Netzneutralität und die Telekom

Weitgehend unbeachtet von vielen Internetnutzern tobt im Hintergrund gerade ein Kampf zwischen Rechenzentrumsbetreibern und der deutschen Telekom als größtem Anbieter von Internetanschlüssen.

Was verkauft die Telekom?

Die Telekom verkauft i.d.R. an Privatkunden sogenannte asymmetrische Internetzugänge, d.h. man kann z.B. Filme sehr schnell aus dem Netz streamen, jedoch z.B. Fotos zu seinen Fotodienst nur langsamer hochladen, z.B. hat man bei VDSL50 einen Downstream von 50Mbit/s und einen Upstream von 10Mbits/s. Bei den mobilfunkbasierten Produkten sieht das ähnlich aus. Naturgemäß laden die Telekomkunden damit mehr Daten aus dem Netz herunter als herauf.

Das hat zu einen technische Gründe, weil man so mehr Kunden einen guten Download bieten kann, zum anderen auch einen strategischen: Wäre jeder Haushalt gut symmetrisch an das Internet angebunden, bestünde irgendwann kaum noch eine Notwendigkeit, seine Webseite bei einem Provider hosten zu lassen und zudem wäre das eigene Netz dann sehr schnell voll mit angreifbaren Servern, die nicht professionell gewartet werden.

Wie kommen die Daten aus dem Internet zur Telekom?

Netze verschiedener Anbieter werden an bestimmten Stellen über Knotenpunkte gekoppelt, damit z.B. Daten US-amerikanischer Anbieter wie YouTube, Google oder Microsoft auch im Netz der Telekom ankommen. Üblicherweise werden die Knoten entsprechend des Bedarfes der Endkunden ausgebaut. Wenn mehr Menschen z.B. HD- oder gar 4K-Inhalte anschauen möchten, muss einerseits derjenige, der die Filme anbietet, besser an das übrige Internet angebunden sein, andererseits muss der Knotenpunkt zur Telekom auch über ausreichend Kapazität verfügen – das Rohr muss also dick genug sein – das kostet Geld.

Und wo tobt jetzt der Kampf?

Die Telekom baut ihre Knotenpunkte zu anderen Anbietern mittlerweile nicht mehr dem Bedarf entsprechend aus, z.B. zum Rechenzentrum von Hetzner, ein größerer Player im deutschen Rechenzentrumsmarkt. Angebote, die Hetzner gehostet sind, laufen damit gerade zur Primetime nur noch sehr langsam über die Telekomleitungen.

Die Telekom sagt: Jahaa! Wenn du Hetzner Daten performant zu uns schieben willst, dann musst du dafür extra bezahlen, so ein dickes Rohr kostet halt Geld! Brisanterweise laufen die entsprechenden Angebote der Telekom schnell durch die Leitungen (z.B. Entertain). Die meisten Rechenzentrumsbetreiber bezahlen anstandslos dann Geld an die Telekom und geben die Kosten an ihre Kunden weiter.

Hetzner macht das auch, aber anders: Hetzner sagt dem Kunden: „Wenn du Daten schnell zur Telekom schieben willst, zahlst du dafür einen Aufpreis, weil nur die Telekom so handelt – alle anderen Anbieter bauen ihre Knotenpunkte ja aus!“ – Hetzner geht es nach eigener Aussage darum, auf die Problematik der Politik der Telekom aufmerksam zu machen und geht dabei auch das Risiko ein, Kunden zu verlieren.

Mit Angeboten von YouTube, Google, Netflix etc. macht die Telekom das nicht bzw. ist anzunehmen, dass da wohl für die „digitale Überholspur“ auch Geld fließt. Die Telekom kassiert damit doppelt: Einmal von den Kunden für den Internetanschluss, der ohne ungebremsten Zugriff zum Internet ja irgendwo blöd ist und zum zweiten von den Anbietern, die das Internet zu Internet und damit das Produkt der Telekom zum Produkt machen.

Die Telekom sagt: Jahaa, ihr Anbieter! Ihr liefert ja viel mehr Daten an unser Netz als wir an euer. Das ist kein Teilen mehr, das ist Transit.

