Blogparade: Schulbuch 2015

Auf Twitter ergab sich vor einige Tagen eine interessante Diskussion zum Thema Schulbücher – auch immer wieder einmal Thema im deutschen #EDCHATDE. Herausgekommen ist die Idee einer Blogparade zum Thema Schulbuch, an der ich mich mit diesem Artikel beteilige.

Wer mich kennt, weiß, dass ich eigentlich nie ohne haarsträubende Analogien und Geschichten auskomme – auch diesmal bleibt das niemandem erspart – aber Geduld: Ich komme irgendwann auf den Punkt.

Die Analogie

Letzte Woche wollte ich an meinen recht betagten Fahrzeug die Stoßdämpfer wechseln – eigentlich musste ich das sogar, weil die untere Lagerbuchse des Dämpfers auf der rechten Seite schon ziemlich ausgeschlagen war. Bei meinen Auto ( VW T4 )  ist das auch im Prinzip kein Problem und auf der Auffahrt zu machen. Zudem hat man auf diese Weise immer die Legitimation, neues Werkzeug zu kaufen – immerhin wollte die Werkstatt stolze 270,- Euro haben – bei einem Materialpreis von 100,- Euro für ein Paar Markendämpfer saßen da 50 Euro für Werkzeug drin. In dem sehr gut gepflegten Wiki zu meinem Auto stand zum Dämpferwechsel nur ein Satz, der mir Sorgen machte:

Befestigungsschraube und -mutter der Dämpferaufnahme herausdrehen (Sechskant M12, 100 Nm). Hierbei kann es passieren, dass die Mutter sich nicht löst, sondern stattdessen, die Schraube, welche von oben mit der Karosserie verbunden ist, sich aus der Halterung löst und mitdreht. Dann ist es notwendig die Schraube von oben von Dreck zu befreien und mit einem 18er Maulschlüssel (am besten in flacher Ausführung) zu kontern.

Dazu wird eine zweite Person benötigt, da der Kopf der Schraube nur teilweise aus dem Blech raussteht. (Quelle)

Wie sich herausstellen sollte, konnte das nicht nur passieren, es passierte auch auf beiden Seiten (zudem wurde ein Schlüssel SW21 benötigt und kein SW18).

So ein Schlüssel sieht so aus:

standardwerkzeug_a

In so einem Ding steckt eine Menge Hirnschmalz, den man diesem Stahlknochen erstmal nicht ansieht. Der Schlüssel ist z.B. gewinkelt (üblicherweise um 15°):

standardwerkzeug_b

Durch diese Winklung kann man den Schlüssel in engen Bereichen einfach umdrehen und kommt so mit der Schraube weiter. Die Öffnung des Schlüssels ist genormt: Ein Schlüssel SW21 passt zu jeder Schraube, deren Kopf 21mm breit ist – Schraubenweiten sind genormt, sodass dieser Schlüssel überall einsetzbar ist, wo die gleiche Norm gilt. Da klappt aber nur, wenn der Schlüssel ein wenig weiter als die Normgröße 21mm ist – Profiwerkzeug weist hier weniger Toleranzen auf als Baumarktware und passt daher grundsätzlich besser zur Schraube.

Meine Schraube, die es mit dem Schlüssel zu lösen galt, war genormt, aber der Schlüssel selbst viel zu dick, um in den darüberliegenden Zwischenraum zu passen. Ich bekam die eine Schraube damit nicht zu packen. Einen flachen Schlüssel SW21 gab es anscheinend im ganzen Internet nicht – die sind auch sehr unüblich. Wenn es einen solchen Schlüssel gegeben hätte, wäre immer noch eine zweite Person zum Gegenhalten erforderlich gewesen, da ein flacher Schlüssel schnell „nach oben abrutscht“ – deswegen ist der Normschlüssel ja auch so dick, um genau das zu verhindern.

Der einizige verfügbare Helfer hätte es körperlich nicht geschafft, eine angerostete Schraube mit einem Anzugsdrehmoment von 100Nm zu kontern. Was tun?

Wenn bei mir ein Werkzeug nicht passt, baue ich mir eines.

