Pflichtfach Informatik? Ein Streitgespräch.

Informatikunterricht? Muss das sein..!?

Immer wie­der tobt eine Debat­te über ver­pflich­ten­den Infor­ma­tik­un­ter­richt — Rea­li­tät ist er aber nur in drei Bun­des­län­dern. Ver­passt Deutsch­land beim Com­pu­ter­un­ter­richt eine gro­ße Chan­ce? Was ist eigent­lich zeit­ge­mä­ßer Infor­ma­tik­un­ter­richt und… braucht man Pro­gram­mie­ren wirk­lich? Maik Riecken und Jan-Mar­tin Klin­ge strei­ten.

Klin­ge: Maik, du schreibst auf dei­nem Blog, dass du die Fächer Deutsch und Che­mie an einem Gym­na­si­um in Nie­der­sa­chen unter­rich­test. Was hast du mit Infor­ma­tik zu tun?

Riecken: Nichts For­ma­les, d.h. ich habe weder eine Fakul­tas dafür oder noch irgend­ei­nen „offi­zi­el­len” Kurs auf der Uni dazu besucht. Mit 14 Jah­ren habe ich mei­nen ers­ten Com­pu­ter bekom­men – einen Amiga500. Dar­auf habe ich eigent­lich fast nur gedad­delt, aber auch ers­te Geh­ver­su­che mit Ami­ga­Ba­sic gemacht. Das war schon was, weil man sogar eine GUI mit Maus hat­te und mit Ami­ga­Ba­sic pro­gram­mie­ren konn­te. Spä­ter habe ich dann sogar Din­ge in Assem­bler ver­sucht – ange­regt durch die damals schon sehr akti­ve „Demo­sze­ne” und die Begrenzt­heit der Hard­ware – aller­dings habe ich es nie geschafft, mei­nem Kum­pel das ver­spro­che­ne Intro zu pro­gram­mie­ren – das ist heu­te noch so ein geflü­gel­ter Spruch zwi­schen uns: „Maik, wo bleibt mein Intro?” In Kiel gab es spä­ter zu PC-Zei­ten dann eine Keim­zel­le der deut­schen Linux­sze­ne mit einem monat­li­chen Stamm­tisch – von da an ging es ab mit Ser­ver­diens­ten, Shell­script, MyS­QL usw.

Klin­ge: Assem­bler? Shell­script..?! Ich ver­ste­he nur die Hälf­te. Aber der spie­le­ri­sche Aspekt ist mir geläu­fig: Mit mei­nen Freun­den haben wir in den 90ern Com­pu­ter­spie­le mit­tels HEX-Edi­tor zer­legt und ver­än­dert. Wir sahen den Matrix-Code schon lan­ge vor dem Film – aber das war alles Frei­zeit und Spiel. Ist Infor­ma­tik an dei­ner Schu­le ein Pflicht­fach?

Riecken: Nein. Schü­le­rin­nen und Schü­ler kön­nen das Fach in der Klas­se 10 bele­gen, wenn sie in der 11. Klas­se eine Natur­wis­sen­schaft durch Infor­ma­tik erset­zen wol­len. Dann müs­sen sie dort min­des­tens ein hal­bes Jahr „durch­hal­ten”. In Nie­der­sach­sen kann jeder Leh­rer bis zur Jahr­gangs­stu­fe zehn qua Amt alles unter­rich­ten – ich z.B. Infor­ma­tik. Da schließt sich dann der Kreis.

Klin­ge: Nun, dann sehe ich mich in der Posi­ti­on vie­ler Eltern oder auch fach­frem­der Kol­le­gen: Wenn ich an mei­nen eige­nen Infor­ma­tik­un­ter­richt den­ke, erin­ne­re ich mich an dunk­le Com­pu­ter­räu­me und ers­te Pro­gram­mier­ver­su­che in qba­sic. Mal ehr­lich – nichts, was ich da gelernt habe, hat mir je gehol­fen. Das war Zeit tot­schla­gen. Für mich ist Infor­ma­tik­un­ter­richt über­flüs­sig.

Riecken: Bei mir war es tech­no­lo­gisch noch stein­zeit­li­cher. Ich habe auf einem Apple II gelernt – mit Bern­stein­mo­ni­tor. Ich mei­ne, das war Pas­cal oder auch ein Basi­cdia­lekt. Es war aber eine unglaub­li­che Fas­zi­na­ti­on zu spü­ren — und ein Pio­nier­geist. Text­ad­ven­tures selbst gestal­ten, Nadel­dru­cker ansteu­ern, Flop­py­disks orga­ni­sie­ren (die Flop­py ist heu­te immer noch das Sym­bol zum Spei­chern in den meis­ten Anwen­dun­gen).

Klin­ge: Schaue ich mir mei­ne zwei­jäh­ri­ge Toch­ter an, dann kann sie auf dem Tablet die Dis­play­sper­re über­win­den, ver­schie­de­ne Apps star­ten und in ihrem Lieb­lings­spiel, Dora Explo­rer, Puz­zle lösen, malen und mit den Figu­ren inter­agie­ren. Ich habe in dem Alter Sand geges­sen. Oder Erde. An guten Tagen bei­des.
Ich will damit sagen, dass Kin­der heu­te von früh auf mit Tech­no­lo­gie umzu­ge­hen ler­nen – wozu braucht es da Infor­ma­tik­un­ter­richt?

Riecken: Dann erschließt sich dei­ne Toch­ter ihre Welt in die­sem Bereich medi­al ver­mit­telt. Sie lernt Inter­faces zu bedie­nen, aber eigent­lich nichts über Tech­nik dabei. Da zudem auf Wisch­ge­rä­ten vie­les leicht ist – selbst krea­tiv sein kann man da „ganz ein­fach” (im Rah­men des­sen, was der jewei­li­ge Pro­gram­mie­rer unter Krea­ti­vi­tät ver­steht), kann die hap­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit der Welt dage­gen ger­ne schon­mal als mühe­voll erlebt wer­den. Es hängt sehr stark vom Eltern­haus ab, ob die Wisch­ge­rä­te als „Shut-up-Toy” ein­ge­setzt wer­den, oder ob ein Aus­gleich geschaf­fen wird und Kin­der auch erle­ben dür­fen, dass sie anders­wo schei­tern und immer neue Stra­te­gi­en ent­wi­ckeln müs­sen. Kin­der erfah­ren die Welt mit ihren Sin­nen. Gerä­te spre­chen immer nur einen Aus­schnitt der Sin­ne an.

Klin­ge: Nun, mei­ne Infor­ma­tik­erfah­run­gen sind offen­sicht­lich anti­quiert – was beinhal­tet das Fach heut­zu­ta­ge?

