Blogparade „Zeitgemäßes Lernen“

Bob Blu­me ruft zu einer Blog­pa­ra­de unter dem Titel „zeit­ge­mä­ßes Ler­nen“ auf. Für mich gibt es kein zeit­ge­mä­ßes Ler­nen. Für mich gibt es kein digi­ta­les Ler­nen. Für mich gibt es kein was auch immer für ein Ler­nen. Es gibt für mich nur Ler­nen. Was bin ich für ein digi­ta­ler Ket­zer! VUCA, 4k, (S)AMR – alles habe ich nicht begrif­fen. Wie kom­me ich dazu, die­sen Ver­rat zu bege­hen?

Für mich heu­te fun­da­men­tal wich­ti­ge Din­ge in mei­nem Leben habe ich nicht durch insti­tu­tio­nel­le Sys­te­me wie Schu­le oder Uni­ver­si­tät gelernt. Ich wäre jedoch auch nicht da, wo ich jetzt bin, ohne die­se Insti­tu­tio­nen. Und inner­halb die­ser Insti­tu­tio­nen blitz­te hin und wie­der streif­licht­ar­tig etwas auf, was mich tief geprägt hat. Aber das eigent­li­che Ler­nen hat dort für mich in der Sum­me nicht statt­ge­fun­den.

Wo habe ich gelernt? Ich war in den aus­ge­hen­den 80er und 90er Jah­ren Teil einer gro­ßen Jugend­grup­pe. Wir haben offe­ne Ange­bo­te für ande­re Jugend­li­che gemacht – z.B. Dis­co­ver­an­stal­tun­gen. Wir haben rie­si­ge Som­mer­frei­zei­ten mit über 300 Per­so­nen orga­ni­siert. Wir hat­ten einen Treff­punkt und ein Zuhau­se, den Ort, an dem Ler­nen statt­fand. Denn man braucht eini­ges an Wis­sen und Fähig­kei­ten, um Kin­dern und Jugend­li­chen eine schö­ne Som­mer­frei­zeit in Zel­ten zu ermög­li­chen. Kochen, Nähen, Ein­kau­fen, Prä­sen­tie­ren, Pla­nen uvm.. Wir waren ca. 80 Per­so­nen. Alko­ho­li­ker, schrä­ge Vögel, Men­schen aus gutem Hau­se, Men­schen im Hand­werk, Milch­bu­bis wie ich damals – ein bun­ter Hau­fen, der unter der Flag­ge „evan­ge­li­sche Jugend“ segel­te. Die evan­ge­li­sche Jugend­ar­beit ist für mich bis heu­te eine der am meis­ten unter­schätz­te Grö­ße bei der Imple­men­ta­ti­on zeit­ge­mä­ßen Ler­nens.

Huma­nis­ti­sche Päd­ago­gik? Danach wur­de vor 30 Jah­ren in Jugend­lei­ter­schu­lun­gen aus­ge­bil­det. Pro­jekt­ler­nen? Na, wenn eine Pfingst­frei­zeit mit 80 Kin­dern in Zel­ten inklu­si­ve Logis­tik kein Pro­jekt ist, dann weiß ich auch nicht. Und im Übri­gen benö­tigt die selbst­or­ga­ni­sier­te Durch­füh­rung eini­ges an Netz­werk­fä­hig­kei­ten. Es gab ein Fall­back in Form einer Lei­tung. Die­se hat­te auch einen Dunst­kreis um sich her­um. Da irgend­wann dazu­zu­ge­hö­ren – das war für uns das größ­te Ziel.

Ich muss­te kochen für Grup­pen ler­nen und frag­te ein­mal: „Wieb­ke, wie viel muss ich eigent­lich davon neh­men?“ Und Wieb­ke sag­te: „Kei­ne Ahnung, ich habe das immer so im Gefühl und lie­ge auch oft falsch. Mach mal! Ich bin ja da!“ Wir haben den Pud­ding spä­ter gemein­sam im Wald beer­digt – aber ich konn­te danach Pud­ding kochen, habe mich an Neu­es her­an­ge­traut und ver­stan­den, dass mein Vater – ein begna­de­ter uni­ver­sel­ler Hand­wer­ker – das offen­bar auch so gelernt hat. Das Falschma­chen war ein Schlüs­sel und Teil des Lern­wegs. Das über­tra­ge ich heu­te auf alle Kon­tex­te – das zwei­te Bade­zim­mer, was ich bau­en wer­de, sieht bestimmt schon viel bes­ser als das ers­te aus.

