Elternvorträge zur Handy- und Internetnutzung

Ich habe in den letzten Wochen zwei Vorträge zum Thema Handy- und Internetnutzung vor jeweils ca. 60 Personen gehalten. Die Veranstaltungen wurden in beiden Fällen ausgiebig beworben – einmal sogar durch einen Radiospot und es gab immer konkrete Vorfälle im Bereich „Sexting“, aufgrund derer ich von Kollegen gefragt und angesprochen worden bin. Ich nutze für den Vortrag diese Prezi, vorwiegend jedoch mich als Person und Dinge wie Kontakt zum Publikum:

Phase 1:

Ich stelle mich in meinen Funktionen und Rollen kurz vor: Medienberater, Lehrer, Blogger und Internetnutzer, Familienvater. Ich mache das bewusst.

Als Medienberater habe ich sehr viel mit unterschiedlichen Schulen und Schulformen und deren spezifischen Herausforderungen zu tun. Aus der „gymnasialen Warte“ stellt sich manches etwas eingefärbt dar.

Als Blogger erfahre ich viel im und profitiere stark von „diesem Internet“. Ich stelle heraus, dass meine Art zu unterrichten viel mit dem Netz zu tun hat.

Als Vater von gar nicht einmal so wenigen Kindern (4,6,8,10,12 Jahre) bin ich täglich mit Herausforderungen im Bereich der „Bildung mit Medien“ konfrontiert (wir bevorzugen hier zu Hause übrigens eine möglichst medienarme Erziehung und fahren damit bisher ganz gut – eigentlich dürfte es Menschen wie mich nach Ansicht so mancher Web2.0er gar nicht geben – meine Jugend war weitgehend frei von virtuell vermittelter Vernetzung bzw. Realität, ich glaube, dass ich das trotzdem irgendwie hinbekomme). Gerade im Umgang mit Eltern profitiere ich davon, zunehmend mehr eigene schulpflichtige Kinder zu haben.

Phase 2:

Im Wesentlichen geht es um drei Gedanken:

  1. Ein Handy ist kein Telefon. Kinder und Jugendliche machen damit alles – außer zu telefonieren. Das ist für manch einen überraschend.
  2. Ein Handy enthält umfangreichere und sensiblere Informationen als das gute, alte Tagebuch. Dementsprechend heftig wird es gegen Zugriffe oder Zugriffsversuche von außen verteidigt werden. Man greift als Elternteil in einen essentiellen Teil des Lebens eines Jugendlichen ein, wenn man die Hand auf das Handy legt.
  3. Ein Handy wird tatsächlich zu einer Menge sehr nützlicher Dinge verwendet, z.B. zu schulischen Zwecken.

Phase 3:

Ich thematisiere Sexting, Pornographie und stellvertretend für eine ganz Reihe von „Angeboten“ auch Dinge wie Anorexie- und „Borderlineforen“ (als Sammelbegriff für virtuelle Treffpunkte von Menschen mit dissoziativen Störungen). Ich weise daraufhin, dass keine dieser Erscheinungen die Erfindung von Kindern und Jugendlichen, sondern lediglich Adaptionen aus der Erwachsenenwelt sind. Cybermobbing lasse ich bewusst außen vor, da dieses Feld schon intensiv beackert wird.

Phase 4:

Ein Kerngedanke ist der folgende: Niemand würde einen Vierjährigen auf einem Fahrrad im Dunkeln einen unbekannten Weg fahren lassen und dabei erwarten, dass alles glatt geht. Im übertragenen Sinne passiert das aber meiner Ansicht nach oft im Bereich der Handynutzung: Das Gerät liegt unter dem Weihnachtsbaum und das war es dann oft auch schon an Begleitung. Umgekehrt würden niemand ernsthaft Kindern und Jugendlichen das Fahrradfahren verbieten – dafür bietet es neben den Gefahren einfach zu viele Vorteile.

