodes

  6. Sie lässt sich Ware grundsätzlich an eine Packstation liefern

  7. Sie muss Beträge über 500 Euro wegen des Verdachts der Geldwäsche auf mehrere Personen aufteilen, um z.B. einen Kinderwagen bestellen zu können

( Quelle: http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2014-04/big-data-schwangerschaft-verheimlichen – abgerufen am 8.12.2016 )

Die Geschichte der durchleuchteten schwangeren Frauen hat wahrscheinlich einen wahren Kern. An dem medialen Aufhänger gibt es ernste Zweifel hinsichtlich des Wahrheitsgehalts:

Zitat:

Beyond this […] the New York Times article itself provides another factoid making it even less likely the teen’s pregnancy had been determined analytically (if „determined“ by Target at all – perhaps the particular teen was simply placed accidentally into the wrong marketing segment): Target knows consumers might not like to be marketed on baby-related products if they had not volunteered their pregnancy, and so actively camouflages such activities by interspersing such product placements among other non-baby-related products. Such marketing material would by design not raise any particular attention of the teen’s father. “

(Quelle: http://www.kdnuggets.com/2014/05/target-predict-teen-pregnancy-inside-story.html – abgerufen am 8.12.2016)

Sinngemäß übersetzt:

Abgesehen davon enthält der Artikel in der New York Times selbst einen Fakt, der es weniger wahrscheinlich macht, dass die Schwangerschaft des Teenagers algorithmisch ermittelt wurde (wenn das überhaupt von Target so ermittelt wurde – vielleicht wurde der Teenager auch irrtümlich dem falschen Werbebereich zugeordnet): Target weiß, dass Kunden es eventuell nicht mögen, Werbung über Babyprodukte zu erhalten, wenn sie ihre Schwangerschaft nicht freiwillig offenbart haben. So tarnt Target solche Aktivitäten dadurch, dass auch andere Produkte in der entsprechenden Werbung platziert werden. Derartiges Werbematerial würde aber schon vom Ansatz her eben gerade nicht die spezielle Aufmerksamkeit des Teenagervaters erregen.

Ich selbst schrieb dazu vor Jahren in einem dystopischen Artikel:

„Die Entwicklung hin zu neuen Geschäftsfeldern wie dem Versicherungs- und dem Kreditwesen basiert auf Daten, die die Menschen uns freiwillig gegeben haben auf Plattformen, die sie als integral für ihr Leben empfunden haben und immer noch empfinden. Dabei haben wir anfänglich die Algorithmen bewusst „dumm“ gestaltet: Wer z.B. eine Kaffeemaschine kaufte, bekam über unsere Werbenetzwerke nur noch Kaffeemaschinen in Werbeanzeigen angepriesen. Er konnte dann mit dem Finger auf uns zeigen und sagen: „Schaut her, was für eine dämliche Algorithmik!“ Es war wichtig, Menschen dieses Überlegenheitsgefühl gegenüber Technik zu geben, obwohl sie schon längst davon entfremdet waren, damit sie uns weiter Informationen über sich lieferten.“

Auf Basis dieser Informationen lässt sich nicht nur das Durchleuten von Kunden durch „Big Data“ in den Blick nehmen, sondern auch die mediale Aufbereitung kritisch betrachten.

Die Kurzgeschichte

Inhaltlicher Ausgangspunkt ist eine Kurzgeschichte – sie wurde nicht von einem „richtigen“ Autor, sondern etwas selbstüberschätzend von mir extra für die Einheit verfasst, weil ich auf die Schnelle keinen vergleichbaren Text finden konnte – die literarische Qualität mag daher begrenzt und einige Klischees mögen zu sehr bedient sein:

Sylvie

(Maik Riecken, Dezember 2016)

Sie standen vor ihrer Tür. Ein Willkommensteam der Stadt. Eine mütterlich wirkende ältere Dame und ein leidlich schneidiger Jungspund, dem die pädagogische Ausbildung aus jeder Faser seiner Kleidung leuchtete. Ob sie denn schon über das Angebot der Volkshochschule informiert sei? Dort würden Mutter-Kind-Kurse zur Stärkung der Bindung zwischen Mutter und Kind angeboten. Die seien immer frühzeitig ausgebucht, da müsse man sich jetzt schon anmelden. Der Stadt sei es ein Anliegen, werdende Eltern bestmöglich zu unterstützen – vor allem Spätgebärende wie sie.