Diese Idee kam nicht von mir, sondern von einem befreundeten Vater, der mich vor dem Auto grübeln sah. Erst habe ich diesen Gedanken verworfen, aber schon eine Stunde später stand ich mit der Flex und dem Normschlüssel in der Garage. Herausgekommen ist das hier:

werkzeug_aDie Schlüsselenden verjüngen sich nach vorne. Diesen Schlüssel konnte ich jetzt mit Karacho über den Schraubenkopf prügeln, das Blech darüber diente als Widerlager und hielt den Schlüssel sicher auf dem Schraubenkopf. Mit einem guten Frühstück und einer langen Knarre löste sich ächzend und knarrend die Mutter von der Schraube – ohne Helfer.

Wie ich Schulbücher verwende

Ich verwende Schulbücher im Unterricht fast nie. Es sind für mich genormte Werkzeuge, die zu genormten Problemstellungen in Form von Curricula passen. Mehr noch als bei meinem Autobeispiel von oben gilt bei Lernprozessen im Gegensatz zu DIN-Schrauben für mich oft die „Normlosigkeit“. Ich unterrichte u.U. in zwei Klassen parallel, aber diese Klassen mit ihren Individuen entsprechen nicht der Norm – oder jeweils anders. Trotzdem kann es – bei mir immer seltenere – Fälle geben, in denen ein genormter Schlüssel sehr gut geeignet ist. Genau wie der Schlüssel ist das Schulbuch ja sogar auf mehreren Ebenen bis in Details durchdacht – nur gibt es nicht immer die „Schraube“, die zu ihm passt. Daher nutze ich ein Schulbuch grundsätzlich nur für Anregungen bei der Vorbereitung des Unterrichts.

Ein sehr gutes Buch auch nach 15 Jahren Lehrerleben und zahlreichen Überarbeitungen ist für mich „Texte, Themen und Strukturen„. Recht zeitlos und erfreulich unbeeindruckt von schnelllebigen didaktischen Grabenkämpfen finden sich für mich darin immer wieder interessante Texte und neue Blicke auf Dinge wie „Schreiberziehung“. Es ist für mich ein wenig so wie ein Engländer im Werkzeugbereich.

In meinem Regal (ich komme für alle meine Schulbücher mit 2m Regalfläche aus) stehen neben universitären Lehrwerken auch noch Übungsblattsammlungen, einige Arbeitshefte und Versuchsvorschriften (ich unterrichte Chemie). Das steht da, weil es manchmal Arbeit spart, wenn es schnell gehen muss. Hin und wieder verirrt sich noch eine unverlangt zugeschicktes „Probeexemplar“ dorthin, welches aber meist nach ein bis zwei Monaten seinen Weg ins Altpapier findet.

Wäre ich Fremdsprachenlehrer, hätten Schulbücher für mich allerdings einen ganz anderen Stellenwert.

Die Geschichte dahin

Als junger Kollege fehlte mir oft die Zeit, um mit der Flex in die Garage zu gehen und auf einem zu großen Schraubenschlüssel herumzuschleifen. Außerdem hatte ich viel zu viel Ehrfurcht vor der Leistung der Buchautoren: Was kann ich kleines Licht schon besser machen als ein durchdachtes Schulbuch? Damit ist man doch auf jeden Fall auf der sicheren Seite! Es ist auf das Curriculum abgestimmt, durch ein Lektorat gelaufen und bietet mir Orientierung. Pfiffige Ideen wie die 15-Gradwinklung beim der Schraubenschlüsselanalogie wären mir aus meiner Unterrichtspraxis heraus gar nicht erst gekommen. So ist das Donator-Akzeptor-Prinzip als fundamentale didaktische Größe im Chemieunterricht wohl ein echtes Verdienst von Schulbüchern.

Wenn ich dann darüberhinaus noch Ideen habe, ist es Dank der Solidität in der Lage, den Funkenstrahl der ersten Flexversuche anzulenken oder mich wieder auf den sicheren Standardweg zu bringen.

