Sexting – abstrakter Trend oder Realität?

In zunehmenden Maße findet das Thema Sexting mediale Aufmerksamkeit:

Sexting ist die private Verbreitung erotischen Bildmaterials des eigenen Körpers über Multimedia Messaging Services (MMS) durch Mobiltelefone. Das aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum stammende Kofferwort setzt sich aus Sex und texting (engl. etwa: „Kurzmitteilungen verschicken“) zusammen.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Sexting

Eine Dokumentation zu möglichen Ursachen ist in der Mediathek von 3Sat hoffentlich noch etwas länger abrufbar:

http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=38615

Dadurch ist mir klar geworden, dass es sich um ein reales und kein medial erdachtes Phänomen handelt. Mir ist auch klar geworden, wie wichtig es genau an dieser Stelle ist, das Thema offensiv anzugehen, weil die Folgen für die Betroffenen wahrscheinlich kaum absehbar sind.

Es gibt erste Ratgeber und Berichte darüber, wie Erwachsene sich verhalten sollen, wenn sie durch ihre Kindern mit diesem Thema konfontiert werden:

Ich gehe davon aus, dass Kinder und Jugendliche Dinge immer früher machen und dass sie es zunächst weitgehend unbemerkt von ihrem Elternhaus tun – gerade auf dem Feld der Sexualität.

Der rechtliche Rahmen ist in Deutschland auch interessant – ich habe mal die für mich besonders bemerkenswerten Stellen fett gesetzt.

Nach § 184b StGB ist die Verbreitung von „kinderpornografische[n] Schriften“, das sind pornografische Darstellungen von sexuellen Handlungen von, an oder vor Personen unter 14 Jahren, strafbar. Im Falle von Darstellungen tatsächlicher Geschehen oder wirklichkeitsnahen Darstellungen ist bereits der Besitz strafbar. In einer separaten Vorschrift § 184c werden analog dazu auch Verbreitung und Besitz von „jugendpornografischen Schriften“, die sich auf sexuelle Handlungen von, an oder vor Personen von 14 bis 18 Jahren beziehen, unter Strafe gestellt, allerdings ist dabei das Strafmaß generell geringer, der Besitz von nur wirklichkeitsnahen Darstellungen ist nicht strafbar und für einvernehmlich hergestellte Jugendpornografie gibt es eine Ausnahme von der Besitzstrafbarkeit für Personen, die als Minderjährige selbst an der Produktion beteiligt waren.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderpornografie#Deutsches_Recht

Das minderjährige Pärchen darf also derartiges Material von sich besitzen – der Gesetzgeber traut diesen einen verantwortungsvollen Umgang damit zu. Ich hätte da generell so meine Bedenken, da es ja gerade in diesem Alter auch Beziehungen geben soll, die nicht in Harmonie enden. Was geschieht dann in Affektsituationen mit diesem Material? Wird ein dermaßen „bestücktes“ Handy jemals in die Hand von Eltern oder anderen Vetrauenspersonen gelangen?

Weiter:

Nach bisheriger Rechtsprechung ist Pornografie, auch in der Ausprägung als Kinderpornografie, nur dann anzunehmen, „wenn eine auf die sexuelle Stimulierung reduzierte und der Lebenswirklichkeit widersprechende, aufdringlich vergröbernde, verzerrende und anreißerische Darstellungsweise gewählt wird“ und „wenn unter Ausklammerung aller sonstigen menschlichen Bezüge sexuelle Vorgänge in grob aufdringlicher Weise in den Vordergrund gerückt werden sowie ihre Gesamttendenz ausschließlich oder überwiegend auf das lüsterne Interesse an sexuellen Dingen abzielt“

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderpornografie#Deutsches_Recht

und nochmal, womit wir beim Sexting wärenl:

Seit der Änderung des § 184b StGB vom 31. Oktober 2008, in Kraft getreten am 5. November 2008, ist auch das Verbreiten, Besitzen etc. sogenannter Posing-Fotos grundsätzlich strafbar. Gemeint sind damit Fotos mit Abbildungen von Kindern, die ihre unbedeckten Genitalien oder ihr unbedecktes Gesäß in „aufreizender Weise zur Schau stellen“. Derartiges Zur-Schau-Stellen erfüllt regelmäßig die Tatbestandsalternative „sexuelle Handlungen von Kindern“ in § 184b Abs. 1 StGB (neue Fassung).

