Pflichtfach Informatik? Ein Streitgespräch.

Informatikunterricht? Muss das sein..!?

Immer wieder tobt eine Debatte über verpflichtenden Informatikunterricht – Realität ist er aber nur in drei Bundesländern. Verpasst Deutschland beim Computerunterricht eine große Chance? Was ist eigentlich zeitgemäßer Informatikunterricht und… braucht man Programmieren wirklich? Maik Riecken und Jan-Martin Klinge streiten.

Klinge: Maik, du schreibst auf deinem Blog, dass du die Fächer Deutsch und Chemie an einem Gymnasium in Niedersachen unterrichtest. Was hast du mit Informatik zu tun?

Riecken: Nichts Formales, d.h. ich habe weder eine Fakultas dafür oder noch irgendeinen „offiziellen“ Kurs auf der Uni dazu besucht. Mit 14 Jahren habe ich meinen ersten Computer bekommen – einen Amiga500. Darauf habe ich eigentlich fast nur gedaddelt, aber auch erste Gehversuche mit AmigaBasic gemacht. Das war schon was, weil man sogar eine GUI mit Maus hatte und mit AmigaBasic programmieren konnte. Später habe ich dann sogar Dinge in Assembler versucht – angeregt durch die damals schon sehr aktive „Demoszene“ und die Begrenztheit der Hardware – allerdings habe ich es nie geschafft, meinem Kumpel das versprochene Intro zu programmieren – das ist heute noch so ein geflügelter Spruch zwischen uns: „Maik, wo bleibt mein Intro?“ In Kiel gab es später zu PC-Zeiten dann eine Keimzelle der deutschen Linuxszene mit einem monatlichen Stammtisch – von da an ging es ab mit Serverdiensten, Shellscript, MySQL usw.

Klinge: Assembler? Shellscript..?! Ich verstehe nur die Hälfte. Aber der spielerische Aspekt ist mir geläufig: Mit meinen Freunden haben wir in den 90ern Computerspiele mittels HEX-Editor zerlegt und verändert. Wir sahen den Matrix-Code schon lange vor dem Film – aber das war alles Freizeit und Spiel. Ist Informatik an deiner Schule ein Pflichtfach?

Riecken: Nein. Schülerinnen und Schüler können das Fach in der Klasse 10 belegen, wenn sie in der 11. Klasse eine Naturwissenschaft durch Informatik ersetzen wollen. Dann müssen sie dort mindestens ein halbes Jahr „durchhalten“. In Niedersachsen kann jeder Lehrer bis zur Jahrgangsstufe zehn qua Amt alles unterrichten – ich z.B. Informatik. Da schließt sich dann der Kreis.

Klinge: Nun, dann sehe ich mich in der Position vieler Eltern oder auch fachfremder Kollegen: Wenn ich an meinen eigenen Informatikunterricht denke, erinnere ich mich an dunkle Computerräume und erste Programmierversuche in qbasic. Mal ehrlich – nichts, was ich da gelernt habe, hat mir je geholfen. Das war Zeit totschlagen. Für mich ist Informatikunterricht überflüssig.

Riecken: Bei mir war es technologisch noch steinzeitlicher. Ich habe auf einem Apple II gelernt – mit Bernsteinmonitor. Ich meine, das war Pascal oder auch ein Basicdialekt. Es war aber eine unglaubliche Faszination zu spüren – und ein Pioniergeist. Textadventures selbst gestalten, Nadeldrucker ansteuern, Floppydisks organisieren (die Floppy ist heute immer noch das Symbol zum Speichern in den meisten Anwendungen).

Klinge: Schaue ich mir meine zweijährige Tochter an, dann kann sie auf dem Tablet die Displaysperre überwinden, verschiedene Apps starten und in ihrem Lieblingsspiel, Dora Explorer, Puzzle lösen, malen und mit den Figuren interagieren. Ich habe in dem Alter Sand gegessen. Oder Erde. An guten Tagen beides.
Ich will damit sagen, dass Kinder heute von früh auf mit Technologie umzugehen lernen – wozu braucht es da Informatikunterricht?

Riecken: Dann erschließt sich deine Tochter ihre Welt in diesem Bereich medial vermittelt. Sie lernt Interfaces zu bedienen, aber eigentlich nichts über Technik dabei. Da zudem auf Wischgeräten vieles leicht ist – selbst kreativ sein kann man da „ganz einfach“ (im Rahmen dessen, was der jeweilige Programmierer unter Kreativität versteht), kann die haptische Auseinandersetzung mit der Welt dagegen gerne schonmal als mühevoll erlebt werden. Es hängt sehr stark vom Elternhaus ab, ob die Wischgeräte als „Shut-up-Toy“ eingesetzt werden, oder ob ein Ausgleich geschaffen wird und Kinder auch erleben dürfen, dass sie anderswo scheitern und immer neue Strategien entwickeln müssen. Kinder erfahren die Welt mit ihren Sinnen. Geräte sprechen immer nur einen Ausschnitt der Sinne an.

Klinge: Nun, meine Informatikerfahrungen sind offensichtlich antiquiert – was beinhaltet das Fach heutzutage?

