Eine medienpädagogische Kurzgeschichte

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Zunehmend wird davon geredet, Medienbildung mit in einzelne Fächer zu integrieren. Dieser Anspruch wirft oft Fragen auf, wie das bei all dem sonstigen Pensum überhaupt noch zu schaffen sei.

Ich möchte heute ein Beispiel präsentieren, dass zeigt, wie wenig zusätzliche Arbeit notwendig ist, um dieses Ziel zu erreichen. Bewusst knüpfe ich dabei an Methoden und didaktische Ansätze an, die vielen Lehrkräften mit dem Fach Deutsch bekannt sein sollten.

Die Skizze berührt folgende Kompetenzbereiche des neuen KMK-Strategiepapiers:

  1. Suchen, verarbeiten und aufbewahren
  2. Produzieren und Präsentieren
  3. Schützen und sicher agieren
  4. Analysieren und reflektieren

Die vorliegende Unterrichtsidee ist nicht mehr als eine Skizze. Je nach Lerngruppe wird man Veränderungen in der Reihenfolge der vorkommenden Texte vornehmen müssen.

Die Skizze legt den Schwerpunkt auf kritische Aspekte. Sie befasst sich nicht mit den individuellen Vorteilen personalisierter Werbung. Daher ist sie in Teilen natürlich inhaltlich einseitig und durch geeignetes Material bei der Konzeption der gesamten Einheit zu ergänzen.

Die Skizze arbeitet instruktiv mit vorgegebenen Texten. Das kann nicht im Sinne eines neuen Lernansatzes sein. Die sich aus ihr ergebenden Fragestellungen ermöglichen aber ggf. eigene Fragen der Schülerinnen und Schüler.

Die Unterrichtsskizze eignet sich für die Sekundarstufe I, mit Ausnutzung aller didaktischen Potentiale durchaus aber auch für einen Leistungskurs Deutsch im Kontext des Rahmenthemas „Medienkritik“.

Der Kontext

Die US-Drogeriemarktkette „Target“ hat nach Berichten in der Presse einen Weg gefunden, durch Verknüpfung von Kundendaten, elementare Veränderungen im Leben ihrer Kunden zu bestimmen – in diesem Fall die Schwangerschaft inkl. des voraussichtlichen Entbindungstermins. Bezeichnenderweise ist die Originalquelle von Charles Duhigg ( Quelle: http://www.nytimes.com/2012/02/19/magazine/shopping-habits.html – abgerufen am 8.12.2016 ) bereits auf das Jahr 2012 zu datieren – für Internetmaßstäbe nahezu historisch.

Das haben öffentlich-rechtliche Sender in Deutschland schon vor einiger Zeit recherchiert ( Quelle: http://www1.wdr.de/fernsehen/quarks/sendungen/bigdatatalk-kassenbon100.html – abgerufen am 8.12.2016 ). Dazu ist die Verknüpfung vieler Daten notwendig, u.a. müssen auch Kredit- oder EC-Kartenumsätze zwingend mit erfasst werden.

Medialer Aufhänger ist die Geschichte eines Vaters einer 16-jährigen Tochter, der die personalisierte Werbung für sein Kind gelesen hat. Daraufhin lief er aufgebracht in die Firmenzentrale, um sich darüber zu beschweren, dass seiner Tochter suggeriert würde, unbedingt schwanger werden zu müssen. Seine Tochter war jedoch tatsächlich schwanger, sodass der Vater sich nach zwei Wochen kleinlaut entschuldigen musste.

Diese Art der Berichterstattung auch in deutschen Medien provozierte weitere Metatexte, etwa den einer Soziologin, die sich nicht in dieser Weise durchleuchten lassen wollte und daher zu folgendem Maßnahmenkatalog griff:

  1. Sie instruiert Freunde und Bekannte auf sozialen Medien, ihre Schwangerschaft nicht preiszugeben

  2. Sie anonymisiert ihren Datenverkehr beim Einkauf im Internet aufwändig

  3. Sie zahlt ihre Einkäufe grundsätzlich mit Bargeld

  4. Sie verwendet auf Amazon eine selbstgehostete E-Mailadresse unds keine von Gmail, da Google standardmäßig Nachrichten auf Schlagworte hin untersucht.

