Ein Buch über die Entwicklung von Medienbildungskonzepten?

Ich schreibe gerade eine „extended Version“ dieses Artikels. Es geht um die Entwicklung von Medienbildungskonzepten. Es ist kein Checklistenbuch, aber es enthält z.B. ganz viele praktische Beispiele und Fragenraster, aber auch kurz umrissene Dinge zur Ausstattung und Vorgehensweisen. Der Umfang wird etwa 130 Seiten betragen, von denen ca. 48 fertig sind.

Das Buch ist kein altruistischer Selbstzweck. Und ich mache es auch nicht, weil ich so gut bin. Ich bin ein sehr sicherer Mensch – eigentlich.

Zusammengefasst geht es darum, wie ich das Buch unter die Leute bringe. Und es geht auch darum, wem gegenüber ich loyal bin.

Option A:

Ich arbeite mit einem großen, renommierten Schulbuchverlag zusammen. Der erste Vertrag gefällt mir überhaupt nicht, er steht in der guten, alten Tradition „Riecken und die Verlage„.

Das ist jetzt viel Nachverhandlung nötig und vor allen Dingen auch viel Klarheit darüber, wie ich mit den Inhalten später weiterarbeiten möchte. Der Verlag ist sehr flexibel – selbst CC-Lizenzen wären möglich. Geld wird damit nicht zu verdienen sein. Aber natürlich sind die Verwertungsrechte (weitgehend) weg. Und es ist halt ein Buch.

Man kommt aber an Zielgruppen, die außerhalb der üblichen Filterbubble liegen. Und berühmt wird man auch, was vielleicht den ein oder anderen besser bezahlten „Folgeauftrag“ nach sich zieht (Consulting, Referate, Vorträge).

Option B:

Ich mache das im Selbstverlag – print on demand. Wäre eine spannende Erfahrung (Ich kann LaTeX) und wäre mir sicher, dass „Werbung“ dafür durch Socialmedia irgendwie läuft. Zusätzlich kann man den Text online stellen und z.B. durch Screencasts und andere Medien immer wieder ergänzen, d.h. den Text als lernenden organisieren. Weil ich weiß, wie gut das mit lernenden Texte funktioniert (erst gestern hat wieder jemand hier im Blog einen meiner Texte korrigiert) , hätte das schon Charme.

Das gäbe vielleicht ein bisschen Geld und etwas Renommé, jedoch noch weniger als bei Option B. Aber die Rechte bleiben vollständig bei mir. Die Reichweite ist bedeutend geringer und im Wesentlichen auf die Filterbubble beschränkt.

Option C:

Ich mache das über meinen Dienstherrn. Das geht. Der ist nämlich toll. Dann wäre das quasi auch Arbeitszeit. Und es würde meinem Landesinstitut nützen, das ich sehr schätze, weil ich dank ihm so arbeiten kann, wie ich arbeiten möchte. Auch die Rechtegeschichte wäre so viel unkomplizierter zu handhaben. Finanziell unter dem Strich am lukrativsten.

Option D:

Ich puste das als OER raus. So wie sich die Community das vorstellt. Ohne NC. Am ehesten bei ZUM in Wikiform. Totalverlust über die Inhalte. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass sich kommerzielle Player und Stiftungen ganz schnell dieser Inhalte annehmen und sie in ihrem Sinne vermarkten. Das Geld in diesem Feld machen dann andere. Gerade im momentanen bildungspolitischen Umfeld. Dass Lehrkräfte OER außer durch Worte vergüten, habe ich noch nicht gesehen. Aber es wäre einmal ein Experiment, ob OER tatsächlich mindestens zum Mindestlohn funktioniert – ich glaube ehrlich gesagt nicht daran.

Was meint ihr?

Wie soll ich das machen? Ernstnehmen könnte ich nur Ideen, die auch meine Position berücksichtigen bzw. die sich ein wenig in mich hineinversetzen.

Blogparade Partizipation

Jan Martin Klinge hat mit einem Artikel mit der Überschrift „Ich entscheide“ auf Twitter eine Debatte darüber losgetreten, inwieweit und auf welchen Feldern Schülerinnen und Schüler den Schulalltag mitgestalten können sollten. Zugespitzt sagt er, dass viele Entscheidungen Schülerinnen und Schüler schlicht überfordern und sie auch dankbar dafür sind, wenn sie klare, strukturierte Ansagen erhalten.