Phase 5:

Kerngedanke: Auch der Umgang mit dem Handy braucht Begleitung und Interesse. Dieses Interesse sollte sich nie auch konkrete Inhalte, sondern allenfalls auf Apps beziehen, weil das Handy eben hochgradig essentielle Funktionen für eine Jugendlichen hat. Vielleicht lässt sich so Stück für Stück Vertrauen aufbauen, so dass sich Kinder mit anstößigen Inhalten eher an Erwachsene wenden.

Phase 6:

Mit ein paar Impulsen versuche ich nach ca. 45 Minuten ein Gespräch im Publikum zu initiieren. Dabei sind interessante Dinge geschehen, z.B. bemerken Eltern, dass sie mit ihren Problemen im Umgang mit diesen Geräten bzw. deren „Reglementierung“ nicht alleine sind (es kommen zu solchen Abenden zumeist eh eher die engagierten Eltern). Es ist keine Schande, hilflos zu sein, keine Patentrezepte zu haben, da gerade im Bereich des Internet gesellschaftlich und politisch noch vieles nicht ausgehandelt ist. Die Hilflosigkeit entbindet aber nicht davon, etwas zu tun. Die Frage, ob es z.B. „gut“ ist, Nacktbilder weiter zu verteilen, ist zunächst einmal ja keine technische.

Ich kann auf solchen Veranstaltungen immer Visitenkarten verteilen und komme mit Schulen in Kontakt. Daraus erwächst dann manchmal eine intensivere Zusammenarbeit. Viele für mich in meiner Arbeit relevanten Akteure befinden sich nicht täglich in „diesem Internet“ und wären daher für mich dann nicht erreichbar.

 

Sexting – abstrakter Trend oder Realität?

In zunehmenden Maße findet das Thema Sexting mediale Aufmerksamkeit:

Sexting ist die private Verbreitung erotischen Bildmaterials des eigenen Körpers über Multimedia Messaging Services (MMS) durch Mobiltelefone. Das aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum stammende Kofferwort setzt sich aus Sex und texting (engl. etwa: „Kurzmitteilungen verschicken“) zusammen.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Sexting

Eine Dokumentation zu möglichen Ursachen ist in der Mediathek von 3Sat hoffentlich noch etwas länger abrufbar:

http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=38615

Dadurch ist mir klar geworden, dass es sich um ein reales und kein medial erdachtes Phänomen handelt. Mir ist auch klar geworden, wie wichtig es genau an dieser Stelle ist, das Thema offensiv anzugehen, weil die Folgen für die Betroffenen wahrscheinlich kaum absehbar sind.

Es gibt erste Ratgeber und Berichte darüber, wie Erwachsene sich verhalten sollen, wenn sie durch ihre Kindern mit diesem Thema konfontiert werden:

Ich gehe davon aus, dass Kinder und Jugendliche Dinge immer früher machen und dass sie es zunächst weitgehend unbemerkt von ihrem Elternhaus tun – gerade auf dem Feld der Sexualität.

Der rechtliche Rahmen ist in Deutschland auch interessant – ich habe mal die für mich besonders bemerkenswerten Stellen fett gesetzt.

Nach § 184b StGB ist die Verbreitung von „kinderpornografische[n] Schriften“, das sind pornografische Darstellungen von sexuellen Handlungen von, an oder vor Personen unter 14 Jahren, strafbar. Im Falle von Darstellungen tatsächlicher Geschehen oder wirklichkeitsnahen Darstellungen ist bereits der Besitz strafbar. In einer separaten Vorschrift § 184c werden analog dazu auch Verbreitung und Besitz von „jugendpornografischen Schriften“, die sich auf sexuelle Handlungen von, an oder vor Personen von 14 bis 18 Jahren beziehen, unter Strafe gestellt, allerdings ist dabei das Strafmaß generell geringer, der Besitz von nur wirklichkeitsnahen Darstellungen ist nicht strafbar und für einvernehmlich hergestellte Jugendpornografie gibt es eine Ausnahme von der Besitzstrafbarkeit für Personen, die als Minderjährige selbst an der Produktion beteiligt waren.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderpornografie#Deutsches_Recht

Das minderjährige Pärchen darf also derartiges Material von sich besitzen – der Gesetzgeber traut diesen einen verantwortungsvollen Umgang damit zu. Ich hätte da generell so meine Bedenken, da es ja gerade in diesem Alter auch Beziehungen geben soll, die nicht in Harmonie enden. Was geschieht dann in Affektsituationen mit diesem Material? Wird ein dermaßen „bestücktes“ Handy jemals in die Hand von Eltern oder anderen Vetrauenspersonen gelangen?