Die Geschich­te ging spä­ter noch wei­ter: Es gab auch eine evan­ge­li­sche Schü­le­rin­nen­ar­beit wäh­rend mei­nes Stu­di­ums mit Klas­sen, die sich ihre The­men selbst wähl­ten. Wir muss­ten ver­pflich­tend in der Aus­bil­dung zum Klas­sen­ta­gungs­lei­ter und nach eini­gen durch­ge­führ­ten Tagun­gen an Super­vi­so­nen teil­neh­men. Dort habe ich mich selbst gese­hen – z.B. im Psy­cho­dra­men, in denen ande­re mei­ne Rol­len in schwie­ri­gen Situa­tio­nen über­nah­men. Was dort pas­sier­te, ist bis heu­te dort geblie­ben.

Die Hal­tun­gen und Erfah­run­gen waren grund­le­gend für mein erfolg­rei­ches Ler­nen in Insti­tu­tio­nen. Ich bin ein Arbei­ter­kind mit einem klas­si­schen Bil­dungs­auf­stei­ger­be­ruf. Mit Schu­le allein hät­te ich das nicht geschafft, obwohl es natür­lich zu mei­ner Zeit die soge­nann­ten 68er-Leh­rer gab, die auch schon in der Schul­zeit ein waches Auge auf mich hat­ten – wie auch an der Uni­ver­si­tät. Aber die ver­hiel­ten sich alle­samt nicht in der Insti­tu­ti­on, sie ver­hiel­ten sich mit Selbst­ver­trau­en in den Lücken der Insti­tu­ti­on und wuss­ten deren Ängs­te zu nut­zen, um Men­schen wie mich ganz per­sön­lich zu för­dern.

Ich fin­de nicht, dass sich an mei­nem Ler­nen heu­te viel geän­dert hat. Die Netz­wer­ke wer­den durch Tech­no­lo­gie grö­ßer, ein­fa­cher zu mana­gen, erhal­ten aber durch Tech­no­lo­gie einen oft nicht unpro­ble­ma­ti­schen, aber glei­cher­ma­ßen fas­zi­nie­ren­den Zwi­schen­lay­er. In der Zelt­frei­zeit­kü­che zu Pfings­ten gab es auch ein Netz­werk – sogar mit Ver­bin­dun­gen nach außen – 60kg Hack im Zelt lagern? Das holt man sich doch lie­ber frisch aus der Küh­lung der befreun­de­ten Inter­nats­kü­che und dann sofort in die Pfan­ne damit. Und ob wir uns gestrit­ten und ange­mault haben!

Mei­ne Kin­der haben uns als Eltern, Sport­ver­ei­ne, Freun­de, Schu­le, Kon­fir­man­den­un­ter­richt und ab 12 Jah­ren auch Han­dys (die sie kaum nut­zen). Sie wach­sen hier in einer Her­de art­ge­recht auf. Ich fin­de es gut, wenn auch Frem­de ihnen Gren­zen zei­gen, sie aber auch ermun­tern und for­dern. Im per­sön­li­chen, nicht digi­tal ver­mit­tel­ten Kon­takt. Da und so kann Ler­nen statt­fin­den. Nicht im Her­um­he­li­ko­ptern, Abschir­men und bedin­gungs­lo­sem Ver­ständ­nis oder Erklä­rung für jedes Ver­hal­ten.

Für mich bil­den wir uns in Schu­le viel zu viel auf unse­ren Ein­fluss auf Schü­le­rin­nen und Schü­ler ein. Beim Aus­gleich von sozia­len Unter­schie­den kann Schu­le hel­fen (tut es in Deutsch­land jedoch wohl opti­mier­bar), aber nie Zivil­ge­sell­schaft erset­zen. Zivil­ge­sell­schaft kann ger­ne auch in Schu­le prä­sent sein. Dann wird da viel­leicht sowas wie „zeit­ge­mä­ßes Ler­nen“ draus.