  5. Sie bezahlt auf Amazon mit Gutscheincodes

  6. Sie lässt sich Ware grundsätzlich an eine Packstation liefern

  7. Sie muss Beträge über 500 Euro wegen des Verdachts der Geldwäsche auf mehrere Personen aufteilen, um z.B. einen Kinderwagen bestellen zu können

( Quelle: http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2014-04/big-data-schwangerschaft-verheimlichen – abgerufen am 8.12.2016 )

Die Geschichte der durchleuchteten schwangeren Frauen hat wahrscheinlich einen wahren Kern. An dem medialen Aufhänger gibt es ernste Zweifel hinsichtlich des Wahrheitsgehalts:

Zitat:

Beyond this […] the New York Times article itself provides another factoid making it even less likely the teen’s pregnancy had been determined analytically (if „determined“ by Target at all – perhaps the particular teen was simply placed accidentally into the wrong marketing segment): Target knows consumers might not like to be marketed on baby-related products if they had not volunteered their pregnancy, and so actively camouflages such activities by interspersing such product placements among other non-baby-related products. Such marketing material would by design not raise any particular attention of the teen’s father. “

(Quelle: http://www.kdnuggets.com/2014/05/target-predict-teen-pregnancy-inside-story.html – abgerufen am 8.12.2016)

Sinngemäß übersetzt:

Abgesehen davon enthält der Artikel in der New York Times selbst einen Fakt, der es weniger wahrscheinlich macht, dass die Schwangerschaft des Teenagers algorithmisch ermittelt wurde (wenn das überhaupt von Target so ermittelt wurde – vielleicht wurde der Teenager auch irrtümlich dem falschen Werbebereich zugeordnet): Target weiß, dass Kunden es eventuell nicht mögen, Werbung über Babyprodukte zu erhalten, wenn sie ihre Schwangerschaft nicht freiwillig offenbart haben. So tarnt Target solche Aktivitäten dadurch, dass auch andere Produkte in der entsprechenden Werbung platziert werden. Derartiges Werbematerial würde aber schon vom Ansatz her eben gerade nicht die spezielle Aufmerksamkeit des Teenagervaters erregen.

Ich selbst schrieb dazu vor Jahren in einem dystopischen Artikel:

„Die Entwicklung hin zu neuen Geschäftsfeldern wie dem Versicherungs- und dem Kreditwesen basiert auf Daten, die die Menschen uns freiwillig gegeben haben auf Plattformen, die sie als integral für ihr Leben empfunden haben und immer noch empfinden. Dabei haben wir anfänglich die Algorithmen bewusst „dumm“ gestaltet: Wer z.B. eine Kaffeemaschine kaufte, bekam über unsere Werbenetzwerke nur noch Kaffeemaschinen in Werbeanzeigen angepriesen. Er konnte dann mit dem Finger auf uns zeigen und sagen: „Schaut her, was für eine dämliche Algorithmik!“ Es war wichtig, Menschen dieses Überlegenheitsgefühl gegenüber Technik zu geben, obwohl sie schon längst davon entfremdet waren, damit sie uns weiter Informationen über sich lieferten.“

Auf Basis dieser Informationen lässt sich nicht nur das Durchleuten von Kunden durch „Big Data“ in den Blick nehmen, sondern auch die mediale Aufbereitung kritisch betrachten.

Die Kurzgeschichte

Inhaltlicher Ausgangspunkt ist eine Kurzgeschichte – sie wurde nicht von einem „richtigen“ Autor, sondern etwas selbstüberschätzend von mir extra für die Einheit verfasst, weil ich auf die Schnelle keinen vergleichbaren Text finden konnte – die literarische Qualität mag daher begrenzt und einige Klischees mögen zu sehr bedient sein:

Sylvie

(Maik Riecken, Dezember 2016)

Sie standen vor ihrer Tür. Ein Willkommensteam der Stadt. Eine mütterlich wirkende ältere Dame und ein leidlich schneidiger Jungspund, dem die pädagogische Ausbildung aus jeder Faser seiner Kleidung leuchtete. Ob sie denn schon über das Angebot der Volkshochschule informiert sei? Dort würden Mutter-Kind-Kurse zur Stärkung der Bindung zwischen Mutter und Kind angeboten. Die seien immer frühzeitig ausgebucht, da müsse man sich jetzt schon anmelden. Der Stadt sei es ein Anliegen, werdende Eltern bestmöglich zu unterstützen – vor allem Spätgebärende wie sie.