Weiter:

Nach bisheriger Rechtsprechung ist Pornografie, auch in der Ausprägung als Kinderpornografie, nur dann anzunehmen, „wenn eine auf die sexuelle Stimulierung reduzierte und der Lebenswirklichkeit widersprechende, aufdringlich vergröbernde, verzerrende und anreißerische Darstellungsweise gewählt wird“ und „wenn unter Ausklammerung aller sonstigen menschlichen Bezüge sexuelle Vorgänge in grob aufdringlicher Weise in den Vordergrund gerückt werden sowie ihre Gesamttendenz ausschließlich oder überwiegend auf das lüsterne Interesse an sexuellen Dingen abzielt“

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderpornografie#Deutsches_Recht

und nochmal, womit wir beim Sexting wärenl:

Seit der Änderung des § 184b StGB vom 31. Oktober 2008, in Kraft getreten am 5. November 2008, ist auch das Verbreiten, Besitzen etc. sogenannter Posing-Fotos grundsätzlich strafbar. Gemeint sind damit Fotos mit Abbildungen von Kindern, die ihre unbedeckten Genitalien oder ihr unbedecktes Gesäß in „aufreizender Weise zur Schau stellen“. Derartiges Zur-Schau-Stellen erfüllt regelmäßig die Tatbestandsalternative „sexuelle Handlungen von Kindern“ in § 184b Abs. 1 StGB (neue Fassung).

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderpornografie#Deutsches_Recht

Es soll ja diese sozialen Netzwerke und WhatsApp geben, bei denen das Teilen von Fotos nur einen Fingerwisch weit entfernt ist.

Noch mehr Fragen:

  1. Vielleicht bin ich blöd, aber stellt nicht genau dieses Teilen eine Art von Verbreitung dar?
  2. Wie entscheidet ein jugendlicher Smartphonebesitzer darüber, ob die abgebildete Person vor dem Gesetz ein Kind oder jugendlich ist?
  3. Wie ist gewährleistet, dass nicht auch Kinder (also Menschen unter 14 Jahren) Sexting betreiben? Smartphone und WhatsApp-Account genügen.
  4. Welchen Reiz haben derartige Bilder für einschlägige kinderpornographische Kreise?
  5. Was sagt allein die Weiterleitung solcher Bilder über a) das Reflexionsvermögen und b) die Medienkompetenz Jugendlicher aus?
  6. […]

Vielleicht(!) dürfte man sich unter Zeugen (jeweils anderes Geschlecht!) solche Bilder noch zeigen lassen. Schon die Recherche danach führt u.U. aber schon zum Besitz von kinderpornographischem Material (egal, ob ich ein Mann oder eine Frau bin).

Am ehesten kommen m.E. hier die Eltern im Rahmen ihrer Erziehungs- und Fürsorgepflichten als primäre Akteure in Betracht.

So oder so ist das nicht unsere Koppel, sondern das Feld von Profis.

Bei einigen Profis wiederum fürchte ich, dass das Fehlen des üblichen Musters

Sich als Kind ausgebender Pädophiler nötigt im Chatraum Kind zum Blankziehen und verwendet diese Bilder dann in kinderpornographischen Tauschbörsen.

für Verwirrung sorgen dürfte. Im Extremfall reden wir hier von Gewalt von Kindern gegen Kinder oder von Gewalt Jugendlicher gegen Kinder oder Jugendliche.

Was die Veröffentlichung solcher Bilder gerade für einen Heranwachsenden bedeutet und welche Folgen (suizidale Tendenzen) das im Extremfall haben kann, dürfte hinlänglich bekannt sein.