Und noch eine wüs­te Theo­rie: Zivil­ge­sell­schaft wird durch digi­tal ver­mit­tel­te Kom­mu­ni­ka­ti­on und digi­tal ver­mit­tel­te Ver­net­zung viel­leicht nicht in allen Berei­chen stär­ker oder frei­er oder offe­ner. Das kann und muss noch gesche­hen und müh­sam aus­ver­han­delt wer­den.

Wie Ler­nen funk­tio­niert, wis­sen wir eigent­lich intui­tiv durch Anschau­ung unse­rer selbst oder durch den Spie­gel, denen uns Kin­der vor­hal­ten. Unse­re Treue zum „Gewohn­ten“ steht da manch­mal im Weg. Was sich aber ändert, sind Kom­ple­xi­täts­gra­de und Inhal­te, die das Gewohn­te immer stär­ker infra­ge stel­len.

Edit am 8.11.2019:

Typo ver­bes­sert, Link auf Buch „Art­ge­recht“ (Nico­la Schmidt) gesetzt.

Blogparade: Es war einmal die Lernlust | Bob Blume

Bob Blu­me ruft zu einer Blog­pa­ra­de auf. Dabei geht es um Per­sön­li­ches. Dar­über schrei­be ich eigent­lich ja nicht im Netz, obwohl ich auf Ver­an­stal­tun­gen durch­aus viel Per­sön­li­ches erzäh­le. Der der Auf­ga­be besteht also dar­in, distan­ziert zu blei­ben und trotz­dem etwas preis­zu­ge­ben.

Ich hat­te Angst. Vor jeder Sport­stun­de. Vor jeder Eng­lisch­stun­de. Vor jeder Geschichts­stun­de. Unan­ge­kün­dig­te Voka­bel­test, die nie Voka­beln abfrag­ten, son­dern immer gan­ze, teil­wei­se sehr kom­ple­xe Wen­dun­gen. Die grü­nen Eng­lisch­ar­beits­hef­te unter dem Arm, ohne dass irgend­wann irgend­wie ein Hin­weis fiel, dass an die­sem Tag eine Arbeit geschrie­ben wer­den wür­de.  Aus der Quin­ta kom­mend, gaben mir die Noten die­ses Leh­rers fast den Rest. Ver­set­zung gefähr­det. Nach­hil­fe bei älte­ren Schü­le­rin­nen. In Geschich­te ähn­lich. In Sport: Rie­gen: „Rie­ge 1 spielt gegen Rie­ge 2!“ „Oha, in Rie­ge 1 schafft jetzt jeder einen Auf­schwung. Erzählt mal den ande­ren, was ihr gemacht habt!“ Dop­pel­kopf in einer Jugend­her­ber­ge auf Sylt gelernt. Uns selbst ein Gelän­de­spiel auf der gro­ßen Wan­der­dü­ne aus­de­cken müs­sen. Bei 2 Meter Bran­dung geba­det. Um die Süd­spit­ze von Sylt gelau­fen. „Er kün­digt die Arbei­ten und Tests nicht an, weil er möch­te, dass ihr auf jede Stun­de vor­be­rei­tet seid. Er möch­te nicht, dass Kin­der einen Vor­teil haben, die von zu Hau­se aus Unter­stüt­zung erfah­ren – daher macht er das!“, berich­te­te mei­ne Mut­ter nach dem Eltern­sprech­tag. Ich hat­te Ende der ach­ten Klas­se eine Drei in Eng­lisch. Ich muss­te für die­ses Fach nie wie­der etwas tun und bin nie unter einem Aus­rei­chend nach Hau­se gegan­gen.

