Den Schulen Freiheiten bei der Geräteauswahl geben?

Die idea­le Aus­gangs­si­tua­ti­on

Es gibt ein Medi­en­zen­trum eines Land­krei­ses. Es beschäf­tigt zwei Tech­ni­ker und einen Sys­tem­ad­mi­nis­tra­tor, um fol­gen­des für die Schu­len in Trä­ger­schaft des Land­krei­ses zu leis­ten:

  • Ent­wick­lung von Infra­struk­tur an Schu­len (Inter­net­zu­gang, Ver­net­zung, WLAN, Prä­sen­ta­ti­ons­tech­nik)
  • Koor­di­na­ti­on mit dem Hoch­bau­amt des Land­krei­ses, z.B. bei Elek­tro­in­stal­la­ti­ons­ar­bei­ten)
  • War­tung und tech­ni­scher Sup­port
  • Aus­schrei­bung und Beschaf­fung von End­ge­rä­ten
  • Abwick­lung von Garan­tie­fäl­len
  • ver­läss­li­che Ver­tre­tungs­re­ge­lun­gen bei Aus­fall von Sup­port­mit­ar­be­ten­den
  • usw.

Zusätz­lich sind zwei Medi­en­päd­ago­gen am Medi­en­zen­trum ange­dockt, zwei Mit­ar­bei­ter küm­mern sich um Medi­en­ver­leih und Gerä­te­aus­lei­he (Licht­tech­nik, Beschal­lung, Film- oder Foto­aus­rüs­tung, Geo­caching­ge­rä­te, iPad-Kof­fer u.v.m.) und das Medi­en­zen­trum beschäf­tigt dar­über­hin­aus noch eine Bun­des­frei­wil­li­gen­dienst­leis­te­rin sowie einen Jah­res­prak­ti­kan­ten.

Das Medi­en­zen­trum betreut nur die Land­kreis­schu­len auch tech­nisch, ansons­ten aber alle Schu­len und außer­schu­li­sche Bil­dungs­trä­ger mit Bera­tung und kos­ten­lo­ser Gerä­te­aus­lei­he.

Sol­che Medi­en­zen­tren gibt es, nicht vie­le, aber es gibt sie. Ob sie wirk­lich will, muss man ent­schei­den, wenn man hier wei­ter­liest.

Die oft anzu­tref­fen­de Ver­gan­gen­heit

In der Ver­gan­gen­heit haben Schu­len mit ihren Haus­halts­mit­teln Anschaf­fun­gen und bau­li­che Maß­nah­men im Bereich der IT-Tech­nik allein gestal­tet. Dazu konn­ten sie teil­wei­se Titel­grup­pen im Haus­halt rela­tiv frei ver­schie­ben. Dabei sind Net­ze und Gerä­te­parks ent­stan­den, die weit­ge­hend undo­ku­men­tiert vor sich hin­wer­keln. Tech­ni­scher Sup­port wur­de von exter­nen Dienst­leis­tern auf Stun­den­ba­sis über­nom­men, die meist meh­re­re Stun­den damit ver­bracht haben, zunächst zu ver­ste­hen, wie bestimm­te Din­ge vor Ort über­haupt funk­tio­nie­ren, bevor sie hel­fend aktiv wer­den konn­ten. Wenn der Tech­nik­papst­leh­rer vor Ort aus­fiel, fiel das Netz mit ihm aus.

Der Ent­wick­lungs­stand ein­zel­ner Schu­len ist dabei sehr unter­schied­lich und nicht zuletzt auch davon abhän­gig, wie ver­netzt und ein­fluss­reich Schul­lei­tun­gen in der Regi­on posi­tio­niert sind. Der eine kann Dritt­mit­tel in fast unbe­grenz­ter Höhe ein­wer­ben, der ande­re hat immer noch einen PC-Raum mit Win­dowsXP.

Die Her­aus­for­de­run­gen in einer sol­chen Struk­tur

  1. Wenn man bei Pro­ble­men schnell inter­ve­nie­ren will, kann das in der Flä­che nur funk­tio­nie­ren, wenn ich einen Groß­teil der Auf­ga­ben per Fern­war­tung erle­di­gen kann.
  2. Wenn man vor Ort Pro­ble­me lösen muss, ist eine gute Doku­men­ta­ti­on und weit­ge­hen­de Stan­dar­di­sie­rung uner­läss­lich.
  3. Man braucht z.B. im Bereich von WLAN- oder MDM-Sys­te­men zwin­gend man­dan­ten­fä­hi­ge Lösun­gen, d.h. bestimm­te Din­ge muss die jewei­li­ge Schu­le selbst für sich ent­schei­den dür­fen und ande­re Din­ge müs­sen zen­tral steu­er­bar sein, weil ich ansons­ten als Dienst­leis­ter im Extrem­fall n (=Anzahl der Schu­len) ver­schie­de­ne Sys­te­me bedie­nen kön­nen muss.
  4. Auch bei Platt­for­men macht es durch­aus Sinn, ein­heit­li­che Lösun­gen zu ver­wen­den, da LuL und SuS dann z.B. beim Schul­wech­sel ihre gewohn­te Umge­bung in ihrer gewohn­ten Kon­fi­gu­ra­ti­on vor­fin­den.
  5. Schu­len ver­lie­ren bei die­sem Anspruch aber zwangs­läu­fig Auto­no­mie im Bereich ihrer Finanz­pla­nun­gen, die bis­her immer bestan­den hat. Infra­struk­tur kann nicht ein­fach so beschafft wer­den, wenn gleich­zei­tig der Anspruch besteht, dass der Trä­ger sie ver­läss­lich war­ten soll.
  6. Die auto­di­dak­ti­schen  „Tech­nik­päps­te” vor Ort ver­lie­ren an Ein­fluss und Aner­ken­nung.
  7. Die Gna­de der Tech­ni­schen Betreu­ung ergießt sich auf alle Schu­len glei­cher­ma­ßen. Dabei ver­lie­ren die bis­her star­ken Sys­te­me, aber es gewin­nen die bis­her ver­nach­läs­sig­ten Schu­len.

Die letz­ten drei Punk­te machen in sol­chen Struk­tu­ren übri­gens gefühlt 98% der Arbeits­zeit aus.

Jetzt ergibt sich ein her­aus­for­dern­der Spa­gat: Einer­seits brau­chen Schu­len spe­zi­ell bei der Aus­wahl von End­ge­rä­ten natür­lich päd­ago­gi­schen Hand­lungs­spiel­raum, ande­rer­seits muss die tech­ni­sche Betreu­ung die­ser Gerä­te leist­bar sein.

Extrem­bei­spie­le (lei­der rea­le aus der Bera­tungs­pra­xis):

  • Eine Schu­le kauft nach päd­ago­gi­scher Bera­tung bei Media­markt 50 iPads und for­dert vom Trä­ger einen Klau­sur­mo­dus.
  • Eine Schu­le möch­te auf BYOD-Gerä­ten arbei­ten und for­dert vom Trä­ger, dass die­ser alle Schü­ler­ge­rä­te in die Schul­do­mä­ne ein­bin­det.
  • Eine Schu­le beschafft ein Pro­gramm zur Lern­stands­er­he­bung und ver­langt vom Trä­ger die Anbin­dung an das AD der Schu­le.
  • Eine Schu­le nimmt 50 gespen­de­te PCs an und ver­langt vom Trä­ger Hard­ware­sup­port dafür

Es darf nicht dazu kom­men, dass eine Schu­le auto­nom eine Ent­schei­dung trifft, die an ande­rer Stel­le unleist­ba­re Arbeit­pro­zes­se erzeugt. Es darf auch nicht dazu kom­men, dass der Trä­ger ein­sei­ti­ge Vor­ga­ben im Bereich der Aus­stat­tung macht. Das pas­siert aber immer genau da, wo es kein Gegen­ge­wicht in Form von medi­en­päd­ago­gi­schen Blick­win­keln gibt. Des­we­gen ist für mich eine Bera­tung hin­sicht­lich der Anschaf­fung von End­ge­rä­ten ohne Umfeld­ana­ly­se („Mal im Schul­amt Kaf­fee trin­ken”, „Infra­struk­tur ana­ly­sie­ren”, „Sta­ke­hol­der erfra­gen”) immer kri­tisch zu sehen.

Der Ide­al­fall ist für mich ein part­ner­schaft­li­cher Umgang mit­ein­an­der, bei dem ein Part­ner den ande­ren mit­denkt und ein­be­zieht.

Wenn der Trä­ger aus der Rol­le des „Beschaf­fers” und „Pflicht­er­fül­lers” und die Schu­le im Gegen­zug aus der Rol­le des „Bitt­stel­lers” her­aus­kommt, sind nach mei­ner Erfah­rung viel mehr Din­ge mög­lich.

Lei­der sind die­se Rol­len­bil­der in so man­cher Regi­on ziem­lich ver­här­tet. Und lei­der bringt ein sol­ches Ver­hält­nis natür­lich auch Auto­no­mie­ein­bu­ßen mit sich — vor allem bei Schu­len, die bis­her sehr gut auf­ge­stellt waren.