Mit diversen Produktproben von Tees und wohlriechenden, hautstraffenden Ölen stand sie schließlich ratlos in der Tür und schaute den beiden verwirrt nach.

Sie war Anfang 40 und ohne festen Partner. Das war gut so. Sie war frei und unabhängig. Sie hatte – aber nur ganz tief in ihr drin – hin und wieder Sehnsucht nach einem eigenen kleinen Wesen, das sie zum Ziel ihrer Liebe machen konnte, aber Herr Schröder, der kleine Golden Retriever füllte diese Leerstelle eigentlich auch recht trefflich aus. Die Werbung auf dem Bildschirm ihres Tablets zeigte in letzter Zeit vermehrt niedliche Babybilder und unaufhörlich Produkte für den guten Start ins Leben.

Aber das Thema war für sie abgehakt. Sie würde nicht alles aufgeben, um noch einmal ganz von vorne anzufangen. Dafür hatte sie sich beruflich zu viel aufgebaut.

Sie genoss es, sich jederzeit sportlich betätigen zu können oder ihren zahlreichen Hobbys nachzugehen. Bei den Männern kam das gut an – unabhängige Frauen galten in ihrem Bekanntenkreis als sexy. Hin und wieder war einer dabei, aber etwas wirklich Verbindliches konnte sie sich nicht mehr vorstellen.

Ihre Vergangenheit strich in diffusen Erinnerungsschleiern an ihr vorüber.

Er war bequem geworden. Er hatte sich irgendwann einfach nicht mehr angestrengt, ihr nicht mehr das Gefühl gegeben, begehrenswert zu sein. Irgendwann saßen sie als Paar in der Kumpelfalle. Sie lebten mehr als Freunde denn als Partner miteinander. Ja, sie teilten sich den Alltag, den Haushalt so gleichberechtigt wie es nur ging. Nach außen eine richtige Musterbeziehung. Für Sylvie waren sie noch heute ein gutes Team – auch nach dem Aus. Kein Rosenkrieg, klare Vereinbarungen. Pädagogisch zogen sie am gleichen Strang. Ihre gemeinsame Tochter Sylvie brauchte schließlich neben Zuwendung vor allem Konsequenz. Und sowohl Mutter als auch Vater zur eigenen Orientierung.

Sie wusste selbst nicht, warum sie die beiden vor der Tür nicht einfach herzlich ausgelacht hatte. Vor allem diesen Pädagogikschnösel. Sie war einfach viel zu überrumpelt von diesem rundum durchchoreografierten Erstgesprächsansatz.

Sie ging zurück in die Wohnung. Ihr Tablet auf der Kochinsel der großzügigen Küche war noch nicht in den Energiesparmodus gegangen. Wahrscheinlich war Sylvie zwischendurch wieder in irgendwelchen Onlineshops unterwegs gewesen. Wieder diese Werbung für Babyprodukte. Aufdringlich.

Aus Sylvies Bad kamen Geräusche. Sie klangen so, als wenn sich ihre 16jährige Tochter gerade übergeben würde. Als sie nach vorsichtigem Anklopfen die Tür öffnete, stürzte sich ein heulendes Elend in ihre Arme: „Mama, ich habe seit acht Wochen meine Tage nicht mehr bekommen …“

Mögliche Aufgaben:

  1. Fasse den Inhalt der Geschichte in eigenen Worten zusammen.

  2. Warum handelt es sich bei diesem Text um eine Kurzgeschichte?

  3. Verfasse einen inneren Monolog, in dem Sylvie ihre Lage darstellt.

  4. Recherchiere mit den Suchbegriffen „Target, Schwangerschaft, Big Data“ nach den Hintergründen der in der Geschichte dargestellten Handlung. Erstelle eine Präsentation, die erklärt, wie Dritte u.U. von Sylvies Lage wissen konnten.

