Datenschutzformalia für Schulen in Niedersachsen

Ich habe einmal ein wenig recherchiert und zusammengetragen, was nach meiner Auffassung eine Schule an Papieren hier in Niedersachsen produzieren muss, um grundlegende Datenschutzauflagen zu erfüllen – die juristischen Kommentare zu den Vorschriften habe ich noch nicht alle gelesen:

1. Datenschutzbeauftragter

Ein Datenschutzbeauftragter muss benannt sein (§8a NDSG).

  1. Er muss nicht der Schule angehören
  2. Er muss über Sachkenntnis und Zuverlässigkeit verfügen
  3. Er darf durch die Bestellung keinem Interessenskonflikt ausgesetzt sein
  4. Er muss seine Arbeit jedermann verfügbar machen

Der Systemadministrator kann also nicht Datenschutzbeauftragter sein, da ein Interessenskonflikt besteht – schließlich müsste er sich selbst kontrollieren.

2. Verfahrenbeschreibungen

Jedes Verfahren, bei dem Daten Dritter in der Schule verarbeitet werden, bedarf einer Verfahrensbeschreibung gemäß §8 NDSG.

Typischerweise wird das in der Schule gelten für:

  1. Schülerverwaltungsprogramme (DANIS, Sibank …)
  2. Officeprogramme (Listen, Kollegiumsdaten etc.)
  3. Oberstufenverwaltung (Apollon)
  4. Stundenplanungprogramm (UNTIS etc.)
  5. Zeugnisprogramme (WinZEP etc.)
  6. usw. (hängt von den Verwaltungsstrukturen ab)

3. Verpflichtungserklärungen von Kolleginnen und Kollegen gemäß Erlass „Verarbeitung personenbezogener Daten auf privaten Informationstechnischen Systemen (IT Systemen) von Lehrkräften

Die Verpflichtungserklärung ERSETZT hier die sonst notwendige Verfahrensbeschreibung – schließlich ist das ja durch die Erlassvorgabe eine Rechtsnorm. Es ist NICHT notwendig Verfahrensbeschreibungen für jedes denkbare Verfahren auf einem privaten Gerät zu erstellen.

4. Verarbeitung personenbezogener Daten durch Dritte

Beispiele:

  • Lernstandserhebungen durch Verlage
  • durch Anbieter gehostete Lernplattformen
  • digitale Klassenbücher
  • etc.

Hier haben wir zwei Konstrukte:

a) Es gibt ein Vertragsverhältnis zwischen Schule und Anbieter. Dafür braucht man einen Vereinbarung zur Auftragsdatenverarbeitung. Zusätzlich ist eine Verfahrenbeschreibung     notwendig.

b) Es gibt nach wie vor ein Fürsorgeverhältnis zwischen Schule und Schülern bzw. Eltern. Wenn z.B. der Nachweis nicht erbracht werden kann, dass es erforderlich ist (und das ist lt. Schulgesetz z.Zt. juristisch fast immer wacklig), dass die Daten im Auftrag verarbeitet     werden, braucht man eine Einwilligungserklärung der Betroffenen.

Absolut unübersichtlich wird es, wenn der Verlag z.B. die Testsoftware zur Lernstandserhebung nicht selbst hostet, sondern sich wiederum bei einem Dienstleister eingemietet hat. Dann braucht man eine weitere Vereinbarung zur Aufragsdatenverarbeitung (Untervereinbarung) zwischen diesem Dienstleister, z.B. dem Rechenzentrumsbetreiber und dem Verlag, die auch dem LfD auf Anfrage vorgelegt werden muss.

5. Einwilligungserklärungen

Für ALLE Arten der Datenverarbeitung, die gemäß NSchG NICHT erforderlich sind.