Wir erinnern uns an dieser Stelle daran, dass die Telekom asymmetrischen Anschlüsse verkauft. Und es wäre ja doof, wenn die telekomeigenen Angebote dann super laufen, aber der Steamingdienst aus Pusemuckel ruckelt. Für den Schlichtkunden ist dann klar: Dann kaufe ich doch das Telekomprodukt!

Die Telekom sagt dann: Jahaa, du Streamingsdienst aus Pusemuckel, kannst ja extra zahlen! (nunja, sie haben es dann hinterher ja gar nicht so gemeint …).

Die Problematik

Die Telekom bestimmt somit, welche Dienste in ihrem Netz performant laufen und welche nicht. Das hat mit Netzneutralität und freiem Internet ganz wenig zu tun. Es sind die Kunden der Telekom, welche Daten anfordern und die Telekom muss m.E. schauen, wie sie da kostendeckend arbeitet. Da sie ihre Endkunden nicht die Preiserhöhungen verschrecken will, versucht sie es halt anders. Jeder sollte sich überlegen, ob ein solches Gebahren unterstützenswert ist.

PS: Ich bin Hetzner- und Kabeldeutschlandkunde.

Worthülsen

Es gibt viele wundervolle Inhalte im Netz. Diese sichtbar und erfahrbar zu machen, ist Aufgabe einer Suchmaschine. Manche Suchmaschinen lösen das besser als andere. Eine löst das trotz aller Unkenrufe meiner Meinung nach besonders gut. Deswegen ist sie eigentlich alternativlos. Das ist kartellrechtlich nicht schön.

Diese Situation ist für Institutionen, die mit Inhalten oder Waren Geld verdienen wollen bzw. aus wirtschaftlichen Gründen sogar müssen schwierig. Prinzipiell stehen Bezahlinhalte oder Inhalte, die durch Werbung finanziert werden sollen, in Konkurrenz zu kostenlosen Inhalten. Dass auch Bezahlinhalte großer „Qualitätsmedien“ qualitativ nicht unbedingt kostenlosen Quellen überlegen sind, hat sich für mich im vergangenen Jahr vor allem an der weitgehend monoperspektivischen Berichterstattung über die Krimkrise festgemacht. Das Netz habe ich hier als wesentlich vielfältiger empfunden.

Mit Google verhält es sich bei der Distribution von Waren oder Inhalten wie mit einer Bank: Die verdient immer. Es ist egal, ob der angezeigte Inhalt kostenlos oder auf die Zahlung einer Vergütung angewiesen ist.

Rund um dieses Dilemma ist offenbar eine ganze Industrie entstanden, die sich im besten Fall darum bemüht, Institutionen so zu beraten, dass deren Inhalte prominenter bei Google präsentiert werden als andere.

Die Luft scheint in diesem Geschäftsfeld enger zu werden. 2014 war für riecken.de ein besonderes Jahr. Ich habe noch nie so viele „Partnerschaften“, „Gastartikel“ oder „Testzugänge“ angeboten bekommen, wie in der letzten Zeit. Man möchte anscheinend zunehmend auf Gedeih und Verderb Links auch in absoluten Nischenblogs wie dem meinen platzieren.

Info:

riecken.de hat nach aktuellem Statistiktool ca. 150.000 Views bei ca. 20.000 Besuchern im Monat bei einem PR4, das ist für Webverhältnisse nicht wirklich viel, da oft auch nachgeladene Bilddateien mitgezählt werden. Realistisch muss man diese Zahlen mindestens 10teln. Es gibt ca. 120 Personen, die mich in einem Feedreader haben und zusätzlichen „uncounted Traffic“ machen. Views und Traffic aus sozialen Netzwerken spielen kaum eine Rolle. Die meisten Besucher kommen über Google zu mir.

Das mit den Zahlen ist im Prinzip auch egal. Ich bin JEDEM Besucher dankbar, der sich für meine Inhalte interessiert. Ihr seid das soziale Kapital, welches mich motiviert, immer wieder Artikel zu schreiben.  