Dejan Mihajlovic – langjähriger Verbindungslehrer – hat an dem Artikel Anstoß genommen und eine Blogparade ins Leben gerufen. Grob gesagt wünscht Dejan sich Schule als demokratisches System, das alle Beteiligten (Schüler, Eltern, Lehrkräfte) mit gängigen politischen Methoden mitgestalten können, bis hinunter auf die Unterrichtsebene. Ich denke, dass Dejan vor allem auch den großen gesellschaftlichen Bogen sieht: Ich empfinde es selbst so, dass gesellschaftliche Partizipation auf dem Rückzug ist – die Ursachen sind vielfältig, aber Schule ist daran bestimmt nicht unbeteiligt.

Ich selbst habe im Rahmen von Personalratsarbeit eine Weile versucht, eine echte Arbeitnehmervertretung zu sein und politisch innerhalb eines Kollegiums zu arbeiten. Dieser Versuch ist relativ kläglich gescheitert, u.a. weil ich damals unterschätzt habe, dass Schule einfach kein demokratisches System ist.

Als Medienberater erlebe ich, dass „Digitalisierung“ dann an Schulen in der Breite ein Thema wird, wenn man es durch Vorgaben vorschreibt (und die Schulinspektion ansteht, die das mit in ihrem Kriterienkatalog hat). Diese Sprache versteht das System Schule: Wenn es „Vorgaben von oben sind“, dann muss man es ja machen. Aber im Sinne eines Partizipationsverständnisses ist ein solches Vorgehen eigentlich unterirdisch.

Ich habe Schülerinnen und Schüler erlebt, die im Rahmen von Projektunterricht ein halbes Jahr gebraucht haben, um zu begreifen, dass es im Projekt mit dem „Ist das auch so richtig, Herr Riecken?“ bei mir keine Antwort gab außer: „Probiere es aus – wenn es aus dem Ruder läuft, bin ich schon da.“

All das muss alarmieren. Dejan hat meiner Meinung nach absolut recht, was die Gestaltung des Systems Schule angeht. Auf der pädagogischen Ebene möchte ich mich genau wie Jan-Martin darauf momentan noch nicht nicht einlassen. Dazu später mehr.

Die Systemebene

Auf Systemebene haben wir in Niedersachsen mit dem Schulvorstand im Prinzip ein sehr mächtiges und m.E. oft unterschätztes Instrument für Partizipation – Eltern und Schüler: Hier ist der Hebel! Der Schulvorstand entscheidet z.B.

  • über die Besetzung von Schulleitungsstellen
  • die Ausgestaltung der Stundentafel
  • Grundsätze für die Außendarstellung der Schule
  • u.v.m.

Die Gesamtkonferenz ist dagegen absolut entwertet und im Wesentlichen nur noch „Benehmensmitteilungsempfänger“. Damit ist der Schulvorstand das Gremium überhaupt.

Meckern könnte man an seiner Zusammensetzung: Er besteht zur Hälfte aus Lehrkräften und zu je einem Viertel aus Eltern- und Schülervertretenden. Bei Stimmengleichheit entscheidet die Stimme des Schulleiters, der bzw. die auch immer mit dazugehört.

Als Schülervertreter muss ich mit also „nur“ mit den Eltern und einer Lehrkraft einig sein, um strukturell ganz erheblich Einfluss nehmen zu können. Dass man dieses Gremium nicht paritätisch besetzt, hat m.E. Gründe im Systemerhalt: Es würde den Schulfrieden erheblich stören, wenn Lehrerinnen und Lehrer Dinge umsetzen müssen, die sie nicht selbst bestimmen können bzw. bei denen sie überstimmt würden. Das ist schon doof an Demokratie, dass man eben auch zu Minderheiten gehören kann.