Riecken: Ich sage immer, dass Infor­ma­tik das ein­zi­ge Fach ist, bei denen ich Schü­le­rin­nen und Schü­ler beim Den­ken bzw. Ihren Denk­schrit­ten zuschau­en kann. Eigent­lich geht es im Kern oft dar­um, ein Pro­blem in hand­hab­ba­re Teil­pro­ble­me zu zer­le­gen. Ich habe in die­sem Jahr mit mei­nen Schü­lern (sor­ry, war ein rei­ner Jun­gen­kurs) viel zum The­ma Pass­wort­ver­schlüs­se­lung gemacht. Auf­hän­ger waren die unzäh­li­gen gestoh­le­nen Pass­wort­da­ten­ban­ken im letz­ten Jahr (Yahoo, Lin­kedIn etc.). Die Schü­ler wis­sen jetzt z.B. war­um ein Pass­wort eine gewis­se Län­ge und Kom­ple­xi­tät haben soll­te und dass eine siche­re Pass­wort­spei­che­rung unmög­lich ist, son­dern allen­falls eine, die Angrif­fen eine zeit­lang stand­hält. Dann kann man noch dar­über sin­nie­ren, war­um selbst gro­ße Inter­net­fir­men die Grund­re­geln bei der Pass­wort­spei­che­rung nicht befol­gen usw. — und schon ist man ganz schnell bei betriebs­wirt­schaft­li­chen oder gar ethi­schen Fra­gen. Rei­ne Medi­en­kom­pe­tenz­ver­mitt­lung ohne infor­ma­ti­schen Hin­ter­grund ist in die­sem Feld eine rei­ne Black­box: „Mach dein Pass­wort lang und kom­plex!” „Häh? War­um? Unbe­quem. Gibt doch ‚ne App!”

Klin­ge: Umge­kehrt begeg­nen mir in der Schu­le oft Jugend­li­che, die mit 13 Jah­ren noch den Ein- und Aus­schal­ter am Com­pu­ter suchen und über­haupt kei­ne Erfah­rung mit einem sta­tio­nä­ren Com­pu­ter haben. Die­sen Kin­dern fehlt jede Grund­la­ge – ihnen Pro­gram­mie­ren bei­zu­brin­gen scheint her­aus­for­dernd – die müs­sen doch eher ler­nen, mit Office Pro­gram­men umzu­ge­hen. Die bräuch­ten eher einen Schreib­ma­schi­nen-Kurs. Wie begeg­nest du die­sem Spa­gat?

Riecken: Da gibt es heu­te ganz tol­le Ansät­ze — das Pro­blem haben wir ja nicht nur in Deutsch­land. „Unplug­ged” begin­nen, über Kli­ckibun­ti (z.B. auf code.org) Grund­kon­zep­te erler­nen und dann erst­mal qua­si per „Online-App” ers­te For­ma­li­sie­run­gen machen. Dafür braucht es anfangs nur einen Brow­ser und die Datei­en fin­den sich auch immer wie­der an, da die App alles erle­digt. Dann Schritt für Schritt Rich­tung Datei­sys­tem und Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on gehen, bevor man dann kom­ple­xe­re Din­ge anfasst — meist aber eher sowas wie die Steue­rung von Model­len oder Robo­tern – dann sieht man auch einen Effekt sei­ner Code­zei­len. Im Zusam­men­spiel von Mecha­nik und Soft­ware braucht man dann Feh­ler­suchstra­te­gi­en, die bei man­chen Pro­gram­mier­an­sät­zen bes­ser als bei ande­ren grei­fen. So ent­ste­hen nach und nach sehr viel­fäl­ti­ge Anfor­de­rungs- und Arbeits­sze­na­ri­en.
Die Idee, dass Infor­ma­tik etwas mit Tech­no­lo­gie zu tun hat, hal­te ich für falsch. Es gibt genug Bei­spie­le dafür, dass Infor­ma­tik­un­ter­richt voll­kom­men ohne Tech­no­lo­gie („unplug­ged”) funk­tio­nie­ren kann, etwa wenn ich die Lern­grup­pe Ide­en ent­wi­ckeln las­se, mit wel­chen Stra­te­gi­en Men­schen z.B. nach der Grö­ße sor­tiert wer­den kön­nen. „Pro­gram­mie­ren” heißt dann schlicht „nur”, die­se Stra­te­gie zu for­ma­li­sie­ren – ein­fach in ganz nor­ma­ler Spra­che, spä­ter in for­ma­li­sier­ter – das hilft sogar spä­ter beim Deutsch­auf­satz. Aber im Kern geht es gar nicht dar­um, son­dern um die Kon­zep­te, die z.B. einen Taschen­rech­ner funk­tio­nie­ren las­sen.

Klin­ge: Nun, das klingt sicher für den ein oder ande­ren span­nend – aber letzt­lich haben doch wenig Schü­ler ein Inter­es­se dar­an, eine wei­te­re Fremd­spra­che zu ler­nen: Ob das jetzt fran­zö­sisch ist oder Java oder die Grund­la­gen von Pro­gram­men. Als Leh­rer lei­de ich jetzt schon unter dem vol­len Plan und der weni­gen Zeit. Ein wei­te­res Fach… Die Kin­der haben doch kei­ne Zeit mehr Kin­der zu sein.

Riecken: Infor­ma­tik ist kei­ne Spra­che. Infor­ma­tik ist nicht Pro­gram­mie­ren! Wenn wir den Bogen da kon­se­quent wei­ter span­nen: Was ist denn mit Fächern wie Mathe, Che­mie, Latein? Las­sen wir uns als Gesell­schaft davon lei­ten, ob aus­rei­chend vie­le Schü­le­rin­nen und Schü­ler Inter­es­se dafür auf­brin­gen (wol­len) oder ob Lehr­kräf­te dar­un­ter lei­den? Gera­de Latein – die­ses tote Ding? Ich glau­be, dass sehr vie­le Schü­le­rin­nen und Schü­ler unter die­sen Fächern durch­aus lei­den. Trotz­dem dis­ku­tie­ren wir nicht über deren Abschaf­fung, oder ob die­se Fächer frei gewählt wer­den dür­fen. Wenn es damals nach mir gegan­gen wäre, hät­te ich Eng­lisch sofort abge­wählt. Heu­te ist die­se Spra­che für mich unglaub­lich wich­tig gewor­den. Latein hin­ge­gen hat für mich nur eine sehr gerin­ge Bedeu­tung. Ich weiß, dass man mir unter­stel­len wird, mich für einen Kanon ein­zu­set­zen, das neue Ler­nen nicht ver­stan­den zu haben. Wenn ich heu­te in die Welt schaue, sehe ich kaum Beru­fe, die ohne digi­ta­le Kom­pe­ten­zen sinn­voll län­ge­re Zeit aus­zu­üben sind. Ich sehe wei­ter­ge­hend digi­ta­li­sier­te Zah­lungs­vor­gän­ge, weit­ge­hend digi­ta­li­sier­te Ver­wal­tungs­pro­zes­se – auch in Deutsch­land – allen Unken­ru­fen zum Trotz. Ich lese Aus­sa­gen von schlau­en Leu­ten in schlau­en Feuil­le­tons und den­ke oft genug: „Was für ein Depp!” — auf Anwen­der­ebe­ne mag man wohl auf einen recht ober­fläch­li­chen Niveau Din­ge kom­men­tie­ren und wer­ten kön­nen — eine Ahnung von den tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten ist oft nicht ein­mal in Sicht ohne Grund­la­gen der Daten­ver­ar­bei­tung zu ken­nen.