  5. Nimm Stellung zu dem Artikel des Onlineangebots der Zeit ( http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2014-04/big-data-schwangerschaft-verheimlichen )

  6. Wie bewertest du die Möglichkeit, mit Hilfe von Big Data derartige Informationen über Menschen erhalten zu können?

 

Didaktische Erweiterung

Der Aufhänger der Berichterstattung ist wahrscheinlich frei erfunden (s.o). Es gab die Geschichte mit dem Vater der 16-jährigen Tochter u.U. nicht. Das Durchleuchten der schwangeren Frauen ist dagegen wohl Realität.

Dies kann den Schülerinnen und Schülern mit der Argumentation der Internetquelle von knuggets.com (s.o.) vermittelt werden.

Wenn dieses Wissen innerhalb der Lerngruppe entweder im Zuge der Recherche oder durch einen gezielten Input verankert ist, können darüberhinausgehende Fragen behandelt werden:

  1. Dürfen solche Aufhänger erfunden werden?

  2. Welches Licht wirft die Demontage eines derartigen Aufhängers auf die eigentliche Berichterstattung?

  3. Inwiefern unterscheiden sich bezogen auf diesen Fall sogenannte „Qualitätsmedien“ ( Die Zeit, öffentlich-rechtlicher Rundfunk) von anderen Quellen?

Fächerübergreifende Arbeit

Um die Hintergründe des Vorfalls zu recherchieren, kann nicht auf die Hinzunahme englischsprachiger Quellen verzichtet werden, deren Sprachniveau teilweise recht hoch ist. Anstatt die fertige Übersetzung zu präsentieren, kann diese selbst erarbeitet werden.

Durch das Thema stellen sich eine Reihe ethischer Fragen. Durch die Präsentation zielgerechter Werbung ergibt sich für das jeweilige Individuum natürlich auch ein Vorteil. Dass die Drogeriemarktketteihre Aktivitäten im Bereich der Auswertung von Kundendaten „tarnt“, schließt ein Bewusstsein um die Ablehnung durch die Kunden mit ein. Hier wären die Fächer Werte & Normen, Religion oder auch Philosophie thematisch eng angebunden.

Medienkonzeptentwicklung

Die meisten Medienkonzepten von Schulen, die ich so kenne, sind im Prinzip technische Beschreibungen. Wie ein „richtiges Medienkonzept“ aussehen kann, scheint niemand so recht zu wissen – es gibt natürlich irgendwelche Messbarkeitsindikatoren, die man hinterher anlegen kann, aber beim Schreiben hilft das eher nicht so sehr.

In Niedersachsen gibt es mit dem Orientierungsrahmen Medienbildung ein Angebot, das Orientierungshilfen geben soll bis hinunter auf praktische Unterrichtsbeispiele. Lesen ist da immer so eine Sache, selber erfahren und machen ein ganz andere.

Dummerweise zwingt das Dokument zusätzlich dazu, fachübergreifend zu schauen. Durch seinen Charakter als Querschnittaufgabe wird daraus ganz schnell ein Element der Schulentwicklung – quasi eine Art trojanisches Pferd, was auf einmal mitten im Hof des eigenes Faches herumsteht und stört (zumal da ja auch noch Leute mit Brandfackeln – äh – Handys herauskommen). Deswegen ist die Idee, Medienkonzeptentwicklung ohne direkte Beteiligung und Steuerung der Schulleitung zu machen, eine ziemlich naive. So stehen dann immer noch oft genug die digitalen Wilden auf der Gesamtkonferenz, um sich dann das Bukett an Gefühlen abzuholen, welches mit Veränderungsprozessen nunmal einhergeht.

