Lernplattformen

Vorbemerkung:

Ich äußere hier meine Sicht und meine Meinung zum Thema Lernplattformen, die sich allein auf meinem persönlichen Erfahrungswissen gründet. Auch ich kenne Schulen, an denen es mit einer Lernplattform gut läuft und auch ich denke, dass in bestimmten Konstellationen eine Lernplattform ggf. hilfreich für Schulentwicklung sein kann.

Warum ich Lernplattformen sehr kritisch sehe

Lernplattformen wie Moodle, Commsy oder auch kommerzielle Varianten wie itslearningWebweaver, Google Classroom und iTunes U stellen eine virtuelle Lernumgebung bereit.

Das Prinzip ist fast immer gleich: Ein zentrales Login ermöglicht Zugriff auf bestimmte Funktionen, die sich gruppieren und strukturieren lassen, z.B. kann ich innerhalb von Moodle sogenannte Kurse anbieten, die diverse Funktionen bereitstellen, etwa ein Forum, Arbeitsmaterialien, eingebettete Medien, Onlinetests u.v.m.. Diese Kurse kann ich teilen, exportieren, wiederverwerten, gemeinsam mit anderen Lehrkräften entwickeln. Darüberhinaus werden zunehmend Kurationstools eingesetzt, etwa bei iTunes U: Ich kann ähnlich wie bei paper.li Webinhalte auf einer speziellen Seite zusammenstellen – quasi ein Webquest auf multimedial.

Das hört sich erstmal prima an. Ich war in Deutschland lange Zeit sehr aktiv in der Moodleszene und hatte als Berater Zugriff auf zahlreiche Testinstallationen kommerzieller Produkte. Ich bin kein Maßstab, weil ich zentralisierte Dinge für die Arbeit mit digitalen Medien nicht mehr benötige, aber keine der Teststellungen und keine meiner Testinstallationen in den letzten Jahren hat mich in irgendeiner Weise dazu gebracht, Spaß oder Freude bei der Arbeit mit dem jeweiligen System zu empfinden.

Das ist ja auch nicht zwingend notwendig, aber dazu kam, dass auch der für mich sehr typische pragmatische Zugang auf keiner der Lernplattformen möglich war: Sie kosteten mich einfach nur Zeit durch die komplizierte Bedienung, die vorgegebenen Strukturen, das oft haarsträubende Dateimanagement, die proprietären Schnittstellen – und ich halte mich selbst für einen mittelmäßig begabten Anwender (das ist etwas völlig anderes als ein Techniker oder Administrator). Es gibt eine Reihe von Werbeaussagen zu Lernplattformen, die ich im Folgenden einmal aufs Korn nehmen möchte:

1. Eine Lernplattform bietet schulweit einen geschützten Raum mit klar definierter Benutzerführung

Das stimmt von einem technologischen Standpunkt aus. Hypothetisch bietet sie das. „Schulweit“ bedeutet für mich, dass alle Lehrkräfte in diese Plattform eingewiesen sind und regelmäßig im Unterricht mit ihr arbeiten. Nur so entwickeln sich Routinen im Alltag. Tatsächlich höre ich von Schulen, in denen Lernplattformen „eingeführt“ sind, ganz oft ganz andere Dinge. „Schulweit“ bedeutet in der Realität oft genug „drei oder vier besonders aktive Lehrkräfte mit ihren Lerngruppen“.

„Schulweit“ ist eine Haltung, die schon vorhanden sein muss, bevor eine Lernplattform ihr unterstützendes Potential überhaupt entwickeln kann.

„Einfach mal machen“ führt oft genug lediglich dazu, dass eine Lernplattform 1:1 die Strukturen an einer Schule abbildet – somit ist sie für mich dann zwar ein tolles Beratungsinstrument, aber oft genug sehr bald für die Schule selbst eine zusätzliche Belastung.

Man sieht das recht hübsch an den Diskussionen im deutschen Forum auf moodle.org. Immer noch drehen sich gefühlt 90% der Fragen um Sperren, Einschränken, Bewertungsraster feintunen und ähnliche Dinge.

Wenn ich versuche, in Richtung  „schulweit“ zu beraten, kommt seltsamerweise am Schluss oft eben nicht die Entscheidung für eine Lernplattform dabei heraus, sondern erstmal sowas in die Richtung wie Dateiaustausch, Termine, E-Mail – also typische Cloudfunktionen. Danach entwickelt es sich oft eher von dem Grundkonstrukt „Lernplattform“ weg.

