Social Messenger sind der Untergang

Gestern bin ich wieder mit der vollen Bandbreite der Hilflosigkeit gegenüber den Eigendynamiken konfrontiert worden, die entstehen, wenn sich jüngere Schülerinnen und Schüler auf WhatsApp bewegen.

  • Beleidigungen
  • veränderte Bilder unliebsamer Mitschüler
  • Enthauptungsvideos
  • […]
  • „Ich kann nichts dafür“-Behauptungen (In der Schülervorstellungswelt kann man sich ja schließlich nicht dagegen wehren, in WhatsApp-Gruppen aufgenommen zu werden)

Diese Dinge scheinen sich nach meinen Beobachtungen vor alle in den jüngeren Klassenstufen der Sekundarstufe I zu häufen. Die reflexartigen Reaktionen auf Vorkommnisse sehen zunächst so aus:

  1. „Handy wegnehmen. Die dürfen WhatsApp erst ab 16 nutzen!“
  2. „Handy verbieten. Die können damit nicht umgehen!“
  3. „Medienpädagogen einladen, der denen das mal sagt!“
  4. „Eltern in die Pflicht nehmen. Die sind unverantwortlich, Kindern ein Smartphone zu kaufen!“
  5. „Nun sag‘ mal Maik, was soll ich denn jetzt machen? Du bist doch Medienfuzzi. Alles Scheiße mit diesem Digitalzeugs!“

Handeln wir das mal alles in der Kürze ab, die es sachlogisch verdient:

Zu 1.)

Netter Versuch. Das Handy gehört uns nicht und umfasst den Privatbereich der SuS. Das ist so auf der Ebene wie: „Ich verbiete dir, nicht altersgerechte Filme in deiner Freizeit zu schauen!“

Zu 2.)

Netter Versuch. Das Handy gehört uns nicht und umfasst den Privatbereich der SuS. Das ist so auf der Ebene wie: „Ich verbiete dir, dich in deiner Freizeit mit Hannes und Tim zu treffen. Die haben einen schlechten Einfluss auf dich!“

Zu 3.)

Netter Versuch. Und bequem. Dann macht der das halt (wenn er dann mal Zeit hat). Ich nenne sowas medienpädagogisches Feigenblatt: „Wir haben was getan – wir haben jemanden eingeladen! Wenn dann keiner kommt, tja, können wir auch nichts dafür!“

Zu 4.)

Völlig richtig. Wenig bis so gar nicht realistisch. Eltern halten das mit dem Handy oft so: Wir kaufen dir eines. Wir kennen uns damit eh nicht aus. Das Erstaunen ist dann riesig, wenn dann mit dem Gerät Dinge geschehen, die unschön sind. Dann ist das Internet schuld. Oder wahlweise die Schule, die ja nichts dagegen macht. Mein Bild: Sie schicken ein vierjähriges Kind mit dem Rad bei Dunkelheit quer durch die Stadt und sind dann völlig überrascht, wenn es umgenietet wird. Dieser Scheißverkehr ist dann schuld!“ (sonst müsste man sich ja selbst seiner Verantwortung stellen …)

Zu 5.)

Die Situation ist sehr komplex. Das System der Beteiligten und der Ursachen auch. Wer hier ein einfache Antwort erwartet, verkennt die Komplexität völlig. Bestenfalls verlagert er das Problem schlicht vordergründig aus dem Wahrnehmungsbereich von Schule. Leider wird das immer wieder in die Schule zurückschwappen. mit dem Unterschied, dass man dann noch sehr viel weniger über die Vorgänge in der „Parallelwelt“ weiß,

Maik, du Klugscheißer, ich will Lösungen! 