Mit diversen Produktproben von Tees und wohlriechenden, hautstraffenden Ölen stand sie schließlich ratlos in der Tür und schaute den beiden verwirrt nach.

Sie war Anfang 40 und ohne festen Partner. Das war gut so. Sie war frei und unabhängig. Sie hatte – aber nur ganz tief in ihr drin – hin und wieder Sehnsucht nach einem eigenen kleinen Wesen, das sie zum Ziel ihrer Liebe machen konnte, aber Herr Schröder, der kleine Golden Retriever füllte diese Leerstelle eigentlich auch recht trefflich aus. Die Werbung auf dem Bildschirm ihres Tablets zeigte in letzter Zeit vermehrt niedliche Babybilder und unaufhörlich Produkte für den guten Start ins Leben.

Aber das Thema war für sie abgehakt. Sie würde nicht alles aufgeben, um noch einmal ganz von vorne anzufangen. Dafür hatte sie sich beruflich zu viel aufgebaut.

Sie genoss es, sich jederzeit sportlich betätigen zu können oder ihren zahlreichen Hobbys nachzugehen. Bei den Männern kam das gut an – unabhängige Frauen galten in ihrem Bekanntenkreis als sexy. Hin und wieder war einer dabei, aber etwas wirklich Verbindliches konnte sie sich nicht mehr vorstellen.

Ihre Vergangenheit strich in diffusen Erinnerungsschleiern an ihr vorüber.

Er war bequem geworden. Er hatte sich irgendwann einfach nicht mehr angestrengt, ihr nicht mehr das Gefühl gegeben, begehrenswert zu sein. Irgendwann saßen sie als Paar in der Kumpelfalle. Sie lebten mehr als Freunde denn als Partner miteinander. Ja, sie teilten sich den Alltag, den Haushalt so gleichberechtigt wie es nur ging. Nach außen eine richtige Musterbeziehung. Für Sylvie waren sie noch heute ein gutes Team – auch nach dem Aus. Kein Rosenkrieg, klare Vereinbarungen. Pädagogisch zogen sie am gleichen Strang. Ihre gemeinsame Tochter Sylvie brauchte schließlich neben Zuwendung vor allem Konsequenz. Und sowohl Mutter als auch Vater zur eigenen Orientierung.

Sie wusste selbst nicht, warum sie die beiden vor der Tür nicht einfach herzlich ausgelacht hatte. Vor allem diesen Pädagogikschnösel. Sie war einfach viel zu überrumpelt von diesem rundum durchchoreografierten Erstgesprächsansatz.

Sie ging zurück in die Wohnung. Ihr Tablet auf der Kochinsel der großzügigen Küche war noch nicht in den Energiesparmodus gegangen. Wahrscheinlich war Sylvie zwischendurch wieder in irgendwelchen Onlineshops unterwegs gewesen. Wieder diese Werbung für Babyprodukte. Aufdringlich.

Aus Sylvies Bad kamen Geräusche. Sie klangen so, als wenn sich ihre 16jährige Tochter gerade übergeben würde. Als sie nach vorsichtigem Anklopfen die Tür öffnete, stürzte sich ein heulendes Elend in ihre Arme: „Mama, ich habe seit acht Wochen meine Tage nicht mehr bekommen …“

Mögliche Aufgaben:

  1. Fasse den Inhalt der Geschichte in eigenen Worten zusammen.

  2. Warum handelt es sich bei diesem Text um eine Kurzgeschichte?

  3. Verfasse einen inneren Monolog, in dem Sylvie ihre Lage darstellt.

  4. Recherchiere mit den Suchbegriffen „Target, Schwangerschaft, Big Data“ nach den Hintergründen der in der Geschichte dargestellten Handlung. Erstelle eine Präsentation, die erklärt, wie Dritte u.U. von Sylvies Lage wissen konnten.