Dejan hat recht, da gibt es noch sehr viel zu tun. Jede Art von Einflussnahme auf die Arbeit von Kollegen führt wahrscheinlich schnell zu heftigsten Beißreflexen: Man stelle sich einmal vor, der Schulvorstand hier in Niedersachsen beschlösse tatsächlich an einer Schule die Beantragung des gebundenen Ganztagsbetriebs (und das käme dann durch) und diese Schule wäre traditionell eher auf Unterrichtschluss nach der 6. Stunde ausgelegt. In der Haut der Schulleitung würde ich dann nicht stecken wollen.

Oder stellen wir uns die Ungeheuerlichkeit vor, wenn der Schulvorstand außer bei Personalangelegenheiten verbindlich öffentlich tagen müsste und schulinterne Prozesse zarte Anklänge von öffentlicher Transparenz bekämen … Wieder ein Argument für die Förderung von Partizipation, die ohne Transparenz eigentlich undenkbar ist. Wer Partizipation fördern will, muss zuerst transparent werden.

(Deswegen ist das trojanische Pferd für mehr Partizipation bei Medienbildungsplänen der Punkt Informationsmanagement)

Auf der pädagogischen Ebene

Thomas Rau hat in seinem Artikel alles für mich Wichtige geschrieben. Zusammengefasst bin ich Fachmann für meine Fächer, habe sehr viel Unterrichtserfahrung und weiß, dass es effiziente und weniger effiziente Wege gibt, um Wissen und Kompetenzen zu erreichen. Da bin ich besser als meine Schülerinnen und Schüler und zusätzlich durch meine formale Rolle in einer Macht- sowie Verantwortungsposition. Diese Position ist im gegebenen System z.B. auch durch kompetenzorientierte Rückmeldungen  kaum zu entschärfen, denn am Schluss zählt momentan eh nur die Zahl, sodass Overlay-Kompetenzgeseier mit etwas Pech nur dafür sorgt, dass mein Gegenüber die Rückmeldung lediglich verarrogantiert wahrnimmt. Dennoch versuche auch ich wie Jan-Martin Unterricht stellenweise zu öffnen – hier im Blog sind auch einige Beispiele schon reflektiert. Das wird in einer fünften Klasse anders aussehen als in einem Abiturjahrgang.

Ich bemühe mich, einigermaßen transparent zu sein, in dem wie ich unterrichte und beurteile. Bei der Beurteilung gelingt mir das konstant nur für einen Teil der Schülerinnen und Schüler – mein großes Entwicklungsfeld.

Eigentlich ist die spannende Frage  – nicht nur, sondern auch beim Thema Partizipation – an welcher Stelle ich Schülerinnen und Schülern etwas zutrauen darf und muss und an welchen ich sie schlicht aufgrund ihrer Entwicklung her überfordere. Ich denke, dass die Kompetenzdidaktik oft zur Überforderung neigt  (weil sie z.B. von einer idealisierten Schüler- und Lehrerpersönlichkeit ausgeht).

Manchmal ist selbst die Fähigkeit „In der 7. Klasse ein Streichholz entzünden können“ schon ein zu hoher Anspruch. Gibt es bestimmt bald eine App für. Oder es wird wahlweise aufgrund des hohen Gefahrenpotentials verboten.

Wer sind wir?

Philippe Wampfler hat auf Twitter gestern eine interessante Frage gestellt: „Sind wir, was wir im Gespräch bereden oder was wir ins Smartphone tippen, wenn unser Gegenüber zur Toilette geht?“

wampfler-seinWenn man das „oder“ in der Frage aussagenlogisch liest, muss man mit „ja“ antworten, so wie Monika es implizit gemeint hat mit „beides“. In der Sprache ist das Oder aber i.d.R. exklusiv, also ausschließend gemeint, was die Frage sehr untypisch-dualistisch für Philippe macht :o)…

Für mich ist eigentlich klar, dass wir beides nicht sind, aber immerhin eher das, was wir im Gespräch bereden.

Dazu ein Bild: Wenn ich mich einem Konzertgelände nähere, höre ich zunächst die tiefen Töne, erst das Schlagzeug, dann den Bass, Je näher ich an die Bühne herankomme, desto differenzierter wird der Klang, weil höhere Frequenzen hinzukommen, bis ich erst das Musikstück eindeutig bestimmen kann und danach die Nuancen in der Livepräsentation wahrnehme. Die Bandbreite der wahrnehmbaren Klänge wird größer, weil durch die hinzukommenden Frequenzanteile schlicht mehr Informationen übertragen werden.