Lösung 1:

Wo Verbote nicht greifen, komme ich um Verhandlungen und pädagogische Vereinbarungen nicht herum. Es gibt an Schulen Gremien, die die einzelnen Gruppen vertreten. Es gibt eine Schüler- und eine Elternvertretung. Wenn ich zieloffen hier zu Vereinbarungen komme, die den Handygebrauch innerhalb der Schule regeln, habe ich eine größere Chance, dass diese Vereinbarungen eingehalten und durch demokratisch verhandelte Sanktionen notfalls auch durchgesetzt werden. Zusätzlich ist das u.U. eine Chance, Demokratie praktisch zu leben und es ist eine Chance, insbesondere Eltern und Schülern auf Augenhöhe zu begegnen. Diese Gremien müssen ja ihrem „Wahlvolk“ Entscheidungen vermitteln. Und insbesondere Eltern können ja schon mehr als Kaffee und Kuchen bei Veranstaltungen zu spenden. Diese Idee scheitert oft an dem dafür notwendigen Paradigmenwechsel: Schule ist ja von ihrem Wesen her hierarchisch organisiert.

Lösung 2:

Wo in der Gesellschaft bekommen SuS vorgelebt, wie man z.B. soziale Medien sinnvoll und reflektiert nutzt? Wo in Schule bekommen SuS gezeigt, welche Potentiale für das eigene Lernen in Socialmedia steckt? Wenn ich Schulen Portallösungen mit zarten Socialmediafunktionen empfehle, kommt sehr oft: „Aber diesen Chat, den müssen wir dringend abschalten, da passiert nur Mist, wer soll das kontrollieren!“ Wenn da „Mist“ passiert, ist das m.E. ein Geschenk, weil es in einem geschützten Raum entsteht und pädagogisch aufgearbeitet werden kann. Wir brauchen mehr solchen „Mist“, der auf Systemen von Schulen geschieht, weil wir ihm dort ohne irgendwelchen Anzeigen und richterlichen Anordnungen begegnen können – die Daten haben wir ja selbst und idealerweise auch klare Regelungen, wann diese von wem wie eingesetzt werden dürfen.

Lösung 3:

Kein Unterricht über Medien, sondern Unterricht mit Medien. Das erfordert ein schulweites Medienkonzept und es wird erstaunen, wie viel sich sogar ganz ohne WLAN und Tablets in diesem Bereich machen lässt. Überraschenderweise sind bestimmte Werte und Lebenserfahrungen auch in Zeiten von Socialmedia noch gültig.

Leider wird die Umsetzung dieser Erkenntnis genau wie damals der Buchdruck eine Alphabetisierung erfordern und zwar vor allem eine digitale Alphabetisierung von Lehrkräften. Und das Lesen fällt manchem leichter und manchem schwerer. Wenn ich aber an den Potentialen und Möglichkeiten teilhaben möchte und wenn ich handlungsfähig sein will, komme ich nicht darum herum, lernen zu müssen. NIcht nur wegen der SuS, sondern vor allem aus Egoismus: Digitaler Analphabetismus führt direkt in die Anhängigkeit von anderen und in die Unsouveränität.

 

 

Reflexionsfreie Zone

Menschen in sozialen Berufen sind teilweise in ihren Arbeitsverträgen dazu verpflichtet, an Supervisionen teilzunehmen. In den Sitzungen werden z.B. Konflikte innerhalb des Teams aufgearbeitet, Wege aufgezeigt, um mit anvertrauten Personen besser umzugehen und es werden auch oft genug das eigene Handeln und die eigene Persönlichkeit infrage gestellt.

Ich kenne Supervision schon aus meiner Arbeit mit Klassentagungen – einmal im Halbjahr war es mehr als erwünscht, wenn nicht sogar verpflichtend, an Supervisionen teilzunehmen. Da ging es gut zur Sache – mit Psychodrama, Rollentausch, Tränen und allem Drum und Dran. Die Sitzungen bewegten sich oft ganz und gar nicht in der Komfortzone.

Wieder in Kontakt mit Supervision bin ich erst zwanzig Jahre später in meiner Ausbildung als medienpädagogischer Berater gekommen. Viele von uns haben genölt und sich gefragt, was z.B. Konfliktbewältigungsstrategien mit Medienberatung zu tun haben. Mittlerweile ist es mit dem Genöle still geworden. Es entwickelt sich zu einer Kernkompetenz, Strukturen zu analysieren, Konfliktgespräche zu führen, Kritik ernst zu nehmen und mit ihr umzugehen. Technik: 5% – Mensch: 95%.