  1. Verwendung von Fotos (Schulhomepage, Lehrerkalender, Notenverwaltung von Lehrkräften etc.)
  2. Weitergabe von Adressdaten (Telefon, E-Mail, Adresse) an z.B. den Klassenlehrer aber auch Eltern
  3. Verwendung von Schülerarbeiten bei jeder Art von Veröffentlichung
  4. Schulnetzwerk (Nutzungsvereinbarung, Aufklärung über Art um Umfang der Datenverarbeitung im pädagogischen Netz)
  5. WLAN-Nutzungsvereinbarung, wenn durch Lehrkräfte und/oder SuS genutzt
  6. Gibt es ggf. weitere Datenverarbeitungs- und Veröffentlichungsprozesse, die z.B. die Belange des Personals betreffen?
  7. [ … ]

Technischer Datenschutz

Wo stehen die IT-Systeme mit sensiblen Daten?
Wer hat Zugriff auf die Passwörter? Wie komplex sind die Passwörter? Wann werden sie ausgestauscht?
Was passiert bei Diebstahl oder Beschädigung der datenverarbeitenden Systeme?
Was passiert bei einem z.B. krankheitsbedingten Ausfall des Systemadministrators?
Wie kann ich den Auskunftsanspruch gem. §16 NSchG mit vertretbarem Aufwand in vertretbarem Zeitrahmen sicherstellen?

Tja. Diese Liste ist garantiert weder vollständig noch komplett korrekt. Es fehlen noch diverse Regelungen bezüglich des Urheberrechts, das gerne mal mit dem Datenschutz vermischt wird. Weiter informieren kann man sich auf dem Nibis anschauen.

Ich will das nicht weiter kommentieren, fände es aber schön, wenn:

  • das Schulgesetz verbindliche und konkrete Vorgaben darüber macht, welche Daten von SuS verarbeitet werden dürfen
  • weitere Verfahrensbeschreibungen durch den Dienstherrn erstellt würden
  • Mustertexte durch den Dienstherrn erstellt würden (Nutzungsordnung, Einwilligung in Verwendung von Fotos etc.)
  • allgemein der Dienstherr sich seiner Schulen im Rahmen der Fürsorgepflicht in Bezug auf den Datenschutz noch mehr annimmt, als er das jetzt schon tut (das war doch jetzt diplomatisch, oder?)

Größtenteils haben wir hier nämlich Formalismen. Die Curricula schreiben mehr und mehr die Nutzung digitaler Medien vor oder legen sie nahe. Dann muss die Rechtsordnung das auch ermöglichen und eine klare Orientierung bieten. Schulen sollen nach meiner Wahrnehmung noch andere Dinge zu tun haben, als sich um den Datenschutz zu kümmern. Zudem sitzen dort eher Lehrkräfte als Volljuristen.

Player in Abiturkorrekturen

Bei der Korrektur des Abiturs gelten besondere Regularien. Immerhin kommt den Abiturklausuren erhebliches Gewicht bei der Findung der Abschlussnote zu, die dann wiederum für die Bewerbung an der Wunschschuniversität, das Wunschfach oder den Wunschberuf eine große Rolle spielt. Daher läuft jede schriftliche Abiturarbeit hier in Niedersachsen über drei Schreibtische:

  1. Den des Fachlehrers (Referent)
  2. Den eines Fachkollegen (Korreferent)
  3. Den eines weiteren Fachkollegen (Fachprüfungsleiter)

Im Regelfall sitzen alle drei Beteiligten an der gleichen Schule (worüber man streiten kann). Es kann aber auch vorkommen, dass der Vorsitzende der Prüfungskommission (i.d.R. der Schulleiter) eine externe Fachprüfungsleitung bei der Schulbehörde anfordert. Die Gründe dafür können vielfältig sein – auch ich hatte schon dieses Vergnügen, einen Kollegen einer anderen Schule als Fachprüfungsleiter „kontrollieren“ zu dürfen, was dann aber natürlich mehr Richtung Drittkorrektur geht.

Jeder Beteiligte hat eine gewisse Rolle zu spielen, die sich aber grundlegend von der Fachlehrerrolle unterscheiden sollte, wenn man sich das Leben nicht künstlich erschweren will.