Nach heu­ti­gen Maß­stä­ben hät­te ich mehr­mals tot sein und psy­chi­sche Schä­den davon­tra­gen müs­sen. Uner­bitt­lich her­kunfts­un­ab­hän­gig gerech­te, lei­ten­de, for­dern­de Men­schen wie er ebne­ten mir als ers­tem aus unse­rer Fami­lie den Weg an die Uni. Das Rie­gen­sys­tem: Sprach­lich-mili­tä­risch, im Kern maxi­ma­les koope­ra­ti­ves Ler­nen. Jede Rie­ge war fair zusam­men­ge­setzt aus Men­schen mit sport­li­chen Stär­ken und Schwä­chen. Es ging ums Gewin­nen. Gewin­nen als geschlechts­über­grei­fen­des Mann­schafts­er­leb­nis. Das Gelän­de­spiel als selbst­be­stimm­te, grup­pen­dy­na­mi­sche Übung wür­de heu­te mit kom­plett pro­to­ty­pisch kom­pe­tenz­be­sei­ert ver­zück­ter Spra­che beju­belt. Die­se Drei in Eng­lisch war eigent­lich eine Eins (ein Mäd­chen hat­te eine Zwei bekom­men). Es war emo­tio­nal eine schwie­ri­ge Zeit. Aber wir alle lern­ten das Den­ken bei ihm.

Ich den­ke heu­te mit Lust an sei­ne Stun­den zurück. Die Angst ist nicht mehr die prä­gen­de Erin­ne­rung.

Es gab ein Klau­sur zurück. Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on. Rede von Rob­bes­pierre oder war es Mon­tes­quieu? (Anci­en ©gime). Er tob­te. Inner­lich. Er las uns die Rede vor und ersetz­te in ers­ter Lesung das Wort „Natio­nal­ver­samm­lung“ durch „NSDAP“, in zwei­ter Lesung war es die „Volks­kam­mer der DDR“. Ein­drück­lichs­te Bespre­chung einer Klau­sur. Betrof­fen­heit im Kurs. Es hat­te kaum einer das wah­re Gesicht der Rede erkannt. Angst. Ich viel­leicht auch nicht? „Auf das Schärfs­te zu ver­ur­tei­len“ stand in mei­nem Fazit in der Klau­sur. 12 Punk­te. In der Ober­stu­fe lief es bei mir eigent­lich. Ich muss­te nie etwas tun. In Geschich­te habe ich es nie mehr auf die­se Punkt­zahl gebracht, im Abitur in der münd­li­chen Prü­fung habe ich mich ohne Vor­be­rei­tung auf 7 Punk­te gela­bert. Ich hat­te ein Fun­da­ment – von wem wohl? Der Ober­stu­fen­leh­rer wur­de ein­mal rich­tig aus­fal­lend. Wir frag­ten um Erlaub­nis, auf eine Demons­tra­ti­on gehen zu dür­fen. „Haben Sie sie noch alle? Wenn Sie für Ihre Rech­te auf die Stra­ße gehen, dann tra­gen Sie halt die schu­li­schen Kon­se­quen­zen! Wie naiv muss man denn sein, zu glau­ben, dass der Kampf für Rech­te kon­se­quen­zen­los bleibt!“

Wir sind gegan­gen. Wie begos­se­ne Pudel. Sehr viel Schwei­gen auf der Hin­fahrt.

Darf ich mich zu Ihnen set­zen?“ Was mich ich da wohl gerit­ten hat­te. Er war mein Phi­lo­so­phie­pro­fes­sor. Semi­nar zum us-ame­ri­ka­ni­schen Tran­szen­den­ta­lis­mus (Ralph Wal­do Emer­son z.B.). Aber an dem Abend war in der Knei­pe sonst kein Platz mehr frei und ich hat­te Hun­ger und konn­te ja nicht im Ste­hen essen. „Jun­ger Mann, vie­le mei­ner Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen glau­ben, Phi­lo­so­phie sei ein Selbst­zweck, selbst­re­fe­ren­ti­el­le Wis­sen­schaft. Ich sage: Die Phi­lo­so­phie steht in der Ver­ant­wor­tung nach­zu­wei­sen, dass sie der Gesell­schaft, von der sie bezahlt wird, wirk­lich etwas nützt. Ein Phi­lo­soph darf nicht hof­fen, irgend­wie an der Uni­ver­si­tät unter­zu­kom­men. Er muss sich aktiv um eine Stel­lung bemü­hen!“ Man kann sich den­ken, dass er in sei­ner Fakul­tät nicht so vie­le Freun­de hat­te. Aber eine Men­ge kon­kre­ter Umset­zungs­ide­en zu sei­ner eige­nen For­de­rung (Heu­te darf man ja auch for­dern ohne eine Idee zur Umset­zung zu haben). Schließ­lich über­nahm er nach fast zwei Stun­den Gespräch mei­ne Rech­nung.