Die superduper Homepage nützt z.B. gar nichts, wenn sich der Betreuer immer selbst um alle Informationen kümmern muss, den Kollegen hinterherläuft und dabei keine Unterstützung von der Leitung erhält: „Hä? Kriegt doch genau dafür eine Entlastungsstunde!“ (Nein! Er bekommt die Entlastung für eine aktuelle Homepage).

In Follow-Ups zu unserer Ausbildung dürfen wir Erlebnisse mitbringen, die dann bearbeitet werden. Und das werden sie. Und auch ein Maik Riecken bekommt da hin und wieder verdienten Lack. Auf diesen Veranstaltungen stellen sich für mich oft Weichen für die Zukunft – mir wird klar, was mir gut tut und was mich im Leben langfristig nicht weiterbringt. Ich bilde mir ein, dass das für meine Zufriedenheit, meine Distanzfähigkeit und vor allem meine Gesundheit ein große Rolle spielt.

Aber ich bin wohl auch ein Weichei. Die Arbeit an Schule ist psychisch immer Zucker. Da gibt es nicht aufzuarbeiten. Da gibt es keine psychologisch induzierten Krankheiten wie Kopf- und Rückenschmerzen (Verspannungen), Alkoholismus, Tinnitus oder einfach innere Emigration in die Kauzigkeit oder andere Dinge. Mit Kollegen versteht man sich grundsätzlich gut.

Jede Annahme von Hilfe von außen ist eh ein Zeichen von Schwäche und davon, dass im Kollegium etwas nicht stimmt. Wo kämen wir dahin, uns und unsere Persönlichkeit infrage zu stellen! Wir sind fertig, wir brauchen das nicht! Und dann die Finanzierung: 120,- Euro Stundensatz für einen guten Supervisor? 240,- Euro für zwei Stunden durch ca. 10 Personen teilen – jedes Vierteljahr? Das muss doch der Dienstherr bezahlen (objektiv völlig korrekt). Das Geld stecke ich doch lieber ins Auto – oder Motorrad oder in den Handyvertrag und leide ansonsten still vor mich hin.

Nicht nur ich bin verwundert, dass ausgerechnet in Schule – deren pädagogische Ausrichtung ja immer als Beleg dafür herhalten darf, nicht mit wirtschaftlichen Strukturen vergleichbar zu sein – ein in meinen Augen zentrales Instrumentarium von Personalentwicklung weder finanziert noch einfordert, welches in fast allen anderen vergleichbaren pädagogischen Kontexten üblich oder gar obligatorisch ist.

Präsenztage in der Schule – das Prinzip der sozialen Rekursivität in öffentlichen Debatten

Auch aufgrund von “Vermittlungsproblemen” in der Bevölkerung sehen sich die Kultusministerien der Länder nunmehr “gezwungen”, Präsenztage für Lehrkräfte an den Schulen einzuführen, so jedenfalls ein zunächst wenig beachteter Beschluss der KMK auf ihrer letzten Zusammenkunft. Als ehemaliger Personalrat und durchaus auch kritischer Betrachter der Privilegien unserer Berufssparte möchte ich doch diese Idee nicht unkommentiert lassen.

Während Jan-Martin Klinge sich eher mit den resultierenden Verwaltungsfragen auseinandersetzt und sich an Dingen wie dem Gleicheitsgrundsatz im Duktus von Beamtendeutsch abarbeitet, lege ich den Fokus bewusst etwas anders und beginne dabei mit einer kleinen Anekdote:

Als an unserer Schule schwedische Lehrkräfte zu Gast waren, haben wir Ihnen natürlich mit einigem Stolz unser frisch renoviertes, wirklich großzügig gestaltetes Lehrerzimmer gezeigt. Die Reaktion war durchaus positiv. Das ist hoch zu bewerten, wenn man etwas mit schwedischer Schularchitektur vertraut ist. Es kam aber sofort auch die Frage mit dem für mich immer wieder putzig anzuhörenden schwedischen Akzent: “Das ist eine schönes Raum. Wo triffst du dich mit deine Kollegs, um zu arbeiten?” – “Ja hier halt!”, antwortete ich. “Nein, das hier ist eine tolles Sozialraum, aber keine Arbeitsplatz!”, kam sofort der Einwand. Für den schwedischen Kollegen war es unvorstellbar, keinen Arbeitsplatz in der Schule zu haben.