2. Eine Lernplattform bietet erweiterte Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften durch z.B. Austausch von Materialien, Aufgabenstellungen und Medien

Das stimmt von einem technologischen Standpunkt aus. Hypothetisch bietet sie das. Ich kann z.B. bestimmte Strukturen exportieren und im nächsten Jahr wiederverwenden. Wenn ich einen Kurs zum Thema „Programmieren mit Arduino“ erstellt habe, kann ich diesen darüberhinaus mit anderen Lehrkräften teilen. Bei Moodle kann ich sogar im gleichen Kurs mit verschieden Gruppen gleichzeitig arbeiten, ohne dass diese Gruppen sich gegenseitig sehen. Ich kann das. Was ist mit meinem Kollegen, der nicht einmal weiß, wie er das Bild des Notebooks auf den Beamer bekommt? Der wird schon an der Anmeldung und der Einrichtung eines Kurses in Moodle scheitern – andere Systeme sind da aber tatsächlich entschieden intuitiver.

Wer darüberhinaus schon einmal einen Kurs in einer Lernplattform gebaut hat, weiß, dass das oft Stunden dauert – für mich völlig ineffizient. Zudem will ich ja gerade nicht nur Inhalte bereitstellen, sondern ich möchte mich z.B. im Fach Deutsch mit meinem Fachwissen mit den von SuS erstellten Inhalten auseinandersetzen und sie selbst darüber ins Gespräch bringen.

Wenn ich hingegen Inhalte bereitstellen muss (z.B. im Fach Chemie), dann tue ich das doch nicht auf einer proprietären Lernplattform mit ihren für mich extremst eingeschränkten Im- und Exportfunktionen. Meine Inhalte sind für mich als Lehrer eine essentielle Ressource, mit der ich mich nicht an ein Format binden möchte, was ich nicht selbst kontrollieren kann. Wenn eine Schule z.B. jahrelang bei Anbieter x auf Lernplattform y gearbeitet und der Anbieter dann z.B. die Preisstruktur massiv ändert (das ist kein hypothetisches Setting, sondern das kommt vor!) – sage ich dann als Schule: „Och, jetzt ist zwar die Arbeit von Jahren im System, aber den Preis, nö, den zahle ich nicht und wechsle jetzt zu Anbieter z!“

Meiner Meinung nach unterschätzen viele Anbieter genau diesen Aspekt, weil er selten so klar formuliert wird, aber intuitiv bei vielen Lehrkräften eine sehr große Rolle spielt. Dazu kommt die Angst, dass Materialien durch die digitale Präsenz auf einmal auch beurteil- und evaluierbar werden. Das kann man kritisieren und doof finden. Die Angst bleibt trotzdem.

3. Eine Lernplattform ist ein zentrales Instrument zur Organisation von Kommunikationsprozessen an Schulen und schafft so Transparenz

Das stimmt von einem völlig veralteten technologischen Standpunkt aus. Meist funktionieren Lernplattformen so, dass man sich über eine Weboberfläche einloggen muss, um dann auf eine Art Dashboard zu kommen, was alle relevanten Informationen für mich anzeigt. Oder es gibt eine gesonderte App für ein Mobilgerät (Handy, Tablet), die das für mich erledigt. In meiner Welt (und in der Welt der Mobilgeräte überhaupt) findet Datenaustausch aber recht anders statt:

  • E-Mail über imaps
  • Termine über CalDAVs
  • Dateien über WebDAVs
  • Nachrichten über XMPP (mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung)
  • Kontaktdaten über CardDAVs
  • Inhalte über XML
  • […]

Das sind alles offene Protokolle/Formate, wie sie jeder von uns täglich nutzt ohne es zu wissen, weil irgendeine App das erledigt, die wir entweder vom Hersteller des Betriebssystem übernehmen oder aber selbst bestimmen. Hersteller von Lernplattformen neigen zum überwiegenden Teil dazu, diese offenen, freien und verschlüsselten Standards durch irgendetwas zu ersetzen, das nur zu ihrer jeweiligen Lernplattform passt.

Schlachtung meiner Thesen durch Anbieter

In der Kommunikation mit Anbietern, werden derartige Thesen von mir nicht geschlachtet, sondern in einer ganz bestimmten Art und Weise gekontert.