Was würdet ihr also tun, wenn ihr mit dieser Problematik entweder als Eltern oder Lehrer konfrontiert seid?

Meine Idee ist Öffentlichkeit. Eine Schule, die sich allein zu diesem Problem bekennt, geht jedoch ein immenses Risiko ein. Deswegen sollten idealerweise mehrere Schulen zusammen handeln und z.B. in Form eines Berichts oder einer Zeitungsanzeige in die Öffentlichkeit gehen – idealerweise über Schulartgrenzen hinweg.

Vielleicht lassen sich auf diese Weise Menschen für eine von Profis organisierte Veranstaltung gewinnen, die über die Gefahren des Sextings aufklärt und Raum für Fragen lässt. Auf dieser Veranstaltung müsste idealerweise auch eingefordert werden, dass Eltern von betroffenen Kindern ein Recht darauf haben zu erfahren, was gerade geschieht.

Übrigens:

Ich denke nicht, dass „das böse Internet“ daran schuld ist oder „das böse Smartphone“. Es ist die Haltung von Menschen. Vielleicht überschätzen wir manchmal aber auch gerade Kinder in ihrer Fähigkeit zwischen „öffentlichkeitsgängig“ und „nicht öffentlichkeitsgängig“ zu unterscheiden. Smartphones sind Türen zur Öffentlichkeit. Ist das eigene Kind da immer so kompetent und fähig, wie ich mir es wünsche? Ist es völlig frei von „Gruppendynamiken“ und Endorphinausbrüchen, die eine spontane Situation auszulösen vermag? Das Foto ist einen Fingerwisch weit weg. WhatApp einen weiteren. Keine SD-Karte muss in einen Rechner gesteckt, kein Film zum Entwickeln gebracht werden – wie in der guten, alten Zeit …

Was bedeutet für mich Bildung?

Ich komme selten dazu, schlaue geisteswissenschaftliche Abhandlung zum Bildungsbegriff zu lesen. Ich kann mich nicht mit großem, fundiertem Wissen zu Bildungstheorien anderer schlauer Leute schmücken. Aber neulich kam mir ein Gedanke für eine Analogie, die meinen persönlichen, völlig unwissenschaftlichen Bildungsbegriff recht gut beschreibt, der sich aus privaten und beruflichen Quellen speist. Ich schaue dabei immer wieder auf meine Bildungshistorie und vor allem auf die Rolle von Schule und Universität.

Bildung hat für mich zwei wesentliche Komponenten. Struktur und Inhalte. Ich sehe diese beiden Komponenten einzeln als völlig wertlos an. Sieht man das Verhältnis zwischen beiden als dichotomisch an, so wird ein Schuh daraus.

Das ist ähnlich wie ein Lager (Struktur) mit Paketen (Inhalte). In einem Lager befinden sich Regale. Vielleicht fahren da auch Roboter hin und her, die von einem komplizierten Steuerungssystem betrieben werden. Vielleicht machen das Menschen – wir haben hier vor Ort einen Laden, bei dem man beim ersten Hinsehen nicht vermuten könnte, dass es eine Struktur gibt – aber sie ist vorhanden (und ermöglicht sogar das Auffinden eines Känguruh-Halfters nach Jahrzehnten). Unnötig zu erwähnen, dass dieser Laden ohne einen Internetauftritt auskommt.

In jedem Lager befinden sich Pakete, die innerhalb der Struktur einen Platz besitzen und meist auch irgendwann eine Funktion erfüllen. Wenn es keine Pakete gibt, ist der Betrieb des Lagers als Selbstzweck irgendwie doof. Wenn es keine Lagerstrukturen gibt, wird es mit der Verwertbarkeit der Pakete schnell schwierig. Lager und Pakete gehören also zusammen wie die zwei Seiten eines Blatts Papier – ein dichotomisches Verhältnis.

Ein modernes Lager organisiert sich heutzutage übrigens immer neu, besitzt also im Prinzip wenig feststehende Strukturen. Einzelne Pakete oder „Wissensartefakte“ sind da weniger dynamisch – wobei es natürlich immer auf das Wissensgebiet ankommt.