Klin­ge: Hast du ein kon­kre­tes Bei­spiel?

Riecken: Das smar­te Haus ist ein Para­de­bei­spiel für mich. Ein Haus ist ja etwas, in dem man län­ger lebt. Es gibt zur­zeit unzäh­li­ge Gad­gets und Spiel­zeu­ge, um das Leben in Eigen­heim beque­mer zu machen: Elek­tro­ni­sche Schließ­sys­te­me, Hei­zungs­re­ge­lun­gen, Beleuch­tungs­ar­ti­kel, schalt­ba­re Steck­do­sen, Alarm­an­la­gen etc.. Das Wenigs­te ist zuein­an­der kom­pa­ti­bel (oder man benö­tigt spe­zi­el­le Zwi­schen­ge­rä­te, die doch wie­der eine Men­ge Wis­sen erfor­dern) und kaum eine Lösung ist so lang­le­big, dass Updates der Firm­ware auch über län­ge­re Zeit gewähr­leis­tet wären. Damit ist das Haus oft in kür­zes­ter Zeit ohne Zutun des Besit­zers mani­pu­lier­bar. Die Alter­na­ti­ve ist, sich immer wie­der neue Gad­gets mit den immer wie­der glei­chen Pro­ble­men zu kau­fen oder von Anfang an auf Sys­te­me zu set­zen, die auf dem ers­ten Blick viel mehr kos­ten, auf lan­ge Sicht jedoch sowohl soft­ware­tech­nisch als auch kon­zep­tio­nell und von Zusam­men­spiel der Kom­po­nen­ten her über­zeu­gen. Mit infor­ma­ti­scher Bil­dung wüss­te man in Grund­zü­gen, wie ein Pro­dukt, wel­ches mög­lichst lan­ge ein­ge­setzt wer­den soll, prin­zi­pi­ell desi­gned sein soll­te (bei Hand­werks­zeug und Mes­sern weiß man das ja im Prin­zip auch). Und man wüss­te, was „kos­ten­ef­fek­tiv” ist und was inner­halb weni­ger Mona­te auf irgend­ei­ner Müll­hal­de in Afri­ka lan­den wird – weil z.B. die zuge­hö­ri­ge App für das neue Smart­pho­ne nicht mehr ent­wi­ckelt wird.

Klin­ge: Ich muss geste­hen: Das kann ich kom­plett nach­voll­zie­hen.

Riecken: Und, klar kann ich die Welt ein­fach so benut­zen – auch ohne Bio­lo­gie, ohne Che­mie oder Phy­sik und Mathe. Aber irgend­was fehlt dann viel­leicht. Und ein recht neu­er Teil von Welt scheint mir dann doch der digi­ta­le Raum zu sein. Infor­ma­tik ist die Grund­la­gen­wis­sen­schaft die­ses Rau­mes. Kom­men nicht vie­le poli­ti­sche Regu­lie­rungs­lü­cken auch durch Unwis­sen und sehr leich­te Beein­fluss­bar­keit der Ver­ant­wort­li­chen?

Klin­ge: Auch das kann ich nach­voll­zie­hen. Umge­kehrt drängt die Wirt­schaft dar­auf, ein gleich­na­mi­ges Fach ver­pflich­tend über­all ein­zu­bin­den. SoWi, Erd­kun­de.. es gibt einen gewal­ti­gen Fun­dus an Din­gen, die wir unse­re Kin­der ger­ne leh­ren möch­ten. Wo soll man da beschnei­den?

Riecken: Wie haben wir als Gesell­schaft eigent­lich „ent­schie­den”, was wir in Deutsch oder Geschich­te „leh­ren”? Auch dar­über lässt sich treff­lich strei­ten. In der Tat ist es ein immenses Pro­blem, wenn die Wirt­schaft Inhal­te infor­ma­ti­scher Bil­dung bestimmt. Im Fal­le von Infor­ma­tik hat die­ses „Drän­gen der Wirt­schaft” des­we­gen einen Geschmack, weil wir Ein­fluss­nah­me ver­mu­ten und gleich­zei­tig oft­mals kei­ne Ide­en haben, was denn da gelehrt wer­den soll – denn das wür­de infor­ma­ti­sche Kom­pe­ten­zen eben­so erfor­dern wie medi­en­ethi­sche Fra­ge­stel­lun­gen – Phy­sik­un­ter­richt über Atom­ener­gie dürf­te in den 70ern anders aus­ge­se­hen haben als heu­te. Der che­mi­schen Indus­trie wer­fen wir das Fach Che­mie auch nicht vor, eben weil es da Stra­te­gi­en gibt, lob­by­is­ti­sche Ten­den­zen mehr oder weni­ger effek­tiv zu kom­pen­sie­ren. Mit rei­nem Anwen­der­wis­sen wird das im Bereich Infor­ma­tik eher weni­ger gut klap­pen. Ich hal­te es da mit Gün­ter Dueck: „Man muss nicht über­le­gen, was man für Infor­ma­tik denn weg­strei­chen soll­te – das muss man eben auch noch machen!” Weil die Welt sich eben dahin­ge­hend ändert, dass sie kom­ple­xer und digi­ta­ler wird.

Klin­ge: Ganz kon­kret: Fin­dest du, alle Schü­ler soll­ten grund­sätz­lich Infor­ma­tik­un­ter­richt erhal­ten?

Riecken: Ja.

Klin­ge: War­um?

Riecken: Weil zukünf­tig Din­ge wie Teil­ha­be, Sou­ve­rä­ni­tät und neu­tra­le Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung immer mehr von infor­ma­ti­schen Kom­pe­ten­zen abhän­gig sein wer­den. Ich hät­te aber auch kein Pro­blem damit, wenn das nicht so kommt. Dann wechs­le ich halt die Sei­ten und ver­die­ne ganz viel Geld mit der infor­ma­ti­schen Unmün­dig­keit gro­ßer Tei­le der Gesell­schaft. Ange­sichts der Ent­wick­lung der Alters­vor­sor­ge auch kei­ne schlech­te Per­spek­ti­ve :o)…

Klin­ge: Nun, zumin­dest mein Bild von Infor­ma­tik­un­ter­richt ist nun nicht mehr so anti­quiert wie vor­her! Mir fällt nichts kri­ti­sches mehr ein, aber viel­leicht mag der ein oder ande­re Leser sich in den Kom­men­ta­ren noch dazu äußern — ich dan­ke dir erst­mal für die­ses Gespräch!

10 Pflichtfach Informatik \n 20 goto 10

Ich hal­te ein „Pflicht­fach Infor­ma­tik” für unver­zicht­bar. Auf Twit­ter wird Lud­ger Hum­bert nicht müde, immer wie­der und wie­der danach zu rufen, wobei die Pene­tranz, mit er er die­se For­de­rung vor­trägt, weit über die von z.B. Jean-Pol Mar­tin impli­zit als not­wen­dig erach­te­te hin­aus­geht.

