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Das Ich als Marke im Netz – Unterrichtsideen zur Netzidentität

Überblick

Klas­sen­stu­fe: ab Klas­se 9
Fächer: Poli­tik, Reli­gi­on, Wer­te und Nor­men
Zeit­be­darf: je Übung ca. 45 Minu­ten
tech­ni­sche Aus­stat­tung: Smart­pho­nes, ggf. WLAN, PC-Raum
Auf­wand: mit­tel
fach­li­che Kom­pe­ten­zen: Iden­ti­tät als Kon­zept demo­kra­ti­scher Gesell­schaf­ten
all­ge­mei­ne Kom­pe­ten­zen und Medi­en­kom­pe­tenz: Inter­net­re­cher­che, Umgang mit Quel­len

Das Ich als Marke im Netz –

wie und war­um wir das Bild, wel­ches im Inter­net von uns ent­steht aus­ge­stal­ten und nicht igno­rie­ren soll­ten

Nahe­zu jeder von uns ist im Inter­net prä­sent, auch die­je­ni­gen, die sich den digi­ta­len Medi­en ver­wei­gern. Der wohl bekann­tes­te Mes­sen­ger Whats­App teilt bei der Erst­an­mel­dung die loka­le Tele­fon­lis­te des jewei­li­gen Han­dys mit den Ser­vern von Face­book. Schü­ler schrei­ben auf Bewer­tungs­por­ta­len Rück­mel­dun­gen zu Lehr­kräf­ten und neh­men kei­ne Rück­sicht dar­auf, ob die­se Lehr­kraft sei­ne Arbeits­blät­ter noch im Matri­zen­ver­fah­ren erstellt, um sich aus dem Inter­net her­aus­zu­hal­ten. Wir beglei­chen Rech­nun­gen mit elek­tro­ni­schen Zah­lungs­mit­teln, nut­zen Rabatt­kar­ten oder sind Mit­glied im ADAC – über jeden von uns sind Daten im Umlauf, die etwas über uns erzäh­len, ob wir wol­len oder nicht.

Kris­ti­an Köhn­topp, Mit­be­grün­der der Pro­gram­mier­spra­che PHP, ehe­ma­li­ger Secu­ri­ty­spe­zia­list bei web.de, ehe­ma­li­ger Betreu­er der Daten­bank­ser­ver von bookings.com, momen­tan ange­stellt bei Sys­e­le­ven beschreibt sei­ne Reak­ti­on auf die­se Umstän­de im Jah­re 2009 fol­gen­der­ma­ßen:

Was ich mit mei­nem Blog und allen mei­nen ande­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen mache, ist eine Mar­ke ‚Kris­ti­an Köhn­topp‘ zu bau­en. Es ist unver­meid­lich, daß ich unter mei­nem Namen eine Daten­spur in die­ser Welt hin­ter­las­se – ich brau­che nicht anzu­tre­ten um zu ver­su­chen, die­se zu ver­ste­cken.

Was ich aber tun kann ist zu ver­su­chen, die­se Spur zu ownen, also die Inhal­te die eine Suche nach mei­nem Namen zu Tage för­dert mehr oder weni­ger zu kon­trol­lie­ren und das Image zu bestim­men, daß durch die Suche nach mei­nem Namen pro­du­ziert wird. Das ist natür­lich nichts ande­res als klas­si­sches Mar­ke­ting auf mich als Pri­vat­per­son und mei­nen Daten­schat­ten über­tra­gen. Damit wird natür­lich jede Akti­on von mir im Netz zu einer Publi­ka­ti­on, die auf mein Image und mei­ne Mar­ke wirkt und sie ent­we­der auf­baut, beschä­digt oder ver­än­dert.

Ich den­ke auch, daß ist den Digi­tal Nati­ves unter uns klar und das ist ein gutes Teil des­sen, was uns von den Digi­tal Immi­grants unter­schei­det: Wir wis­sen das, wir haben das akzep­tiert und wir leben das. Wir sind im Netz zu glei­chen Tei­len Per­son, Pro­jek­ti­on und Publi­ka­ti­on – kein authen­ti­sches Gesamt-Kunst­werk.

Bezeich­nen­der­wei­se steht der Ori­gi­nal­ar­ti­kel gar nicht mehr zur Ver­fü­gung, son­dern ist nur noch über spe­zi­el­le Such­ma­schi­nen wie Way­Back­Ma­chi­ne zu fin­den, die Moment­auf­nah­men von Web­sei­ten erstel­len. Als ich Herr Köhn­topp auf Goog­le+ (auch bereits Geschich­te) um die Erlaub­nis zur Ver­wen­dung des Tex­tes bat, hat­te er nichts dage­gen, war aber ver­wun­dert, dass so ein alter Text noch zum Aus­gangs­punkt einer Unter­richts­ein­heit wer­den soll­te und dass der Text immer noch Teil sei­ner Daten­spur war.