Beispiele für Strukturerwerb

Ich habe früher mal Jugendarbeit gemacht, unter anderem auch Freizeitarbeit. Ich war in einem Jahr der Älteste und Erfahrenste in einem Team. Wenn es Regeln durchzusetzen galt, musste ich das machen. Ich hatte nach einer Woche das Gefühl, bei den Teilnehmenden völlig unten durch zu sein. In der abendlichen Reflexion mit anderen Teamern gab es dann eine interessante Hypothese: Die Teilnehmer hassten nicht mich, sondern das was ich tat. Ob es so war, weiß ich nicht. Ich habe in der Situation jedoch den Unterschied zwischen Rolle und Person begriffen und konnte diese Struktur dann später in mein „Lager“ als gundlegende Organisationsform integrieren. Sie hilft mir heute in meiner Tätigkeit als Lehrkraft wie auch in Beratungsprozessen – man kann vor dieser Folie Verhalten anders einordnen.

Weiterhin gibt es in der Chemie ein didaktisches Konzept namens „Donator-/Akzeptorprinzip“. Die grundsätzliche Struktur dabei ist, dass Teilchen von A nach B übertragen werden. Man kann mit diesem Konzept schon sehr früh beginnen. Im Laufe des Chemieunterrichts ändert sich eigentlich „nur“, dass der Aufbau von A, B und dem Teilchen immer komplizierter wird. Das Prinzip bzw. die Struktur „Donator/Akzeptor“ bleibt jedoch. Ohne diese Struktur müsste man jedes Paket einzeln in ein Regal tragen und würde gar nicht sehen, dass man sie ggf. platzsparend ineinanderstapeln kann und damit Mengen an intellektueller Kapazität blockieren.

Beispiele für den Paketerwerb

Es gibt manchmal die Situation, dass man bestimmte Pakete braucht bzw. besitzen muss, um die Notwendigkeit zu sehen, dass diese gelagert werden müssen oder um überhaupt einer Lagerungsstruktur entwickeln zu können.

Vokabeln einer Fremdsprache sind für mich so ein Beispiel. Wenn ich sie nicht kenne (erwerben kann ich sie freilich recht unterschiedlich), wird es mir schwerfallen, die Struktur einer Sprache zu erfassen. Der Spracherwerb von Kindern erfolgt ja oft über Worte, die dann in eine zu begreifende Struktur (Grammatik einer Sprache) zu integrieren sind, damit Kommunikation gelingt. Ob man eine Fremdsprache durch andere Unterrichtsformen erlernen kann, wird gerade hier in Niedersachsen durch ein neues Kerncurriculum Englisch ausprobiert. Im Prinzip versucht dieses so zu tun, als würde der Spracherwerb wie bei einem native Speaker erfolgen können – allerdings in Deutschland. Mal sehen, ob es klappt.

Ich mochte Geschichte als Schüler nie, bemerke aber, dass ich einzelne Wissenspakete jetzt in eine Verbindung bringen, d.h. Strukturen mit Hilfe vorhandener Inhalte aufbauen kann, von denen ich lange Zeit nicht wusste, wo ich sie im Lager hinstellen sollte. Die Pakete waren zur Schulzeit also vollkommen sinnfrei und haben irgendwo in einer Ecke des Lagers gestanden, wo sie verstaubt sind. Dass sie einmal wichtig werden würden, wusste ich damals nicht. Leider ist es schwer vorauszusehen, für welche Pakete das im Leben eines Menschen gelten wird. Daher beruht soetwas wie „Bildungskanon“ im Grunde auf einer breit gestreuten Spekulation.

Auseinandersetzungen um die „richtige“ Art von Bildung

Grob gesprochen gibt es für mich in der Bildungsdiskussion zwei Pole: Den der Inhalte und den der Strukturen. Streit gibt es oft darüber, wie man sich „richtig“ zwischen den Polen positioniert.

