Mehr „Wir“ wagen

Ich und mein Kontext

Lisa Rosa hat einen phänomenalen Artikel zum Thema geschrieben, was kritisches Denken ist. Andreas Kalt ist für mich die absolute Referenzklasse, wenn es um die konkrete Umsetzung und Reflexion von Unterrichtsszenarien geht. Während ich bei Lisa oft meine Schwierigkeiten habe, diesen immens hohen Anspruch an Haltungen von Lehrkräften in meinem Beratungsalltag zu integrieren, kann ich alles von Andreas komplett unterschreiben.

Ich habe kürzlich einen Vortrag von Prof. Bastian zum inklusiven Unterricht gehört. Dessen Inhalte hätten mich noch vor wenigen Jahren tief empört – heute bringen mich diese Ideen so gedankliche Resonanz, dass es mir ein Anliegen war, diesen Menschen noch einmal persönlich anzusprechen. Ich bin sehr froh, dass es einen Franz Joseph Röll gibt, der viele Teilgebende „meines“ Schulmedientages irritiert hat.

Ja, und ich habe durchaus auch enge Verbindungen zu Menschen aus dem Wirtschaftsbereich. Es sind erstaunlicherweise oft Menschen, die diese Ideale im Herzen mittragen, aber natürlich auch unter einem firmenpolitischen Druck stehen, Compliances umsetzen zu müssen. Dahinter findet sich oft etwas ganz anderes. Das ist der eigentliche Grund, warum ich Rene Schepplers Engagement gegen Lobbyismus in der Schule zweischneidig sehe – obwohl ein Telefongespräch da letztens viel relativiert hat.

Mein Leben ist sehr voll von Aufgaben. Ich habe eine sehr große Familie und verbringe zurzeit meine Wochenenden auf der Straße und in Sporthallen. Beruflich bin ich mehr und mehr in Prozesse auf Landesebene eingebunden. Unser Landesinstitut nimmt Stellung zu Erlassen und Kerncurricula im Bereich der Medienbildung und passt gerade den Orientierungsrahmen Medienbildung an das neue KMK-Strategiepapier an. Vor Ort in meinem Landkreis läuft gerade ein strukturierter Medienentwicklungsprozess (Link zeigt nur Beispiel) an. Parallel dazu steige ich immer mehr in Prozesse zur Entwicklung von Medienbildungskonzepten ein. Ach, und dann läuft noch eine Kooperation zwischen Universität, Studienseminar und Schule an, die zum Ziel hat, Medienbildung in allen Phasen der Lehrerausbildung zu verankern.

Ich kann das alles tun, weil ich mit einem Großteil meines Stundendeputats nicht mehr in der Schule bin, sondern beim NLQ. Trotzdem ist das jetzt nicht so wenig, was in meinem Umfeld so läuft :o)… Es kommen haufenweise externe Anfragen, ob wir nicht dies oder jenes auch in anderen Regionen anstoßen können. Das, was ich weiß, weiß ich, weil ich auf sehr unterschiedlichen Ebenen im Land unterwegs bin.

Ich mache das nicht alleine, sondern habe mich bewusst mit Menschen und Kontexten umgeben, die mir ein Umfeld bieten, in dem es sich arbeiten lässt. Dazu zählen Verbindlichkeiten, Arbeit im Team und Visionen. Mein Team trägt mich und macht das, was ich nicht kann – teilweise ohne dass dazu explizite Absprachen notwendig wären.

Verwirrung

Ich bin auch in sozialen Medien unterwegs. Es ist mir wichtig mitzubekommen, wie Menschen denken, wo sie stehen, was „die Basis“ so umtreibt, schließlich arbeite ich ja für die Menschen an den Schulen. Ich finde dort zunehmend weniger das wieder, was mir in diesem „Reallife“ wichtig ist: Die gemeinsame Arbeit, auch wenn man im Detail durchaus anderer Meinung sein kann.

Ich habe Grenzen.

Ich habe zunehmend Angst, über diese Grenzen öffentlich zu sprechen.

Mir scheint, dass es zunehmend Menschen gibt, die in Bezug auf Lernen in Zeiten der Digitalisierung die Weisheit mit Löffeln gefressen haben, weil sie Geräte, Apps und Tools einsetzen, die andere Lehrkräfte nicht einsetzen.