Riecken: Ich sage immer, dass Informatik das einzige Fach ist, bei denen ich Schülerinnen und Schüler beim Denken bzw. Ihren Denkschritten zuschauen kann. Eigentlich geht es im Kern oft darum, ein Problem in handhabbare Teilprobleme zu zerlegen. Ich habe in diesem Jahr mit meinen Schülern (sorry, war ein reiner Jungenkurs) viel zum Thema Passwortverschlüsselung gemacht. Aufhänger waren die unzähligen gestohlenen Passwortdatenbanken im letzten Jahr (Yahoo, LinkedIn etc.). Die Schüler wissen jetzt z.B. warum ein Passwort eine gewisse Länge und Komplexität haben sollte und dass eine sichere Passwortspeicherung unmöglich ist, sondern allenfalls eine, die Angriffen eine zeitlang standhält. Dann kann man noch darüber sinnieren, warum selbst große Internetfirmen die Grundregeln bei der Passwortspeicherung nicht befolgen usw. – und schon ist man ganz schnell bei betriebswirtschaftlichen oder gar ethischen Fragen. Reine Medienkompetenzvermittlung ohne informatischen Hintergrund ist in diesem Feld eine reine Blackbox: „Mach dein Passwort lang und komplex!“ „Häh? Warum? Unbequem. Gibt doch ’ne App!“

Klinge: Umgekehrt begegnen mir in der Schule oft Jugendliche, die mit 13 Jahren noch den Ein- und Ausschalter am Computer suchen und überhaupt keine Erfahrung mit einem stationären Computer haben. Diesen Kindern fehlt jede Grundlage – ihnen Programmieren beizubringen scheint herausfordernd – die müssen doch eher lernen, mit Office Programmen umzugehen. Die bräuchten eher einen Schreibmaschinen-Kurs. Wie begegnest du diesem Spagat?

Riecken: Da gibt es heute ganz tolle Ansätze – das Problem haben wir ja nicht nur in Deutschland. „Unplugged“ beginnen, über Klickibunti (z.B. auf code.org) Grundkonzepte erlernen und dann erstmal quasi per „Online-App“ erste Formalisierungen machen. Dafür braucht es anfangs nur einen Browser und die Dateien finden sich auch immer wieder an, da die App alles erledigt. Dann Schritt für Schritt Richtung Dateisystem und Selbstorganisation gehen, bevor man dann komplexere Dinge anfasst – meist aber eher sowas wie die Steuerung von Modellen oder Robotern – dann sieht man auch einen Effekt seiner Codezeilen. Im Zusammenspiel von Mechanik und Software braucht man dann Fehlersuchstrategien, die bei manchen Programmieransätzen besser als bei anderen greifen. So entstehen nach und nach sehr vielfältige Anforderungs- und Arbeitsszenarien.
Die Idee, dass Informatik etwas mit Technologie zu tun hat, halte ich für falsch. Es gibt genug Beispiele dafür, dass Informatikunterricht vollkommen ohne Technologie („unplugged“) funktionieren kann, etwa wenn ich die Lerngruppe Ideen entwickeln lasse, mit welchen Strategien Menschen z.B. nach der Größe sortiert werden können. „Programmieren“ heißt dann schlicht „nur“, diese Strategie zu formalisieren – einfach in ganz normaler Sprache, später in formalisierter – das hilft sogar später beim Deutschaufsatz. Aber im Kern geht es gar nicht darum, sondern um die Konzepte, die z.B. einen Taschenrechner funktionieren lassen.

Klinge: Nun, das klingt sicher für den ein oder anderen spannend – aber letztlich haben doch wenig Schüler ein Interesse daran, eine weitere Fremdsprache zu lernen: Ob das jetzt französisch ist oder Java oder die Grundlagen von Programmen. Als Lehrer leide ich jetzt schon unter dem vollen Plan und der wenigen Zeit. Ein weiteres Fach… Die Kinder haben doch keine Zeit mehr Kinder zu sein.

Riecken: Informatik ist keine Sprache. Informatik ist nicht Programmieren! Wenn wir den Bogen da konsequent weiter spannen: Was ist denn mit Fächern wie Mathe, Chemie, Latein? Lassen wir uns als Gesellschaft davon leiten, ob ausreichend viele Schülerinnen und Schüler Interesse dafür aufbringen (wollen) oder ob Lehrkräfte darunter leiden? Gerade Latein – dieses tote Ding? Ich glaube, dass sehr viele Schülerinnen und Schüler unter diesen Fächern durchaus leiden. Trotzdem diskutieren wir nicht über deren Abschaffung, oder ob diese Fächer frei gewählt werden dürfen. Wenn es damals nach mir gegangen wäre, hätte ich Englisch sofort abgewählt. Heute ist diese Sprache für mich unglaublich wichtig geworden. Latein hingegen hat für mich nur eine sehr geringe Bedeutung. Ich weiß, dass man mir unterstellen wird, mich für einen Kanon einzusetzen, das neue Lernen nicht verstanden zu haben. Wenn ich heute in die Welt schaue, sehe ich kaum Berufe, die ohne digitale Kompetenzen sinnvoll längere Zeit auszuüben sind. Ich sehe weitergehend digitalisierte Zahlungsvorgänge, weitgehend digitalisierte Verwaltungsprozesse – auch in Deutschland – allen Unkenrufen zum Trotz. Ich lese Aussagen von schlauen Leuten in schlauen Feuilletons und denke oft genug: „Was für ein Depp!“ – auf Anwenderebene mag man wohl auf einen recht oberflächlichen Niveau Dinge kommentieren und werten können – eine Ahnung von den technischen Möglichkeiten ist oft nicht einmal in Sicht ohne Grundlagen der Datenverarbeitung zu kennen.

