Aktive Medienkompetenz

Vor ungefähr einem Jahr habe ich einen Moodlekurs für unsere Schule zum, Thema Medienkompetenz entwickelt, der im Wesentlichen diesem Modell folgt:

Tenor:

Man muss überlegen, welche Daten man von sich öffentlich preisgibt und welche nicht. Dazu gilt es, Filtermechanismen zu entwickeln. Ich halte dieses Filtermodell nicht für überholt, jedoch bedarf es einer nicht ganz unwesentlichen Modifikation, weil es von der Annahme ausgeht, dass allein ich Informationen über mich im Netz einstelle – das ist jedoch falsch: Tatsächlich ergibt sich eher ein „Haufenmodell„:

Über mich sind Informationen im Netz zu finden, ohne dass ich aktiv etwas dazu beitrage – das merkt jeder, der sich z.B. bei Facebook neu registriert und faszinierend sinnvolle Freundschaftsvorschläge erhält. Unser Kaufverhalten ist durch Bonuskartensysteme und EC-Kartenmkäufe wahrscheinlich gut gescored usw.

Das Filtermodell wirkt allein auf die rechte Seite des Haufenmodells. Entscheidend ist das Verhältnis von Fremd- und Eigeninformationen über mich. Ich kann die linke Seite in ihrem Inhalt nicht kontrollieren. Ich kann jedoch zu ihr eine Relation aufbauen, wenn ich mich aktiv um die rechte Seite kümmere, das von mir einspeise, was mir wahrscheinlich nützen wird.

Modelle, die nur warnen, sensibilisieren, vielleicht gar verteufeln, greifen für mich daher im Bereich der Medienerziehung mittlerweile viel zu kurz.

Sexuelle Aufklärung

Ich habe diese Woche eine schöne Rückmeldung per E-Mail zu einem meiner ganz alten Artikel erhalten: Schon seit zehn Jahren dürfte der Beitrag „Gemischtes Schlafen auf Freizeiten“ im Netz stehen – das Alter merkt man dem Teil auch deutlich an. Rechtlich hat sich seitdem gar nicht so viel verändert, außer dass der Gesetzgeber homosexuelle Kontakte mittlerweile den heterosexuellen rechtlich angeglichen hat und auch nicht mehr zwischen den Geschlechtern unterscheidet.

Ich könnte zu dem Thema eine Menge mehr schreiben, weil es so ambivalent ist:

  • Einerseits grinsen uns von jedem Plakat Sixpacks und potentielle Milchverpackungen an, anderseits kommt es immer noch zu Schwangerschaften bei Kindern.
  • Einerseits schimpft Deutschland oft über die „prüden Amerikaner“, andererseits zieht man sich am Strand eigentlich nur noch Sachen über die nassen Sache „drüber“ oder die Badebekleidung eben gleich „drunter“ – absolut hygienisch im Sommer.
  • Immer noch legen wir in der Schule den Schwerpunkt auf „Geschlechtsakt-“ statt auf Aufklärungsunterricht, obwohl in Zeiten des Cyber-Groomings und Anspruchswolkenkratzern hinsichtlich der Partnerfindung und des eigenen Körperbildes gerade durch die Werbung auch noch ganz andere Dinge wichtig wären.

Vielleicht sollte man wirklich in der Schule mehr zum Thema „sexualisierte Sprache“, „sexuelle Abgrenzung“, „Selbstbehauptung“, „Loslassen“, „Sexualisierte Werbung“, „Mein Körper und ich“  und so Kram machen. Das alles gab es zu Zeiten, in denen ich noch als Teamer Klassentagungen geleitet habe, ziemlich oft, und es hat allen auch immer sehr viel Spaß gemacht. Das System Schule scheint mir jedoch für die dafür erforderliche pädagogische Nähe nicht ausgelegt.