In der Regel kommen Massenmailings mit leicht variierten Textbausteinen – das weiß ich aus dem Austausch mit anderen Lehrerendenblogs. Dabei wird zunehmend unwichtiger, dass z.B. eine Rezension oder ein Erfahrungsbericht positiv ausfällt – Hauptsache ein Link ist später vorhanden. Bei einem einzelnen Blog wie dem meinen ein lächerlicher Effekt – in der Summe vielleicht durchaus effektiv.

Ich habe mich in diesem Jahr wieder und wieder auf E-Mailwechsel mit Mitarbeitenden in dieser Industrie eingelassen. Ich war neugierig, wie gearbeitet wird, warum man auf bestimmte Seiten aufmerksam wird, was man als Gegenleistung für eine Dienstleistung von mir anbietet.

Viele dieser Mitarbeiter sind rhetorisch exzellent geschult. Allein auf die Frage nach einem Geschäftsmodell habe ich noch nie eine andere Antwort bekommen, als dass man zunächst den Markt sondieren müsse und sich die Wertschöpfung dann schon irgendwann irgendwie ergäbe. Wohlgemerkt: Es geht dabei oft um Plattformen, die es gerne hätten, dass ich ihnen meine Unterrichtsvorbereitung möglichst vollständig anvertraue. Evernote ist ja dagegen schon fast sympathisch mit seinem Bezahlmodell.

Eine Bank würde einem Gründer mit diesem Ansatz keinen Kredit geben. Google tut das natürlich erst recht nicht oder will dafür seinerseits Geld sehen (eine gute Platzierung bei Google ist so etwas wie Geld). Ich gebe solchen Start-Ups auch keine Kredit in Form von Inhalten, die ich dort entwickle oder distribuiere.

Wenn es dabei bliebe, für Links in Rezensionen oder die Platzierung von Gastartikeln zu werben, wäre mir das fast egal. Das ist grundsätzliches SEO-Handwerk, da vermutet wird, dass Googles Algorithmus mit darauf basiert, die Verlinkung einer Webseite im Web zu analysieren. Ich persönlich empfinde Gastartikel mit kommerziellem Hintergrund grundsätzlich als Werbung, die also solche klar gekennzeichnet werden muss. Diese engstirnige Sicht hat sich in der Branche noch nicht so etabliert.

Eine neue Qualität in diesem Jahr war für mich der Versuch, auch Inhalte kostenlos abzugreifen. Das kannte ich bisher nur von wenigen klassischen Verlagen bei ihren ersten Gehversuchen im Netz.

Gleichzeitig habe ich tatsächlich ein sehr schlechtes Gewissen gegenüber diesen Menschen, die bei mir anfragen. Stellen wir uns vor, dass die These stimmt, viele Startups im Webbereich hätten lediglich ein Anschubfinanzierung von Investoren oder gar aus EU-Töpfen bekommen, die irgendwann ausläuft. Dann hinge der Arbeitsplatz am Erfolg oder Misserfolg des jeweiligen Geschäftsmodells.

Andererseits ist das eben Wirtschaft, von der ich als Beamter weitgehend entkoppelt bin. Genau diese Entkopplung ermöglicht mir ja auch, unentgeltlich zu arbeiten. Das ist ein Schatz und ein Privileg. Genau deswegen muss meine starrsinnige Haltung nach außen absolut arrogant wirken.

Ich kann gut nachvollziehen, dass andere Blogger und Webmaster ihre Seiten über Werbung und Partnerschaften finanzieren. Ich kann mir das für meine Seite noch nicht gut vorstellen, da Geld immer Abhängigkeiten schafft, an die man sich irgendwann auch gewöhnt. Oft geht das zu Lasten von Freiheit – man fühlt sich z.B. dann vielleicht doch genötigt, öfter zu schreiben.

Was immer wieder bleibt sind Worthülsen – Marketingdeutsch, das man bestens kennt, wenn die Mobilfunkfirma anruft, um mich dann doch zu einem Laufzeitvertrag zu überreden, der immer Kosten verursacht, auch wenn ich ihn nicht nutze.

Ich versuche dann, gleich in den relevanten Teil des Telefongesprächs zu springen – das klappt aber nicht immer … Immerhin rufen hier mittlerweile wenigstens keine Zeitstehlfirmen Markforschungsinstitute mehr an. Ich glaube, ich bin der blanke Horror für manche Branchen.