Etwas zu aktu­el­len Ten­den­zen bei End­ge­rä­ten

Ich hal­te momen­tan iPads aus tech­ni­scher und War­tungs­sicht für abso­lut alter­na­tiv­los. Das Preis-/Leis­tungs­ver­hält­nis stimmt, es gibt sehr brauch­ba­re MDM-Lösun­gen dafür, die Ein­satz­mög­lich­kei­ten im Unter­richt (z.B. als mobi­le Doku­men­ten­ka­me­ra) sind viel­fäl­tig. Es hat für mich einen pri­mär tech­ni­schen Grund, war­um sich die­se Lösung momen­tan stark ver­brei­tet. Es wird noch etwas dau­ern, bis von ande­ren Her­stel­lern ver­gleich­ba­re und glei­cher­ma­ßen bezahl­ba­re Ange­bo­te kom­men.

Die aus mei­ner Sicht Zemen­tie­rung des klas­si­schen Unter­richts­mo­dells z.B. in der Class­room-App fin­de ich schwie­rig. Ich lese bis­her wenig aus der iPa­ded-Ecke zum The­ma „Modi­fi­ca­ti­on” oder „Rede­fi­ni­ti­on”. Viel­leicht sehe ich das auch nicht — auf Table­te­vents kommt das in Pro­gramm­hef­ten neben viel „Knöpf­chen­kun­de” aber all­mäh­lich. Ich weiß auch nicht, wie es mit der Daten­schutz­fra­ge bei 1:1-Geräten jetzt genau aus­schaut — bei schul­ei­ge­nen Gerä­ten scheint das brauch­bar gelöst zu sein. Der Ansatz, dem Nut­zer mög­lichst viel bei der Bedie­nung abzu­neh­men, ist nicht so mei­ner mit Blick auf die Not­wen­dig­keit infor­ma­ti­scher Grund­kom­pe­ten­zen in der Zukunft.

Kei­ne Rol­le wer­den iPads wei­ter­hin in tech­ni­schen Berei­chen oder im Kon­text von Berufs­ori­en­tie­rung spie­len, also über­all, wo es um Fach­an­wen­dun­gen geht. Da ist im gra­phi­schen und audio­vi­su­el­len Bereich wei­ter­hin Apple mit sei­nen iMacs sehr stark, ansons­ten wird wohl Micro­soft noch ein wenig das Feld beset­zen.

Per­sön­lich blei­be ich Linu­xer. Ohne zwei offe­ne Ter­mi­nal­sit­zun­gen bin ich nicht glück­lich. Die Zukunft sehe ich in ser­ver­ba­sier­ten Anwen­dun­gen („Web-Apps”), die gerä­te­un­ab­hän­gig genutzt wer­den kön­nen und auf frei­er Soft­ware basie­ren. Zusätz­lich wer­den Vir­tua­li­sie­rung bzw. vir­tu­el­le Desk­tops gera­de auch im Kon­text von Prü­fun­gen eine gewal­ti­ge Rol­le spie­len.

 

 

Digitalpakt, Lobbyismus, Rolle des Staates und Erfahrungen vor Ort

Prolog

Eines vor­weg: Ich bin bin weder Wis­sen­schaft­ler, ich betrei­be kei­ne Bera­tungs­agen­tur, ich habe vor dem Ver­fas­sen die­ses Arti­kels nicht recher­chiert und bin einer von die­sen zu Beam­ten erzo­ge­nen Men­schen ohne krea­ti­ven Kopf, der den Anschluss an die rea­le Welt ver­lo­ren hat.

Wenn ich alle die­se in den sozia­len Medi­en hoch­ge­lob­ten und oft ver­link­ten und geli­ke­ten Arti­kel lese, ist mein ers­ter Impuls, unglaub­lich wütend und ran­tig zu wer­den, obwohl Men­schen wie ich natür­lich mit den Vor­wür­fen nicht gemeint sind.

Mein zwei­ter Impuls ist, arro­gant zu wer­den und all die­sen Leu­ten mal zu sagen, wel­chen Schwach­sinn sie ver­brei­ten, weil ich der­je­ni­ge bin, der die Weis­heit mit Löf­feln gefres­sen hat, weil er an der „Basis der Digi­ta­li­sie­rung” arbei­tet. Das ist ein Impuls. In Wahr­heit gibt es sehr vie­le Schnitt­men­gen zwi­schen mir und den Aus­sa­gen der Tex­te. Nur haben sie es nicht so dar­ge­stellt, wie ich es dar­stel­len wür­de.

Ich bin Leh­rer. Ich muss alles noch­mal mit eige­nen Wor­ten sagen. Sonst geht mir kei­ner ab. Die­se Eigen­schaft wird vie­len Lehr­kräf­ten zuge­schrie­ben, aber nur auf weni­ge trifft es zu, z.B. auf mich.

Des­we­gen arbei­te ich im Fol­gen­den mit Glau­bens­sät­zen und nicht mit wis­sen­schaft­lich fun­dier­ten Aus­sa­gen.

Glaubenssatz 1: Geld ist nicht das Problem

Wir leben in einem rei­chen Land und kön­nen spon­tan Aus­lands­ein­sät­ze und Ret­tungs­schir­me finan­zie­ren, aber auch Hun­dert­tau­sen­de von Men­schen bei uns auf­neh­men. Für die Schu­len tun wir alles allen­falls ganz vor­sich­tig, weil die­se kei­ne Lob­by haben und weil man sich Bil­dungs­po­li­tik in die­sem Land die Fin­ger ver­brennt. Wah­len ver­liert.

Und die Finan­zie­rung der Schu­len ist kom­plex gere­gelt. Per­so­nal bezahlt das Land (aber nur das leh­ren­de), Sach­mit­tel die Kom­mu­ne. Sage ich als Polit­ker „Digi­ta­li­sie­rung”, habe ich die kom­mu­na­len Spit­zen­ver­bän­de am Sack, weil die die Aus­stat­tung dafür finan­zie­ren müs­sen.

In die­ser Struk­tur wird das nichts bzw. es wird nicht schnell genug irgend­was, aber an die­se Struk­tur will auch kei­ner ran. Dar­an ver­brennt man sich die Flos­sen. Daher ste­hen bestimm­te Schu­len (z.B. die in mei­nem Land­kreis) viel, viel bes­ser da als ande­re. Geld ist da, aber ungleich ver­teilt. Glei­che Ver­tei­lung bedeu­tet, dass Kom­mu­nen Auto­no­mie auf­ge­ben müs­sen. Wer kann das in einer Kom­mu­ne wol­len? Bei Bil­dung weiß doch jeder Bescheid.

Selbst wenn man das auf die Rei­he bekommt: Dann hängt da halt erst­mal Hard­ware. War­um soll­te es die­ser anders erge­hen als den Sprach­la­bo­ren der 80er-Jah­re?

Glaubensatz 2: Der Staat ist nicht konkurrenzfähig

Neh­men wir den Faden von Glau­bens­satz 1 wie­der auf und da hängt jetzt Hard­ware. Irgend­wer muss das Zeugs aus­schrei­ben, beschaf­fen, war­ten, inven­ta­ri­sie­ren, ver­si­chern usw.. Dafür braucht es Per­so­nal, Fach­per­so­nal. Das fehlt aber schon in der Wirt­schaft. Nur ist die nicht an Tarif­ver­trä­ge gebun­den und zahlt mehr. Zudem muss man sich als explo­ra­ti­ver, krea­ti­ver Geist dort nicht mit Ver­wal­tungs­ver­fa­hen, Rech­nungs­prü­fungs­äm­tern, euro­päi­schen Aus­schrei­bungs­gren­zen und stän­dig wech­seln­dem Per­so­nal im Schul­amt aus Angst vor Kor­rup­ti­on aus­ein­an­der­set­zen.

Klar wäh­le ich dann als Sys­tem­ad­mi­nis­tra­tor mit Mas­ter die Exy-Stel­le in der öffent­li­chen Ver­wal­tung. Die Schu­len prü­geln mich, weil sich Pro­zes­se ewig lang­zie­hen und das Rech­nungs­prü­fungs­amt prü­gelt mich, weil For­ma­lia in der Aus­schrei­bung nicht pas­sen. Und außer­dem weiß sowie­so nie­mand so recht, wie man euro­pa­weit aus­schreibt und man will eigent­lich viel lie­ber stü­ckeln, damit man beschränkt aus­schrei­ben kann. Dann ist z.B. im Rah­men einer Medi­en­ent­wick­lungs­pla­nung zwar Geld da, aber nüt­zen tut es trotz­dem nichts.

Glaubenssatz 3: Die Fachbetriebe wissen nicht, wo sie hingreifen sollen

Neh­men wir den Faden von Glau­bens­satz 2 wie­der auf und wir haben jetzt super­du­per Per­so­nal und die Aus­schrei­bung ist rechts­kon­form gelau­fen. Huch! Es gibt kei­ne Ange­bo­te. Oder es dau­ert ewig und kos­tet Engels­zun­gen. Wer als Fach­be­trieb oder Sys­tem­haus etwas kann, hat den Arsch voll mit Arbeit und Auf­trä­gen. War­um soll ich als Elek­tro­in­stal­la­ti­ons­be­trieb in einem Putz­bau Schlit­ze klop­pen, wenn ich in einem Roh­bau in der glei­chen Zeit meter­wei­se Kabel an die Wand nageln kann? War­um soll ich mich als Sys­tem­haus mit den Eigen­hei­ten von Schu­len aus­ein­an­der­set­zen, wenn mir in einer Fir­ma ein it-ver­sier­ter Mit­ar­bei­ter als Ansprech­part­ner wäh­rend der Umset­zungs­pha­se zur Ver­fü­gung steht?