In meinen Beratungsprozessen hat sich ein Grundstruktur für die Medienkonzeptentwicklung herauskristallisiert, die erstmal ein Ausgangspunkt sein kann. Ich arbeite gerne kollaborativ mit Schulen, die sich darauf einlassen. Medienkonzepte auf Papier in einer gesellschaftlichen Übergangsphase wie der unseren halte ich für naiv und unökonomisch. Die Grundstruktur sieht so aus:

  1. Präambel
  • Was ändert sich durch digitale Medien in der Gesellschaft und wie wollen wir als Schule darauf reagieren?
  • Wo sehen wir Potentiale für unseren Unterricht und wo legen wir besonderen Wert auf bewährte Methoden?
  • In welchem Verhältnis sollen bei uns digitales und analoges Lernen zueinander stehen?
  • Was sehen wir als Ziel im Hinblick auf die digitale Bildung?
  1. Ausstattung (Ist-Zustand)

(zu beschreiben durch technisches Personal des Trägers oder des Medienzentrums)

  1. Unterrichtsinhalte im Kompetenzbereich “Bedienung und Anwendung”
  • Was tun wir bereits?
  • Was ist bereits in den Curricula unseres Faches im Hinblick auf digitale Medien gefordert?
  • Was können wir als Kollegium bereits und in welchem Bereich möchten wir uns fortbilden?
  • Was möchten wir gerne tun, können es aber aufgrund der Ausstattung nicht?
  1. Unterrichtsinhalte im Kompetenzbereich “Information, Recherche und (Daten-) erhebung”
  • Was tun wir bereits?
  • Was ist bereits in den Curricula unseres Faches im Hinblick auf digitale Medien gefordert?
  • Was können wir als Kollegium bereits und in welchem Bereich möchten wir uns fortbilden?
  • Was möchten wir gerne tun, können es aber aufgrund der Ausstattung nicht?
  1. Unterrichtsinhalte im Kompetenzbereich “Kooperation und Kommunikation”
  • Was tun wir bereits?
  • Was ist bereits in den Curricula unseres Faches im Hinblick auf digitale Medien gefordert?
  • Was können wir als Kollegium bereits und in welchem Bereich möchten wir uns fortbilden?
  • Was möchten wir gerne tun, können es aber aufgrund der Ausstattung nicht?
  1. Unterrichtsinhalte im Kompetenzbereich “Produktion und Präsentation”
  • Was tun wir bereits?
  • Was ist bereits in den Curricula unseres Faches im Hinblick auf digitale Medien gefordert?
  • Was können wir als Kollegium bereits und in welchem Bereich möchten wir uns fortbilden?
  • Was möchten wir gerne tun, können es aber aufgrund der Ausstattung nicht?
  1. Unterrichtsinhalte im Kompetenzbereich “Medienkritik, Medienanalyse und medienethische Reflexion”
  • Was tun wir bereits?
  • Was ist bereits in den Curricula unseres Faches im Hinblick auf digitale Medien gefordert?
  • Was können wir als Kollegium bereits und in welchem Bereich möchten wir uns fortbilden?
  • Was möchten wir gerne tun, können es aber aufgrund der Ausstattung nicht?
  1. Besondere Herausforderungen
  • Welche Bedarfe haben Sprachlern- und Inklusionsklassen konkret?
  • Inwiefern differenzieren wir dort schon durch den Einsatz digitaler Medien?
  • Wo wünschen wir uns weitere Möglichkeiten, auch IT-gestützt zu arbeiten?
  1. Informations- und Kommunikationsmanagement
  • Wie kommunizieren wir mit Ämtern, Eltern, Schülern und Kollegen?
  • An welcher Stelle sehen wir Schwierigkeiten oder Verbesserungsbedarf?
  • Inwiefern können und digitale Medien dabei ggf. unterstützen?
  1. Fortbildung
  • Welche Fortbildungsmaßnahmen führen wir im Bereich digitale Medien bereits durch?
  • Welche Fortbildungsmaßnahmen benötigen wir?
  • Wie integrieren wir Fortbildung in unseren Schulalltag?
  • Wer organisiert vor Ort in welchem Umfang die Betreuung der IT bisher?

 

Dieses Konzept ist auf Grundschulen zugeschnitten. An weiterführenden Schulen wird man das noch fachbezogen aufschlüsseln müssen.