Der Referent

Dienstliche Vorgaben:

Die Referentin oder der Referent kennzeichnet am Rande jeder Arbeit Vorzüge und Mängel, so dass die Grundlage der Bewertung erkennbar wird. Ein Gutachten, das sich auf die Randvermerke bezieht, ist anzufügen. Schwerwiegende und gehäufte Verstöße gegen die sprachliche Richtigkeit in der deutschen Sprache oder gegen die äußere Form führen zu einem Abzug von einem Punkt oder zwei Punkten bei der einfachen Wertung. Als Richtwerte sollen gelten: Abzug eines Punktes bei durchschnittlich fünf Fehlern auf einer in normaler Schriftgröße beschriebenen Seite; Abzug von zwei Punkten bei durchschnittlich sieben und mehr Fehlern auf einer in normaler Schriftgröße beschriebenen Seite. Bei der Entscheidung über einen Punktabzug ist ein nur quantifizierendes Verfahren nicht sachgerecht. Vielmehr sind Zahl und Art der Verstöße zu gewichten und in Relation zu Wortzahl, Wortschatz und Satzbau zu setzen. Wiederholungsfehler werden in der Regel nur einmal gewertet. Ein Punktabzug muss ebenso wie in Grenzfällen ein Verzicht auf Punktabzug begründet werden. Unübersichtliche Textstellen werden nicht bewertet. Entwürfe können ergänzend zur Bewertung nur herangezogen werden, wenn sie zusammenhängend konzipiert sind und die Reinschrift etwa drei Viertel des erkennbar angestrebten Gesamtumfangs umfasst.

Quelle: Ergänzende Bestimmungen zur Verordnung über die Abschlüsse in der gymnasialen Oberstufe, im Beruflichen Gymnasium, im Abendgymnasium und im Kolleg (EB – AVO – GOBAK), Stand: 19. Mai 2013

An anderer Stelle habe ich geschrieben, was ein Kollege mir dazu einmal ans Herz gelegt hat. Das finde ich immer noch wichtig, wenn man sich selbst das Leben nicht zu schwer machen will – z.B. durch den üblichen „Positivkorrekturreflex“.

Mehr Gummi zum Abzug bei gehäuften Verstößen gegen die Sprachrichtigkeit geht m.E. eigentlich nicht mehr. Ich persönlich wäre mit Blick auf die Vergleichbarkeit auf jeden Fall für eine „quantifizierendes Verfahren“, indem man z.B. Wortanzahl in Relation zu Fehleranzahl setzt. Aber es wird schon Gründe für das vorgegebene Verfahren geben.

Will man Abzüge durchsetzen, sollte man tunlichst darauf achten, Fehlerzeichen zu vermeiden, die dem sprachlichen Bereich „hinzuzuinterpretieren“ sind, wie z.B. Wort- oder Ausdrucksfehler. Da eine Schule ja immer gerne über reine Zahlen mit anderen verglichen wird, mag es Schulleitungen geben, die mit Blick auf die Außendarstellung diesen Bereich eher wohlwollend korrigiert sehen wollen – und der breite Interpretationsspielraum der Verordnung ist eben breit.

Der Korreferent

Dienstliche Vorgaben:

Die Korreferentin oder der Korreferent schließt sich entweder der Bewertung der Referentin oder des Referenten an oder fertigt eine eigene Beurteilung mit Bewertung an.

Quelle: Ergänzende Bestimmungen zur Verordnung über die Abschlüsse in der gymnasialen Oberstufe, im Beruflichen Gymnasium, im Abendgymnasium und im Kolleg (EB – AVO – GOBAK), Stand: 19. Mai 2013

Spannend ist dabei nicht, was da steht, sondern eher, was da nicht steht. Meiner Erfahrung nach kann man sich beim Korreferat das Leben gegenseitig immens schwer machen. Es geht für mich beim Korreferat schlicht und ergreifend darum, ob ich – vor Gericht einer Klage von Eltern und Gesicht sehend – zu der Bewertung, d.h. vor allem zur Note des Referenten stehen könnte, auch wenn ich sie u.U. dann anders begründen würde.

Natürlich achte ich dabei z.B. auch auf formale Fehler, die alle von uns gerne übersehen. Auch achte ich als Korreferent darauf, dass bei allen SuS identische Bewertungsmaßstäbe angesetzt werden. Ich empfinde mich dabei vor allem als neutrales Korrektiv für den Fachlehrer, der seine Schützlinge eben kennt und dessen Objektivität dadurch u.U. hin und wieder eingeschränkt sein kann. Völlig irrelevant ist, ob ich z.B. Punkte bei Aufgabenteilen gerne hin- und hergeschoben hätte, wenn die Gesamtnote sich dadurch sowieso nicht ändert.