Glaubenssatz 4: Haltungen sind das dickste Brett

Neh­men wir den Faden von Glau­bens­satz 3 wie­der auf, wir haben jetzt super­du­per Per­so­nal, die Aus­schrei­bung ist rechts­kon­form gelau­fen, die Hard­ware hängt und wird fach­kun­dig gewar­tet.

Wenn es in die­ser Rei­hen­fol­ge läuft, ist es schon ganz falsch. Wer Schu­len abge­se­hen von Inter­net­an­schluss, Schul­ser­ver­lö­sung, Netz­ver­ka­be­lung, WLAN und Prä­sen­ta­ti­ons­sys­te­men nicht von vorn­her­ein an Aus­stat­tungs­pro­zes­sen betei­ligt, macht eh nichts rich­tig.

Und: Wer führt mit Kol­le­gi­en Gesprä­che? Wer bil­det fort? Wer zeigt Mög­lich­kei­ten auf, die rea­li­sier­bar sind? Wer bringt Men­schen auf Ide­en und in den Flow? Wer arbei­tet an Hal­tun­gen? Wer steu­ert in lau­fen­den Pro­zes­sen stän­dig nach? Wer ver­netzt Men­schen? Wer behält den Über­blick?

Fazit

Bei uns in der Gegend arbei­ten wir ganz genau in die­sen Span­nungs­fel­dern. Mal ver­liert man dabei und mal gewin­nen die ande­ren. Ich wür­de aus der Erfah­rung der letz­ten Jah­re genau eines nie tun: Behaup­ten zu wis­sen, wie man das alles auf die Rei­he bekommt. Eini­ges klappt sehr gut, für eini­ges ver­han­deln wir Lösun­gen, ande­res klappt noch über­haupt nicht. Jede Woche gibt es ech­te Tief­schlä­ge, jede Woche gehen Din­ge vor­an und lösen sich Kno­ten. Eine exter­ne Bera­tungs­agen­tur ist dabei ein rela­tiv klei­nes Mosa­ik­stein­chen, obwohl der Anspruch in bun­ten Wer­be­pro­spek­te da oft ein ande­rer ist. Hier vor Ort gibt es Men­schen und Betrie­be mit viel Idea­lis­mus und sozia­ler Ader, aber auch einem Bewusst­sein um die Wich­tig­keit der Digi­ta­li­sie­rung für den Stand­ort.

Bun­des­wei­te Initia­ti­ven zum Coding oder die For­de­run­gen nach Trans­pa­renz sind in die­sem Kon­text unglaub­lich lieb gemeint. Eben­so lieb gemeint ist die Idee, jede HIl­fe von außen anzu­neh­men. In mei­nen Augen aber naiv-lieb.

Lei­der wird dadurch meist ledig­lich eines erreicht: Mehr Kom­ple­xi­tät und einem ja ohne­hin schon sehr ein­fa­chen Feld (s.o.). Die Arbeit fängt nach dem Poli­ti­ker­pres­se­bild mit gestif­te­ter Hard­ware an. Da sind dann aber regel­mä­ßig alle von außen weg. Auch und gera­de die Pres­se. Selt­sam.

 

Mehr „Wir” wagen

Ich und mein Kon­text

Lisa Rosa hat einen phä­no­me­na­len Arti­kel zum The­ma geschrie­ben, was kri­ti­sches Den­ken ist. Andre­as Kalt ist für mich die abso­lu­te Refe­renz­klas­se, wenn es um die kon­kre­te Umset­zung und Refle­xi­on von Unter­richts­sze­na­ri­en geht. Wäh­rend ich bei Lisa oft mei­ne Schwie­rig­kei­ten habe, die­sen immens hohen Anspruch an Hal­tun­gen von Lehr­kräf­ten in mei­nem Bera­tungs­all­tag zu inte­grie­ren, kann ich alles von Andre­as kom­plett unter­schrei­ben.

Ich habe kürz­lich einen Vor­trag von Prof. Bas­ti­an zum inklu­si­ven Unter­richt gehört. Des­sen Inhal­te hät­ten mich noch vor weni­gen Jah­ren tief empört — heu­te brin­gen mich die­se Ide­en so gedank­li­che Reso­nanz, dass es mir ein Anlie­gen war, die­sen Men­schen noch ein­mal per­sön­lich anzu­spre­chen. Ich bin sehr froh, dass es einen Franz Joseph Röll gibt, der vie­le Teil­ge­ben­de „mei­nes” Schul­me­di­en­ta­ges irri­tiert hat.

Ja, und ich habe durch­aus auch enge Ver­bin­dun­gen zu Men­schen aus dem Wirt­schafts­be­reich. Es sind erstaun­li­cher­wei­se oft Men­schen, die die­se Idea­le im Her­zen mit­tra­gen, aber natür­lich auch unter einem fir­men­po­li­ti­schen Druck ste­hen, Com­pli­an­ces umset­zen zu müs­sen. Dahin­ter fin­det sich oft etwas ganz ande­res. Das ist der eigent­li­che Grund, war­um ich Rene Schepp­lers Enga­ge­ment gegen Lob­by­is­mus in der Schu­le zwei­schnei­dig sehe — obwohl ein Tele­fon­ge­spräch da letz­tens viel rela­ti­viert hat.

Mein Leben ist sehr voll von Auf­ga­ben. Ich habe eine sehr gro­ße Fami­lie und ver­brin­ge zur­zeit mei­ne Wochen­en­den auf der Stra­ße und in Sport­hal­len. Beruf­lich bin ich mehr und mehr in Pro­zes­se auf Lan­des­ebe­ne ein­ge­bun­den. Unser Lan­des­in­sti­tut nimmt Stel­lung zu Erlas­sen und Kern­cur­ri­cu­la im Bereich der Medi­en­bil­dung und passt gera­de den Ori­en­tie­rungs­rah­men Medi­en­bil­dung an das neue KMK-Stra­te­gie­pa­pier an. Vor Ort in mei­nem Land­kreis läuft gera­de ein struk­tu­rier­ter Medi­en­ent­wick­lungs­pro­zess (Link zeigt nur Bei­spiel) an. Par­al­lel dazu stei­ge ich immer mehr in Pro­zes­se zur Ent­wick­lung von Medi­en­bil­dungs­kon­zep­ten ein. Ach, und dann läuft noch eine Koope­ra­ti­on zwi­schen Uni­ver­si­tät, Stu­di­en­se­mi­nar und Schu­le an, die zum Ziel hat, Medi­en­bil­dung in allen Pha­sen der Leh­rer­aus­bil­dung zu ver­an­kern.

Ich kann das alles tun, weil ich mit einem Groß­teil mei­nes Stun­den­de­pu­tats nicht mehr in der Schu­le bin, son­dern beim NLQ. Trotz­dem ist das jetzt nicht so wenig, was in mei­nem Umfeld so läuft :o)… Es kom­men hau­fen­wei­se exter­ne Anfra­gen, ob wir nicht dies oder jenes auch in ande­ren Regio­nen ansto­ßen kön­nen. Das, was ich weiß, weiß ich, weil ich auf sehr unter­schied­li­chen Ebe­nen im Land unter­wegs bin.

Ich mache das nicht allei­ne, son­dern habe mich bewusst mit Men­schen und Kon­tex­ten umge­ben, die mir ein Umfeld bie­ten, in dem es sich arbei­ten lässt. Dazu zäh­len Ver­bind­lich­kei­ten, Arbeit im Team und Visio­nen. Mein Team trägt mich und macht das, was ich nicht kann — teil­wei­se ohne dass dazu expli­zi­te Abspra­chen not­wen­dig wären.

Ver­wir­rung

Ich bin auch in sozia­len Medi­en unter­wegs. Es ist mir wich­tig mit­zu­be­kom­men, wie Men­schen den­ken, wo sie ste­hen, was „die Basis” so umtreibt, schließ­lich arbei­te ich ja für die Men­schen an den Schu­len. Ich fin­de dort zuneh­mend weni­ger das wie­der, was mir in die­sem „Real­li­fe” wich­tig ist: Die gemein­sa­me Arbeit, auch wenn man im Detail durch­aus ande­rer Mei­nung sein kann.

Ich habe Gren­zen.

Ich habe zuneh­mend Angst, über die­se Gren­zen öffent­lich zu spre­chen.

Mir scheint, dass es zuneh­mend Men­schen gibt, die in Bezug auf Ler­nen in Zei­ten der Digi­ta­li­sie­rung die Weis­heit mit Löf­feln gefres­sen haben, weil sie Gerä­te, Apps und Tools ein­set­zen, die ande­re Lehr­kräf­te nicht ein­set­zen.

Viel­leicht kann ich mich noch ruhig zurück­leh­nen, in den Arro­ganz­mo­dus schal­ten, wohl­wis­send dass Selbst­ver­mark­tung — auch von gan­zen Schu­len — und päd­ago­gi­sche Wirk­lich­keit oft inter­es­san­te Dif­fe­ren­zen auf­wei­sen und sich die ver­meint­li­che Moder­ni­tät dann oft genug nicht in umge­setz­ten Kon­zep­ten, son­dern gebun­den an weni­ge Per­so­nen dar­stellt.

Jemand, der neu­gie­rig ist und viel­leicht erst ers­te Schrit­te geht, wird dar­aus ggf. ande­re Kon­se­quen­zen zie­hen — auch aus dem aus mei­ner Sicht zuneh­mend gewöh­nungs­be­dürf­ti­gen Umgang mit­ein­an­der — das #edchat­de-Deba­kel ist ja nur eine Aus­prä­gung davon.