Extremposition 1:

Pakete, die man vorgesetzt bekommt, entspringen dem industriellen Zeitalter. Pakete sucht man sich selbst und baut damit seinen eigenen Strukturen. Eigentlich sind primär die Strukturen wichtig, da es eh viel zu viele Pakete in der Wissensgesellschaft gibt und zum anderen am Anfang der Schulzeit noch gar nicht klar sei kann, welche Pakete man später mal finden und ausliefern muss. Pakete liegen heute eh alle fertig in Digitalien herum. Finden und auspacken reicht eigentlich auch schon.

Extremposition 2:

Wenn man nie ein vorstrukturiertes Lager gesehen hat, bei dem man genötigt wurde, Pakete an vorgegebene Plätze zu stellen, d.h. wenn man nie ein Beispiel für ein Lager gesehen und erlebt hat, wird man kein eigenes Lager bauen können. Lehrjahre sind kein Herrenjahre. Und es gibt Menschen, die eben wissen, was gut und recht ist und was ein Staatsbürger eben so können muss. Das vorgebene Lager kann ja dann als Referenz- und Bezugspunkt für das eigene Lager dienen. Und wenn ich alle Pakete in Digitalien erst suchen muss, werde ich nicht effizient arbeiten können oder Strukturen entwickeln, die nicht effizient sind und intellektuelle Kapazitäten blockieren.

Zwischenfragen

  1. Es gibt Lageranordnungen, die sinnvoll und effzient sind, um möglichst viele Pakete in kurzer Zeit strukturiert abzulegen und abrufen zu können. Es gibt dazu bestimmt auch Alternativen, z.B. kann man klassisch schriftlich Multiplizieren oder eben auch ganz anders. Wann ist die eigene Suche nach Strukturen weniger effizient als die Adaption vorhandener?
  2. Das verfügbare Wissen der Welt wächst exponentiell. Der Anspruch, möglichst das für das eigene Leben relevante Wissen im Rahmen eines vorgegebenen Bildungskanons zu erwerben ist ein härer, kaum zu bewältigender. Wann ist die Aussage „Man kann nicht alles wissen!“ korrekt und wann negiert sie, dass es Strukturen gibt, auf denen sich Wissen besser oder schlechter aufbauen lässt?

Aktuell

Aktuell wird diskutiert, inwieweit Informatik ein Bestandteil von Unterricht sein sollte wie etwa Chemie, Physik oder Biologie, Die Gegner sagen: „Es will ja nicht jeder Computernerd werden!“ – Ich sage: „Soso. Aber jeder will Chemiker, Physiker oder Biologe werden!“ Nebenbei nehme ich wahr – wahrscheinlich als einziger – das die Informationstechnologie zunehmend unseren Alltag bestimmt, wir aber immer weniger von den zugrundeliegenden Strukturen wissen.

Wenn ein Kind keine Eiche mehr erkennt, ist das schade. Wenn ganze Gesellschaften unreflektiert informationstechnische Systeme bedienen, von deren Funktion oft das Leben abhängt, ist das völlig selbstverständlich. Das Wissen über diese Strukturen braucht keiner, weil es mühsam und belastend ist – über Chemie höre ich übrigens in der Rückschau ehemaliger Schüler mit entsprechender Chemielehrerbiographie gleiches.

Man könnte ja auch anders argumentieren: Weil informationstechnische Systeme unseren Alltag ebenso wie biologische, physikalische oder chemische Prozesse bestimmen, wäre eine Einführung in grundlegende Strukturen so doof nicht. Informatik – obwohl nicht „mein“ Fach – ist eine Wissenschaft rund um die Strukturen informationstechnischer Systeme. Programme und Hardware braucht man, um darüber etwas zu lernen. Sie sind aber austauschbare Pakete.

Weiterhin ist das „Projektlernen“ zurzeit ein neuer pädagogischer Modebegriff: Schülerinnen und Schüler suchen sich hier ihre Pakete und Strukturen selbst. Ich habe mit dem Projektlernen in der Regel nur dann sehr gute Erfahrungen gemacht, wenn bestimmte Strukturen bereits vorhanden waren. Dazu gehören fachliche, methodische Strukturen aber auch Persönlichkeitsmerkmale, die für das gewählte Projekt oder Thema dann konstituierend sind.

