Konflikte bearbeiten

Es gibt eigent­lich an Schu­len kei­ne Instanz, um Kon­flik­te zwi­schen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen oder dem Kol­le­gi­um und der Schul­lei­tung zu bear­bei­ten. Die Rech­te und Mög­lich­kei­ten des Per­so­nal­rats sind gegen­über denen von ande­ren Arbeit­neh­mer­ver­tre­tun­gen m.E. doch eher als „nied­lich” zu klas­si­fi­zie­ren.

Man mag es kaum glau­ben, aber mein Wis­sen über Kon­flik­te zeigt mir mitt­ler­wei­le sehr deut­lich, bei wel­chen Schu­len eine Bera­tung im Hin­blick auf digi­ta­le Medi­en erfolg­reich ver­lau­fen wird und an wel­chen nicht, wenn man das Zeug auch gleich ein wenig als tro­ja­ni­sches Pferd für Schul­ent­wi­ckung mit­nutzt.

Das zeigt sich sehr oft an einer Kon­flikt­kul­tur, die sogar schon in Vor­ge­sprä­chen her­aus­schim­mert. Es gibt Schu­len, bei denen ich sage: „Hm. Da ist vor­her noch das ein oder ande­re zu klä­ren, vor­her kön­nen wir hier nicht noch eine Bau­stel­le auf­ma­chen.” Dafür nut­ze ich für mich zur Klas­si­fi­zie­rung Glasls Modell der Kon­flikt­es­ka­la­ti­on.

Wäh­rend vie­le Model­le Kon­flik­te über auf­stei­gen­de Model­le klas­si­fi­zie­ren, macht das Glasl etwas anders: Grund­te­nor ist, dass wir mit jeder neu­en Stu­fe einen wei­te­ren Teil unse­rer Mensch­lich­keit bzw. huma­nis­ti­schen Umgang mit­ein­an­der ver­lie­ren. Ab Stu­fe 4 wird es für mich immer kri­tisch und ich hole mir i.d.R. eine zwei­te Mei­nung durch unser Aus­bil­dungs­team.

Viel­leicht habt ihr ja Lust auf eine klei­ne Übung: Ich habe ein­mal vier klit­ze­klei­ne Dia­lo­ge erson­nen. Die kom­men so natür­lich an kei­ner Schu­le vor. Ähn­lich­kei­ten mit tat­säch­li­chen Vor­komm­nis­sen wären also rein zufäl­lig.

Wel­che Stufe(n) von Glasls Kon­flik­tas­ka­la­ti­ons­mo­dell seht ihr in den kur­zen Tex­ten?

1) Der Rock

A: „Boah, ey, das Teil­chen ist aber echt gewagt. Mit sowas wür­de ich bei der Figur ja nicht unbe­dingt vor der Klas­se auf­kreu­zen.“

B: „Von der habe ich bis heu­te nicht die Arbeit mei­nes Nach­schrei­bers in mein Fach gelegt bekom­men! — ey und der Schü­ler saß schon vor ‚ner Woche bei der drin­ne!“

C: „Wahr­schein­lich hat Sie auch ver­peilt, dass heu­te Fach­kon­fe­renz ist. Aber wenn die da auf­kreuzt und wie­der ihren Scheiß von offe­nem Unter­richt erzählt und so … Ist doch voll durch­schau­bar: Jetzt wo ihre Kin­der in der Schu­le selbst Schwie­rig­kei­ten haben, spült die unse­re gym­na­sia­le Bil­dung weich, damit die eige­ne Brut das dann bei uns schafft.“

D: „Hey, aber die Schul­lei­tung steht doch voll auf deren Ide­en!“

A: „Scheiß­egal, Haupt­sa­che wir kön­nen ihr heu­te mal öffent­lich eins rein­wür­gen.“

2) Die Abitur­ar­beit

A: „Mit der Bewer­tung die­ser Abitur­ar­beit bin ich nicht ein­ver­stan­den. Du hast z.B. bei Auf­ga­be 1 den Erwar­tungs­ho­ri­zont nicht berück­sich­tigt und viel zu groß­zü­gig bepunk­tet.“

B: „Man muss – so den­ke ich – gera­de bei die­sem Schü­ler — aber auch päd­ago­gisch berück­sich­ti­gen, dass er sich enorm ver­bes­sert hat!“

A: „Du kannst aber nicht unter­schied­li­che Maß­stä­be bei jedem Lern­grup­pen­mit­glied anle­gen. Die Leis­tung muss objek­tiv ver­gleich­bar und damit jus­ti­zia­bel sein.“

B: „Ich blei­be trotz­dem bei mei­ner Bewer­tung. Du kannst ja ein Gegen­gut­ach­ten schrei­ben!“

A: „Du glaubst wirk­lich, dass du dei­nen Wil­len bei mei­nem Stan­ding gegen­über der Schul­lei­tung durch­be­kommst? Versuch’s ruhig!“