Ich konn­te all das, was ich heu­te ver­meint­lich kann, nicht sofort. Das brauch­te alles viel Zeit — Zeit, die wir ande­ren Men­schen auch zuge­ste­hen soll­ten.

Tei­le mei­ner digi­ta­len Geschich­te

Mei­ne ers­te Begeg­nung mit dem Ler­nen unter Ein­satz von digi­ta­len Tools war Mood­le. Mood­le war „damals” in Deutsch­land noch sehr unbe­kannt. Es gab eini­ge Gleich­ge­sinn­te, mit denen ich mich auf den Weg gemacht habe, die­ses Tool zu erfor­schen und für den Unter­richt aus­zu­lo­ten. Dar­aus ist ein Ver­ein ent­stan­den, den es bis heu­te gibt. Wir waren von die­sem Tool so über­zeugt, dass wir sogar Schu­len kos­ten­lo­se Instan­zen zur Ver­fü­gung gestellt haben. Ich war für die Tech­nik ver­ant­wort­lich und hat­te sogar eine kom­plet­te Ober­flä­che für die Instal­la­ti­on, das Update und das Rever­se-Proxy­ing meh­re­rer Instan­zen ent­wi­ckelt, die auf einer Code­ba­sis lie­fen. Sogar unser schon damals völ­lig ver­al­te­tes Schul­netz, basie­rend auf Arktur4 mit LDAP hat­te ich schon dar­an­ge­bas­telt. Eines mei­ner Pro­jek­te mit Mood­le hat­te ich als Wett­be­werbs­bei­trag (schön mit LaTeX durch­ge­stylt)  ein­ge­reicht, um dann gegen ein E-Mail-Brief­freund­schafts­pro­jekt zu ver­lie­ren — Mood­le war sei­ner Zeit damals dann doch etwas vor­aus.

Das mit dem Ver­ein ging für mich recht unschön zu Ende — es gab im mensch­li­chen Bereich zuneh­mend Schwie­rig­kei­ten — mei­ne Ansprü­che an Zusam­men­ar­beit waren ein­fach auch recht hoch. Heu­te ent­wick­le ich wie­der einen Mood­le­kurs zum The­ma Netz­werk­tech­nik für ange­hen­de Medi­en­be­ra­ter am NLQ. Mei­ne Kri­tik an Lern­platt­for­men bleibt davon unbe­hel­ligt.

Die­se Erfah­rung hat mich trot­zig im dem Sin­ne gemacht, dass ich von nun an etwas zei­gen woll­te: Eine Ein­zel­per­son kriegt inhalt­lich mehr auf die Ket­te als ein Ver­eins­team. Das glau­be ich heu­te zwar nicht mehr, aber riecken.de ist letzt­end­lich das Ergeb­nis die­ser Trotz­pha­se. Mit über 700 Arti­keln ist die­ses Blog mitt­ler­wei­le zu einer recht fes­ten Anlauf­stel­le bei ver­schie­de­nen The­men gewor­den. Den meis­ten „Umsatz” mache ich übri­gens mit Diktat­tex­ten — völ­lig kon­trär zu den von mir sonst pro­pa­gier­ten The­sen.

Wäh­rend­des­sen kam die LdL-Bewe­gung mit Jean-Paul-Mar­tin. Auf einem Tref­fen in Lud­wigs­burg fiel mein Name öffent­lich in einem vol­len Hör­saal. Die­se Art von Wahr­neh­mung kann­te bis­her ich nicht. Auf ein­mal waren da Men­schen um mich, die einen ähn­li­chen Blick auf Schu­le hat­ten wie ich. Die meis­ten blogg­ten, eigent­lich glau­be ich, dass in der Zeit sogar der Ursprung der Blog­be­we­gung liegt. Wir dis­ku­tier­ten in Blogs und nicht auf Twit­ter, ver­link­ten uns gegen­zei­tig. Auf Edu­camps traf man sich und ich fühl­te mich dort wie auf einem ande­ren Stern, obwohl dort Lebens­kon­zep­te auf­ein­an­der­tra­fen, die unter­schied­li­cher nicht hät­ten sein kön­nen — allein die Bar­camp­me­tho­de, Twit­ter mit Ulf Blan­ke, ohne den ich heu­te nicht Medi­en­be­ra­ter wäre usw.

Ich kom­me mir jetzt oft schon vor wie der Groß­va­ter in der Wer­bung für Wert­hers Ech­te.

Och Leu­te …

Wor­auf ich hin­aus­will: Dass ich heu­te am NLQ ein- und aus­ge­he, dass ich neu­lich mei­nen ers­ten Ter­min am Kul­tus­mi­nis­te­ri­um hat­te, dass ich mich heu­te vor Anfra­gen von Schu­len kaum ret­ten kann, dass ich Din­ge wie die­ses Pam­phlet hier schrei­be, das ist das Ergeb­nis eines jah­re­lan­gen Pro­zes­ses, der streng­ge­nom­men schon weit frü­her in der evan­ge­li­schen Jugend­ar­beit begon­nen hat.

Ich habe die­sen Back­ground, aber immer noch die Hose voll, wenn ich Schul­trä­ger und Schu­len bei Din­gen wie der Medi­en­ent­wick­lungs­pla­nung oder bei dem Pro­zess der Erstel­lung eines Medi­en­bil­dungs­kon­zep­tes beglei­te. Ich schei­te­re dabei sehr oft, am aller­meis­ten an mei­ner eige­nen Schu­le — weil das — geben wir es doch end­lich mal zu — noch kaum jemand bis­her gemacht hat.

Wenn ich eines über die Jah­re gelernt habe, dann die­ses:

Als ein­fa­che Lehr­kraft wer­den wir unse­re Schu­len nicht in Lern­or­te der Zukunft trans­for­mie­ren, schon gar nicht unse­re eige­nen. Das vie­le poten­ti­el­le Geld, was momen­tan her­um­schwirrt, die Bil­dungs­cloud­idee usw. — das kann alles auch ganz anders enden. Es geht eben nicht nur um „unse­re Schu­le”, son­dern um eini­ges mehr. Wer in sei­ner Sicht beschränkt auf sei­ne Schu­le bleibt, wird es m.E. sehr schwer haben, sich den momen­tan wirk­sa­men Kräf­ten aus z.B. der Wirt­schaft zu wider­set­zen. Die hat Lob­by­is­ten und Ein­flüs­te­rer — wir nicht. Wir müs­sen zuneh­mend poli­tisch und in grö­ße­ren Zusam­men­hän­gen den­ken. Dabei wer­den wir auf mas­si­ve Gren­zen sto­ßen, die nicht ohne die Poten­tia­le von Ver­net­zung und Arbeit im Team über­wun­den wer­den kön­nen.

Über die Gren­zen müs­sen wir offen spre­chen kön­nen. Nicht so wie es jetzt oft geschieht. In die­sem „Real­li­fe” habe ich für mich ein Team und Ver­net­zungs­mög­lich­kei­ten gefun­den. Ich wür­de ger­ne einen mehr oder weni­ger öffent­li­chen Ort fin­den, an dem ich über Gren­zen spre­chen kann. Das geht nicht, wenn ich befürch­ten muss, dass jeder Post über den den „Highest-SAMR”-Level oder die anzu­stre­ben­den Uto­pi­age­sell­schaft gezo­gen wird.

Wenn mir als Wert­her-Groß­va­ter das so geht — wie muss es dann denen gehen, die gera­de erst anfan­gen und die­se oder eine ganz ande­re Ent­wick­lung noch vor sich haben?

Pflichtfach Informatik? Ein Streitgespräch.

Informatikunterricht? Muss das sein..!?

Immer wie­der tobt eine Debat­te über ver­pflich­ten­den Infor­ma­tik­un­ter­richt — Rea­li­tät ist er aber nur in drei Bun­des­län­dern. Ver­passt Deutsch­land beim Com­pu­ter­un­ter­richt eine gro­ße Chan­ce? Was ist eigent­lich zeit­ge­mä­ßer Infor­ma­tik­un­ter­richt und… braucht man Pro­gram­mie­ren wirk­lich? Maik Riecken und Jan-Mar­tin Klin­ge strei­ten.

Klin­ge: Maik, du schreibst auf dei­nem Blog, dass du die Fächer Deutsch und Che­mie an einem Gym­na­si­um in Nie­der­sa­chen unter­rich­test. Was hast du mit Infor­ma­tik zu tun?

Riecken: Nichts For­ma­les, d.h. ich habe weder eine Fakul­tas dafür oder noch irgend­ei­nen „offi­zi­el­len” Kurs auf der Uni dazu besucht. Mit 14 Jah­ren habe ich mei­nen ers­ten Com­pu­ter bekom­men – einen Amiga500. Dar­auf habe ich eigent­lich fast nur gedad­delt, aber auch ers­te Geh­ver­su­che mit Ami­ga­Ba­sic gemacht. Das war schon was, weil man sogar eine GUI mit Maus hat­te und mit Ami­ga­Ba­sic pro­gram­mie­ren konn­te. Spä­ter habe ich dann sogar Din­ge in Assem­bler ver­sucht – ange­regt durch die damals schon sehr akti­ve „Demo­sze­ne” und die Begrenzt­heit der Hard­ware – aller­dings habe ich es nie geschafft, mei­nem Kum­pel das ver­spro­che­ne Intro zu pro­gram­mie­ren – das ist heu­te noch so ein geflü­gel­ter Spruch zwi­schen uns: „Maik, wo bleibt mein Intro?” In Kiel gab es spä­ter zu PC-Zei­ten dann eine Keim­zel­le der deut­schen Linux­sze­ne mit einem monat­li­chen Stamm­tisch – von da an ging es ab mit Ser­ver­diens­ten, Shell­script, MyS­QL usw.