Das ist bei sprachlichen Äußerungen auch so und am Begriff der Prosodie auch gut erforscht. Kommunikation, die medial vermittelt wird, hat also grundsätzlich immer weniger Bandbreite als direkte Sprache. Ironie ist auf Twitter z.B. ein ganz schwieriges Thema und muss z.B. markiert werden, wobei die Markierung nicht die komplette Palette menschlicher Äußerungsmöglichkeiten abdeckt. Daher vertrete ich die These, dass medial vermittelte Kommunikation grundsätzlich kastriert ist, sobald sie medialisiert wird. Im Moment des Tippens ist sie das noch nicht.  Schon ein Video ist nicht das Gleiche wie z.B. ein Theater- oder Konzertbesuch – sonst gäbe es keine Theateraufführungen oder Konzerte.

Im Gespräch „sind“ wir in dieser Denkweise also auch nicht zwangsläufig, aber wir sind weit mehr als bei medial vermittelter Kommunikation.

Das halte ich für ein sehr grundsätzliches Problem von sozialen Medien. Viele Äußerungen und Entgleisungen werden erst dadurch möglich, dass es keinen synchronen Rückkanal gibt. Wenn ich z.B. jemanden schlage, gibt es vielfältige physische Reaktionen ohne Zeitverzögerung. Wenn ich einen Hasspost verfasse, sind die Reaktionen asynchron, die Äußerung steht auf lexikalischer-semantischer Ebene und kann kaum relativiert werden.

Spannend ist, dass man versucht mit VR oder Telepräsenzsystemen möglichst viele prosodische Elemente nachzubauen, um immer mehr Erfahrungen medial vermitteln zu können.

Ich finde es schon komisch, dass Menschen auf Laufbändern laufen, dafür Geld bezahlen, Zeit aufwenden, wo es doch Parks und Wälder gibt und die Laufschuhe direkt im Schrank stehen.

Vielleicht haben wir einfach Angst vor Komplexität oder sind zu bequem dafür geworden. (Ja).

Auszüge aus Schülerarbeiten auf Socialmedia veröffentlichen

… oder auch z.B. Korrekturtweets mit Zitaten. Ich werde mich jetzt unbeliebt machen, weil ich wahrscheinlich ein Tabu anspreche.

Ich als Elternteil …

Sollte ich bei meinen Kindern erleben, dass (Teil-)Scans oder Zitate, die ich zuordnen kann, öffentlich auf Socialmedia zur Schau gestellt oder diskutiert würden, ginge ich zu allererst zum Vorgesetzten der betreffenden Lehrkraft und – falls das nichts bringt – eine Ebene weiter. Als Elternteil muss ich mich nicht an Dienstwege halten. Ich würde nicht zuerst mit der betroffenen Lehrkraft sprechen. Ich finde, dass dieses Verhalten einiges aussagt, was sofort eine Beschwerde bei höheren Ebenen rechtfertigt.

Ich als Lehrkraft …

… erlebe bei Korrekturen viel Frust. Ich mag diese Arbeit nicht besonders und muss sehr viel Energie aufwenden, um mich bei der Stange zu halten. Ich kann diesen Frust meist nicht direkt mit jemandem teilen, obwohl ich ein großes Bedürfnis danach habe. Aus einem ersten Impuls heraus, neige ich oft dazu, dabei Dinge schreiben zu wollen, die den häuslichen Bereich eigentlich nicht verlassen sollten, durch die ich aber u.U. viel Beachtung erhalte, z.B. durch Menschen, die mir mitteilen, dass sie mich verstehen oder Ähnliches erleben. Deswegen habe auch ich schon Tweets wieder gelöscht. Die Selbstkontrolle (oder etwas negativer formuliert: Selbstzensur) klappt mittlerweile immer besser.