Die­se Dau­er­schlei­fe führt im Wesent­li­chen zu drei Reak­ti­ons­mus­tern:

  1. Man erträgt sie nicht mehr und blockt oder mutet.
  2. Man erwi­dert, dass man ja auch nicht ein Auto ver­ste­hen müs­se, um es zu bedie­nen.
  3. Man erwi­dert, dass man ja auch nicht ein Auto ver­ste­hen müs­se, um es zu bedie­nen und blockt oder mutet dann.

Eigent­lich fin­det damit eine Aus­ein­an­der­set­zung auf zwei Ebe­nen statt: Eine emo­tio­na­le und eine ratio­na­le. Wenn ich in der Bera­tung etwas nicht will, ver­su­che ich genau auf zwei Ebe­nen Ableh­nung zu erzeu­gen: Emo­tio­nal und ratio­nal, wobei die ers­te Ebe­ne wesent­lich wich­ti­ger ist.

Ohne Blu­men­fil­ter: Die Art und Wei­se, wie die­se For­de­rung vor­ge­tra­gen wird, sorgt m.E. eigent­lich erst dafür, dass man ihr kei­ne oder allen­falls nega­tiv besetz­te Beach­tung schenkt.

Die ratio­na­le Ebe­ne der Auto­ana­lo­gie ist für mich aller­dings eine nur vor­der­grün­dig ratio­na­le, die wie­der­um viel mit dem jeweils zugrun­de lie­gen­den Kom­pe­tenz­be­griff zu tun hat. Ver­meint­lich als Syn­the­se schleicht sich zusätz­lich der Begriff der Medi­en­kom­pe­tenz in die Debat­te, wobei ich den­ke, dass es kei­ne wie auch immer gear­te­te Medi­en­kom­pe­tenz ohne infor­ma­ti­sche Bil­dung geben kann. Aber lang­sam.

Medienkompetenz ist sexy, denn:
  1. Medi­en­kom­pe­tenz ist vor­der­grün­dig ohne tech­ni­sches Wis­sen ver­mit­tel­bar.
  2. Medi­en­kom­pe­tenz lässt sich am ehes­ten in bestehen­de Fächer inte­grie­ren — das ist admi­nis­tra­tiv sehr sexy, weil es rea­lis­ti­scher erscheint, als ein wei­te­res Fach zu schaf­fen, was ggf. zu Las­ten ande­rer Fächer geht.
  3. Medi­en­kom­pe­tenz fällt digi­tal affi­nen Men­schen qua­si im Vor­bei­ge­hen zu oder wird oft­mals intrin­sisch moti­viert erwor­ben, weil es z.B. Vor­tei­le für den eige­nen Unter­richt bie­tet oder geeig­ne­te, sich selbst bestä­ti­gen­de Fil­ter­bub­bles dafür gibt.

Der Medi­en­päd­ago­ge sagt:

Wenn du XY schon nutzt, dann emp­feh­le ich die und die Pro­fi­l­ein­stel­lun­gen, damit bestimm­te Infor­ma­tio­nen nicht sofort Drit­ten zugäng­lich wer­den.”

Informatik ist so gar nicht sexy, denn:
  1. Sie hat etwas mit algo­rith­mi­schen Den­ken zu tun, wovon „Pro­gram­mie­rung” nur ein win­zi­ger Bruch­teil ist. Algo­rith­mi­sches Den­ken zwingt sehr viel an Struk­tu­ren auf. Das ist oft wenig lust­be­setzt, wenn man es nicht kennt. Auch Qua­li­täts­ma­nage­ment­zy­klen sind im Prin­zip algo­rith­misch: Eva­lua­ti­on => Ziel­set­zung => Pla­nung => Umset­zung von Maß­nah­men => Eva­lu­la­ti­on … (Ok. Manch­mal ist das ja auch zum Kot­zen)
  2. Es haf­tet die­ser Dis­zi­plin immer noch ein Mythos von lang­haa­ri­gen, weiß­häu­ti­gen, piz­za- und ener­gy­drinks­ver­schlin­gen­den Sub­jek­ten an, die sich ansons­ten in Ser­ver­schrän­ken von Bits und Bytes ernäh­ren. Dabei wird ger­ne ver­ges­sen, dass z.B. Soci­al­me­dia nicht ein Pro­dukt von Phi­lo­so­phen und Päd­ago­gen ist und dass gro­ße Soft­ware­pro­jek­te von Teams und sozia­len Umgangs­re­geln geprägt sind, von denen wir auf Soci­al­me­dia oft­mals nur träu­men.
  3. Sie bedroht Pfrün­de. Wel­cher enga­gier­te Päd­ago­ge möch­te von sei­nem Fach etwas abge­ben? Und dann noch für ein Fach mit so zwei­fel­haf­tem Nut­zen? Denn: Auto­fah­ren kann man ja auch so (auch so eine Dau­er­schlei­fe).

Der Infor­ma­ti­ker sagt:

Wenn du XY nutzt, soll­test du fol­gen­de Anga­ben nicht machen und dir dar­über im Kla­ren sein, dass es kei­ne Lösch­funk­ti­on gibt (obwohl sie so heißt), son­dern nur die Mög­lich­keit, die Sicht­bar­keit von Infor­ma­tio­nen tem­po­rär ein­zu­schrän­ken.”

Das Autoargument

… könn­te auch lau­ten: Ich muss nichts über Che­mie wis­sen, um Kos­me­tik zu benut­zen. Oder: Ich brau­che kein Wis­sen über Erkun­de, um eine Rei­se zu unter­neh­men. Trotz­dem „leis­ten” wir uns bei­de Fächer, obwohl oder gera­de weil die­se bei­den Aus­sa­gen stim­men.

Wir leis­ten uns die­se Fächer, weil wir anneh­men (ja, es ist eine Annah­me), dass die­se umfas­sen­de Kon­zep­te ver­mit­teln, die uns in unse­rer Welt­erfah­rung und Berufs­fin­dung nütz­lich sind.

Bezo­gen auf Infor­ma­tik: Was erle­ben wir denn gera­de und beschrei­ben es ja auch wie­der und wie­der in der Fil­ter­bub­b­le? Rich­tig: Den enor­men Ein­fluss der Digi­ta­li­sie­rung auf Wirt­schaft und Gesell­schaft. Genau wie die Ato­me und Mole­kü­le Grund­kon­zep­te beim Auf­bau von Mate­rie beschrei­ben, beschreibt Infor­ma­tik eben Grund­zü­ge digi­ta­ler Struk­tu­ren. Wenn wir Grund­zü­ge nicht ver­mit­teln wol­len, so müs­sen wir kon­se­quen­ter­wei­se alle Fächer abschaf­fen.

Das Auto­ar­gu­ment beschreibt kein Grund­kon­zept. Es beschreibt einen win­zi­gen Teil von Mobi­li­tät, der zudem immer unwich­ti­ger wer­den wird. Daher kann man es m.E. gegen die For­de­rung nach einem Pflicht­fach Infor­ma­tik nicht in Stel­lung brin­gen.

