In Deutsch auch einmal etwas Vor-schreiben

Auf einem Minitweetup mit Herrn Larbig sind wir irgendwie auf das Problem gestoßen, dass es z.B. in Mathematik oder Chemie üblich ist, Aufgaben oder Übungen durch die Lehrkraft vorzurechnen, um z.B. beispielhaft einen Lösungsweg zu zeigen, der dann bei analogen Aufgaben als Leitfaden dienen kann.

Im Fach Deutsch werden von SuS oft durchstrukturierte Texte verlangt. Im Idealfall übt man an vorgegeben Textbeispielen aus dem Lehrbuch – neuerdings auch mit Überarbeitungsaufgaben, d.h. der schlaue Lehrbuchautor hat im Qualitätsmedium Schulbuch extra ein paar Fehlerchen versteckt.

Wann aber schreiben Deutschlehrkräfte einfach einmal selbst einen Analyseteil, eine Inhaltsangabe oder eine Interpretation und thematisieren ihren Text mit der Lerngruppe?

Häufige Ausflüchte:

  1. Ich soll ja nichts lernen, sondern die SuS!
  2. Ich mache mich doch vor der Lerngruppe nicht angreifbar!
  3. Das dauert doch viel zu lange!
  4. Dann kann man mich doch festnageln!
  5. (dann sehen die SuS doch auch meine Unzulänglichkeiten …)

Ich habe mich heute getraut und meinen SuS etwas vor-geschrieben. Es handelte sich dabei um eine Analyse der Erzählhaltung zum Romananfang von „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Hier der Auszug:

Indem ich die Feder ergreife, um in völliger Muße und Zurückgezogenheit- gesund übrigens, wenn auch müde, sehr müde (so dass ich wohl nur in kleinen Etappen und unter häufigem Ausruhen werde vorwärts schreiten können), indem ich mich also anschicke, meine Geständnisse in der sauberen und gefälligen Handschrift, die mir eigen ist, dem geduldigen Papier anzuvertrauen, beschleicht mich das flüchtige Bedenken, ob ich diesem geistigen Unternehmen nach Vorbildung und Schule denn auch gewachsen bin. Allein, da alles, was ich mitzuteilen habe, sich meinen eigensten und unmittelbarsten Erfahrungen, Irrtümern und Leidenschaften zusammensetzt und ich also meinen Stoff vollkommen beherrsche, so könnte jener Zweifel höchstens den mir zu Gebote stehenden Takt und Anstand des Ausdrucks betreffen, und in diesen Dingen geben regelmäßige und wohl beendete Studien nach meiner Meinung weit weniger den Ausschlag, als natürliche Begabung und eine gute Kinderstube. An dieser hat es mir nicht gefehlt, denn ich stamme aus feinbürgerlichem, wenn auch liederlichem Hause; mehrere Monate lang standen meine Schwester Olympia und ich unter der Obhut eines Fräuleins aus Vevey, das dann freilich, da sich ein Verhältnis weiblicher Rivalität zwischen ihr und meiner Mutter – und zwar in Beziehung auf meinen Vater – gebildet hatte, das Feld räumen musste; […]
Unsere Villa gehörte zu jenen anmutigen Herrensitzen, die, an sanfte Abhänge gelehnt, den Blick über die Rheinlandschaft beherrschen. Der abfallende Garten war freigebig mit Zwergen, Pizen und allerlei täuschend nachgeahmtem Getier aus Steingut geschmückt; […]
Dies war das Heim, worin ich an einem lauen Regentage des – einem Sonntage übrigens – geboren wurde, und von nun an gedenke ich nicht mehr vorzugreifen, sondern die Zeitfolge sorgfältig zur Richtschnur zu nehmen. Meine Geburt ging, wenn ich recht unterrichtet bin, nur sehr langsam und nicht ohne künstliche Nachhilfe unseres damaligen Hausarztes, Doktor Mecum, vonstatten, und zwar hauptsächlich deshalb, wenn ich jenes frühe und fremde Wesen als »ich« bezeichnen darf – außerordentlich untätig und teilnahmslos dabei verhielt, die Bemühungen meiner Mutter fast gar nicht unterstützte und nicht den mindesten Eifer zeigte, auf eine Welt zu gelangen, die ich später so inständig lieben sollte.