Vielleicht kann ich mich noch ruhig zurücklehnen, in den Arroganzmodus schalten, wohlwissend dass Selbstvermarktung – auch von ganzen Schulen – und pädagogische Wirklichkeit oft interessante Differenzen aufweisen und sich die vermeintliche Modernität dann oft genug nicht in umgesetzten Konzepten, sondern gebunden an wenige Personen darstellt.

Jemand, der neugierig ist und vielleicht erst erste Schritte geht, wird daraus ggf. andere Konsequenzen ziehen – auch aus dem aus meiner Sicht zunehmend gewöhnungsbedürftigen Umgang miteinander – das #edchatde-Debakel ist ja nur eine Ausprägung davon.

Ich konnte all das, was ich heute vermeintlich kann, nicht sofort. Das brauchte alles viel Zeit – Zeit, die wir anderen Menschen auch zugestehen sollten.

Teile meiner digitalen Geschichte

Meine erste Begegnung mit dem Lernen unter Einsatz von digitalen Tools war Moodle. Moodle war „damals“ in Deutschland noch sehr unbekannt. Es gab einige Gleichgesinnte, mit denen ich mich auf den Weg gemacht habe, dieses Tool zu erforschen und für den Unterricht auszuloten. Daraus ist ein Verein entstanden, den es bis heute gibt. Wir waren von diesem Tool so überzeugt, dass wir sogar Schulen kostenlose Instanzen zur Verfügung gestellt haben. Ich war für die Technik verantwortlich und hatte sogar eine komplette Oberfläche für die Installation, das Update und das Reverse-Proxying mehrerer Instanzen entwickelt, die auf einer Codebasis liefen. Sogar unser schon damals völlig veraltetes Schulnetz, basierend auf Arktur4 mit LDAP hatte ich schon darangebastelt. Eines meiner Projekte mit Moodle hatte ich als Wettbewerbsbeitrag (schön mit LaTeX durchgestylt)  eingereicht, um dann gegen ein E-Mail-Brieffreundschaftsprojekt zu verlieren – Moodle war seiner Zeit damals dann doch etwas voraus.

Das mit dem Verein ging für mich recht unschön zu Ende – es gab im menschlichen Bereich zunehmend Schwierigkeiten – meine Ansprüche an Zusammenarbeit waren einfach auch recht hoch. Heute entwickle ich wieder einen Moodlekurs zum Thema Netzwerktechnik für angehende Medienberater am NLQ. Meine Kritik an Lernplattformen bleibt davon unbehelligt.

Diese Erfahrung hat mich trotzig im dem Sinne gemacht, dass ich von nun an etwas zeigen wollte: Eine Einzelperson kriegt inhaltlich mehr auf die Kette als ein Vereinsteam. Das glaube ich heute zwar nicht mehr, aber riecken.de ist letztendlich das Ergebnis dieser Trotzphase. Mit über 700 Artikeln ist dieses Blog mittlerweile zu einer recht festen Anlaufstelle bei verschiedenen Themen geworden. Den meisten „Umsatz“ mache ich übrigens mit Diktattexten – völlig konträr zu den von mir sonst propagierten Thesen.

Währenddessen kam die LdL-Bewegung mit Jean-Paul-Martin. Auf einem Treffen in Ludwigsburg fiel mein Name öffentlich in einem vollen Hörsaal. Diese Art von Wahrnehmung kannte bisher ich nicht. Auf einmal waren da Menschen um mich, die einen ähnlichen Blick auf Schule hatten wie ich. Die meisten bloggten, eigentlich glaube ich, dass in der Zeit sogar der Ursprung der Blogbewegung liegt. Wir diskutierten in Blogs und nicht auf Twitter, verlinkten uns gegenzeitig. Auf Educamps traf man sich und ich fühlte mich dort wie auf einem anderen Stern, obwohl dort Lebenskonzepte aufeinandertrafen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können – allein die Barcampmethode, Twitter mit Ulf Blanke, ohne den ich heute nicht Medienberater wäre usw.

Ich komme mir jetzt oft schon vor wie der Großvater in der Werbung für Werthers Echte.

Och Leute …

Worauf ich hinauswill: Dass ich heute am NLQ ein- und ausgehe, dass ich neulich meinen ersten Termin am Kultusministerium hatte, dass ich mich heute vor Anfragen von Schulen kaum retten kann, dass ich Dinge wie dieses Pamphlet hier schreibe, das ist das Ergebnis eines jahrelangen Prozesses, der strenggenommen schon weit früher in der evangelischen Jugendarbeit begonnen hat.