Klinge: Hast du ein konkretes Beispiel?

Riecken: Das smarte Haus ist ein Paradebeispiel für mich. Ein Haus ist ja etwas, in dem man länger lebt. Es gibt zurzeit unzählige Gadgets und Spielzeuge, um das Leben in Eigenheim bequemer zu machen: Elektronische Schließsysteme, Heizungsregelungen, Beleuchtungsartikel, schaltbare Steckdosen, Alarmanlagen etc.. Das Wenigste ist zueinander kompatibel (oder man benötigt spezielle Zwischengeräte, die doch wieder eine Menge Wissen erfordern) und kaum eine Lösung ist so langlebig, dass Updates der Firmware auch über längere Zeit gewährleistet wären. Damit ist das Haus oft in kürzester Zeit ohne Zutun des Besitzers manipulierbar. Die Alternative ist, sich immer wieder neue Gadgets mit den immer wieder gleichen Problemen zu kaufen oder von Anfang an auf Systeme zu setzen, die auf dem ersten Blick viel mehr kosten, auf lange Sicht jedoch sowohl softwaretechnisch als auch konzeptionell und von Zusammenspiel der Komponenten her überzeugen. Mit informatischer Bildung wüsste man in Grundzügen, wie ein Produkt, welches möglichst lange eingesetzt werden soll, prinzipiell designed sein sollte (bei Handwerkszeug und Messern weiß man das ja im Prinzip auch). Und man wüsste, was „kosteneffektiv“ ist und was innerhalb weniger Monate auf irgendeiner Müllhalde in Afrika landen wird – weil z.B. die zugehörige App für das neue Smartphone nicht mehr entwickelt wird.

Klinge: Ich muss gestehen: Das kann ich komplett nachvollziehen.

Riecken: Und, klar kann ich die Welt einfach so benutzen – auch ohne Biologie, ohne Chemie oder Physik und Mathe. Aber irgendwas fehlt dann vielleicht. Und ein recht neuer Teil von Welt scheint mir dann doch der digitale Raum zu sein. Informatik ist die Grundlagenwissenschaft dieses Raumes. Kommen nicht viele politische Regulierungslücken auch durch Unwissen und sehr leichte Beeinflussbarkeit der Verantwortlichen?

Klinge: Auch das kann ich nachvollziehen. Umgekehrt drängt die Wirtschaft darauf, ein gleichnamiges Fach verpflichtend überall einzubinden. SoWi, Erdkunde.. es gibt einen gewaltigen Fundus an Dingen, die wir unsere Kinder gerne lehren möchten. Wo soll man da beschneiden?

Riecken: Wie haben wir als Gesellschaft eigentlich „entschieden“, was wir in Deutsch oder Geschichte „lehren“? Auch darüber lässt sich trefflich streiten. In der Tat ist es ein immenses Problem, wenn die Wirtschaft Inhalte informatischer Bildung bestimmt. Im Falle von Informatik hat dieses „Drängen der Wirtschaft“ deswegen einen Geschmack, weil wir Einflussnahme vermuten und gleichzeitig oftmals keine Ideen haben, was denn da gelehrt werden soll – denn das würde informatische Kompetenzen ebenso erfordern wie medienethische Fragestellungen – Physikunterricht über Atomenergie dürfte in den 70ern anders ausgesehen haben als heute. Der chemischen Industrie werfen wir das Fach Chemie auch nicht vor, eben weil es da Strategien gibt, lobbyistische Tendenzen mehr oder weniger effektiv zu kompensieren. Mit reinem Anwenderwissen wird das im Bereich Informatik eher weniger gut klappen. Ich halte es da mit Günter Dueck: „Man muss nicht überlegen, was man für Informatik denn wegstreichen sollte – das muss man eben auch noch machen!“ Weil die Welt sich eben dahingehend ändert, dass sie komplexer und digitaler wird.

Klinge: Ganz konkret: Findest du, alle Schüler sollten grundsätzlich Informatikunterricht erhalten?

Riecken: Ja.

Klinge: Warum?

Riecken: Weil zukünftig Dinge wie Teilhabe, Souveränität und neutrale Informationsbeschaffung immer mehr von informatischen Kompetenzen abhängig sein werden. Ich hätte aber auch kein Problem damit, wenn das nicht so kommt. Dann wechsle ich halt die Seiten und verdiene ganz viel Geld mit der informatischen Unmündigkeit großer Teile der Gesellschaft. Angesichts der Entwicklung der Altersvorsorge auch keine schlechte Perspektive :o)…

Klinge: Nun, zumindest mein Bild von Informatikunterricht ist nun nicht mehr so antiquiert wie vorher! Mir fällt nichts kritisches mehr ein, aber vielleicht mag der ein oder andere Leser sich in den Kommentaren noch dazu äußern – ich danke dir erstmal für dieses Gespräch!

10 Pflichtfach Informatik \n 20 goto 10

Ich halte ein „Pflichtfach Informatik“ für unverzichtbar. Auf Twitter wird Ludger Humbert nicht müde, immer wieder und wieder danach zu rufen, wobei die Penetranz, mit er er diese Forderung vorträgt, weit über die von z.B. Jean-Pol Martin implizit als notwendig erachtete hinausgeht.