Als Fachlehrer bzw. Referent bin ich i.d.R. dem Korreferenten immer dankbar, gerade auch bei der Absicherung sehr schwacher Arbeiten. Wenn der Korreferent die Note hochsetzen möchte – sehr gut. Das wird gemacht und nicht weiter diskutiert oder hinterfragt. Sieht schließlich auf meinem Statistikzettel auch besser aus. Im umgekehrten Fall schaue ich dann schon noch einmal genau hin – es kommt aber selten dazu, dass ich Dinge partout nicht nachvollziehen kann. Meist „einigt“ man sich dann irgendwie in der Mitte.

Die Erfahrung sagt dabei: Je mehr Steckenpferde der einzelne aus diesem Team reitet, desto mehr Zeit wird man aufwenden müssen und je öfter sollte man sich die zugrundeliegende Verordnung vor Augen führen.

Wenn man sich nicht einigen kann, sollte man den Korreferenten eben um ein Gegengutachten gemäß Verordnung bitten und den Fachprüfungsleiter bzw. den Vorsitzenden der Prüfungskommission dann entscheiden lassen.  Das macht viel Arbeit und begünstigt dadurch hin und wieder einen einvernehmlichen Kompromiss.

Der Fachprüfungsleiter

Dienstliche Vorgaben:

Die Fachprüfungsleiterin oder der Fachprüfungsleiter überprüft die vorgenommene Bewertung, fertigt ggf. eine eigene Stellungnahme mit einem Bewertungsvorschlag an und achtet auch auf die Bestimmungen nach Nr. 9.11 Sätze 3 bis 10 [also das, was beim Referenten steht…]. Die bewerteten Arbeiten sind von der Fachprüfungsleiterin oder von dem Fachprüfungsleiter der Schulleiterin oder dem Schulleiter zu übergehen.

Quelle: Ergänzende Bestimmungen zur Verordnung über die Abschlüsse in der gymnasialen Oberstufe, im Beruflichen Gymnasium, im Abendgymnasium und im Kolleg (EB – AVO – GOBAK), Stand: 19. Mai 2013

Es soll Leute geben, die daraus eine Drittkorrektur machen. Darum geht es aber eigentlich nicht, sondern es geht darum, ob Randbemerkungen und Gutachten zueinander passen, ob die vorgegebene Gewichtung der Aufgaben eingehalten wurde, ob nicht mehr Punkte verteilt worden sind als vorgesehen, ob nicht (…). Es geht also um die Überprüfung, ob formale Regularien eingehalten worden sind, weil man fast allein über Formfehler vor Gericht die Klage gegen eine Note gewinnt.

Ich schaue als Fachprüfungsleiter auch noch danach, ob einheitliche Bewertungsgrundlagen für alle Prüflinge eingehalten worden sind. Ich korrigiere aber nichts mehr nach – vor mir haben schließlich zwei ausgebildete Lehrkräfte intensiv an dieser Abiturklausur gearbeitet.

Eine Drittkorrektur wird es aber u.U. genau dann, wenn die vorangegangene Arbeit der Kollegen optimierbar ausfällt – und das merkt man meist schon an den formalen Kriterien …

 

Allgemeines Gasgesetz und Diagramme

Das allgemeine Gasgesetz braucht man in der Schule oft in Zusammenhang mit dem Satz von Avogadro. Es stellt einen Zusammenhang zwischen Druck, Volumen, Teilchenanzahl und Temperatur eines Gases her, berücksichtigt jedoch weder mögliche Anziehungskräfte zwischen Gasteilchen, noch Abweichungen der Gasteilchen von der Kugelform. Trotzdem bildet es eine gute Näherung für viele „Alltagsgase“ und reicht für schulische Zwecke vollkommen aus.

    \[ (1) \;\;  p \cdot V = n \cdot R \cdot T \]

Bedeutung der einzelnen Größen:

p: Druck in [kPa]1

V: Volumen in [L]

n: Stoffmenge („Teilchenanzahl“) in [mol]

R: allgemeine Gaskonstante

    \[ 8,3144621\frac{J}{mol \cdot K} \]

T: Thermodynamische Temperatur [K]

1 In der Schule rechnet man gerne in hPa, weil das besser zu der vormals gebräuchlichen Einheit mbar passt.

Exkurs – die Einheiten:

Damit der Term bei Umformung auch immer hübsch in sich zusammenfällt, braucht es etwas Wissen um die Zusammensetzung der Einheiten. Dabei gilt:

    \[ 1 Pa = 1 \frac{N}{m^2} \;\;\;\; \;\; 1J = 1 N \cdot m \]

… dann passt es später wieder alles.