Ich habe diesen Background, aber immer noch die Hose voll, wenn ich Schulträger und Schulen bei Dingen wie der Medienentwicklungsplanung oder bei dem Prozess der Erstellung eines Medienbildungskonzeptes begleite. Ich scheitere dabei sehr oft, am allermeisten an meiner eigenen Schule – weil das – geben wir es doch endlich mal zu – noch kaum jemand bisher gemacht hat.

Wenn ich eines über die Jahre gelernt habe, dann dieses:

Als einfache Lehrkraft werden wir unsere Schulen nicht in Lernorte der Zukunft transformieren, schon gar nicht unsere eigenen. Das viele potentielle Geld, was momentan herumschwirrt, die Bildungscloudidee usw. – das kann alles auch ganz anders enden. Es geht eben nicht nur um „unsere Schule“, sondern um einiges mehr. Wer in seiner Sicht beschränkt auf seine Schule bleibt, wird es m.E. sehr schwer haben, sich den momentan wirksamen Kräften aus z.B. der Wirtschaft zu widersetzen. Die hat Lobbyisten und Einflüsterer – wir nicht. Wir müssen zunehmend politisch und in größeren Zusammenhängen denken. Dabei werden wir auf massive Grenzen stoßen, die nicht ohne die Potentiale von Vernetzung und Arbeit im Team überwunden werden können.

Über die Grenzen müssen wir offen sprechen können. Nicht so wie es jetzt oft geschieht. In diesem „Reallife“ habe ich für mich ein Team und Vernetzungsmöglichkeiten gefunden. Ich würde gerne einen mehr oder weniger öffentlichen Ort finden, an dem ich über Grenzen sprechen kann. Das geht nicht, wenn ich befürchten muss, dass jeder Post über den den „Highest-SAMR“-Level oder die anzustrebenden Utopiagesellschaft gezogen wird.

Wenn mir als Werther-Großvater das so geht – wie muss es dann denen gehen, die gerade erst anfangen und diese oder eine ganz andere Entwicklung noch vor sich haben?

Das geht alles nicht und es ändert sich nichts!

Immer noch reden alle von den „10 best apps for education“, immer noch verharrt das Schulsystem im bildungsbürgerlich-konservativem Duktus, immer noch passiert nichts bei der Medienaustattung der Schulen, immer noch ist mein Medienbegriff falsch (oder wahlweise nicht weit genug entwickelt) und immer noch begreift Politik nicht, wie es eigentlich funktioniert und immer noch gibt es keine Lösungen. Schon schlimm, diese Welt.

Ich stand letzte Woche vor der Aufgabe, acht Kubikmeter Erde und vier Kubikmeter Schutt aus dem Haus schaffen zu müssen. Ich hätte stundenlang darüber sinnieren können, wie schlimm das ist – vor allem mitten im Alltag in einem bewohnten Haus. Aber durch das Sinnieren wurde die Aufgabe nicht kleiner. Nicht eine Schubkarre Schutt fuhr aus dem Haus. Nicht ein Container lieferte sich von selbst.

Mir kommen die Herausforderungen im Bildungssystem momentan vor wie dieser Schuttberg. Ideell, politisch, ideologisch.  Ein Haufen Anzugträger und Wissenschaftler läuft mehr oder minder krakelend um ihn herum: „Schaut her, es ist schlimm, er muss aus dem Haus!“ Es werden Vorträge gehalten, Blogposts wie dieser geschrieben, die immer gleichen Stereotype von den bildungsbürgerlichen Ängsten und Vorbehalten gegenber digitalen Medien beklagt, die immer gleichen Argumente bemüht. Der Schuttberg liegt immer noch. Und das liegt natürlich daran, dass ihn keiner der Verantwortlichen wegräumt. Meist, weil diese halt nicht begreifen, dass er weggeräumt werden muss. Reden ist eine Handlung, Denken ist eine Handlung. Leider kümmert sich der Schuttberg einen Scheißdreck darum und bleibt einfach liegen.

Ein schöner Rand bis jetzt, aber was macht der Riecken eigentlich? Ich handle nach bestimmten Strategien, die bisher insofern funktionieren, als dass der lokale Schuttberg hier vor Ort schwindet. Langsam. Sehr langsam.