Klin­ge: Assem­bler? Shell­script..?! Ich ver­ste­he nur die Hälf­te. Aber der spie­le­ri­sche Aspekt ist mir geläu­fig: Mit mei­nen Freun­den haben wir in den 90ern Com­pu­ter­spie­le mit­tels HEX-Edi­tor zer­legt und ver­än­dert. Wir sahen den Matrix-Code schon lan­ge vor dem Film – aber das war alles Frei­zeit und Spiel. Ist Infor­ma­tik an dei­ner Schu­le ein Pflicht­fach?

Riecken: Nein. Schü­le­rin­nen und Schü­ler kön­nen das Fach in der Klas­se 10 bele­gen, wenn sie in der 11. Klas­se eine Natur­wis­sen­schaft durch Infor­ma­tik erset­zen wol­len. Dann müs­sen sie dort min­des­tens ein hal­bes Jahr „durch­hal­ten”. In Nie­der­sach­sen kann jeder Leh­rer bis zur Jahr­gangs­stu­fe zehn qua Amt alles unter­rich­ten – ich z.B. Infor­ma­tik. Da schließt sich dann der Kreis.

Klin­ge: Nun, dann sehe ich mich in der Posi­ti­on vie­ler Eltern oder auch fach­frem­der Kol­le­gen: Wenn ich an mei­nen eige­nen Infor­ma­tik­un­ter­richt den­ke, erin­ne­re ich mich an dunk­le Com­pu­ter­räu­me und ers­te Pro­gram­mier­ver­su­che in qba­sic. Mal ehr­lich – nichts, was ich da gelernt habe, hat mir je gehol­fen. Das war Zeit tot­schla­gen. Für mich ist Infor­ma­tik­un­ter­richt über­flüs­sig.

Riecken: Bei mir war es tech­no­lo­gisch noch stein­zeit­li­cher. Ich habe auf einem Apple II gelernt – mit Bern­stein­mo­ni­tor. Ich mei­ne, das war Pas­cal oder auch ein Basi­cdia­lekt. Es war aber eine unglaub­li­che Fas­zi­na­ti­on zu spü­ren — und ein Pio­nier­geist. Text­ad­ven­tures selbst gestal­ten, Nadel­dru­cker ansteu­ern, Flop­py­disks orga­ni­sie­ren (die Flop­py ist heu­te immer noch das Sym­bol zum Spei­chern in den meis­ten Anwen­dun­gen).

Klin­ge: Schaue ich mir mei­ne zwei­jäh­ri­ge Toch­ter an, dann kann sie auf dem Tablet die Dis­play­sper­re über­win­den, ver­schie­de­ne Apps star­ten und in ihrem Lieb­lings­spiel, Dora Explo­rer, Puz­zle lösen, malen und mit den Figu­ren inter­agie­ren. Ich habe in dem Alter Sand geges­sen. Oder Erde. An guten Tagen bei­des.
Ich will damit sagen, dass Kin­der heu­te von früh auf mit Tech­no­lo­gie umzu­ge­hen ler­nen – wozu braucht es da Infor­ma­tik­un­ter­richt?

Riecken: Dann erschließt sich dei­ne Toch­ter ihre Welt in die­sem Bereich medi­al ver­mit­telt. Sie lernt Inter­faces zu bedie­nen, aber eigent­lich nichts über Tech­nik dabei. Da zudem auf Wisch­ge­rä­ten vie­les leicht ist – selbst krea­tiv sein kann man da „ganz ein­fach” (im Rah­men des­sen, was der jewei­li­ge Pro­gram­mie­rer unter Krea­ti­vi­tät ver­steht), kann die hap­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit der Welt dage­gen ger­ne schon­mal als mühe­voll erlebt wer­den. Es hängt sehr stark vom Eltern­haus ab, ob die Wisch­ge­rä­te als „Shut-up-Toy” ein­ge­setzt wer­den, oder ob ein Aus­gleich geschaf­fen wird und Kin­der auch erle­ben dür­fen, dass sie anders­wo schei­tern und immer neue Stra­te­gi­en ent­wi­ckeln müs­sen. Kin­der erfah­ren die Welt mit ihren Sin­nen. Gerä­te spre­chen immer nur einen Aus­schnitt der Sin­ne an.

Klin­ge: Nun, mei­ne Infor­ma­tik­erfah­run­gen sind offen­sicht­lich anti­quiert – was beinhal­tet das Fach heut­zu­ta­ge?

Riecken: Ich sage immer, dass Infor­ma­tik das ein­zi­ge Fach ist, bei denen ich Schü­le­rin­nen und Schü­ler beim Den­ken bzw. Ihren Denk­schrit­ten zuschau­en kann. Eigent­lich geht es im Kern oft dar­um, ein Pro­blem in hand­hab­ba­re Teil­pro­ble­me zu zer­le­gen. Ich habe in die­sem Jahr mit mei­nen Schü­lern (sor­ry, war ein rei­ner Jun­gen­kurs) viel zum The­ma Pass­wort­ver­schlüs­se­lung gemacht. Auf­hän­ger waren die unzäh­li­gen gestoh­le­nen Pass­wort­da­ten­ban­ken im letz­ten Jahr (Yahoo, Lin­kedIn etc.). Die Schü­ler wis­sen jetzt z.B. war­um ein Pass­wort eine gewis­se Län­ge und Kom­ple­xi­tät haben soll­te und dass eine siche­re Pass­wort­spei­che­rung unmög­lich ist, son­dern allen­falls eine, die Angrif­fen eine zeit­lang stand­hält. Dann kann man noch dar­über sin­nie­ren, war­um selbst gro­ße Inter­net­fir­men die Grund­re­geln bei der Pass­wort­spei­che­rung nicht befol­gen usw. — und schon ist man ganz schnell bei betriebs­wirt­schaft­li­chen oder gar ethi­schen Fra­gen. Rei­ne Medi­en­kom­pe­tenz­ver­mitt­lung ohne infor­ma­ti­schen Hin­ter­grund ist in die­sem Feld eine rei­ne Black­box: „Mach dein Pass­wort lang und kom­plex!” „Häh? War­um? Unbe­quem. Gibt doch ‚ne App!”

Klin­ge: Umge­kehrt begeg­nen mir in der Schu­le oft Jugend­li­che, die mit 13 Jah­ren noch den Ein- und Aus­schal­ter am Com­pu­ter suchen und über­haupt kei­ne Erfah­rung mit einem sta­tio­nä­ren Com­pu­ter haben. Die­sen Kin­dern fehlt jede Grund­la­ge – ihnen Pro­gram­mie­ren bei­zu­brin­gen scheint her­aus­for­dernd – die müs­sen doch eher ler­nen, mit Office Pro­gram­men umzu­ge­hen. Die bräuch­ten eher einen Schreib­ma­schi­nen-Kurs. Wie begeg­nest du die­sem Spa­gat?

Riecken: Da gibt es heu­te ganz tol­le Ansät­ze — das Pro­blem haben wir ja nicht nur in Deutsch­land. „Unplug­ged” begin­nen, über Kli­ckibun­ti (z.B. auf code.org) Grund­kon­zep­te erler­nen und dann erst­mal qua­si per „Online-App” ers­te For­ma­li­sie­run­gen machen. Dafür braucht es anfangs nur einen Brow­ser und die Datei­en fin­den sich auch immer wie­der an, da die App alles erle­digt. Dann Schritt für Schritt Rich­tung Datei­sys­tem und Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on gehen, bevor man dann kom­ple­xe­re Din­ge anfasst — meist aber eher sowas wie die Steue­rung von Model­len oder Robo­tern – dann sieht man auch einen Effekt sei­ner Code­zei­len. Im Zusam­men­spiel von Mecha­nik und Soft­ware braucht man dann Feh­ler­suchstra­te­gi­en, die bei man­chen Pro­gram­mier­an­sät­zen bes­ser als bei ande­ren grei­fen. So ent­ste­hen nach und nach sehr viel­fäl­ti­ge Anfor­de­rungs- und Arbeits­sze­na­ri­en.
Die Idee, dass Infor­ma­tik etwas mit Tech­no­lo­gie zu tun hat, hal­te ich für falsch. Es gibt genug Bei­spie­le dafür, dass Infor­ma­tik­un­ter­richt voll­kom­men ohne Tech­no­lo­gie („unplug­ged”) funk­tio­nie­ren kann, etwa wenn ich die Lern­grup­pe Ide­en ent­wi­ckeln las­se, mit wel­chen Stra­te­gi­en Men­schen z.B. nach der Grö­ße sor­tiert wer­den kön­nen. „Pro­gram­mie­ren” heißt dann schlicht „nur”, die­se Stra­te­gie zu for­ma­li­sie­ren – ein­fach in ganz nor­ma­ler Spra­che, spä­ter in for­ma­li­sier­ter – das hilft sogar spä­ter beim Deutsch­auf­satz. Aber im Kern geht es gar nicht dar­um, son­dern um die Kon­zep­te, die z.B. einen Taschen­rech­ner funk­tio­nie­ren las­sen.