Mit den Jahren fiel diese fast ehrfürchtige Beziehung mehr und mehr in sich zusammen – insbesondere in der Chemie: Sie schreiben die Nernstsche Gleichung einmal mit Minus und einmal mit Pluszeichen – aha. Und hier schreiben sie „wie man leicht sieht“ – die Schülerinnen und Schüler sehen es aber so gar nicht. Und was soll dieser Begriff schon an dieser Stelle? Und dann waren es gerade diese Stunden, in denen Schülerinnen und Schüler das Buch hinterfragten, die fachlich den höchsten Ertrag zu bringen schienen. Ich lernte in den Jahren auch Buchautoren kennen. Die Ehrfurcht wich ganz schnell einer pragmatischen Haltung je mehr Schraubenschlüssel ich selbst zurechtschliff. Dabei gab es auch einmal blutige Finger oder einen verbrannten Pulli. Die Arbeit mit der Flex birgt auch Risiken. Aber das nächste Werkzeug wurde dann eben besser. Der dazu notwendige „Arsch in der Hose“ muss sich aber entwickeln – er ist nicht von vornherein da. Genau an dieser Stelle halte ich Schulbücher für wichtig.

Dazu kamen dann noch die curricularen und didaktischen Stürme: Welcher Verlag konnte oder sollte da noch hinterherkommen? Die Lücke zwischen dem sehr dynamischen Curriculum und dem verhältnismäßig statischen Schulbuch scheint immer größer zu werden.

Randnotiz: Ich und die Verlage

Es gibt hier im Blog eine ganze Serie zum Thema „Riecken und die Verlage“ bzw. mittlerweile auch einige Startups. Daher nur eine Randnotiz: Eigentlich weiß ich viel wenig über die internen Strukturen in Verlagen. Das kommt vielleicht noch – ansonsten ist diese Webseite mittlerweile an vielen neuralgischen Stelle ja lehrbuchähnlich. Ich habe in den Jahre durch zahlreiche „Angebote“ gelernt, Produzenten von Inhalten Hochachtung zu zollen unter solchen Bedingungen überhaupt noch etwas mit Hand und Fuß zu produzieren. Sollte es mich wirklich noch einmal überkommen, schriebe ich ein Lehrbuch online und bäte um Spenden für meine Arbeit – quasi das Körbchen am Ausgang nach dem Konzert. Wahrscheinlich käme da mehr zusammen als bei einer Veröffentlichung über die üblichen Distributionswege.

Fazit

Für meine Fächer bin ich ein ganz schlechter Kunde für Schulbuchverlage. Schulbücher setze ich kaum im Unterricht ein. An deren Stelle treten strukturierte Aufzeichnungen in zunehmend auch digitaler Form, die den Lernstoff für alle Beteiligten zugänglich machen.

Für die Unterrichtsvorbereitung als Impulsgeber und in Fällen, wo ich z.B. ein neues Fach unterrichten muss, bieten mir Schulbücher zunächst eine sichere Burg, bis ich die Gegend hinreichend erforscht habe und die jeweilige didaktische Flex halten kann. Ansonsten hat zum Prozess der Unterrichtsvorbereitung mein Bloggerkollege Andreas Kalt eigentlich alles Wesentliche gesagt.

Blogparade: Lehrer von morgen heute denken.

Dejan Mihajlovic ruft zu einer Blogparade zum Profil kommender Lehrkräfte auf. Ich versuche, das mal auf fünf Punkte einzudampfen. Die Lehrkraft von morgen

  • verfügt über profundes, vernetztes und stets hinterfragtes Fachwissen und steht damit über dem Stoff, den sie vermittelt.
  • ist in der Lage, Schulentwicklung über die Bedürfnisse der eigenen Person hinaus mitzugestalten oder mitzutragen.
  • ist in der Lage, eigene Denk- und Unterrichtsstrukturen zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.
  • erkennt den Wert explorativen und experimentierfreudigen Verhaltens und nimmt das nicht als Belastung wahr.
  • stelllt sich immer wieder der Rückmeldung anderer Menschen, mit denen es in einem Team arbeitet.

Ich glaube, das reicht dann auch schon. Es zeigt aber auch den Kern der Problematik:

  1. Wie wähle ich Lehrpersonen dann aus?
  2. Welche dieser Eigenschaften sind vermittelbar und welche nicht?
  3. Wer vermittelt wie?
  4. Ist das dahinterstehende Menschenbild realistisch?