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderpornografie#Deutsches_Recht

Es soll ja diese sozialen Netzwerke und WhatsApp geben, bei denen das Teilen von Fotos nur einen Fingerwisch weit entfernt ist.

Noch mehr Fragen:

  1. Vielleicht bin ich blöd, aber stellt nicht genau dieses Teilen eine Art von Verbreitung dar?
  2. Wie entscheidet ein jugendlicher Smartphonebesitzer darüber, ob die abgebildete Person vor dem Gesetz ein Kind oder jugendlich ist?
  3. Wie ist gewährleistet, dass nicht auch Kinder (also Menschen unter 14 Jahren) Sexting betreiben? Smartphone und WhatsApp-Account genügen.
  4. Welchen Reiz haben derartige Bilder für einschlägige kinderpornographische Kreise?
  5. Was sagt allein die Weiterleitung solcher Bilder über a) das Reflexionsvermögen und b) die Medienkompetenz Jugendlicher aus?
  6. […]

Vielleicht(!) dürfte man sich unter Zeugen (jeweils anderes Geschlecht!) solche Bilder noch zeigen lassen. Schon die Recherche danach führt u.U. aber schon zum Besitz von kinderpornographischem Material (egal, ob ich ein Mann oder eine Frau bin).

Am ehesten kommen m.E. hier die Eltern im Rahmen ihrer Erziehungs- und Fürsorgepflichten als primäre Akteure in Betracht.

So oder so ist das nicht unsere Koppel, sondern das Feld von Profis.

Bei einigen Profis wiederum fürchte ich, dass das Fehlen des üblichen Musters

Sich als Kind ausgebender Pädophiler nötigt im Chatraum Kind zum Blankziehen und verwendet diese Bilder dann in kinderpornographischen Tauschbörsen.

für Verwirrung sorgen dürfte. Im Extremfall reden wir hier von Gewalt von Kindern gegen Kinder oder von Gewalt Jugendlicher gegen Kinder oder Jugendliche.

Was die Veröffentlichung solcher Bilder gerade für einen Heranwachsenden bedeutet und welche Folgen (suizidale Tendenzen) das im Extremfall haben kann, dürfte hinlänglich bekannt sein.

Was würdet ihr also tun, wenn ihr mit dieser Problematik entweder als Eltern oder Lehrer konfrontiert seid?

Meine Idee ist Öffentlichkeit. Eine Schule, die sich allein zu diesem Problem bekennt, geht jedoch ein immenses Risiko ein. Deswegen sollten idealerweise mehrere Schulen zusammen handeln und z.B. in Form eines Berichts oder einer Zeitungsanzeige in die Öffentlichkeit gehen – idealerweise über Schulartgrenzen hinweg.

Vielleicht lassen sich auf diese Weise Menschen für eine von Profis organisierte Veranstaltung gewinnen, die über die Gefahren des Sextings aufklärt und Raum für Fragen lässt. Auf dieser Veranstaltung müsste idealerweise auch eingefordert werden, dass Eltern von betroffenen Kindern ein Recht darauf haben zu erfahren, was gerade geschieht.