Diese Dauerschleife führt im Wesentlichen zu drei Reaktionsmustern:

  1. Man erträgt sie nicht mehr und blockt oder mutet.
  2. Man erwidert, dass man ja auch nicht ein Auto verstehen müsse, um es zu bedienen.
  3. Man erwidert, dass man ja auch nicht ein Auto verstehen müsse, um es zu bedienen und blockt oder mutet dann.

Eigentlich findet damit eine Auseinandersetzung auf zwei Ebenen statt: Eine emotionale und eine rationale. Wenn ich in der Beratung etwas nicht will, versuche ich genau auf zwei Ebenen Ablehnung zu erzeugen: Emotional und rational, wobei die erste Ebene wesentlich wichtiger ist.

Ohne Blumenfilter: Die Art und Weise, wie diese Forderung vorgetragen wird, sorgt m.E. eigentlich erst dafür, dass man ihr keine oder allenfalls negativ besetzte Beachtung schenkt.

Die rationale Ebene der Autoanalogie ist für mich allerdings eine nur vordergründig rationale, die wiederum viel mit dem jeweils zugrunde liegenden Kompetenzbegriff zu tun hat. Vermeintlich als Synthese schleicht sich zusätzlich der Begriff der Medienkompetenz in die Debatte, wobei ich denke, dass es keine wie auch immer geartete Medienkompetenz ohne informatische Bildung geben kann. Aber langsam.

Medienkompetenz ist sexy, denn:
  1. Medienkompetenz ist vordergründig ohne technisches Wissen vermittelbar.
  2. Medienkompetenz lässt sich am ehesten in bestehende Fächer integrieren – das ist administrativ sehr sexy, weil es realistischer erscheint, als ein weiteres Fach zu schaffen, was ggf. zu Lasten anderer Fächer geht.
  3. Medienkompetenz fällt digital affinen Menschen quasi im Vorbeigehen zu oder wird oftmals intrinsisch motiviert erworben, weil es z.B. Vorteile für den eigenen Unterricht bietet oder geeignete, sich selbst bestätigende Filterbubbles dafür gibt.

Der Medienpädagoge sagt:

„Wenn du XY schon nutzt, dann empfehle ich die und die Profileinstellungen, damit bestimmte Informationen nicht sofort Dritten zugänglich werden.“

Informatik ist so gar nicht sexy, denn:
  1. Sie hat etwas mit algorithmischen Denken zu tun, wovon „Programmierung“ nur ein winziger Bruchteil ist. Algorithmisches Denken zwingt sehr viel an Strukturen auf. Das ist oft wenig lustbesetzt, wenn man es nicht kennt. Auch Qualitätsmanagementzyklen sind im Prinzip algorithmisch: Evaluation => Zielsetzung => Planung => Umsetzung von Maßnahmen => Evalulation … (Ok. Manchmal ist das ja auch zum Kotzen)
  2. Es haftet dieser Disziplin immer noch ein Mythos von langhaarigen, weißhäutigen, pizza- und energydrinksverschlingenden Subjekten an, die sich ansonsten in Serverschränken von Bits und Bytes ernähren. Dabei wird gerne vergessen, dass z.B. Socialmedia nicht ein Produkt von Philosophen und Pädagogen ist und dass große Softwareprojekte von Teams und sozialen Umgangsregeln geprägt sind, von denen wir auf Socialmedia oftmals nur träumen.
  3. Sie bedroht Pfründe. Welcher engagierte Pädagoge möchte von seinem Fach etwas abgeben? Und dann noch für ein Fach mit so zweifelhaftem Nutzen? Denn: Autofahren kann man ja auch so (auch so eine Dauerschleife).

Der Informatiker sagt:

„Wenn du XY nutzt, solltest du folgende Angaben nicht machen und dir darüber im Klaren sein, dass es keine Löschfunktion gibt (obwohl sie so heißt), sondern nur die Möglichkeit, die Sichtbarkeit von Informationen temporär einzuschränken.“

Das Autoargument

… könnte auch lauten: Ich muss nichts über Chemie wissen, um Kosmetik zu benutzen. Oder: Ich brauche kein Wissen über Erkunde, um eine Reise zu unternehmen. Trotzdem „leisten“ wir uns beide Fächer, obwohl oder gerade weil diese beiden Aussagen stimmen.

Wir leisten uns diese Fächer, weil wir annehmen (ja, es ist eine Annahme), dass diese umfassende Konzepte vermitteln, die uns in unserer Welterfahrung und Berufsfindung nützlich sind.

Bezogen auf Informatik: Was erleben wir denn gerade und beschreiben es ja auch wieder und wieder in der Filterbubble? Richtig: Den enormen Einfluss der Digitalisierung auf Wirtschaft und Gesellschaft. Genau wie die Atome und Moleküle Grundkonzepte beim Aufbau von Materie beschreiben, beschreibt Informatik eben Grundzüge digitaler Strukturen. Wenn wir Grundzüge nicht vermitteln wollen, so müssen wir konsequenterweise alle Fächer abschaffen.

Das Autoargument beschreibt kein Grundkonzept. Es beschreibt einen winzigen Teil von Mobilität, der zudem immer unwichtiger werden wird. Daher kann man es m.E. gegen die Forderung nach einem Pflichtfach Informatik nicht in Stellung bringen.