  5. Nimm Stellung zu dem Artikel des Onlineangebots der Zeit ( http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2014-04/big-data-schwangerschaft-verheimlichen )

  6. Wie bewertest du die Möglichkeit, mit Hilfe von Big Data derartige Informationen über Menschen erhalten zu können?

 

Didaktische Erweiterung

Der Aufhänger der Berichterstattung ist wahrscheinlich frei erfunden (s.o). Es gab die Geschichte mit dem Vater der 16-jährigen Tochter u.U. nicht. Das Durchleuchten der schwangeren Frauen ist dagegen wohl Realität.

Dies kann den Schülerinnen und Schülern mit der Argumentation der Internetquelle von knuggets.com (s.o.) vermittelt werden.

Wenn dieses Wissen innerhalb der Lerngruppe entweder im Zuge der Recherche oder durch einen gezielten Input verankert ist, können darüberhinausgehende Fragen behandelt werden:

  1. Dürfen solche Aufhänger erfunden werden?

  2. Welches Licht wirft die Demontage eines derartigen Aufhängers auf die eigentliche Berichterstattung?

  3. Inwiefern unterscheiden sich bezogen auf diesen Fall sogenannte „Qualitätsmedien“ ( Die Zeit, öffentlich-rechtlicher Rundfunk) von anderen Quellen?

Fächerübergreifende Arbeit

Um die Hintergründe des Vorfalls zu recherchieren, kann nicht auf die Hinzunahme englischsprachiger Quellen verzichtet werden, deren Sprachniveau teilweise recht hoch ist. Anstatt die fertige Übersetzung zu präsentieren, kann diese selbst erarbeitet werden.

Durch das Thema stellen sich eine Reihe ethischer Fragen. Durch die Präsentation zielgerechter Werbung ergibt sich für das jeweilige Individuum natürlich auch ein Vorteil. Dass die Drogeriemarktketteihre Aktivitäten im Bereich der Auswertung von Kundendaten „tarnt“, schließt ein Bewusstsein um die Ablehnung durch die Kunden mit ein. Hier wären die Fächer Werte & Normen, Religion oder auch Philosophie thematisch eng angebunden.

Differenziertes Argumentieren

Ich schreibe oft das Wort „undifferenziert“ neben z.B. ein Fazit in einem Aufsatz und mache mir selten Gedanken darüber, ob für Schülerinnen und Schüler überhaupt verständlich wird, was ich damit meine – ich weiß eigentlich, dass das für Schülerinnen und Schüler eben nicht verständlich ist. Also habe ich gestern dazu in meinem Deutschgrundkurs in der 12 eine Unterrichtsstunde gebaut, die wie folgt ablief.

Hausaufgabe / Vorbereitung:

Die Hinweise zum Abitur in Deutsch im Jahr 2016 sehen für den Bereich „Medienkritik“ folgende Texte bzw. Quellen vor:

bei letzterer Quelle nur:

  • Das können Pre-Teens und Jugendliche am Computermachen
  • Verweildauer bei der Onlinenutzung von 14-bis 29-Jährigen und Online-Nutzer/innen ab 14 Jahren im Jahresvergleich
  • Aktivitäten im Internet – Vergleich Gesamtbevölkerung mit 14- bis 29-Jährigen

Zudem sollen aktuelle Studien mit hinzugezogen werden. 2012 ist ja im Internet fast ein Jahrhundert her.

Wir haben uns vorher im Unterricht mit weit komplexeren Sachtexten beschäftigt. Daher dienten mir diese Texte eigentlich nur noch als Vehikel, für den Themenbereich des differenzierten Argumentierens.

Die Schülerinnen und Schüler haben zu dieser Stunde arbeitsteilig Kernaussagen dieser Texte in einem Etherpad (lite) zusammengefasst.

Stundeneinstieg:

Die Schülerinnen und Schüler haben die Aufgabe bekommen, Fragestellungen zu entwickeln, die sich anhand der nun vorliegenden Stichpunkte ergeben.