Eben­so wenig wie ich heu­te weiß, wie der Zitro­ne­säu­re­zy­klus genau abläuft, weiß ich durch Infor­ma­tik spä­ter nicht, wie ein Rech­ner funk­tio­niert, aber ich habe Grund­zü­ge der Daten­ver­ar­bei­tung ken­nen­ge­lernt, die sich genau wie der Zitro­nen­säu­re­zy­klus nicht groß­ar­tig ändern.

Das Emotionale am Autoargument

Es ist uns Anwen­dern eigent­lich klar, dass wir sehr wenig wis­sen. Wei­ter­hin ist uns klar, dass die­ses Unwis­sen Kon­se­quen­zen haben wird. Ansons­ten wür­den wir von z.B. der Poli­tik nicht so vehe­ment for­dern, dass sie z.B. bestimm­te Din­ge regu­lie­ren soll, z.B. Ama­zon oder Face­book. Und es ist uns noch etwas klar: Wäh­rend wir das Ler­nen lan­ge Zeit auf jün­ge­re Gene­ra­tio­nen abschie­ben konn­ten, klappt das mit mit dem Ler­nen hin­sicht­lich des Digi­ta­len eher nicht so gut, da die­se Ver­än­de­rung uns alle betrifft und uns daher auch alle for­dert — vor allem auch auf dem Gebiet ethi­scher Grund­sät­ze, die es für Digi­ta­li­en neu zu schrei­ben und zu defi­nie­ren gilt. Das ist schwie­rig, wenn ich nur ahnen kann, was gene­rell mög­lich ist. Dann kommt da z.B. sowas wie Vec­to­ring her­aus.

Das ist zusätz­lich sehr unan­ge­nehm und gar nicht bequem. Das sol­len doch bes­ser die lang­haa­ri­gen, weiß­häu­ti­gen, piz­za- und ener­gy­drinks­ver­schlin­gen­den Sub­jek­te machen. Wir wol­len anwen­den und benut­zen. Dum­mer­wei­se bestim­men damit die lang­haa­ri­gen, weiß­häu­ti­gen, piz­za- und ener­gy­drinks­ver­schlin­gen­den Sub­jek­te bzw. ihre Fir­men grund­le­gen­de Struk­tu­ren auf Basis markt­wirt­schaft­li­cher Kon­zep­te. Ich fin­de die­se Vor­stel­lung irgend­wie blöd.

Kom­pe­tenz­ge­sei­er als Aus­weg?

Die Ver­mitt­lung von Medi­en­kom­pe­tenz ist im Extrem­fall nichts wei­ter als die Wei­ter­ga­be auto­di­dak­tisch erwor­be­ner Anwen­der­kennt­nis­se bzw. gemach­ter Erfah­run­gen inner­halb von Soci­al­me­dia. Sie ist ohne Zwei­fel wich­tig und soll­te Teil in jedem Fach sein. Sie lässt sich aber auf Basis von Wis­sen über infor­ma­ti­sche Grund­kon­zep­te m.E. viel fun­dier­ter und trag­fä­hi­ger ver­mit­teln. Die fik­ti­ve Aus­sa­ge des ste­reo­ty­pen Infor­ma­ti­kers oben eröff­net erwei­ter­te Hand­lungs- und Bewer­tungs­mus­ter gegen­über der ste­reo­ty­pen medi­en­päd­ago­gi­schen Posi­ti­on (wobei bei­des natür­lich nur Bei­spie­le zur Ver­an­schau­li­chung sind).

Der Kom­pe­tenz­seie­rer wür­de jetzt ein­wen­den, dass infor­ma­ti­sches Wis­sen ja auch ver­al­te und damit eher Kom­pe­ten­zen zum selbst­stän­di­gen Erschlie­ßen des infor­ma­ti­schen Wis­sens ver­mit­telt wer­den soll­ten. Damit macht er einer­seits den Dua­lis­mus zwi­schen Kom­pe­tenz und Wis­sen auf, den er den Kom­pe­tenz­kri­ti­kern ger­ne vor­wirft. Und er öff­net ande­rer­seits Sys­te­men (z.B. Lob­by­is­ten) Tor und Tür, den den Bereich der Infor­ma­tik dann eben auf ihre Wei­se beset­zen, denn Men­schen in Aus­bil­dung ahnen ja schon ein wenig, dass es in die­sem Bereich Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten im spä­te­ren Leben gibt.

Das Argu­ment mit dem „schnell ver­al­te­ten­den Wis­sen” fin­de ich dar­über hin­aus auch eini­ger­ma­ßen merk­wür­dig. Genau wie mathe­ma­ti­sche oder che­mi­sche Kon­zep­te eini­ger­ma­ßen kon­stant ver­läss­lich sind und den Kom­pe­tenz- und Wis­sens­er­werb in bei­den Dis­zi­pli­nen sowohl struk­tu­rie­ren und letzt­end­lich dadurch auch erleich­tern, gibt es auch in der Infor­ma­tik all­ge­mein­gül­ti­ge Struk­tu­ren wie etwa die Zer­le­gung eines Pro­blems und Teil­schrit­te. In den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten sind die­se Struk­tu­ren natur­ge­mäß weni­ger eng bzw. for­mal bestimmt aus­ge­prägt, aber den­noch vor­han­den.

Fazit

Medi­en­kom­pe­tenz ist erst­mal bes­ser als nichts und viel­leicht auch der zunächst prag­ma­ti­sche­re und beque­me­re Weg. Wenn wir jedoch in einer zuneh­mend digi­ta­li­sier­ten Welt leben, wird ein Grund­la­gen­fach wie Infor­ma­tik für mich jedoch unver­zicht­bar, auch wenn die For­de­rung danach viel­leicht unrea­lis­tisch und unbe­quem erscheint. Und nein: Infor­ma­tik heißt nicht „pro­gram­mie­ren ler­nen”. Es heißt viel mehr.

Akt der Notwehr — Reaktionen auf die Arbeitszeiterhöhungen

Schu­len in Han­no­ver strei­chen die Klas­sen­fahr­ten, um einen Aus­gleich für die anste­hen­de Mehr­ar­beit zu schaf­fen (vgl. Arti­kel hier im Blog). Der Phi­lo­lo­gen­ver­band Nie­der­sach­sen arbei­tet dezi­diert und sach­ori­en­tiert mit Mythen zur Leh­rer­ar­beits­zeit auf. Das Kul­tus­mi­nis­te­ri­um legt sei­ne Plä­ne zur bes­se­ren Aus­stat­tung von Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen offen. Die finan­zi­el­le Rea­li­sie­rung die­ser Plä­ne wird einer­seits durch Erhö­hung der Mit­tel für Bil­dung durch die Poli­tik geleis­tet, ande­rer­seits durch Maß­nah­men wie die Arbeits­zeit­er­hö­hung und Strei­chung der Alters­re­ge­lun­gen aus dem Sys­tem selbst „gewon­nen”.