Blogparade: Es war einmal die Lernlust | Bob Blume

Bob Blume ruft zu einer Blogparade auf. Dabei geht es um Persönliches. Darüber schreibe ich eigentlich ja nicht im Netz, obwohl ich auf Veranstaltungen durchaus viel Persönliches erzähle. Der der Aufgabe besteht also darin, distanziert zu bleiben und trotzdem etwas preiszugeben.

Ich hatte Angst. Vor jeder Sportstunde. Vor jeder Englischstunde. Vor jeder Geschichtsstunde. Unangekündigte Vokabeltest, die nie Vokabeln abfragten, sondern immer ganze, teilweise sehr komplexe Wendungen. Die grünen Englischarbeitshefte unter dem Arm, ohne dass irgendwann irgendwie ein Hinweis fiel, dass an diesem Tag eine Arbeit geschrieben werden würde.  Aus der Quinta kommend, gaben mir die Noten dieses Lehrers fast den Rest. Versetzung gefährdet. Nachhilfe bei älteren Schülerinnen. In Geschichte ähnlich. In Sport: Riegen: „Riege 1 spielt gegen Riege 2!“ „Oha, in Riege 1 schafft jetzt jeder einen Aufschwung. Erzählt mal den anderen, was ihr gemacht habt!“ Doppelkopf in einer Jugendherberge auf Sylt gelernt. Uns selbst ein Geländespiel auf der großen Wanderdüne ausdecken müssen. Bei 2 Meter Brandung gebadet. Um die Südspitze von Sylt gelaufen. „Er kündigt die Arbeiten und Tests nicht an, weil er möchte, dass ihr auf jede Stunde vorbereitet seid. Er möchte nicht, dass Kinder einen Vorteil haben, die von zu Hause aus Unterstützung erfahren – daher macht er das!“, berichtete meine Mutter nach dem Elternsprechtag. Ich hatte Ende der achten Klasse eine Drei in Englisch. Ich musste für dieses Fach nie wieder etwas tun und bin nie unter einem Ausreichend nach Hause gegangen.

Nach heutigen Maßstäben hätte ich mehrmals tot sein und psychische Schäden davontragen müssen. Unerbittlich herkunftsunabhängig gerechte, leitende, fordernde Menschen wie er ebneten mir als erstem aus unserer Familie den Weg an die Uni. Das Riegensystem: Sprachlich-militärisch, im Kern maximales kooperatives Lernen. Jede Riege war fair zusammengesetzt aus Menschen mit sportlichen Stärken und Schwächen. Es ging ums Gewinnen. Gewinnen als geschlechtsübergreifendes Mannschaftserlebnis. Das Geländespiel als selbstbestimmte, gruppendynamische Übung würde heute mit komplett prototypisch kompetenzbeseiert verzückter Sprache bejubelt. Diese Drei in Englisch war eigentlich eine Eins (ein Mädchen hatte eine Zwei bekommen). Es war emotional eine schwierige Zeit. Aber wir alle lernten das Denken bei ihm.

Ich denke heute mit Lust an seine Stunden zurück. Die Angst ist nicht mehr die prägende Erinnerung.

Es gab ein Klausur zurück. Französische Revolution. Rede von Robbespierre oder war es Montesquieu? (Ancien Régime). Er tobte. Innerlich. Er las uns die Rede vor und ersetzte in erster Lesung das Wort „Nationalversammlung“ durch „NSDAP“, in zweiter Lesung war es die „Volkskammer der DDR“. Eindrücklichste Besprechung einer Klausur. Betroffenheit im Kurs. Es hatte kaum einer das wahre Gesicht der Rede erkannt. Angst. Ich vielleicht auch nicht? „Auf das Schärfste zu verurteilen“ stand in meinem Fazit in der Klausur. 12 Punkte. In der Oberstufe lief es bei mir eigentlich. Ich musste nie etwas tun. In Geschichte habe ich es nie mehr auf diese Punktzahl gebracht, im Abitur in der mündlichen Prüfung habe ich mich ohne Vorbereitung auf 7 Punkte gelabert. Ich hatte ein Fundament – von wem wohl? Der Oberstufenlehrer wurde einmal richtig ausfallend. Wir fragten um Erlaubnis, auf eine Demonstration gehen zu dürfen. „Haben Sie sie noch alle? Wenn Sie für Ihre Rechte auf die Straße gehen, dann tragen Sie halt die schulischen Konsequenzen! Wie naiv muss man denn sein, zu glauben, dass der Kampf für Rechte konsequenzenlos bleibt!“