  1. Ich habe mich darum bemüht, mit einem Teil der Stunden für andere Aufgaben abgeordnet zu werden. Es ist ein Glück, dass das hier in Niedersachsen möglich ist.
  2. Verweigerer im Bereich des Digitalen haben gute Gründe für ihre Verweigerung. Und ein guter Grund darf auch Selbstschutz sein. Ein Lehrer, der anwesend ist und guten analogen Unterricht macht, ist für mich einem digitalen Flippie vorzuziehen, der unter seinen Engagement zusammenbricht oder durch ebendieses selten vor Ort ist.
  3. Ich arbeite politisch. Ich helfe Schulamtsmitarbeitern, Vorstellungen im entscheidenden Gremium zu präsentieren oder rede dort selbst. Ich knüpfe Bande mit politisch aktiven Menschen. Ich halte Politik für eine anspruchsvolle Aufgabe und bewundere Menschen, die diese Aufgabe wahrnehmen. Ich bewundere dabei nicht jede Einstellung und Haltung. Und das sage ich auch beides: Das eine wie das andere.
  4. Ich stelle Schulen selbst mit meinen Händen auf zeitgemäßere Technik um. Von der Hardwareempfehlung bis zur Raumausstattung. Ich habe mir über Jahre ein kleineres Netzwerk aus Firmen und Händlern dafür aufgebaut. Menschen rufen mich an, wenn sie unsicher sind. Ich kann mich darauf verlassen, dass die Arbeit fachgerecht erledigt wird und von mir verzapfter Stuss auch direkt thematisiert ist.
  5. Ich habe Geduld und ertrage auch herbe Rückschläge, die es dabei gibt. Das ist so im Leben. Insbesondere ist es so in beamtischen Strukturen.
  6. Ich berate und schule nicht mein eigenes System. Ich entscheide und bestimme dort in Hardware- und Netzwerkfragen, stelle Fragen, äußere Strukturideen, höre Bedarfe und habe eine Zielvorstellung vom Netzausbau und der Medienausstattung. Ich organisiere gerne externe Beratung und Schulung, wenn diese gewünscht und angefordert wird. Ich unterstütze Kollegen, die etwas zu organisieren haben technologisch mit geeigneten Systemen. Dieser Punkt mit dem eigenen System ist für mich sehr wichtig. Insbesondere diese klare Grenzziehung. Wenn Kollege z.B. das SMARTBoard so nutzt, dass er einen Zettel unter den Presenter legt und darauf sein Tafelbild malt, dann ist das so.
  7. Ich entwickle mich weiter. Ich lerne dazu. Ich bleibe nicht bei einer Strategie stehen, sondern hinterfrage ihre Wirksamkeit spätestens nach 1,5 Jahren. Die Wirksamkeit der Rede und des Denkens war bisher im Hinblick auf den Schuttberg eher ein wenig schlecht bis mies.
  8. Ich teile Ideen und Strategien, z.B. hier im Blog, aber auch mit Firmen. Ich teile sie noch so, dass daraus für mich keine Verbindlichkeiten oder Verpflichtungen erwachsen. Wenn Geld fließt, entstehen immer diese Verbindlichkeiten.
  9. Ich bediene außer hier mit diesem Blog und ein wenig auf Twitter keine Öffentlichkeit. Wenn eine Öffentlichkeit bedient werden muss, bindet das Resourcen, die mir hier vor Ort fehlen würden. Die Erfolge hier in der Region sind für mich der Motor. Aus ihnen entstehen die einzig für mich wichtigen Währungen wie Vertrauen oder das Gespräch beim gemeinsamen Bierchen.

Das Schuttbergbeispiel hinkt. Dafür könnte man sich nämlich durchaus Dienstleistungen einkaufen. Im Bereich des Digitalen muss man diese Dienstleistungen vor allem in der Fläche erst noch entwickeln oder sogar selbst erbringen. Das wird irgendwann einmal anders sein. Vielleicht wenn genug geredet und sinniert worden ist.