Kern sei­ner Bot­schaft:
Es gibt nur weni­ge Daten, bei denen wir bestim­men kön­nen, in wel­chem Umfang sie ins Netz gelan­gen, weil es Drit­te sind, die z.B. durch die schlich­te Wahl eines Mes­sen­gers die­se zu einem Anbie­ter über­tra­gen. Wenn wir im Netz nicht ganz bewusst eine eige­ne Iden­ti­tät auf­bau­en und kul­ti­vie­ren, wer­den es Daten von Drit­ten sein, die unser Bild für ande­re in der Öffent­lich­keit bestim­men.

Wenn unse­re inter­net­scheue, matri­zen­pro­du­zie­ren­de Lehr­kraft also allein auf die leicht auf­find­ba­re die Bewer­tung bei spickmich.de redu­ziert bleibt, ist das ein wirk­lich­keits­ver­zer­ren­der Umstand.

Gleich­zei­tig ist es aber eine Rea­li­tät mit einer gesell­schaft­li­chen Dimen­si­on – sol­len wir als Bür­ger die­ses Staa­tes nun alle gezwun­gen sein, uns und unser Bild im Inter­net zu ver­mark­ten, um einer Bewer­tung durch Algo­rith­men „zuvor­zu­kom­men“? Und ist das über­haupt mög­lich?

Eine sol­ches The­men­ge­biet mit sei­nem hohen Abs­trak­ti­ons­grad ist unter­richt­lich nur ab Klas­sen­stu­fe 9 sinn­voll auf­ge­ho­ben.

Im wei­te­ren Ver­lauf des Tex­tes wer­de ich kei­ne fer­ti­gen Koch­re­zep­te für eine Unter­richts­ein­heit, son­dern eini­ge weni­ge Ide­en und Fra­ge­stel­lun­gen für zum Wei­ter­den­ken prä­sen­tie­ren, die es ermög­li­chen sol­len, dass sich Schü­le­rin­nen und Schü­ler die­ser Pro­ble­ma­tik öff­nen. Ich habe der­ar­ti­ge Ide­en an mei­ner Schu­le in Ver­tre­tungs­stun­den umge­setz, wenn kei­ne Auf­ga­be vom feh­len­den Fach­leh­rer hin­ter­legt wor­den ist.

Idee 1 – Was macht fremdbestimmte Wahrnehmung mit uns?

Die­se Übung ver­mit­telt eine Idee davon, wie Algo­rith­mik im Netz in Ansät­zen(!) funk­tio­niert: Auf­grund bestimm­ter Merk­ma­le wer­den all­ge­mein­gül­ti­ge Aus­sa­gen über ein Indi­vi­du­um auf Basis von Wahr­schein­lich­kei­ten berech­net. Die Daten­sät­ze wer­den umso treff­si­che­rer sein, je mehr Daten zur Berech­nung hin­zu­ge­zo­gen wer­den kön­nen. Der Rück­kop­pe­lungs­ka­nals eines Ple­nums fehlt im Netz.

Mate­ri­al für jedes Lern­grup­pen­mit­glied:

  • DINA3-Ton­kar­ton
  • Eddings
  • 10 DINA4-Ton­kar­ton­bö­gen beschrif­tet mit Pro­zent­an­ga­ben in 10er-Schrit­ten (0% – 10% …)

ggf. Foto­ka­me­ra, Tablet oder Han­dy mit Foto­funk­ti­on

Auf­ga­be:
Jedes Lern­grup­pen­mit­glied setzt fol­gen­de Auf­ga­ben auf sei­nem DINA3-Ton­kar­ton um. Es darf nicht der eige­ne Name auf­tau­chen. Im gesam­ten Spiel­ver­lauf darf nicht preis­ge­ge­ben wer­den, wel­cher DINA3-Bogen von wem stammt. Maxi­mal steht eine Zeit von 10 Minu­ten zur Ver­fü­gung.

  1. Male eine Son­ne
  2. Gestal­te das Wort „Lie­be“
  3. Zeich­ne ein kom­ple­xes geo­me­tri­sches Mus­ter
  4. Notie­re die größ­te dir bekann­te Prim­zahl
  5. Notie­re die Zeit in Minu­ten, die du zur Lösung der ers­ten vier Auf­ga­ben benö­tigt hast

Aus­wer­tung:
In einem leer­ge­räum­ten Raum wird mit den 10 DINA4-Bögen eine Ska­la von 0–100% auf dem Boden aus­ge­legt. Die Ton­pa­pier­bö­gen der ein­zel­nen Lern­grup­pen­mit­glie­der wer­den gut gemischt.