Und sie waren tatsächlich da …

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Von dem Bild bekommt man einen guten Eindruck von dem Besuch der Kindergartenkinder bei uns im Chemiekurs (reiner Abdeckerergänzungskurs, kein Curriculum). Das Bild ist übrigens mit einer GOPRO-Actionkamera gemacht (sowas hält unser Medienzentrum für die aktive Medienarbeit in der Schule bereit).  Mein Kurs hat selbst Experimente für Kinder erarbeitet – dabei stand im Mittelpunkt, dass es nicht um die leider immer mehr didaktischen Raum einnehmende Phänomenologie gehen soll, sondern um Deutungen, die für Kinder verstehbar sind.

Adhäsion bei der Chromatographie kann man z.B. modellhaft durch Kinder erklären, die von anderen Kinder geschoben werden – mal auf einem Bein stehend, mal auf zwei Beinen stehend. Das Laufmittel (das schiebende Kind) kann das Farbstoffteilchen (das geschobenen Kind) unterschiedlich gut bewegen. In solchen vermeintlichen Details steckt sehr viel Denkarbeit (nicht meine!): Die Erklärung ist nicht über die Maßen simplifiziert, ermöglich aber trotzdem eine in Grundzügen korrekte Vorstellung von einem Teilbereich der sich tatsächlich abspielenden Vorgänge.

Neben der Schulleiterin waren auch Vertreter der örtlichen Lokalzeitungen zeitweise anwesend – die Interviews haben natürlich die Schülerinnen und Schüler selbst gegeben. Die resultierenden Artikel in den Zeitungen haben mir beide sehr gut gefallen. Für mich ist diese „Vermarktung“ relatives Neuland – die Aktion selbst ist ja schon ein Remake. Den Schülerinnen und Schülern war die Öffentlichkeit aber gar nicht so wichtig – zumindest hat das unsere kleine Evaluation hinterher ergeben. Die Atmosphäre während der Veranstaltung war so, dass fast alle Erwachsenen, die von außen kamen, lange geblieben sind – es gab unglaublich viel zu schauen, zu hören und zu erleben, z.B. sehr fokussierte und gespannte Kinder.

Ein Segen ist, dass ich Teilnehmende aus der Video-AG mit in meinem Kurs sitzen habe, die gemeinsam mit zusätzlich freigestellten Schülerinnen die Dokumentation übernommen habe. Vertikalfahrt? GOPRO auf der Kreideablage der Pylonentafel. Horizontalfahrt? GOPRO auf fahrbarem Overheadprojektor (zu etwas müssen sie ja gut sein). Wackler? „Die GOPRO macht 4K – das kann man genau wie die optische Verzerrung durch den extremen Weitwinkel herausrechnen, Herr Riecken!“

Und wie geht es weiter? Zunächst habe ich fast sowas wie einen didaktischen Kaperbrief bekommen. Das Niveau von vielen Erklärvideos (auch kommerziellen) gefällt meinen Schülerinnen und Schülern nicht. „Nä, das ist technisch nicht gut gemacht, Herr Riecken!“ „Die Idee ist ja schon nett, aber die dramaturgische Umsetzung … !“ Und ich: „Fachlich stimmt da und da aber etwas nicht!“. Der Kurs hat beschlossen, das besser zu können. Nun denn. Ein neues Projekt in einem neuen Halbjahr, diesmal aktive Medienarbeit gepaart mit erhöhtem fachlichen Anspruch. Ich weiß noch nicht ganz genau, wie ich das angehe. Ich könnte mir gut vorstellen, z.B. im Bereich der Kohlenhydrate – das eignet sich sehr gut für Erklärvideos – zunächst in einen Inputphase zu gehen, um inhaltliche Orientierung zu schaffen, um dann diesmal die SuS eigene Projektplanungen (Zeitraster, Milestones) entwickeln zu lassen. Aber das wird noch bis zum neuen Jahr reifen.

Sexting – abstrakter Trend oder Realität?