Wesentlicher Teil unserer Tagungen war eine Übung, die da hieß „Fragen an das andere Geschlecht“ (ging nicht mit jeder Schulklasse und erst recht nicht mit jeder Begleitlehrrkraft):

Die Jungen durften sich sechs Fragen an die Mädchen, die Mädchen sechs Fragen an die Jungen ausdenken. Fünf Fragen mussten bearbeitet, eine durfte abgelehnt werden. In einem Reverse-Fischbowl (eine Gruppe sprach in der Mitte über die Fragen, die andere saß mit dem Gesicht zur Wand um sie herum) diskutierten dann z.B. die Mädchen unter Moderation einer Teamerin über die Fragen der Jungen und später dann umgekehrt. Höhepunkt bildete immer ein letzte Runde: „Fragen an die Erwachsenen“ (Teamer unter sich im Reverse-Fischbowl, ging auch nicht in jedem Team…).

Am meisten Spaß bei dieser Übung hatten wir übrigens an dem Wochenende, an dem die Teamerinnen und Teamer sie im Rahmen ihrer Ausbildung selbst ausprobiert und erlebt haben… In Schule könnte ich mir so etwas zur Zeit eher nicht vorstellen, eher im externen Bereich – obwohl: Auch das könnte witzig und lehrreich werden…

Suchtprävention „Alkohol“

Im Rahmen des schulinternen Präventionskonzeptes wurde in dieser Schulwoche von den Klassenlehrern der 8. Klassen vier Tage lang die ersten beiden Stunden zum Thema „Sucht“ mit dem Schwerpunkt auf „Alkohol“ gestaltet. Die Mitglieder des Präventionsteams haben dazu in Kooperation mit einer lokalen Beratungsstelle methodische Bausteine entwickelt, die in ihrer Abfolge erstmalig zum Einsatz kamen. Die Bausteine konnte man entweder 1:1 umsetzen oder auch etwas Eigenes machen. Da mir persönlich dieses Thema sehr wichtig ist und ich ja auch schon über zehn Jahre Erfahrung in der Jugendarbeit habe, koche ich bei sowas immer gerne mein eigenes Süppchen. Ich bin dazu folgendermaßen vorgegangen und habe sehr viele Ideen aus dieser Arbeitshilfe der Fachstelle für Suchtprävention (VIVID) aus Österreich übernommen, die alles Wesentliche prägnant und praxisorientiert zusammenfasst – habe natürlich aber auch ideenmäßig sehr viel im vorbereiteten Material unseres Präventionsteams gewildert.

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Ich bin ein schlechter Lehrer…

Dies ist ein fiktiver Artikel. Alle Schicksale und Namen sind erdacht. Das Allermeiste habe ich durch (Blog-)beiträge anderer Lehrer und Eltern(-foren) aufgeschnappt. Die Zahl 180 SuS ist für den gymnasialen Bereich realistisch, da das Deputat bei voller Stelle in etwa 6-7 Lerngruppen umfasst. Die systemkundigen Leser mögen beurteilen, ob die folgende Zusammenstellung irreal ist.

Die Ich-Form ist bewusst gewählt, um ein Identifkationsangebot zu schaffen. Der Ich-Erzähler des Textes ist selbst eine Fiktion und hat mit dem Autor (mir) nicht alles gemein – also nur das Gute…

Die SuS (keine Extremfälle):