Wir sind gegangen. Wie begossene Pudel. Sehr viel Schweigen auf der Hinfahrt.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ Was mich ich da wohl geritten hatte. Er war mein Philosophieprofessor. Seminar zum us-amerikanischen Transzendentalismus (Ralph Waldo Emerson z.B.). Aber an dem Abend war in der Kneipe sonst kein Platz mehr frei und ich hatte Hunger und konnte ja nicht im Stehen essen. „Junger Mann, viele meiner Kolleginnen und Kollegen glauben, Philosophie sei ein Selbstzweck, selbstreferentielle Wissenschaft. Ich sage: Die Philosophie steht in der Verantwortung nachzuweisen, dass sie der Gesellschaft, von der sie bezahlt wird, wirklich etwas nützt. Ein Philosoph darf nicht hoffen, irgendwie an der Universität unterzukommen. Er muss sich aktiv um eine Stellung bemühen!“ Man kann sich denken, dass er in seiner Fakultät nicht so viele Freunde hatte. Aber eine Menge konkreter Umsetzungsideen zu seiner eigenen Forderung (Heute darf man ja auch fordern ohne eine Idee zur Umsetzung zu haben). Schließlich übernahm er nach fast zwei Stunden Gespräch meine Rechnung.

Es war ein bis heute prägender Abend.

Alles Erlebnisse sind aus heutiger Sicht streitbar und inhaltlich, verklärt durch eine zur jeweiligen Zeit nicht vollkommen durchreflektierte Haltung. Sie sind zudem nur ein Auszug aus allem Erlebten. Schule und Uni speisen mich als Persönlichkeit gegenüber anderen Faktoren eigentlich vernachlässigbar gering. Genau diese Spannung, die Schwebe, diese Ambivalenz der Empfindungen ist das, was für mich heute die Lust am Lernen ausmacht.

Wenn ich mich mit LDAP-Protokollen herumquäle, zeigen mir die engagierten Anwender natürlich kollektiv den Vogel. Aber genau das (den Vogel gezeigt bekommen)  macht mir Spaß. „Bei Riecken muss man im Aufsatz mindestens einmal ‚Ambivalenz‘ schreiben und immer Entwicklungen aufzeigen!“ Ich wehre mich innerlich gegen solche Stereotype. Aber eigentlich stimmt dieser.

Wenn ich mein Schüler wäre, nähme ich mich als Lehrer total ambivalent wahr. Konsequenz und Gesumpfe eng beieinander. Viel Spannung entsteht aber dadurch, dass es mir zunehmend schwerer fällt, Haltungen und Handlungen in eine Zahl zu pressen.

Blogparade „Versager im Staatsdienst“

Bob Blume ruft zu einer Blogparade „Versager im Staatsdienst“ auf. Ich beteilige mich aus meiner Sicht als Vater, ehemaliger Personalrat, medienpädagischer Berater und Blogger daran, der gerade gefordert hat, dass Lehrerblogs sich mehr aufeinander beziehen sollten – also eigentlich ist meine Teilnahme alternativlos. Ich habe bewusst vorher keinen der andere Artikel der Parade gelesen.

A) Gibt es an deutschen Schulen generell zu viele schlechte Lehrer?

Eine Antwort aus meinem sehr begrenzten Kontext wäre vermessen. Ich kenne bis jetzt zwei „deutsche Schulen“ aus der Sicht eines Arbeitnehmers und eine ganze Zahl an Kollegien aus der Sicht eines Beraters. Ich denke, dass in jedem Kollegium (Amt, jeder Firma, jedem Verein usw.) Menschen arbeiten, die ihren Job nicht gut machen. Vor einer Quantifizierung müsste man zunächst Kriterien haben, was denn nun genau ein „Versager im Staatsdienst“ ist, was mich zur zweiten Frage bringt:

B) Woran erkennt man, ob ein Lehrer seinem Job nicht gerecht wird?