Ebenso wenig wie ich heute weiß, wie der Zitronesäurezyklus genau abläuft, weiß ich durch Informatik später nicht, wie ein Rechner funktioniert, aber ich habe Grundzüge der Datenverarbeitung kennengelernt, die sich genau wie der Zitronensäurezyklus nicht großartig ändern.

Das Emotionale am Autoargument

Es ist uns Anwendern eigentlich klar, dass wir sehr wenig wissen. Weiterhin ist uns klar, dass dieses Unwissen Konsequenzen haben wird. Ansonsten würden wir von z.B. der Politik nicht so vehement fordern, dass sie z.B. bestimmte Dinge regulieren soll, z.B. Amazon oder Facebook. Und es ist uns noch etwas klar: Während wir das Lernen lange Zeit auf jüngere Generationen abschieben konnten, klappt das mit mit dem Lernen hinsichtlich des Digitalen eher nicht so gut, da diese Veränderung uns alle betrifft und uns daher auch alle fordert – vor allem auch auf dem Gebiet ethischer Grundsätze, die es für Digitalien neu zu schreiben und zu definieren gilt. Das ist schwierig, wenn ich nur ahnen kann, was generell möglich ist. Dann kommt da z.B. sowas wie Vectoring heraus.

Das ist zusätzlich sehr unangenehm und gar nicht bequem. Das sollen doch besser die langhaarigen, weißhäutigen, pizza- und energydrinksverschlingenden Subjekte machen. Wir wollen anwenden und benutzen. Dummerweise bestimmen damit die langhaarigen, weißhäutigen, pizza- und energydrinksverschlingenden Subjekte bzw. ihre Firmen grundlegende Strukturen auf Basis marktwirtschaftlicher Konzepte. Ich finde diese Vorstellung irgendwie blöd.

Kompetenzgeseier als Ausweg?

Die Vermittlung von Medienkompetenz ist im Extremfall nichts weiter als die Weitergabe autodidaktisch erworbener Anwenderkenntnisse bzw. gemachter Erfahrungen innerhalb von Socialmedia. Sie ist ohne Zweifel wichtig und sollte Teil in jedem Fach sein. Sie lässt sich aber auf Basis von Wissen über informatische Grundkonzepte m.E. viel fundierter und tragfähiger vermitteln. Die fiktive Aussage des stereotypen Informatikers oben eröffnet erweiterte Handlungs- und Bewertungsmuster gegenüber der stereotypen medienpädagogischen Position (wobei beides natürlich nur Beispiele zur Veranschaulichung sind).

Der Kompetenzseierer würde jetzt einwenden, dass informatisches Wissen ja auch veralte und damit eher Kompetenzen zum selbstständigen Erschließen des informatischen Wissens vermittelt werden sollten. Damit macht er einerseits den Dualismus zwischen Kompetenz und Wissen auf, den er den Kompetenzkritikern gerne vorwirft. Und er öffnet andererseits Systemen (z.B. Lobbyisten) Tor und Tür, den den Bereich der Informatik dann eben auf ihre Weise besetzen, denn Menschen in Ausbildung ahnen ja schon ein wenig, dass es in diesem Bereich Entwicklungsmöglichkeiten im späteren Leben gibt.

Das Argument mit dem „schnell veraltetenden Wissen“ finde ich darüber hinaus auch einigermaßen merkwürdig. Genau wie mathematische oder chemische Konzepte einigermaßen konstant verlässlich sind und den Kompetenz- und Wissenserwerb in beiden Disziplinen sowohl strukturieren und letztendlich dadurch auch erleichtern, gibt es auch in der Informatik allgemeingültige Strukturen wie etwa die Zerlegung eines Problems und Teilschritte. In den Geisteswissenschaften sind diese Strukturen naturgemäß weniger eng bzw. formal bestimmt ausgeprägt, aber dennoch vorhanden.

Fazit

Medienkompetenz ist erstmal besser als nichts und vielleicht auch der zunächst pragmatischere und bequemere Weg. Wenn wir jedoch in einer zunehmend digitalisierten Welt leben, wird ein Grundlagenfach wie Informatik für mich jedoch unverzichtbar, auch wenn die Forderung danach vielleicht unrealistisch und unbequem erscheint. Und nein: Informatik heißt nicht „programmieren lernen“. Es heißt viel mehr.

Akt der Notwehr – Reaktionen auf die Arbeitszeiterhöhungen

Schulen in Hannover streichen die Klassenfahrten, um einen Ausgleich für die anstehende Mehrarbeit zu schaffen (vgl. Artikel hier im Blog). Der Philologenverband Niedersachsen arbeitet dezidiert und sachorientiert mit Mythen zur Lehrerarbeitszeit auf. Das Kultusministerium legt seine Pläne zur besseren Ausstattung von Bildungsinstitutionen offen. Die finanzielle Realisierung dieser Pläne wird einerseits durch Erhöhung der Mittel für Bildung durch die Politik geleistet, andererseits durch Maßnahmen wie die Arbeitszeiterhöhung und Streichung der Altersregelungen aus dem System selbst „gewonnen“.

Ich denke nicht, dass irgendeine Hoffnung besteht, dass die Politik die bereits beschlossenen und zur Finanzierung anderer Projekte genutzten Veränderungen zurücknehmen wird. Ich denke auch nicht, dass eine direkte, sachorientierte Reaktion auf diese Maßnahmen erfolgreich sein wird.