Inputphase/Lehrervortrag:

Ausgehend von dem mathematischen Konzept der Differenz ( die Physiker und Chemiker im Kurs kamen natürlich sofort auf die in diesen Fächern ständig auftretenden Deltas ) habe ich eine modellhafte Übertragung auf Schreibprozesse entwickelt. Das folgende Modell ist dabei zusammen mit den den Schülerinnen und Schülern entstanden – meines war bei Weitem nicht so ausgefeilt ( klicken für vollständige Größe ):

differenziertes_argumentieren

Ein paar Fetzen aus dem Unterrichtsgespräch:

  • für eine Differenz benötigt man zwingend einen Bezugspunkt ( Minuend ), der bei einem Schreibprozess durch die Gegenmeinung repräsentiert wird
  • die eigene Meinung ist quasi der Endpunkt, der sich aber nur in Relation zur Gegenmeinung ergibt
  • ein Fazit macht dem Leser quasi „nur“ noch einmal die Differenz zwischen fremder und eigener Meinung bewusst
  • Überzeugungen des Schreibers üben ein Druck aus: Sie verleihen der eigenen Position mehr Gewicht und „erleichtern“ die Fremdmeinung
  • eine weitere Methode der Erleichterung iast z.B. die gezielte Auswahl von Argumenten der fremden Meinung, die sich aber entkräften lassen ( indirektes Argument )

Grob zusammengefasst:

Ohne die Berücksichtigung der „Gegenseite“ ist kein differenziertes Argumentieren möglich! 

 

Prüfung der Fragestellungen:

Jetzt habe wir im Etherpad die Fragestellungen sortiert: Welche lassen sich aus welchen Gründen differenziert diskutieren und welche nicht? Und wieso?

Dabei wurde auch überprüft, ob die vorhanden Aussagen die „Gegenposition“ hinreichend berücksichtigen.

( Das tun sie übrigens nicht, beide Texte basieren weitgehend auf Aussagen der gleichen Person – was die Schülerinnen und Schüler dazu veranlasste zu sagen, dass die Textauswahl durch die Kommission wohl nicht sehr differenziert erfolgte. Außerdem wurde bei den Diagrammen die geringe Stichprobengröße und die fehlende Aufschlüsselung hinsichtlich der Zusammensetzung der Probandengruppe moniert – ich lasse das – wenngleich recht freudig – einmal so stehen :o)… )

 

Argumente der Gegenposition sammeln:

Es folgte eine Recherchephase, um Argumente der „Gegner“ im Netz zu sammeln. Die Stunde uferte danach in einer inhaltlichen, aber doch recht differenzierten Diskussion aus. Unter normalen Umständen ( nicht eine Stunde direkt vor den Ferien ) hätte ich jetzt eine Fragestellung ausgewählt und von jeweils drei Lerngruppenmitgliedern im Etherpad ausformuliert und differenziert schriftlich diskutieren lassen.

Gedanken:

  • ohne Technologie (Etherpad) ist so eine Stunde nicht möglich, die Tafel wäre als Medium viel zu langsam und ineffizient
  • ich hoffe, dass durch die grafische Darstellung deutlich wird, was mit „differenziertem Diskutieren“ gemeint ist.

 

 

Und wieder zwei Diktate zur Getrennt- und Zusammenschreibung

Ich diesmal die entsprechenden Referenzen direkt bei den Worten zur Kontrolle für euch verlinkt. Leider löst in meinen Augen der Duden die Regeln nicht ganz konsequent und scheint sich in Teilen auch der tatsächlichen Praxis pragmatisch anzupassen.

Diesmal habe ich im Prinzip nur drei Regeln vermittelt:

  1. Die Getrenntschreibung ist die Regel.
  2. Dies gilt nicht bei Nominalisierungen.
  3. Dies gilt nicht, wenn eine übertragene Bedeutung vorliegt.

Im Wesentlichen klappt es mit diesem reduzierten Regelsatz. Die empfohlene Schreibung des Wortes „leicht machen / leichtmachen“ ist aus meiner Sicht durch den Duden hier inkonsequent gelöst. Wenn ich ein Flugzeug leicht mache (es um Gewicht erleichtere), liegt in meinen Augen die wörtliche Bedeutung vor (Getrenntschreibung), wenn ich es durch ein anspruchloses Diktat einem Schüler leichtmache, die übertragene. Der Duden schlägt in beiden Fällen die Getrenntschreibung vor, obwohl es hier ja einen semantischen Unterschied gibt.

Die meiste Wörter sind in der Unterrichtseinheit entweder geübt worden, die SuS haben in WordPress mit dem Quiz-Script-Framework diese als Beispiele in ihren selbstgestalteten Übungen verwendet oder die Worte standen auf einer Lernliste.