Es gibt natürlich eine Menge „harte Fakten“: Sind Unterrichtsdokumentationen formal ausgefüllt (Klassen- und Kursbuch)? Wie sieht die Korrektur einer schriftlichen Arbeit aus? An wie vielen Fortbildungen nimmt eine Lehrkraft teil? Werden Terminvorgaben z.B. innerhalb der Prüfungskommission einer Abiturprüfung eingehalten? Erscheint eine Lehrkraft pünktlich zum Dienst (und zur jeweiligen Unterrichtsstunde)? Sind Schülerinnen und Schüler während der Unterrichtszeit angemessen beaufsichtigt? Werden Pausenaufsichten wahrgenommen? Werden Noten termingerecht eingetragen? usw.. Natürlich muss es hier um einen Gesamteindruck gehen, denn jeder wird an dieser oder jener Stelle mal schlurren.

Viel entscheidender wären für mich als Schulleiter die „weichen Fakten“, an die schwer heranzukommen ist, wenn kaum Zeit für Dinge wie z.B. Mitarbeitergespräche bleibt. Zentrale Fragen dabei sind für mich: Was tut eine Lehrkraft konkret für die Entwicklung ihres aus meiner Sicht wichtigsten Instruments: Ihrer Persönlichkeit? Was tut eine Lehrkraft konkret für die Entwicklung der Schule?

Ein Indiz für Defizite in diesem Bereich kann z.B. unkollegiales Verhalten sein – etwa wenn Beschlüsse des gesamten Kollegiums von einzelnen Personen „aufgeweicht“ werden, wenn Kollegen über andere Kollegen vor Schülerinnen und Schülern herziehen, wenn Kollegen sich prinzipiell pädagogisch sinnvollen Veränderungen verweigern etc. . Ein weiteres Indiz für eine nicht mehr tragbare Lehrkraft ist z.B. ihr eingeschränkter Unterrichtseinsatz, wenn sie z.B. nicht länger als ein Jahr in der gleichen Lerngruppe eingesetzt werden kann. Diese „Maßnahme“ hat ja immer ihre Ursachen und ihre Geschichte.

C) Wie sollte man mit solchen Lehrern verfahren (dürfen)?

Es sollte eine mit den Personalvertretungen abgestimmte Dienstvereinbarung mit einer festen Eskalationskette geben, an deren Ende die Entfernung aus dem Staatsdienst steht. Eine Versetzung löst kein Problem. Modellhaft gab oder gibt es es sowas in Niedersachsen bereits für das Thema „Umgang mit Sucht bei Beschäftigten im Schuldienst“ – so ganz werde ich da aus meinen Rechercheergebnissen nicht schlau. Ein derartiges rechtliches Konstrukt mit einer Kombination aus Hilfsangeboten und Sanktionen halte ich für möglich.

D) Welchen Anteil hat das Lehramtsstudium?

Den Umgang mit Menschen lernt man im Umgang mit Menschen. Wer Menschen erst im Referendariat sieht, bekommt ein Problem. Das Studium kann sich praxisnäher ausrichten. Das Interesse an Menschen halte ich nicht für induzierbar. Da ist auch Eigeninitiative gefordert, die aber mit der zunehmenden Verschulung gerade des Gymnasiallehrerstudiums immer weniger von Studenten zu leisten ist.

Die 18jährige Übungsleiterin der Handball-F-Jugend weiß mehr z.B. über Menschen mehr als so mancher Orientierungspraktikant. Wenn letzterer sich dann noch weigert, wenigstens eine Unterrichtsphase in meiner Begleitung zu gestalten („Ich muss das nicht!“), stelle ich hinterher schonmal die eine oder andere gemeine Frage. Es gibt auch schon im Studium Versager und solche, die es später als Lehrer werden wollen.

E) Was sollte verändert/ verbessert werden?

Ich wäre nicht einfacher Lehrer, sondern reich und berühmt, wenn ich das wüsste. Ich würde aber bei der Qualifizierung von Schulleitungen und der Persönlichkeitsentwicklung von Lehrkräften anfangen, z.B. durch kompetente Supervision, die teuer ist. Alternativ könnte man bis zum Breakdown warten und von vorne anfangen. Aber der Patient ist zäh :o)…

F) Sollten die Schulen die Lehrer selbst aussuchen dürfen?