Ich finde, dass diese Anekdote den Kern der Problematik zeigt: Selbst wenn ich in der Schule arbeiten wollte, könnte ich es selbst nicht mit hinreichender Effektivität tun. Im Lehrerzimmer trifft man sich und tauscht sich aus. Das ist Fluch und Segen zugleich: Fluch für den Wunsch, z.B. lästige Korrekturarbeiten zügig zu erledigen, Segen für den Austausch zu pädagogischen Fragen – letztere ließen sich aber weitaus effektiver klären, wenn alle Beteiligten anwesend wären. In der jetzigen Form des KMK-Beschlusses ist den Lehrkräften ja weitgehend freigestellt, wann sie sich in der Schule einfinden.

Dass es in der Schule i.d.R. keinen geeigneten Arbeitsplatz gibt außer den schnell überfüllten Lehrerarbeitszimmern bedingt ja zusätzlich quasi einen heimlichen Vertrag:

“Du Kollege setzt dein häusliches Arbeitszimmer von der Steuer ab, hast somit volle Freiheit in deinem Homeoffice und dafür sparen wir die eine oder andere Mark bei der räumlichen und sächlichen Ausstattung der Schulen.”

An so Dingen wie den Regelungen zur Datenverarbeitung auf privaten DV-Geräten von Lehrkräfte (Link auf Erlass hier in Niedersachsen) sieht man recht hübsch, dass dieses Konstrukt auch gelegentlich heftig knirscht, aber im Großen und Ganzen natürlich funktioniert. Wenn man mich jetzt zwingt, in der Schule tätig zu sein, könnte ich ja auf die Idee kommen, daraus auch Ansprüche abzuleiten – insofern weiß ich nicht, ob der Dienstherr sich auf lange Sicht damit wirklich einen Gefallen tut.

Ich kann verstehen, warum viele Menschen uns Lehrkräfte als privilegiert wahrnehmen. Ich bin mir nicht so sicher, ob das nun gesetzte Signal wirklich geeignet ist, die üblichen Stammtischstereotype über Lehrer wirksam im Sinne einer sicherlich auch intendierten Fürsorge durch den Dienstherrn abzumildern – da scheinen mir Dinge wie die Unkündbarkeit oder Pensionsregelungen durchaus gewichtiger in der Wahrnehmung “meiner” Stammtischkontakte außerhalb der Lehrerszene. Gerade in Bezug auf die sächliche Ausstattung sind wir als Lehrkräfte m.E. eben nicht unbedingt gutgestellt.

Das Einzige, was man schafft, ist “soziale Rekursion” – man ändert an einer Stelle etwas, was in der Folge weitere Prozesse in Gang setzt, die sich auf den gleichen Ausgangspunkt beziehen, aber im Gegensatz zur mathematischen Rekursion kaum vorhersehbar sind. Sicher ist: Wir kommen immer wieder bei der gleichen Frage an.

Was denkt ihr? Könnten Präsenztage sinnvoll dabei helfen, dass Lehrkräfte nicht mehr so privilegiert wahgenommen werden? Ginge für euch ein solches Ansinnen auf?

Neues Jahr, neue Zielgruppen

Dieses Blog ist ja relativ breit aufgestellt, was die Themen angeht. Erstmals habe ich auch etwas an anderer Stelle veröffentlicht und dabei sehr viel darüber gelernt, wie man Leserinnen und Leser nicht vergrault – da bietet so mancher Artikel hier doch einigen Optimierungsbedarf.