Fazit

Inhalt und Struktur gehen immer Hand in Hand. In der Diskussion um „gute Bildung“ wird mir momentan zu sehr polarisiert.

Zum Weiterdenken und -lesen

Zufällig arbeitet Jean-Pol Martin zurzeit an einem recht ähnlichen Gedanken mit jedoch etwas verschobenem Fokus, indem er  – um in meinem Bild zu bleiben – die erfolgreiche Integration von Paketen in eine Lagerstruktur sogar mit glücksbringenden Erfahrungen assoziiert – der Prozess der Einordnung („Konzeptualisierung“) als sinnstiftendes Moment unseres Lebens.

Sagen Sie mal Herr Riecken, ist Petra immer noch in …

… dabei hatte Petra erst zu Beginn der Stunde erfahren, dass es eine Klassenarbeit nachzuschreiben galt. Aber schon kurze Zeit später wusste die beste Freundin Bescheid und wollte sich nun vergewissern, ob sie warten oder allein nach Hause fahren sollte. WhatsApp macht es möglich und klar, dass der von vielen im Netz beschworene „Kontrollverlust“ über die Informationshoheit innerhalb der Schule nun auch virtuell Realität geworden ist.

Kontrolle hatte man als Schule darüber jedoch noch nie: Gerüchte, Buschfunk oder indirekt vermittelte Lehrerbilder gab es schon immer. Neu ist für mich lediglich die mediale Präsenz. Verbunden mit dem Klarnamenzwang – etwa bei Facebook oder G+ – sind Äußerungen praktischerweise viel eher einzelnen Personen zuzuordnen als früher in der diffusen Gerüchteküche einer Kleinstadt. Für mich stellt es auch ein gewaltiges Stück „Kontrolle“ dar, dass ich mit wenig Aufwand nun sogar recht einfach die Herkunft einer Äußerung personenbezogen ermitteln kann – in gravierenderen Fällen sogar mit amtlicher Unterstützung – schließlich ist das Netz kein rechtsfreier Raum, obwohl das oft behauptet wird. Ich habe selbst schon polizeiliche Anzeigen gemacht und erfahren, dass das in strafrechtlich relevanten Fällen, z.B. „Bombendrohungsscherzen“ ziemlich schnell gehen kann, bis man Menschen aus Fleisch und Blut vor sich stehen hat.

Schule hatte also in meinen Augen die Informationshoheit über das, was über sie und einzelne ihrer Lehrkräfte, Schüler und Angestellten veröffentlicht wird, noch nie. Durch das Internet ist aber der „Kleinsystemgerüchteprozess“ transparenter und dokumentierbarer geworden.

Das bietet eine Menge Chancen, die ein „Kleinsystemgerüchteverbund“ nicht hat. Es ermöglicht direkte Gespräche und vermittelt ebenso direkte Rückmeldung, ohne „kommunikative Bande“ wie z.B. Eltern oder Stammtischkollegen. Wenn das geschieht, ist viel gewonnen.

Es ermöglicht aber auch mit verhältnismäßig wenig Aufwand eine viel stärkere Kontrolle – ein Account bei einem sozialen Netzwerk öffnet da die Tür. Immerhin kann ich ja SuS auch direkt wegen einer geposteten Äußerung disziplinieren. Oder ich kann – wo ein disziplinarisches Eingreifen nicht möglich ist – implizit durch meine Machtposition psychologischen Druck aufbauen, etwa mit der Befürchtung, von nun an schlecht bewertet zu werden – nicht dass sowas je vorkäme…