Klin­ge: Nun, das klingt sicher für den ein oder ande­ren span­nend – aber letzt­lich haben doch wenig Schü­ler ein Inter­es­se dar­an, eine wei­te­re Fremd­spra­che zu ler­nen: Ob das jetzt fran­zö­sisch ist oder Java oder die Grund­la­gen von Pro­gram­men. Als Leh­rer lei­de ich jetzt schon unter dem vol­len Plan und der weni­gen Zeit. Ein wei­te­res Fach… Die Kin­der haben doch kei­ne Zeit mehr Kin­der zu sein.

Riecken: Infor­ma­tik ist kei­ne Spra­che. Infor­ma­tik ist nicht Pro­gram­mie­ren! Wenn wir den Bogen da kon­se­quent wei­ter span­nen: Was ist denn mit Fächern wie Mathe, Che­mie, Latein? Las­sen wir uns als Gesell­schaft davon lei­ten, ob aus­rei­chend vie­le Schü­le­rin­nen und Schü­ler Inter­es­se dafür auf­brin­gen (wol­len) oder ob Lehr­kräf­te dar­un­ter lei­den? Gera­de Latein – die­ses tote Ding? Ich glau­be, dass sehr vie­le Schü­le­rin­nen und Schü­ler unter die­sen Fächern durch­aus lei­den. Trotz­dem dis­ku­tie­ren wir nicht über deren Abschaf­fung, oder ob die­se Fächer frei gewählt wer­den dür­fen. Wenn es damals nach mir gegan­gen wäre, hät­te ich Eng­lisch sofort abge­wählt. Heu­te ist die­se Spra­che für mich unglaub­lich wich­tig gewor­den. Latein hin­ge­gen hat für mich nur eine sehr gerin­ge Bedeu­tung. Ich weiß, dass man mir unter­stel­len wird, mich für einen Kanon ein­zu­set­zen, das neue Ler­nen nicht ver­stan­den zu haben. Wenn ich heu­te in die Welt schaue, sehe ich kaum Beru­fe, die ohne digi­ta­le Kom­pe­ten­zen sinn­voll län­ge­re Zeit aus­zu­üben sind. Ich sehe wei­ter­ge­hend digi­ta­li­sier­te Zah­lungs­vor­gän­ge, weit­ge­hend digi­ta­li­sier­te Ver­wal­tungs­pro­zes­se – auch in Deutsch­land – allen Unken­ru­fen zum Trotz. Ich lese Aus­sa­gen von schlau­en Leu­ten in schlau­en Feuil­le­tons und den­ke oft genug: „Was für ein Depp!” — auf Anwen­der­ebe­ne mag man wohl auf einen recht ober­fläch­li­chen Niveau Din­ge kom­men­tie­ren und wer­ten kön­nen — eine Ahnung von den tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten ist oft nicht ein­mal in Sicht ohne Grund­la­gen der Daten­ver­ar­bei­tung zu ken­nen.

Klin­ge: Hast du ein kon­kre­tes Bei­spiel?

Riecken: Das smar­te Haus ist ein Para­de­bei­spiel für mich. Ein Haus ist ja etwas, in dem man län­ger lebt. Es gibt zur­zeit unzäh­li­ge Gad­gets und Spiel­zeu­ge, um das Leben in Eigen­heim beque­mer zu machen: Elek­tro­ni­sche Schließ­sys­te­me, Hei­zungs­re­ge­lun­gen, Beleuch­tungs­ar­ti­kel, schalt­ba­re Steck­do­sen, Alarm­an­la­gen etc.. Das Wenigs­te ist zuein­an­der kom­pa­ti­bel (oder man benö­tigt spe­zi­el­le Zwi­schen­ge­rä­te, die doch wie­der eine Men­ge Wis­sen erfor­dern) und kaum eine Lösung ist so lang­le­big, dass Updates der Firm­ware auch über län­ge­re Zeit gewähr­leis­tet wären. Damit ist das Haus oft in kür­zes­ter Zeit ohne Zutun des Besit­zers mani­pu­lier­bar. Die Alter­na­ti­ve ist, sich immer wie­der neue Gad­gets mit den immer wie­der glei­chen Pro­ble­men zu kau­fen oder von Anfang an auf Sys­te­me zu set­zen, die auf dem ers­ten Blick viel mehr kos­ten, auf lan­ge Sicht jedoch sowohl soft­ware­tech­nisch als auch kon­zep­tio­nell und von Zusam­men­spiel der Kom­po­nen­ten her über­zeu­gen. Mit infor­ma­ti­scher Bil­dung wüss­te man in Grund­zü­gen, wie ein Pro­dukt, wel­ches mög­lichst lan­ge ein­ge­setzt wer­den soll, prin­zi­pi­ell desi­gned sein soll­te (bei Hand­werks­zeug und Mes­sern weiß man das ja im Prin­zip auch). Und man wüss­te, was „kos­ten­ef­fek­tiv” ist und was inner­halb weni­ger Mona­te auf irgend­ei­ner Müll­hal­de in Afri­ka lan­den wird – weil z.B. die zuge­hö­ri­ge App für das neue Smart­pho­ne nicht mehr ent­wi­ckelt wird.

Klin­ge: Ich muss geste­hen: Das kann ich kom­plett nach­voll­zie­hen.

Riecken: Und, klar kann ich die Welt ein­fach so benut­zen – auch ohne Bio­lo­gie, ohne Che­mie oder Phy­sik und Mathe. Aber irgend­was fehlt dann viel­leicht. Und ein recht neu­er Teil von Welt scheint mir dann doch der digi­ta­le Raum zu sein. Infor­ma­tik ist die Grund­la­gen­wis­sen­schaft die­ses Rau­mes. Kom­men nicht vie­le poli­ti­sche Regu­lie­rungs­lü­cken auch durch Unwis­sen und sehr leich­te Beein­fluss­bar­keit der Ver­ant­wort­li­chen?

Klin­ge: Auch das kann ich nach­voll­zie­hen. Umge­kehrt drängt die Wirt­schaft dar­auf, ein gleich­na­mi­ges Fach ver­pflich­tend über­all ein­zu­bin­den. SoWi, Erd­kun­de.. es gibt einen gewal­ti­gen Fun­dus an Din­gen, die wir unse­re Kin­der ger­ne leh­ren möch­ten. Wo soll man da beschnei­den?

Riecken: Wie haben wir als Gesell­schaft eigent­lich „ent­schie­den”, was wir in Deutsch oder Geschich­te „leh­ren”? Auch dar­über lässt sich treff­lich strei­ten. In der Tat ist es ein immenses Pro­blem, wenn die Wirt­schaft Inhal­te infor­ma­ti­scher Bil­dung bestimmt. Im Fal­le von Infor­ma­tik hat die­ses „Drän­gen der Wirt­schaft” des­we­gen einen Geschmack, weil wir Ein­fluss­nah­me ver­mu­ten und gleich­zei­tig oft­mals kei­ne Ide­en haben, was denn da gelehrt wer­den soll – denn das wür­de infor­ma­ti­sche Kom­pe­ten­zen eben­so erfor­dern wie medi­en­ethi­sche Fra­ge­stel­lun­gen – Phy­sik­un­ter­richt über Atom­ener­gie dürf­te in den 70ern anders aus­ge­se­hen haben als heu­te. Der che­mi­schen Indus­trie wer­fen wir das Fach Che­mie auch nicht vor, eben weil es da Stra­te­gi­en gibt, lob­by­is­ti­sche Ten­den­zen mehr oder weni­ger effek­tiv zu kom­pen­sie­ren. Mit rei­nem Anwen­der­wis­sen wird das im Bereich Infor­ma­tik eher weni­ger gut klap­pen. Ich hal­te es da mit Gün­ter Dueck: „Man muss nicht über­le­gen, was man für Infor­ma­tik denn weg­strei­chen soll­te – das muss man eben auch noch machen!” Weil die Welt sich eben dahin­ge­hend ändert, dass sie kom­ple­xer und digi­ta­ler wird.

Klin­ge: Ganz kon­kret: Fin­dest du, alle Schü­ler soll­ten grund­sätz­lich Infor­ma­tik­un­ter­richt erhal­ten?

Riecken: Ja.

Klin­ge: War­um?

Riecken: Weil zukünf­tig Din­ge wie Teil­ha­be, Sou­ve­rä­ni­tät und neu­tra­le Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung immer mehr von infor­ma­ti­schen Kom­pe­ten­zen abhän­gig sein wer­den. Ich hät­te aber auch kein Pro­blem damit, wenn das nicht so kommt. Dann wechs­le ich halt die Sei­ten und ver­die­ne ganz viel Geld mit der infor­ma­ti­schen Unmün­dig­keit gro­ßer Tei­le der Gesell­schaft. Ange­sichts der Ent­wick­lung der Alters­vor­sor­ge auch kei­ne schlech­te Per­spek­ti­ve :o)…

Klin­ge: Nun, zumin­dest mein Bild von Infor­ma­tik­un­ter­richt ist nun nicht mehr so anti­quiert wie vor­her! Mir fällt nichts kri­ti­sches mehr ein, aber viel­leicht mag der ein oder ande­re Leser sich in den Kom­men­ta­ren noch dazu äußern — ich dan­ke dir erst­mal für die­ses Gespräch!

Eine medienpädagogische Kurzgeschichte

[nar­an­do-play­er text-color=„#ffff00” background-color=„#000” controls-color=„#ff0000” frame-color=”#000BBB”]

Zuneh­mend wird davon gere­det, Medi­en­bil­dung mit in ein­zel­ne Fächer zu inte­grie­ren. Die­ser Anspruch wirft oft Fra­gen auf, wie das bei all dem sons­ti­gen Pen­sum über­haupt noch zu schaf­fen sei.