 

Digitale Klassenbücher

Wir alle kennen und lieben sie mehr oder weniger: Die grünen oder blauen Bücher, in denen offiziell Dinge des Schulalltags wie Interrichtsinhalte, Hausaufgaben, Fehlzeiten u.v.m. zu dokumentieren sind. Das Pendant der Oberstufe heißt bei uns dann Kursheft. Beide Schriftstücke wollen vor allem aus juristischen Gründen geführt sein und dienen im Falle von Auseinandersetzungen vor Gericht als Beweismittel. Diese Art der Unterrichtsdokumentation hat so ihre Tücken:

  1. Klassenbücher werden in der Regel von Schülern verwaltet. Sie enthalten neben allgemeinen Angaben wie Unterrichtsinhalten oder Hausaufgaben auch sensible Daten wie z.B. Fehlzeiten, Angaben zu Unterrichtsausfällen u.v.m.
  2. Eine systematische Auswertung von Klassenbüchern ist umständlich. So müssen bei uns z.B. an einem Stichtag Fehltage ausgezählt werden, wenn man nicht intensiv die dafür eigentlich gedachten Listen vorne im Buch nutzt – was jeder Kollege natürlich akribisch macht, wie jeder Klassenlehrer weiß.
  3. Das Schönste, was ich mit einem Klassenbuch erlebt habe, war ein Schüler, der sich sein Frühstück noch einmal auf das Klassenbuch hat durch den Kopf gehen lassen. Andere Katastrophen wie der Totalverlust dieses Dokuments sind auch denkbar.

Die Lösung ist nach Aussage diverser Anbieter das elektronische Klassenbuch. Es wird auf unterschiedliche Art und Weise geführt, z.B. durch Eingaben an einem Tablet über eine App oder eine Webseite. Die Vorteile liegen auf der Hand:

  1. Es sind nur Daten sichtbar, die für die unmittelbare Eingabe erforderlich sich. Sensible Daten lassen sich effizient von harmlosen trennen.
  2. Die Bücher sind zentral auswertbar. Insbesondere für die Schulleitung ergeben sich daduch Entlastungen, da die (behördlich vorgeschriebene) Kontrolle nicht zu einem festen Termin, sondern eben jederzeit stattfinden kann.
  3. Über eine Schnittstelle zum Zeugnisdruck können z.B. Dinge wie Fehlzeiten schnell und unkompliziert erfasst werden.
  4. Fehlenden Eintragungen muss niemand mehr hinterherennen. Das System könnte z.B. nach dem Login über fehlende Daten jammern oder per SMS bzw. Mail herumstressen.
  5. Auch Dinge wie Verwarnungen wegen unerledigter Hausaufgaben können automatisiert erfolgen.
  6. Es ist darüberhinaus denkbar, auch Eltern Zugriff auf bestimmte Daten zu gewähren, so dass eine effizientere Hausaufgabenbetreuung und Vorbereitung auf Klassenarbeiten möglich wird. Nicht jedes Kind erzählt üppig viel über diese Dinge am häuslichen Abendbrotstisch.
  7. [ to be continued … ]

Das ist alles verführerisch und es ist vor allem modern. Es braucht aber leider einige Voraussetzungen.

  1. Das zeitnahe Eintragen der Daten muss niederschwellig sein, weil das System darauf maßgeblich basiert. Ideal wäre eine Ausstattung mit flächendeckendem WLAN und Tablets für jede Lehrkraft. Ich setze mich nach dem Unterricht eher ungern noch an einen Schul-PC, um Eintragungen nachzuholen.
  2. Die geltenden Datenschutzgesetze des jeweiligen Bundeslandes müssen geeignet sein, juristische Störfeuer einzelner wirksam zu unterbinden. Wenn man auch nur für einige Schülerinnen und Schüler bzw. Kolleginnen und Kollegen doppelte Datenhaltung betreiben muss, bricht das gesamte System komplett zusammen.
  3. Die technische Verlockung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass man mit einer ganzen Reihe von Ängsten bei den Betroffenen umgehen muss. Nimmt man die Beteiligten nicht von Anfang an mit ins Boot, sieht man sich u.U. netten Fragestellungen und Herausforderungen gegenüber.
  4. Die Illusion eines kompletten digitalen Managements von Schule sollte man sich nicht machen. Schulen sind immer individuelle Systeme mit spezifischen Anforderungen, die sich niemals komplett digital mit endlichen Ressourcen abbilden lassen. Das ist bedingt durch die politisch gewollte Profilierung, gleichwohl aber auch durch ständige, teilweise recht kurzfristige Reformen – das kann kein Anbieter leisten.