(aus: Thomas Mann, Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der Memoiren erster Teil, Frankfurt/M.: Fischer 1989, S.7-13, gekürzt)

Und hier mein Arbeitsblatt dazu:

Vorschlag für einen Analysetext Funktion für die Analyse / Kommentare
Der vorliegende kurze Auszug aus dem Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, geschrieben von Thomas Mann, wird durch die Ich-Perspektive geprägt.
Der fiktive Ich-Erzähler gestaltet stellenweise den zeitlichen Aufbau der Handlung, z.B. wenn er sich selbst zur Räson ruft „nicht mehr vorzugereifen“ (Z.21). Er konstatiert, sich bei seiner eigenen Geburt „untätig und teilnahmslos“ (Z.25) verhalten zu haben. Sich erzählerisch noch in der Vergangenheit befindend, beschreibt er in eine Welt zu gelangen, die er „später so innig lieben sollte“ (Z.27).
Generell verfügt der Ich-Erzähler über detailliertes Wissen zu seiner Umwelt (Z.17 ff.) oder den sozialen Beziehungen innerhalb seiner Familie (Z.14 ff.).
Auch wenn es Textstellen gibt, in denen der Erzähler sehr auf die eigene Person zurückgeworfen ist (Z.2 ff.) überwiegen dennoch die Phasen, in denen er aktiv Einfluss auf das Geschehen nimmt und den Ablauf der Handlung beeinflusst. Seine Werturteile sind geeignet, die Wahrnehmung des Lesers zu lenken.
Klassisch handelt es sich dabei um Elemente einer auktorialen Erzählweise. Der Ich-Erzähler weist in seinem Handeln über sich als Person hinaus und erweckt lediglich die Fiktion des personalen Erzählens.
Dieses im gewissen Maß manipulative Vorgehen des auktorialen Ich-Erzählers lässt sich dem Verhalten  eines Hochstaplers zuschreiben. Dies wäre durch eine weitere Analyse des Textes zu prüfen.

Es kam natürlich die ein oder andere kritische Äußerung, aber es war insgesamt eigentlich gar nicht so schlimm. Die Ergebnisse haben wir kurz ausgewertet, um dann einmal zu versuchen, meine Version als Schablone auf einen anderen Romanauschnitt zu legen. Dieser wies einen eher personal geprägten Ich-Erzähler auf.

Als dritte Stufe (Hausaufgabe) gab es einen Input zu den Begriffen Erzählzeit und erzählte Zeit. Unter diesen Aspekten soll nun wiederum einer der beiden Romanausschnitte analysiert werden.

Ich habe auch schon einmal eine Kurzgeschichte selbst verfasst und als Klassenarbeitstext gegeben, kam mir dabei aber irgendwie blöd vor. Eigentlich verwunderlich: Immerhin trennen mich nur vier Wochen und eine gepimpte Staatsexamensarbeit vom damaligen Magister – da sollte man doch wohl schreiben können …

Narration, Diskurs und Geschichte

„Die Fahrt nach London war einfach total klasse. Das Hotel sah auf den Fotos ja schon ein wenig schäbig aus, naja, aber dann war es gar nicht so schlimm. Der der Tag in Oxford im Christ Church College hat mir besonders gut gefallen, das hätte man aber auch schon früher, so nach dem ersten Tag statt Mdm. Tussauds machen können. Die Stadtrundfahrt am zweiten Tag hingegen war toll. Auch dass wir am letzten Tag noch mal ausgiebig Zeit zum Shoppen hatten, hat mir gut gefallen.“

„London, naja, ging so. Die Stundrundfahrt war voll langweilig – echt wenig shocking. Das mit Mdm. Tussauds war ok, aber dann doch ein wenig teuer. Die Plätze im Musical am Abend hätten da echt besser sein können – naja, London ist ja scheißteuer. Ey – und der letzte Tag erst – nur in der Stadt herumlaufen. Man war ich froh, als wir endlich wieder im Bus chillen konnten. Einzig die große Halle von Harry Potter in Oxford war ja ganz nett. Cool, dass das in echt voll der Speisesaal ist, Krass.“

Hier erzählen zwei fiktive Schülerinnen oder Schüler von einer Londonfahrt. Es handelt sich um die gleiche Fahrt, dennoch sind ihre Gesprächsvorträge grundverschieden. Begrifflich bekommt man das gut durch ein strukturales Prinzip in den Griff. Jede Erzählung besitzt drei Ebenen:

1. Die Narration

Eine Erzählung wird uns durch einen in der Regel fiktiven Erzähler vemitteln, der uns seinen Bericht mehr oder minder einfärbt bzw. das Geschehen ggf. auch wertet. Das hat im Prinzip viel mit dem Begriff der Erzählhaltung zu tun. Bei den Beispielen haben wir einmal einen begeisterten und einmal einen eher unengagierten Erzähler vor uns. Beide transportieren neben den Sachinformationen weitere, jeweils unterschiedliche Aspekte.