Das Marketingdeutsch kommt professionell, aufgeschlossen und achtungsvoll daher. Es bedient sich den Kommunikationsprinzipien der humanistischen Pädagogik. Es kaschiert m.E. aber damit oft die Absicht, Geld zu verdienen, Gewinne zu maximieren und Profit zu machen. Das ist ja in Ordnung. Aber bitte nicht auf Basis meiner dann unvergüteten Arbeit.

Handyverbote und die Psychologie der Ohnmacht

Es mehren sich in meinem Umfeld Berichte über neue Sextingfälle – auch in anderen Landkreisen.  Die Netzgemeinde geht nach einiger Aufregung rund um Sascha Lobos Netzuntergangsapologien mehr oder minder achselzuckend zum Alltag über, ein paar geisteswissenschaftliche Rückzugsgefechtler reagieren auf ihre Weise darauf. Stellenweise findet eine Diskussion statt, die aber inhaltlich nur „Eingeweihten“ zugänglich sein dürfte. Es sind gute Zeiten für die Warner, Mahner und Kritiker „des Internets“.

Das Einfachste für Schulen und Eltern scheint momentan zu sein, einfach zu verbieten: Schwierige, aber gleichwohl sehr chancenreiche Zeiten für die Medienpädagogik. Ich werde zurzeit vermehrt angefragt, Vorträge zum Thema Handy und Internet zu halten. Man möchte Rezepte haben, wie man sich als Schule oder Elternteil „verhalten“ kann, wenn „so etwas“ passiert.

Rechtliche Aspekte

Die Schule darf nach meinen Recherchen in der Hausordnung ein Benutzungsverbot von Handys auf dem Schulgelände festlegen. Schülerinnen und Schüler, die dagegen verstoßen, halten demnach nicht die Schulordnung ein, was die wiederum Schule dazu nutzen kann, die übliche Eskalationskette bei Fehlverhalten in Gang zu setzen: Pädagogische Maßnahmen => Androhung von Ordnungsmaßnahmen => Vollzug von Ordnungsmaßnahmen.

Bei den letzten beiden Stufen entscheidet bei uns in Niedersachsen die Klassenkonferenz, bei der Schulleiter bzw. die Schulleitern den Vorsitz führt. Gerne wird vergessen, Schülerinnen und Schüler im Zuge einer Klassenkonferenz sowie die Eltern bzw. Erziehungsberechtigten in angemessener Form über ihre Rechte zu belehren, was eine formale Angriffsfläche für Entscheidungen der Klassenkonferenz bietet. Prozesse gegen Schulen werden übrigens meist nur auf formaler Ebene gewonnen.

Die Wegnahme des Handys muss verhältnismäßig und pädagogisch sinnvoll sein. Wenn z.B. Unterricht gestört wird oder Filmaufnahmen gegen den Willen der Gefilmten gefertigt werden, sollte diese Verhältnismäßigkeit m.E. gegeben sein. Da es sich im rechtlichen Sinne oft um Eigentum der Eltern handelt (sie allein dürfen Dauerschuldverhältnisse wie Handyverträge unterschreiben), ist eine Wegnahme über den Unterrichtstag hinaus rechtlich wahrscheinlich ein Problem, zumal ja in erheblicher Weise in den Freizeitbereich der Schülerinnen und Schüler eingegriffen wird – in Absprache mit den Erziehungsberechtigten dürfte der Fall anders aussehen.

Weigert sich eine Schülerin oder ein Schüler in der konkreten Situation, ihr Handy abzugeben, darf das natürlich nicht gewaltsam geschehen. Wenn eine Straftat oder ein begründeter Verdacht für eine solche vorliegt, wäre das dann Sache der Polizei. Wenn nicht, d.h. wenn einfach „nur“ gegen die Schulordnung verstoßen wurde, kommt jetzt ja noch hinzu, dass Anweisungen nicht befolgt werden – dann wird man als Schule schneller eskalieren können (Klassenkonferenz) oder den betreffenden Schüler bzw. die Schülerin eben für den Tag suspendieren.