 Mit Hilfe dieses Gesetzes lassen sich Diagramme („Visualisierungen“) mit einer Tabellenkalkulation erstellen. Neulich habe ich in unserem Schulbuch diese Darstellung entdeckt (aus rechtlichen Gründen analog nachgestellt):

Mit der nach V umgestellten Gleichung (1) und p = 101,3kPa (1013 hPa) sowie n=1 kann man mit einer Tabellenkalkulation sowas sehr schnell selbst machen.

    \[ (2) \;\;  V = \frac{1mol \cdot R \cdot T}{101,3kPa} \]

Das Diagramm ist trotzdem eine didaktisch lieb gemeinte Katastrophe und eines Bankenverkaufsprospekts würdig.

Wer sieht es? Genau. Die y-Achse wurde beschnitten (oder die x-Achse verschoben). Das kann man machen, sollte es jedoch im Diagramm kennzeichnen. Macht man es „richtig“, schaut es so aus:

Die didaktischen Reduzierer aus dem Schulbuch mussten noch eine graphische Extrapolationsaufgabe stellen, um klarzumachen, dass die Gerade überhaupt an einer bestimmten bzw. für sie „gewollten“ Stelle die x-Achse schneidet (-273°C).

Das kann man mit dem „richtigen“ Diagramm auch noch machen, sieht aber auch vorher viel leichter, dass vor dem Schnittpunkt der Geraden mit der x-Achse das Volumen negativ wird – bis zur Einführung der thermodynamischen Temperatur ist es dann kein großer Schritt mehr. Ist das geschafft, kann man auch solche Diagramme von SuS beschreiben lassen:

Mögliche Fragen:

  1. Beschreibe den Verlauf der Kurve. Erkläre ihn mit dem Kugelteilchenmodell.
  2. Stelle Vermutungen darüber an, wie die Kurve sich bei noch höheren, bzw. noch niedrigeren Werten für p entwickeln wird.
  3. Die Kurve wird niemals die x- oder y-Achse erreichen. Begründe, warum diese Aussage korrekt ist.

Für denjenigen, den es interessiert, hier noch das Tabellenblatt, welches ich für die Berechnung der Diagramme genutzt habe (quick & dirty): ODS | XLS

E.T.A. Hoffmann – Der Sandmann

Endlich einmal wieder etwas aus dem Unterricht – beginnend mit einem Textauszug:

Er stellte sich und Klara dar, in treuer Liebe verbunden, aber dann und wann war es, als griffe eine schwarze Faust in ihr Leben und risse irgendeine Freude heraus, die ihnen aufgegangen. Endlich, als sie schon am Traualtar stehen, erscheint der entsetzliche Coppelius und berührt Klaras holde Augen; die springen in Nathanaels Brust, wie blutige Funken sengend und brennend, Coppelius faßt ihn und wirft ihn in einen flammenden Feuerkreis, der sich dreht mit der Schnelligkeit des Sturmes und ihn sausend und brausend fortreißt. Es ist ein Tosen, als wenn der Orkan grimmig hineinpeitscht in die schäumenden Meereswellen, die sich wie schwarze, weißhauptige Riesen emporbäumen in wütendem Kampfe. Aber durch dies wilde Tosen hört er Klaras Stimme: „Kannst du mich denn nicht erschauen? Coppelius hat dich getäuscht, das waren ja nicht meine Augen, die so in deiner Brust brannten, das waren ja glühende Tropfen deines eignen Herzbluts – ich habe ja meine Augen, sieh mich doch nur an!“ – Nathanael denkt: Das ist Klara, und ich bin ihr eigen ewiglich. – Da ist es, als faßt der Gedanke gewaltig in den Feuerkreis hinein, daß er stehen bleibt, und im schwarzen Abgrund verrauscht dumpf das Getöse. Nathanael blickt in Klaras Augen; aber es ist der Tod, der mit Klaras Augen ihn freundlich anschaut.

aus: E.T.A. Hoffmann „Der Sandmann“

Aufgabe:

Verfassen Sie den Anfang des Gedichtes, welches hier in Prosa umschrieben wird. Gestalten Sie ihn so, dass Klara keine andere Wahl hat, als das Werk zu vernichten, so wie sie es auch mit Nathanaels Werk im weiteren Verlauf der Handlung tut.