Es war ein bis heu­te prä­gen­der Abend.

Alles Erleb­nis­se sind aus heu­ti­ger Sicht streit­bar und inhalt­lich, ver­klärt durch eine zur jewei­li­gen Zeit nicht voll­kom­men durch­re­flek­tier­te Hal­tung. Sie sind zudem nur ein Aus­zug aus allem Erleb­ten. Schu­le und Uni spei­sen mich als Per­sön­lich­keit gegen­über ande­ren Fak­to­ren eigent­lich ver­nach­läs­sig­bar gering. Genau die­se Span­nung, die Schwe­be, die­se Ambi­va­lenz der Emp­fin­dun­gen ist das, was für mich heu­te die Lust am Ler­nen aus­macht.

Wenn ich mich mit LDAP-Pro­to­kol­len her­um­quä­le, zei­gen mir die enga­gier­ten Anwen­der natür­lich kol­lek­tiv den Vogel. Aber genau das (den Vogel gezeigt bekom­men)  macht mir Spaß. „Bei Riecken muss man im Auf­satz min­des­tens ein­mal ‚Ambi­va­lenz‘ schrei­ben und immer Ent­wick­lun­gen auf­zei­gen!“ Ich weh­re mich inner­lich gegen sol­che Ste­reo­ty­pe. Aber eigent­lich stimmt die­ser.

Wenn ich mein Schü­ler wäre, näh­me ich mich als Leh­rer total ambi­va­lent wahr. Kon­se­quenz und Gesump­fe eng bei­ein­an­der. Viel Span­nung ent­steht aber dadurch, dass es mir zuneh­mend schwe­rer fällt, Hal­tun­gen und Hand­lun­gen in eine Zahl zu pres­sen.

Blogparade „Versager im Staatsdienst“

Bob Blu­me ruft zu einer Blog­pa­ra­de „Ver­sa­ger im Staats­dienst“ auf. Ich betei­li­ge mich aus mei­ner Sicht als Vater, ehe­ma­li­ger Per­so­nal­rat, medi­en­päd­a­gischer Bera­ter und Blog­ger dar­an, der gera­de gefor­dert hat, dass Leh­rer­blogs sich mehr auf­ein­an­der bezie­hen soll­ten – also eigent­lich ist mei­ne Teil­nah­me alter­na­tiv­los. Ich habe bewusst vor­her kei­nen der ande­re Arti­kel der Para­de gele­sen.

A) Gibt es an deut­schen Schu­len gene­rell zu vie­le schlech­te Leh­rer?

Eine Ant­wort aus mei­nem sehr begrenz­ten Kon­text wäre ver­mes­sen. Ich ken­ne bis jetzt zwei „deut­sche Schu­len“ aus der Sicht eines Arbeit­neh­mers und eine gan­ze Zahl an Kol­le­gi­en aus der Sicht eines Bera­ters. Ich den­ke, dass in jedem Kol­le­gi­um (Amt, jeder Fir­ma, jedem Ver­ein usw.) Men­schen arbei­ten, die ihren Job nicht gut machen. Vor einer Quan­ti­fi­zie­rung müss­te man zunächst Kri­te­ri­en haben, was denn nun genau ein „Ver­sa­ger im Staats­dienst“ ist, was mich zur zwei­ten Fra­ge bringt:

B) Wor­an erkennt man, ob ein Leh­rer sei­nem Job nicht gerecht wird?