Gleichwohl würde ich darauf achten, dass das Handy vor der Abgabe im Beisein der Besitzerin bzw. des Besitzers ausgeschaltet wird.

Problematik an den Schulen

Mit sind nur wenige Mobbingfälle bekannt, die nicht in irgendeiner Form auch über das Internet ausgetragen werden. Im Gegensatz zu „früher“ (Mobbing gibt es ja immer schon, übrigens auch am Arbeitsplatz von Verwachsenen) verschärft die öffentliche Dimension diese Problematik erheblich für die Betroffenen. Je nach Schulform und Milieu kommen Herausforderungen hinzu, mit denen ich als Gymnasiallehrer noch nie irgendetwas zu tun hatte. Spätestens in Umfeldern, in denen es Eltern und Schülern völlig egal ist, ob sie ggf. sogar von der Schule suspendiert werden, gehen Lehrkräften schnell und schlicht die Optionen aus. Und diese Umfelder gibt es. Und deswegen ist Schule da eigentlich ganz besonders gefragt.

Dummerweise ist Schule noch in ganz vielen anderen Feldern gefragt, sodass das Thema „Medien“ eben eines von vielen ist. Wenn man da etwas „schieben“ kann, dann versucht man das auch – nicht weil man böse, ahnungslos, lernresistent und der Zukunft sowie Realität abgewandt ist, sondern weil man sich selbst schützen und schlicht funktionsfähig bleiben möchte. Wenn man z.B. Inklusionskinder in der Klasse bei optimierbarer Unterstützung von außen hat, sind die Sorgen erstmal andere, ganz alltägliche. Gerade im Bereich Inklusion leben gerade viele Gymnasien noch im behüteten Traumland. An so mancher Schule mag schlicht Ohnmacht herrschen: Man versteht nicht, was da in diesem „Netz“ vor sich geht. Am besten wäre, wenn es einfach verschwände – aber das tut es eben nicht.

Was tun?

Es gibt an vielen Schulen bereits in irgendeiner Form soziale Projekte oder Angebote, bei denen die Stärkung der eigenen Persönlichkeit im Vordergrund steht. Genau da sehe ich den Kern des Problems beim „Handymissbrauch“. Dass man keine Nacktbilder weiterleitet, ist nicht unbedingt eine technologische Herausforderung. Hier gibt es oft in einer bestehenden Struktur klare Ansatzpunke, um Medienkompetenz zu vermitteln, ohne dass sich Akteure auf für sie völlig neue Handlungsfelder begeben müssen oder diese Struktur infrage gestellt wird.

Wenn ich Schülerinnen und Schülern keine Modelle anbiete, wie ein Handy noch genutzt werden kann außer zu kommunikativ-konsumptiven Zwecken, halte ich die Erwartung, dass mit diesen Geräten nicht auch Unsinn geschieht, für utopisch. Schülerinnen und Schüler sind entgegen aller oft zu vernehmenden Unkenrufe nach meiner Erfahrung nur sehr oberflächlich kompetenter im Umgang mit digitalen Geräten. Sie finden sich auf der Oberfläche schnell zurecht, sind mutig und experimentieren – aber z.B. schon ein simples Abonnement eines Kalenders ist oft schon ein unüberwindliche Hürde. Die Strukturen hinter Touchibunti durchschauen nur sehr wenige. Wie zu guten alten Windowszeiten regiert da oft Pass&Fail.

Die Erwartung, dass sich eine ganze Schule voller Verantwortungsbewusstsein und Begeisterung auf BYOD stürzt, ist nicht  realistisch. BYOD stellt Strukturen sehr massiv infrage – auch technische Strukturen … Unterricht, der schülerseitig mit Google oder Wikipedia bestreitbar ist, kann nämlich im digitalen Zeitalter bald nicht mehr bestehen. Das merken die Kollegien sehr schmerzlich. Man nimmt ihnen ihr gewohntes Handwerkszeug weg und wundert sich über die ablehnenden Reaktionen.