Ja und nein. Eine Schule in einer attraktiven Region wird mehr Bewerberinnen und Bewerber anziehen als eine auf dem Lande, wo eh niemand hinmöchte, aber eben auch Kinder leben. Klar kann sich eine ländliche Schule durch attraktive Konzepte sexy machen. Dafür braucht es aber engagierte Kolleginnen und Kollegen, womit sich die Katze in den Schwanz beißt. Aus Sicht einer Großstadtschule also ein klares Ja.

G) Sollte der Beamtenstatus abgeschafft werden?

Alle meine Aufgaben werden bereits von angestellten Lehrkräften wahrgenommen, deren BMI oder sonstwas nicht passt (Ich stelle mir gerade einen Streik zur Zeit der Abiturprüfungen vor). Ob die Verbeamtung das Hauptproblem ist, weiß ich nicht. Ob es es ohne die Verbeamtung ausreichend qualifizierten Nachwuchs geben wird, weiß ich nicht. Ich weiß zurzeit nicht einmal, ob es mit Verbeamtung ausreichend qualifizierten Nachwuchs geben wird. Es gibt aber Leute, die das eigentlich wissen müssten. Und es gibt immer Schulen, bei denen alles auch ohne Verbeamtung klappt. Wie viele davon gibt es nochmal in einem Flächenland in der Fläche?

H) Sollte es eine Art „Belohnungssystem“ wie in der freien Wirtschaft geben?

Das Belohungssystem gibt es: Freude am Beruf.  Kann man in Geld messen. Muss man aber nicht. Schule ist kein Wirtschaftsunternehmen, obwohl es die Wirtschaft gerne so hätte, sondern im Idealfall ein soziales System. Ob Geld bessere Lehrer macht? Idealistisch-naiv. Ich weiß.

I) Woran gehen die Kollegen denn kaputt?

An der Dissoziation zwischen Wollen und Können. Das findet immer auch in einem Umfeld statt, welches nach meiner Ansicht diese Dissoziation zunehmend begünstigt.

J) Wie entstehen die 30% Lehrer, die laut Schaarschmidt quasi dissoziiert sind?

Das wäre ein eigener Artikel. Die Ursachen sind sehr multidimensional. Ich kenne aber ehemals „dissoziierte“ Lehrkräfte, die durch externe Hilfsangebote heute zu den verlässlichsten Kollegen gehören.

Dazu auch:

Wie motiviert man Unmotivierte?

Walter Böhme fragt: „Wie motiviert man Unmotivierte?“ und lädt zu einer Blogparade ein. Zu Blogparaden bin ich selbst meistens gar nicht motiviert, weil das ja quasi eine „externe Auftragsarbeit“ darstellt, was im völligen Widerspruch zu meinem Treiben auf dieser Website steht.

Dieses Blog dient hauptsächlich dem Festhalten von Erfahrungen und Inhalten für mich selbst – mittlerweile bestreite ich einen Großteil meiner Unterrichtsstunden mit den Artikeln aus meinem Blog: „Maik, da war doch schonmal was!“ – Suche angeworfen und los geht es. Die Artikel sind natürlich so aufgemacht, dass sie ein breiteres Publikum erreichen – viel Mühe kostet das vom Schreibaufwand her für mich eigentlich nicht, weil ich wahrscheinlich aufgrund meines Lebensweges Fähigkeiten mitbringe, die zugebenermaßen auch mit viel Mühe, Arbeit und Übung erworben worden sind. Dass mir daraus ein Nutzen entsteht, wusste ich in einigen Phasen noch nicht – ich habe sogar zeitweise das Schreiben gehasst.

Der Gewinn ist für mich heute aber riesig, weil es so stets zu interessanten Kontakten und Diskussionen gekommen ist, teilweise auch zur Aufdeckung von groben Schnitzern, die sich unkorrigiert und unkommentiert vielleicht über Jahre in meinem Unterricht verfestigt hätten – mit entsprechenden Auswirkungen für die Schülerinnen und Schüler. Die Motivation, meine Gedanken öffentlich zu machen, ist also die erhöhte Effizienz, die mit Pappordnern und DINA4-Zetteln, meinetwegen auch Evernotesammlungen für mich nicht erzielen lässt – also ein im Grunde egoistisches Motiv.

Dieses Blog stiftet also für mich einen persönlichen Sinn, der mich auch Handlungen ausführen lässt, zu denen ich bei einer oberflächlichen Abwägung nicht bereit wäre, z.B. die Teilnahme an dieser Blogparade.