Dennoch macht man sich in vielen Gymnasien in Niedersachsen Gedanken, wie man mit diesen Arbeitszeiterhöhungen umgeht. Beamte sind alimentiert. Rein logisch könnte man tatsächlich an Stellen Arbeitszeit reduzieren, die nicht zwingend durch die Aufgabenbeschreibung einer Lehrkraft abgedeckt sind.

Das sind z.B. Klassenfahrten, Exkursionen, AGs, soziale Angebote wie Streitschlichter, Konzerte, Sport- und Schulfeste, Internetauftritte und ja, auch meine Art der Schulnetzwerkadministration gehört dazu – ich soll das Netzwerk koordinieren und weiterentwickeln – für das Handanlegen werde ich eigentlich nicht bezahlt, eher für die Auftragserteilung an Fachfirmen.

Der Dienstherr wird dieses Dilemma wahrscheinlich erkennen, da es die einzige Achillesferse in seiner öffentlichen Darstellung ist. Der Dienstherr wird nach meinen Schätzungen  die Korrekturbelastungen an Gymnasien an diejenige anderer Bundesländer angleichen, d.h. zumindest die Anzahl der zu schreibenden Arbeiten in der Mittelstufe reduzieren. Damit wäre dann tatsächlich ein spürbarer Ausgleich geschaffen und ein wesentliches Argument der „Widerständler“ ausgehebelt.

Wenn es einen solchen „Deal“ nach einer öffentlichen Debatte geben wird: Ist Bildung am Gymnasium dadurch dann nachhaltig verbessert worden? Wie sieht mit dem Bildungssystem in Niedersachsen dann insgesamt aus? Macht es Fortschritte?

Wenn es so kommt – was soll ein Gymnasium als Reaktion beschließen?

Auch wenn es gebetsmühlenartig z.B. von Verbänden behauptet wird: Dass der Beruf des Lehrers in der Öffentlichkeit an Ansehen gewinnt, sehe ich allenfalls in Umfragen. Witzigerweise fordern gerade Verbände ihre Mitglieder dazu auf, an Umfragen teilzunehmen – statistisch schon eine relevante Störgröße. Viele der üblichen Stereotype bestehen in meinem Umfeld weiterhin.

Ich sehe eine Gefahr darin, diese Stereotype durch irgendwelche Aktionen zu bestätigen – das wird z.B. der Fall sein, wenn man Klassenfahrten streicht oder die Streichung androht – bei bereits geplanten Aktionen tritt zusätzlich das Problem auf, wie man mit Vorleistungen (Buchungen, Anzahlungen etc.) sauber umgeht. Schulen aus meinem Umkreis versuchen dem zu begegnen, indem sie Dienst nach Vorschrift androhen – wird diese Drohung dann auch tatsächlich Realität? Wenn sie Realität wird – wie lange bleibt sie das dann auch? Es soll z.B. ja auch Lehrkräfte mit Familie geben, die aus einer anderen Position heraus Interesse an einem lebendigen Schulleben haben.

Die Gefahr besteht für mich darin, dass wir die Solidarität und Unterstützung derjenigen dadurch verlieren, die wir für eine politische Auseinandersetzung dringend benötigen. Die kurz- und mittelfristige Aktivierung durch solche Aktionen mag allerdings klappen.

Ich vertrete die Theorie, dass Schule in der Öffentlichkeit als sehr wenig transparent wahrgenommen wird. Und ich nehme war, dass Eltern und Schülerinnen sowie Schüler mit recht geringer institutioneller Macht an Schulen ausgestattet sind – der Schulvorstand hier in Niedersachsen böte allerdings eine Gelegenheit zu starker Partizipation, setzt aber ein politisches Bewusstsein der Akteure voraus.

Die einzige Chance zu wirklichen Reformen bietet entweder der schon oft prognostizierte Breakdown des Bildungssystems (der Patient ist aber zäh) oder die gezielte politische Aktivierung von Eltern sowie Schülerinnen und Schülern – sie sind schließlich nicht treuepflichtig oder an Dienstwege gebunden.

Die Arbeitszeiterhöhung für Gymnasiallehrkräfte ist m.E. eine der geringfügigeren Herausforderungen im Bildungssystem, sondern steht eher im Zeichen der sich nach meiner Wahrnehmung in vielen sozialen Kontexten ausbreitenden Haltung: „Mehr Qualität durch weniger Personal und mehr Evaluation“ – man möge z.B. einmal mit Altenpflegern, Krankenschwestern, Kinderbetreuungseinrichtungen oder sogar der Polizei sprechen.

Idee

Jeden Tag lädt eine Schule eine Woche lang zehn Externe ein, eine Lehrkraft einen Tag bei ihrer Arbeit zu begleiten. Bedingungen: Der Externe setzt sich, wenn sich die Lehrkraft setzt. Der Externe trinkt einen Kaffee, wenn die Lehrkraft einen Kaffee trinkt. Der Externe schreibt ein paar Zeilen zu seinen Eindrücken. Sowas muss natürlich in der Presse angekündigt werden. Und es sollten möglichst viele Schulen unterschiedlicher Schulformen in einer Region daran teilnehmen.

Was soll das bringen?