Analogie: Man muss in gewissen Kreisen im Netz nur etwas gegen das iPad sagen (also ein Handwerkszeug „bedrohen“), um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie die Reaktionen ausfallen, wenn ich Kollegien sage, dass ihre Form des Unterrichts so nicht mehr zeitgemäß ist. Man darf und sollte da Widerstand erwarten, wobei Widerstand immer ein super Ansatzpunkt ist – viel schlimmer sind Lethargie und Resignation.

Von Chancen und Arbeitserleichterungen

Je weniger ich mit der Unterstützung der Elternhäuser rechnen kann, desto mehr ist nach meiner Ansicht Schule gefordert. Handynutzung ist Privatsache, jedoch beschert uns diese Privatsache in der Schule viele sehr arbeitsreiche Herausforderungen, denen der begleitete Einsatz digitaler Geräte begegnen kann. Im Unterricht ermöglichen digitale Geräte an vielen Punkten Effizienzsteigerungen: Gruppenarbeiten können „on the fly“ dokumentiert werden – es entfällt die Zeit, um etwa ein Plakat zu gestalten. Jeder aus der Gruppe kann sich zudem durch ein digitales Gerät in den Prozess einbringen. Ich habe ganze Aufsätze arbeitsteilig innerhalb von 45 Minuten schreiben lassen – durch kollaborative Methoden – auf Papier in diesem Zeitrahmen undenkbar.  Auch die Auswertung wird oft um ein Vielfaches leichter: Ich kann ja direkt im Dokument korrigieren, sodass allen SuS diese Fassung sofort zur Verfügung steht (dazu braucht man natürlich gemeinsame, geräteunabhängige Plattformen).

Das überzeugt dann auch skeptische Kollegen. Der Schlüssel ist dabei nach meiner Erfahrung vor allem die inhaltliche Kopplung. Daher kann ich z.B. Fremdsprachenlehrern in diesem Bereich nichts, aber auch gar nichts beibringen.

Es tut sich etwas auf dem LMS-Sektor…

Es gibt zögerlich konkrete Angebote mit das Hosting von LM-Systemen von Firmen mit einer dezidierten Preiskalkulation, z.B. von itslearning. Ganz aktuell wird Schulen in Niedersachsen zunächst ein Angebot in Kooperation mit dem Verein N-21 gemacht. In der Regel kann man solche Angebots-PDFs gar nicht so schnell verlinken, wie sie aus dem Netz wieder verschwinden. Beim Mitbewerber eledia, dessen Preise im Vergleich günstiger ausfallen und der auf Basis von OpenSource-Produkten andere Vorteile bietet, kommt man auf den ersten Blick besser weg.

Mir fehlt der neutrale Blick, um Funktionalitäten oder den Dienstleistungsumfang von Angeboten fair miteinander zu vergleichen, zudem habe ich Lernmanagementsysteme in meinem Unterricht weggehend überwunden – ich weiß nur, dass wahrscheinlich 90% der an Schulen tätigen Menschen keine Ahnung davon haben, was da überhaupt angeboten wird und warum man dafür mehrere Kiloeuro im Jahr hinlegen sollte.

Das ist ein Problem: Ich soll für etwas zahlen, auf dem irgendwie „E-Learning“ draufsteht. Eledia macht das mittlerweile sehr geschickt, indem es gestaffelte Einstiege gibt, z.B. den einzelnen Kursraum für eine interessierte Lehrkraft für kleines Geld. itslearning bietet einen kompletten Demoaccount mit allen Funktion zeitlich beschränkt auf 30 Tage an.

Die erste Taktik halte ich deswegen für erfolgversprechender, weil Lernprozesse eben Prozesse sind und ich in vier Wochen kaum beurteilen kann, ob sich eine Lernplattform im Alltag bewährt. Den Demoaccount von itslearning habe ich mir angesehen – aber erfahren(!) werde ich ihn in seinen Möglichkeiten erst gemeinsam mit meiner Lerngruppe. Dafür reicht die Erprobungszeit nicht aus und die SuS brauchen wieder einen neuen, eigenen Account. Für mich ist das Angebot uninteressant, weil ich die von mir gewünschten Funktionalitäten durch meine mediale und technische Kompetenz selbst realisieren kann. Das ist aber nicht die Regel und deswegen sind solche Angebote wichtig.