WordPress hat den entscheidenen Vorteil, dass es relativ suchmaschinenfreundlich aufgestellt ist. Da hier mittlerweile einiges an Inhalten vorhanden ist, werde ich demnächst ein paar Dinge verändern – für die treuen Feedleser sollte dabei alles beim Alten bleiben.

  1. Die Seite selbst wird sich mehr in Richtung eines Onlinemagazins entwickeln. Viele Artikel aus den vergangenen Jahren kann ich so etwas prominenter präsentieren – man sieht schon etwas im Header der Seite oder als Widget. Da werde ich aber noch viel experimentieren. Vielleicht kann ich den einen oder anderen so etwas länger auf der Seite halten.
  2. Ich möchte versuchen im Zuge von Punkt 1 mehr mit Bildern zu arbeiten. Das lockert die Texte ggf. etwas auf und macht es dem Lesenden u.U. leichter, dem teilweise doch recht minimalistischen Kauderwelsch zu folgen. Ich werde dazu Bilder unter CC0-Lizenz nutzen, etwa von Pixabay oder Jay Mantri.
  3. Ich werde meine Inhalte allesamt nach und nach hier im Blog zusammenziehen. Wundert euch also nicht, wenn hier demnächst auch viel Technikkram aus meinen Administrationserfahrung und der Arduino-AG hier hineindiffundiert. Wenn ich das Veröffentlichungsdatum frisiere, sollte da eigentlich nicht so viel in den Feed hineinwirken.
  4. Uneins bin ich mir noch, ob ich mich über Twitter hinaus in sozialen Netzwerken engagieren sollte. Mich machen die meisten Sachen und Diskussionen dort nicht besonders glücklich. Meine Twitterwelt besteht ja fast ausschließlich aus der Edu-Welt-Filterblase, die ich sehr bereichernd finde, die aber auch eine recht geschlossene ist.

Dieses Blog bekommt seine meisten Besucher über Suchmaschinen, naja, eigentlich über eine Suchmaschine. Diese „belohnt“ Seiten mit Inhalten mit hohen Platzierungen. Jeder neue Inhalt profitiert damit von den bestehenden, ist also u.U. in einem Wiki wie bisher nicht gut aufgehoben.

Ich weiß, dass es nicht „statthaft“ ist, so zu denken und zu schreiben – Geld gibt es aber keines für dieses Blog und Kommentare oder direkte Rückmeldungen auch eher wenig, d.h. ich möchte gerne schauen, wie ich motiviert bei der Sache bleiben kann und da bleiben neben den altruistischen, idealisierten Ansätzen eigentlich nur nackte Zahlen.

 

 

Netzneutralität und die Telekom

Weitgehend unbeachtet von vielen Internetnutzern tobt im Hintergrund gerade ein Kampf zwischen Rechenzentrumsbetreibern und der deutschen Telekom als größtem Anbieter von Internetanschlüssen.

Was verkauft die Telekom?

Die Telekom verkauft i.d.R. an Privatkunden sogenannte asymmetrische Internetzugänge, d.h. man kann z.B. Filme sehr schnell aus dem Netz streamen, jedoch z.B. Fotos zu seinen Fotodienst nur langsamer hochladen, z.B. hat man bei VDSL50 einen Downstream von 50Mbit/s und einen Upstream von 10Mbits/s. Bei den mobilfunkbasierten Produkten sieht das ähnlich aus. Naturgemäß laden die Telekomkunden damit mehr Daten aus dem Netz herunter als herauf.

Das hat zu einen technische Gründe, weil man so mehr Kunden einen guten Download bieten kann, zum anderen auch einen strategischen: Wäre jeder Haushalt gut symmetrisch an das Internet angebunden, bestünde irgendwann kaum noch eine Notwendigkeit, seine Webseite bei einem Provider hosten zu lassen und zudem wäre das eigene Netz dann sehr schnell voll mit angreifbaren Servern, die nicht professionell gewartet werden.