  • Es vermittelt der Öffentlichkeit einen Eindruck von der Arbeit an einer Schule
  • Es richtet den Blick darauf, dass nicht nur Gymnasien vor Herausforderungen stehen, sondern auch andere Schulformen
  • Es setzt ein Zeichen, dass schulübergreifende Zusammenarbeit und schulübergreifende Wahrnehmung möglich ist
  • Es hilft ggf. dabei, Stereotype in einen erfahrbaren Kontext zu stellen
  • Es schafft mehr Transparenz über die Abläufe und tatsächlichen Belastungen an einer Schule
  • Es bietet unsicheren Kolleginnen und Kollegen einen gewissen Schutz – es muss sich ja niemand „outen“

Ich glaube nicht, dass wir als Beamte in nennenswertem Umfang allein das notwendige politische Gewicht bekommen können, welches dringend notwendig wäre. Daher kann die Öffnung des Systems nach außen – mit allen vermeintlichen „Gefahren“ – m.E. schon etwas bewirken.

Der Worst-Case wäre für mich folgender: Die Gymnasien beschließen alleine, Arbeitszeit durch Streichung außerunterrichtlicher Aktivitäten zu reduzieren (in denen oft viel mehr gelernt wird als im Unterricht!). Dann kommt der Dienstherr und reduziert seinerseits z.B. die Korrekturbelastung. Was dann? Alles zurücknehmen? Man hat ja schließlich nur angedroht – und Dinge wie die Inklusion kommen am Gymnasium irgendwann auch noch an – neue Runde, neues Spiel?

Am 9. Dezember findet die entscheidende Sitzung im Landtag statt. Man darf gespannt sein.

Die Post-Privacy-Falle im Kontext kollektiver Naivität

Michael Seemann und andere arbeiten sich am Begriff „Post-Privacy“ geisteswissenschaftlich ab. Was bedeutet „Post-Privacy“?

Post-Privacy (ausgesprochen britisch [pəʊst ˈpɹɪv.ə.si], amerikanisch [poʊst ˈpɹaɪ.və.si], übersetzt „Was nach der Privatheit kommt“) ist ein Begriff, der einen Zustand beschreibt, in dem es keine Privatsphäre mehr gibt und Datenschutz nicht mehr greift.[1]

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Post-Privacy

Sehr grob gesprochen meint Post-Privacy:

Jedes weiß alles über jeden oder kann sich mit geeigneten Instrumenten dieses Wissen verschaffen – unabhängig vom jeweiligen Status der Person in der Gesellschaft.

Eine reizvolle Vorstellung:

  • … das Parteispendenkonstrukt eines Helmut Kohl entzaubern
  • … die Verträge von Toll-Collect einsehen
  • … Licht in die Causa Wulff bringen
  • … usw.

Eine für mich nicht so reizvolle Vorstellung habe ich im letzten Artikel beschrieben. Mit der Debatte um Post-Privacy sind immer auch Hoffnungen verbunden:

  • … der kleine Mann wird zum Weltenretter (Snowden-Paradox)
  • … die Welt wird gerechter, weil quasi durch die Hintertür die direkte Demokratie gelebt werden kann
  • … allein die Verfügbarkeit bestimmter Informationen wird dafür sorgen, dass Verhalten sich ändert
  • … usw.

Nennt mich pessimistisch – ich halte diesen Ansatz für naiv. Diese Schlacht wird nicht geisteswissenschaftlich (fast allein auf dieser Ebene wird in Feuilletons öffentlich wahrnehmbar diskutiert), sondern technologisch geschlagen.

Dazu ein Beispiel:

Was mache ich als Geheimdienst, wenn ich eine Zielperson ausspionieren möchte? Ich muss mich um mehrere Dinge kümmern, wenn ich das mit Hilfe von digitalen Endgeräten des Benutzers (Handy, PC, SmartTV) bewerkstelligen möchte:

  • idealerweise hinterlasse ich keine Spuren dabei
  • idealerweise wird die Funktion des Gerätes dabei nicht beeinträchtigt
  • idealerweise entziehe ich die Überwachungsmaßnahme der Kontrolle des Benutzers

Deswegen ist so etwas wie ein Bundestrojaner („Ich installiere als Staat eine Überwachungssoftware auf deinem PC“) eine selten dämliche Idee, da ich dazu meine Know-How in Form eines Programmes aus der Hand geben muss. Ich weiß nicht, an was für einen Besitzer des PCs ich gerate: Wenn ich Pech habe, findet ein gewiefter Nerd mein Programm, analysiert es und legt es in ominösen Tauschbörsen offen. Wenn es ihm zusätzlich gelingt, den Datenverkehr von diesem Programm zu mir als Geheimdienst zu entschlüsseln, bzw. zu einer festen IP zurückzuverfolgen, bin ich geliefert, da Grundvoraussetzungen für eine Überwachungsmaßnahme eben die Unsichtbarkeit (= Intransparenz) ebendieser Maßnahme ist. Ein Bundestrojaner ist damit nie etwas zur Überwachung vieler, sondern allenfalls bei gezielten Observationsmaßnahmen mit arg begrenztem Zielrahmen einsetzbar. Was wir bisher gesehen haben, halte ich nur für eine Machbarkeitsstudie.