Von einer mehr philosophischen Warte aus gedacht, drängen die mir weitere Fragen auf:

  1. Fehlzeiten und Verspätungen von Schülerinnen und Schülern, ggf. auch unerledigte Hausaufgaben lassen sich recht einfach zusammenzählen – durchaus auch über Jahre. Es trägt Züge bzw. Merkmale von Überwachung. Im Arbeitsleben mag das längst üblich sein (Arbeitszeiterfassungskarten etc.). Die meisten Schüler sind vor dem Gesetz aber Kinder. Ich kann diese Maßnahmen damit begründen, dass sie von ihren Arbeitsgebern später auch in die Weise kontrolliert werden werden und das schon einmal lernen sollen. Ich frage mich aber dann, was Kindheit heute für einen Wert hat, wenn ich das so begründe. Und ich frage mich, wo da irgendwann die Grenze ist. Mit den Zuständen in angelsächsischen Schulen (z:b. Einlass- und teilweise Waffenkontrollen) mag ich mich nicht so anfreunden. Mit RFID-Bezahlchips für die Mensa laufen ja schon einige Schülerinnen und Schüler durch die Gegend. Was da alles möglich und denkbar wäre …
  2. Die Arbeit von Kolleginnen und Kollegen wird ggf. inhaltlich (Themeneinträge, Hausaufgabenstellung) als auch von der Sorgfalt her (Quantität und Zeit der Eintragungen) leicht und recht niederschwellig überprüfbar. Das mag ja auch in dem einen oder anderen Fall eine Ursache irrationaler Ängste vor Technik darstellen. Da werden genau wie in der Wirtschaft auch die Personalräte gefordert sein.
  3. Es gibt u.U. Gründe, warum jemand für eine gewisse Zeit Verpflichtungen jedweder Art nicht nachkommt. Mit einer automatisierten Erfassung nehme ich mir u.U. pädagogische Freiräume. Die Zahlen bestimmen ja die von der Schulgemeinschaft als angemessen empfundene Reaktion – nicht das individuelle Schicksal.
  4. Man könnte auch in Versuchung kommen, statt digitaler Verwaltung menschliche Ressourcen für z.B. die wichtige Eltern- und Schülerarbeit zur Verfügung zu stellen, antstatt bestehende Systeme durch technische Lösungen zu stabilisieren.

Die Lage in Niedersachsen

Die meisten der auf dem Markt angebotetenen Systeme sind webbasiert. Man braucht hier also eine Vereinbarung zur Auftragsdatenverarbeitung zwischen Schule und Anbieter. Dafür gibt es ziemlich konkrete Regelungen. Lösch-, Aufbewahrungs- und Sperrfristen regelt z.B. in diesem Zusammenhang eine Verfahrensbeschreibung bzw. -verzeichnis.

Der Knüppel zwischen Beinen ist hier nach meiner Einschätzung die Gesetzeslage. Anbieter propagieren oft mehr oder minder offen den Grundsatz, dass alles erlaubt ist , was das Gesetz nicht ausdrücklich verbietet. Im Bereich des Datenschutzes streiten sich da die Geister und die Rechtsauffassungen (Kern: Volkszählungsurteil – bitte juristisch beraten lassen!). Nach meinen Recherchen ist da nichts „klar“ und wer von den Anbietern da etwas anderes sagt, handelt m.E. im Sinne seines Geschäftsmodells.

Von der Konstruktion ist es eigentlich ganz simpel: Daten darf man verarbeiten, wenn es dafür eine gesetzliche Grundlage gibt ODER wenn eine Einwilligung vorliegt, an die aber eine Reihe von weiteren Dingen geknüpft ist (z.B. Belehrung über Widerufbarkeit usw.).

Anbieter erliegen nach meiner Erfahrung der Versuchung, technischen Datenschutz vor den juristischen zu stellen. Da kommen dann Fragmente wie „garantierte Datensicherung“, „ISO-yx-zertifiziertes Rechenzentrum“ etc. ins Spiel, die sich angesichts des ungesicherten Koordinatorenbüros wie der Hort des Datenschutzes anhören – technisch absolut korrekt. Nützt aber nichts, wenn der Rechtsanwalt um Ecke das Ding vor Gericht zerpflückt.

