Niemand weiß, wie Gott aussieht

Ein sechsjähriges Mädchen, das im Unterricht nie aufpasste, saß in der Zeichenstunde in der letzten Reihe und zeichnete fleißig. Ihre Lehrerin – sehr verwundert über das stetige Engagement des Kindes gerade in Zeichenstunden – ging zu ihr hin, schaute ihr über die Schulter und fragte: „Was zeichnest du da?“. Das Mädchen erwiderte: „Ich zeichne ein Bild von Gott.“ Die Lehrerin schüttelte verwundert den Kopf: „Aber Kind! Niemand weiß, wie Gott aussieht.“ Das Mädchen entgegnete: „Oh, dann warten Sie noch eine Minute!“.

Ted Robinson via René Scheppler

Sulfatbestimmung – konduktometrisch

Die Grundidee war nicht schlecht: Man nehme sich ein Mineralwasser mit hohem Sulfatgehalt („Sulfatwässer“ – schmecken bitter) – geeignete Marken finden sich z.B. hier – und achtet darauf, dass die Hintergrundleitfähigkeit nicht zu hoch ist. Die Stoffmenge der Sulfationen muss die der übrigen Ionen am besten weit übersteigen, damit die Hintergrundleitfähigkeit dabei keinen Strich durch die Rechnung macht. Dann lässt sich z.B. mit Bariumchloridlösung gemäß

Ba2+ + SO42- →   BaSO4

das Sulfat quantitativ fällen. Bariumsulfat hat ein sehr, sehr niedriges Löslichkeitsprodukt und findet daher trotz der hohen Giftigkeit von Bariumionen sogar in der Medizin als Kontrastmittel Anwendung.

Die Stunde sah dann so aus, dass ich mir ein Sulfatwasser mit 1000mg/L Sulfationen besorgt (äh – ich habe auf die Schnelle eines mit Natriumsulfat und Deionat „gebaut“) und mit den SuS gemeinsam die Konzentration der Maßlösung so eingestellt habe, dass der Aquivalenzpunkt so ungefähr bei 25mL Maßlösungsverbrauch liegt – der Sulfatgehalt stand ja auf der „Flasche“. Folgendes Diagramm kam dabei heraus:

Wie Sie sehen, sehen Sie gar nichts (keine zwei Bereiche mit unterschiedlicher Steigung), obwohl doch das Natriumsulfat als einziges gelöstes Salz vorlag – was war dann nur geschehen?

Antwort: Wer schummelt, wird bestraft – bei kleinen Sünden sofort.

Deionat ist in der Regel sauer. Es wurde von mir aber mit der Absicht verwendet, das Problem der Hintergrundleitfähigkeit – wie es beim „echten Mineralwasser“ vorgekommen wäre – auszuschalten. Dummerweise besitzen Hydroniumionen eine beachtliche Äquivalentleitfähigkeit, die die der übrigen Ionen um ein Vielfaches übersteigt. Und da war sie dann wieder, unsere Hintergrundleitfähigkeit. Bariumsulfat ist bei dem Versuch super ausgefallen. Nur hat wahrscheinlich die Hintergrundleitfähigkeit durch die Hydroniumionen die dadurch aufgetretene Veränderung der Lösung quasi „überstrahlt“.

Fazit:

Nicht schummeln, Mineralwasser vor der Analyse immer abkochen, um Kohlensäure zu entfernen und immer vorher auch vermeintlich „idiotensichere“ Setups ausprobieren. Vorher. Und auch keine Ratschläge von Kollegen zur richtigen Schummeltechnik annehmen.

Ode des Lehrenden an die uneinsichtige Unpünktlichkeit

Deines müden Auges Trauerrand

verhüllte kaum das triste Licht

drei Minuten wutentbrannt

zerschmettern den Appell an Pflicht.

„Morpheus Arme soll’n der Schönheit dienen“,

hälst du mir mit gift’gem Blick entgegen.

führst dem Deutschkurs angemessen Schwert

der Sprache, wie verwegen!

„Mein liebes Kind, wenn dein der Schönheit so bedarf,

so pfleg‘ die Seel‘ und nicht die Hülle,

denn mein Einstieg heut‘, der lebt von Stille.“

Manchmal muss etwas richtig schlimm werden

„[…] bevor es besser werden kann. Das ist bei Erkältungen ganz oft so. Erst wenn man richtiges Fieber bekommt, wird man danach so richtig gesund“ – „Ja, und bei der Figur Alex ist es doch genau so: Jetzt sind zwar alle Probleme an der Oberfläche und sie hat richtig Stress, aber das ist doch erst die Voraussetzung für ein Happyend.“

In der 7. Klasse spreche ich gerade über innere Konflikte und darüber, dass dabei oft alle zur Verfügung stehenden Optionen Konsequenzen nach sich ziehen, die schwerwiegend und keinesfalls immer positiv sind (Anm. der Redaktion: Sonst könnte man sich den inneren Konflikt literarisch auch sparen). Die von uns betrachtete Figur hatte sich in der Handlung für eine Option entschieden, die (erstmal) zu einem Scherbenhaufen führt – daraufhin kam der oben in etwa im Wortlaut wiedergegebene Einwand der Klasse.

Solche Erlebnisse und die Gewissheit an der Entstehung solcher Gedanken nicht ganz unbeteiligt zu sein, schaffen den Sinn, der trotz der oft im Vordergrund stehenden Widrigkeiten meinen Beruf schön macht. Und wenn man genau hinschaut, ist an fast jedem Tag ein bisschen davon vorhanden.

Ein Seitenhieb sei hier noch gestattet:

Ohne den Inhalt „Innerer Konflikt“ wäre dieser Gedanke in dieser Stunde undenkbar gewesen. Nicht Kompetenzen schaffen an dieser Stelle Fähigkeiten zur z.B. inhaltlichen Erschließung, sondern Inhalte schaffen Kompetenzen.

Mit so großen Dingern…

Ich liebe diese Klasse für ihre manchmal erfrischend unbefangene Art, die Worte und Sätze entstehen lässt, von denen man immer wieder gerne erzählt. Der neueste Klopfer lautet:

S: „Also Herr Riecken, mit so großen Dingern machen wir sonst nie Experimente!“

Stille. Beginnende Neukontextualisierung. Kollektiv denkende Stirnen wie selten in Chemie. Aufkeimende Erkenntnis.

Ich: „Glaub‘ ich euch nicht.“

Ach ja – es ging um die Handhabung einer 10ml Pipette, die man anders als manche anderen „Dinger“ eher nicht mit der Spitze gen Himmel hält, weil sonst die Pipettierhilfe je nach Inhalt Schaden erleidet. Damit kann man auch herumwedeln, sollte man aber nicht. Ich liebe die Schule. Wirklich.

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