  1. Petra hat AD(H)S. Sie kann sich nicht konzentrieren. Sie kann sich nur helfen, indem sie sich bewegt, indem sie laut ist, indem sie auffällt. Petra kann dafür nichts.
  2. Ulrich ist hochbegabt und ständig unterfordert. Ulrich fällt auf, wird zornig, stört. Ulrich geht mich vor der Klasse verbal an.
  3. Constanze ist still. Constanze schreibt hervorrragende Arbeiten, trägt zum Unterricht jedoch nichts bei. Bei Constanze müsste ich eigentlich ganz oft die Hausaufgaben nachschauen.
  4. Hussein kommt aus einem Haushalt, in dem der Mann alles und die Frau nichts zählt. Meine Kolleginnen quälen sich mit Hussein.
  5. Chloé ist sozial hoch engagiert. Sie setzt sich ständig für die Klasse ein, sagt mir, was aus ihrer Sicht schiefläuft, wo es brennt – mit Kolleginnen und Kollegen, in der Klasse. Ihr fehlt ein wenig Empathie und Redetechnik. Da müsste man sie fördern.
  6. Petr kommt aus einem klischeehaften(!!!) Spätaussiedlerhaushalt. Er kann keinen guten Aufsatz schreiben, weil zu Hause nur russisch gesprochen wird. Viele Worte versteht er einfach nicht. Petr bräuchte dringend Deutschförderunterricht.
  7. Haakon verhält sich unauffällig. Haakon entwickelt in Tests sehr eigenständige, hochinteressante Lösungsansätze, die er allein methodisch nicht sinnvoll zu Ende führt. Auf einen Dreier kommt Haakon immer. Man sieht Haakon aber an, dass er damit nicht zufrieden ist, dass er denkt: „Da muss doch noch mehr sein!“. Man müsste ihm mehr bieten.
  8. Martina ist ein hübsches Mädchen. Sie sagt von sich, dass sie für Naturwissenschaften eh zu dumm ist. Martina legt eher wert auf Mode. Martina glaubt nicht an sich. Martina liest keine Hausaufgabe vor, ohne vorher zu betonen, dass ihr Text schlecht ist oder irgendwelche Macken hat. Martina braucht dringend Unterstützung im Bereich Selbstbehauptung – vielleicht hilft Martina auch schon Mann-, äh: Frauschaftssport.
  9. Georginas Eltern haben sich kürzlich scheiden lassen.
  10. Cynthia war lange krank.
  11. … (bitte hochzählen bis 180)

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1. Reflexion: Moodlekurs zur Medienerziehung

Vor ca. zwei Wochen habe ich meinen Kurs zur Medienbildung vorgestellt. Wir setzen ihn in dieser Woche gerade bei uns in der Schule lerngruppenübergreifend ein, was insbesondere ein deutliches Plus für die integrierten Aktivitäten (Chat, Forum) ist. Hier kommt es sogar teilweise zu lerngruppenübergreifenden Diskussionen. Einige SuS nutzen den Kurs sogar in ihrer Freizeit, um weiterzudiskutieren – das Konzept funktioniert also prinzipiell. Desweiteren habe ich bei drei unterschiedlichen Klassen, die ich im PC-Raum erlebt habe, kaum wahrgenommen, dass etwas anderes als die Aufgaben während der 90-minütigen Doppelstunde bearbeitet worden ist. Der Einsatz von Film und Text bietet offenbar genügend Abwechslung für 7. Klassen.

Nicht überrascht hat mich, dass Jasper gerade bei den Mädchen am besten ankam, Die kreative Leistung von Fabsi wurde dagegen kaum gewürdigt. Nunja. Die Erfahrungen dieses Kurses sollen ja eh noch in einer nachfolgenden Stunde nachbereitet werden… Auch so manche Diskussionskultur.

Die Umfrage

Der erste Baustein enthält eine kleine, anonyme Umfrage – hier einige, m.E. bemerkenswerte Ergebnisse:

  1. Durchschnittlich verbringen unsere SuS der 7. Klasse 1,85 Stunden täglich im Internet
  2. 53% bereiten ihre Hausaufgaben mit Hilfe des Netzes vor
  3. 73% haben schon einmal ein Foto von sich veröffentlicht, immerhin 28% schon ein Video
  4. 23% haben schon schlechte Erfahrungen im Netz gemacht (Beleidigungen, Betrügereien etc.)
  5. 45% geben an, dass sie bereits eigene Texte im Netz erstellt/veröffentlicht haben (inkl. Forenposts)
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