Übrigens:

Ich denke nicht, dass „das böse Internet“ daran schuld ist oder „das böse Smartphone“. Es ist die Haltung von Menschen. Vielleicht überschätzen wir manchmal aber auch gerade Kinder in ihrer Fähigkeit zwischen „öffentlichkeitsgängig“ und „nicht öffentlichkeitsgängig“ zu unterscheiden. Smartphones sind Türen zur Öffentlichkeit. Ist das eigene Kind da immer so kompetent und fähig, wie ich mir es wünsche? Ist es völlig frei von „Gruppendynamiken“ und Endorphinausbrüchen, die eine spontane Situation auszulösen vermag? Das Foto ist einen Fingerwisch weit weg. WhatApp einen weiteren. Keine SD-Karte muss in einen Rechner gesteckt, kein Film zum Entwickeln gebracht werden – wie in der guten, alten Zeit …

Wasmanie

Ausgangssituation:

Vor dem Haus liegt ein Stapel mit Trockenestrichplatten. Es handelt sich um 60 Stück mit je einem Gewicht von ca. 28kg mit einem Maß von 50x150cm. Die Aufgabe besteht darin, mit diesen Platten auf dem Dachboden den Grundaufbau für einen Fußboden zu schaffen.

Gruppe 1 – Lehrer und Bildungsforscher

Die Gruppe trifft sich zunächst zu einer ausführlichen Besprechung beim Stapel. Nach Konsultation der vollständigen Verlegeanleitung wird ein einzelnes Element zunächst genau inspiziert. Dabei stellen sich folgende Sachverhalte heraus, die in einem Etherpad kollaborativ deskribiert werden.

  1. Die Styropordämmung neigt dazu abzubrechen und muss mit äußerster Vorsicht behandelt werden. Keinesfall darf die Platte auf dieser schwachen Kante abgesetzt oder belastet werden.
  2. Die überstehende Fermacellkante auf der anderen Seite neigt insbesondere an der Ecke dazu, leicht abzubrechen. Folgerichtig zeigen sich auch bereits an einigen Platten erste Schäden bei Anlieferung. Diese snd zunächst einmal beim Lieferanten zu reklamieren.
  3. Das Gewicht einer Platte ist so groß, dass ein bei falscher Tragetechnik potentiell zu Rückenschäden kommen kann. Demnach müssen Richtlinien und Leitsätze für den Transport der Platten ins Dachgeschoss erarbeitet werden.
  4. Der Gips ist nur durch Fasern gebunden. Daher muss eine entsprechende Kleidung bei der Verarbeitung getragen werden, bei der Verschmutzungen zu vernachlässigbar sind.
  5. Bei der Berufgenossenschaft Bau muss ein Gutachten eingeholt werden, der Transport über die enge Bodentreppe überhaupt rechtlich möglich ist.
  6. Es wird festgehalten, dass der Transport von Bodenestrichelementen völlig neue Kompetenzen und einen völlig neues Selbstverständnis aller beteiligten Berufsgruppen erfordert.

Die Gruppe beschließt angesicht des noch offenen Fragen weitere Diskussionrunden und Treffen. Aufgaben werden in der Gruppe paritätisch verteilt. Weiterhin gilt es, eine Perspektive für die Zukunft zu formulieren: Auch beim Verlegen der Platten bleiben trotz der Anleitung immer noch Fragen offen.

Gruppe 2 – Handwerker

Die Handwerker tragen zunächst einmal kollaborativ alle Platten auf den Dachboden. Dabei geht teilweise die Stypordämmung flöten und einige Kanten brechen ab. Durch den beim Verlegen notwendigen Versatz können solche Platten trotzdem verwendet werden. Außerdem hat der Lieferant sowieso einige Platten mehr angeliefert als ursprünglich bestellt waren – das geübte Auge der Handwerker hat das bereits unten vor dem Haus erfasst. Beim Verlegen geht einiges schief, aber nach zwei, drei Bahnen ist das Team eingespielt. Die Verlegeanleitung wurde nur kurz konsultiert, um die Dosierung des Klebers nachzuschlagen – die muss aber ohnehin je nach Verlegeort etwas variiert werden.

Ergebnis nach einem Tag Arbeit:

Die Platten von Gruppe 1 liege immer noch vor dem Haus und werden immer Nacht durch einen kräftigen Schlagregen für die weitere Verwendung unbrauchbar, sodass aus der Gruppe auch niemand mehr Lust hat, die Sache zu einem Ende zu bringen. Die Gruppe hat das Gefühl, wertvolle Arbeit geleistet zu haben, aber letztlich an widrigen Umständen gescheitert zu sein. Der Hausherr tobt derweil.