Ich den­ke nicht, dass irgend­ei­ne Hoff­nung besteht, dass die Poli­tik die bereits beschlos­se­nen und zur Finan­zie­rung ande­rer Pro­jek­te genutz­ten Ver­än­de­run­gen zurück­neh­men wird. Ich den­ke auch nicht, dass eine direk­te, sach­ori­en­tier­te Reak­ti­on auf die­se Maß­nah­men erfolg­reich sein wird.

Den­noch macht man sich in vie­len Gym­na­si­en in Nie­der­sach­sen Gedan­ken, wie man mit die­sen Arbeits­zeit­er­hö­hun­gen umgeht. Beam­te sind ali­men­tiert. Rein logisch könn­te man tat­säch­lich an Stel­len Arbeits­zeit redu­zie­ren, die nicht zwin­gend durch die Auf­ga­ben­be­schrei­bung einer Lehr­kraft abge­deckt sind.

Das sind z.B. Klas­sen­fahr­ten, Exkur­sio­nen, AGs, sozia­le Ange­bo­te wie Streit­schlich­ter, Kon­zer­te, Sport- und Schul­fes­te, Inter­net­auf­trit­te und ja, auch mei­ne Art der Schul­netz­werk­ad­mi­nis­tra­ti­on gehört dazu — ich soll das Netz­werk koor­di­nie­ren und wei­ter­ent­wi­ckeln — für das Hand­an­le­gen wer­de ich eigent­lich nicht bezahlt, eher für die Auf­trags­er­tei­lung an Fach­fir­men.

Der Dienst­herr wird die­ses Dilem­ma wahr­schein­lich erken­nen, da es die ein­zi­ge Achil­les­fer­se in sei­ner öffent­li­chen Dar­stel­lung ist. Der Dienst­herr wird nach mei­nen Schät­zun­gen  die Kor­rek­tur­be­las­tun­gen an Gym­na­si­en an die­je­ni­ge ande­rer Bun­des­län­der anglei­chen, d.h. zumin­dest die Anzahl der zu schrei­ben­den Arbei­ten in der Mit­tel­stu­fe redu­zie­ren. Damit wäre dann tat­säch­lich ein spür­ba­rer Aus­gleich geschaf­fen und ein wesent­li­ches Argu­ment der „Wider­ständ­ler” aus­ge­he­belt.

Wenn es einen sol­chen „Deal” nach einer öffent­li­chen Debat­te geben wird: Ist Bil­dung am Gym­na­si­um dadurch dann nach­hal­tig ver­bes­sert wor­den? Wie sieht mit dem Bil­dungs­sys­tem in Nie­der­sach­sen dann ins­ge­samt aus? Macht es Fort­schrit­te?

Wenn es so kommt — was soll ein Gym­na­si­um als Reak­ti­on beschlie­ßen?

Auch wenn es gebets­müh­len­ar­tig z.B. von Ver­bän­den behaup­tet wird: Dass der Beruf des Leh­rers in der Öffent­lich­keit an Anse­hen gewinnt, sehe ich allen­falls in Umfra­gen. Wit­zi­ger­wei­se for­dern gera­de Ver­bän­de ihre Mit­glie­der dazu auf, an Umfra­gen teil­zu­neh­men — sta­tis­tisch schon eine rele­van­te Stör­grö­ße. Vie­le der übli­chen Ste­reo­ty­pe bestehen in mei­nem Umfeld wei­ter­hin.

Ich sehe eine Gefahr dar­in, die­se Ste­reo­ty­pe durch irgend­wel­che Aktio­nen zu bestä­ti­gen — das wird z.B. der Fall sein, wenn man Klas­sen­fahr­ten streicht oder die Strei­chung androht — bei bereits geplan­ten Aktio­nen tritt zusätz­lich das Pro­blem auf, wie man mit Vor­leis­tun­gen (Buchun­gen, Anzah­lun­gen etc.) sau­ber umgeht. Schu­len aus mei­nem Umkreis ver­su­chen dem zu begeg­nen, indem sie Dienst nach Vor­schrift andro­hen — wird die­se Dro­hung dann auch tat­säch­lich Rea­li­tät? Wenn sie Rea­li­tät wird — wie lan­ge bleibt sie das dann auch? Es soll z.B. ja auch Lehr­kräf­te mit Fami­lie geben, die aus einer ande­ren Posi­ti­on her­aus Inter­es­se an einem leben­di­gen Schul­le­ben haben.

Die Gefahr besteht für mich dar­in, dass wir die Soli­da­ri­tät und Unter­stüt­zung der­je­ni­gen dadurch ver­lie­ren, die wir für eine poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung drin­gend benö­ti­gen. Die kurz- und mit­tel­fris­ti­ge Akti­vie­rung durch sol­che Aktio­nen mag aller­dings klap­pen.

Ich ver­tre­te die Theo­rie, dass Schu­le in der Öffent­lich­keit als sehr wenig trans­pa­rent wahr­ge­nom­men wird. Und ich neh­me war, dass Eltern und Schü­le­rin­nen sowie Schü­ler mit recht gerin­ger insti­tu­tio­nel­ler Macht an Schu­len aus­ge­stat­tet sind — der Schul­vor­stand hier in Nie­der­sach­sen böte aller­dings eine Gele­gen­heit zu star­ker Par­ti­zi­pa­ti­on, setzt aber ein poli­ti­sches Bewusst­sein der Akteu­re vor­aus.

Die ein­zi­ge Chan­ce zu wirk­li­chen Refor­men bie­tet ent­we­der der schon oft pro­gnos­ti­zier­te Break­down des Bil­dungs­sys­tems (der Pati­ent ist aber zäh) oder die geziel­te poli­ti­sche Akti­vie­rung von Eltern sowie Schü­le­rin­nen und Schü­lern — sie sind schließ­lich nicht treue­pflich­tig oder an Dienst­we­ge gebun­den.

Die Arbeits­zeit­er­hö­hung für Gym­na­si­al­lehr­kräf­te ist m.E. eine der gering­fü­gi­ge­ren Her­aus­for­de­run­gen im Bil­dungs­sys­tem, son­dern steht eher im Zei­chen der sich nach mei­ner Wahr­neh­mung in vie­len sozia­len Kon­tex­ten aus­brei­ten­den Hal­tung: „Mehr Qua­li­tät durch weni­ger Per­so­nal und mehr Eva­lua­ti­on” — man möge z.B. ein­mal mit Alten­pfle­gern, Kran­ken­schwes­tern, Kin­der­be­treu­ungs­ein­rich­tun­gen oder sogar der Poli­zei spre­chen.

Idee

Jeden Tag lädt eine Schu­le eine Woche lang zehn Exter­ne ein, eine Lehr­kraft einen Tag bei ihrer Arbeit zu beglei­ten. Bedin­gun­gen: Der Exter­ne setzt sich, wenn sich die Lehr­kraft setzt. Der Exter­ne trinkt einen Kaf­fee, wenn die Lehr­kraft einen Kaf­fee trinkt. Der Exter­ne schreibt ein paar Zei­len zu sei­nen Ein­drü­cken. Sowas muss natür­lich in der Pres­se ange­kün­digt wer­den. Und es soll­ten mög­lichst vie­le Schu­len unter­schied­li­cher Schul­for­men in einer Regi­on dar­an teil­neh­men.