2. Der Diskurs (discours)

Der Diskurs ist das, was wir tatsächlich lesen oder hören. Chronologie spielt dabei keine große Rolle. Ein Diskurs ist einfach nur der Text – oder eben der (hier fiktiv) mündliche Bericht.

3. Die Geschichte (histoire)

Durch den Diskurs bauen wir uns als Leser oder Hörer die Geschichte zusammen, d.h. wir ordnen das Erzählte chronologisch. Das kann man schön bei Krimis sehen, die dadurch funktionieren, wesentliche Teile der Geschichte bis zum Schluss offen zu lassen.

 Was hilft’s?

Mir macht es noch einmal deutlich, worin sich moderne und postmoderne Texte deutlich voneinander unterscheiden. Die Postmoderne entkoppelt Diskurs und Geschichte oft in einer Art und Weise, dass sich ihre Texte normalen (in Schule meint das: hermeneutischen) Analysevrfahren entziehen, bzw. genau das zu ihrem Konstruktionsprinzip erheben. Dazu kommt gelegentlich ein Erzähler (eine Narration), der nicht vertrauenswürdig ist und sich in teilweise sogar Widersprüche verwickelt. Solche Texte bekommt man mit diesem Grundgerüst besser in den Griff – anwenden lässt sich das generell aber auf jeden Text.

Mir ist dabei auch bewusst geworden, dass eine „Inhaltsangabe einer Kurzgeschichte“ ja im Wesentlichen „nur“ fordert, die Geschichte sachlich herauszuarbeiten. Der Schwierigkeitsgrad steigt dabei umso mehr, je weiter Diskurs und Geschichte in einem Text auseinanderdriften. Das lässt sich schön mit zwei Zeitstrahlen zeigen, von denen einer die wichtigsten Ereignisse des Diskurses z.B. nach Seitenzahlen abbildet, während der andere selbige chronologisch ordnet: Durcheinander von Ereignissen vs. Durcheinander von Seitenzahlen.

Die Sprache klingt so fließend…

In der Tat:

In blauen Duft gehüllt, lag das Kloster unter mir im Tale; der frische Morgenwind rührte sich und trug, die Lüfte durchstreichend, die frommen Gesänge der Brüder zu mir herauf. Unwillkürlich stimmte ich ein. Die Sonne trat in flammender Glut hinter der Stadt hervor, ihr funkelndes Gold erglänzte in den Bäumen, und in freudigem Rauschen fielen die Tautropfen wie glühende Diamanten herab auf tausend bunte Insektlein, die sich schwirrend und sumsend erhoben. Die Vögel erwachten und flatterten, singend und jubilierend und sich in froher Lust liebkosend, durch den Wald! – Ein Zug von Bauerburschen und festlich geschmückter Dirnen kam den Berg herauf. »Gelobt sei Jesus Christus!« riefen sie, bei mir vorüberwandelnd. »In Ewigkeit!« antwortete ich, und es war mir, als trete ein neues Leben voll Lust und Freiheit mit tausend holdseligen Erscheinungen auf mich ein! – Nie war mir so zumute gewesen, ich schien mir selbst ein andrer und, wie von neuerweckter Kraft beseelt und begeistert, schritt ich rasch fort durch den Wald, den Berg herab.

aus: „Die Elixiere des Teufels“ (E.T.A. Hoffmann)

Die Empfindung des Sprachflusses stimmt für mich. Aber woran liegt das eigentlich? Ok, da wären:

  • Vergleiche, z.B. „wie glühende Diamanten“
  • Metaphern, z.B. „ihr funkelndes Gold“
  • Personifikationen, z.B. „der frische Morgenwind […] trug“
  • es gibt kaum Substantive ohne Attribut
  • es wimmelt von Partizip-I-Formen, z.B. „durchstreichend“, „schwirrend“, „sumsend“

… aber als das mag mehr als Hinweis für einen recht ausschweifenden, aufgeblähten, euphorischen Sprachstil dienen, einer überschwänglichen Wahrnehmung und epochentypischen Idealisierung der Natur.