Diktat 1 (ca. 225 Wörter):

Die Regelung zum Nachschreiben von Klausuren und Klassenarbeiten am allgemeinbildenden (auch allgemein bildenden) Keppler-Gymnasium ist mittlerweile völlig ungeeignet für zartbesaitete (auch: zart besaitete) Schülernaturen. Die Lehrkräfte wollen den Eltern und Schülern tatsächlich weismachen, dass der Termin an einem Freitagnachmittag geeignet wäre. Dabei müssen doch die allgemein verständlichen (auch: allgemeinverständlichen) Nachteile auch dem letzten klar sein. Wer kann sich denn nach einer langen Schulwoche nach einer viel zu kurzen Pause noch so lockermachen, dass er mit diesem Termin von seiner Konzentrationsfähigkeit her zurechtkommt? Allzu oft sahen sich gerade Schülerinnen und Schüler aus den jüngeren Klassen außerstande (auch: außer Stande), zu solch einem Zeitpunkt noch Wissen preiszugeben. Von vornherein ist klar, dass die Leistungen dadurch insgesamt sinken. Wurde schülerseitig bei einer anstehenden Arbeit auch einmal blaugemacht?
Natürlich liegt dieser Verdacht immer in der Luft, das darf man aus Lehrendensicht nicht wundernehmen. Es ist aufwändig, extra für ein Lerngruppenmitglied eine eigene Arbeit zu konzipieren, aber gerät die Schule nicht in Verdacht, es sich viel zu leicht zu machen (auch: leichtzumachen), wenn durch den unterstellten Generalverdacht auch diejenigen leiden, die wirklich an dem betreffenden Tag krank waren? Auch bei Lehrkräften gilt ein Vertrauensprinzip: Sie müssen sich bei Arbeitsunfähigkeit erst ab dem dritten Tag offiziell krankschreiben lassen.
Nichtsdestotrotz gehen die Fehlzeiten bei Klassenarbeiten und Klausuren nach Einführung der Regelung stetig zurück. Es wird den Schülerinnen und Schüler wohl nichts anderes übrig bleiben (auch: übrigbleiben), als sich mit der Regelung zu arrangieren.

Diktat 2 (ca. 225 Wörter):

Allzu oft sah er sich außerstande (auch: außer Stande) die Namen der neuen Lerngruppe kennenzulernen (auch: kennen zu lernen) und war so dem Spott der schönen Petra preisgegeben. Wann immer sie ihn bloßstellen konnte, tat sie es, was für ihn eine Angst machende Erfahrung war. Erst seit kurzem unterrichtete er in der Klasse, aber schon jetzt wollte er in jeder Stunde so schnell wie möglich mit dem Unterricht fertig sein. Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass Petra ihn sehr bald so richtig fertigmachen würde. Das Beisammensein mit der Lerngruppe wurde für ihn bald zu einer Furcht einflößenden (auch: furchteinflößenden) Pflicht.
Wie konnte ein einziges, unschuldig aussehendes Mädchen so viel Angst und Schrecken bei einem gestandenen Mann wie ihm verbreiten? Als Petra eines Tages krankheitsbedingt nicht am Unterricht teilnehmen konnte, sah er seine Chance gekommen: Geradeheraus gestand er der Lerngruppe, woran er litt. Diese nahm die Nachricht ungläubig auf. Petra war in der Klasse dafür bekannt, es neuen Lehrkräften nicht besonders leicht zu machen (auch: leichtzumachen), aber auch hoch geschätzt (auch: hochgeschätzt) für ihr soziales Engagement. Die Klasse konnte es dem verzweifelten Referendar nur nahelegen, sich auf ein direktes Gespräch mit Petra einzulassen. Dazu sah sich der junge Lehrer jedoch nicht in der Lage. Irgend so ein innerer Schweinehund hinderte ihn, das Problem direkt anzugehen. Unverrichteter Dinge verließ er auch an diesem Tag die Schule. Als er die Wohnung seiner Freundin betrat, blickte er kurz verstohlen in das Zimmer ihrer kranken Tochter.