Was oder wer hat mich nun dazu gebracht in diesem Sinne „motiviert zu sein“?

  1. Sinn für mich selbst
  2. Die Rezeption meiner Gedanken durch andere Menschen
  3. Die Reaktion anderen Menschen auf meine Gedanken
  4. Eine innere Haltung, die Entwicklungswilligkeit mit einschließt (das wird aber allmählich erkennbar weniger…)
  5. Fähigkeiten, die nicht nur lustbetont erworben wurden und sich jetzt als nützlich herausstellen
  6. Bildungsnahe Kontexte, die von Wertschätzung aber auch Wertungen geprägt waren und so Orientierung gaben

Das funktioniert für mich so ganz gut. Für ein Gegenüber muss das so nicht gelten. Ohne entsprechendes soziales Umfeld werden z.B. Haltungen, Fähigkeiten und persönlicher Sinn andere Ausprägungen erhalten. Das ist eine der Herausforderungen unseres Bildungssystems: Die Herkunft bestimmt meist den Lebenserfolg, nicht das Bildungssystem.

Schule stört da auf den ersten Blick, weil sie Inhalte vorgibt, bei denen viele Menschen wenig Sinn sehen. Ein Ausweg ist vielleicht die stärkere Fokussierung auf die Interessen der Lernenden, also das selbstgesteuerte Lernen. Ich sage „vielleicht“, weil ich viele Menschen im wahrsten Sinne des Wortes als „verrückt“ wahrnehme: Ver-rückt, also weggerückt von den eigenen Interessen und überfremdet von teilweise auch medial eingeredeten Interessen.

Ein Schlüssel zu Generierung von Motivation ist für mich daher die Klärung der Frage: „Was interessiert dich eigentlich? Worin siehst du für dich Sinn?“ – Die Beantwortung erlebe ich oft oft als ein ganz schönes Stück Arbeit. Die Antwort für mich habe ich übrigens nicht in der Schule gefunden. Die Antwort ist aber  für mich die Basis, auch Mühe, Arbeit und Biss aufzuwenden.

Gerade in der Schule geht genau das momentan noch nicht so gut. Genaugenommen geht es eigentlich grundsätzlich nicht, wenn andere Menschen in dem, was sie lernen „sollen“ keinen Sinn sehen. Wo es immer möglich ist, versuche ich daher Transparenz darüber zu schaffen, warum genau dieser Stoff jetzt wichtig und sinnvoll ist oder warum ich methodisch jetzt so oder so vorgehe – es gibt ganz schon selten Lerngruppen, bei denen das teilweise gelingt, bei denen mittlerweile fragen kann: „Wie könnte es jetzt sinnvoll im Unterricht weitergehen?“

Etwas konkreter: Es gibt z.B. sehr viele Parallelen zwischen meinen beiden Fächern Deutsch und Chemie. Wenn ich SuS eine Vorgangsbeschreibung für ein Experiment vorlege, geht immer eine Menge schief. Das was man man daran auf die Vorgangsbeschreibung schieben kann, lässt sich im Rahmen von Deutsch bearbeiten. Jemand, der gerne experimentiert, sieht so vielleicht einen Sinn in einer Vorgangsbeschreibung, spätestens dann wenn er im Rahmen eines Projektes Experimente für Dritte vorbereitet. Das im Idealfall interessengeleitete Projekt hängt dann u.U. auch von einer blöden Textform ab.

Die Frage lautet ja völlig richtig: Wie motiviert man Unmotivierte? Die eigentliche Bedeutung von „man“ (= jeder beliebige Mensch) ist im Deutschen durch Feminismusdebatten etwas überlagert, im Englischen z.B. in „mankind“ noch voll erhalten. Ich kann im Rahmen meiner Möglichkeiten nur einen Beitrag dazu leisten „Unmotivierte zu motivieren“. Die Aufgabe liegt aber m.E. bei „man“ in der ursprünglichen Bedeutung, was auch den „Unmotivierten“ selbst einschließt.

Persönlichkeitsbildung ist dabei ein wichtiger Schlüssel, aber gerade unter Lehrkräften bei sich selbst oft geradezu verpönt, oder?