Was soll das brin­gen?

  • Es ver­mit­telt der Öffent­lich­keit einen Ein­druck von der Arbeit an einer Schu­le
  • Es rich­tet den Blick dar­auf, dass nicht nur Gym­na­si­en vor Her­aus­for­de­run­gen ste­hen, son­dern auch ande­re Schul­for­men
  • Es setzt ein Zei­chen, dass schul­über­grei­fen­de Zusam­men­ar­beit und schul­über­grei­fen­de Wahr­neh­mung mög­lich ist
  • Es hilft ggf. dabei, Ste­reo­ty­pe in einen erfahr­ba­ren Kon­text zu stel­len
  • Es schafft mehr Trans­pa­renz über die Abläu­fe und tat­säch­li­chen Belas­tun­gen an einer Schu­le
  • Es bie­tet unsi­che­ren Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen einen gewis­sen Schutz — es muss sich ja nie­mand „outen”

Ich glau­be nicht, dass wir als Beam­te in nen­nens­wer­tem Umfang allein das not­wen­di­ge poli­ti­sche Gewicht bekom­men kön­nen, wel­ches drin­gend not­wen­dig wäre. Daher kann die Öff­nung des Sys­tems nach außen — mit allen ver­meint­li­chen „Gefah­ren” — m.E. schon etwas bewir­ken.

Der Worst-Case wäre für mich fol­gen­der: Die Gym­na­si­en beschlie­ßen allei­ne, Arbeits­zeit durch Strei­chung außer­un­ter­richt­li­cher Akti­vi­tä­ten zu redu­zie­ren (in denen oft viel mehr gelernt wird als im Unter­richt!). Dann kommt der Dienst­herr und redu­ziert sei­ner­seits z.B. die Kor­rek­tur­be­las­tung. Was dann? Alles zurück­neh­men? Man hat ja schließ­lich nur ange­droht — und Din­ge wie die Inklu­si­on kom­men am Gym­na­si­um irgend­wann auch noch an — neue Run­de, neu­es Spiel?

Am 9. Dezem­ber fin­det die ent­schei­den­de Sit­zung im Land­tag statt. Man darf gespannt sein.

Die Post-Privacy-Falle im Kontext kollektiver Naivität

Micha­el See­mann und ande­re arbei­ten sich am Begriff „Post-Pri­va­cy” geis­tes­wis­sen­schaft­lich ab. Was bedeu­tet „Post-Pri­va­cy”?

Post-Pri­va­cy (aus­ge­spro­chen bri­tisch [pəʊst ˈpɹɪv.ə.si], ame­ri­ka­nisch [poʊst ˈpɹaɪ.və.si], über­setzt „Was nach der Pri­vat­heit kommt“) ist ein Begriff, der einen Zustand beschreibt, in dem es kei­ne Pri­vat­sphä­re mehr gibt und Daten­schutz nicht mehr greift.[1]

Quel­le: http://de.wikipedia.org/wiki/Post-Privacy

Sehr grob gespro­chen meint Post-Pri­va­cy:

Jedes weiß alles über jeden oder kann sich mit geeig­ne­ten Instru­men­ten die­ses Wis­sen ver­schaf­fen — unab­hän­gig vom jewei­li­gen Sta­tus der Per­son in der Gesell­schaft.

Eine reiz­vol­le Vor­stel­lung:

  • … das Par­tei­spen­den­kon­strukt eines Hel­mut Kohl ent­zau­bern
  • … die Ver­trä­ge von Toll-Collect ein­se­hen
  • … Licht in die Cau­sa Wulff brin­gen
  • … usw.

Eine für mich nicht so reiz­vol­le Vor­stel­lung habe ich im letz­ten Arti­kel beschrie­ben. Mit der Debat­te um Post-Pri­va­cy sind immer auch Hoff­nun­gen ver­bun­den:

  • … der klei­ne Mann wird zum Wel­ten­ret­ter (Snow­den-Para­dox)
  • … die Welt wird gerech­ter, weil qua­si durch die Hin­ter­tür die direk­te Demo­kra­tie gelebt wer­den kann
  • … allein die Ver­füg­bar­keit bestimm­ter Infor­ma­tio­nen wird dafür sor­gen, dass Ver­hal­ten sich ändert
  • … usw.

Nennt mich pes­si­mis­tisch — ich hal­te die­sen Ansatz für naiv. Die­se Schlacht wird nicht geis­tes­wis­sen­schaft­lich (fast allein auf die­ser Ebe­ne wird in Feuil­le­tons öffent­lich wahr­nehm­bar dis­ku­tiert), son­dern tech­no­lo­gisch geschla­gen.

Dazu ein Bei­spiel:

Was mache ich als Geheim­dienst, wenn ich eine Ziel­per­son aus­spio­nie­ren möch­te? Ich muss mich um meh­re­re Din­ge küm­mern, wenn ich das mit Hil­fe von digi­ta­len End­ge­rä­ten des Benut­zers (Han­dy, PC, SmartTV) bewerk­stel­li­gen möch­te:

  • idea­ler­wei­se hin­ter­las­se ich kei­ne Spu­ren dabei
  • idea­ler­wei­se wird die Funk­ti­on des Gerä­tes dabei nicht beein­träch­tigt
  • idea­ler­wei­se ent­zie­he ich die Über­wa­chungs­maß­nah­me der Kon­trol­le des Benut­zers

Des­we­gen ist so etwas wie ein Bun­destro­ja­ner („Ich instal­lie­re als Staat eine Über­wa­chungs­soft­ware auf dei­nem PC”) eine sel­ten däm­li­che Idee, da ich dazu mei­ne Know-How in Form eines Pro­gram­mes aus der Hand geben muss. Ich weiß nicht, an was für einen Besit­zer des PCs ich gera­te: Wenn ich Pech habe, fin­det ein gewief­ter Nerd mein Pro­gramm, ana­ly­siert es und legt es in omi­nö­sen Tausch­bör­sen offen. Wenn es ihm zusätz­lich gelingt, den Daten­ver­kehr von die­sem Pro­gramm zu mir als Geheim­dienst zu ent­schlüs­seln, bzw. zu einer fes­ten IP zurück­zu­ver­fol­gen, bin ich gelie­fert, da Grund­vor­aus­set­zun­gen für eine Über­wa­chungs­maß­nah­me eben die Unsicht­bar­keit (= Intrans­pa­renz) eben­die­ser Maß­nah­me ist. Ein Bun­destro­ja­ner ist damit nie etwas zur Über­wa­chung vie­ler, son­dern allen­falls bei geziel­ten Obser­va­ti­ons­maß­nah­men mit arg begrenz­tem Ziel­rah­men ein­setz­bar. Was wir bis­her gese­hen haben, hal­te ich nur für eine Mach­bar­keits­stu­die.