Da schließt sich der Kreis: Eigentlich kann ich ein E-Learningangebot erst richtig nutzen, wenn ich es in seinen Möglichkeiten und Vorteilen erfahren habe. Diese erste Schwelle muss möglichst niedrig, d.h. auch durch entsprechende Beratung und Fortbildung begleitet sein. Dann(!) kann ich als Schule zu dem Schluss kommen, dass mich ein System überzeugt und Fundraising zur seiner Finanzierung betreiben. Sonst hat man ein System für teures Geld und nutzt es nicht. Und die unbewusste Angst vor dem Zustand mag hinter dem  oft unberechtigtem Ruf: „Boah, watt teuer!“ stehen. Zumal Schulen ja auch in anderen Bereichen nicht unbedingt im Geld schwimmen. Ich kenne die Finanzsituation rund um Schule ein wenig. Die Angebote sind preiswert. Aber der Wert ist nicht bewusst. Der Preis hingegen schon.

Riecken und die Verlage II

Zur Fairness gehört es für mich, nicht nur zu schimpfen, sondern auch auf Verbesserungen und Reaktionen hinzuweisen. Auf dem Verlagssektor hat sich da in letzter Zeit doch einiges getan, was mich sehr freut.

  1. Der Verlag20 hat seine AGB recht grundsätzlich überarbeitet und ich sehe die Autorenrechte nach meiner laienhaften Lektüre nunmehr gestärkt. Man könnte hie und da immer noch meckern, aber den generellen Weg finde ich so schlecht nicht. Das Angebot ist recht breit und zumindest im Bereich Chemie gibt es recht schönes Material zurzeit sogar kostenlos zum Download – das wird sich aber ändern. Ich war kurz davor, einen kleinen Bot zu schreiben, der angemeldete Nutzer und tatsächlich produzierende Nutzer einmal statistisch auswertet – wahrscheinlich kommt da aber lediglich die übliche Verteilung (5% : 100%) bei herum. Die Plattform speist sich aus einem Verlags- und einem Autorenangebot. Für mich kommt eine Beteiligung dort nicht in Frage, weil es nicht unbedingt Geld ist, was mir im Leben fehlt und mir die Reichweite meines Blogs eigentlich voll und ganz genügt. Und für diese Reichweite ist es eben sehr wichtig, dass Texte von Suchmaschinen vollständig indiziert sind. Dagegen sträuben sich Verlage natürlich immer noch ziemlich – mein Material wäre dort also „outer space“. Und wer immer wieder gegen Apple wettert, darf sich konsequenterweise dann bei sowas nicht beteiligen :o)…
  2. Heute lag ein Freiexemplar „Wikis, Blogs und Podcasts“ von Will Richardson bei mir im Briefkasten. Gönnerhafter Spender ist TibiaPress. Vorausgegangen ist ein sehr netter und personalisierter Kontakt mit den Mitarbeitern dort. Mein Blog wird dort als Lehrerblog mit Screenshot ganz ein bisschen erwähnt. Allein deswegen sollte man das Buch kaufen. Öhm… Nein, natürlich nicht deswegen: Es gibt z.B. einen schönen „Rahmenvertrag“, der Eltern darüber aufklärt, warum sich z.B. das Bloggen mit einer Schulklasse lohnt. Es gibt viele Brückentexte, die erklären helfen, warum langhaarige Spinner wie ich mit Klassen bloggen, E-Portfolios betreiben und so anderes modernes Zeugs machen – z.B. für kritische KuK oder Eltern.

Achso – ich bekomme kein Geld für diesen Artikel. Wir werden das Know-How der Verlage noch eine Weile brauchen und es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass sich in den Chefetagen dort wirklich etwas tut. Fair finde ich immer die Auseinandersetzung mit bestehenden Versuchen und Experimentierfeldern, weil sie natürlich auch potentiell weitere Betätigungs- und Verdienstfelder für Lehrkräfte eröffnen, wenn die Plattformen dazu besser werden. Und vielleicht tut es uns selbst auch ganz gut, mit in normale wirtschaftliche Abläufe eingebunden zu sein.

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