Die Mäd­chen der Lern­grup­pe ord­nen nun die ein­zel­nen DINA3-Bögen auf der Ska­la im Raum nach einen gege­be­nen Kri­te­ri­um an. Mög­li­che Kri­te­ri­en könn­ten sein: „weib­lich, flei­ßig, Kopf­mensch, tech­nisch begabt, zuver­läs­sig, effi­zi­ent“.

Bsp. Für das Kri­te­ri­um „weib­lich“:
Die Mäd­chen legen jeden ein­zel­nen DINA3-Bogen an einen ihnen geeig­net erschei­nen­den Ort auf die Ska­la „Die­ser Bogen stammt 80%ig von einem Mäd­chen!“.

Die Jun­gen schau­en sich das Ergeb­nis an und kom­men­tie­ren ihre Ein­drü­cke, ver­mei­den jedoch, ihren eige­nen Bogen „offen­zu­le­gen“.

Danach kön­nen die Jun­gen ent­we­der eine eige­ne Ska­la zum glei­chen Kri­te­ri­um ent­wi­ckeln oder zu einem neu­en.

Jeder aus der Lern­grup­pe wird sich zeit­wei­lig unge­recht oder ste­reo­typ ein­ge­schätzt füh­len, gleich­wohl fin­det eine der­ar­ti­ge Kate­go­ri­sie­rung im Netz in Abhän­gig­keit von der jewei­li­gen Selbst­dar­stel­lung stän­dig statt.

Idee zur Wei­ter­ar­beit:
Man könn­te im Com­pu­ter­raum oder mit Mobil­ge­rä­ten Face­book­pro­fi­le oder You­Tube-Chan­nels dar­auf­hin über­prü­fen, inwie­weit eine posi­ti­ve Selbst­dar­stel­lung der Urhe­ber gelun­gen ist (Likes, Kom­men­ta­re) oder nicht und ggf. Kri­te­ri­en ermit­teln / ent­wi­ckeln.

Idee 2 – Eine fremde Person vorstellen

Die­se Übung ver­mit­telt eine Idee davon, was Netz­iden­ti­tät bedeu­tet. Ich füh­re sie ger­ne in Kon­tex­ten durch, in denen ich nicht bekannt bin, d.h. ich las­se z.B. die Zuhö­rer bei einem Vor­trag mei­ne Per­son auf Basis der Daten beschrei­ben, die sie inner­halb von fünf Minu­ten mit ihrem Smart­pho­ne über mich gewin­nen kön­nen. Die Übung eig­net sich für Ver­tre­tungs­stun­den in mir unbe­kann­ten Lern­grup­pen. Dabei bie­tet sich die Grup­pen­ar­beit als Sozi­al­form an.

Mate­ri­al:

  • Smart­pho­nes (eige­ne Gerä­te der SuS) mit Inter­net­zu­gang (Pro­vi­der oder WLAN der Schu­le).
  • Lis­te mit Namen, von denen Steck­brie­fe erstellt wer­den sol­len (z.B. Bet­ti­na Wulff, Sascha Lobo, Phil­ip­pe Wampf­ler, ggf. poli­ti­sche Per­sön­lich­kei­ten aus der Schu­le / der Regi­on)
  • Ton­kar­ton, Eddings

Auf­ga­be:
Stellt die euch zuge­wie­se­ne Per­son nach Recher­che im Inter­net dem Ple­num vor. Was ist im Netz nicht über die Per­son auf­find­bar?

Aus­wer­tung:
Die Grup­pen stel­len ihre Per­so­nen vor. Nach Vor­stel­lung aller Per­so­nen kann die Recher­che mit einer Per­son aus dem nähe­ren Umfeld wie­der­holt wer­den. Dabei wird eine Dis­kre­panz zwi­schen der Dar­stel­lung der Per­son im Netz und dem Wis­sen der SuS über die Per­son durch per­sön­li­chen Kon­takt auf­fal­len. Die­ser Punkt kann dis­ku­tiert wer­den – mög­li­che Leit­fra­gen:

  • War­um stel­len sich Per­so­nen im Netz anders dar als „sie sind“?
  • Wel­che Infor­ma­tio­nen fin­det man von Pro­mi­nen­ten nicht im Netz und war­um?
  • Wie ver­läss­lich sind Selbst­dar­stel­lun­gen?
Idee 3 – Umgang mit Kinderfotos im Netz

Vie­le Erwach­se­ne, die für sich in Anspruch neh­men, kei­ne per­sön­li­chen Daten im Netz zu tei­len, ver­tei­len über sozia­le Netz­wer­ke oder Mes­sen­ger oft Fotos von ihren Klein­kin­dern im Netz. Auf You­tube wer­den unzäh­li­ge Fil­me geteilt, auf denen Klein­kin­der zu sehen sind, die in Zitro­nen bei­ßen oder denen Miss­ge­schi­cke gesche­hen.