Und ja, das klingt schizophren: Wenn die Einbrecher die Verwaltungrechner der Schule bei Ebay dann verticken und die Daten frei werden, hat das andere Folgen, als wenn eine Schule die Daten ihrer Schüler möglicherweise zu Unrecht durch Dritte verarbeiten lässt.

Spannend dürfte in Niedersachsen die Frage sein, ob Auftragsdatenverarbeitung im Sinne des Datenschutzes auch erforderlich ist. Wenn nicht: Einwilligung! Wenn Einwilligung – Was mache ich mit denen, die sie nicht erteilen?

Ohne Klagen wird sich hier im Land juristisch aber nichts bewegen, obwohl nach meiner Auffassung eine Klärung überfällig wäre. Klagen aus dem System selbst heraus sind nicht zuletzt wegen bestimmter Abhängigkeiten schwierig.

Meine 10 Cents

Wäre ich eine Schule in Niedersachsen, würde ich momentan davon noch die Finger lassen. Praktikabel fände ich ggf. eine Inhouse-Lösung ohne Elternzugriff, die mit dem Datenschutzbeauftragten des Schulträgers abgeklärt und über den sonst so üblichen Standard hinsichtlich des technischen Datenschutzes gehoben wird (verschlossener Raum, USV, Backup an anderem physikalischen Standort, verschlüsselte Verbindungen). Die Einbruchs- und Datenverlustwahrscheinlichkeit ist damit höher. Aber es liegen viel weniger Daten kumuliert vor und man kann selbst entscheiden und kontrollieren, was man speichert und wann man löscht, bzw. auf Papier umkopiert.

Klar sind die Anbieter, die sich in großen Rechenzentren einmieten, hier besser aufgestellt. Sie verarbeiten aber auch wesentlich mehr Daten und der Schaden bei einem Einbruch wäre ungleich höher – und attraktiv sind zentral kumulierte Daten immer – auch für noch zu erfindende Geschäftsmodelle.

 

 

Das neue Portal der deutschen Schulbuchverlage

Am vergangenen Mittwoch war ich auf der Didacta in Hannover. Hingekommen bin ich freundlicherweise mit einem netten Kollegen aus der Medienberatung – aber unsere Wege trennten sich schon sehr früh am Cornelsenstand. Zwei Vertreter von Cornelsen leben in unmittelbarer Nachbarschaft zu mir, wir kennen uns privat und so war es auch möglich, in Kontakt mit höheren Mitarbeitern zu kommen, wofür ich sehr dankbar bin, weil sich auf diese Weise vielleicht die eine oder andere Tür für unser Schulnetzwerk öffnet – z.B. die in Niedersachsen obligatorischen Hörverstehens-Cds per DLNA (der virtuelle MediaTomb-Server lauert schon…) aufs Handy / Tablet / Notebook usw. des Lehrers, der dann nur noch Brüllwürfel mit dabei haben muss. Keine Kassettenrecorder oder CD-Player mehr durch die Gegend schleppen… Und endlich ein Medienverteilungsstandard, der zumindest in meinem Haushalt schon seit Jahren etabliert ist.

Die gemeinsame Schulbuch Vertriebsplattform des Verbandes Bildungsmedien

Vorweg: Diese Plattform hat auf Twitter und in den einschlägigen Medien natürlich die vorhersagbaren Beißreflexe ausgelöst. Tatsächlich bietet dieses Portal zurzeit nur sehr wenig mehr als das klassische Schulbuch bzw. es ist tatsächlich lediglich weitgehend eine 1:1 Transformation dieses analogen Mediums im Netz.  Es gibt:

  • keine Links
  • keine kopier- und editierbaren Texte, alles ist als Grafik abgelegt
  • keine multimedialen Elemente
  • keine Möglichkeit, gezielt Inhalte zusammenzustellen
  • kein befriedigendes, dynamisches Inhaltsverzeichnis
  • Kollaboration: totale Fehlanzeige

Aber:

  • der Store läuft in einem Browser, es ist kein z.B. iDingens-Softwaregedöns notwendig, selbst Linux reicht – oder ein günstiges Endgerät
  • man kann immerhin schon Notizen integrieren oder Stellen für SuS markieren
  • schon heute könnte man die Onlineversionen einfach auf ein Tablet laden und dadurch jetzt schon die 20 Kilo-Hackenporsche ersetzen
  • zeitnahe Fehlerkorrekturen und Updates sind auch möglich
  • es gibt auch eine Offlinelesemöglichkeit