Bei meinem Hoster gab es in diesem Jahr einen interessanten Vorfall mit einer mir bisher unbekannten Spezies von Schadprogramm: Es schrieb sich nicht auf die Festplatte, sondern drang durch eine Sicherheitslücke in einem Dienst in den Hauptspeicher ein und trieb dann von dort sein Unwesen. Da Server u.U. lange laufen, kann so ein Programm sehr lange unbemerkt bleiben und ist zudem äußerst schwierig zu analysieren – Virenscanner durchkämen zunächst einmal die Festplatte.

Auf Handys ist eine permanente Überwachung des Systems durch den Anwender oft gar nicht erst möglich – bei Applegeräten z.B. „by design“ nicht gewünscht. Bei so einem fremdgesteuerten System brauche ich also als Geheimdienst im Idealfall nur Zugriff auf den Anbieter selbst, um grenzenlos überwachen zu können. Wenn ich mir eine Lücke auf dem Schwarzmarkt kaufe, kann das im Einzelfall nützlich sein, skaliert aber nicht gut, weil ich immer damit rechnen muss, dass ich nicht der Einzige bin, der Zugriff auf den entsprechenden Code hat.

Bestimmt sind bei diesem „Technikgelaber“ schon eine Menge Menschen ausgestiegen.

Quintessenz:

Technologisch sind staatliche Organe oder private Firmen wie Google dem normalen Anwender, der in einer „Post-Privacy“-Welt lebt, haushoch überlegen. Mit Daten, die anfallen, wird das gemacht werden, was technologisch möglich ist.

Eine Kontrolle jedweder Art ist utopisch und zwar nicht deswegen, weil sie prinzipiell unmöglich ist, sondern vielmehr deswegen, weil sie immenses technologisches Wissen erfordert – viele im Web2.0 erklären immer noch Leute für verrückt, die verbindlichen Informatikunterricht von Kindesbeinen an fordern. Medienkompetenz in einem pädagogischen Sinne verstanden hilft ggf. etwas dabei, das Übelste zu verhindern oder zu verzögern – auf der oft kolportierten „Anwendungsebene“ wird sie allein nicht dazu führen, dass wir in der Lage sein werden, das Machtgefälle zwischen uns und den Technologieriesen (Staat & Privatwirtschaft) zu verändern.

Diejenigen, die es im Prinzip könnten, sind oft genug Zielscheibe von Hohn und Spott gewesen. Damit meine ich z.B. Datenschützer, die das Leben in der Wahrnehmung vieler ja einfach nur unbeqemer und unzeitgemäßer machen wollen. Bequemlichkeit unter Verlust von Grundrechten („Das Netz ist ein grundrechtsfreier Raum“) sehe ich unter sehr vielen Aspekten als problematisch.

Gebetsmühle:

Ja, natürlich darf man Geräte einfach nur „benutzen“. Ich kann auch die Welt einfach so benutzen. Trotzdem hat man mich mit Chemie, Mathe, Physik oder Biologie gequält und die wenigsten streiten ab, dass es sich dabei um nützliche Disziplinen handelt. Bei Informatik und „Technikgedöns“ ist das immer ganz anders.

Verlorene Links – Teil 3

  1. Hokey schreibt seine ganz eigenen Gedanken zum Zeit-Artikel „Wir müssen die Welt retten„, der gerade quer durch alle Social-Mediakanäle getragen wird.  Ich habe seinen Gedanken nichts hinzuzufügen außer der Tatsache, dass ich schon immer für Vielfalt im Lehrerkollegium war :o)…
  2. Ich bin seit einiger Zeit wieder bei Twitter, ertappe mich aber dabei, dass mir spontan kaum positive Tweets einfallen und nach meinem Dafürhalten sich die Edu-Web2.0-Generation sich immer noch inhaltlich vor allem selbst verstärkt. Gleichwohl ist es schön, wieder mitzubekommen, wie es dem einen oder der anderen geht, da ich ich doch eine große Wertschätzung für viele dort empfinde und einfach persönlich interessiert bin. Dummerweise ist für mich persönlich umgekehrt Twitter überhaupt kein Medium, um Befindlichkeiten mitzuteilen… Also weiß ich nicht so recht, was ich dort mache und warum ich wieder da bin.
  3. Adrenalin ins Blut bekomme ich bei den Artikeln von Christian Füller. Da ich keinen Kaffee trinke, brauche ich das einfach immer wieder, um richtig wach zu werden. Auch Analogien zum Dritten Reich werden dort bemüht. Schon doof, wenn zu bösen Lehrern auch noch böse Eltern kommen. Zudem glaube ich, dass derartige Artikel für das an sich lautere Ziel, was mit ihnen angestrebt wird, absolut kontraproduktiv sind. Überzeugen müssen wir nicht die, die es begriffen haben… Die Machtverhältnisse snd zur Zeit leider nicht wunschgemäß verteilt.
  4. Polemik, wie ich sie mag hingegen sehr mag, heute frisch auf Carta. Es geht einmal mehr gegen das Leistungsschutzrecht. Nicht alles stimmt – das ist bei Polemik halt so.
  5. Eine spannende Diskussion um Allgemeinbildung im humboldtschen Sinne läuft zur Zeit auf Drossmann.de. Entzündet hat sich dieses echte Kleinod an der Frage, ob man heute in der Schule noch Gedichte auswendig lernen lassen sollte. Hätte ich ehrlicherweise ohne Twitter nicht mitbekommen.