Die Administration …

… sagt, dass Arbeiten von Schülerinnen und Schüler immer auch eine gewisse Schöpfungshöhe haben, also ein Werk gemäß dem Urheberrecht darstellen dürften. Für eine Veröffentlichung – auch in Teilen – bräuchte ich beim Vorliegen dieser Schöpfungshöhe eine Einwilligung des Betroffenen – wenn er noch nicht volljährig ist eben die seiner Erziehungsberechtigten. Weiterhin unterliegen Arbeiten eines Schülers dem besonderen Schutz des Amtsgeheimnisses – insbesondere wenn es sich dabei um benotungsrelevante Texte oder sonstige Klausurauszüge handelt. Es wäre zu klären, inwieweit dieses Amtsgeheimnis durch eine Veröffentlichung von Auszügen gewahrt bleibt – immerhin ist es in manchen Bundesländern sogar explizit untersagt, Ereignisse, von denen ich im Rahmen des Amtsgeheimnisses Kenntnis erhalten habe, literarisch zu verarbeiten.

Die pädagogische Dimension …

„Darf ich Teile deiner Klausur mit meinen Korrekturen und einem Kommentar auf Socialmedia veröffentlichen?“ Lernen braucht in meinen Augen auch geschützte Räume, in denen Fehler folgenfrei bleiben. Ich möchte nicht die Arbeit irgendeines Schülers dem Gebahren auf Socialmedia aussetzen. Für mich ist das ein grober Vertrauensbruch. Die Handschrift eines Menschen ist einzigartig und damit für mich ein eindeutiges, personenbezogenes Merkmal – auch schon in der Grundschule. Zumindest der Betroffene wird seine Schrift wiedererkennen Ich möchte als Schüler nicht in die Lage kommen, meine unvollkommenen Texte irgendwo auch nur in Teilen veröffentlicht zu sehen. Mir reicht das, was ich hier schon teilweise an „gut gemeinten“ Berichtigungen als Zusendungen erhalte (nicht in der Sache, aber oft genug im Tonfall).

Wann habe ich Schülerarbeiten veröffentlicht?

Beide Punkte müssen für mich zutreffen:

  1. Ich habe den Schüler vorher gefragt.
  2. Ich bin mir sicher, dass die Leistung des Schülers entweder positiv dargestellt ist oder der Kontext einen Erkenntnisgewinn für Dritte bietet, den ich dem Schüler vermitteln kann.

Hier lagern auf verschlüsselten Festplattenbereichen noch diverse Schätze: Freie Reden mit viel Witz, außerordentliche Texte, Bilder aus dem Unterricht, Fotos von Standbildern usw.. Alles gäbe wunderbare und lehrreiche Blogartikel ab. Für mich. Aber um mich geht es in diesem Falle eher ganz viel weniger.

10 Pflichtfach Informatik \n 20 goto 10

Ich halte ein „Pflichtfach Informatik“ für unverzichtbar. Auf Twitter wird Ludger Humbert nicht müde, immer wieder und wieder danach zu rufen, wobei die Penetranz, mit er er diese Forderung vorträgt, weit über die von z.B. Jean-Pol Martin implizit als notwendig erachtete hinausgeht.

Diese Dauerschleife führt im Wesentlichen zu drei Reaktionsmustern:

  1. Man erträgt sie nicht mehr und blockt oder mutet.
  2. Man erwidert, dass man ja auch nicht ein Auto verstehen müsse, um es zu bedienen.
  3. Man erwidert, dass man ja auch nicht ein Auto verstehen müsse, um es zu bedienen und blockt oder mutet dann.

Eigentlich findet damit eine Auseinandersetzung auf zwei Ebenen statt: Eine emotionale und eine rationale. Wenn ich in der Beratung etwas nicht will, versuche ich genau auf zwei Ebenen Ablehnung zu erzeugen: Emotional und rational, wobei die erste Ebene wesentlich wichtiger ist.

Ohne Blumenfilter: Die Art und Weise, wie diese Forderung vorgetragen wird, sorgt m.E. eigentlich erst dafür, dass man ihr keine oder allenfalls negativ besetzte Beachtung schenkt.

Die rationale Ebene der Autoanalogie ist für mich allerdings eine nur vordergründig rationale, die wiederum viel mit dem jeweils zugrunde liegenden Kompetenzbegriff zu tun hat. Vermeintlich als Synthese schleicht sich zusätzlich der Begriff der Medienkompetenz in die Debatte, wobei ich denke, dass es keine wie auch immer geartete Medienkompetenz ohne informatische Bildung geben kann. Aber langsam.