Die Platten von Gruppe 2 sind noch am selben Abend verlegt – es gibt natürlich einige blaue Flecken und etwas Dreck im Haus. Dem einen oder anderen tut auch der Rücken etwas weh. Die Gruppe hat das Gefühl, wertvolle Arbeit geleistet zu haben und erfreut sich bei der Begehung des Dachbodens an einem Feierabendbier. Hausflur und Treppe liegen voll von Styroporkugeln und zertretenen Plattenresten. Der Hausherr fährt zur Tanke, um Nachschub zu holen und putzt am nächsten Morgen froh die Wohnung.

Wasmanie

Wie viel Aktionen im Netz beschäftigen sich mit der Frage, was man denn tun soll. Über dieses „Was“ gibt es vernetzten Austausch an allen Orten und Kanten. Das ist schön und das ist wertvoll. Aber dadurch allein kommt keine Platte auf den Dachboden. Seit Jahren höre ich die immer gleichen Positionen, nehme das verhohlene Warten darauf wahr, dass endlich jemand einmal die Platten hochträgt.

  • Darf man das?
  • Gibt es nicht auch Alternativen?
  • Ist das schon zu Ende gedacht?
  • Ist das jetzt so auch richtig?

Alles ohne Zweifel wichtige Fragen. Mein „spezieller Freund“ Günther Dueck hat sinngemäß etwas Wahres gesagt:

Die, die medientechnisch vorweglaufen, haben nicht die Aufgabe, immer weiter davonzueilen, sondern sich umzuschauen zu den anderen, sie mitzunehmen.

Sascha Lobo hält der Web2.0-Gemeinde auf der re:publica11 sinngemäß vor, in ihrem selbstreflexiven Metageseier zu ersticken, sich wohl zu fühlen in einem Meer gegenseitiger Selbstbestätigung und er wird dafür beklatscht.

Für mich kommen mehr und mehr Zweifel daran auf, wie lange mich persönlich mein wasmatisches Metageseier noch tragen wird. Ich bekomme mit den Jahren mehr und mehr Feierabendbierdurst. Dementsprechend wird sich bei mir in nächster Zeit mein Instrumentarium neu justieren.

Der Philosophieprofessor

Es war ein langer Tag an der Uni, zum Kochen hatte ich keine Lust, also ging ich in die nahegelegene Studentenkneipe, in der früher über der Bar noch eine Lehmann-Eisenbahn im Pendelbetrieb verkehrte. Es gab keinen Tisch mehr. Nur noch ein Platz war frei. Daran saß ein Philosophieprofessor, bei dem ich ein Proseminar für das für Lehrämter obligatorische Philosophicum besuchte. Ich weiß nicht, was mich geritten hat, aber ich fragte ausgerechnet ihn, ob der Platz noch frei wäre. Die Geschichte endete in einem sehr persönlichen Gespräch und mit einer beglichenen Rechnung für mich: „Sie sind Student, ich bin Professor, Ihren Stolz können Sie weder essen, noch am Wochenende in eine Bar tragen – ich erledige das für Sie“.

Das Gespräch wanderte von einem Thema zum anderen – ein Satz beschäftigt mich bis heute: Er sagte, dass es arrogant von den Philosophen wäre zu glauben, dass allein ihre Tätigkeit des Denkens sie in ihrer Existenz rechtfertigen würde. Philosophen müssten sich seiner Meinung nach überlegen, wie sie unserer Gesellschaft fern von Elfenbeintürmen dienen könnten, in Wirtschaftsbetrieben, in NGOs, wo auch immer. Diese Gedanke verwirrte mich ebenso wie ein neuer physikalischer Bewegungsbegriff – fern ab von Newton. Mit Diogenes existiert innerhalb der Philosophie in romantischer Verklärung das Bild des Denkens um des Denkens Willen und in meiner damaligen Unerfahrenheit war ebendieses Bild so fest verankert.

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