Es gibt natür­lich eine Men­ge „har­te Fak­ten“: Sind Unter­richts­do­ku­men­ta­tio­nen for­mal aus­ge­füllt (Klas­sen- und Kurs­buch)? Wie sieht die Kor­rek­tur einer schrift­li­chen Arbeit aus? An wie vie­len Fort­bil­dun­gen nimmt eine Lehr­kraft teil? Wer­den Ter­min­vor­ga­ben z.B. inner­halb der Prü­fungs­kom­mis­si­on einer Abitur­prü­fung ein­ge­hal­ten? Erscheint eine Lehr­kraft pünkt­lich zum Dienst (und zur jewei­li­gen Unter­richts­stun­de)? Sind Schü­le­rin­nen und Schü­ler wäh­rend der Unter­richts­zeit ange­mes­sen beauf­sich­tigt? Wer­den Pau­sen­auf­sich­ten wahr­ge­nom­men? Wer­den Noten ter­min­ge­recht ein­ge­tra­gen? usw.. Natür­lich muss es hier um einen Gesamt­ein­druck gehen, denn jeder wird an die­ser oder jener Stel­le mal schlur­ren.

Viel ent­schei­den­der wären für mich als Schul­lei­ter die „wei­chen Fak­ten“, an die schwer her­an­zu­kom­men ist, wenn kaum Zeit für Din­ge wie z.B. Mit­ar­bei­ter­ge­sprä­che bleibt. Zen­tra­le Fra­gen dabei sind für mich: Was tut eine Lehr­kraft kon­kret für die Ent­wick­lung ihres aus mei­ner Sicht wich­tigs­ten Instru­ments: Ihrer Per­sön­lich­keit? Was tut eine Lehr­kraft kon­kret für die Ent­wick­lung der Schu­le?

Ein Indiz für Defi­zi­te in die­sem Bereich kann z.B. unkol­le­gia­les Ver­hal­ten sein – etwa wenn Beschlüs­se des gesam­ten Kol­le­gi­ums von ein­zel­nen Per­so­nen „auf­ge­weicht“ wer­den, wenn Kol­le­gen über ande­re Kol­le­gen vor Schü­le­rin­nen und Schü­lern her­zie­hen, wenn Kol­le­gen sich prin­zi­pi­ell päd­ago­gisch sinn­vol­len Ver­än­de­run­gen ver­wei­gern etc. . Ein wei­te­res Indiz für eine nicht mehr trag­ba­re Lehr­kraft ist z.B. ihr ein­ge­schränk­ter Unter­richts­ein­satz, wenn sie z.B. nicht län­ger als ein Jahr in der glei­chen Lern­grup­pe ein­ge­setzt wer­den kann. Die­se „Maß­nah­me“ hat ja immer ihre Ursa­chen und ihre Geschich­te.

C) Wie soll­te man mit sol­chen Leh­rern ver­fah­ren (dür­fen)?

Es soll­te eine mit den Per­so­nal­ver­tre­tun­gen abge­stimm­te Dienst­ver­ein­ba­rung mit einer fes­ten Eska­la­ti­ons­ket­te geben, an deren Ende die Ent­fer­nung aus dem Staats­dienst steht. Eine Ver­set­zung löst kein Pro­blem. Modell­haft gab oder gibt es es sowas in Nie­der­sach­sen bereits für das The­ma „Umgang mit Sucht bei Beschäf­tig­ten im Schul­dienst“ – so ganz wer­de ich da aus mei­nen Recher­che­er­geb­nis­sen nicht schlau. Ein der­ar­ti­ges recht­li­ches Kon­strukt mit einer Kom­bi­na­ti­on aus Hilfs­an­ge­bo­ten und Sank­tio­nen hal­te ich für mög­lich.

D) Wel­chen Anteil hat das Lehr­amts­stu­di­um?

Den Umgang mit Men­schen lernt man im Umgang mit Men­schen. Wer Men­schen erst im Refe­ren­da­ri­at sieht, bekommt ein Pro­blem. Das Stu­di­um kann sich pra­xis­nä­her aus­rich­ten. Das Inter­es­se an Men­schen hal­te ich nicht für indu­zier­bar. Da ist auch Eigen­in­itia­ti­ve gefor­dert, die aber mit der zuneh­men­den Ver­schu­lung gera­de des Gym­na­si­al­leh­rer­stu­di­ums immer weni­ger von Stu­den­ten zu leis­ten ist.