In zunehmenden Maße findet das Thema Sexting mediale Aufmerksamkeit:

Sexting ist die private Verbreitung erotischen Bildmaterials des eigenen Körpers über Multimedia Messaging Services (MMS) durch Mobiltelefone. Das aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum stammende Kofferwort setzt sich aus Sex und texting (engl. etwa: „Kurzmitteilungen verschicken“) zusammen.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Sexting

Eine Dokumentation zu möglichen Ursachen ist in der Mediathek von 3Sat hoffentlich noch etwas länger abrufbar:

http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=38615

Dadurch ist mir klar geworden, dass es sich um ein reales und kein medial erdachtes Phänomen handelt. Mir ist auch klar geworden, wie wichtig es genau an dieser Stelle ist, das Thema offensiv anzugehen, weil die Folgen für die Betroffenen wahrscheinlich kaum absehbar sind.

Es gibt erste Ratgeber und Berichte darüber, wie Erwachsene sich verhalten sollen, wenn sie durch ihre Kindern mit diesem Thema konfontiert werden:

Ich gehe davon aus, dass Kinder und Jugendliche Dinge immer früher machen und dass sie es zunächst weitgehend unbemerkt von ihrem Elternhaus tun – gerade auf dem Feld der Sexualität.

Der rechtliche Rahmen ist in Deutschland auch interessant – ich habe mal die für mich besonders bemerkenswerten Stellen fett gesetzt.

Nach § 184b StGB ist die Verbreitung von „kinderpornografische[n] Schriften“, das sind pornografische Darstellungen von sexuellen Handlungen von, an oder vor Personen unter 14 Jahren, strafbar. Im Falle von Darstellungen tatsächlicher Geschehen oder wirklichkeitsnahen Darstellungen ist bereits der Besitz strafbar. In einer separaten Vorschrift § 184c werden analog dazu auch Verbreitung und Besitz von „jugendpornografischen Schriften“, die sich auf sexuelle Handlungen von, an oder vor Personen von 14 bis 18 Jahren beziehen, unter Strafe gestellt, allerdings ist dabei das Strafmaß generell geringer, der Besitz von nur wirklichkeitsnahen Darstellungen ist nicht strafbar und für einvernehmlich hergestellte Jugendpornografie gibt es eine Ausnahme von der Besitzstrafbarkeit für Personen, die als Minderjährige selbst an der Produktion beteiligt waren.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderpornografie#Deutsches_Recht

Das minderjährige Pärchen darf also derartiges Material von sich besitzen – der Gesetzgeber traut diesen einen verantwortungsvollen Umgang damit zu. Ich hätte da generell so meine Bedenken, da es ja gerade in diesem Alter auch Beziehungen geben soll, die nicht in Harmonie enden. Was geschieht dann in Affektsituationen mit diesem Material? Wird ein dermaßen „bestücktes“ Handy jemals in die Hand von Eltern oder anderen Vetrauenspersonen gelangen?

Weiter:

Nach bisheriger Rechtsprechung ist Pornografie, auch in der Ausprägung als Kinderpornografie, nur dann anzunehmen, „wenn eine auf die sexuelle Stimulierung reduzierte und der Lebenswirklichkeit widersprechende, aufdringlich vergröbernde, verzerrende und anreißerische Darstellungsweise gewählt wird“ und „wenn unter Ausklammerung aller sonstigen menschlichen Bezüge sexuelle Vorgänge in grob aufdringlicher Weise in den Vordergrund gerückt werden sowie ihre Gesamttendenz ausschließlich oder überwiegend auf das lüsterne Interesse an sexuellen Dingen abzielt“

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderpornografie#Deutsches_Recht

und nochmal, womit wir beim Sexting wärenl:

Seit der Änderung des § 184b StGB vom 31. Oktober 2008, in Kraft getreten am 5. November 2008, ist auch das Verbreiten, Besitzen etc. sogenannter Posing-Fotos grundsätzlich strafbar. Gemeint sind damit Fotos mit Abbildungen von Kindern, die ihre unbedeckten Genitalien oder ihr unbedecktes Gesäß in „aufreizender Weise zur Schau stellen“. Derartiges Zur-Schau-Stellen erfüllt regelmäßig die Tatbestandsalternative „sexuelle Handlungen von Kindern“ in § 184b Abs. 1 StGB (neue Fassung).