Die Maximalforderungen der Netzgemeinde sehe ich zwar nicht erfüllt, aber es gibt eben schon den einen oder anderen Schritt in die richtige Richtung. Viele Verlage produzieren ihre digitalen Medien mittlerweile so, dass sie in einem Browser laufen. Gehört habe ich aber nicht nur einmal, dass CDs und DVDs in der Lehrerschaft so gar nicht laufen, sondern das im Gegenteil ursprünglich digitale Inhalte mühselig nachträglich gedruckt werden und dann erst wie geschnitten Brot über die Theke gehen. Das zeigt mir wieder einmal, dass die Forderung nach digitalem Material für sich lieb gemeint ist, aber ohne eine entsprechende Nachfrage durch medienkompetente Lehrkräfte  eben nicht rentabel. Aber da arbeiten wir  Medienberater ja dran…

Die mediale Dividende

Ich habe diese Woche angefangen, Unterricht mit Hilfe von GoogleDocs vorzubereiten – für jede Lerngruppe ein getrenntes Dokument, mit Datum, mit Links zu z.B. verwendeten Arbeitsblättern, mit Bildern, Links zu Videos usw.. Mein Schultasche ist seitdem seltsam aufgeräumt und leer.

Wichtigstes Gerät ist mein Asus D250, manchmal in Bluetooth-Ehe mit meinem Handy. Es passieren seltsame Dinge: Während Stillarbeitsphasen füge ich Kommentare und Ideen von SuS in das Dokument ein. Ich habe mich heute sogar dabei ertappt, meine spontan an der Tafel verbesserten Formulierungen dort eingearbeitet zu haben und ich habe mich dabei ertappt, meine Unterrichtsvorbereitungen in meinen Klassenblogs verlinken zu wollen.

Was noch nervt ist, dass ich meine GoogleDocs-Tafelbilder nicht direkt auf ein SMART-Board beamen und dort an Ort und Stelle verändern kann – so könnte man sogar live diskutieren, warum ich jetzt gerade Chloes Satz nehmen will und nicht meinen, den ich mir zu Hause ausgedacht habe. Nebenbei hätte jeder Zugriff auf die gleichen Aufzeichnungen in gleicher Qualität: Was kann Schüler x oder Schülerin y eigentlich für seine/ihre Schrift? Wie aussichtsreich und sinnvoll sind Erziehungsversuche – die sich in unserem Schulsystem oftmals in Sanktionen erschöpfen – bei einem  z.B. Neuntklässler? Wie viele von ihnen wandeln sich eigentlich vom Saulus zum Paulus?

Gerade aktuell habe ich in meiner 6. Klasse kleine Diktate zur Schreibung von Fremdworten entwickeln lassen – es folgte darauf ein Partnerdiktat. Wäre es nicht hübsch, alles gleich digital zu haben, um dann das kreative Übungsmaterial noch mal ohne weitere (und sinnlose) Abschriften zu überarbeiten und vom Schwierigkeitsgrad her „hochzuzüchten“? Muss man nicht in der Schule machen – geht auch als Hausaufgabe im Klassenblog.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich finde die Handschrift wichtig. Sie ist ein Fallback für Fälle, in denen keine Energie oder kein Netz zur Verfügung steht. Und manchmal ist etwas schneller gekritzelt als gesmartboardtet (außerdem sieht SMART-Gekritzel meist by Design bescheiden aus – das kann die Tafel noch besser). Ich möchte kein Kunstwerk in den Bilderrahmen meiner Schule missen.

Aber ich frage mich zunehmend, wie viel Zeit wir in der Schule völlig ineffizient für Abschriften verschwenden. Ich warte auf den Beweis, dass sich beim Abschreiben Inhalte eher festigen – das wird ja oft als Argument ins Feld geführt.

Und selbst wenn das beweisbar ist:

Einen Text dadurch zu überarbeiten, dass ich ihn abschreibe, anstatt ihn zu editieren, mag wohl Sinn machen, wenn die Schrift als solche gelernt werden soll. Ich sehe darin keinen Nutzen für das Wesen der Überarbeitung: Textstellen zu optimieren, Sätze umzustellen etc..

Im Schulsystem dürfte eine Menge mediale Dividende stecken…