Textüberarbeitung mit Etherpad

Ich habe heute einen Text im Deutschunterricht pseudonymisiert mit Etherpad überarbeiten lassen. Mein Landesinstitut bietet eine freie Installation für die Schulen Niedersachsen auf Servern des Landes an. Mit der Lerngruppe übe ich gerade den Interpretationsaufsatz, zu dem auch eine Inhaltsangabe gehört. Unsere Texte liegen bereits digital in Form eines Blogartikels vor.
Ein Endergebnis sah so aus (die Veröffentlichung des Originals ist aus rechtlichen Gründen nicht möglich):
Der  Schlosser Wallfried Känsterle begibt sich wie  jeden Tag nach seinem  Feierabend vor dem Fernseher, um den Gesprächen mit seiner Frau Rosa zu entkommen. Zunächst beschwert sich die Frau über die Faulheit ihres  Mannes, da er immer träge sei.
Nach  den Anschuldigungen von Rosa, dass er sich sogar weigert, seinen Kindern am  Nikolaustag eine Freude zu machen, gibt Wallfried ohne Widerworte nach,  sodass er sich als Nikolaus verkleidet, um seine Kinder zu beschenken. Dies verläuft jedoch anders als erwartet, da  Wallfried, kurz bevor er  seine Haustür erreicht, ausrutscht und mit einem dumpfen Geräusch fällt.  Nachdem die Tür geöffnet wird, tritt Rosa außer sich hervor. Die  Ungeschicklichkeit gibt Rosa einen weiteren Grund, um sich bei ihrem Mann zu beklagen. 
Sobald Wallfried seine Kontrolle verliert, verpasst er seiner Frau eine Ohrfeige, woraufhin er im Wohnzimmer verschwindet. Dort lässt er seiner Wut freien Lauf, indem  er Gegenstände des Hauses zerstört, die Rosa gern hat. Die Unruhe, die dadurch entsteht,  sorgt dafür, dass der Nachbar vorbeischaut und sich  dezent über ihn lustig macht.
Die Methodik:
  1. Markiert Worte fett, die ihr als umgangssprachlich einschätzt.
  2. Gestaltet als Gruppe den Text so um, dass umgangssprachliche Formulierungen vermieden werden.
  3. Markiert die Konjunktion „und“ fett, wenn sie als Gedankenverknüpfung eingesetzt wird.
  4. Kopiert den betreffenden Satz mit aus Aufgabe 3 unter den Text und notiert eine Alternative darunter.

Nach jeder Aufgabe haben wir eine kurze Besprechungsphase eingeschoben und ggf. begründet, warum eine Formulierung geeignet oder ungeeignet ist.

Ich habe jetzt Teams aus drei Lerngruppenmitgliedern gebildet. Bisher bekamen diese Teams die Aufgabe, Texte anderer Lerngruppenmitglieder (die eines anderen Teams) in einem Blog zu kommentieren. In der zweiten Aufbaustufe sollen die Teams die fremden Texte in einem Etherpad überarbeiten und dann die überarbeitete Fassung als Kommentar veröffentlichen. Der jeweilige Autor reflektiert dann die Unterschiede zur Originalfassung.

Meine Aufgabenformulierung (fett, unter den Text kopieren, Fassungen auswählen etc.) sind dabei nur Vorschläge, wie man vorgehen kann. Es versteht sich von selbst, dass eine derartige Aufgabe ohne vorherige Klärung der Kriterien, die dabei anzuwenden sind, nicht sinnvoll zu lösen ist.

Zudem sollten die Texte bereits in digitaler Form z.B. in einem Blogsystem vorliegen. Sehr abgespeckt könnte man auch einen zu überarbeitenden Text schon vorher in die Pads der einzelnen Teams legen.

Bei OER besteht die Gefahr einer tendenziösen Darstellung von Fakten

Ich war seit langer, langer Zeit einmal wieder auf einer fachbezogenen Fortbildung. Ich gehe i.d.R. ungern zu solchen Veranstaltungen, weil sie meist inhaltlich wenig bieten und methodisch vorhersehbar strukturiert sind. Diesmal war es ein wenig anders, was vor allen Dingen Herrn Prof. Schneider vom Erich Maria Remarque Friedenszentrum zu verdanken war. An diesem Institut beschäftigt man sich seit Jahren u.a. mit der Kriegsliteratur Anfang des 20. Jahrhunderts. Auf die dort gewonnenen Erkenntnisse stützt sich die von mir zur Vorbereitung des Unterrichts verwendete Begleitlektüre „Oldenbourg Interpretationen, Bd.90, Im Westen nichts Neues“, die nur noch antiquarisch zu horrenden Preisen verfügbar ist – warum eigentlich?