Medienkompetenz ist sexy, denn:
  1. Medienkompetenz ist vordergründig ohne technisches Wissen vermittelbar.
  2. Medienkompetenz lässt sich am ehesten in bestehende Fächer integrieren – das ist administrativ sehr sexy, weil es realistischer erscheint, als ein weiteres Fach zu schaffen, was ggf. zu Lasten anderer Fächer geht.
  3. Medienkompetenz fällt digital affinen Menschen quasi im Vorbeigehen zu oder wird oftmals intrinsisch motiviert erworben, weil es z.B. Vorteile für den eigenen Unterricht bietet oder geeignete, sich selbst bestätigende Filterbubbles dafür gibt.

Der Medienpädagoge sagt:

„Wenn du XY schon nutzt, dann empfehle ich die und die Profileinstellungen, damit bestimmte Informationen nicht sofort Dritten zugänglich werden.“

Informatik ist so gar nicht sexy, denn:
  1. Sie hat etwas mit algorithmischen Denken zu tun, wovon „Programmierung“ nur ein winziger Bruchteil ist. Algorithmisches Denken zwingt sehr viel an Strukturen auf. Das ist oft wenig lustbesetzt, wenn man es nicht kennt. Auch Qualitätsmanagementzyklen sind im Prinzip algorithmisch: Evaluation => Zielsetzung => Planung => Umsetzung von Maßnahmen => Evalulation … (Ok. Manchmal ist das ja auch zum Kotzen)
  2. Es haftet dieser Disziplin immer noch ein Mythos von langhaarigen, weißhäutigen, pizza- und energydrinksverschlingenden Subjekten an, die sich ansonsten in Serverschränken von Bits und Bytes ernähren. Dabei wird gerne vergessen, dass z.B. Socialmedia nicht ein Produkt von Philosophen und Pädagogen ist und dass große Softwareprojekte von Teams und sozialen Umgangsregeln geprägt sind, von denen wir auf Socialmedia oftmals nur träumen.
  3. Sie bedroht Pfründe. Welcher engagierte Pädagoge möchte von seinem Fach etwas abgeben? Und dann noch für ein Fach mit so zweifelhaftem Nutzen? Denn: Autofahren kann man ja auch so (auch so eine Dauerschleife).

Der Informatiker sagt:

„Wenn du XY nutzt, solltest du folgende Angaben nicht machen und dir darüber im Klaren sein, dass es keine Löschfunktion gibt (obwohl sie so heißt), sondern nur die Möglichkeit, die Sichtbarkeit von Informationen temporär einzuschränken.“

Das Autoargument

… könnte auch lauten: Ich muss nichts über Chemie wissen, um Kosmetik zu benutzen. Oder: Ich brauche kein Wissen über Erkunde, um eine Reise zu unternehmen. Trotzdem „leisten“ wir uns beide Fächer, obwohl oder gerade weil diese beiden Aussagen stimmen.

Wir leisten uns diese Fächer, weil wir annehmen (ja, es ist eine Annahme), dass diese umfassende Konzepte vermitteln, die uns in unserer Welterfahrung und Berufsfindung nützlich sind.

Bezogen auf Informatik: Was erleben wir denn gerade und beschreiben es ja auch wieder und wieder in der Filterbubble? Richtig: Den enormen Einfluss der Digitalisierung auf Wirtschaft und Gesellschaft. Genau wie die Atome und Moleküle Grundkonzepte beim Aufbau von Materie beschreiben, beschreibt Informatik eben Grundzüge digitaler Strukturen. Wenn wir Grundzüge nicht vermitteln wollen, so müssen wir konsequenterweise alle Fächer abschaffen.

Das Autoargument beschreibt kein Grundkonzept. Es beschreibt einen winzigen Teil von Mobilität, der zudem immer unwichtiger werden wird. Daher kann man es m.E. gegen die Forderung nach einem Pflichtfach Informatik nicht in Stellung bringen.