Zwei Menschen voll treuer Liebe und erfüllter Lebensfreude

Getrennt durch einen Schatten der dunklen Tiefe.

Vor dem Altar, um sich ewig zu binden und in Liebe zu leben,

Der Bräutigam mitgerissen und verschleppt.

Wie ein Sturm reist das Böse ihn durch dunkle Gassen

Die Braut ihren Geliebten wieder ins Licht holt

Sacht ihm versucht die Augen zu öffnen.

Einen Moment vom Bösen entfernt

gerettet

wieder zurück ins Schwarze gezogen

trügen die Augen der Braut

Der Bräutigam auf ewig gefangen in den Zwängen des Schattens.

Es gab noch weitere Gedichte – jambische mit Kreuzreim, Texte mit Bildsprache, jedes für sich ein Lernanlass zu Gedichten. Dieses jedoch schien uns als Kurs passend zur Aufgabe. Die Verdichtung innerhalb der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit finde ich schon beachtlich. Und die Aufgabe schien den meisten aus dem Kurs Freude gebracht zu haben – und ein probates Mittel, um sich in einen Text zu verstiefen, ist es allemal.

 

Inhaltsangaben

Einleitung

Inhaltsangaben sind irgendwie das Ende der Kreativität. Man tastet sich ja langsam über Bildergeschichten, Nacherzählung und Bericht zu den sachlichen Textformen im Deutschunterricht vor – das vermeintliche Ende der Fantasie. Hier in Niedersachsen gibt es auch eine Evolution innerhalb der Textform Inhaltsangabe, nämlich von der Zusammenfassung von narrativen, fiktionalen hin zu gedanklichen Texten.

Webressourcen

Wer sich für die Vorbereitung einer entsprechenden Unterrichtseinheit einlesen möchte, findet hier zunächst ein von mir kommentiertes URL-Lüftchen.

  1. Inhaltsangabe bei Norbert Tholen – umfangreiches Material und Reflexion konkreter Textbeispiele. Absoluter Referenzcharakter.
  2. Übungen zur Inhaltsangabe beim Lehrerfreund – zielgerichtete, sofort umsetzbare Übungsformate und Arbeitsblätter.
  3. Peerfeedback bei Inhaltsangaben beim Lehrerfreund – im Unterricht gut anwendbare Methode, wenn man kein Klassenblog hat
  4. Sammlung möglicher Sachtexte mit Aufgabenstellungen – gut einsetzbar bei teachsam.
  5. Zuordnungsübung zum einleitenden Satz – wer es ganz formal haben möchte

Warum eine Inhaltsangabe?

Viele sonstige Anleitungen in Schulbüchern und im Web stellen die formalen Aspekte der Inhaltsangabe in den Mittelpunkt. Dabei ist für mich die Frage nach dem Sinn und der Berechtigung dieser doch sehr spröden Textform für den Deutschunterricht die eigentlich entscheidende, weil sie didaktische und methodische Entscheidungen mit Blick auf das „Gesamtpaket“ Deutschunterricht erst ermöglicht. Dieser Fokus geht verloren, wenn die Inhaltsangabe Selbstzweck zur Übung der Umsetzung formaler Vorgaben geht, obwohl das natürlich gerade in den jüngeren Jahrgänge bei der Frage nach der Bewertung eine große Rolle spielt.

Die Inhaltsangabe halte ich für eine Textform zur Darlegung von Lesekompetenz: Ist ein Text sinnerschließend erfasst worden? Gleichzeitig vermittelt sie Methodenkompetenz zur Gewinnung von Textdistanz, die immens wichtig ist, um weiterführende Operationen mit einem Text durchführen zu können, z.B.:

  • Bewertung von Aussagen
  • Analyse von Sprache
  • Einordnung in einen größeren Zusammenhang
  • eigene Texte überarbeiten (Distanz zu seinem eigenen Text gewinnen)

Nach meiner Erfahrung im Unterricht hängt das Gelingen oder Nichtgelingen einer Inhaltsangabe primär davon ab, ob es gelingt, Textdistanz aufzubauen – das schafft eine Inhaltsangabe, die sich am Textfluss entlanghangelt oft weniger gut, als eine, die den Text strukturell kriteriengeleitet reorganisiert.