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderpornografie#Deutsches_Recht

Es soll ja diese sozialen Netzwerke und WhatsApp geben, bei denen das Teilen von Fotos nur einen Fingerwisch weit entfernt ist.

Noch mehr Fragen:

  1. Vielleicht bin ich blöd, aber stellt nicht genau dieses Teilen eine Art von Verbreitung dar?
  2. Wie entscheidet ein jugendlicher Smartphonebesitzer darüber, ob die abgebildete Person vor dem Gesetz ein Kind oder jugendlich ist?
  3. Wie ist gewährleistet, dass nicht auch Kinder (also Menschen unter 14 Jahren) Sexting betreiben? Smartphone und WhatsApp-Account genügen.
  4. Welchen Reiz haben derartige Bilder für einschlägige kinderpornographische Kreise?
  5. Was sagt allein die Weiterleitung solcher Bilder über a) das Reflexionsvermögen und b) die Medienkompetenz Jugendlicher aus?
  6. […]

Vielleicht(!) dürfte man sich unter Zeugen (jeweils anderes Geschlecht!) solche Bilder noch zeigen lassen. Schon die Recherche danach führt u.U. aber schon zum Besitz von kinderpornographischem Material (egal, ob ich ein Mann oder eine Frau bin).

Am ehesten kommen m.E. hier die Eltern im Rahmen ihrer Erziehungs- und Fürsorgepflichten als primäre Akteure in Betracht.

So oder so ist das nicht unsere Koppel, sondern das Feld von Profis.

Bei einigen Profis wiederum fürchte ich, dass das Fehlen des üblichen Musters

Sich als Kind ausgebender Pädophiler nötigt im Chatraum Kind zum Blankziehen und verwendet diese Bilder dann in kinderpornographischen Tauschbörsen.

für Verwirrung sorgen dürfte. Im Extremfall reden wir hier von Gewalt von Kindern gegen Kinder oder von Gewalt Jugendlicher gegen Kinder oder Jugendliche.

Was die Veröffentlichung solcher Bilder gerade für einen Heranwachsenden bedeutet und welche Folgen (suizidale Tendenzen) das im Extremfall haben kann, dürfte hinlänglich bekannt sein.

Was würdet ihr also tun, wenn ihr mit dieser Problematik entweder als Eltern oder Lehrer konfrontiert seid?

Meine Idee ist Öffentlichkeit. Eine Schule, die sich allein zu diesem Problem bekennt, geht jedoch ein immenses Risiko ein. Deswegen sollten idealerweise mehrere Schulen zusammen handeln und z.B. in Form eines Berichts oder einer Zeitungsanzeige in die Öffentlichkeit gehen – idealerweise über Schulartgrenzen hinweg.

Vielleicht lassen sich auf diese Weise Menschen für eine von Profis organisierte Veranstaltung gewinnen, die über die Gefahren des Sextings aufklärt und Raum für Fragen lässt. Auf dieser Veranstaltung müsste idealerweise auch eingefordert werden, dass Eltern von betroffenen Kindern ein Recht darauf haben zu erfahren, was gerade geschieht.

Übrigens:

Ich denke nicht, dass „das böse Internet“ daran schuld ist oder „das böse Smartphone“. Es ist die Haltung von Menschen. Vielleicht überschätzen wir manchmal aber auch gerade Kinder in ihrer Fähigkeit zwischen „öffentlichkeitsgängig“ und „nicht öffentlichkeitsgängig“ zu unterscheiden. Smartphones sind Türen zur Öffentlichkeit. Ist das eigene Kind da immer so kompetent und fähig, wie ich mir es wünsche? Ist es völlig frei von „Gruppendynamiken“ und Endorphinausbrüchen, die eine spontane Situation auszulösen vermag? Das Foto ist einen Fingerwisch weit weg. WhatApp einen weiteren. Keine SD-Karte muss in einen Rechner gesteckt, kein Film zum Entwickeln gebracht werden – wie in der guten, alten Zeit …

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