Ich bin einigermaßen verzweifelt. Für das Zentralabitur Deutsch 2016 in Niedersachsen ist „Im Westen nichts Neues“ (Erich Maria Remarque) als verbindliche Lektüre vorgesehen. So sehr dieser „Roman“ als Antikriegsliteratur weltweit Aufmerksamkeit und damit immense rezeptionsgeschichtliche Bedeutung erfahren hat, so wenig gibt der Text in meinen Augen speziell für das Fach Deutsch her. Strukturell ist es ein Bericht, wenngleich vollkommen fiktional. Remarque hat wohl nur sehr wenige Begebenheiten selbst erlebt.

Der Text steht natürlich für sich als Mahnmal gegen bewaffnete Auseinandersetzungen, kann in dieser inhaltlichen Verortung aber m.E. nicht sinnvoll durch nur ein Fach behandelt werden, sondern erschließt sich hinreichend wohl nur in enger Zusammenarbeit mit den Fächern Geschichte und Politik. Wesentliche Kompetenzbereich des Deutschunterricht lassen sich mit anderen Werken besser abdecken.

Man findet in der didaktischen Literatur den sinngemäßen Einstieg:

Offene Begeisterung dagegen herrschte vor allem in den großstädtischen Zentren, wo die Kriegserklärungen und erste Siegesmeldungen bejubelt wurden. Ihr Träger war allem Anschein nach insbesondere das Bürgertum: Studenten und Oberschüler meldeten sich in Massen freiwillig, insbesondere viele Bildungsbürger schrieben begeisterte Gedichte und Aufrufe.

http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/ersterweltkrieg/155302/ausloesung-und-beginn-des-krieges

Meist wird das durch einen geeigneten Bildimpuls begleitet. Die Logik:

Die Deutschen waren vom Krieg begeistert und naiv hinsichtlich seiner Folgen für das Individuum. Remarque setzt bewusst ein Denkmal gegen diese Haltung.

Hört sich erstmal gut an. Stimmt aber wohl so nicht. Ich gebe sinngemäß einige Statements aus der Fortbildung wieder.

  1. Die Euphorie war wohl auf Teile des Bürgertums begrenzt. Die ländlichen Bevölkerung fand das mit dem Kriegausbruch wohl bedingt witzig.
  2. Gymnasiasten meldeten sich wohl auch zum Kriegsdienst, weil mit dem „Notabitur“ eine verkürzte Schulzeit möglich wurde.
  3. Die Bilder, die das öffentliche Bild von der Euphorie prägten, sind Teil einer Inszenierung, um Akzeptanz für den Kriegseintritt als breiten Konsens in der Bevölkerung darzustellen.
  4. Bildmaterial zum ersten Weltkrieg war fast grundsätzlich inszeniert. Die damaligen Filmkameras hätten wohl aus den Schützengräben hinausgeguckt und dem Kameramann einen Kopfschuss beschert. Also nahm man sich wohl eher ein paar Soldaten und spielte hinter der Front den Krieg einfach nach – die Veröffentlichung von Fotos aus dem ersten Weltkrieg war weitgehend durch das Reichsarchiv kontrolliert, indem militärische Führungseliten das Zepter führten.
  5. […]

Überprüft mal bitte, inwieweit dieser Forschungsstand in aktuellen Schulbüchern Berücksichtigung findet, also in Qualitätsmedien. Wenn Herr Prof. Schneider Recht hat, ist mein Bild von der Wirklichkeit des ersten Weltkrieges doch ein wenig verzerrt.

Tendenziöse Darstellungen sind für mich keine Frage von freien oder kommerziellen Publikationsformen, sondern eine der Methodik und den Rahmenbedingungen der Erstellung. Die Rahmenbedingungen im kommerziellen Sektor scheinen nicht unbedingt besser zu werden.

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