Bei mei­nem Hos­ter gab es in die­sem Jahr einen inter­es­san­ten Vor­fall mit einer mir bis­her unbe­kann­ten Spe­zi­es von Schad­pro­gramm: Es schrieb sich nicht auf die Fest­plat­te, son­dern drang durch eine Sicher­heits­lü­cke in einem Dienst in den Haupt­spei­cher ein und trieb dann von dort sein Unwe­sen. Da Ser­ver u.U. lan­ge lau­fen, kann so ein Pro­gramm sehr lan­ge unbe­merkt blei­ben und ist zudem äußerst schwie­rig zu ana­ly­sie­ren — Viren­scan­ner durch­kä­men zunächst ein­mal die Fest­plat­te.

Auf Han­dys ist eine per­ma­nen­te Über­wa­chung des Sys­tems durch den Anwen­der oft gar nicht erst mög­lich — bei Apple­ge­rä­ten z.B. „by design” nicht gewünscht. Bei so einem fremd­ge­steu­er­ten Sys­tem brau­che ich also als Geheim­dienst im Ide­al­fall nur Zugriff auf den Anbie­ter selbst, um gren­zen­los über­wa­chen zu kön­nen. Wenn ich mir eine Lücke auf dem Schwarz­markt kau­fe, kann das im Ein­zel­fall nütz­lich sein, ska­liert aber nicht gut, weil ich immer damit rech­nen muss, dass ich nicht der Ein­zi­ge bin, der Zugriff auf den ent­spre­chen­den Code hat.

Bestimmt sind bei die­sem „Tech­nik­ge­la­ber” schon eine Men­ge Men­schen aus­ge­stie­gen.

Quint­essenz:

Tech­no­lo­gisch sind staat­li­che Orga­ne oder pri­va­te Fir­men wie Goog­le dem nor­ma­len Anwen­der, der in einer „Post-Privacy”-Welt lebt, haus­hoch über­le­gen. Mit Daten, die anfal­len, wird das gemacht wer­den, was tech­no­lo­gisch mög­lich ist.

Eine Kon­trol­le jed­we­der Art ist uto­pisch und zwar nicht des­we­gen, weil sie prin­zi­pi­ell unmög­lich ist, son­dern viel­mehr des­we­gen, weil sie immenses tech­no­lo­gi­sches Wis­sen erfor­dert — vie­le im Web2.0 erklä­ren immer noch Leu­te für ver­rückt, die ver­bind­li­chen Infor­ma­tik­un­ter­richt von Kin­des­bei­nen an for­dern. Medi­en­kom­pe­tenz in einem päd­ago­gi­schen Sin­ne ver­stan­den hilft ggf. etwas dabei, das Übels­te zu ver­hin­dern oder zu ver­zö­gern — auf der oft kol­por­tier­ten „Anwen­dungs­ebe­ne” wird sie allein nicht dazu füh­ren, dass wir in der Lage sein wer­den, das Macht­ge­fäl­le zwi­schen uns und den Tech­no­lo­gie­rie­sen (Staat & Pri­vat­wirt­schaft) zu ver­än­dern.

Die­je­ni­gen, die es im Prin­zip könn­ten, sind oft genug Ziel­schei­be von Hohn und Spott gewe­sen. Damit mei­ne ich z.B. Daten­schüt­zer, die das Leben in der Wahr­neh­mung vie­ler ja ein­fach nur unbe­qe­mer und unzeit­ge­mä­ßer machen wol­len. Bequem­lich­keit unter Ver­lust von Grund­rech­ten („Das Netz ist ein grund­rechts­frei­er Raum”) sehe ich unter sehr vie­len Aspek­ten als pro­ble­ma­tisch.

Gebets­müh­le:

Ja, natür­lich darf man Gerä­te ein­fach nur „benut­zen”. Ich kann auch die Welt ein­fach so benut­zen. Trotz­dem hat man mich mit Che­mie, Mathe, Phy­sik oder Bio­lo­gie gequält und die wenigs­ten strei­ten ab, dass es sich dabei um nütz­li­che Dis­zi­pli­nen han­delt. Bei Infor­ma­tik und „Tech­nik­ge­döns” ist das immer ganz anders.

Verlorene Links — Teil 3

  1. Hokey schreibt sei­ne ganz eige­nen Gedan­ken zum Zeit-Arti­kel „Wir müs­sen die Welt ret­ten”, der gera­de quer durch alle Soci­al-Media­ka­nä­le getra­gen wird.  Ich habe sei­nen Gedan­ken nichts hin­zu­zu­fü­gen außer der Tat­sa­che, dass ich schon immer für Viel­falt im Leh­rer­kol­le­gi­um war :o)…
  2. Ich bin seit eini­ger Zeit wie­der bei Twit­ter, ertap­pe mich aber dabei, dass mir spon­tan kaum posi­ti­ve Tweets ein­fal­len und nach mei­nem Dafür­hal­ten sich die Edu-Web2.0-Generation sich immer noch inhalt­lich vor allem selbst ver­stärkt. Gleich­wohl ist es schön, wie­der mit­zu­be­kom­men, wie es dem einen oder der ande­ren geht, da ich ich doch eine gro­ße Wert­schät­zung für vie­le dort emp­fin­de und ein­fach per­sön­lich inter­es­siert bin. Dum­mer­wei­se ist für mich per­sön­lich umge­kehrt Twit­ter über­haupt kein Medi­um, um Befind­lich­kei­ten mit­zu­tei­len… Also weiß ich nicht so recht, was ich dort mache und war­um ich wie­der da bin.
  3. Adre­na­lin ins Blut bekom­me ich bei den Arti­keln von Chris­ti­an Fül­ler. Da ich kei­nen Kaf­fee trin­ke, brau­che ich das ein­fach immer wie­der, um rich­tig wach zu wer­den. Auch Ana­lo­gi­en zum Drit­ten Reich wer­den dort bemüht. Schon doof, wenn zu bösen Leh­rern auch noch böse Eltern kom­men. Zudem glau­be ich, dass der­ar­ti­ge Arti­kel für das an sich lau­te­re Ziel, was mit ihnen ange­strebt wird, abso­lut kon­tra­pro­duk­tiv sind. Über­zeu­gen müs­sen wir nicht die, die es begrif­fen haben… Die Macht­ver­hält­nis­se snd zur Zeit lei­der nicht wunsch­ge­mäß ver­teilt.
  4. Pole­mik, wie ich sie mag hin­ge­gen sehr mag, heu­te frisch auf Car­ta. Es geht ein­mal mehr gegen das Leis­tungs­schutz­recht. Nicht alles stimmt — das ist bei Pole­mik halt so.
  5. Eine span­nen­de Dis­kus­si­on um All­ge­mein­bil­dung im hum­boldt­schen Sin­ne läuft zur Zeit auf Drossmann.de. Ent­zün­det hat sich die­ses ech­te Klein­od an der Fra­ge, ob man heu­te in der Schu­le noch Gedich­te aus­wen­dig ler­nen las­sen soll­te. Hät­te ich ehr­li­cher­wei­se ohne Twit­ter nicht mit­be­kom­men.