  • proprietäre Formate sind für die Konsistenz der Daten notwendig. Zudem sind technisch keine übergreifenden Austauschformate möglich (PS: Das XML-Format von Moodle oder WordPress zeigt, dass das wohl schon irgendwie geht)
  • die Schulkultur, die zu der von mir geforderten „schulweit“-Lösung notwendig ist, kann sich ja evolutionär durch Unterstützung mit einer Lernplattform bilden – ohne ginge es ja gar nicht – das sei ja gerade die Verantwortung der Schule (PS: Da liegt der Kern der Arbeit, bei dem eine Lernplattform gerade nicht unterstützt)
  • für die meisten Schulen sind die durch Lernplattformen gebotenen Kommunikationserweiterungen schon Quantensprünge gegenüber der bisherigen Kommunikationskultur (PS: Die Sache wäre wesentlich niederschwelliger zu bewerkstelligen ohne den Umweg über Weboberflächen)
  • Lernplattformen lassen sich durch Zusatztools hervorragend ergänzen und in ihren Möglichkeiten erweitern – Moodle etwa durch das schülerzentrierte Mahara (PS: Die Integration der dabei entstehenden Inhalte in die ursprüngliche Lernplattform ist dann meist eher recht rudimentär implementiert)
  • Lernplattformen haben als Mittel zur Organisation von instruktiven Lernprozessen eine wichtige Rolle

Ich sehe das viel zu negativ, weil ich immer mit der „Kundenbindungspotentialbrille“ auf die verschiedenen Angebote schaue: Ein Anbieter ist auf Wertschöpfung angewiesen – daran ist überhaupt nichts Verwerfliches.

Ich halte die Kundenbindung aber auch für ein Motiv, eben z.B. keine anbieterübergreifenden Im- und Exportstandards zu implementieren – natürlich wird das niemand so offen nach außen kommunizieren.

 

Wie soll man es denn sonst machen?

Das wäre eine eigener Artikel. Deswegen hier nur zwei Thesen:

  • Identity-, Gruppen- und Rollenmanagement gehören nicht in eine Lernplattform, sondern öffentlich organisiert. Durch ACLs wird festgelegt, was die Lernplattform (oder die jeweilige Applikation) lesen/sehen darf und was nicht und welche Rolle wer wo im System erhält.
  • Die zentrale Verwaltung des Identitymanagements gibt jeder Lehrkraft bzw. jeder Schule die Möglichkeit, die Tools einzusetzen, die sie für ihren Unterricht für notwendig hält: Lernplattform, Blog, Wiki, Videokonferenzsoftware – alles werden lediglich „Apps“, die daran anbindbar sind – auf Knopfdruck installiert, mit Nutzern befüllt.

PS: Das geht alles schon und ist auch schon so umgesetzt – allerdings eher auf Firmenebene.

Über das Ausspähen von Daten

Ich nutze gerade inflationär günstige WLAN-Router von TP-Link, die ich mit einer alternativen Firmware ausstatte, um das WLAN-Netz der Schule zu optimieren. Die Firmware verfügt über eine SNMP-Funktion, mit der ich so einiges aus den Geräten mit Hilfe von Cacti – einem komfortablen Frontend für RRDTool – auslesen kann. Da kommt dann z.B. so etwas heraus (klicken zum Vergrößern):

Auf der y-Achse ist im ersten Diagramm die Anzahl der in diesen Accesspoint eingebuchten Clients aufgetragen, im zweiten der ein- und ausgehende Gesamttraffic (Datenverkehr). Die x-Achse bildet einen Zeitstrahl der zurückliegenden Woche. Der WLAN-Teil des Routers ist außerhalb der Schulzeit deaktiviert. Was sagen mir diese Daten?:

  • Dieser Routertyp versorgt problemlos elf mobile Geräte gleichzeitig (aus Parallelmessungen weiß ich, dass es bis zu 18 sein können)
  • Der Router hat ein Problem mit der korrekten Meldung der Basislinie (ein Phantomclient bleibt auch nach der Abschaltung des WLAN-Chips)
  • Dieser Router ist über einen Zeitraum x am Leben gewesen
  • Wir haben viel outbound-Traffic (was für das Internet eher ungewöhnlich ist, sich aber durch die Schulcloud erklärt, über die der Dateiaustausch läuft)
  • Die Datenmenge, die dieser Accesspoint bewältigt, ist doch eher gering

Diese Daten brauche ich, um zu entscheiden, wo ein weiterer Ausbau des WLAN notwendig ist. Ich kann so recht frühzeitig Ausfälle von Accesspoints oder das Auftreten von merkwürdigen Datenmengen identifizieren. Diese Daten sind über alle Nutzer des WLAN gemittelt und daher nicht personalisierbar, selbst wenn ich es wollte. Ich kann z.B. sagen, dass zu einem Zeitpunkt x extrem viel „gesaugt“ wurde, aber nicht von wem oder ob das schlicht und ergreifend die ISO-Datei für den Kollegen oder ein aktueller Kinofilm war. Diese Messungen dienen allein dazu, proaktiv auf Störungen und Engpässe reagieren zu können, bevor der Frust meiner „Kunden“ zu groß wird.