Es gibt eine Wortart, die nicht vorhanden ist und in sachlichen, durchdachten Texten eine große Rolle spielt: Die Konjunktion. Bis auf das beiordnende „und“ ist nichts vorhanden außer größtenteils asyndetischen Satzanschlüssen. Darin sehe in den „Fluss“ manifestiert.

Wir bringen SuS bei der sprachlichen Analyse sehr oft bei, auf alles Mögliche zu achten. Aber auch das Fehlende, nicht Eingesetzte, nicht Vorhandene kann ein wichtiger Baustein für eine sprachliche Analyse sein. Das erschließt oft aber erst durch einen Paralleltext.

Frühlings Erwachen, Aufklärungsszene

Frau Bergmann Denk dir, Wendla, diese Nacht war der Storch bei ihr und hat ihr einen kleinen Jungen gebracht.

[…]

Wendla Ein Mann, Mutter – dreimal so groß wie ein Ochse! – mit Füßen wie Dampfschiffe…!

Frau Bergmann (ans Fenster stürzend) Nicht möglich! – Nicht möglich! –

2. Akt, 2. Szene

Diese beiden Textstellen stehen nicht zusammen, sondern sind durch ca. eine Seite Text eines recht sprunghaften Dialoges voneinander getrennt. Schüler, 9. Klasse (sinngemäß):

„Also Wendla macht doch hier genau das Gleiche, was die Mutter mit ihr macht. Sie tischt ihr eine Lügengeschichte auf und an der Mutter lässt sich erkennen, wie eine normale Reaktion darauf aussehen muss: Unglauben. Spannend ist doch auch, dass Wendla hier einen Rollenwechsel vornimmt: Sie handelt wie ihre Mutter, spiegelt quasi ihr Verhalten.“

Tatsächlich klärt Frau Bergmann ihre Tochter nicht auf, sie bekommt die „Influenza“ (Schwangerschaft) , die durch Frau Schmitter „geheilt“ (Abtreibung) werden muss – an den Folgen dieser „Heilung“ (Infektion) wird Wendla sterben.

Da wir uns dem Thema Interpretation erst langsam nähern, hat mich insbesondere dieser für mich sehr neue Denkansatz zum „Knacken der Szene“ umgehauen – so sehr, dass ich ihn hier einfach festhalten muss.

Ich kann den Text für eine leistungsstarke 9. Klasse immer wieder empfehlen, weil man sich in dem betreffenden Alter noch heute „so verhält“ wie teilweise die Figuren des Dramas. Und wie man sieht, lässt sich daran eine Menge zeigen, weil es einfach inhaltlich, sprachlich und formal schön geschrieben ist.

Filmanalyse

… ist im Fach Deutsch demnächst ein verbindlich vorgeschriebenes Thema für die Oberstufe hier in Niedersachsen. Mit Titelvorschlägen wie „Lola rennt“, „Matrix“ wird ein Bemühen um Aktualität erkennbar, das gerade beim Medium Film aber m.E. gar nicht so wichtig ist. Natürlich stehen da auch die in meinen Augen stinklangweiligen Literaturverfilmungen, die über den eigentlichen Text nie hinauskommen werden, geschweige denn dessen Qualität in irgendeiner Form erreichen – das wird also nur eine Defizitanalyse.

Ich zeige in letzter Zeit in der Oberstufe nach gescheiterten Experimenten wie Monty Python hin und wieder diesen „nativen“ Film von Hal Ashby:

Allein mit diesem Bild könnte ich eine Doppelstunde füllen: Der junge Mann aus reichem Hause sitzt mit seiner ungefähr 45 Jahre älteren Geliebten aus der unteren Schicht auf einem Schrottplatz an der Autobahn und genießt den Sonnenuntergang. Wie viele Brüche auf wie vielen Ebenen haben wir hier? Und es geht ja weiter:

Die Nummer auf dem Arm der Frau versteht heute kaum noch jemand. Das Liebespaar sitzt in einer zerstörten Welt, die im Heranzoomen der Kamera verschwindet, um dann unvermittelt in der Nummer wieder aufzutauchen. Leid und Liebe, Gesellschaft und Individualität, Lebensentwürfe usw.: Harold und Maude. Muss man sehen, muss man kennen, muss man schauen, wenn man meint: „Och, alles ist Mist und mir geht es sooooo schlecht“. So schlecht finden viele SuS erstaunlicherweise diesen Film gar nicht…

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