Die 18jährige Übungs­lei­te­rin der Hand­ball-F-Jugend weiß mehr z.B. über Men­schen mehr als so man­cher Ori­en­tie­rungs­prak­ti­kant. Wenn letz­te­rer sich dann noch wei­gert, wenigs­tens eine Unter­richts­pha­se in mei­ner Beglei­tung zu gestal­ten („Ich muss das nicht!“), stel­le ich hin­ter­her schon­mal die eine oder ande­re gemei­ne Fra­ge. Es gibt auch schon im Stu­di­um Ver­sa­ger und sol­che, die es spä­ter als Leh­rer wer­den wol­len.

E) Was soll­te verändert/ ver­bes­sert wer­den?

Ich wäre nicht ein­fa­cher Leh­rer, son­dern reich und berühmt, wenn ich das wüss­te. Ich wür­de aber bei der Qua­li­fi­zie­rung von Schul­lei­tun­gen und der Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung von Lehr­kräf­ten anfan­gen, z.B. durch kom­pe­ten­te Super­vi­si­on, die teu­er ist. Alter­na­tiv könn­te man bis zum Break­down war­ten und von vor­ne anfan­gen. Aber der Pati­ent ist zäh :o)…

F) Soll­ten die Schu­len die Leh­rer selbst aus­su­chen dür­fen?

Ja und nein. Eine Schu­le in einer attrak­ti­ven Regi­on wird mehr Bewer­be­rin­nen und Bewer­ber anzie­hen als eine auf dem Lan­de, wo eh nie­mand hin­möch­te, aber eben auch Kin­der leben. Klar kann sich eine länd­li­che Schu­le durch attrak­ti­ve Kon­zep­te sexy machen. Dafür braucht es aber enga­gier­te Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, womit sich die Kat­ze in den Schwanz beißt. Aus Sicht einer Groß­stadt­schu­le also ein kla­res Ja.

G) Soll­te der Beam­ten­sta­tus abge­schafft wer­den?

Alle mei­ne Auf­ga­ben wer­den bereits von ange­stell­ten Lehr­kräf­ten wahr­ge­nom­men, deren BMI oder sonst­was nicht passt (Ich stel­le mir gera­de einen Streik zur Zeit der Abitur­prü­fun­gen vor). Ob die Ver­be­am­tung das Haupt­pro­blem ist, weiß ich nicht. Ob es es ohne die Ver­be­am­tung aus­rei­chend qua­li­fi­zier­ten Nach­wuchs geben wird, weiß ich nicht. Ich weiß zur­zeit nicht ein­mal, ob es mit Ver­be­am­tung aus­rei­chend qua­li­fi­zier­ten Nach­wuchs geben wird. Es gibt aber Leu­te, die das eigent­lich wis­sen müss­ten. Und es gibt immer Schu­len, bei denen alles auch ohne Ver­be­am­tung klappt. Wie vie­le davon gibt es noch­mal in einem Flä­chen­land in der Flä­che?

H) Soll­te es eine Art „Belohnungssystem“ wie in der frei­en Wirt­schaft geben?

Das Belo­hungs­sys­tem gibt es: Freu­de am Beruf.  Kann man in Geld mes­sen. Muss man aber nicht. Schu­le ist kein Wirt­schafts­un­ter­neh­men, obwohl es die Wirt­schaft ger­ne so hät­te, son­dern im Ide­al­fall ein sozia­les Sys­tem. Ob Geld bes­se­re Leh­rer macht? Idea­lis­tisch-naiv. Ich weiß.

I) Wor­an gehen die Kol­le­gen denn kaputt?

An der Dis­so­zia­ti­on zwi­schen Wol­len und Kön­nen. Das fin­det immer auch in einem Umfeld statt, wel­ches nach mei­ner Ansicht die­se Dis­so­zia­ti­on zuneh­mend begüns­tigt.

J) Wie ent­ste­hen die 30% Leh­rer, die laut Schaar­schmidt qua­si dis­so­zi­iert sind?

Das wäre ein eige­ner Arti­kel. Die Ursa­chen sind sehr mul­ti­di­men­sio­nal. Ich ken­ne aber ehe­mals „dis­so­zi­ier­te“ Lehr­kräf­te, die durch exter­ne Hilfs­an­ge­bo­te heu­te zu den ver­läss­lichs­ten Kol­le­gen gehö­ren.

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