Wie ich mich da als Schule verhalte, hat nicht mit der Art des „Informationshoheitsverlustes“ zu tun, sondern allein mit der Haltung, die ich gegenüber mir anvertrauten Menschen einnehme. Manchmal habe ich den Eindruck, dass der Kontrollverlust als ein möglicher Initiator von Veränderung gesehen wird. Es ist schön und begrüßenswert, wenn das tatsächlich eintritt. Aber im „Kleinsystemgerüchteverbund“ liegt prinzipiell die gleiche Chance – wo ist sie genutzt worden? Selbst wenn eine Evaluation das schriftlich festhält, was jeder „eh schon wusste“, bedarf es großer Anstregungen, daraus auch Konsequenzen zu zu ziehen. Im schlimmsten Fall löst die neue Öffentlichkeit von Rückmeldungen lediglich gewohnte systemische Beißreflexe aus.

Einmal mehr halte ich die Haltung für entscheidend – nicht das Medium, das diese transportiert.

Mauern ist eine Form von Gewalt

Anfang der Woche hat das zweite Modul meines Trainer-Trainings stattgefunden – ich hatte schon an anderer Stelle darüber berichtet. Diesmal ging es unter anderem um das Thema Konflikte und ein wenig Change-Management.

Wenn man Schulen berät, ist es gar einmal so selten, dass man mitten in einen Konflikt hineingerät. Vordergründig mag es um Medienkonzepte und Technik gehen – hintergründig toben Grabenkämpfe: Handys erlauben oder nicht? WLAN öffnen oder nicht? Web2.0 – und was ist mit dem Datenschutz? Sorgen diese Dinger nicht für eine unglaubliche Entfremdung?

Natürlich dringt man als Berater vermeintlich auch in Refugien ein: Der Systembetreuer macht es seit Jahren so und es hat sich bisher noch niemand beschwert. Die Videokassette passt einfach nicht in den USB-Slot. Sind Film, Overheadprojektor und Tafel etwa keine Medien? Und eigentlich geht das alles doch viel zu langsam.

Die Menschen, die an der Schule im Bereich der neuen Medien und Unterrichtsformen etwas bewegen wollen, sehen vielleicht in mir den Verbündeten. Die Bewahrer sehen vielleicht die Bedrohung ihrer alten Strukturen in mir personifiziert.

Verbündete sind gut, Bewahrer schlecht – sollte man meinen. Die Vereinnahmung meiner Person durch einer dieser beiden Gruppen macht mich in der Logik systemischen Denkens zu eine Teil des Systems. Ein erfolgreicher Beratungsprozess erfordert aber in diesem Kontrukt vor allem eins: Neutralität. Das war dieses Mal in Etelsen in unserer kleinen Gruppe ein zentrales Thema.

  • Was mache ich als Berater mit übergriffigen Bermerkungen? (Was soll das schon bringen! Sie haben ja keine Ahnung, was hier los ist!)
  • Wie sind Konflikte strukturiert und wie erkenne ich die einzelnen Phasen? Wann hat es z.B. auch schlicht keinen Sinn?
  • Wie werde ich den Wasserfallrednern Herr?
  • Was mache ich mit Schweigern?
  • Wie wahre ich die Distanz zum System?
  • Wie lasse ich meine eigenen Vorstellungen (zunächst) außen vor?
  • Was bedeutet Veränderung für das System einer Schule?

Auch dieses Mal war die Kamera dabei. Die Settings der Rollenspiele und Übungen wurden anspruchsvoller und herausfordernder. Die Tagung baute auf den Kompetenzen auf, die wir in dem vorangehenden Modul erworben haben.  Dabei geschieht so einiges innerhalb einer Gruppe. Grenzen werden erreicht und überschritten. Und der Laptop war drei Tage nicht eingeschaltet, das WLAN-Netz zwar gut ausgebaut, aber dennoch unwichtig.

Für uns geht es im Sommer auf Schloss Puch bei Linz auf der Studienwoche der IAKM weiter – in den Ferien. Der Zug ist schon gebucht. Ich bin sicher, dass auch diese Zeit intensiv wird.  Eigentlich sollten Beratungskompetenzen ein ganz fester Teil der Lehramtsausbildung werden… Sie helfen auch im Unterricht und auf Konferenzen.

1 2 3 4 13