Wie kommen die Daten aus dem Internet zur Telekom?

Netze verschiedener Anbieter werden an bestimmten Stellen über Knotenpunkte gekoppelt, damit z.B. Daten US-amerikanischer Anbieter wie YouTube, Google oder Microsoft auch im Netz der Telekom ankommen. Üblicherweise werden die Knoten entsprechend des Bedarfes der Endkunden ausgebaut. Wenn mehr Menschen z.B. HD- oder gar 4K-Inhalte anschauen möchten, muss einerseits derjenige, der die Filme anbietet, besser an das übrige Internet angebunden sein, andererseits muss der Knotenpunkt zur Telekom auch über ausreichend Kapazität verfügen – das Rohr muss also dick genug sein – das kostet Geld.

Und wo tobt jetzt der Kampf?

Die Telekom baut ihre Knotenpunkte zu anderen Anbietern mittlerweile nicht mehr dem Bedarf entsprechend aus, z.B. zum Rechenzentrum von Hetzner, ein größerer Player im deutschen Rechenzentrumsmarkt. Angebote, die Hetzner gehostet sind, laufen damit gerade zur Primetime nur noch sehr langsam über die Telekomleitungen.

Die Telekom sagt: Jahaa! Wenn du Hetzner Daten performant zu uns schieben willst, dann musst du dafür extra bezahlen, so ein dickes Rohr kostet halt Geld! Brisanterweise laufen die entsprechenden Angebote der Telekom schnell durch die Leitungen (z.B. Entertain). Die meisten Rechenzentrumsbetreiber bezahlen anstandslos dann Geld an die Telekom und geben die Kosten an ihre Kunden weiter.

Hetzner macht das auch, aber anders: Hetzner sagt dem Kunden: „Wenn du Daten schnell zur Telekom schieben willst, zahlst du dafür einen Aufpreis, weil nur die Telekom so handelt – alle anderen Anbieter bauen ihre Knotenpunkte ja aus!“ – Hetzner geht es nach eigener Aussage darum, auf die Problematik der Politik der Telekom aufmerksam zu machen und geht dabei auch das Risiko ein, Kunden zu verlieren.

Mit Angeboten von YouTube, Google, Netflix etc. macht die Telekom das nicht bzw. ist anzunehmen, dass da wohl für die „digitale Überholspur“ auch Geld fließt. Die Telekom kassiert damit doppelt: Einmal von den Kunden für den Internetanschluss, der ohne ungebremsten Zugriff zum Internet ja irgendwo blöd ist und zum zweiten von den Anbietern, die das Internet zu Internet und damit das Produkt der Telekom zum Produkt machen.

Die Telekom sagt: Jahaa, ihr Anbieter! Ihr liefert ja viel mehr Daten an unser Netz als wir an euer. Das ist kein Teilen mehr, das ist Transit.

Wir erinnern uns an dieser Stelle daran, dass die Telekom asymmetrischen Anschlüsse verkauft. Und es wäre ja doof, wenn die telekomeigenen Angebote dann super laufen, aber der Steamingdienst aus Pusemuckel ruckelt. Für den Schlichtkunden ist dann klar: Dann kaufe ich doch das Telekomprodukt!

Die Telekom sagt dann: Jahaa, du Streamingsdienst aus Pusemuckel, kannst ja extra zahlen! (nunja, sie haben es dann hinterher ja gar nicht so gemeint …).

Die Problematik

Die Telekom bestimmt somit, welche Dienste in ihrem Netz performant laufen und welche nicht. Das hat mit Netzneutralität und freiem Internet ganz wenig zu tun. Es sind die Kunden der Telekom, welche Daten anfordern und die Telekom muss m.E. schauen, wie sie da kostendeckend arbeitet. Da sie ihre Endkunden nicht die Preiserhöhungen verschrecken will, versucht sie es halt anders. Jeder sollte sich überlegen, ob ein solches Gebahren unterstützenswert ist.

PS: Ich bin Hetzner- und Kabeldeutschlandkunde.

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