Wäre ich die Content-Industrie, müsste ich, um meine Rechte 100%ig zu schützen, weitere Daten erheben – technisch möglich, aber eine ganze Ecke aufwendiger, da verschiedene Datenbestände verknüpft werden müssen (z.B. DHCP-, Proxy- und SNMP-Daten):

  • die MAC-Adresse des eingebuchten Geräts
  • die von diesem Gerät abgerufenen Internetseiten
  • die Inhalte von jedem Datenpaket, welches zwischen Accesspoint und Endgerät ausgetauscht wird
  • usw.

Zu deutsch: Von jedem läge offen, was er/sie wann und wo im Netz gemacht hat. Ich bin froh, dass ich das nicht kann, will und darf. Ich bin froh, dass es im Falle von Straftatbeständen eine Ermittlungsbehörde gibt, die dafür vorgesehen und hoffentlich auch gut ausgebildet ist, entsprechende Forensik zu betreiben. Diese kann in einem begründeten Verdachtsfall einen richterlichen Beschluss erwirken, nach dem entweder ein paar Menschen mit unserem Server unter dem Arm die Schule verlassen oder hier zusätzliche Technik aufstellen. Das ist nicht meine Aufgabe, weil ich sowas wie ein technischer Dienstleister bin – nicht mehr und nicht weniger.

Welche Auswirkungen hätte es auf meine Schule, wenn bekannt würde, dass systematisch Daten geloggt und ausgewertet werden – wenn sich niemand mehr sicher sein kann, bei einer elektronischen Interaktion mit der Vertrauenslehrerin nicht „belauscht“ oder „aufgezeichnet“ zu werden? Wie wäre es dann wohl um den Einsatz „neuer Medien“ im Unterricht bestellt?

Welche Gesellschaft hätten wir, wenn wir den Ansprüchen von einigen Urhebern mit allen uns zur Verfügung stehenden technischen Mitteln begegnen würden? Man kann das technisch lösen. Das Problem ist aber kein technisches (wie mein Wunsch noch WLAN-Optimierung), sondern ein soziologisches: Wollen wir wirklich in dem Bewusstsein leben, dass unsere gesamte Kommunikation ständig nach „Verbotenem“ gescannt wird? Wollen wir Providern und Dienstleistern – als zivile Organe – diese Aufgabe wirklich übertragen – schließlich hätten sie dann auch die „Datenhoheit“? Ich würde diese Aufgabe nicht wollen. Und die Urheber würden bestimmt eine solche Gesellschaft nicht wollen.

Prozessorientierung und Schwellenpädagogik

Glücklicherweise kennt ja kein Lehrer das Problem, dass nicht alle Stunden 100%ig vorbereitet sind.

Klar hat man grobe Stundenabläufe im Kopf, die sich hin und wieder zu merkwürdigen Zeiten manifestieren – bei mir hin und wieder auf der Schwelle zum Unterrichtsraum, weil im Angesicht der konkreten SuS die Herausforderungen der letzten gehaltenen Stunde deutlich hervortreten und dann die Routine dafür sorgt, dass man das Kind in der Regel gar nicht so übel nach Hause schaukelt.

Richtiger Frust kommt aber dann auf, wenn eine Stunde wirklich exorbitant gut vorbereitet ist – mit Materialien, methodische Konzepten usw. – und dann gar nichts läuft (passiert aber auch bei Schwellenpädagogik). Noch mehr Frust schafft die Tatsache, dass es dabei kein System zu geben scheint.

Deswegen gibt es eigentlich keine Schwellenpädagogik, es gibt nur die den SuS gerecht werdende Prozessorientierung! Das war früher auf Wochenendseminaren auch schon so: Man hat sich ja nicht aus Faulheit vorher nicht getroffen, sondern deswegen, weil man das Wochenende prozessorientiert gestalten wollte.

Ich habe mich heute einmal mehr dabei ertappt, 30 Minuten für eine Klasse in der Chemiesammlung gestanden zu haben, und trotzdem dachte ich, nicht ausreichend vorbereitet zu sein – irgendwie blöd: Wenn man nicht mindestens eine halbe Stunde nachgedacht und zwei DINA4-Seiten mit Gekrakel gefüllt hat, hält man eine Stunde für nicht gut vorbereitet. Ach, ich weiß gar nicht, was denn nun schizophrener ist.

Übrigens lief diese Chemiestunde gut, während in den vorbereiteten Oberstufenstunden wieder alles nicht schlechter, aber ganz anders kam…