Mate­ri­al:

Prä­sen­ta­ti­ons­sys­tem (Inter­ak­ti­ves White­board oder Bea­mer, jeweils mit Laut­spre­cher)

Durch­füh­rung:

  1. Zei­gen von Bei­spie­len (Fotos, Vide­os)
  2. Dis­kus­si­on: Wie stün­de ich dazu, wenn sol­che Medi­en­da­tei­en aus mei­ner Kind­heit im Umlauf wären?
  3. Tex­te von Häuss­ler / Wampf­ler (Web­links) arbeits­tei­lig erar­bei­ten, Argu­men­te von Häuss­ler und Wampf­ler her­aus­ar­bei­ten
  4. Erneu­te Dis­kus­si­on vor dem Hin­ter­grund der Mei­nung die­ser zwei netz­af­fi­nen Men­schen

Tenside: Wiederholungsstunde im Zeitalter des Internets

Um es vor­weg­zu­neh­men: Es gibt Hin­wei­se dar­auf, dass die in der Schu­le gelehr­te und in unzäh­li­gen Lehr­bü­chern dar­ge­stell­te Funk­ti­ons­wei­se von Ten­si­den wahr­schein­lich so nicht stimmt. Dum­mer­wei­se ste­hen in den Quel­len­an­ga­ben auch noch „unbe­deu­ten­de Namen“ wie das Max-Planck-Insti­tut oder das Jour­nal of the Ame­ri­can Che­mi­cal Socie­ty – von letz­te­rer Fach­zeit­schrift sind durch­aus nicht ein­fa­che Akzep­tanz­kri­te­ri­en für Arti­kel bekannt.

Es kann also gut sein, dass die fol­gen­de Auf­ga­be wie auch unge­zähl­te Che­mie­stun­den in deut­schen Klas­sen­zim­mern bald Maku­la­tur sein könn­ten. Aber da gibt es noch wei­te­re Bei­spie­le auf dem Prüf­stand (d‑Orbitale bei der Schwe­fel­säu­re)… Bei den Ten­si­den ist es eigent­lich scha­de – die Theo­rie ist so ein­leuch­tend und fügt sich her­vor­ra­gend in das Vor­wis­sen der SuS aus der Mit­tel­stu­fe ein.

Vor­wis­sen der SuS:

Die SuS wuss­ten bereits den grund­sätz­li­chen Auf­bau eines Sei­fen­an­ions, kann­ten sei­nen Her­stel­lungs­pro­zess mit Mecha­nis­mus (Ver­sei­fungs­re­ak­ti­on), wuss­ten, wie der Rei­ni­gungs­pro­zess grund­sätz­lich abläuft. Sie wuss­ten noch nichts über die Grenz­flä­chen­ak­ti­vi­tät von Sei­fen und den genaue­ren Ablauf des Disper­gie­rungs­pro­zes­ses, ins­be­son­de­re nichts über das „Zer­bre­chen“ der Schmutz­teil­chen durch die Absto­ßung der pola­ren Sei­fen­mo­le­kül­area­le.

Die Fil­me



Die Auf­ga­be

Die SuS soll­ten für jeden Film Aspek­te notie­ren, deren Dar­stel­lung sie für gelun­gen bzw. nicht so gelun­gen hiel­ten sowie zusätz­lich für sie neue Infor­ma­tio­nen stich­punkt­ar­tig her­aus­stel­len.

Erläu­te­rung

Jeder Film hat sei­ne Stär­ken und Schwä­chen. In zen­tra­len Punk­ten über­lap­pen sie sich inhalt­lich. Gera­de durch den unter­schied­li­chen Zugang zum Stoff habe ich mir eine Fes­ti­gung des bereits ein­ge­führ­ten Unter­richts­stof­fes erhofft. Die Fil­me durf­ten sich die SuS zwei­mal anschau­en: Ein­mal kon­su­ma­tiv zur Ori­en­tie­rung, ein­mal mit dem kon­kre­ten Arbeits­auf­trag. Vie­le che­mi­sche Zusam­men­hän­ge sind im zwei­ten Film übri­gens unkor­rekt zur bis­her noch gül­ti­gen Lehr­mei­nung bear­bei­tet, jedoch stellt er die his­to­ri­schen Gewin­nung von Sei­fen als ein­zi­ger in die­ser Brei­te dar. Der Ers­te setzt bei der Dar­stel­lung des Wasch­pro­zes­ses stark auf Makro­auf­nah­men, die 3d-Ani­ma­tio­nen des Letz­ten sind die aus­ge­reif­tes­ten.