3) Das Urge­stein

A: „Wenn wir die Maß­nah­me X imple­men­tie­ren, wird sich die Unter­richt­qua­li­tät in unse­rem Fach enorm ver­bes­sern. Dafür müs­sen eini­ge Kol­le­gen aber natür­lich weg von ihrem gewohn­ten Trott und sich auch mal fort­bil­den!“

B: „Du willst also, dass jeder in der Fach­schaft ver­gleich­ba­re Maß­stä­be anlegt und ver­gleich­ba­re Inhal­te unter­rich­tet?“

A: „Ja. Das ist doch vor allem für die Schü­le­rin­nen und Schü­ler gut, weil es dann eben nicht mehr vom Zufall abhängt, wann sie was ler­nen.“

B: „Ach, ich glau­be, du musst noch viel über Schu­le ler­nen. Ich bin jetzt schon so lan­ge dabei und in der Ver­gan­gen­heit haben wir das auch nie hin­be­kom­men. Du kannst nicht alle mit­neh­men. Aber nun gut – macht ihr jun­gen Leu­te mal.“

A: (denkt still) „Genau das habe ich von dir schon oft gehört. Des­we­gen stim­men wir jetzt doch ein­fach mal ab – also ich habe kei­ne Sor­ge, dass ich das Ding gewin­ne, die meis­ten Kol­le­gen ste­hen hin­ter mir, dafür habe ich im Vor­we­ge gesorgt.“

4.) Beim Mau­rer

A: „Was die sich da wie­der über­legt haben … Mache ich nicht. Da sit­zen doch eh nur die Lieb­lin­ge der Schul­lei­tung und die, die hier noch was wer­den wol­len. Was soll das denn jetzt wie­der brin­gen? Eska­la­ti­ons­mo­dell? Glasl? Jetzt soll ich hier was ler­nen oder was? Alles ist schlech­ter gewor­den, nur noch Kon­trol­le, kei­ne Frei­hei­ten mehr. Ich mache hier gar nichts mit. Die sol­len mich ein­fach in Ruhe las­sen. Mir kön­nen die eh nix. Ande­re den­ken auch so wie ich. Sol­len sie mal sehen, wie sie ihr Zeug durch­be­kom­men. Mit mir jeden­falls nicht.“

Konflikte in schulischen Kontexten

Im Rah­men mei­ner klei­nen Ein­füh­rung in die Metho­dik des sys­te­mi­schen Arbei­tens ist mir zum ers­ten Mal das Modell der Kon­flikt­es­ka­la­ti­on von Fried­rich Glasl vor die Nase gekom­men:

Kon­flikt­es­ka­la­ti­on nach Glasl, Quel­le: Wiki­pe­dia

Vie­le ande­re Model­le zur Beschrei­bung von Kon­flik­ten haben eine eher anstei­gen­de Ten­denz, um aus­zu­drü­cken, dass sich bei unkon­trol­lier­tem Fort­schrei­ten des Kon­flikts des­sen Inten­si­tät stei­gert. Glasl beschreibt eska­lie­ren­de Kon­flik­te defi­zi­tär: Men­schen ver­lie­ren mit jeder Eska­la­ti­ons­stu­fe mehr und mehr von ihrer Mensch­lich­keit. Die not­wen­di­gen Inter­ven­tio­nen wer­den mit jeder Stu­fe nach unten immer dras­ti­scher bis hin zum Macht­ein­griff in Stu­fe 7–9. Im Prin­zip fin­den sich auch vie­le Stu­fen von Mob­bing­pro­zes­sen in Glasls Modell wie­der.

Stu­fe 1 – Ver­här­tung

Kon­flik­te begin­nen mit Span­nun­gen, z. B. gele­gent­li­ches Auf­ein­an­der­pral­len von Mei­nun­gen. Es ist all­täg­lich und wird nicht als Beginn eines Kon­flikts wahr­ge­nom­men. Wenn dar­aus doch ein Kon­flikt ent­steht, wer­den die Mei­nun­gen fun­da­men­ta­ler. Der Kon­flikt könn­te tie­fe­re Ursa­chen haben.

Stu­fe 2 – Debat­te

Ab hier über­le­gen sich die Kon­flikt­part­ner Stra­te­gi­en, um den ande­ren von ihren Argu­men­ten zu über­zeu­gen. Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten füh­ren zu einem Streit. Man will den ande­ren unter Druck set­zen. Schwarz-Weiß-Den­ken ent­steht.

Stu­fe 3 – Taten statt Wor­te

Die Kon­flikt­part­ner erhö­hen den Druck auf den jeweils ande­ren, um sich oder die eige­ne Mei­nung durch­zu­set­zen. Gesprä­che wer­den z. B. abge­bro­chen. Es fin­det kei­ne ver­ba­le Kom­mu­ni­ka­ti­on mehr statt und der Kon­flikt ver­schärft sich schnel­ler. Das Mit­ge­fühl für den „ande­ren” geht ver­lo­ren.