Ebenso wenig wie ich heute weiß, wie der Zitronesäurezyklus genau abläuft, weiß ich durch Informatik später nicht, wie ein Rechner funktioniert, aber ich habe Grundzüge der Datenverarbeitung kennengelernt, die sich genau wie der Zitronensäurezyklus nicht großartig ändern.

Das Emotionale am Autoargument

Es ist uns Anwendern eigentlich klar, dass wir sehr wenig wissen. Weiterhin ist uns klar, dass dieses Unwissen Konsequenzen haben wird. Ansonsten würden wir von z.B. der Politik nicht so vehement fordern, dass sie z.B. bestimmte Dinge regulieren soll, z.B. Amazon oder Facebook. Und es ist uns noch etwas klar: Während wir das Lernen lange Zeit auf jüngere Generationen abschieben konnten, klappt das mit mit dem Lernen hinsichtlich des Digitalen eher nicht so gut, da diese Veränderung uns alle betrifft und uns daher auch alle fordert – vor allem auch auf dem Gebiet ethischer Grundsätze, die es für Digitalien neu zu schreiben und zu definieren gilt. Das ist schwierig, wenn ich nur ahnen kann, was generell möglich ist. Dann kommt da z.B. sowas wie Vectoring heraus.

Das ist zusätzlich sehr unangenehm und gar nicht bequem. Das sollen doch besser die langhaarigen, weißhäutigen, pizza- und energydrinksverschlingenden Subjekte machen. Wir wollen anwenden und benutzen. Dummerweise bestimmen damit die langhaarigen, weißhäutigen, pizza- und energydrinksverschlingenden Subjekte bzw. ihre Firmen grundlegende Strukturen auf Basis marktwirtschaftlicher Konzepte. Ich finde diese Vorstellung irgendwie blöd.

Kompetenzgeseier als Ausweg?

Die Vermittlung von Medienkompetenz ist im Extremfall nichts weiter als die Weitergabe autodidaktisch erworbener Anwenderkenntnisse bzw. gemachter Erfahrungen innerhalb von Socialmedia. Sie ist ohne Zweifel wichtig und sollte Teil in jedem Fach sein. Sie lässt sich aber auf Basis von Wissen über informatische Grundkonzepte m.E. viel fundierter und tragfähiger vermitteln. Die fiktive Aussage des stereotypen Informatikers oben eröffnet erweiterte Handlungs- und Bewertungsmuster gegenüber der stereotypen medienpädagogischen Position (wobei beides natürlich nur Beispiele zur Veranschaulichung sind).

Der Kompetenzseierer würde jetzt einwenden, dass informatisches Wissen ja auch veralte und damit eher Kompetenzen zum selbstständigen Erschließen des informatischen Wissens vermittelt werden sollten. Damit macht er einerseits den Dualismus zwischen Kompetenz und Wissen auf, den er den Kompetenzkritikern gerne vorwirft. Und er öffnet andererseits Systemen (z.B. Lobbyisten) Tor und Tür, den den Bereich der Informatik dann eben auf ihre Weise besetzen, denn Menschen in Ausbildung ahnen ja schon ein wenig, dass es in diesem Bereich Entwicklungsmöglichkeiten im späteren Leben gibt.

Das Argument mit dem „schnell veraltetenden Wissen“ finde ich darüber hinaus auch einigermaßen merkwürdig. Genau wie mathematische oder chemische Konzepte einigermaßen konstant verlässlich sind und den Kompetenz- und Wissenserwerb in beiden Disziplinen sowohl strukturieren und letztendlich dadurch auch erleichtern, gibt es auch in der Informatik allgemeingültige Strukturen wie etwa die Zerlegung eines Problems und Teilschritte. In den Geisteswissenschaften sind diese Strukturen naturgemäß weniger eng bzw. formal bestimmt ausgeprägt, aber dennoch vorhanden.

Fazit

Medienkompetenz ist erstmal besser als nichts und vielleicht auch der zunächst pragmatischere und bequemere Weg. Wenn wir jedoch in einer zunehmend digitalisierten Welt leben, wird ein Grundlagenfach wie Informatik für mich jedoch unverzichtbar, auch wenn die Forderung danach vielleicht unrealistisch und unbequem erscheint. Und nein: Informatik heißt nicht „programmieren lernen“. Es heißt viel mehr.

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