Ich möch­te heu­te ein Bei­spiel prä­sen­tie­ren, dass zeigt, wie wenig zusätz­li­che Arbeit not­wen­dig ist, um die­ses Ziel zu errei­chen. Bewusst knüp­fe ich dabei an Metho­den und didak­ti­sche Ansät­ze an, die vie­len Lehr­kräf­ten mit dem Fach Deutsch bekannt sein soll­ten.

Die Skiz­ze berührt fol­gen­de Kom­pe­tenz­be­rei­che des neu­en KMK-Stra­te­gie­pa­piers:

  1. Suchen, ver­ar­bei­ten und auf­be­wah­ren
  2. Pro­du­zie­ren und Prä­sen­tie­ren
  3. Schüt­zen und sicher agie­ren
  4. Ana­ly­sie­ren und reflek­tie­ren

Die vor­lie­gen­de Unter­richts­idee ist nicht mehr als eine Skiz­ze. Je nach Lern­grup­pe wird man Ver­än­de­run­gen in der Rei­hen­fol­ge der vor­kom­men­den Tex­te vor­neh­men müs­sen.

Die Skiz­ze legt den Schwer­punkt auf kri­ti­sche Aspek­te. Sie befasst sich nicht mit den indi­vi­du­el­len Vor­tei­len per­so­na­li­sier­ter Wer­bung. Daher ist sie in Tei­len natür­lich inhalt­lich ein­sei­tig und durch geeig­ne­tes Mate­ri­al bei der Kon­zep­ti­on der gesam­ten Ein­heit zu ergän­zen.

Die Skiz­ze arbei­tet instruk­tiv mit vor­ge­ge­be­nen Tex­ten. Das kann nicht im Sin­ne eines neu­en Lern­an­sat­zes sein. Die sich aus ihr erge­ben­den Fra­ge­stel­lun­gen ermög­li­chen aber ggf. eige­ne Fra­gen der Schü­le­rin­nen und Schü­ler.

Die Unter­richts­skiz­ze eig­net sich für die Sekun­dar­stu­fe I, mit Aus­nut­zung aller didak­ti­schen Poten­tia­le durch­aus aber auch für einen Leis­tungs­kurs Deutsch im Kon­text des Rah­men­the­mas „Medi­en­kri­tik“.

Der Kontext

Die US-Dro­ge­rie­markt­ket­te „Tar­get“ hat nach Berich­ten in der Pres­se einen Weg gefun­den, durch Ver­knüp­fung von Kun­den­da­ten, ele­men­ta­re Ver­än­de­run­gen im Leben ihrer Kun­den zu bestim­men — in die­sem Fall die Schwan­ger­schaft inkl. des vor­aus­sicht­li­chen Ent­bin­dungs­ter­mins. Bezeich­nen­der­wei­se ist die Ori­gi­nal­quel­le von Charles Duhigg ( Quel­le: http://www.nytimes.com/2012/02/19/magazine/shopping-habits.html – abge­ru­fen am 8.12.2016 ) bereits auf das Jahr 2012 zu datie­ren — für Inter­net­maß­stä­be nahe­zu his­to­risch.

Das haben öffent­lich-recht­li­che Sen­der in Deutsch­land schon vor eini­ger Zeit recher­chiert ( Quel­le: http://www1.wdr.de/fernsehen/quarks/sendungen/bigdatatalk-kassenbon100.html – abge­ru­fen am 8.12.2016 ). Dazu ist die Ver­knüp­fung vie­ler Daten not­wen­dig, u.a. müs­sen auch Kre­dit- oder EC-Kar­ten­um­sät­ze zwin­gend mit erfasst wer­den.

Media­ler Auf­hän­ger ist die Geschich­te eines Vaters einer 16-jäh­ri­gen Toch­ter, der die per­so­na­li­sier­te Wer­bung für sein Kind gele­sen hat. Dar­auf­hin lief er auf­ge­bracht in die Fir­men­zen­tra­le, um sich dar­über zu beschwe­ren, dass sei­ner Toch­ter sug­ge­riert wür­de, unbe­dingt schwan­ger wer­den zu müs­sen. Sei­ne Toch­ter war jedoch tat­säch­lich schwan­ger, sodass der Vater sich nach zwei Wochen klein­laut ent­schul­di­gen muss­te.

Die­se Art der Bericht­erstat­tung auch in deut­schen Medi­en pro­vo­zier­te wei­te­re Meta­tex­te, etwa den einer Sozio­lo­gin, die sich nicht in die­ser Wei­se durch­leuch­ten las­sen woll­te und daher zu fol­gen­dem Maß­nah­men­ka­ta­log griff:

  1. Sie instru­iert Freun­de und Bekann­te auf sozia­len Medi­en, ihre Schwan­ger­schaft nicht preis­zu­ge­ben

  2. Sie anony­mi­siert ihren Daten­ver­kehr beim Ein­kauf im Inter­net auf­wän­dig

  3. Sie zahlt ihre Ein­käu­fe grund­sätz­lich mit Bar­geld

  4. Sie ver­wen­det auf Ama­zon eine selbst­ge­hos­te­te E-Mail­adres­se unds kei­ne von Gmail, da Goog­le stan­dard­mä­ßig Nach­rich­ten auf Schlag­wor­te hin unter­sucht.

  5. Sie bezahlt auf Ama­zon mit Gut­schein­codes

  6. Sie lässt sich Ware grund­sätz­lich an eine Pack­stati­on lie­fern

  7. Sie muss Beträ­ge über 500 Euro wegen des Ver­dachts der Geld­wä­sche auf meh­re­re Per­so­nen auf­tei­len, um z.B. einen Kin­der­wa­gen bestel­len zu kön­nen

( Quel­le: http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2014–04/big-data-schwangerschaft-verheimlichen – abge­ru­fen am 8.12.2016 )

Die Geschich­te der durch­leuch­te­ten schwan­ge­ren Frau­en hat wahr­schein­lich einen wah­ren Kern. An dem media­len Auf­hän­ger gibt es erns­te Zwei­fel hin­sicht­lich des Wahr­heits­ge­halts:

Zitat:

Bey­ond this […] the New York Times arti­cle its­elf pro­vi­des ano­t­her fac­to­id making it even less likely the teen’s pregnan­cy had been deter­mi­ned ana­ly­ti­cal­ly (if „deter­mi­ned“ by Tar­get at all — perhaps the par­ti­cu­lar teen was sim­ply pla­ced acci­dent­al­ly into the wrong mar­ke­ting seg­ment): Tar­get knows con­su­mers might not like to be mar­ke­ted on baby-rela­ted pro­ducts if they had not vol­un­te­e­red their pregnan­cy, and so actively camou­fla­ges such activi­ties by inter­sper­sing such pro­duct pla­ce­ments among other non-baby-rela­ted pro­ducts. Such mar­ke­ting mate­ri­al would by design not rai­se any par­ti­cu­lar atten­ti­on of the teen’s father. “

(Quel­le: http://www.kdnuggets.com/2014/05/target-predict-teen-pregnancy-inside-story.html – abge­ru­fen am 8.12.2016)

Sinn­ge­mäß über­setzt:

Abge­se­hen davon ent­hält der Arti­kel in der New York Times selbst einen Fakt, der es weni­ger wahr­schein­lich macht, dass die Schwan­ger­schaft des Teen­agers algo­rith­misch ermit­telt wur­de (wenn das über­haupt von Tar­get so ermit­telt wur­de — viel­leicht wur­de der Teen­ager auch irr­tüm­lich dem fal­schen Wer­be­be­reich zuge­ord­net): Tar­get weiß, dass Kun­den es even­tu­ell nicht mögen, Wer­bung über Baby­pro­duk­te zu erhal­ten, wenn sie ihre Schwan­ger­schaft nicht frei­wil­lig offen­bart haben. So tarnt Tar­get sol­che Akti­vi­tä­ten dadurch, dass auch ande­re Pro­duk­te in der ent­spre­chen­den Wer­bung plat­ziert wer­den. Der­ar­ti­ges Wer­be­ma­te­ri­al wür­de aber schon vom Ansatz her eben gera­de nicht die spe­zi­el­le Auf­merk­sam­keit des Teen­ager­va­ters erre­gen.

Ich selbst schrieb dazu vor Jah­ren in einem dys­to­pi­schen Arti­kel:

Die Ent­wick­lung hin zu neu­en Geschäfts­fel­dern wie dem Ver­si­che­rungs- und dem Kre­dit­we­sen basiert auf Daten, die die Men­schen uns frei­wil­lig gege­ben haben auf Platt­for­men, die sie als inte­gral für ihr Leben emp­fun­den haben und immer noch emp­fin­den. Dabei haben wir anfäng­lich die Algo­rith­men bewusst „dumm“ gestal­tet: Wer z.B. eine Kaf­fee­ma­schi­ne kauf­te, bekam über unse­re Wer­be­netz­wer­ke nur noch Kaf­fee­ma­schi­nen in Wer­be­an­zei­gen ange­prie­sen. Er konn­te dann mit dem Fin­ger auf uns zei­gen und sagen: „Schaut her, was für eine däm­li­che Algo­rith­mik!“ Es war wich­tig, Men­schen die­ses Über­le­gen­heits­ge­fühl gegen­über Tech­nik zu geben, obwohl sie schon längst davon ent­frem­det waren, damit sie uns wei­ter Infor­ma­tio­nen über sich lie­fer­ten.“

Auf Basis die­ser Infor­ma­tio­nen lässt sich nicht nur das Durch­leu­ten von Kun­den durch „Big Data“ in den Blick neh­men, son­dern auch die media­le Auf­be­rei­tung kri­tisch betrach­ten.