Stu­fe 4 – Koali­tio­nen

Der Kon­flikt ver­schärft sich dadurch, dass man Sym­pa­thi­san­ten für sei­ne Sache sucht. Da man sich im Recht glaubt, kann man den Geg­ner denun­zie­ren. Es geht nicht mehr um die Sache, son­dern dar­um, den Kon­flikt zu gewin­nen, damit der Geg­ner ver­liert.

Stu­fe 5 – Gesichts­ver­lust

Der Geg­ner soll in sei­ner Iden­ti­tät ver­nich­tet wer­den durch alle mög­li­chen Unter­stel­lun­gen oder ähn­li­ches. Hier ist der Ver­trau­ens­ver­lust voll­stän­dig. Gesichts­ver­lust bedeu­tet in die­sem Sin­ne Ver­lust der mora­li­schen Glaub­wür­dig­keit.

Stu­fe 6 – Droh­stra­te­gi­en

Mit Dro­hun­gen ver­su­chen die Kon­flikt­par­tei­en, die Situa­ti­on abso­lut zu kon­trol­lie­ren. Sie soll die eige­ne Macht ver­an­schau­li­chen. Man droht z. B. mit einer For­de­rung (10 Mio. Euro), die durch eine Sank­ti­on („Sonst spren­ge ich Ihr Haupt­ge­bäu­de in die Luft!“) ver­schärft und durch das Sank­ti­ons­po­ten­zi­al (Spreng­stoff zei­gen) unter­mau­ert wird. Hier ent­schei­den die Pro­por­tio­nen über die Glaub­wür­dig­keit der Dro­hung.

Stu­fe 7 – Begrenz­te Ver­nich­tung

Hier soll dem Geg­ner mit allen Tricks emp­find­lich gescha­det wer­den. Der Geg­ner wird nicht mehr als Mensch wahr­ge­nom­men. Ab hier wird ein begrenz­ter eige­ner Scha­den schon als Gewinn ange­se­hen, soll­te der des Geg­ners grö­ßer sein.

Stu­fe 8 – Zer­split­te­rung

Der Geg­ner soll mit Ver­nich­tungs­ak­tio­nen zer­stört wer­den.

Stu­fe 9 – Gemein­sam in den Abgrund

Ab hier kal­ku­liert man die eige­ne Ver­nich­tung mit ein, um den Geg­ner zu besie­gen.

Quel­le: http://de.wikipedia.org/wiki/Konflikteskalation_nach_Friedrich_Glasl

Einer mei­ner Aus­bil­der hat sich Gedan­ken zur WIN-LOSE (Stu­fe 4–6) in Glasls Modell gemacht und wei­ter aus­for­mu­liert:

Stu­fe 4: Ste­reo­ty­pen, Kli­schees, Image­kam­pa­gnen, ein­an­der in nega­ti­ve Rol­len manö­vrie­ren, Wer­ben um Anhän­ger, Selbst­er­fül­len­de Pro­phe­zei­hun­gen

Stu­fe 5: Öffent­lich und direkt: Gesichts­an­griff […]

Ein Bild hat mir dabei beson­ders zu den­ken gege­ben: die WIN-LOSE-Stu­fen­grup­pe ist die Grup­pe des (Macht-)spiels. Er hat uns auch Bei­spie­le aus der Wirt­schaft für „typi­sche” Hand­lun­gen in die­ser Stu­fen­pha­se  genannt, z.B.:

  • Maß­re­ge­lung von Kol­le­gen in der Öffent­lich­keit
  • geziel­te Wei­ter­ga­be selek­ti­ver Infor­ma­tio­nen, um Bünd­nis­part­ner für das eige­ne Anlie­gen zu gewin­nen — ich habe das ein­mal „Vor­de­mo­kra­ti­sie­rung” genannt
  • geziel­tes Aus­schlie­ßen von Men­schen
  • […]

Wie mensch­lich gehen wir eigent­lich an der Schu­le mit Kon­flik­ten um? Auf wel­cher Stu­fe ste­hen wir bei einem Kon­flikt z.B. in einer Kon­fe­renz? Was bedeu­tet „Vor­de­mo­kra­ti­sie­rung” pas­siv erlebt und aktiv gestal­tet — auch wenn sie einem ver­meint­lich „guten Zweck” dient?

Was ich — vor allem in anony­men Blogs — mit­un­ter an (natür­lich wahr­ge­nom­me­ner) Kon­flikt­kul­tur mit­be­kom­me, macht mir gele­gent­lich Angst.

PS: Fried­rich Glasl kommt aus dem Bereich der Wirt­schaft­wis­sen­schaf­ten.