Methoden zur Gewinnung von Textdistanz bei narrativen Texten mit sequentiellem Aufbau

Für den Hauptteil funktioniert erstaunlich gut die Drei-Wort-Was-Geschieht-Methode. Dazu sucht man sich in jüngeren Jahrgängen eine Geschichte aus – beliebt sind ja immer Hebels Kalendergeschichten, die möglichst sinnvoll und stark in Absätze untergliedert ist. Dann lässt man folgende Tabelle anfertigen:

Absatz die drei wichtigsten Worte Was geschieht?
1 Betrüger, Ring, kaufen ein Jude möchte den Ring eines Betrügers kaufen
2 […] […]

Die erste Spalte enthält die Absatznummer oder die Sinnabschnitte (dann Zeilenangaben). In der der zweiten Spalte stehen die drei wichtigsten Worte dieses Absatzes – dabei muss ein Verb enthalten sein, welches die dominierende Handlung des Absatzes beschreibt. In der dritten Spalte wird auf Basis dieser drei Worte die Frage „Was geschieht?“ beantwortet. Dabei müssen die drei Worte nicht zwingend verwendet werden.

Die dritte Spalte kann man in einer Klasse in der Regel von verschiedenen Leuten nacheinander „herunterlesen“ lassen, auch wenn sie gar nicht zusammengearbeitet haben. Es kommt oft schon so ein recht brauchbarer Hauptteil dabei heraus. Das ganze würzt man bei einfachen narrativen Texten noch mit geeigneten Konjunktionen und Formulierungen zum Verbinden der einzelnen Gedanken.

Den einleitenden Satz lasse ich immer erst nach dem Hauptteil der Inhaltsangabe formulieren. Ich verbiete dabei die Formulierung „geht es um…“, weil sie nach meiner Erfahrung dazu verleitet, Figuren und nicht eine Handlung in den Mittelpunkt zu stellen.

Methoden zur Gewinnung von Textdistanz bei gedanklichen  Texten mit nicht-sequentiellem Aufbau

Auch hier funktioniert in einem ersten Schritt die Drei-Wort-Was-Geschieht-Methode, allerdings mit einer wichtigen Modifikation, da Absätze in gedanklichen Texten meist logisch-funktional angelegt sind. Deswegen muss in der dritten Spalte ein Sprechaktverb mit enthalten sein, welches gleichzeitig klarmacht, dass Gedanken eines Dritten wiedergegeben werden.

Absatz die drei wichtigsten Worte Was geschieht?
1 Aids, Afrika, verbreiten der Autor verweist auf die schnelle Verbreitung von AIDS in Afrika
2 […] […]

Fehlen in einer Inhaltsangabe eines Sachtextes distanzierende Äußerungen in Form von Sprechaktverben oder grammatisch anspruchsvoller in Form des Konjunktivs, werden Originaltext und Inhaltsgabe sprachlich kaum unterscheidbar und ein Nacherzählungscharakter der bestimmende sein. Das passiert bei Inhaltsangaben narrativer Texte eher nicht, weil das Präsens als Zeitform schon einen distanzierenden Charakter mit sich bringt – wenn denn auch schön im Präsens geschrieben wird…

Bei der Inhaltsangabe eines Sachtextes verlange ich zusätzlich, dass Absätze zu größeren Sinneinheiten kombiniert werden, so dass Formulierungen wie:

Der Text gliedert sich in drei Abschnitte. Im ersten führt Ingolf Meyer den Leser unter Verwendung eines Beispiels…
Um seine These zu verdeutlichen, bedient sich der Autor dreier Beispiele…

möglich werden. Die zu einer Sinneinheit gehörigen Abschnitte können in gedanklichen Texten weit verstreut sein. Im Idealfall erkennt man ihre inhaltliche Nähe aber durch die Drei-Wort-Was-Geschieht-Tabelle.

Die Inhaltsangabe eines gedanklichen Textes ist damit ungleich schwerer als die eines erzählenden Textes.

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