Die Kurzgeschichte

Inhalt­li­cher Aus­gangs­punkt ist eine Kurz­ge­schich­te — sie wur­de nicht von einem „rich­ti­gen” Autor, son­dern etwas selbst­über­schät­zend von mir extra für die Ein­heit ver­fasst, weil ich auf die Schnel­le kei­nen ver­gleich­ba­ren Text fin­den konn­te — die lite­ra­ri­sche Qua­li­tät mag daher begrenzt und eini­ge Kli­schees mögen zu sehr bedient sein:

Syl­vie

(Maik Riecken, Dezem­ber 2016)

Sie stan­den vor ihrer Tür. Ein Will­kom­mens­team der Stadt. Eine müt­ter­lich wir­ken­de älte­re Dame und ein leid­lich schnei­di­ger Jung­spund, dem die päd­ago­gi­sche Aus­bil­dung aus jeder Faser sei­ner Klei­dung leuch­te­te. Ob sie denn schon über das Ange­bot der Volks­hoch­schu­le infor­miert sei? Dort wür­den Mut­ter-Kind-Kur­se zur Stär­kung der Bin­dung zwi­schen Mut­ter und Kind ange­bo­ten. Die sei­en immer früh­zei­tig aus­ge­bucht, da müs­se man sich jetzt schon anmel­den. Der Stadt sei es ein Anlie­gen, wer­den­de Eltern best­mög­lich zu unter­stüt­zen – vor allem Spät­ge­bä­ren­de wie sie.

Mit diver­sen Pro­dukt­pro­ben von Tees und wohl­rie­chen­den, haut­straf­fen­den Ölen stand sie schließ­lich rat­los in der Tür und schau­te den bei­den ver­wirrt nach.

Sie war Anfang 40 und ohne fes­ten Part­ner. Das war gut so. Sie war frei und unab­hän­gig. Sie hat­te – aber nur ganz tief in ihr drin — hin und wie­der Sehn­sucht nach einem eige­nen klei­nen Wesen, das sie zum Ziel ihrer Lie­be machen konn­te, aber Herr Schrö­der, der klei­ne Gol­den Retrie­ver füll­te die­se Leer­stel­le eigent­lich auch recht treff­lich aus. Die Wer­bung auf dem Bild­schirm ihres Tablets zeig­te in letz­ter Zeit ver­mehrt nied­li­che Baby­bil­der und unauf­hör­lich Pro­duk­te für den guten Start ins Leben.

Aber das The­ma war für sie abge­hakt. Sie wür­de nicht alles auf­ge­ben, um noch ein­mal ganz von vor­ne anzu­fan­gen. Dafür hat­te sie sich beruf­lich zu viel auf­ge­baut.

Sie genoss es, sich jeder­zeit sport­lich betä­ti­gen zu kön­nen oder ihren zahl­rei­chen Hob­bys nach­zu­ge­hen. Bei den Män­nern kam das gut an – unab­hän­gi­ge Frau­en gal­ten in ihrem Bekann­ten­kreis als sexy. Hin und wie­der war einer dabei, aber etwas wirk­lich Ver­bind­li­ches konn­te sie sich nicht mehr vor­stel­len.

Ihre Ver­gan­gen­heit strich in dif­fu­sen Erin­ne­rungs­schlei­ern an ihr vor­über.

Er war bequem gewor­den. Er hat­te sich irgend­wann ein­fach nicht mehr ange­strengt, ihr nicht mehr das Gefühl gege­ben, begeh­rens­wert zu sein. Irgend­wann saßen sie als Paar in der Kum­pel­fal­le. Sie leb­ten mehr als Freun­de denn als Part­ner mit­ein­an­der. Ja, sie teil­ten sich den All­tag, den Haus­halt so gleich­be­rech­tigt wie es nur ging. Nach außen eine rich­ti­ge Mus­ter­be­zie­hung. Für Syl­vie waren sie noch heu­te ein gutes Team — auch nach dem Aus. Kein Rosen­krieg, kla­re Ver­ein­ba­run­gen. Päd­ago­gisch zogen sie am glei­chen Strang. Ihre gemein­sa­me Toch­ter Syl­vie brauch­te schließ­lich neben Zuwen­dung vor allem Kon­se­quenz. Und sowohl Mut­ter als auch Vater zur eige­nen Ori­en­tie­rung.

Sie wuss­te selbst nicht, war­um sie die bei­den vor der Tür nicht ein­fach herz­lich aus­ge­lacht hat­te. Vor allem die­sen Päd­ago­gik­schnö­sel. Sie war ein­fach viel zu über­rum­pelt von die­sem rund­um durch­cho­reo­gra­fier­ten Erst­ge­sprächs­an­satz.

Sie ging zurück in die Woh­nung. Ihr Tablet auf der Koch­in­sel der groß­zü­gi­gen Küche war noch nicht in den Ener­gie­spar­mo­dus gegan­gen. Wahr­schein­lich war Syl­vie zwi­schen­durch wie­der in irgend­wel­chen Online­shops unter­wegs gewe­sen. Wie­der die­se Wer­bung für Baby­pro­duk­te. Auf­dring­lich.

Aus Syl­vies Bad kamen Geräu­sche. Sie klan­gen so, als wenn sich ihre 16jährige Toch­ter gera­de über­ge­ben wür­de. Als sie nach vor­sich­ti­gem Anklop­fen die Tür öff­ne­te, stürz­te sich ein heu­len­des Elend in ihre Arme: „Mama, ich habe seit acht Wochen mei­ne Tage nicht mehr bekom­men …“

Mög­li­che Auf­ga­ben:

  1. Fas­se den Inhalt der Geschich­te in eige­nen Wor­ten zusam­men.

  2. War­um han­delt es sich bei die­sem Text um eine Kurz­ge­schich­te?

  3. Ver­fas­se einen inne­ren Mono­log, in dem Syl­vie ihre Lage dar­stellt.

  4. Recher­chie­re mit den Such­be­grif­fen „Tar­get, Schwan­ger­schaft, Big Data“ nach den Hin­ter­grün­den der in der Geschich­te dar­ge­stell­ten Hand­lung. Erstel­le eine Prä­sen­ta­ti­on, die erklärt, wie Drit­te u.U. von Syl­vies Lage wis­sen konn­ten.

  5. Nimm Stel­lung zu dem Arti­kel des Online­an­ge­bots der Zeit ( http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2014–04/big-data-schwangerschaft-verheimlichen )

  6. Wie bewer­test du die Mög­lich­keit, mit Hil­fe von Big Data der­ar­ti­ge Infor­ma­tio­nen über Men­schen erhal­ten zu kön­nen?

 

Didaktische Erweiterung

Der Auf­hän­ger der Bericht­erstat­tung ist wahr­schein­lich frei erfun­den (s.o). Es gab die Geschich­te mit dem Vater der 16-jäh­ri­gen Toch­ter u.U. nicht. Das Durch­leuch­ten der schwan­ge­ren Frau­en ist dage­gen wohl Rea­li­tät.

Dies kann den Schü­le­rin­nen und Schü­lern mit der Argu­men­ta­ti­on der Inter­net­quel­le von knuggets.com (s.o.) ver­mit­telt wer­den.

Wenn die­ses Wis­sen inner­halb der Lern­grup­pe ent­we­der im Zuge der Recher­che oder durch einen geziel­ten Input ver­an­kert ist, kön­nen dar­über­hin­aus­ge­hen­de Fra­gen behan­delt wer­den:

  1. Dür­fen sol­che Auf­hän­ger erfun­den wer­den?

  2. Wel­ches Licht wirft die Demon­ta­ge eines der­ar­ti­gen Auf­hän­gers auf die eigent­li­che Bericht­erstat­tung?

  3. Inwie­fern unter­schei­den sich bezo­gen auf die­sen Fall soge­nann­te „Qua­li­täts­me­di­en“ ( Die Zeit, öffent­lich-recht­li­cher Rund­funk) von ande­ren Quel­len?

Fächerübergreifende Arbeit

Um die Hin­ter­grün­de des Vor­falls zu recher­chie­ren, kann nicht auf die Hin­zu­nah­me eng­lisch­spra­chi­ger Quel­len ver­zich­tet wer­den, deren Sprach­ni­veau teil­wei­se recht hoch ist. Anstatt die fer­ti­ge Über­set­zung zu prä­sen­tie­ren, kann die­se selbst erar­bei­tet wer­den.

Durch das The­ma stel­len sich eine Rei­he ethi­scher Fra­gen. Durch die Prä­sen­ta­ti­on ziel­ge­rech­ter Wer­bung ergibt sich für das jewei­li­ge Indi­vi­du­um natür­lich auch ein Vor­teil. Dass die Dro­ge­rie­markt­ketteih­re Akti­vi­tä­ten im Bereich der Aus­wer­tung von Kun­den­da­ten „tarnt“, schließt ein Bewusst­sein um die Ableh­nung durch die Kun­den mit ein. Hier wären die Fächer Wer­te & Nor­men, Reli­gi­on oder auch Phi­lo­so­phie the­ma­tisch eng ange­bun­den.

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